„Die Gewalt lebt davon, dass sie von Anständigen nicht für möglich gehalten wird“ – Jean Paul Sartre. Gespräche mit ACR (Teil 3)

Aus dem Blogpost „Ein Herz für Kinder!? Oder: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch…“, entwickelte sich ein sehr persönlicher Austausch mit Angela Charlotte Reichel. Gemeinsam haben wir entschieden, unsere Gespräche hier in Fortsetzungen öffentlich zu machen. Ich unterhalte mich mit Charlotte über ihre Erfahrungen als schwer misshandeltes Kind und Jugendliche, über die Folgen und wie wichtig es ist, dass Anständige erfahren, dass es so etwas doch gibt …

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Teil 3: „Charlotte, magst du mir von deinen Eltern erzählen?“

Charlotte, was weißt du über die Entwicklung deines Vaters?

Mein Vater, 1916 oder 1917 geboren, ist Berliner. Er kommt aus einem Beamtenhaushalt. Liebevoller Vater, sehr dominante Mutter. Mein Vater hat zwei Brüder. Im Grunde ein durchaus übliches Bild. Mutters abendliches Lamento über die ungehorsamen Jungs, sorgt ab und an dafür, dass die Drei antreten müssen. Vater fragt: „Wer war das?“ Alle drei treten vor. Der Gürtel des Vaters tut manchmal wirklich weh. Und manchmal zeigt sich der „alte Herr“ milde (die Burschen sollten ja nur ordentlich jammern) und lässt den Gürtel aufs Sofa knallen. Hernach dürfen sie in seiner Joppe aus jeweils einer Tasche eine Überraschung ziehen. (Die gab es täglich, das wurde Hasenbrot genannt.) „Weil wir uns nie gegenseitig in die Pfanne gehauen haben“, erinnere ich mich an die Begründung meines Vaters, wenn er solche Geschichten erzählt hat.

Er hat geheiratet. Dann kam der Krieg. Mein Vater zieht gen Osten, landet in Stalingrad, berittene Truppe, Pioniere. Sehr schwer verwundet, gehört er zu den Letzten, die noch ausgeflogen werden. Aufgrund einer Notlandung kommt er in Gefangenschaft. Lazarett der Russen. Seine Rettung ist ärztliche Kunst für diese Zeit. Ich glaube, er kam 1949 zurück. Geschult für die Zukunft. Genosse.

Als überzeugter Kommunist und mit dem Parteibuch der SED in der Hand?

Ja.

Wurde bei euch zu Hause über den Krieg, Stalingrad und die Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft gesprochen?

Ja, damit bin ich groß geworden. Das waren zwischen meinen Eltern Themen. Die Erlebnisse ihrer Kindheit und Jugend, die Bombenangriffe, Straßenkämpfe, dann die „Befreiung“, mein Vater an der Ostfront. Stalingrad war wie ein Passwort bei uns. Fiel dieses Wort war sogar meine Mutter plötzlich still. Und mein Vater erzählte. Ausgerechnet dann ist Frieden in meine Welt eingekehrt. Ist das nicht unglaublich? Da erzählt mein Papa vom Krieg und der Tag bekam dadurch für mich eine friedliche Note …

Die Kinder im Krieg hätten Tage und Nächte in Todesangst in Kellern sitzen müssen oder wären ins KZ gekommen. So etwas erzählte mir meine Mutter, wenn sie mir vorhielt, wie gut es mir im Vergleich zu ihr ginge.

Wie ging es mit deinem Vater und seiner ersten Ehefrau nach dessen Rückkehr aus russischer Gefangenschaft weiter?

Charlotte 1955 © ACR

Charlotte 1955 © ACR

Seine Ehefrau war ihm fremd geworden, sein Sohn unbekannt, aber wie aus dem Gesicht geschnitten. Sie arbeiten an ihrer Ehe. Sein Betrieb wird von Berlin nach Sachsen verlegt. (Werkzeugmacher, später Meister. Eine Persönlichkeit. Er ist beliebt bis zu seinem Tod und darüber hinaus.) Er geht mit. Seine Frau löst in Berlin alles auf, zieht mit Sohn nach. So landet die kleine Familie in einem sächsisches Beamtenstädtchen, Bombenschäden, kaum Männer, aber viele Frauen ohne Männer. Mein Vater ist ein schöner Mann.

Und hier kommt meine Mutter ins Spiel. Ein schöner Mann, mit – inzwischen öffentlich bekannt geworden – angeknackster Ehe. Da wollte nicht nur meine Mutter sehen, was möglich ist.

Sie hat ihn sich geangelt?

Ja, sie hatte nichts und wollte wenigstens eine eigene Familie. In der kleinen Stadt sind fast keine Männer und die, die da sind, sehen so aus wie das letzte Aufgebot des Krieges eben aussehen kann. Da entdeckt sie meinen Vater. Sie konnte besser kochen als die anderen und war schlauer, nämlich bald von ihm schwanger. Das war ein Triumph für sie. Scheidung, Heirat, meine Geburt – relativ kurzfristig hintereinander. Na und als sie ihn hatte, war sie die Siegerin und ich der Beweis dafür, dass sie sich einen geangelt hat, der potent ist. Keinen Kriegsversehrten!

Es sollen sie eine Menge Frauen dafür gehasst haben. „Geh‘ doch zu den andern Ziegen, die gedacht haben, sie schnappen dich mir weg!“, schreit sie später oft meinen Vater an. So erinnerte sie sich und ihn an ihre Siegesstunde.

