Steglitz fragt bei Michael Meisheit nach (Teil 2)

„Die Frage nach der Verfügbarkeit in der Buchhandlung oder danach, ob es ‚Soap‘ auch fürs iPad gibt, tut jedes Mal weh …“

In diesem Beitrag erfahren wir u.a., weshalb Michael Meisheit mit eBook und der gedruckten Version von „Soap“ zweigleisig fährt, warum er auf den Platzhirschen Amazon setzt und welche Lehren er aus seinen bisherigen Erfahrungen als Selbstverleger zieht. Im ersten Teil des Gespräches berichtete er uns, wie er Chancen und Risiken bezüglich Selfpublishing einschätzt, warum er sich für CreateSpace entschieden, welche Erfahrungen er damit gemacht hat und wie er mit Vorurteilen gegen Autoren umgeht, die ihre Publikationen in Eigenregie auf den Markt bringen.

Mit einem eBook und einem gedruckten Buch fährst du zweigleisig. Warum das?

Man kann so ein Projekt nicht über das Internet aufziehen und dann das elektronische Buch außen vorlassen. Mir war immer klar, dass in meiner Zielgruppe die meisten Leute das sogenannte Holzbuch noch bevorzugen würden, aber rund um das eBook passieren ja noch viel aufregendere Dinge, was neue Weg angeht, also wollte ich das auf keinen Fall missen.

Glaubst du, dass dem eBook die Zukunft gehört?

Auf jeden Fall. Es wird Papier nicht komplett ersetzen, aber die Vorteile liegen auf der Hand. Neue Generationen werden dann auch die Nostalgie nicht mehr kennen, die viele von uns noch mit dem Umblättern verbinden. Wenn ich sehe, wie mein dreijähriger Sohn schon selbstverständlich zwischen iPhone-App-Geschichte und Buch zum Blättern wechselt, weiß ich, wie die Zukunft aussieht.

Wie hältst du es beim eBook mit dem Kopierschutz?

Da hab ich wie ein Schaf erst einmal den voreingestellten Kopierschutz gelassen wie er ist. Wobei ich mich mittlerweile durchaus frage, warum. Leider kann man es im Nachhinein nicht mehr ändern. Aber ich muss mich definitiv noch mehr mit dem Thema und den Möglichkeiten beschäftigen. Was ich auch daran merke, dass ich mich in der ganzen Urheberrechtsdiskussion oft auf der Seite von Kreativen, die vor allem Schutz und Sanktionen fordern, nicht so richtig wohl fühle. Auch hier reizen mich eher die neuen Möglichkeiten des Internets. Aber das ist eine andere Diskussion.

Wie schätzt du die Diskussionen um das Pricing beim E-Book generell ein?

Hier wird noch viel experimentiert. Im Moment wirkt es schon teilweise absurd, wenn man sich die Listen bei Amazon anschaut. Wenn die gleichlangen 99 Cent-Bücher neben Verlags-eBooks für 22,99 Euro stehen, merkt man, dass der Markt sich noch regulieren muss. Kurios ist allerdings, dass Beide es in die Topliste schaffen können …

Und wie bist du mit der Preisgestaltung bei eBook und Taschenbuch verfahren?

Michael Meisheit © Steven Mahner

Michael Meisheit © Steven Mahner

Ich hab meine potentiellen Leser in meinem Blog gefragt und sogar abstimmen lassen. Wie bei vielen anderen Fragen rund um die Veröffentlichung ja auch. Natürlich hatte ich eine grobe Vorstellung – das Taschenbuch sollte nicht über 10 Euro kosten, das eBook nicht für 99 Cent verramscht werden. Aber ich fand es sehr hilfreich, dass die Mehrheiten und Argumente im Blog meine Auffassung stützten. Beim Taschenbuch waren sich eh alle mehr oder weniger einig. Beim eBook gab es – wenig überraschend – die größere Bandbreite an Meinungen. Für mich war hier entscheidend, dass ich nicht zu weit vom Taschenbuch weg wollte. Allerdings bin ich mir bei den 4.99 noch nicht so ganz sicher, ob es die beste Wahl war. Daher habe ich heute eine Aktion gestartet und verkaufe nun für ein paar Tage das eBook für 2.99.

Selbstredend eine nette Geste an die Adresse der Leser unseres Gespräches … Warum ist „Soap“ derzeit lediglich beim Platzhirschen Amazon zu haben?

Das lag natürlich erst einmal an meinem Wunschpartner CreateSpace. Mit dem drängt sich das Kindle-Programm ja gleich als nächster Schritt auf, es sind nur wenige Klicks mehr. Und „lediglich“ bei Amazon zu sein, ist bei deren Marktposition ja nicht das Schlechteste. Allerdings soll es so nicht bleiben. Sobald ich die Zeit habe, mich durch das Dickicht von Formaten und möglichen Wegen zu kämpfen, werde ich zum einen andere eBook-Kanäle hinzunehmen und zum anderen auch das Taschenbuch auf neue Wege bringen.

Wo machst du beim Platzhirschen persönlich Nachteile aus?

Was mich überrascht hat, war, dass man erstaunlich wenige Analyse-Möglichkeiten für seinen Verkauf hat. Vielleicht bin ich durch Google-Analytics bei meinem Blog verwöhnt, wo man ja auch noch die Farbe der Unterwäsche seiner Seitenbesucher gemeldet bekommt. Aber dass es im Kindle-Programm noch nicht einmal eine Verkaufsaufstellung nach Tagen gibt, hat mich sehr verwundert. Ganz zu schweigen davon, dass es doch interessant wäre, wie viele Leute die Verkaufsseite des Buches besuchen, wo die herkommen usw. Technisch ist das alles möglich, Amazon lässt sich aber nicht in die Karten schauen. So hockt man viel zu viel da und rätselt, wieso, weshalb, warum.

Worauf sollte man besonders Acht geben, wenn man sich für diese Vertriebsschiene entscheidet?

Zu empfehlen ist, dass man sich als Autor bei „Author Central“ von Amazon anmeldet. Dann kann man nicht nur ausführlicher über sich berichten, sondern hat auch so etwas wie einen Ansprechpartner, der kurzfristig antwortet. Was bei Amazon normalerweise ja nicht so einfach ist. Denn der Laden ist und bleibt ein schwer durchschaubarer Riese. Ansonsten muss einem klar sein: Amazon ist auch nicht die Welt. Die Frage nach der Verfügbarkeit in der Buchhandlung oder danach, ob es „Soap“ auch fürs iPad gibt, tut jedes Mal weh …

Was hält dich ab, andere Vertriebspartner ins Boot zu holen?

Ehrlich gesagt bin ich noch etwas ratlos, wen ich wie hinzunehme. Alle eBook-Vertriebe haben einen oder mehrere Hinkefüße. Mal muss man auch den Vertrieb über Amazon abgeben und verdient entsprechend weniger. Mal braucht man eine (teure) ISBN für das eBook. Andere haben undurchsichtige Konditionen. Hier sammle ich noch Feedback von anderen Selfpublishern. Erfahrungsberichte sind jederzeit willkommen!

Was rätst du jenen, die Schritte in Richtung Selfpublishing planen?

Sie sollten Zeit mitbringen und Geduld. Zeit im Sinne von: Vieles dauert länger als geplant. Besonders wenn auch mal was schief geht. Oder wenn man viel zu lange in der Social-Media-Welt hängen bleibt. Geduld braucht man bis die eigenen Maßnahmen greifen. Selbst Leute, die begeistert gesagt haben, dass sie das Buch „sofort“ kaufen, trifft man manchmal Wochen später und hört „Ach ja, das Buch!“ Bei Pressekontakten und ähnlichem kann es auch ewig dauern, bis was passiert. Oder hoffnungsmachende Kontakte verlaufen plötzlich im Sande.

Frustrationen sind wohl inbegriffen …

Daher muss man Kontakt zu seiner inneren Rampensau aufnehmen. Wer die gar nicht besitzt, wird sich schwer tun – denn am Anfang gibt es niemanden, der einen irgendwo ins Gespräch bringt außer einem selbst. Das ist manchmal echt unangenehm, aber da muss man durch – sonst braucht man vielleicht doch einen Verlag. Allerdings ist hier Augenmaß notwendig. Ab wann nervt man? Auch wenn man selbst das Gefühl hat, das Buch ist der Mittelpunkt der Welt, für die da draußen ist es eins von buchstäblich Millionen. Es kann daher helfen, das Projekt eben nicht zum Mittelpunkt der eigenen Welt zu machen, sondern einfach auch mal was anderes zu schreiben bzw. sich mit echten Menschen zu beschäftigen.

Was sollte sich ein Selbstverleger abschminken?

Abschminken kann man sich, dass man mit der Geschichte wirklich reich wird. Selbst dass man in irgendeiner Form davon leben kann, ist wohl die Ausnahme. Wer mit dieser Erwartungshaltung da reingeht, kann nur verlieren. Besonders weil es nun schon eine ganze Weile eine Art Goldgräberstimmung gibt und sich entsprechend viele Leute mit ihren Goldpfannen am Amazonas und anderswo tummeln.

Es heißt ja, dass die Digitalisierung und der Umstand, dass Autoren nicht mehr auf Verlage angewiesen sind, erhebliche Folgen für den Buchmarkt und -handel haben werden. Wie schätzt du die weitere Entwicklung ein?

Ich gehöre zu denen, die glauben, dass der bisherige Buchmarkt und -handel in zehn Jahren völlig anders aussieht. Ich glaube nicht, dass Bereiche komplett verdrängt werden, es wird einfach diversifiziert. Es wird sicher weiterhin Verlage geben, aber es wird auch hochwertige Selbstverleger geben. Es wird für diese dann Organisationsformen geben mit Dienstleistern und Plattformen. Es wird verlegende Hobbyautoren geben usw. Vor allem denke ich auch, dass sich noch einiges zwischen den verschiedenen Medienformen tun wird. Also dass es neben dem Buch und dem eBook interaktive Erzählungen, netzbasierte Erzählungen, Verbindungen von Film, Spiel und Text usw. geben wird.

Kannst du dir vorstellen, dass Independent Publikationen den klassischen Gatekeepern à la longue den Rang ablaufen werden?

Ich kann es mir vorstellen, aber es kommt auch darauf an, wie klug die Verlage, Buchhandelsketten usw. mit der Situation umgehen, sprich ob sich darauf einstellen. Wer stur darauf pocht, dass doch nur ein Buch aus Papier das Wahre ist und der Verlag über allem steht, der wird es sicher irgendwann schwer haben. Spätestens wenn die Mehrzahl der Autoren anderswo bessere Konditionen, Hilfestellungen und vor allem Möglichkeiten bekommt, ihre Vision umzusetzen.

Was stößt dir bei den aktuellen Diskussionen rund um die Zukunft des Buches besonders negativ auf?

Wie bei den meisten Diskussionen, die bevorzugt in der Textform (Feuilleton-Artikel, Blogs oder gar Foren) geführt werden, wird oft zu verbissen und unfreundlich diskutiert. Ich hab nichts gegen eine Diskussion, in der es auch mal hoch hergeht. Aber man ist allerorts erstaunlich schnell mit persönlichen Angriffen, Unterstellungen und ähnlichem. Und gerade Autoren sollten doch in der Lage sein, sich in die Position des Gegenübers reinzuversetzen – wie entwickeln sie denn sonst Figuren? Abgesehen davon finde ich es schade, dass die Selfpublisher in vielen Bereichen noch die Kellerkinder sind, aber es liegt sicher an uns selbst, dies durch selbstbewusstes und professionelles Auftreten zu ändern.

Du experimentierst seit Jahren als Autor im Netz. Was meinst du, inwieweit verändert die Digitalisierung auch unser Verständnis von Literatur und Autorenschaft?

Zwei Sachen verändern sich zurzeit aus meiner Sicht durch das Internet: Das Buch ist nicht mehr das Nonplusultra in der Literatur. Andere Textformen oder auch transmediale Erzählformen spielen eine immer größere Rolle. Gleichzeitig wird der Autor entmystifiziert. Er ist nicht mehr der Schreiber im Elfenbeinturm, sondern weilt über Blogs, Foren und interaktive Experimente mitten unter seinen Lesern. Das wird zunehmend selbstverständlich. Ich weiß noch, dass ich vor ca. 15 Jahren „Flamingo Rising“ von Larry Baker gelesen habe, in dessen Impressum eine E-Mail-Adresse stand. Weil mir das Buch gut gefiel, hab ich dort hingeschrieben und bin fast vom Stuhl gefallen, als der Autor mir postwendend persönlich antwortete. Wir haben dann ein bisschen hin- und hergemailt darüber, wie man sein Buch als Deutscher wahrnimmt. Und ich hab mir damals schon gedacht: Ja, wieso denn nicht immer so? Was kann einem besseres passieren, als sich mit den Lesern auszutauschen? Aber damals war das noch absolut ungewöhnlich.

Was hat dich bewogen, „Soap“ gemeinsam mit Blogbesuchern und Lesern auf die Beine zu stellen?

Vielleicht war besagtes Erlebnis mit Larry Baker schon der Grundstein für den Wunsch, mich mit den Lesern auszutauschen. Später wurde dann mein Prosa schreiben (im Gegensatz zum Drehbuch schreiben) sehr stark durch meine aktive Zeit in der Community jetzt.de geprägt ist. Dort konnte man mit kleinen Texten experimentieren – unter dem Stichwort „Tagebuch“ – und man hat über Kommentare sofort Feedback bekommen. Auch wenn das manchmal hart war, hat es mir gefallen und weitergeholfen.

Als Serienautor schreibst du ja auch im Team …

Hinzu kommt, dass ich es als Drehbuchautor natürlich gewohnt bin, dass zahlreiche Leute meine Arbeit – gerade in frühen Fassungen – auseinander nehmen. So war es für mich nur folgerichtig, einen Romantext in einem frühen Stadium herauszugeben, um von dem Feedback zu profitieren. Gleichzeitig wollte ich so eine Basis an Lesern schaffen, denn für klassische Werbung und PR-Arbeit würde ich keine Mittel haben. Womit ich nicht gerechnet hatte: WIE begeistert viele der Leser waren, dass sie mitwirken „durften“. Ich hab zahlreiche Danksagungen bekommen, dabei machten die Leute letztlich Arbeit für mich! Spätestens da war mir klar, dass diese Art von Zusammenarbeit ein vielfach ungehobener Schatz ist.

Wie waren deine diesbezüglichen Erfahrungen? Was hast du an der „interaktiven Arbeitsweise“ besonders geschätzt?

Für mich war die Zusammenarbeit durchweg positiv. Man muss natürlich ein paar „Fähigkeiten“ mit bringen: Man muss mit Kritik umgehen können. In der Lage sein, das Wichtige herauszufiltern. Vor allem muss man gerne kommunizieren, meint in dem Fall: Auch zuhören! Und letztlich muss man wissen, was man tut. Wenn man selbst zu unsicher ist, was die eigene Arbeit, den eigenen Text angeht, verzettelt man sich. Denn es gibt IMMER mehrere Meinungen, die gegensätzlichen sind sowieso überproportional vertreten. Wenn das aber einmal funktioniert, hat man irgendwann eine kleine bzw. wachsende Community, die man nicht nur jederzeit um Rat fragen kann, sondern die einen auch motiviert oder sogar aktiv unterstützt. Es haben schon mehrere Leute Tage (!) an Arbeit in mein Projekt investiert, einfach weil sie sich damit identifizieren, es gut finden. Da war ich manchmal wirklich gerührt!

Wo kommt Teamwork an seine Grenzen?

Ich weiß nicht, ob das auch mit mehreren Tausend Leuten funktioniert, was ich da mache. Aber das Problem möchte ich erst einmal haben. Im Moment „kenne“ ich noch alle sehr aktiven Leuten einzeln, aber natürlich hätte das auch irgendwann eine Grenze. Und wenn ich als Autor nicht mehr ab und zu auch mal direkt antworte oder eingehe auf jemanden, wären die Bindungen sicherlich nicht so eng. Aber dann müsste man eben andere Wege finden.

Welche Lehren ziehst du bislang aus deinem „Selbstversuch“? Was würdest du heute anders machen?

Für mich ist die wichtigste Lehre, dass ich das in Zukunft immer so machen möchte: Öffentlich und gemeinsam kreativ arbeiten. Denn für mich hat es fast nur positive Effekte gegeben. Ein wenig muss ich in manchem Bereichen noch die Balance finden: Wann nervt ein Thema, weil man es zu oft bringt? Wie viel „Werbung“ kann ich den Leuten zumuten? Macht die bei den ewig selben Leuten irgendwann überhaupt noch Sinn? Die Gefahr ist, dass man die Leser irgendwann als selbstverständlich nimmt, aber letztlich können die auch wahnsinnig schnell wieder verschwinden. Man muss eben bei so einem Projekt auch immer Entertainer sein oder zumindest neue, interessante Informationen liefern, sonst dreht sich das Karussell weiter …

Danke, Michael, dass du deine Erfahrungen mit uns teilst. Lunte gerochen hast du jedenfalls: Seit gestern gehst du abermals ein Projekt in Eigenregie an. Ein eBook mit ausgewählten Kurztexten die bei jetzt.de erschienen sind. Dafür suchst du Testleser. Glück auf dabei – und weiterhin Erfolg und Freude mit Soap.

Freundlicherweise stellte Michael mir einige Leseexemplare zur Verfügung. Wer sich für sein Debüt als Selfpublisher interessiert und “Soap” besprechen möchte, möge sich bei mir melden.

__________________________________________________________________________________________________________

In der losen Interview-Reihe “Steglitz fragt … bei Autoren nach” standen bereits Rede und Antwort:  Jando, Petra van Cronenburg, Petra Röder, Nicole Sowade aka Miss Januar, Jan-Uwe Fitz aka Vergraemer, die Sachbuch-Autorin Sonya Winterberg der Berner Shooting-Star Patric Marino und Wilhelm Ruprecht Frieling, im Social Web als Prinz Rupi bekannt. Stets geht es darum, wie die befragten Autoren die Entwicklungen infolge der Digitalisierung einschätzen, welche neuen Wege sie nutzen und wo sie Chancen und Risiken sehen.

Steglitz fragt bei Michael Meisheit nach

„Letztlich helfen gegen die Vorurteile nur Geduld und Beharrlichkeit“

Michael Meisheit ist ein erprobter Autor, der seit 15 Jahren erfolgreich Drehbücher für die populäre Fernsehserie „Lindenstraße“ schreibt, die immer sonntags um 18:50 Uhr im Ersten läuft. Obwohl er als ihr Autor bekannt und im Mediengeschäft erfahren ist, entschied er sich, seinen Roman Soap in Eigenregie zu veröffentlichen. Soap, dachte ich bei mir als wir uns kennenlernten, so gar nicht meine Kragenweite …

© Michael Meisheit

stolz aufs Werk © Michael Meisheit

Dann hat mich die Geschichte vom Filmstudenten Lukas doch gepackt, dem die Chance geboten wird, bei einer populären Soap namens „Schöneberg“ als Autor einzusteigen. Er stolpert von einer Kuriosität zur nächsten, tritt von einem Fettnäpfchen ins andere, hangelt sich von Schlappe zu Schlappe und ahnt nicht, dass da einer im Hintergrund geschickt die Strippen zieht. Keine Frage, Meisheit kennt das Unterhaltungssujet aus dem FF.  Darüber hinaus beeindruckte mich die Genese des Debüts, die der Autor auf seinem Blog von Anbeginn dokumentiert hat. Nachdem ich mich eingehender mit der Entstehungsgeschichte des Romans und Meisheits Entschluss beschäftigt hatte, unter die Indie-Autoren zu gehen, habe mich gefragt, ob Soap nicht sogar auch ein Lehrstück für Selfpublisher ist. Nachzulesen ist das hier.

Seit Erscheinen des Romandebüts sind nunmehr sechs Wochen vergangenen. Mir scheint die Zeit reif, den frisch gebackenen Selbstverleger nach seinen Erfahrungen zu befragen. Heute möchte ich u.a. von ihm wissen, wie er Chancen und Risiken bezüglich Selfpublishing einschätzt, warum er sich für CreateSpace entschieden, welche Erfahrungen er damit gemacht hat und wie er mit Vorurteilen gegen Autoren umgeht, die ihre Publikationen in Eigenregie auf den Markt bringen.

Was hat dich bewogen, dein Debüt „Soap“ in Eigenregie durchzuziehen?

Seit längerem rede ich davon, dass das Internet für Kreative völlig neue Möglichkeiten eröffnet, die noch viel zu wenig genutzt werden. Die Stichworte sind Transmedia, Unabhängigkeit, Interaktivität, Arbeiten mit der „Crowd“. Im Sommer diesen Jahres war dann endlich etwas zeitlicher Freiraum in Sicht, so dass ich mir gesagt habe: Dann mach doch jetzt auch mal! Nun hatte ich ein altes Manuskript – „Soap“ – in den Untiefen meiner Word-Ordner schlummern. Ein vorhandener Text – den ich zweifelsohne liebte, aber nicht erst schreiben musste – war perfekt für einen ersten Gehversuch auf den neuen Wegen, fürs Ausprobieren, fürs Experimentieren.

Welche Vorteile hast du dir von deiner Entscheidung versprochen?

Die Vorteile waren diffus. Es ging vor allem um neue Erkenntnisse, um Dazulernen in jeglicher Hinsicht. Aber auch sehr viel darum, bei der kreativen Arbeit komplett mein eigener Herr sein zu können. Nach Jahren in den Mühlen der Unterhaltungsindustrie war die Aussicht auf ein Schaffen ohne Kompromisse, enge Rahmenbedingungen und kurzsichtige Gegenüber traumhaft.

Wie schätzt du die Entwicklung in Richtung Selfpublishing generell ein?

Ich finde sie großartig. Natürlich ist das für alle erst einmal unübersichtlich und verwirrend. Manchen macht es Angst, manche sind genervt. Aber ich kann mir für einen kreativen Menschen keine bessere Situation vorstellen, als am Anfang einer neuen, umwälzenden Entwicklung dabei zu sein. Es gibt noch keine ausgetretenen Pfade, keine Erbhöfe, kein „das haben wir schon immer so gemacht“. Natürlich wird das Rad nicht neu erfunden – ein Buch ist ein Buch – aber es kommen neue Formen, neue Mitspieler, neue Wege dazu. Für mich ist das erst einmal positiv.

Wo verortest du Risiken?

Ich sehe ein wenig die Gefahr, dass die Leser nicht richtig mitgenommen werden. Dass es in solch einer Umbruchphase Reibungsverluste gibt, ist naheliegend und wird sich nicht verhindern lassen. Aber wenn sich allgemein der Eindruck durchsetzt, Selfpublishing macht alles nur kompliziert, anstrengend und führt letztlich nicht zu interessanten Publikationen, dann wird man lange brauchen, um das in der breiten Öffentlichkeit wieder aufzubrechen. Die Flut von in jeglicher Hinsicht schlechten Texten und fehlende Mechanismen, um diese auszusortieren, ist ein Problem. Das teilweise aggressive und unlautere Auftreten einiger Selfpublisher ein weiteres. Es wird darauf ankommen, wie die Autoren-Gemeinschaft damit umgeht. Und darauf, dass Wege entstehen, durch die sich die Spreu vom Weizen trennt.

Wo machst du in diesem Kontext besondere Chancen aus?

Es besteht die ernsthafte Chance, dass großartige, unterhaltsame oder außergewöhnliche Publikationen entstehen, die nicht den Marktgesetzen gehorchen. Und es besteht die Chance, das kleine, besondere Texte, die vielleicht nur wenige Menschen ansprechen – aber diese umso mehr – das Licht der Welt erblicken. Kein anderes Medium als das Internet bringt spezielle Interessen so zusammen. Jeder kann etwas finden. Und es wird sich dann auch lohnen, „nur“ für eine paar Leute etwas zu schreiben.

Gegen Indie-Autor gibt es gewisse Vorbehalte. Wie gehst du damit um?

Im Moment amüsieren sie mich noch. Ja, was mache ich denn bloß, wenn mich dann doch mal ein „echter Verlag“ verlegen will? Denn das ist nach wie vor die häufigste Frage, die ich zu hören bekomme. Dass ich gerne und freiwillig diesen Weg gehe, erscheint vielen noch nicht denkbar. Auch dass man als Selfpublisher manchmal etwas herablassend in die Kategorie „schreibende Hausfrau“ eingeordnet wird – am Besten noch von Leuten, die „Harry Potter“ verschlungen haben – entbehrt auch nicht einer gewissen Komik. Aber dass einem dadurch bei klassischen Medien oder auch in bestimmten Internetbereichen der Weg versperrt bleibt, nervt schon. Letztlich helfen gegen die Vorurteile nur Geduld und Beharrlichkeit.

Warum hast du dich für den Weg über CreateSpace entschieden?

Cover Soap

Liebe, Intrigen, Verrat …

Das ist einfach: Es rechnete sich. CreateSpace hat mir mit Abstand das beste Angebot für mein Taschenbuch gemacht. Ich konnte es für 9.90 Euro verkaufen und mit mehr als zwei Euro enorm daran verdienen. Anderswo hätte ich mindestens 15 Euro, meist sogar noch mehr verlangen müssen – und hätte nicht einmal groß etwas daran verdient. Ohne CreateSpace hätte ich vielleicht erst einmal sogar nur ein eBook herausgegeben, denn mehr als 10 Euro wollte ich für „Soap“ nicht verlangen.

Wie waren deine Erfahrungen beim Prozedere?

Es hilft sicherlich, wenn man des Englischen mächtig ist. Dass die CreateSpace-Seite noch nicht auf Deutsch vorhanden ist, dürfte auch abschrecken. Nimmt man aber einen der vielen Ratgeber zur Hilfe und ist man in der Lage, Fragen in Foren beantwortet zu bekommen, ist das Ganze wirklich ein Kinderspiel.

Hattest du spezielle du Hürden zu nehmen?

Das Veröffentlichen mit CreateSpace selbst war wirklich kein Problem. Unterschätzt hatte ich eher den ganzen Prozess des „Setzens“. Also dass der Text auch nach inhaltlicher Ausarbeitung und mehrfachem Gegenlesen noch lange nicht fertig war – ich sag nur Schusterjungen und Hurenkinder. Dafür hatte ich definitiv zu wenig Zeit eingeplant, die aber CreateSpace locker rausholte, indem das Buch quasi über Nacht bei Amazon reingestellt wurde – und es nicht wie vielerorts angekündigt eine Woche dafür brauchte.

War der Support ausreichend?

Viel Support direkt von CreateSpace habe ich nicht benötigt. Die Website gab alles her, was ich brauchte – vor allem mit der exzellenten Vorschau. Allerdings weiß ich nicht, wie es ist, wenn man auf Probleme stößt und mal mit einem Menschen reden möchte. Kurios finde ich nach wie vor, dass meine Autorenexemplare nicht – wie die Verkaufsexemplare – von Amazon Leipzig kommen, sondern aus den USA. Dadurch hat man sehr unwägbare Lieferzeiten und unter Umständen Probleme mit dem Zoll. Daran muss CreateSpace für den deutschen Markt sicherlich noch etwas tun.

Bist du mit den Ergebnissen zufrieden?

Sehr. Für die geringen Kosten, die der Druck macht, und dafür, dass ich ohne direkte professionelle Begleitung alles zusammengebastelt habe, kann sich das fertige Buch wirklich sehen lassen. Die meisten Leute sehen keinen Unterschied zu einer Verlagspublikation. Das einzige Problem, auf das ich bisher gestoßen bin, sind mögliche Unterschiede zwischen den einzelnen Exemplaren. Ich hatte schon leichte Farbabweichungen beim Cover. Und einige Leute hatten eine extrem feste Bindung bei ihrem Buch. Man kann also nie sicher sein, dass das nächste Buch auch wieder so schön ist wie das letzte. Und die „amerikanischen“ Bücher haben etwas schöneres Papier – minimal dicker und „cremiger“. Das würde ich mir auch für die Leipziger Bücher wünsche.

In Teil 2 des Gesprächs erfahren wir u.a., weshalb Michael Meisheit mit eBook und der gedruckten Version von „Soap“ zweigleisig fährt, warum er auf den Platzhirschen Amazon setzt und welche Lehren er aus seinen bisherigen Erfahrungen als Selbstverleger zieht. – Freundlicherweise stellte Michael mir einige Leseexemplare zur Verfügung. Wer sich für das Debüt in Eigenregie interessiert und „Soap“ besprechen möchte, möge sich bei mir melden.

__________________________________________________________________________________________________________

In der losen Interview-Reihe “Steglitz fragt … bei Autoren nach” standen bereits Rede und Antwort:  Jando, Petra van Cronenburg, Petra Röder, Nicole Sowade aka Miss Januar, Jan-Uwe Fitz aka Vergraemer, die Sachbuch-Autorin Sonya Winterberg der Berner Shooting-Star Patric Marino und Wilhelm Ruprecht Frieling, im Social Web als Prinz Rupi bekannt. Stets geht es darum, wie die befragten Autoren die Entwicklungen infolge der Digitalisierung einschätzen, welche neuen Wege sie nutzen und wo sie Chancen und Risiken sehen.

Steglitz fragt bei Wilhelm Ruprecht Frieling aka @Prinz Rupi nach (Teil 3)

„Ich arbeite als Rampensau auf offener Bühne und mache mich notfalls auch zum Affen.“

Im ersten Teil des Gespräches äußerte sich Wilhelm Ruprecht Frieling, im Social Web als »Prinz Rupi« bekannt, u.a. dazu, wie er die Entwicklungen im Zuge der Digitalisierung einschätzt und welche Zukunft er der Buchbranche prophezeit. In zweiten Teil des insgesamt dreiteiligen Interviews ging es um die Stichworte Self-Publishing und E-Book. Abschließend dreht es sich heute ums Buchmarketing.

Was hältst du von der Entwicklung, dass Autoren immer mehr für ihr Buchmarketing selbst tun (müssen)?

Rupi macht sich zum Affen © R. W. Frieling

Prinz Rupi macht sich zum Affen © R. W. Frieling

Der Zwang zum Self-Marketing gilt heutzutage für Autoren wie für bildende Künstler, für Musiker, Schauspieler und alle anderen Kulturschaffenden. Selbst prominente Verlagsautoren tingeln über Land und halten ihr Gesicht in die Kameras, um ins Gespräch zu kommen und sich zu verkaufen. Schließlich drängen immer mehr Selbstdarsteller mit ihren Werken auf den Markt.

Das Web 2.0 stellt uns mit den Social Communities dutzende Plattformen zur Verfügung, die für ein gezieltes Buchmarketing eingesetzt werden können. Wer online auftritt, hat eine größere Reichweite.

Was machst du für Dein Buchmarketing außerhalb des Social Web?

Ich veranstalte Lese-Performances an schrägen Orten, gern auch in Zusammenarbeit mit unkonventionellen Musikern und Schauspielern. Auf Barcamps, Kongressen und Fachveranstaltungen trete ich mit Vorträgen zu aktuellen Themen des Publizierens auf. Firmen im Medienbereich biete ich Mitarbeiterschulungen und Fortbildungen zum Stichwort Web 2.0 an. All das führt unmittelbar zu einem Interesse an meinen Büchern.

Welche deiner Aktivitäten außerhalb des Social Web kamen besonders gut an, welche floppten?

Meine Veranstaltungen waren zu meinem Glück bisher immer ausverkauft. Beliebt sind Lesungen aus »Angriff der Killerkekse«, wo selbstverständlich auch Killerkekse zum Verzehr dargeboten werden. In meiner Show »Der Viagra-Mann kommt« bekommen die Besucher zuvor eine blaue Pille; das dient der Entspannung und Erheiterung.

Im Bereich Social Web: Welche Plattformen bevorzugst du hier für dein Buchmarketing? Warum?

Historisch bin ich in der Reihenfolge Online-Foren, Blogs, YouTube, LovelyBooks, Qype, Twitter, Facebook, Google+, Pinterest angetreten. Foren habe ich vor etwa zehn Jahren aufgegeben, das Trollunwesen machte eine vernünftige Arbeit fast unmöglich. Ich blogge seit 2006 und betreibe neben meinem Prinz-Rupi-Blog einen Literatur-, Oper- und Kunstblog sowie einen Gruppenblog mit derzeit 1.500 mitwirkenden Autoren. Insgesamt wurden über meine Blogs inzwischen weit mehr als 1,5 Millionen Leser erreicht.

Ich twittere seit 2008 mit guten Ergebnissen für mehr als 15.000 Abonnenten. YouTube ist ein toller Kanal für Tests, da habe ich knapp 400.000 Abrufe. Google+ ist für Sachthemen spannend und hat mehr Klasse als Masse. Pinterest kommt aufgrund des optischen Bezugs stark in Schwung. Über die Kindle-Community habe ich ebenso interessante Kontakte wie über LovelyBooks bekommen. Über XING werde ich zu Vorträgen und Firmenveranstaltungen eingeladen.