Erzähle mir ein wenig über deine Mutter …

Meine Mutter, 14 Jahre jünger als mein Vater, ist in Leipzig geboren. Stiefvater, ich hörte das Wort unehelich nur ein einziges Mal in dem Zusammenhang. Ihre Mutter ist ohne Liebe, sehr dominant, viele Prügel. Ihre Mutter wirft ihr oft vor, mit Prügel und trocken Brot großgezogen worden zu sein und sie bekomme sogar Milch.

„Du hast es besser als ich“, das hat dir deine Mutter ebenfalls immer wieder vorgehalten …

Ja. Der Krieg machte jedenfalls alle ihre Träume kaputt. Meine Mutter ist wirklich hochtalentiert gewesen, wahrscheinlich hochbegabt, unglaublich eloquent, sie konnte glasklare Gedankenstränge bilden, rhetorisch kreuzgeschickt, Fremdsprachen muss sie nicht lernen, sie hört und kann sie, so wie manch‘ Wunderkind Klavierspielen lernt. Sie erfasst mit den Augen, begreift durch anfassen, kann irgendwie alles, ist Autodidaktin. Sie ist schön, lebhaft, klug.

Eine Kindheit im Krieg; und zwar sowohl innen, innerhalb der Familie,  und außerhalb in Leipzig …

Sie überleben zweimal Bombenangriffe auf Leipzig und verlieren jedes Mal alles. Beim zweiten Mal findet sie ihre Puppe in den Trümmern, die ihre Mutter ein paar Tage später für den Tabak des Stiefvaters eintauscht. Verlust scheint sie zu prägen. Immer wieder erzählte sie mir solche Schlüsselerlebnisse, wenn sie mir später mein gutes Kinderleben vorwarf…

Wie kam die Familie deiner Mutter in jenes sächsische Beamtenstädtchen, in das dein Vater später versetzt wurde?

Flucht vor den Bomben, weg aus Leipzig; jenes kleine Städtchen war das zugewiesene Ziel. Inzwischen muss sie die sehr kranke Mutter pflegen, ernähren. Und dazu den Stiefvater, der mehr raucht als es Tabak gibt, und erst viele Jahre später wieder arbeitet. So hat sie keine Seidenstrümpfe, riecht aber den Tabak.

Genau in den Jahren jedenfalls, die das Fundament für das berufliche Leben bilden, gab es für meine Mutter nichts, was sie mutig hätte in die Zukunft tragen können: Kein Studium, keine Kunst, nichts mit Sprachen, kaum Bücher, sondern ungelernt in die Stanzerei. Bleche stanzen. Später in einem anderen Betrieb anderes. Immer ungelernt.

Was weißt du über ihren Stiefvater, deinen Opa?

Ich weiss nicht mehr, warum er nicht an der Front gewesen ist. Meine Mutter hat ihm immer Feigheit vorgeworfen. Ich erinnere mich an meinen Großvater nur als Gehbehinderten und weiß, er hatte starkes Rheuma. Ihm ist in den 60er Jahren sogar ein Knie versteift worden, deshalb. Nach der Flucht ist er daheim geblieben, bis die Registrierung erfolgt ist, dass er arbeiten muss. Dann war er als Betriebsschutz, heute würde man Pförtner sagen, in dem Betrieb, in dem auch meine Eltern gearbeitet haben.

Wie hast du deinen Opa erlebt?

Ich habe ihn lebhaft in Erinnerung, auch die Mutter meiner Mutter noch sehr gut. Ich erinnere mich an meine Vorschulzeit: Die Beziehung zwischen meinem Opa und meiner Mutter war auffällig von Wut, Zorn und Hass geprägt. Ich habe nur hasserfüllte Seitenhiebe, keine Gespräche zwischen meiner Mutter und ihm gehört. Meist saß er dann einfach nur still da oder lachte mit schräg verzogenem Gesicht und verließ das Zimmer. Nur einmal, in einem Wutanfall schrie meine Mutter plötzlich verzweifelt etwas von ‚Dieses Schwein hat mich angedatscht‘. Schlägt wild auf mich ein und ich wusste in dem Moment, sie schlägt eigentlich meinen Opa …

Hier haben wir diesen „Kreislauf der Gewalt“, der sich über Generationen fortsetzen kann, so man nicht die Kraft aufbringt, den Teufelskreis zu durchbrechen. – Deine Mutter gab ihre Erfahrungen an dich weiter; anders: sie ließ sie an dir aus …

Ja, so kann man das sehen.

Was ist mit ihrer Mutter, deiner Oma?

Meine Oma? Ich kenne sie nur als schwerkranke Frau. Sie lachte nie. Ihre Stimme war hart, unbewegt. Sie drohte oft mit Schlägen, war allerdings zu unbeholfen für die Praxis, sie saß meist. Jede Bewegung oftmals unter enormer Atemnot. Sie musste häufig ins Krankenhaus. Gesine, ich weiss nicht, wie ich es erklären soll. Ich war in den letzten beiden Jahren ihres Lebens tagsüber die Aufsicht meiner Oma. Meine Mutter gab mich dort ab und ich blieb den ganzen Tag bei meiner Oma. Es gab Dinge, die ich zu erledigen hatte. Klappte das nicht mit meinen kleinen Kinderhänden, schlug sie mit der Fliegenklatsche nach mir. Ging es ihr schlechter, (ich wusste, worauf ich diesbezüglich zu achten hatte), musste ich zum Betrieb laufen, meinem Opa, der am Tor Aufsicht hatte, Bescheid sagen. Der rief meine Mutter raus und die hetzte mit mir zu meiner Oma zurück. Lag meine Oma dann einmal wieder im Krankenhaus, konnte ich in den Kindergarten gehen.