Und das Netzwerk, bei dem sich inzwischen alle tummeln?

Facebook wird als Bühne zunehmend uninteressant, Hobbyautoren schwimmen in diversen Gruppen im eigenen Saft und stehlen sich gegenseitig die Zeit. Sie neiden sich ihren bescheidenen Erfolg und schlagen aufeinander ein, bis das Blut spritzt. Ich bin neulich von einem talentlosen Schreiberlein als »Hassprediger« bezeichnet worden, weil ich sein Buch auf Amazon mit »nur« drei freundlichen Sternen bewertet hatte. Ein anderer schickte mit eine Anzeige wegen übler Nachrede ob einer kritischen Buchbesprechung ins Haus, die natürlich niedergeschlagen wurde. Das muss man sich mal vorstellen: So tief ist die Szene mittlerweile gesunken!

Rupi auf der Höhe © R. W. Frieling

Prinz Rupi auf der Höhe © R. W. Frieling

Bist du bei deinen ersten Schritten im Social Web planvoll vorgegangen? Setzt du für dein Buchmarketing auf eine Social-Media-Strategie?

Für mich war das die logische Fortsetzung der analogen Werbung. Ich habe mir angesehen, was es gab und das Beste daraus zu machen versucht. Sobald es Werkzeuge gab, um Rückläufe zu zählen, habe ich sie eingesetzt.

Worauf achtest du bei deiner Kommunikation im Social Web besonders?

Ich möchte meine Leser informieren und mit möglichst viel eigenem Content unterhalten. Auf keinen Fall will ich langweilen, spammen oder Links zum x-ten Mal wiederholen. Ich poste grundsätzlich keine privaten Dinge, ich arbeite stattdessen als Rampensau auf offener Bühne und mache mich notfalls auch zum Affen. Was hinter dem Vorhang passiert, geht niemanden etwas an.

Welche deiner Aktivitäten im Social Web kamen besonders gut an?

Schwer zu sagen. Meine beste Aktion in jüngerer Zeit war vielleicht Ask-A-Conductor für meinen Kunden Universal Music auf Twitter, damit konnte ich dem von mir aufgebauten Account KlassikAkzente in 24 Stunden knapp 2.000 neue Follower zuführen.

Was habe ich mir unter einer Dirigenten-Befragung bei Twitter vorzustellen?

Das war eine 24stündige Aktion auf Twitter, die unter dem Stichwort »#ask-a-conductor« weltweit ein musikinteressiertes Publikum von Melbourne über Johannisburg, New York, London bis Berlin zusammenbrachte. Weltberühmte Dirigenten wurden gewonnen, Fragen aus dem Publikum direkt per Tweet zu beantworten. In meinem Opern-Blog habe ich die Aktion ausführlich beschrieben.

Was floppte bislang im Social Web?

Lesungen im Second Life floppten aufgrund technischer Unzulänglichkeiten. Die Plattform kam zehn Jahre zu früh, sie wurde damals wie heute nur von Kennern genutzt. Auch Anzeigen für E-Books verbuche ich unter Misserfolge, weil die Kosten in keinem gesunden Verhältnis zu den Erträgen stehen. Ansonsten habe ich enormes Glück gehabt und stets schwarze Zahlen geschrieben.

Hast du Erfahrungen mit Kostenlos-Aktionen gesammelt?

Gratisaktionen sind ein großartiges Marketinginstrument, die möglichst zielgerichtet und anlassbezogen eingesetzt werden sollten. Beispiel: Zum Todestag von Richard Wagner habe ich meinen Opernführer zum »Rheingold« verschenkt. Zu meinem letzten runden Geburtstag gab ich meine Autobiografie »Der Bücherprinz« ab.

Bringt das wirklich was?

Der Name des Autors wird mit derartigen Aktionen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht: Streuwerbung ohne Kosten. Mehr als 5.000 neue Leser konnte ich damit gewinnen. Anschlussverkäufe im dreistelligen Bereich wurden generiert. Derartige Aktionen bringen allerdings nur etwas, wenn der Titel mindestens unter die Gratis-Top-Five kommt.

Social Media ist sehr zeitaufwändig. Wie sieht dein Pensum aus?

Ich war immer schon Workaholic und bin bekennender Internet-Junkie. Darum möchte ich diese Frage lieber überspringen. Nur so viel: Unter einer 80-Stunden-Woche geht es selten. Ich spiele gelegentlich mit dem Gedanken, einen Mitarbeiter für Routinen einzustellen. Doch damit wäre der Zwang zum Wachstum verbunden, und diese Phase habe ich eigentlich erfolgreich überwunden.

Ausloggen fällt dir demnach schwer?

Eines meiner Bücher heißt programmatisch »Tausend Titten tanzen Tango«. Damit beschreibe ich die endlosen Irritationen und Ablenkungen, die uns durch Klingeln, Blinken, Piepsen und Klopfen auf immer neue und raffinierte Weise im Netz verzaubern und gefangen nehmen wollen. Besonders problematisch empfinde ich dabei die zunehmend enger werdende Verzahnung der digitalen Welt mit dem Tagesalltag und seinen Abläufen. Kurz: Es kostet mich enorm viel Selbstbeherrschung, abzuschalten.

Gemälde von Jan Bouman ©  W.R. Frieling

Gemälde von Jan Bouman © W.R. Frieling

Wie regelst du Fragen der Erfolgskontrolle? Nutzt du Tools?

Jede Plattform verfügt über passende Tools. Es würde zu einem weiteren E-Ratgeber führen, hier jedes Werkzeug vorzustellen. Eine nützliche Zusammenstellung der Tools hat Wolfgang Gumpelmaier auf seiner Seite veröffentlicht.

Was sollte man als Autor/in im Social Web unterlassen? Wo verortest du Risiken?

Jeder muss sich die zentrale Frage beantworten, ob er privat auftreten will oder als Kunstfigur agiert. Beides geht meines Erachtens nicht. Ich finde es grauenvoll, wenn Autoren sich im Netz abmelden, weil sie kurz pinkeln gehen, ihren Urlaub verkünden, als würde sie tatsächlich jemand vermissen und sich dann wieder zurückmelden, um zehn Likes à la »Ach wie schön, dass Du wieder da bist« zu kassieren. Ich finde einfach nur peinlich, wenn sich Damen plötzlich als Muttis aufspielen, wildfremde Leute wecken, mit virtuellem Gebäck füttern und ihnen ein Gute-Nacht-Lied singen.

Wie schätzt du die Entwicklung ein, dass Twitter und die anderen Social Communities wie Facebook mittlerweile von fast allen Verlagen entdeckt worden sind?

Von fast allen Verlagen entdeckt? Wo siehst du das denn? Die meisten Verlage nutzen Twitter & Co in der Manier, sich ein weiteres buntes Mäntelchen in den Schrank zu hängen, weil das momentan jeder so macht. Das geschieht in vielen Fällen herz- und hirnlos. Sonst würde ich nicht immer wieder Anfragen von Verlagen bekommen, ob ich ihr Team schulen kann oder einen Twitter-Account für sie einrichte. Letzteres ist, unter uns gesagt, eine lukrative Nebenbeschäftigung …

Danke sehr, Rupi. Unser Gespräch war mir Ehre, Lehre und Vergnügen zugleich …

Ich habe zu danken, denn ich vermute, dass Du Dir mit diesem Interview nicht nur Freunde machst. Dazu polarisiere ich zu stark. Und wie heißt es so schön: »Der Mutige wird zuerst erschossen«. Dennoch hoffe ich, dass Dir der Gnadenschuss aus dem Stall der Neidhammel erspart bleibt. Ich bleibe jedenfalls mir und meinen Idealen treu und folge meiner inneren Stimme. Damit bin ich im Leben sehr weit gekommen.

Ist der Ruf erst ruiniert … So du Zeit und Lust hast, legen wir 2013 nach.

________________________________________________________________________________________________________

Wer mehr über Wilhelm Ruprecht Frieling erfahren möchte, findet ihn und seine Bücher hier im Netz:

Webpräsenzen:

Heimathafen

Herausgeber

Wikipedia

Twitter

Google+

Facebook

Pinterest

YouTube

XING

Blogs:

Prinz-Rupi-Blog

Literatur-Blog

Opern-Blog

Kunst-Blog

Autoren-Blog

Bücher:

http://www.amazon.de/Wilhelm-Ruprecht-Frieling/e/B001K1NI6G

Steglitz fragt bei Wilhelm Ruprecht Frieling aka @Prinz Rupi nach (Teil 2)

„Ich habe als überzeugter E-Booker mit der Welt von gestern gebrochen.“

Im ersten Teil unseres insgesamt dreiteiligen Interviews äußerte sich Wilhelm Ruprecht Frieling, im Social Web als »Prinz Rupi« bekannt, u.a. dazu, wie er die Entwicklungen im Zuge der Digitalisierung einschätzt und welche Zukunft er der Buchbranche prophezeit. Jetzt geht es um die Stichworte Self-Publishing und E-Book.

Welche Vorteile versprichst du dir vom Self-Publishing?

»Früher« war es schon aufregend, seine Buchkinder auf Papier zu sehen und dann im Laufe der Jahre die Entwicklung der Veröffentlichung zu erleben. Durch E-Books bekommt das Geschäft eine unglaubliche Dynamik. Meine Verkäufe haben sich verzehnfacht, verzwanzigfacht, und sie waren vorher schon nicht schlecht. Es ist alles wie in einem Bauchladen überschaubar, als Self-Publisher genieße ich die volle Kontrolle. Wenn ich müsste, könnte ich inzwischen sogar von meinen E-Book-Erlösen bescheiden leben, und das nach so kurzer Zeit … Kurz: Die E-Bookerei schenkt mir täglich Freude und neue Erkenntnisse.

Wo machst du beim Self Publishing besondere Risiken aus?

Pastell von Olaf Neumann  © W.R. Frieling

Pastell von Olaf Neumann © W. R. Frieling

Die größten Risiken sehe ich im Kontrollverlust. Es ist kinderleicht, etwas zu veröffentlichen und ein verdammt geiles Gefühl, im Handumdrehen dafür virtuelle Anerkennung zu kassieren. Das verleitet viele Autoren zum vorschnellen Veröffentlichen. Endlich können sie ihren Text mit einem einzigen Klick ans Licht der Welt bringen! Sie vermeiden, einen Text nochmals umzuschreiben, daran zu feilen, ihn zu bearbeiten oder überhaupt zu korrigieren. Sie unterschätzen dabei den Leser, denn ist der alles andere als doof. Wenn es kurz darauf negative Rezensionen hagelt und Verkaufserfolge ausbleiben, ist das Gejammer groß. Dabei ist doch der Name eines Autors für den Leser weitgehend verbrannt, wenn er einmal Müll geliefert hat. Bei dem Überangebot ist für eine zweite Chance kaum Platz.

Worauf sollten Autoren, die ihre Publikationen in die eigene Hand nehmen, besonders Acht haben?

Sie sollten sich so gut wie möglich auf die Erfordernisse des E-Book-Marktes einstellen und offen sein für jede Anregung und Kritik. Es gibt eine Reihe nützlicher Nachschlagewerke, die bei der Vorbereitung der Veröffentlichung helfen. Wichtig ist auch die Beantwortung der Frage, ob ein Korrektor oder Lektor hinzugezogen werden sollte. Es lohnt sich, in einen Profi zu investieren, denn das Ergebnis gewinnt in den allermeisten Fällen.

Deine Titel erscheinen inzwischen nahezu ausnahmslos als E-Book. Warum setzt du auf das elektronische Format?

Elektro- und Holzbücher sprechen vollkommen unterschiedliche Leserkreise an. Ich möchte beide bedienen. Darum gibt es meine älteren Bücher weiterhin auf Papier, sie wurden erst nachträglich digitalisiert, soweit ich Inhaber der Rechte bin. Die neueren Bücher werden nach und nach den umgekehrten Weg gehen und auch auf Papier erhältlich sein. Hörbücher mit brillanten Sprechern sind in Vorbereitung.

Nicole Sowade berichtete mir, dass man als »Nur«-E-Book-Autor mit Widerständen zu rechnen hat, und zwar vor allem seitens potenzieller Rezensenten. Wie siehst du das?

Self-Publisher mussten immer schon mit Ablehnung, Widerstand und Gegnern leben. Vor zwanzig Jahren argumentierte die FAZ noch, es käme »Ekelverdacht« auf, wenn Autoren ihre Werke selbst herausgeben. Nun beklagt DIE ZEIT die digitale Entwicklung und die Vorreiterrolle Amazons. Ignorieren können sie die Flut mittlerweile nicht mehr. Der Riesenerfolg von Jonas Winners »Berlin Gothic« zeigt, dass die Dämme brechen und selbst das konventionelle Feuilleton E-Books rezensiert, sobald sie einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht haben. Nika Lubitsch wurde soeben im STERN gefeiert …

Das ist aber wohl eher die Ausnahme, dass das Feuilleton …

Mir stellt sich die Frage, wem in der digitalen Szene an Rezensenten des klassischen Feuilletons überhaupt noch gelegen ist. Sind das vielleicht Autoren, die mit den Mitteln und Möglichkeiten von heute die Meinungsbildner von gestern ansprechen wollen? Sehen diese Menschen das E-Book eventuell nur als Vehikel, um von der alten Verlags- und Medienwelt angenommen zu werden? Ich habe als überzeugter E-Booker mit der Welt von gestern gebrochen und beantworte Deine Frage positiv, indem ich behaupte: Es gibt enorm viele Rezensenten; sie warten sogar schon auf uns!

Du meinst im Netz?

Ja. Viel interessanter als das abgestandene Feuilleton sind doch beispielsweise Besprechungen auf Blogs – und damit meine ich ganz bewusst nicht nur Buchblogs! Dort werden aufgeschlossene Leser direkt angesprochen. Da treffe ich meine Zielgruppen. Der Leser neuen Typs ist lediglich einen Klick weit vom besprochenen Buch entfernt, er kann es sofort lesen. Ich beobachte mein eigenes Verhalten wie das meiner Bekannten: Wir kaufen durch Anregungen in Social Communities und dank Empfehlungen von Freunden mehr Bücher denn je – und zwar meistens direkt bei Amazon. Den Empfehlungen von ZEIT, FAZ und SÜDDEUTSCHE sind wir letztmals vor gefühlten 150 Jahren gefolgt. Dabei möchte ich deren Artikel nicht missen, sie lesen sich gut, erreichen mich aber nicht mehr wirklich.

Heilversprechen sollte man sich von den unzähligen Buchblogs im Netz allerdings keine ausrechnen …

Rupi mit Skulptur von Knut van der Vinzburg  © W.R. Frieling

Rupi mit Skulptur von Knut van der Vinzburg © W. R. Frieling

Auf keinen Fall! Mit Literaturzeitschrift.de und dem zugehörigen Blog betreibe ich ja selbst eine der ältesten Rezensionsplattformen im Netz. Deshalb kann ich relativ gut beobachten, was darüber verkauft wird. Das gilt auch für LovelyBooks, Facebook, Twitter und die anderen Social-Media-Communities. Ich meine eher die »normalen« Blogs, in denen über Menschen, Themen und Schicksale berichtet wird, da sehe ich das eigentliche Potential.

Der große Vorteil der Blogosphäre ist, dass eine enge, bisweilen familiäre Bindung zwischen denjenigen, die Lesestoff empfehlen und ihren Lesern entsteht. Es ist doch so, dass eine stabile Fanbase von 500 Lesern, die garantiert jede Neuerscheinung eines Autors kaufen, schon mal eine vernünftige Ausgangsbasis sind; und das kann ich heutzutage mit gezielten Empfehlungen im virtuellen Raum locker erzielen. Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang daran, dass auch die gern zitierte amerikanische E-Book-Millionärin Amanda Hocking ausschließlich durch Blogs und Communities berühmt wurde.

Seit Start der Plattform erscheinen deine elektronischen Titel in der Kindle-Edition. Warum hier?

Amazon ist international der Vorreiter des Self-Publishings. Mit Kindle Desktop-Publishing stellt der Konzern interessierten Autoren ein mächtiges Werkzeug zur Verfügung, um ohne vorgeschalteten Zensor zu veröffentlichen. Minutengenaue Abrechnungen, jederzeitige Zugriffsmöglichkeit auf die eigenen Bücher und ein hilfsbereiter Kundendienst sind weitere Kriterien. Außerdem wird der wesentliche Umsatz im E-Book-Markt auf dem Amazonas generiert. Deshalb schreibe ich lieber neue Bücher, statt mich mit den Eigenheiten weiterer Plattformen zu befassen.

Worauf sollte man besonders achten, wenn man sich für Amazon entscheidet?

Danke für die Steilvorlage: Lies die aktuellste Version meines Buches »Kindle für Autoren oder: Wie veröffentliche ich ein Buch auf Amazon.de«. Da steht alles drin, was ein Autor beachten muss.

Ein paar Tipps werde ich dir hier schon noch entlocken … Wie verfährst du mit dem Kopierschutz?

Ich folge dem Vorbild der Musikindustrie und verzichte auf Kopierschutz. Digital Rights Management (DRM) reizt doch nur, den Schutz zu knacken. Das kann übrigens jeder Amateur mittels frei verfügbarer Programme. Schon aus diesem Grunde sind DRM-Systeme für Bücher ein Altherrenwitz. Der Schlüssel der Problematik liegt für mich im Buchpreis. Werden E-Book zu Wucherpreisen angeboten, dann lohnt der Aufwand, sie zu knacken und zu vervielfältigen. Bei E-Books zu vernünftigen Preisen kommt niemand auf die Idee.

Was hältst du generell von den Diskussionen rund um das Pricing beim E-Book?

Der Buchpreis ist als Marketing-Instrument abhängig vom Bekanntheitsgrad des Autors und von seinem Sujet. Durch meine Interviews mit erfolgreichen E-Bookern weiß ich, dass einige von ihnen mit Gratisaktionen starteten und darauf ihren wundervollen Erfolg gründen. Nika Lubitsch steht für diesen Weg.

Welchen Festpreis das E-Book letztlich haben sollte, hängt auch von den Intentionen des Autors ab. Will man mittelfristig davon leben? Dann kann sich jeder selbst ausrechnen, wie viele Bücher zu 99 Cent verkauft werden müssen, um auf den gleichen Erlös zu kommen, der beispielsweise bei € 2,99 beschieden ist: Etwa sechsmal so viel! Oder will man erst einmal bekannt werden und ein paar Jahre für seinen Namen und sein Programm werben? Dann zählt jedes verkaufte Buch und es geht darum, möglichst viele Exemplare abzusetzen. Dies wird durch möglichst niedrige Preise beflügelt.

In dem Zusammenhang sollten wir uns aber auch klar machen, dass vom überwiegenden Teil der rund aktuell 230.000 deutschen E-Book-Titel weniger als 100 Exemplare pro Jahr verkauft werden. Es gibt nur wenige hundert Autoren, die jährlich mehr als 10.000 Exemplare und eine Handvoll, die mehr als 100.000 Stück an den Leser bringen. Von amerikanischen Millionenumsätzen sind wir noch Lichtjahre entfernt. Daraus folgt: Die große Mehrheit der Self-Publisher muss in der derzeitigen Phase der Entwicklung darauf orientieren, größere Stückzahlen unter die Leute zu bringen.

Meinst du, dass dem E-Book die Zukunft gehört?

Dem Lesen gehört die Zukunft. Dabei ist es sekundär, ob Texte handgeschrieben auf Pergament, in gedruckten Büchern, Hörbüchern oder E-Books Brücken zum Wort schlagen.

Unübersehbar verdrängen Elektrobücher in greifbarer Zukunft einen Teil der bisherigen Papierbuchproduktion. Das gilt besonders für die Unterhaltungsliteratur. Es ist viel unkomplizierter, mit einem gut bestückten Reader durchs Leben zu reisen als ständig eine zentnerschwere Bibliothek zu schleppen. Bei Sachbüchern haben die Reader bereits das Rennen gewonnen. Die Möglichkeit der ständigen Aktualisierung von Inhalten ist dem herkömmlichen Auflagendruck himmelhoch überlegen.

Nun nenne mir bitte doch drei ultimative Tipps: Was macht einen erfolgreichen E-Book-Autoren aus?

Rupi mit Kurt Krömer beim Echo © W. R. Frieling

Rupi mit Kurt Krömer beim Echo © W. R. Frieling

Was ist Erfolg? – Rund 25.000 verkaufte Exemplare eines Titels brauchte es, um im ersten Kindle-Jahr 2011 einen der Spitzenplätze der Amazon-Jahres-Hitparade einzunehmen. Entsprechend viel verkaufte Kollege Matthias Matting, der erfolgreichste Kindle-Autor des Jahres 2011. Wer 10.000 verkaufte Einheiten aufweisen konnte, bewegte sich seinerzeit bereits in den oberen Etagen der Amazon-Verkaufscharts.

In 2012 sind die Zahlen bereits deutlich nach oben geschnellt. Es wurden inzwischen mehrere Millionen Kindle-Reader verkauft und eine entsprechend lesehungrige Leserschaft gewonnen. Jetzt sind mindestens 120.000 verkaufte Einheiten erforderlich, um zum Jahresende in die Top Ten zu kommen. Martina Gercke verkaufte allein im ersten Halbjahr 2012 via Amazon 100.000 Exemplare «Holunderküsschen« à € 2,99. Nika Lubitsch benötigt monatlich deutlich mehr als 20.000 Verkäufe, um die grauen Schatten zu verdrängen und sich auf Platz 1 der Bestsellerliste zu behaupten. Diese Zahlen sind der aktuelle Maßstab für die Definition von »Erfolg«.

Abermals umschiffst du konkrete Tipps!

Allzu gern würde ich Dir hier den Stein der Weisen auf den Tisch legen und nach allen Regeln der Kunst ausleuchten. Aber ich habe ihn (noch) nicht gefunden, und auch die anderen Erfolgsautoren die ich ausgequetscht habe, stehen teilweise ratlos vor ihrem eigenen Erfolg.

Aus meiner Sicht sind folgende Aspekte wichtig:

  1. Content rules. Thema, Inhalt und Aktualität dessen, was in einem Buch steht, sind immer noch das Nonplusultra im Buchgeschäft. Dabei sind Sachbuchautoren aufgrund der Aktualisierungsmöglichkeiten deutlich im Vorteil.
  2. Das Cover eines E-Books muss auch im Briefmarkenformat funktionieren und den potentiellen Lesern anspringen.
  3. Der Klappentext zu einem Buch muss klar und wahr sein. Er sollte den Leser in Bann ziehen und zwingen, das Buch ohne lange Bedenkzeit zu erwerben.
  4. Der behutsame Aufbau einer intelligenten und lebendigen Fanbase ist wichtig – damit meine ich allerdings keinesfalls jene stumpfen Claqueure, die loshüpfen und jede kritische Rezension als »nicht hilfreich« abstrafen, denn das schadet dem Autor langfristig.
  5. Jede Kritik, so hart sie auch treffen mag, ist positiv und hilfreich. Nichts ist schlimmer, als totgeschwiegen zu werden.

Zum Thema noch ein persönlicher Nachsatz: Man kann es nie allen recht machen, und wer von allen geliebt werden möchte, wird zum Arsch ohne Ohren.

Ein gar treffliches Bild, Rupi. – Welche Illusionen sollte sich ein E-Book-Autor abschminken?

Dass die Welt darauf wartet, dass gerade er/sie endlich sein Werk veröffentlicht und ihn/sie dafür entlohnt!

Im dritten und letzten Teil unseres Gesprächs, der am 21. Dezember erscheint, steht Rupi rund ums Buchmarketing Rede und Antwort.

Steglitz fragt bei Wilhelm Ruprecht Frieling aka Prinz Rupi nach

„Ein Verleger, der sich abschafft und dabei auch noch Spaß empfindet.“

In der Buchszene kennt man Wilhelm Ruprecht Frieling, der Autor, Fotograf, Redakteur und Verleger in einer Person ist. So war er u.a. für das Börsenblatt für den deutschen Buchhandel tätig. Als Autor von Sachbüchern und Ratgebern sammelte er vielfältige Erfahrungen mit Publikumsverlagen. Bekannt wurde er mit dem Slogan »Verlag sucht Autoren«, unter dem er in den 80er Jahren ein für die damalige Bundesrepublik neues Geschäftsfeld eroberte, nämlich den Zuschussverlag. Den Frieling-Verlag Berlin, der heute unter dem Namen Frieling & Huffmann GmbH & Co KG firmiert, verkaufte er 2002.

Rupi, im Social Web als »Prinz Rupi« bekannt, fiel mir bei Twitter auf, wo er seit Mai 2008 aktiv ist. Sich selbst nennt er einen »Digital Consultant«, der im Kulturbereich wirkt und u.a. Universal Music berät. Er bloggt seit langem und hat bereits E-Books vorgelegt, als das elektronische Format hierzulande noch wenig von sich reden machte. Sein erstes »richtiges« E-Book nach diversen PDF-Experimenten, »Twitter kann viel Freude schenken / musst nur lust´ge Tweets versenden«, erschien 2009 und war seinerzeit das erste Buch mit Twitter-Versen. Aktuell liegen 20 E-Books von ihm vor, die seit Start der Plattform im April 2011 vornehmlich in der Kindle-Edition erscheinen.

Während Rupi bis vor einigen Jahren auch Ratgeber vorlegte, die Tipps zum kreativen Schreiben beinhalten, beschäftigt er sich in diesem Umfeld heute mit Fragen, was einen erfolgreichen E-Book-Autor ausmacht. – Das wollte ich natürlich genauer von ihm wissen. Zunächst habe ich den Branchenkenner allerdings danach befragt, wie er die Auswirkungen der Digitalisierung einschätzt und ob er die Buchbranche für zukunftsfähig hält.

Rupi mit seiner großen Liebe © W. R. Frieling

Wie kam es zur Gründung des Frieling-Verlages 1983?

Ich hatte ursprünglich mit einer Einzelfirma begonnen. Da sich die Geschäftstätigkeit relativ schnell ausweitete und meine Buchprojekte gut liefen, wandelte ich das Unternehmen 1983 in eine Werbe- und Verlagsgesellschaft um, die Frieling & Partner GmbH. Geld wurde anfangs mit klassischer Werbung für Markenartikler verdient, Gewinne wurden in den Verlag investiert. Mein Verlagskonzept war, Self-Publishern die Veröffentlichung eigener Werke zu ermöglichen. Als erster deutscher Verleger trat ich unter dem Slogan »Verlag sucht Autoren« öffentlich dafür ein, dass jeder, der es wollte und es sich leisten konnte, auch die Chance bekam, sich dem Publikum zu stellen. Schließlich sind Verleger dazu da, eine Brücke zwischen Autor und Leser zu schlagen.

Hier gilt freilich: Buch gegen Geld …

In der Verlagsszene war es bereits damals üblich, Bücher subventionieren zu lassen. Es gab kaum einen etablierten Verlag, der ein Unternehmen, einen öffentlichen Auftraggeber oder einen potenten Sponsor, der mit dem Scheckbuch wedelte, von der Bettkante gestoßen hätte. Absolut verpönt war es jedoch, darüber öffentlich zu sprechen oder dies gar zur Geschäftsidee zu erheben. Entsprechend negativ war das Echo innerhalb der mafiotisch organisierten Szene darauf, dass ein Insider »plauderte«. Doch das war mir egal, denn nur wer wagt, gewinnt.

Gewonnen hast du ja …

Im Ergebnis entwickelte sich meine Geschäftsidee stetig und schnell: In den 20 Jahren, die ich den Verlag führte, veröffentlichten wir Texte von mehr als 10.000 Autoren. In Spitzenzeiten produzierten wir täglich ein neues Buch und schufen damit ein Programm, über das beispielsweise »Der Spiegel« urteilte: »Es ist das schrägste, originellste und individuellste Verlagsprogramm weit und breit. Und kein anderer Verleger hat so viele Autoren glücklich gemacht«. Ende 2002 verkaufte ich den Verlag, da ich Kraft für eine Chemotherapie brauchte. Dadurch gewann ich auch Zeit, mich mehr um meine eigenen Bücher zu kümmern, die Möglichkeiten des Web 2.0 zu nutzen und andere Künstler zu fördern.

Zuschussverlage drucken bekanntlich alles, auch Mist. Rührt sich bei einem literarisch versierten und interessierten Verleger nicht bisweilen ein schlechtes Gewissen?

 © W. R. Frieling

© W. R. Frieling

Sorry, aber diese Unterstellung stammt von Zeitgenossen, die vom Verlagswesen wenig verstehen. Erstens ist der Begriff »Zuschussverlag« falsch, denn der Auftraggeber gibt keinen »Zuschuss«: er zahlt die Dienstleistung, die er in Auftrag gibt, vollständig. Insofern wäre die Bezeichnung »Dienstleistungsverlag« sicherlich treffender.

Zum zweiten drucken fast alle Verlage auch mal »Mist«; einige machen damit sogar richtig Umsatz. Ich kenne Verlegerkollegen, in deren Häusern Lebensbeichten von TV-Sternchen, Stummeldeutsch von Fußballspielern und Gewäsch von Berufspolitikern zwischen Buchdeckel gepresst werden. All diese Kollegen sind literarisch versiert und interessiert. Sie haben ein gutes Gewissen, weil sie mit diesen Umsatzbringern ihre Unternehmen in den schwarzen Zahlen halten. Ansonsten könnten sie ihren Job nicht meistern. So war es auch bei mir, unsere Rendite stimmte.

Von Alfred Döblin, dem Autor von »Berlin. Alexanderplatz« stammt übrigens ein passendes Bonmot zum Thema: »Der Verleger schielt mit einem Auge nach dem Schriftsteller, mit dem anderen nach dem Publikum. Aber das dritte Auge, das Auge der Weisheit, blickt unbeirrt ins Portemonnaie.«

Haben Zuschussverlage in Zeiten, in denen Self-Publishing zum Kinderspiel wird, überhaupt noch Überlebenschancen?

Verlage, die Self-Publishern Dienstleistungen anbieten, haben wie vor 30 Jahren beste Überlebenschancen, wenn sie die Bedürfnisse der Zielgruppe kennen und bedienen. Gerade im digitalen Bereich, in dem das Publizieren scheinbar zum Kinderspiel wird, ist Hilfestellung dringend notwendig. Das beginnt beim Korrekturlesen, geht über Lektorat und Formatieren in die entsprechenden Dateiformate bis hin zu PR und Werbung. Die Rechteverwertung will ich gar nicht erst ansprechen. Nahezu täglich springen deshalb neue seriöse und weniger seriöse Unternehmensplattformen auf den Markt und umwerben diejenigen, die mit ihren Texten auf den Markt drängen. Es herrscht Goldgräberstimmung!

Wie schätzt du die Entwicklung ein, dass Verlage ihre Rolle als Gatekeeper zunehmend einbüßen?

Auch dem klassischen Feuilleton dämmert inzwischen, dass im Verlagswesen ein Wandel stattfindet. Im Deutschlandfunk hieß es gerade in einer Rezension meiner Autobiographie »Der Bücherprinz«: »Ein Verleger, der sich abschafft und dabei auch noch Spaß empfindet.« Damit ist meine persönliche Position gut getroffen.

Wir erleben derzeit die Ära des selbstbestimmten Publizierens. Erstmals in der Geschichte des geschriebenen Wortes gewinnt die Autorenschaft: Sie kann im Ergebnis der digitalen Revolution zensurfrei am Markt teilnehmen. Aus Bittstellern, die bislang an den Toren der etablierten Verlage kratzten und sich im Erfolgsfall deren geschmacklichen und ökonomischen Vorgaben anpassen mussten, sind über Nacht selbstbewusste Publizisten geworden. Autoren werden zu Herren ihres eigenen Schicksals und erlösen Tantiemen, die ihnen kein klassischer Buchverlag in dieser prozentualen Höhe bietet.

Der moderne Autor kommt ohne die klassischen Torwächter eines vermeintlichen Zeitgeistes aus. Er macht sein eigenes Ding, über dessen späteren Erfolg die Leserschaft direkt entscheidet. So wurden erstmals in der Geschichte des Verlagswesens im Jahre 2008 weltweit mehr selbst verlegte Bücher herausgegeben als solche, die über Verlage in den Markt gelangten. Im Jahr 2009 wurden bereits 76 Prozent aller Bücher im Eigenverlag veröffentlicht, wobei die Zahl der von Verlagen produzierten Bücher zurückging.