Auch von deiner Oma kam für dich keine Zuwendung …

Aber ja doch. Meine Großmutter liebte mich, das fühlte ich. Manchmal streichelte sie mich. Das war sehr viel Liebe für ihre Verhältnisse. Kinder schlagen ist für sie auch Liebe gewesen. In ihrer Gedankenwelt bedeutete das Aufmerksamkeit und Verantwortung. Meine Oma ist gestorben als ich in die erste Klasse ging. Ich erinnere mich an den Tag.

Weißt du etwas über die Ehe deiner Großeltern?

Die Ehe meiner Großeltern? Meine Oma sprach meinen Opa nur mit dem Familienname an. Harte Stimme und nie mit Du – sie rief einfach immer den Familiennamen. Mein Großvater trank immer mehr. War später straffer Alkoholiker. Das war seine Schmach, er wurde missachtet von allen. Immerhin gab es viel Unwissen, niemand wusste, es ist eine Krankheit. Es war mindestens Antipathie, wahrscheinlich sogar Abscheu zwischen den beiden. Irgendwann setzte meine Mutter durch, dass er in ein Pflegeheim kam. Er starb als ich 17 oder 18 war. Ich hatte bis zuletzt zu ihm als Einzige Kontakt. Ich weiss, er fühlte sich schuldig und hatte Angst vor dem Gottesgericht.

Unter einem guten Stern stand die Ehe deiner Eltern wahrlich nicht …

Die Ehe steuerte meine Mutter. Mein Vater ist still, leidet unter Kriegsfolgen. Ich erinnere mich an seine Todesangst, zu verhungern, habe heftige Anfälle erlebt. Außerdem hatte seine schwere Kriegsverwundung Spätfolgen. Granatsplitter, die gefährlich auf die Wirbelsäule zuwanderten. Meine Mutter zerstört den Kontakt zu seinem Sohn. Ich erfahre zufällig mit 7 oder 8 Jahren auf dem Schulweg, dass ich einen Halbbruder habe. Mir wird jegliche Verbindung verboten. Nach 10 Jahren soll ein weiteres Kind die Ehe haltbar machen. Meine Mutter will das so. Ich höre ihre laute fordernde Stimme durch die Wand. Meine Schwester wird geboren. Meine Mutter hat mir das Baby übergeben. Außer Stillen und fein ausfahren, musste ich alles machen, sobald ich daheim war. Sie behauptete, ich hätte mir eine Schwester gewünscht. Ich habe viele Nächte Stubenwagen hin und hergefahren. Himmel, die Kleine hat aber auch keine Nacht durchgeschlafen!

Charlotte, lass uns hier pausieren. – Womöglich vertiefen wir die Situation in deinem Elternhaus in einem unserer nächsten Gespräche noch ein wenig?

Gerne Gesine

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Eine Anmerkung: Die „Gespräche mit ACR“ haben einen eigenen Ort gefunden. Zukünfig setzen wir unseren Austausch lediglich dort fort

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„Die Gewalt lebt davon, dass sie von Anständigen nicht für möglich gehalten wird“ – Jean-Paul Sartre. Gespräche mit ACR (Teil 2)

Aus dem Blogpost „Ein Herz für Kinder!? Oder: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch…“, entwickelte sich ein sehr persönlicher Austausch mit Angela Charlotte Reichel. Gemeinsam haben wir entschieden, unsere Gespräche hier in Fortsetzungen öffentlich zu machen. Ich unterhalte mich mit Charlotte über ihre Erfahrungen als schwer misshandeltes Kind und Jugendliche, über die Folgen und wie wichtig es ist, dass Anständige erfahren, dass es so etwas doch gibt …

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Teil 2:  „Halt durch, du bist bald groß.“

 Sehnsucht ist wie Sonnenschein, / ich will es nicht bestreiten. / Woher nehm‘ in tiefer Nacht ich Sonne?“ heißt es in deinem Gedicht „schlaflos“. Wo kam Sonne in deiner Kindheit her?

Im Grunde hatte ich schon als kleines Kind mit mir so etwas wie einen Geheimbund geschlossen. Ich hatte früh erkannt, verlassen kann ich mich nur auf mich; und ich muss jeden Tag neu überleben. Nachts bin ich relativ sicher, weil meine Mutter auch mal schlafen muss. Aus meiner heutigen, erwachsenen Sicht, weiß ich, es hat für mich drei feste Haltepunkte gegeben, mit deren Hilfe ich über meine Jahresberge gekrochen bin.

Magst du über deine Stützpunkte sprechen?

Erstens, ich hatte das Glück, meine „eigene Sonne“ in mir zu haben, ein nicht zu beschreibendes Vertrauen zu mir selbst. Das ist (für mich) etwas vollkommen anderes als das, was gemeinhin mit Selbstvertrauen bezeichnet wird. Ich denke, ich bin wahrlich ein innerliches Sonnenkind (gewesen). Zum Beispiel habe ich mir, besonders nach ganz schlimmen Erlebnissen, nachts selbst Freude geschenkt. Ich habe mich gelobt, was ich alles aushalten kann. („Na siehste, das letzte Mal hast du noch gedacht, daran stirbst du und dieses Mal war es schon nicht mehr sooo schlimm.“) Ich konnte das, indem ich einfach nur dagelegen und auf meine Atemzüge gehört habe und jeder Atemzug ist ein Wort gewesen. Unausgesprochen zwar, aber es war, als würde auch mal jemand etwas Liebes zu mir sagen. Und wenn es auch nur meine innere Stimme gewesen ist. Das Allerallerschönste ist gewesen, wenn ich irgendwas zum Naschen hatte. Nachts unter der Bettdecke heimlich lesen und etwas essen, war für mich die Schwelle zum Himmelreich.

Zweitens habe ich mir immer wieder vorgenommen, ein besseres Mädchen zu werden. Ein Kind glaubt das, wenn die Mutter immer sagt, wie böse, schlecht, missraten es ist. Braver, artiger, lieblicher wollte ich werden. Die allmächtige Forderung: Änderst du dich endlich! Wirst du dich wohl endlich bald bessern! Das große Versprechen: Ja, ich werde mich ändern. Ja, ich werde mich bessern. Darin steckt alles, vor allem die schleichende Zerstörung jedweder kindlichen Vertrauensbasis. Zu sich selbst, zu anderen, nichts ist mehr fass- und erfassbar.

Nicht allein das Vertrauen geht verloren, auch die Persönlichkeit und Identität des Kindes wird dadurch zerstört …

Also. Alles von meiner Mutter Angemahnte wollte ich werden, ohne genau zu wissen, was das sein soll und mich so lange ändern, bis sie mich lieben kann. Das ist im Grunde eine Lebensaufgabe gewesen. Ein Kind ist zu weitgehender zeitlicher Abstraktion gar nicht fähig. Mit 6 Jahren hatte ich schon eine richtig lange Geschichte. Mir vorzustellen, alles gehe noch mal so lange weiter, ist ein Graus gewesen. Dann aber meine Mutter zu sehen, die viel älter war als ich, und mir klar zu machen, vielleicht hört es erst auf, wenn ich so „groß“ bin wie sie? Unvorstellbar! Wirklich unvorstellbar für ein kleines Kind.

Was hast du unternommen, damit dich deine Mutter lieb haben kann?

Weißt Du, Gesine, ganz oft habe ich wirklich mein kleines Kinderhirn zermartert, um endlich dahinterzukommen, was ich denn genau machen muss, um mich zu ändern, zu bessern. Meine allerersten Änderungsversuche liegen in der frühsten Kindheit, ich denke, ich war 5, auf jeden Fall noch kein Schulkind. Ich hatte mir vorgenommen, so lange die Luft anzuhalten, bis ich tot bin, um schön still und lieblich zu werden. Es ist eine meiner frühesten Enttäuschungen über mich selbst daraus geworden – also ich war so frustriert, so unglaublich enttäuscht von mir selbst, weil ich es eben nicht geschafft habe, nicht mehr zu atmen. Einfach keine Luft mehr holen, selbst dazu bin ich zu dumm gewesen.

Atem holen, das konntest du zumindest bei deinem Vater …

Charlotte 1955 © ACR

Charlotte 1955 © ACR

Ja, er ist mein dritter Haltepunkt gewesen. In ihm hatte ich so etwas wie einen Schatz, einen Kraftspender, Mutmacher. Wie reiner Sauerstoff. Ich bin süchtig danach geworden und gleichzeitig hat es mich wohl hauptsächlich in die Lage versetzt, durchzuhalten. Mein Hoffnungsträger, mein Papa schlich sich manchmal nachts heimlich zu mir, hat seine Hand auf meine Wange oder meine Stirn gelegt und geflüstert: „Halt durch, du bist bald groß.“ Dann ist er leise wieder fortgeschlichen. Auf diesen Trost habe ich jede Nacht gewartet. Sobald ich seine Schritte gehört habe, ist es mir schon besser gegangen. „Mein Papi liebt mich“, lautete die Botschaft. Ich habe nur selten gezeigt, dass ich es höre und meist so getan als wenn ich schliefe. Ich wollte ihn in seiner Hilflosigkeit nicht beschämen. Vielleicht habe ich auch gefühlt, sobald ich mehr ersehne als eben diesen nächtlichen Hoffnungsstern, wird er ihn mir nicht mehr geben können. Viel später erst, mit Mitte 40, habe ich mir endlich eingestehen  m ü s s e n , er hat mich damit weder beschützt noch befreit.

Hast du eine Erklärung dafür finden können, warum dich dein Vater damals nicht besser beschützt oder gar befreit hat?

Kurz und direkt, ohne mir etwas vorzumachen, muss ich sagen: Er war zu feige. (Mir dieses einzugestehen und es laut auszusprechen, nur für mich, hat Jahre gedauert und gekostet.) Er ist gewissermaßen nicht bereit gewesen, sich zu opfern, um mich zu retten. Konfliktunfähigkeit würde ihm heute wohl jeder Spezialist bescheinigen. Inzwischen gibt es für so etwas richtige Diagnosen und Therapien. Aber damals? Was wusste man denn schon, außer dass er überlebt hat. Den Krieg, Stalingrad. Ich kann ja noch von Glück sprechen, dass mein Vater das nicht auch in Gewalttätigkeit verarbeiten musste. Trotzdem, trotzdem, trotzdem denke ich heute, ein Vater, und sei er noch so verletzlich, kann auch sein Kind schnappen und in Sicherheit bringen. Und wenn er mit ihm zur Polizei geht, egal, Hauptsache weg von der Zwangslage. Schweigendes Wissen ist eine Sauerei und macht schuldig. Es ist egal, ob Mutter oder Vater: Wissendes Schweigen kommt Schuld gleich.

Bekam dein Vater die Gewalttätigkeiten deiner Mutter ebenfalls ab?