Für Deutschland gibt es keine vergleichbaren Marktzahlen …

Schau dir beispielsweise die Entwicklung der Libri-Tochter Books on Demand (BoD) in Norderstedt an. Die haben 2011 um 75 Prozent zugelegt. Ebenso haben fast alle anderen Dienstleisterverlage Umsatzsteigerungen erzielt, obwohl sie von denjenigen Marktteilnehmern, die sich für etwas Besseres halten, mit dem Einzug der E-Books für tot erklärt wurden.

Hast du eine Erklärung, warum sich die Buchbranche mit den Entwicklungen vielfach so schwer tut?

Rupis erste Liebe © W. R. Frieling

Rupis erste Liebe © W. R. Frieling

Die Buchbranche tut sich ebenso schwer mit den digitalen Herausforderungen wie es seinerzeit die Musikindustrie tat. Sie beginnt nur Jahrzehnte später, die Veränderung der Welt wahrzunehmen. Statt nun als Langschläfer von denjenigen zu lernen, die bereits viel Lehrgeld gezahlt haben, meinen die Buchmacher, sie seien etwas Besonderes und wollen alle Erfahrungen selbst machen.

Eine Branche, die sich seit Jahrhunderten ihrer Pfründe sicher war, erlebt mit der digitalen Revolution den Einzug eines trojanischen Pferdes in ihre heiligen Hallen: Plötzlich machen Leute Umsatz und bestimmen das Geschehen mit, von denen sie nie zuvor gehört oder gelesen haben. Noch schlimmer: Manche dieser Marktteilnehmer hatten teilweise zuvor an ihre Türen geklopft und wurden als ungeeignet abgewiesen. Was jedoch am schlimmsten wirkt, ist die eigenständige Rolle des Leser: Jetzt taucht der Leser, der bisher durch Werbung und mediale Kontrolle geschickt zu führen war, als eigenständige Größe auf. Und dieser Leser will zu allem Überfluss noch etwas lesen, das die Verlage für schlecht befanden. So gerät das Selbstverständnis der Buchwelt samt des mit ihr verbandelten Hochfeuilletons ins Rutschen.

Eine weitreichende Revolution, die sich nicht allein auf die Produktionsprozesse und Distributionswege beschränkt, sondern auch die Kulturtechniken des Lesens und Schreibens erfasst…

Die Grenzen zwischen Lesen und Schreiben werden porös. Leser entwickeln sich gleichzeitig zu Produzenten und werden selbstständig. Das bedeutet Kontrollverlust und daraus folgernd auch Umsatzrückgänge für diejenigen, die bislang ausschließlich mit der Macht des Marketings Bestseller vorherbestimmen konnten. Es geht um viel mehr, als gedruckte Bücher auch in digitaler Form lesen zu können oder das Papierbuch durch das Elektrobuch zu verdrängen: Es geht um eine andere Art des Schreibens, Veröffentlichens und Lesens, die am Horizont winkt!

Kritik entzündet sich auch am Börsenverein, dem nachgesagt wird, mehr darauf Wert zu legen, angestammte Pfründe zu wahren anstatt sich den Herausforderungen zu stellen. Wie siehst du das?

Der Börsenverein als Standesorganisation war schon immer berüchtigt, sich ausschließlich für die Abwehr von vermeintlichen Gefahren einzusetzen, die vor allen seinen großen und kapitalkräftigen Mitgliedsbetrieben drohen, statt sich um Innovationen und Fortschritt zu kümmern. Interessen kleinerer Mitgliedsbetriebe wurden nie ernst genommen; Versuche junger Unternehmen, neue Wege zu gehen, wurden belächelt und totgeschwiegen. Der Börsenverein ist ein Verhinderungsclub statt Visionär und Wegbereiter zu sein. Es wird höchste Zeit, dass sich dieser Veteranenverein neu erfindet, um wieder attraktiv zu werden.

Eine klare Ansage, Rupi. Was stößt dir bei den Diskussionen rund um die Zukunft des Buches besonders auf?

Das aktuelle aufeinander Einschlagen der Holz- und Elektrobuch-Fraktionen nervt. Es ist ähnlich unproduktiv wie das Gerede zwischen der »hochwertigen« Presse und der Internet-»Journaille«, das sich glücklicherweise inzwischen gedreht hat.

Hat sich das wirklich gedreht?

Im Journalismus hat sich das Blatt gedreht. Bei den Buchautoren noch nicht, was natürlich auch daran liegt, dass viele »Indies« unvorstellbaren Müll produzieren, keinen Wert auf sprachliche Qualität, Rechtschreibung und Grammatik legen sowie streckenweise – der aktuelle Fall Martina Gercke belegt es anschaulich – auch noch von anderen abschreiben.

Insgesamt wäre ein Miteinander zum Wohle des Lesens sinnvoller. Ein Buch entfaltet seinen Zauber stets erst im Kopf des Lesers: Da muss es hinein. Dabei ist zweitrangig, ob es auf Papier oder im Rechner gelesen beziehungsweise als Audiobuch vorgelesen wird.

Ich kann allerdings gut verstehen, wenn der kleine Sortimentsbuchhändler an der Ecke sauer auf die E-Book-Entwicklung reagiert, die er als existenzbedrohend wahrnimmt. Der Börsenverein lässt ihn auch allein, statt innovativ zu helfen. Ebenso gut verstehe ich die Verbitterung der Kleinverleger, wenn ein Buchhändler nur Bücher will, die vom Barsortiment geführt werden, das wiederum kleine Unternehmen ungern listet.

Was glaubst du, wie wird sich der Buchmarkt zukünftig entwickeln?

Publishers Weekly nannte am 14. April 2010 die stolze Zahl von 764.448 Titeln, die anno 2009 durch Self-Publisher veröffentlicht wurden. Dieser Position standen 288.355 Bücher aus Verlagen gegenüber. Insgesamt wurden damit in dem Jahr mehr als eine Million Bücher herausgegeben, mehr als je zuvor.

Ursache für diese explosionsartige Veränderung der Buchlandschaft ist der technologische Fortschritt. An erster Stelle stehen die Digitalisierungsprozesse von Satz und Druck und die damit verbundene bedarfsorientierte, kostengünstige Print-On-Demand-Technologie. Bücher müssen heutzutage erst gedruckt werden, wenn tatsächlich jemand danach verlangt, und das spart nicht nur Papier, sondern auch Lagerhaltungskosten und eine Menge teurer Logistik.

Durch die Entwicklung von E-Books, die inzwischen mehr können als Seiten im starren PDF-Format abzubilden, entsteht eine zweite, vollkommen neue Front des Lesens und Publizierens. Diese schockiert mit ihrer enormen Kraft die mehrheitlich hilflos reagierende Verlagswelt.

Marshall McLuhan prägte 1962 den Begriff der Gutenberg-Galaxis, in der die Welt grundlegend vom Buch als Leitmedium geprägt ist. Das Gutenberg-Zeitalter wird auch als Periode der »Explosion« bezeichnet. Damit ist die Ausweitung des Menschen in den Raum gemeint, allerdings ist sie noch gekennzeichnet durch ein allgemein langsames Tempo, durch eine Verzögerung der Reaktionen auf die Aktionen. Diese Verzögerung wird erst abgelöst durch das »Zeitalter der Implosion«, auch »elektronisches Zeitalter« genannt, das wir mit dem Web 2.0 erleben dürfen.

Und wie sieht deine Vision vom elektronischen Zeitalter aus?

Das elektronische Zeitalter wird uns mit vollkommen neuen Formen des Lesens konfrontieren. Das, was wir derzeit als E-Books kennen, ist dabei nur der allererste Entwicklungsschritt. Das klassische Buch in seiner fest gebundenen Form löst sich auf; Texte agieren immer stärker mit Bildern, Klängen und Interaktionen. Lesen wird zum Gemeinschaftsprozess, bei dem der einzelne Leser nicht mehr im stillen Kämmerchen schmökert, sondern in Kontakt mit Menschen kommt, die ebenfalls das Buch lesen oder gelesen haben und mit ihnen kommuniziert. Der Leser wird das Geschehen in einem Roman mitentscheiden können. Er wird, ähnlich wie in einem Computerspiel, per Klick bestimmen, ob der Held stirbt oder lebt; ob Susi mit Karsten, Rüdiger oder Yvonne ins Bett geht.

Und der Autor von morgen?

Rupi beim Twittwoch  © W. R. Frieling

Rupi beim Twittwoch © W. R. Frieling

Auch die Rolle des Autors wird sich in diesem Prozess viel stärker ändern als es derzeit vorstellbar ist. Wir werden sehr bald Hilfsmittel wie eine »Bestseller-Writing-App« in Händen halten, die das maßgeschneiderte Schreiben von Büchern, die unmittelbar auf die Bedürfnisse des Lesers abgestimmt sind, ermöglicht. Bereits heute schreiben Maschinen kürzere journalistische Texte, und keiner merkt es! In Kürze werden diese Roboter auch Prosa verfassen. Auf Autoren aus Fleisch und Blut warten damit vollkommen neue, bislang undenkbare Aufgaben und Herausforderungen.

Schließlich wird das Verhältnis von Leser und Lesestoff ein anderer: Wir werden bereits heute von den Büchern, die wir digital lesen, »beobachtet«; die Lesegeschwindigkeit, die Häufigkeit des Umblätterns, das Unterstreichen (Markieren) von Textpassagen werden von den Readern und Apps an die entsprechenden Plattformen übermittelt und dort ausgewertet. – Ja, wozu wohl? – Diese Daten sind extrem wertvoll, weil sie exakt messbare Aufschlüsse über das Leseverhalten geben, die wiederum in neue Buchprojekte eingearbeitet werden können.

Muss uns das nicht auch ängstigen?

Ich kann gut verstehen, wenn manch einer sorgenvoll in die Zukunft schaut. Aber die Kulturgeschichte der Menschheit zeigt auch, dass es stets Bedenken und Mahner bei Innovationen gab, bevor sich diese durchsetzen konnten. Als Gutenberg den Druck mit beweglichen Lettern erfand, jammerten Adel und Kirche, ein Werteverfall finde statt. Dabei wurden vollkommen neue Werte, die seit Jahrhunderten allseits anerkannt sind, geschaffen. Ich vermute stark, dass es jetzt wieder so sein wird.

Würdest du heute abermals mit einem Verlag an den Start gehen? Wenn ja, wie sähe ein zeitgemäßes Geschäftsmodell aus?

Jederzeit würde ich, entsprechende jugendliche Frische vorausgesetzt, wieder einen Verlag gründen. Ich kann mir keine schönere Beschäftigung vorstellen, als Tag für Tag mit interessanten Menschen zu kommunizieren, ihre Fantasien, Träume und Ideen kennen lernen zu dürfen und daraus innovative Projekte zu machen.

Du hast vor zehn Jahren doch den Internet-Buchverlag …

Nach meinem Ausstieg aus dem Verlag Frieling & Partner gründete ich 2003 den Internet-Buchverlag, mit dem ich Texte in der Tradition des »New Journalism« verbreiten wollte. Dabei handelt es sich um einen Reportagestil, der Mitte der Sechziger Jahre aufkam und von dem Schriftsteller Tom Wolfe begründet wurde. Truman Capote, Norman Mailer und Gay Talese und der »Gonzo«-Journalist Hunter S. Thompson sind weltberühmte Vertreter des Stils.

Schließlich interessiere ich mich für dadaistische und expressionistische Lyrik wie die von Jakob van Hoddis, dessen »Weltende« ich als E-Book verlegt habe. Leider gibt es im deutschsprachigen Raum wenig Autoren, die in diese Genres passen und zugleich unterhaltsam erzählen können; deshalb nutze ich den Verlag als Experimentierbühne für eigene Veröffentlichungen im Print-on-demand und E-Book. Alles, was ich vorher im Printbereich gelernt und getestet habe, kann ich hier nun erneut einsetzen und auf Tauglichkeit prüfen.

Und du behältst dein Wissen und deine Erfahrungen nicht für dich …

Im Ergebnis war ich im Frühjahr 2011 beispielsweise sofort am Start mit meinem Ratgeber »Kindle für Autoren oder: Wie veröffentliche ich ein Buch auf Amazon.de?«, von dem im Laufe eines Jahres 12.000 Exemplare verkauft wurden. Und wenn Erfolgsautoren wie Nika Lubitsch, Carina Bartsch und Jonas Winner heute öffentlich sagen, dass dieses Buch ihnen den Einstieg ins E-Book-Geschäft bescherte, dann macht mich das natürlich auch stolz und glücklich.

In Teil 2 des Gesprächs erfahren wir u.a., warum der überzeugte E-Booker Rupi mit der Welt von gestern gebrochen hat, wieso er auf den Platzhirsch Amazon setzt und worauf man als Self Publisher besonders achten sollte. – Zu lesen ist das hier ab Freitag, den 14. Dezember.

„Soap“. Eine Seifenoper – oder ein Lehrstück über Selfpublishing?

Michael Meisheit ist ein erprobter Autor, der seit 15 Jahren erfolgreich Drehbücher für die populäre Fernsehserie „Lindenstraße“ schreibt, die immer sonntags um 18:50 Uhr im Ersten läuft. Deutschlands älteste Seifenoper hat eine Stammkundschaft von ca. 3 Millionen Zuschauern. Meisheit ist als ihr Autor bekannt und im Mediengeschäft entsprechend erfahren.

Spannend finde ich, dass der gut vernetzte Drehbuchautor trotz seiner Bekanntheit auch einer von denen ist, die ihre Bücher nicht auf herkömmlichen Wegen veröffentlichen. Wie viele andere  wog er Chancen und Risiken hinsichtlich Selfpublishing ab, um den Schluss zu ziehen, dass die Vorteile überwiegen. Mehr noch, er geht sogar einen Schritt weiter. In einem Kommentar bei SteglitzMind erklärte er unumwunden, dass ihm „die Frage, ob ein Verlag den Roman genommen hätte, fast albern vorkommt.“

Da ich dem näher auf den Grund gehen wollte, habe ich mich eingehender mit seinem Debüt als Indie-Autor beschäftigt. Ist seine Geschichte exemplarisch? Was prädestiniert ihn als Selfpublisher?

Coverentwurf (c) Henk Wyniger_2

Diese Idee wurde präferiert © Coverentwurf: Henk Wyniger

Für seine Entscheidung, seinen Roman mit dem Titel „Soap“ auf eigenen Wegen herauszubringen, sprechen meines Erachtens eine Reihe von Faktoren. Er ist ein eingeführter Autor. Bedingt durch seinen Job verfügt er über einige persönliche Kontakte zu Journalisten. Er experimentiert gerne und nutzt die neuen Möglichkeiten seit Jahren, die das Netz Autoren bietet. Er hat schon gebloggt als es hierzulande noch kaum einer tat, nämlich vor mehr als zehn Jahren auf jetzt.de. Mit seinem Projekt „Vanessa X“ startete er im August 2011 die erste deutsche Science-Fiction-Blog-Novela. Er hat außerdem ein professionelles Team im Rücken, das seine Projekte ehrenamtlich unterstützt, und – schlussendlich – existierte auf seinem Rechner seit zehn Jahren ein Ordner, in dem sich das Romanmanuskript befand.

Als Meisheit sich im Sommer dieses Jahres darauf besann, waren die technologischen Voraussetzungen für Eigenverleger gegeben und inzwischen relativ leicht handelbar. Die ersten deutschen Selfpublisher machten mit Erfolgen öffentlich von sich reden. Das spornt natürlich an, Titel aus eigener Kraft auf den Markt zu bringen. Erfolg versprechend war in seinem Fall in meinen Augen auch, dass „Soap“ eine klar umrissene und zudem reichweitenstarke Zielgruppe hat. Erzählt wird darin von einer fiktiven Fernsehserienproduktion namens „Schöneberg“, wo der junge Filmstudent Lukas als Serienautor eine Beschäftigung findet. Der Romantitel „Soap“ ist Programm. Nicht allein, weil die Erlebnisse des Helden wie eine Seifenoper daherkommen, auch die strukturellen Elemente spielen gekonnt mit Soap-Stilmitteln. Womit der unterhaltsam-spritzige Roman Fans der „Lindenstraße“, Liebhaber von Soap bzw. von Fernsehserienproduktionen und natürlich all jene anspricht, die sich für einen Blick hinter die Kulissen von Fernsehserien interessieren.  – Gleichwohl dürfte sich Meisheit bewusst gewesen sein, dass die Produzenten der „Lindenstraße“ seinen Alleingang mit „Soap“ nicht promoten würden.