Ja, ihre Gewalt ist auch gegen ihn gegangen. Manchmal hat sie nach ihm gehauen. Er ist ausgewichen, jedenfalls wenn ich es gesehen habe. Ich fühlte, er hat Mitleid mit ihr. Mein Vater wollte sich nicht wehren. Er hat hingenommen. Ihre Gewalt ist ihm gegenüber sowieso vor allem psychisch ausgeprägt gewesen. Diese Frau war ein Phänomen. Sie konnte von Samstagmittag nach Feierabend bis Montag früh 6:00 Uhr ununterbrochen toben, meckern, lamentieren, schreien. Sie muss unbeschreiblich voll von Verzweiflung und Hass gewesen sein. Ich wundere mich, dass sie nicht regelrecht auseinandergeborsten ist. Ist sie eingeschlafen, hat sie nach dem Aufwachen an genau der Stelle, an der sie aufgehört hatte, wieder begonnen. Kam ein Sonntagsspaziergang dazwischen, dann vollendete sie den letzten Satz von vor zwei Stunden unmittelbar nach unserer Rückkehr … und machte weiter. Ich habe das als Kind beobachtet. Sie hatte ein enormes Gedächtnis. Und ihre Stimme, durchdringend, harsch, böse, oft auch verzweifelt, wirklich herzzerreißend unglücklich. Ich denke, sie konnte über zwei Oktaven ihre Armseligkeit, ihre Wut, ihre Bedürftigkeit, ihre Zerrissenheit hinaus schreien. Mein Vater hat in diesen Augenblicken genauso gelitten wie ich. Es ging ungefähr genausooft gegen ihn wie gegen mich. Das hat uns irgendwie zusammengeschweißt. Wir saßen sozusagen gemeinsam in einem Boot und meine Mutter war der Steuermann. Sie bestimmte: Gute Zeit oder schlechte Zeit. Das Schlimme daran, es ist ihr selbst zu allen Zeiten sicherlich trotzdem nicht ein einziges Mail wirklich gut gegangen.

Deine Mutter scheint eine tickende Zeitbombe gewesen zu sein. – So du magst, sollten wir demnächst auch über deine Eltern, ihre Herkunft und Sozialisation, ihre Erlebnisse reden …

Ja machen wir. Weißt Du, meine Mutter hat in unregelmäßigen, aber immer kürzer werdenden Abständen – ich erinnere mich an Abschnitte von zwischen zwei Wochen und zwei Tagen –Unüberwindlichkeiten in sich gespeichert. Bildhaft vergleichbar mit einem riesigen Ballon, der bis kurz vorm Bersten, mit Druck aufgeblasen wird. Heute denke ich, wenn sie zwischendurch nicht geschlafen hätte, wäre sie geplatzt. So aber hat sie sich selbst auch dadurch entlastet, indem sie „es“ im Schlaf etwas abließ. Wir kennen das, „eine Nacht drüber schlafen“ in andere Zusammenhängen ja auch. Allerdings wird dieser Ballon immer und immer grösser und praller. Und dann kommt der Moment, da es außer Platzen nur noch einen Weg gibt, nämlich den Pfropfen ziehen. Und dann? Pfffffff !!! Der Ballon scherbelt alles um, rauscht planlos und unlenkbar durch die Gegend. Da ist nichts mehr von dem übrig: Ich habe mir dieses Kind so sehr gewünscht und wollte immer eine gute Mutter sein.

Sie hat die Kontrolle verloren?

Ich weiß nicht, ob ich manchmal einfach nur Glück hatte oder sie dann und wann mehr Kontrolle über ihr Ventil hatte. Mitunter, vollkommen überraschend, schoss sie mir eine, sagte beiläufig, dies sei für „letztens“ gewesen und wand sich unvermittelt dem wieder zu, was sie vorher gemacht hatte. Bis ich mich aufgerappelt hatte, füllte sich bei ihr der Ballon schon wieder. Ist der Ballon erst einmal geplatzt, bin ich eindeutig in Lebensgefahr gewesen. Ich denke, das hat sie auch gewusst, nicht selten hat sie mich dann in den Keller gesperrt und erst rausgelassen kurz bevor mein Vater heimkam. Redeverbot! Ist klar! Frag nicht, wieso er nicht gesehen hat, was mit mir geschehen sein musste. Dafür hatte er seinen Satz: „Halt durch, Du bist bald groß.“

Und früh morgens gingen sie dann zusammen zur Arbeit – mich in der Mitte an ihrer Hand. Ich wurde zum Kindergarten gebracht, als wären wir eine heile, glückliche Familie …

Innen Krieg, aber nach Außen stellen deine Eltern ein idyllisches Familienbild zur Schau?

Ich glaube, sämtliche Werte sind in dieser Nachkriegszeit komplett durcheinander gewesen. Waisen, Witwen, Witwer, Heimkehrer, Versehrte, ich erinnere mich an ganz viele Beinamputierte in unserem Städtchen, und die vielen Vermissten und Verschollenen, nach denen gesucht wurde … Im Vergleich dazu waren wir eine hübsch anzusehende Familie. Und noch dazu komplett! Vater, Mutter, Kind. Alles da. Kein Bein fehlt, kein Arm. Ab meinem 10. Lebensjahr sogar eine Familie mit zwei Kinder. Verstehst Du, das war als hätte man den Krieg wenigstens ein bissel gewonnen …

Jedenfalls erinnere ich mich deutlich: Umgaben uns fremde Leute, dann musste ein hübsch ordentliches Bild gewahrt werden. Die heile Welt, die es in Wirklichkeit nicht gab. Hinzu kommt, dass die Kinder damals, glaube ich, auch so etwas wie Aushängeschilder gewesen sind: „Schau, wie gut es uns geht“. Ende der 50er Jahre in der DDR. Sogar in unserem kleinen sächsischen Beamtenstädtchen noch Ruinen. Und ich? Ich hatte sogar schon einen Petticoat.

Das Kind als Trophäe: Wir haben überlebt! Und zugleich als ein Symbol für eine andere, bessere Zeit …

Ja, das meine ich. Kleine Kinder fungierten wie Schau-, Schmuckstücke. Immerhin sind sie ein Wahrzeichen für Liebe und Fruchtbarkeit. Nach dem Kriegselend, mit dem Durcheinander in den Köpfen der Menschen, hatten Kinder einen sozialen Wert, der nicht nur etwas mit Aufbau und Altersversorgung zu tun hatte. Sie stellten ein Teil der heilen Welt in der Welt dar, die endlich wieder heile werden sollte nach all‘ den Schrecken. Ich weiß nicht, ob mir die Worte reichen, das überhaupt bildhaft darzustellen? Die Nachkriegszeit ohne uns 50er Kinder? Stelle dir die Trostlosigkeit und Armseligkeit der damaligen Zeit vor. Niedliche, kleine Kinder brachten da etwas Glanz herein. Vielleicht sind gerade wir Kinder, um derentwillen es wieder weiter und aufwärtsgehen sollte, auch ein Alibi dafür gewesen, dass man sich nicht mit der Vergangenheit beschäftigt hat.

Dazu fällt mir Ernst Toller „hoppla, wie leben!“ ein …

Das war genauso. „Hauptsache wir leben noch und haben was zu essen.“ Es gab keinen Erwachsenen, den ich das damals nicht auf die eine oder andere Art habe sagen, seufzen oder beten hören. Ein Sonntagspaziergang, auswärts essen, Radio hören oder – ganz wichtig – Einkaufen gehen, dann war die Welt schön, heil und friedlich. Das war auch mein Maßstab. Insbesondere IN den Geschäften fühlte ich mich absolut sicher, praktisch unzerstörbares Friedensgebiet. Ich habe immer etwas bekommen, eine Scheibe Wurst oder eine Wiener– gleich in die Hand fürs hübsche Kindchen. (Da gibt es heute eine Werbung mit einem Sportler beim Metzger. Also wirklich, ich bekomme jedes Mal Gänsehaut und freue mich riesig, weil es bei mir so viel gute Erinnerung weckt.) Ich habe Eis bekommen, diese Kugeln auf einer spitzen Waffeltüte. Blumen und Schleifchen fürs Haar. Meine Mutter war unglaublich geschickt und hatte auch bei Handarbeiten ausgefallene Ideen. Und mein Kinderverstand hat mir vorgegaukelt, mein Leben wird immer so schön und friedlich sein, wenn ich mich endlich so geändert habe wie mir meine Mutter das einbläut.

Charlotte, lass‘ uns nächste Woche weitermachen. Vielleicht reden wir dann über deine Eltern?

Das machen wir so.

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Zum meinem Gespräch mit Charlotte am 21. Februar 2013 geht es hier

„Die Gewalt lebt davon, dass sie von Anständigen nicht für möglich gehalten wird“ – Jean-Paul Sartre. Gespräche mit ACR (Teil 1)

Aus dem Blogpost „Ein Herz für Kinder!? Oder: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch…“, entwickelte sich ein sehr persönlicher Austausch mit Angela Charlotte Reichel. Gemeinsam haben wir entschieden, unsere Gespräche hier in Fortsetzungen öffentlich zu machen. Ich unterhalte mich mit Charlotte über ihre Erfahrungen als schwer misshandeltes Kind und Jugendliche, über die Folgen und wie wichtig es ist, dass Anständige erfahren, dass es so etwas doch gibt …

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Teil 1: „Ich habe nicht überlebt, um mir hernach selbst das Leben zu versauen“

Der Blogpost „Ein Herz für Kinder!? Oder: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch …“ hat dich berührt. Magst du uns sagen, warum?

das Taufkind 1953 © ACR

das Taufkind 1953 © ACR

Kinder, und was Erwachsene ihnen geben und nehmen, und wie Kinder miteinander umgehen (lernen), ist für mich wie das Leben unter einem Mikroskop betrachten. Wann auch immer mir solch‘ ein Thema begegnet, muss ich die ganz bewusste Entscheidung treffen, wie ich an dem Tag zu der Stunde damit umgehe. Will ich meinen Tag behalten wie er ist, oder gehe ich das Risiko ein, mich in meine Vergangenheit zurücktrümmern zu lassen!?

Es macht mich jedes Mal aufs Neue fassungslos (im Sinne des Wortes – ich verliere die Fassung), wie lange Kindheit wirkt; immerhin bin ich vor ein paar Tagen 60 geworden. Und gerade auch durch diesen Blogpost ist mir klar geworden, ich werde bis zum letzten Atemzug meines Lebens die Last eines psychisch und physisch misshandelnden Kindes in mir tragen.

Das heißt, du bist dir deiner leidvollen Erfahrungen in der Kindheit sehr bewusst. Gab es auch Phasen der Verdrängung?

Nein. Ich konnte Erlebtes nicht verdrängen. Ich wollte das auch gar nicht. Meine Angst, so zu werden wie meine Mutter, ist sehr groß gewesen. Ich habe sogar bis Mitte 40, sie war längst tot, beinahe täglich mit ihr ein stummes Zwiegespräch geführt und ihr immer wieder das gesagt, was ich als Kind und Jugendliche nicht sagen durfte und konnte. Es ist eine große Befreiung gewesen, mit diesen innerlichen Gesprächen aufhören zu können. Aber auch erst von da an ist mir bewusst geworden: Ich werde in der Lage sein, mit meiner Mutter einen Frieden zu machen. Das habe ich mittlerweile längst auch.