Auch getrieben vom Impuls, dass Autoren sich ihr Publikum neu erschließen müssten, beschloss Meisheit, die Arbeit am Text, das Prozedere der Publikation und das sich anschließende Buch-Marketing öffentlich zu machen. Für seine Gehversuche als Indie-Autor nutzte er ab 14. Juli 2012 seinen Blog. Ebenso zum Einsatz kam sein Twitteraccount, das seit Mai 2009 existiert, und Facebook, wo für „Soap“ im Oktober 2012 eine Fanseite eingerichtet wurde. – Der Entscheidung, auf diese Kanäle zu setzen, kam sicherlich entgegen, dass sich „Lindenstraßen“-Fans und Soap-Liebhaber gerne in Foren und Netzwerken aufhalten. Bei Twitter hat die „Lindenstraße“ ein eigenes Account und Meisheits Blog besuchen Fans der Serie seit jeher gerne.

Das Cover kam auch nicht an  © Entwurf: Henk Wyniger

Dieses Cover fiel durch © Entwurf: Henk Wyniger

Von Anfang an war es sein Ziel, interessierte Leser aktiv in den Entstehungsprozess einzubinden. Deshalb veröffentlichte er nicht nur Kapitelauszüge und Posts über die Genese des  Projekts, er regte vielmehr fortlaufend Diskussionen an. So wurde etwa gemeinsam für den Protagonisten ein Name gesucht. Auch wurde mit ihnen darüber diskutiert, wie viel Sex bzw. nackte Haut sein dürfe oder ob eine auktoriale Erzählhaltung („Klugscheißer“) durch den Roman trüge. Testleser übernahmen Lektorat und Korrektorat. Ohne das Team hätte „Soap“ heute beispielsweise einen völlig anderen Umschlag. Das Cover, das Meisheit und sein Illustrator Henk Wyniger präferiert haben, fiel bei der Abstimmung glatt durch.

Von den günstigen Startbedingungen einmal abgesehen, scheint mir Michael Meisheit in mancherlei Hinsicht prototypisch für eine neue Selbstverlegergeneration zu sein. Sie sind zumeist internetaffin und schlagen auch deshalb selbstbewusst innovative Wege ein, weil sie von den Möglichkeiten fasziniert sind, die das Internet Autoren bietet. Ein schmales Budget machen sie durch originelle Ideen und innovative Wege wett. Dass sie dem klassischen Verlagswesen absagen, hat vielfach auch mit einschlägigen Erfahrungen zu tun. So auch bei Michael Meisheit, dessen Roman vor zehn Jahren einer Literaturagentin zwar zu Gefallen war, weil der Stil überzeugte, das Soap-Sujet allerdings nicht. Medienthemen, so deren Ansage, würden im Roman nicht funktionieren. – Ein Stachel im Fleisch?

Allerdings beschränkt sich der „Selbstversuch“, wie Meisheit sein „Soap“-Projekt nennt, nicht nur auf den Publikationsweg. Nebenbei stellt der Indie-Autor damit auch herkömmliche Produktions- bzw. Schreibprozesse in Frage. Seit seinem Versuch mit dem Blogroman „Vanessa X“ experimentiert er im Netz mit Erzählformen, -arten und -haltungen. „Vanessa X ist ein erster Versuch, durch Links und auch durch die Interaktion mit Social-Media-Plattformen eine fiktive Welt zu schaffen, die über einen bloßen Text hinausgeht“, wie er im Oktober 2011 in einem Gespräch mit der Klappentexterin u.a. ausführte. – Seiner Entscheidung für eine interaktive Arbeitsweise im Schulterschluss mit Blogbesuchern, Fans, Followern und Lesern, mag freilich auch entgegengekommen sein, dass Serienautoren im Team schreiben. Mit tradierten Vorstellungen vom Künstler, der sein Werk im Alleingang und in Abgeschiedenheit verfasst, haben diese Autoren wohl eher nichts gemein.

Schön finde ich, dass Michael Meisheit sein Debüt als Indie-Autor auf seinem Blog von Anfang an dokumentiert hat. So kann man dort nicht nur die Genese des Romans bis zum Erscheinen als Print und eBook verfolgen. Auch das „Auf und Ab“ ist dort festgehalten: Welche Publikationsformen und -plattformen eignen sich, was dürfen Taschenbuch und eBook kosten, ist das Ende stimmig? Regelrecht mitfiebern muss man beim Blogpost vom 20. November, in dem nachzulesen ist, wie Meisheit sein Buch bei Amazons Tochterunternehmen CreateSpace hochlädt. Umso größer ist die Erleichterung, als er sein gedrucktes Buch endlich in Händen hält. Das Bild, das er am 23. November postet, zeigt einen rundum zufriedenen Selfpublisher, der seinen Erstling stolz präsentiert.

Ich freue mich sehr, dass Michael Meisheit hier demnächst Rede und Antwort steht. Dann werden wir u.a. von ihm erfahren, was er fürs Buchmarketing tut und wie sich der Alleingang mit „Soap“ rechnet.

Steglitz fragt bei Patric Marino nach (Teil 2)

„Es gibt in der Schweiz einen Kleingeist, der verlässlich und treu, aber mit der Zeit langweilig und ermüdend ist …“

Der Berner Patric Marino fiel mir auf, weil er mit „Nonno spricht“ ein literarisches Debüt hingelegt hat, von dem Nachwuchsautoren eigentlich nur träumen können. Hoppla, dachte ich mir, welche Kräfte haben da gewirkt?

Deshalb habe ich den 22-Jährigen im ersten Teil unseres Gesprächs u.a. danach befragt, wie er zu seinem Verlag fand, was er anderen jungen Autoren rät und wie ihm der frühe Ruhm bekommen ist. – Heute erfahren wir von ihm, wie man in der Schweiz die Entwicklungen infolge der Digitalisierung einschätzt, welchen Stellenwert das eBook dort hat, ob Self-Publishing angesagt ist und inwieweit Social Media-Marketingmaßnahmen auch für Schweizer Autoren inzwischen ein Gebot der Stunde sind.

Was treibt dich im Schweizer Literaturbetrieb besonders um?

Patric Marino © Textkiosk / T. Schlup

Egal, wohin es mich im Literaturbetrieb treibt, an welches Festival, welche Lesung, welches Apéro – ich treffe immer die gleichen Leute, Autoren wie Zuhörer. Ich schlage die Zeitung auf und lese eine Kolumne vom Herrn Schriftsteller, ich mache das Radio an und höre ein Gespräch mit dem gleichen Herrn Schriftsteller. Es gibt in der Schweiz einen Kleingeist, der verlässlich und treu, aber mit der Zeit langweilig und ermüdend ist, und manchmal fürchte ich, auch zu einem solchen Geist zu werden.

Wo verortest du im Vergleich zum deutschen Betrieb besondere Unterschiede?

Für mich ist das schwer zu vergleichen, da ich den deutschen Literaturbetrieb kaum kenne. In der Schweiz sind Autoren und Literaturvermittler eine Familie, man kennt sich. In Deutschland kann ich mir das so nicht vorstellen. Diese Überschaubarkeit gilt nicht nur für Bekanntschaften, sondern auch für die Bekanntheit. Die Schweiz ist ein kleiner Markt, um wieder dieses Bild aufzunehmen, und jede Woche stehen da die gleichen Händler mit ihren Ständen an vorgemerkten Plätzen und mit abgesprochenen Preisen.

Welchen Stellenwert hat das eBook bei euch?

In einer großen Buchhandlung in Bern steht, dass eBooks weg gingen wie warme Brötchen und sie deshalb ausverkauft seien, doch ich sehe selten bis nie jemanden mit einem eBook. Vielleicht trauen sich die Leute nicht, sich im öffentlichen Raum mit ihrem E-Reader zu zeigen. Das zeigt, wie tief der Stellenwert bei uns ist.

Wie hältst du es persönlich mit dem eBook?

Ich lese kein eBook. Wenn einer zwei fette Krimis pro Woche liest und sie dann in die Tonne schmeißt, soll er sie besser als eBook lesen. Ich bin ein anderer Lesetyp, ich lese weniger, sinnlicher, und möchte auch mal eine Passage mit Bleistift unterstreichen.

Meinst du, dass dem eBook die Zukunft gehört?

So wie alle neuen Medien sich einen Platz geschaffen haben, wird sich auch das eBook einen Platz schaffen, aber neben dem Buch. Wer so liest wie ich, wird dies weiterhin mit Büchern machen, die er anfassen kann. Für Vielleser oder auch zum Lesen von Zeitschriften oder kürzeren Texten wird der E-Reader oder ein Tablet stärker zum Thema werden. Dazu muss es sich aber erst weiter verbreiten und die digitalen Texte deutlich billiger als die gedruckten sein. Das eBook darf nicht versuchen, das Buch zu ersetzen. Das wird es nie.

Hierzulande wenden sich Autoren immer öfter von den traditionellen Wegen ab, um Publikationen in Eigenregie zu verlegen. Ist diese Entwicklung in der Schweiz ebenfalls absehbar, womöglich bereits angesagt?

Es gibt auch in der Schweiz Bezahlverlage, Books on Demand oder im Eigenverlag herausgegebene Bücher. Ich selbst kenne keine Autoren, die das machen, weder persönlich noch durch Medienberichte, da selbst verlegte Bücher schlichtweg ignoriert werden. Neben den wenigen großen Verlagen gibt es viele Kleinverlage, die auch mal kleinere Werke von großen Schriftstellern herausgeben dürfen. In Eigenregie zu publizieren ist für etablierte Autoren aber unvorstellbar.

Wäre Self-Publishing für dich eine Option?

Nein. Wenn ich ein Buch an die Öffentlichkeit bringe, dann möchte ich, dass es im Buchhandel erhältlich ist und den Lesern vermittelt wird. Mit Self-Publishing wäre dies nicht möglich. Wenn ich hingegen ein Buch für meine Freunde und Familie schreiben würde, kann ich fünfzig Exemplare drucken und sie verschenken.

Wo machst du Chancen und Risiken aus?

Das Geschenkbuch könnte ich selbst gestalten und von Hand herstellen, aber damit sind wir bereits beim ersten Problem: Es gibt unglaublich viel Aufwand, der nicht mit dem Schreiben zu tun hat. Beitragsgesuche, Lektorat, Druckkosten, Pressearbeit, all diese Dinge muss man selbst machen oder bezahlen. Deshalb wird das bei selbst publizierten Büchern häufig nicht gemacht, was für ihre Qualität verheerend ist.

In Deutschland ist es inzwischen üblich, dass Verlagsautoren ihr Buchmarketing selbst in die Hand nehmen (müssen). Zeichnet sich diese Entwicklung auch in der Schweiz ab?

Ja, man hilft beim Marketing so viel wie möglich. Viele Medienanfragen richten sich nicht an den Verlag, sondern an den Autoren. Häufig bringen Autoren auch selbst Kontakte zu Kritikern oder Veranstaltern mit und nutzen diese für ihr Marketing. Der administrative Teil des Marketings sollte aber weiterhin vom Verlag erledigt werden, sodass sich der Autor auf den produktiven Teil, also auf Interviews, Lesungen oder Textbeiträge konzentrieren kann.

Was tust du für dein Buchmarketing?

Ich stelle mich deinen Fragen, gehe mit meinem Buch auf Lesetournee, nenne es unter sonstigen öffentlichen Texten oder bei Auftritten und beantworte die meisten Presseanfragen. Wenn wir bei Festivals auf unseren Schreibmaschinen Geschichten nach Wunsch schreiben, dann stelle ich immer einen Stapel Bücher auf, damit die Leute sehen, was wir sonst noch machen, und meistens gehe ich mit leeren Rucksack heim.

Social Media-Marketingmaßnahmen scheinen inzwischen für Autoren ein Gebot der Stunde. Wie stehst du dazu?

Ich finde es wichtig, auf verschiedenen Kanälen präsent und ansprechbar zu sein, gerade für jüngere Leser. Deshalb habe ich eine Homepage und bin bei Facebook. Ich nutze sie aber weder als Privatperson noch als Schriftsteller, sondern eher als Veranstalter, indem ich Medienberichte verlinke oder Veranstaltungen eintrage. Sonstige Werbung, Privatfotos oder Tagebücher mag ich dort nicht veröffentlichen.

Welche Chancen und Risiken verortest du im Social Web?

Die größte Chance liegt darin, dass ich direkt mein Publikum erreichen und mit ihm kommunizieren kann, und dass ich in meinen Beiträgen völlig frei bin. Darin sehe ich aber auch die Gefahr, dass man sich im Social Web verliert, dass ich auf Facebook mehr schreibe als in den achtzig Seiten meines Buches. Ich brauche Soziale Medien, damit die Leute mein Buch finden und lesen, nicht damit sie meine Beiträge anklicken. Darum habe ich aufgeschrieben, wie ich mit meinen Nonni Tomaten trockne, sonst hätte ich auch einfach meine Ferienfotos auf Facebook stellen können und fertig.

Ich danke dir, Patric, auch für den spannenden Einblick in den Schweizer Literaturbetrieb! Und wünsche deinem Erstling „Nonno spricht“ sehr, dass er auch hierzulande Leser und Anerkennung findet.

Steglitz fragt bei Patric Marino nach

„Und wenn ich in einem Text lese: ‚Ich möchte lieber nicht‘, dann rufe ich: Bartleby!“

Der Berner Patric Marino fiel mir auf, weil er ein literarisches Debüt hinlegte, von dem Nachwuchsautoren eigentlich nur träumen können. Hoppla, dachte ich mir, welche Kräfte haben da gewirkt?

Patric Marino © Matthias Günter

Der heute 22-jährige Shooting-Star debütierte mit seiner Abschlussarbeit am Schweizerischen Literaturinstitut, für die er einen engagierten Verleger fand. „Nonno spricht“ erschien im März 2012, und zwar in einem Verlag, der im Begriff ist, sich einen Namen zu machen. Danach ging es Schlag auf Schlag. Zunächst stieß die Hommage an Nonna und Nonno, Patrics Großeltern aus Kalabrien, auf regionales Echo. Hoch gelobt wurden der subtile Humor und die poetische, schnörkellose Sprache des Newcomers.

Im Juni verlieh ihm die deutschsprachige Literaturkommission des Kantons Bern den Anerkennungspreis. Nun zollten auch die überregionalen Medien dem Debüt Aufmerksamkeit. Am 6. September lud sogar das Schweizer Fernsehen Patric zum Gespräch in die angesagte Talk-Show „Aeschbacher“ ein. Eine Anfrage folgte der nächsten, für Patric begann eine anhaltende Lesetour. Die Folge: Sein Erstling verkaufte sich in der Schweiz so gut, dass sein Verlag inzwischen eine zweite Auflage herausbrachte.

Von Patric wollte ich u.a. wissen, wie ihm der frühe Ruhm bekommen ist, wie er zu seinem Verlag kam, ob Literaturpreise Türöffner sind und was er anderen jungen Autoren rät.

Du hast ein Studium am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel absolviert. Was hat dir das gebracht?

Das Studium hat mir Zeit geschenkt und als eine Art Katalysator gewirkt. Ich konnte mich während dreier Jahre voll auf mein Schreiben konzentrieren. Am Literaturinstitut habe ich Leute getroffen, die das gleiche machen wie ich, vorher war ich mit dem Schreiben alleine. Sowohl mit Mitstudierenden als auch mit Dozenten tausche ich mich weiterhin aus. Und ich habe viel von der Erfahrung anderer Autoren profitiert.

Braucht es zum Schreiben nicht mehr als „nur“ literarisches Handwerkzeug?

Natürlich. Es braucht Beobachtungsgabe, Interesse für Geschichten, Sprachgefühl; all diese Dinge bringt man mit, die kann man nicht erlernen. Mit den Werkzeugen, die man am Institut erhält oder zu gebrauchen lernt, kann man sie aber schärfen und verbessern. Wir hatten dort die Möglichkeit, Texte zu schreiben, zu überarbeiten, zu publizieren. Zur Werkzeugkiste gehört auch ein Büchergestell, wir haben am Institut nicht nur geschrieben, sondern auch viel gelesen.

Derzeit studierst du Germanistik. Was versprichst du dir davon?

Zum einen lerne ich im Germanistikstudium, Texte noch genauer zu lesen und besser zu verstehen. Ich finde neue Literatur, die beim Schreiben und Lesen immer mitschwingt, und wenn ich in einem Text lese: „Ich möchte lieber nicht“, dann rufe ich: Bartleby! Zum anderen führt das Studium zu Berufsmöglichkeiten, die mir mehr Freiheit fürs Schreiben schaffen können.

Kannst du dir vorstellen, Schreiben als Broterwerb zu betreiben?

Das Schreiben wird eine Scheibe vom Brot sein, aber ich möchte finanziell nicht darauf angewiesen sein, sondern unabhängig weiterschreiben und mich nicht am Markt orientieren müssen. Sprache und Literatur wird aber auch Teil meiner Arbeit sein, wenn ich neben der Schriftstellerei zum Beispiel als Deutschlehrer oder Literaturvermittler arbeite.

Wie kam es dazu, dass der Lokwort Buchverlag deinen Erstling „Nonno spricht“ publizierte?

„Nonno spricht“ war meine Abschlussarbeit am Literaturinstitut. Gleichzeitig mit der Abgabe an der Schule habe ich mein Manuskript an eine Literaturagentur geschickt, die es noch in der gleichen Woche meinem zukünftigen Verleger vorstellte. So ist zwischen dem Fertigschreiben meiner Abschlussarbeit und ihrer Publikation als Buch nicht einmal ein Jahr vergangen.

Lokwort ist quasi ja ein Ein-Mann-Verlag, der im Begriff ist, sich aufzustellen. Meinst du, dass ein eingeführter Verlag deinen Erstling noch stärker hätte pushen können?

Ein eingeführter Verlag hat bereits viele große Marktstände, er braucht neue Bücher nur noch hinzulegen und verkauft sie unter seinem Gütesiegel. Mit meinem Verleger habe ich den Marktstand erst aufbauen und ein Gütesiegel schaffen müssen, dafür sind beide auf mein Buch zugeschnitten. „Nonno spricht“ war die einzige Publikation von Lokwort in diesem Frühjahr. Wir waren also zwei Leute, der Verleger und ich, die ein Buch mit aller Kraft pushten.

Welche Vorteile hatte die Zusammenarbeit mit einem kleinen Verlag für dich?

In einem kleinen Verlag steht man sich persönlich gegenüber, so fühlte ich mich wohl. Ich konnte überall mitreden: bei der Auswahl der Lektorin, bei der Gestaltung, bei der Vernissage. Es gibt kein Verlagskonzept, in das ich gepresst wurde, sondern wir haben zusammen eines geschaffen und so auch gegenseitig voneinander profitiert.

Siehst du auch Nachteile?

Ein Nachteil ist, dass Mittel und Kanäle beschränkt sind. Man muss den Markt zuerst erschließen, sowohl für mich als unbekannten Autoren als auch für den kleinen, neu ausgerichteten Verlag. So gesehen passten wir ganz gut zueinander.

Was sollte ein Jung-Autor bei der Zusammenarbeit mit einem Verlag besonders beachten?

Autoren- und Verlegerköpfe sind hart. Es ist wie beim Eiertitschen …

Beim Eiertitschen …?

Genau so. Wer hat den dickeren Schädel bzw., um beim Bild zu bleiben, die dünnere Schale? Letztendlich geht es um die Frage: Wie weit gehe ich, wie viel gebe ich her und ändere ich, damit mein Buch publiziert wird? Bei Gestaltungsfragen und Formalien kann man mit sich reden lassen, bei inhaltlichen und sprachlichen Dingen sollte man hart bleiben.

Für dein Debüt hast du im Juni den Anerkennungspreis der deutschsprachigen Literaturkommission des Kantons Bern bekommen. Öffnen Literaturpreise Türen? Und: Kurbeln sie den Verkauf an?

Neben Anerkennung schaffen Literaturpreise Öffentlichkeit. Man erscheint in den Medien, es gibt eine Lesetour, aus jedem Bericht und jeder Lesung ergeben sich weitere Berichte und Lesungen. Dies wirkt sich schließlich auch auf den Verkauf aus. Zudem lernt man durch Preise auch andere Autoren, Kommissionsmitglieder, Veranstalter und Buchhändler kennen, was einem die Tür zur Literaturszene noch weiter öffnet.

Wie bist du mit deinem plötzlichen Ruhm zurechtgekommen?

Ganz einfach, indem ich nicht darüber nachdenke. Wenn ich im Zug jemanden mit meinem Buch sehe, dann ist es, als würde ich diese Person kennen, und ich bin jeweils erstaunt, dass dem nun nicht mehr so ist. Die Vorstellung, dass mein Buch auf fremden Nachttischchen liegt, ist so komisch wie auch schön, weil doch jeder seine eigene Gutenachtgeschichte wählt.

Hat dein früher Erfolg auch Schattenseiten?

Ich komme vor lauter Lesungen und Anfragen im Moment kaum zum Schreiben von neuen Texten, aber das ist es ja, was ich mir für mein Buch gewünscht habe. Druck mache ich mir deswegen keinen. Ich versuche, so weiterzuschreiben wie bisher.

Kannst du dir erklären, warum die Hommage an deine kalabrischen Großeltern Nonna und Nonno in deiner Heimat ein so großes Echo fand?

Die Hommage ist ja eine doppelte, zum einen an meine Nonni, zum anderen an Kalabrien. Jeder hat Grosseltern und einen Heimat- oder Ferienort, von dem er Anekdoten erzählen könnte, und so finden viele Leser in meinem Buch ihre eigenen Geschichten wieder. Dass hier in der Schweiz sowohl die italienischen Auswanderer als auch die Italianità aus den Ferien bekannt sind, hat dieses Echo noch verstärkt und bei vielen Sehnsüchte ausgelöst.

Glaubst du, dass dir ein so fulminantes Debüt auch außerhalb der Schweiz gelungen wäre?

Ich habe ein Buch über die italienischen Grosseltern und die Reise in ihre Heimat geschrieben, weil diese Themen für mich und andere Menschen in der Schweiz wichtig sind. Folgerichtig hat das Buch zuerst hier Verbreitung gefunden. Außerhalb der Schweiz würde ich mit der gleichen Schreibhaltung ein anderes Buch schreiben, doch wie es vom Buchmarkt aufgenommen würde, lässt sich nicht voraussagen.

Rechnest du dir für deinen Erstling auch Chancen auf dem deutschen Buchmarkt aus?

Ja. Das Herkunftsland ist zwar wichtig bei der Entstehung des Buches, mit der Publikation löst es sich aber von einem Ort. Auch in Deutschland kennt man das Thema der Migration, auch aus Deutschland kommen Touristen nach Italien. Schließlich sind es diese Leute, die mein Buch in Deutschland aus den gleichen Gründen kaufen werden wie in der Schweiz, und die entscheiden werden, ob mein Buch auch auf dem deutschen Buchmarkt einen Platz findet.

Was rätst du Nachwuchsautoren? Worauf sollten sie besonders achten?

Schreibt, was Ihr lebt, erzählt Geschichten weiter, haltet Erinnerungen fest. Diese Art des Schreibens mag nach Tagebuch oder Arbeitsjournal klingen, doch ich finde wichtig, dass man sich auf den Stoff konzentriert, den man erzählen will, und dafür eine geeignete Form sucht. Ob das ein Roman, eine Kurzgeschichte oder ein Gedicht ist, wird sich weisen.

________________________________________________________________________________________________________

Im zweiten Teil des Gesprächs erfahren wir von Patric u.a., wie man in seiner Heimat die Entwicklungen infolge der Digitalisierung einschätzt, welchen Stellenwert das eBook dort hat, ob Self-Publishing in der Schweiz angesagt ist und inwieweit Social Media-Marketingmaßnahmen auch für Schweizer Autoren inzwischen ein Gebot der Stunde sind.

Steglitz fragt bei Sonya Winterberg nach (Teil 2)

„Während man den Shitstorm in kaum einem anderen Land der Erde kennt, hat er in Deutschland eine Popularität erreicht, die mich fassungslos macht.“

In diesem Beitrag erfahren wir, was Sonya Winterberg für ihr Buchmarketing tut, welche Maßnahmen erfolgreich waren, welche floppten und wie sie sich als Autorin und Journalistin im Social Web einbringt. Im ersten Teil unseres Gespräches berichtete sie über ihre Erfahrungen mit Publikumsverlagen, wie sie die Entwicklung in Richtung Self Publishing einschätzt und was sie von den aktuellen Diskussionen über die Zukunft des Buches hält.

Was hältst du von der Entwicklung, dass Autoren immer mehr für ihr Buchmarketing selbst tun (müssen)?

Ich finde das wirklich bedauerlich. Eigentlich sollte jeder Verlag ja auch ein Interesse an der Vermarktung eines Buches haben und gemeinsam mit dem Autoren überlegen, wie er es am besten verkauft. Stattdessen muss man schon froh sein, wenn der Verlag Geld für eine Buchpremiere in die Hand nimmt und eine Pressemitteilung in Umlauf bringt. Ich kann verstehen, dass Etats für Werbung und Marketing immer geringer werden. Zugleich glaube ich, dass es für jedes Buch auch individuelle Wege gibt, ihm kostengünstig zu Aufmerksamkeit zu verhelfen. Doch das geht eben nicht mit dem Gießkannenprinzip, mit ein paar Plakaten hier und einer Anzeige dort. Ich würde zu gerne einmal ein halbes Jahr einem Verlag Ideen liefern, wie er sein Programm individuell und ohne erhebliche Mehrkosten besser platziert bekommt.

Trifft das auch auf dich als Autorin eines renommierten Publikumsverlages zu?

Leider mehr als die meisten vermuten. Es ist inzwischen gang und gäbe, dass der Verlag schon bei Vertragsabschluss deutlich macht, dass man sich dort über die Buchpremiere und den Versand von Rezensionsexemplaren hinaus nicht in der Lage sieht, das Buch zu vermarkten. „Da sind Sie dann auf sich gestellt“, sagte mir neulich die Programmleiterin eines etablierten Verlagshauses. Ich bin in solchen Situationen oft sprachlos. Beide Seiten, Autor und Verlag, haben doch ein Interesse an guten Verkaufszahlen.

Was unternimmst du für dein Buchmarketing selbst?

Momentan bin ich auf der Suche nach buch- bzw. projektunabhängiger Unterstützung, also jemandem, den man in den USA „Publicist“ nennen würde. Quasi ein Vermarkter, der Lesereisen organisiert und geeignete Wege beschreitet, die Themen zu denen ich arbeite, bekannt zu machen. Ich glaube, dass das auch viel mit dem Aufbau von längerfristigen Beziehungen zu tun hat – zu Redaktionen, Veranstaltern, Sendern usw. Alleine schaffe ich das kaum, da ich ja auch noch meine Arbeit mit Zeitzeugen, in den Archiven und Recherchereisen im In- und Ausland organisieren muss.

Und speziell für dein aktuelles Buch „Wir sind die Wolfskinder“?

Für das Wolfskinderbuch habe ich gemeinsam mit meiner Kollegin, der Fotografin Claudia Heinermann, eine Internetseite „Wir sind die Wolfskinder“ eingerichtet, die Material bereitstellt, die über das Buch hinausgehen.

Welche deiner Aktivitäten kamen besonders gut an, welche floppten?

Sonya Winterberg © Gina Gurgul

Grundsätzlich ist die Präsenz in den Medien das A und O. Interviews im Radio und Fernsehen sind ohne Frage hilfreich. Aber eben auch nicht um jeden Preis. Ich habe es zum Beispiel bereut, mit einer Zeitzeugin in einer Fernsehsendung gewesen zu sein, in der man, wie ich fand, ihrer Geschichte nicht wirklich gerecht wurde. Vielleicht auch gar nicht gerecht werden konnte. Traumatische Kriegserlebnisse zwischen zwei Promis in vierzehn Minuten erzählen und dann auch noch ein Happy Ending produzieren zu müssen, das mit seichtem Jazz auszuklingen hat, ist für mich befremdlich.

Unterstützt dich dein Verlag bei deinen Aktivitäten?

In der klassischen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit auf Nachfrage ja. Aber weil die Wolfskinder zum Beispiel ein historisches Thema behandeln, wird automatisch auf ein älteres Publikum gezielt, das neue Medien vermeintlich nicht nutzt. Nicht einmal die Fernsehtermine wurden auf Twitter und Facebook bekannt gegeben. Ich käme mir da als Bittstellerin vor, wenn ich das jedes Mal einfordern würde. Wie gesagt, es liegt ja eigentlich auch im Interesse des Verlages, den Verkauf anzukurbeln. Beim Verkauf der Wolfskinder zum Beispiel ist der Verlag zufrieden, während ich denke, dass da noch einiges mehr möglich gewesen wäre.

Meinst du, dass Autoren heutzutage im Social Web präsent sein müssen?

Ich denke nicht, dass sie es müssen, aber es hilft, wenn man es schafft, seine eigene „Marke“ zu etablieren. Selbst bin ich da auch noch am Ausprobieren. Ich merke, dass ich Schwierigkeiten habe, meine beruflichen und privaten Kontakte strikt zu trennen. Denn nicht alles, was ich privat meinen Freunden auf Facebook mitteile, möchte ich auch öffentlich machen. Zum Beispiel, was meine Kinder angeht. Die haben ein Recht auf ein geschütztes Privatleben und wollen nicht das, was wir als Familie erleben, in die Öffentlichkeit getragen wissen, auch wenn es häufig mit meiner Arbeit zu tun hat.

Was hält dich persönlich davon ab, das Social Web stärker für dein Buchmarketing zu nutzen?

Im Wesentlichen ist es eine Zeitfrage. Beim Schreiben habe ich in der Vergangenheit die sozialen Netzwerke als virtuellen Pausenraum genutzt. Arbeit braucht, finde ich, Kollegen. Als Autorin habe ich die natürlich meistens nicht präsent und da ist es schön, bei einem Kaffee vor dem Bildschirm sich kurz mit Kollegen austauschen zu können. Neben der Arbeit, dem Recherchieren und Schreiben, das häufig mehr als vierzig Stunden die Woche ausmacht, eher sechzig, habe ich eine Familie und zwei Kinder. Der Tag hat 24 Stunden und ich kann bei weitem nicht alles machen, was ich gerne machen würde.

Warum bist du nicht auf Plattformen wie Facebook oder Google+ zu finden?

Privat bin ich auf Facebook. Google+ war mir eins zu viel. Ansonsten hatte ich mich bislang nicht für „wichtig“ genug gehalten, dass ich zum Beispiel ein Autorenprofil angelegt hätte. Erst als mir neulich der Verlag die Anfrage eines Wikipedia-Autoren weiterleitete, der einen Eintrag über mich schreiben wollte, dachte ich daran, dass es vielleicht wirklich an der Zeit ist. Ich fände es einfach peinlich, eine Seite zu haben, die dann vielleicht nur von zehn Leuten gut gefunden wird. Dann lieber keine, oder?

Beruflich findet man mich auf Xing und LinkedIn. Seit neuestem bin ich auch bei Klout angemeldet, einem elektronischen Dienst zur Messung der Online-Reputation.

Bei Twitter bist du allerdings bereits seit Dezember 2008 aktiv …

Anfangs war ich dort privat, sogar mit einem geschützten Account, angemeldet. Ich bin zu Beginn immer eher ein „Lurker“, eine Beobachterin und schaue mir zunächst einmal in Ruhe an, wie ein neues Medium, eine neue Plattform funktioniert und was sie bringt. Journalistisch schätze ich an Twitter die Unmittelbarkeit, Ereignisse schnell zu veröffentlichen. Gerade in Krisengebieten hat es sich als Medium der Wahl bewährt, um kurze, aktuelle Meldungen abzusetzen, die Agenturen häufig erst Stunden später auf dem Ticker haben. Ich lese also weit mehr als ich selbst twittere. Darüber hinaus schätze ich die ungefilterte Meinungs- und Kulturvielfalt, die Vielsprachigkeit, in der Twitter funktioniert.

Du hast kürzlich auch im Rahmen einer Rotation Curation für @wearedresden getwittert …

Ja, genau. Das Konzept eines offiziellen Accounts für eine Stadt oder ein Land, das in einem rotierenden Verfahren unterschiedliche Menschen zu Wort kommen lässt, ist für mich tatsächlich eine qualitative Weiterentwicklung sozialer Netzwerke mit dem ausdrücklichen Ziel, Vielfalt sichtbar zu machen. Ich kann mir vorstellen, dass sich diese Idee auch für den Buchmarkt oder ausgewählte Themen nutzen ließe.

Warum nutzt du für Twitter ein Pseudonym?

Anfangs war ich mit meinem vollen Namen angemeldet. Was dazu führte, dass bei Suchmaschinen nicht mehr unbedingt meine Arbeit im Ranking vorn lag, sondern Tweets, die eher widerspiegelten, was ich gerade las oder welche aktuellen Ereignisse mich beschäftigten. Das störte mich. Jetzt fahre ich ganz gut mit @experimentdays und dem dazugehörigen Profil.