Aus deinen Worten spricht so gar kein Hass. Wie kommt das?

Nein, ich hasse nie und niemanden. Hass macht nicht heile. Hass bringt keine Ruhe. Hass ist Stagnation, lässt keine Verarbeitung zu. Darin steckt man dann selber lebenslang fest.

Allein die Nutzung dieses Wortes ist für mich nur in einem analytischen Zusammenhang nötig. Es gibt allerhand solcher Ausdrücke, die ich bewusst nicht in einem gedanklichen Zusammenhang mit Menschen verwende.

Darf ich kurz erklären?

Na aber sicher doch …

Schau mal in den Spiegel, hole ganz ruhig Luft und sage das Wort: Hass. Was siehst Du?

Nun stell Dir jemanden vor, der von sich sagen muss, es sei Hass gegen den oder das in ihm vorhanden. Meist reicht es dann nicht mal, einfach nur Hass zu sagen, sondern es sind lange Sätze mit harter Stimme und Steigerungsformen oder Vergleichen. (… wie die Pest o.ä., ich könnte …)

Solche Gefühle in einem Menschen? Da braucht’s Kompensation, sonst zerfressen sie den, der hasst. Es kann einen solchen Druck erzeugen, dass ein Ventil nötig wird. Und was kann das sein? Depression? Gewalt? Dauernde Rachepläne schmieden? Was soll das für ein Leben sein? Der Gehasste hingegen führt sein Leben einfach weiter. Oder denkt wirklich jemand, es reiche, einen anderen zu hassen, damit der so wird, wie gewünscht?

Nein, ich kann nicht hassen. Ich habe nicht überlebt, um mir hernach selbst das Leben zu versauen.

Kann man sagen, dass die Auseinandersetzung mit deiner Mutter auch ein Bestandteil deines Heilungsprozesses gewesen ist?

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich meiner Mutter zu viel Bedeutung zumesse. Oftmals habe ich versucht, aus dem Verhältnis auszusteigen. Immerhin war sie schon tot als ich noch fortwährend mit ihr geredet habe. Manchmal habe ich mir sogar selber unterstellt, meiner Verantwortung für mich nicht gerecht zu werden. Ich habe mich dann immer angemahnt: ‚Ab irgendeinem Punkt ist es unerlässlich, nicht nur körperlich, sondern auch in seiner inneren Konsequenz erwachsen zu werden. Das bedeutet, lass die Vergangenheit los.‘ Dann aber entdeckte ich, nur die gradlinige und ungeschönte, ja schonungslose Auseinandersetzung mit meiner Geschichte, also mit meiner Mutter, IST die Basis für meine Heilung. Der wesentlich schwerere Schritt ist gewesen, mich mit meinem damals ebenfalls schon toten Vater auseinanderzusetzen.

Du hast ja nicht nur innere Monologe mit deiner verstorbenen Mutter geführt – du hast auch Gedichte geschrieben …

Schwer. Schwer, mehr Worte zu finden als in den gesparten eines Gedichtes zu verstecken sind. Das Denken und Fühlen eines Kindes in erwachsenen Worten. Genau das hat mich bisher hauptsächlich abgehalten, überhaupt offen darüber zu sprechen. Es gibt kaum eine Handvoll (lebender) Menschen, die mein Kinderleben kennen.

Ist das Scham oder Furcht? Warum schweigen Gewaltopfer so häufig?

Darüber denke ich oft nach. Vielleicht wirkt da eine umgekehrte Verhältnismäßigkeit. Umso schlimmer die Erlebnisse empfunden werden, umso weniger glauben Betroffene, so etwas erzählen zu können. Eine Tat beschreiben, bedeutet auch, Worte finden zu müssen. Zum Beweis tot zu sein ist leichter als lebend zu erklären, warum man nicht gestorben ist.

Wie meinst du das?

Was ich damit sagen will klingt absonderlich, aber ich habe mehr als mehrmals vollkommen fassungslos erlebt, wie in Frage gestellt worden ist, was Erwachsene über ihr Kinderleben erzählen. Wird aber ein totes Kindchen aus einem Blumenkübel gebuddelt, geht man nicht davon aus, es habe deutlich übertrieben. Das hat einen besonders tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Und hauptsächlich aus diesem Grund, habe ich mich kaum geäußert. Die Möglichkeit, zum Beispiel in Gedichten sprechen zu können, ohne Einzelheiten zu erzählen, ist eine kleine Möglichkeit, den Mund doch nicht halten zu müssen.

Mir gegenüber nimmst du kein Blatt vor den Mund …

Ob ich das Thema tatsächlich einmal ungeschminkt ansprechen werde, wusste ich bis zu unserer Begegnung noch nicht. So viele Jahre nach der Kindheit fordern beinahe auf, endlich mit all dem abzuschließen. Ich habe mir immer vorgestellt, da komme ich altes Weib daher und will glaubhaft über eine längst vergangene Zeit reden. Dabei hatten wir Kinder, die in den 50er Jahren geboren sind, so ziemlich alle das gleiche Schicksal.

Und so sind die Jahre einfach zusammengekommen. Zuerst wollte ich meinen Vater schützen. So lange er gelebt hat, wäre ich lieber verrückt geworden, als darüber zu reden. In den letzten Wochen seines Lebens, sagte er einmal zu mir: „Ich bitte dich für alles um Verzeihung.“ Ich habe ihn umarmt und gesagt, er habe mich gerettet mit seinem Satz: ‚Halte durch, du bist bald groß.‘ Ich denke nicht, dass er mir geglaubt hat.

Mit meiner Mutter habe ich reden wollen. Da bin ich schon erwachsen gewesen. Einmal nur sagen können, wie ich mich als ihr Kind gefühlt habe. Schon nach dem dritten Satz stürzte sie sich auf mich wie ein Berserker und warf mir vor, herzlos, nachtragend, unfair und schlecht zu sein. Sie schleuderte mir einen Aschenbecher an den Kopf. Irgendwann ist es vielleicht auch die Sehnsucht nach Ruhe; und Schweigen wird damit verwechselt.

Reden kann aber doch auch heilen, oder?

Ja, das ist die Krux. Die Sehnsucht nach Ruhe wird mit Schweigen verwechselt. Ruhe erlangen, bedeutet das Un- von Unruhe abzuarbeiten. Aber wenn der Mensch durch seine prägendsten Lebensjahre, nämlich durch Kindheit und Jugend nicht frei und neu-gierig und froh und voller Vertrauen gegangen, sondern hindurchgepeinigt worden ist, woher bitte soll der daraus gewordene Mensch denn wissen, dass Reden gut ist?

Später hast du aber doch versucht, dich einigen Menschen zu öffnen. Wie hast du dich dabei gefühlt?

Zu unterschiedlichen Zeiten ist das jeweils unterschiedlich gewesen und hat letztendlich auch dazu beigetragen, dass ich mich für das Schweigen entschieden habe. Hinzu kommt, trifft ein geschlagenes Kind als Erwachsener auf „Ehemalige“ ist es ganz schwierig. Jeder befindet sich in einer anderen Phase der Verarbeitung. Wer zum Beispiel selbst gerade verdrängt, will wirklich nicht erinnert werden. Und: Ich glaube, die häufigsten Aufforderungen zum Reden sind sehr pauschal. Alle wissen, reden ist gut, aber es muss eben auch jemanden geben, der zuhört. Wir haben doch alle einen mobilen Rucksack voll mit Unvergesslichkeiten auf dem Rücken. Ich kann gar nicht beschreiben, wie oft ich aus dem Reden ins Zuhören gedrängt worden bin. Hernach bin ich mit noch schwererer Last zurückgekommen, da ich das Schicksal des anderen auch noch in mir hatte.

Eine andere Erfahrung von mir ist, denke ich, typisch für unsere oberflächliche und schnelllebige Zeit. Ich bin mir vorgekommen, wie wenn mir jemand zuwinkt und ruft: „Na, wie geht`s Dir?“ und ich antworte erleichtert: „Ich bin froh, dass Du mich fragst, denn ich habe so lange schon eine schwere Last auf der Seele.“ Nach ein paar Sätzen habe ich gespürt, die Frage, wie es mir ginge, ist nur ein erweiterter Gruß gewesen. Diejenige hätte nur „Hallo“ sagen können, mehr nicht. Und ich habe mich ob meiner Mitteilsamkeit schrecklich geschämt. Halt. Nein, geschämt nicht, es war mir peinlich.

Und wie wurde auf dich reagiert, wenn du versucht hast, darüber zu sprechen?

Alles in allem sind allerhand Versuche, darüber zu reden, daran gescheitert, weil so etwas wie Schuldgefühle im Spiel sind. Eine ehemalige Nachbarin sagte mir Anfang der 80er, meine Eltern lebten beide nicht mehr, sie habe sich immer gewundert, wieso meine Mutter so oft unglaublich laut Radio gehört hätte. Es sei echt frech gewesen, vor allem, weil sie wusste, andere arbeiten im Schichtsystem. Was sollte ich sagen? Ich sah sie nur an und lächelte. Plötzlich wurde sie unhöflich: „Na, was haben wir denn gewusst, was die mit Dir gemacht hat? Das kannst Du mir ja nun nicht vorwerfen!“ Ich antwortete: „Ich habe doch gar nichts gesagt, was ist denn los?“ Und sie fauchte mich im Weggehen an, mein Blick hätte schon alles ausgesprochen und außerdem sei ja auch lange nicht sicher, ob das alles so wahr wäre …

Es ist in allem, was einem Kind wiederfahren ist, wahrscheinlich eine Klage gegen Erwachsene enthalten. Intuitiv fühlt wohl jeder Erwachsene seine Schutzfunktion. Was ihn davon abhält, sie auch einzusetzen, ist sehr subjektiv.

Und da stehst Du nun, Du ehemaliges Kind, hast gelitten und bist selber schuld, dass Du noch lebst. Als totes Kind im Blumenkübel, wärest DU der Beweis gewesen, dass es Dir wirklich übel ergangen sein muss.

Gab es wirklich niemanden, dem du so vertraut hast, um ihm ungeschönt aus deiner Kindheit erzählen zu können?

Aber hallo! Ich habe mit meinem, inzwischen geschiedenen, Mann sehr offen gesprochen. Er hat meine Mutter noch persönlich kennengelernt und mir jedes Wort geglaubt. Wobei ich auch ihm nicht alles erzählt habe.

Mein Liebster, der Mann, mit dem ich inzwischen zusammenlebe, kennt am meisten von mir. Er macht es mir leicht. Er verfügt über eine ausgesprochen hohe Sozialkompetenz und reflektiert, sieht mich nicht als das Opferkind, sondern die erwachsene Frau. Er glaubt mir nicht nur, dass es mir nicht darauf ankommt, eine Opferrolle einzunehmen, sondern er versteht, dass die zu mir auch nicht passt.

Lassen wir es für heute gut sein, Charlotte.

Ja, lass uns eine Pause machen.

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Zum zweiten Teil „Halt durch, du bist bald groß“ geht es hier. Ab 11. März 2013 setzen wir den Autausch hier fort