Worauf achtest du bei deiner Kommunikation via Twitter besonders?

Twittern ist eine Kommunikationsform im öffentlichen Raum, das heißt, ich verhalte mich so, wie ich es sonst auch mache, wenn andere Menschen zuhören. Ich äußere also durchaus meine persönliche Meinung, werde aber nicht zu privat und reagiere nicht so impulsiv wie vielleicht im Freundeskreis.

Siehst du zukünftig vor, dich stärker noch im Social Web zu engagieren?

Ich denke, wir stehen da noch ganz am Anfang. Der Hype, bevor Facebook an die Börse ging, und der nachfolgende rapide Verfall der Aktie zeigt meines Erachtens, dass es wie einst mit der New Economy noch lange nicht sicher ist, was bleiben wird. Ich will auch künftig nicht zu viel Zeit auf die Form verwenden, sondern vor allem inhaltlich arbeiten. Von daher glaube ich nicht, dass ich mich unbedingt stärker einbringen werde, aber vielleicht gezielter.

Was sollte man als Autor/in im Social Web unterlassen?

Da hat sicher jeder seine eigenen Prioritäten. Ich finde ja schon, dass man gelegentlich hitzig diskutieren oder auch provozieren darf. Leider führt das in Deutschland häufig zu ätzender Besserwisserei. Während man den Shitstorm in kaum einem anderen Land der Erde kennt, hat er in Deutschland eine Popularität erreicht, die mich fassungslos macht.

Wo verortest du Risiken?

Für Autoren, die zeitgeschichtlich oder politisch arbeiten, ist auch immer die Frage, wie öffentlich sie ihre Werte und politischen Ansichten machen, wenn sie weiterhin international reisen und arbeiten wollen. Mir selbst ist es bei der Einreise in die USA wiederholt so gegangen, dass ich diesbezüglich eingehend befragt wurde. Bei der Einreise nach Israel musste ich Beamten schon Zugang zu Google Mail und Facebook geben.

Vielleicht hat es mit den Themen zu tun, die mich beschäftigen, oder aber den historischen Erfahrungen meiner Familie. Die Informations- und Meinungsfreiheit, die uns das Internet bietet und die wir in Europa genießen, gilt es zu bewahren. Sie ist keineswegs selbstverständlich.

Danke, Sonya, für das interessante Gespräch mit einem gewichtigen Schlusswort.

____________________________________________________________________________________________________________

Wer mehr über Sonya Winterberg erfahren möchte, findet die Autorin hier im Netz:

http://sonyawinterberg.wordpress.com/

https://twitter.com/experimentdays

http://wolfskinder.fotoportfolios.com/

_____________________________________________________________________________________________________________

Vorschläge, wer in der losen Interview-Reihe “Steglitz fragt … bei Autoren nach” auch zu Wort kommen könnte, nehme ich gerne entgegen. Mich interessiert: Wie gehen Autoren mit den Entwicklungen infolge der Digitalisierung um? Welche neuen Wege nutzen sie, wo sehen sie Chancen und Risiken?

Demnächst steht hier Ruprecht Frieling aka Prinz Rupi Rede und Antwort.

Steglitz fragt bei Sonya Winterberg nach

„Der wahre Mehrwert des E-Books muss meines Erachtens erst noch erarbeitet werden.“

Bei Sonya war es genau andersherum: Nicht sie ist mir, sondern ich bin ihr im Social Web aufgefallen, und zwar bei Twitter. Wir haben telefoniert. Nach unserem längeren Gespräch sandte sie mir ihr aktuelles Buch „Wir sind die Wolfskinder“ zu, das auf sorgfältigen Recherchen über jene Kinder basiert, die nach 1945 monate-, häufig jahrelang elternlos durch die Wälder Ostpreußens irrten, um schließlich in Litauen ein karges Auskommen zu finden.

Für das Sachbuch, das im Mai 2012 bei Piper erschienen ist, hat Sonya Zeitzeugen und Überlebende befragt. – Mich machte die Lektüre fassungslos. Tief bestürzt bin ich auch darüber, dass vom Schicksal der sogenannten Wolfskinder kaum etwas bekannt ist und bis heute Unterstützung für die betagten Überlebenden weitestgehend ausbleibt.

Die Deutsch-Finnin Sonya Winterberg arbeitet in Helsinki, Dresden und Berlin als Autorin, Journalistin und Fotografin; ihre Schwerpunkte sind zeitgeschichtliche Themen und soziale Brennpunkte. „Wolfskinder“ ist ihr zweites Werk, ihre Bücher veröffentlichten Publikumsverlage. – U.a. wollte ich von ihr wissen, ob sie sich als „Verlagsautorin“ auch vorstellen kann, in Eigenregie zu publizieren, und welche Chancen und Risiken sie auf der einen wie auf der anderen Seite ausmacht.

Wie kam es zu deiner ersten Publikation?

Seit Anfang der 90-er Jahre arbeite ich als freie Journalistin, bedingt durch das Leben in verschiedenen Ländern zunächst vorwiegend auf Englisch und Schwedisch. Als ich 2005 aus privaten Gründen nach Deutschland kam, musste ich als Autorin hier erst Fuß fassen. Das war nicht nur eine sprachliche Umgewöhnung. In den USA zum Beispiel ist das Schreiben nicht so unterteilt in akademisch und journalistisch, es muss für alle gut lesbar sein. Im Schwedischen wiederum baut man Geschichten ganz anders auf als auf Deutsch. So war die erste Frage, die ich mir stellen musste, was und für welches Publikum will ich in Deutschland eigentlich schreiben.

Du hast in Deutschland quasi wieder von Vorne begonnen?

Aus dem Ausland kommend und ohne Veröffentlichungen auf Deutsch war ich mit Mitte dreißig plötzlich wieder Berufsanfängerin. Eine komische Situation, aber meine berufliche Erfahrung bis dahin war natürlich nicht umsonst und so gelang es mir, mich doch relativ schnell auch in Deutschland zurecht zu finden.

Leicht machst du es auch deinen Lesern nicht …

Bis heute bediene ich gerne Nischenthemen und schreibe gerne für Publikationen abseits des Mainstreams. Als Journalistin interessiert mich von jeher das, was eher „schwierige Themen“ sind: Krisen, Krieg und Trauma. Schwierig nicht nur, weil sie sich mit Grenzsituationen menschlicher Existenz, Leid, Zerstörung und Tod auseinandersetzen, sondern weil diese Themen immer schwieriger zu verkaufen sind.

Dein erstes Buch entstand gemeinsam mit deinem Mann Yury Winterberg …

Kriegskinder – Erinnerungen einer Generation“ entstand als Buch zum Film, einem Vierteiler in der ARD 2009. Recht kurzfristig war mein Mann Yury, selbst Schriftsteller und Drehbuchautor, angefragt worden, ob er es schreiben wolle. Zeitlich schien das unmöglich, zumal sich die Bandbreite der Zeitzeugnisse über ganz Europa erstreckte. Zugleich wusste er, dass das genau mein Themenfeld war, es mich schon lange beschäftigte. Wir handelten also eine Ko-Autorenschaft aus. Ich übernahm die nicht-deutschen Teile, Yury die deutschen.

Du bist von Rotbuch, wo euer gemeinsam verfasster Erstling „Kriegskinder“ 2009 erschienen ist, mit deinem zweiten Buch „Wolfskinder“ zu Piper gewechselt. Wie kam es dazu?

Die Wolfskinder sind quasi aus den Kriegskindern geboren. Einer der Zeitzeugen in den Kriegskindern war ein sogenanntes Wolfskind. Sein Schicksal berührte mich sehr und gemeinsam mit meinem Agenten beschlossen wir, das Thema anzubieten. Rotbuch glaubte zum einen nicht an die Vermarktbarkeit des Themas, zum anderen konzentriert sich der Verlag inzwischen auf weniger Titel im Sachbuch. Trotzdem bin ich dem Verlag nach wie vor sehr verbunden. Die Zusammenarbeit damals war prima.

Welche Vorteile machst du in der Zusammenarbeit mit Publikumsverlagen aus?

Sonya Winterberg © Evy Nickström

Es ist schwer genug, vom Schreiben leben zu können. Publikumsverlage garantieren Autoren je nach Erfolg und/oder Bekanntheit erst einmal ein Einkommen. Sie stellen außerdem ihre Infrastruktur zur Verfügung, das heißt neben dem Lektor die Expertise zum Beispiel die der Vertreterkonferenz, also derjenigen, die das Buch nach Erscheinen verkaufen müssen. Dort sitzt geballte Erfahrung, was sich gut verkauft, was gar nicht läuft, wie man eben auch zum Beispiel schwierige Themen platziert bekommt. Also Titelwahl, möglicher Weise Umschlaggestaltung und welche flankierenden Werbemaßnahmen sonst ergriffen werden sollten.

Der Verlag kalkuliert das Buch, verantwortet die kaufmännische Seite des Verlegens, also Honorare für Leistungen wie Lektorat, Korrektorat, Layout, Satz, Vorwort eines Prominenten, Illustrationen, Werbung, PR und Vertrieb. Die Lizenzabteilung versucht im besten Fall das Buch an in- und ausländische Lizenznehmer zu verkaufen, was möglicherweise weitere Einnahmen für Autor und Verlag bringt. Rotbuch zum Beispiel verkaufte eine Taschenbuchlizenz an Piper, aber auch eine spanische Übersetzung der „Kriegskinder“.

Ein Publikumsverlag kümmert sich auch um die Bereitstellung der elektronischen Daten für alle Abnehmer von Grossisten über Online-Buchhändlern wie Amazon bis hin zur Nationalbibliothek.

Im Idealfall ist der Lektor im Publikumsverlag ein beratendes Gegenüber, mit dem der Autor auch inhaltlich am Manuskript arbeiten kann. Doch heute geht es meiner Erfahrung nach hauptsächlich um Fragen der Produktion und des Vertriebs …

Was hast du besonders schätzen gelernt?

Durch die Zusammenarbeit mit Publikumsverlagen kann ich mich weitgehend auf das Schreiben konzentrieren und manche Verantwortung abgeben. Das kommt meiner Arbeitsweise sehr entgegen.

Traditionelle Verlage stehen neuerdings häufiger öffentlich im Kreuzfeuer der Kritik …

Ich denke, man tut den Verlagen unrecht, wenn man sie über einen Kamm schert. Publikumsverlage reagieren ganz unterschiedlich auf die neuen Herausforderungen, die beispielsweise neue Medien und verändertes Konsumverhalten mit sich bringen.

Welche Nachteile siehst du?

Ein Nachteil ist sicherlich die Schwerfälligkeit größerer Unternehmen. Ein schnelles Reagieren auf neue Ideen, Möglichkeiten und Entwicklungen ist beinahe ausgeschlossen. Es scheint auch einen Generationsgraben zwischen jungen Lektoren und älteren Programmleitern und Verlegern zu geben, in dem sich die Jüngeren einerseits wenig durchsetzen und andererseits tatsächlich sehr unter Druck sind, ihre Produktionszyklen zu betreuen. Da bleiben Stilsicherheit, inhaltliche Gespräche und das gemeinsame „Spinnen“, das Entdecken neuer Themen auf der Strecke.

In kleinen Verlagen geht es persönlicher zu, in größeren Verlagshäusern ist man auch als gewinnbringender Autor unter Umständen nur eine Nummer. Häufige Personalwechsel und Vetternwirtschaft kommen leider auch im Verlagswesen vor und können sich gelegentlich negativ auswirken.

Auf was sollte ein „Jung-Autor“ bei der Zusammenarbeit mit einem Publikumsverlag besonders Acht geben?

Ich weiß nicht, ob es allgemein gültige Regeln gibt. Aber die Dinge, die einem wichtig sind, müssen in jedem Fall vertraglich festgehalten werden. Im Sachbuch also beispielsweise die entsprechende Anzahl an Belegexemplare für Interviewpartner und Zeitzeugen, ggf. Kostenübernahme für Visa oder Reisen. Ich habe gute Erfahrungen mit meinem Agenten gemacht, sowohl was die Vermittlung als auch die Vertragsgestaltung angeht. Ob man als Jungautor allerdings den Luxus hat, wie Petra Cronenburg im Gespräch mit dir meinte, einen Verlag zu finden, bei dem erst einmal die Chemie und die Kommunikation auf Augenhöhe stimmt, scheint mir fraglich. Die Konkurrenz ist groß und ob es tatsächlich passt, findet man wohl erst heraus, wenn man in der gemeinsamen Arbeit steckt.

Jungautoren haben oft eine Abwehrhaltung, was die Erfahrungen von Publikumsverlagen angeht. Gelegentlich auf diese Erfahrungen zu hören, scheint mir nicht ganz verkehrt.

Hast du schon daran gedacht, in Eigenregie zu veröffentlichen?

Für einen Roman trage ich mich durchaus mit dem Gedanken in Eigenregie zu veröffentlichen, weil im Buchhandel ein Genre-Wechsel häufig als schwierig angesehen wird.

Auch Themen, die schwer verkäuflich sind oder die ich beispielsweise mit meiner Fotografenkollegin Claudia Heinermann unter dem Label „Heinermann & Winterberg“ mache, könnte ich mir dafür durchaus vorstellen. Mit dem Bild-Text-Band „Enduring Srebrenica – The Aftermath of War“ haben wir das im Übrigen auch schon gemacht. Der Band wurde zum Teil durch Stiftungsgelder finanziert und muss sich nun im Verkauf tragen.

Welche Vorteile siehst du?

Die Vorteile in der eigenen Verlegertätigkeit liegen klar auf der Hand. Jeder Autor hat so die Freiheit zu veröffentlichen, was er möchte. Es muss in kein Programm passen und pro verkauftes Exemplar verdient er mehr. Allerdings ist die Mehrarbeit nicht zu unterschätzen. Außerdem sind die Vertriebsmöglichkeiten für die meisten Autoren eingeschränkter als in der Zusammenarbeit mit Publikumsverlagen.

Machst du für eine Sachbuch-Autorin hier auch spezielle Risiken aus?

Im Sachbuch kann es auch schon mal vorkommen, dass man eine Klage an den Hals bekommt, weil jemandem eine Darstellung nicht gefällt oder er seine Persönlichkeitsrechte verletzt sieht. Dafür wiederum ist die Rückendeckung des Justiziars im Verlag besser als jede Rechtsschutzversicherung, die im Übrigen für berufliche Belange separat abgeschlossen werden muss und sehr teuer ist. Auch bei den Wolfskindern gab es ein Kapitel, das ich im Vorfeld gegenlesen ließ, um sicher zu gehen, dass die Darstellung juristisch wasserdicht war.

Wie schätzt du die Entwicklung in Richtung Self Publishing generell ein?

Self Publishing an sich ist ja nicht neu. Es gibt sie ja immer schon, die Eigenverlage, die Literatur im Untergrund. Die Frage wird doch vielmehr sein, ob sich gutes Handwerk und anspruchsvolle Literatur auf diesem Weg besser vertreiben lässt als auf herkömmliche Weise.

Was könnte sich durch die Entwicklung absehbar ändern?

In den USA lesen heute schon mehr Menschen Blogs als herkömmliche Newssites. Das heißt, Self Publishing und Schwarmintelligenz können unter Umständen künftig eine größere Rolle spielen als traditionelle Medien, in denen häufig nur noch Agenturmeldungen umformuliert werden.

Die Finanzierungsmodelle werden sich ändern, haben es im Prinzip ja durch Kickstarter oder Emphas.is ja schon getan. Hier ist Riesenpotenzial, aber es ist auch noch nicht vollständig etabliert. Ich beobachte diese Dinge mit großem Interesse und bin gespannt, was es für meine künftige Arbeit bedeutet. Momentan denke ich über Kooperationen mit Autorinnen in anderen Teilen der Erde nach. Die Tatsache, dass man nicht mehr gemeinsam an einem Ort sein muss, um gemeinsam zu publizieren, finde ich beispielsweise großartig. Ich denke, wir werden auch im Bereich des non-linearen Erzählens jede Menge neue Möglichkeiten in den nächsten Jahren entdecken.

Wo verortest du in diesem Kontext besondere Risiken?

Grundsätzlich sehe ich in diesem Kontext erst einmal mehr Chancen als Risiken. Die Risiken sind kaum anders als im herkömmlichen Verlagsgeschäft. Wenn ich mir allerdings anschaue, wofür man in Deutschland im Internet alles abgemahnt werden darf, frage ich mich schon, weshalb Leute überhaupt dieses Risiko eingehen.

Ich denke auch, dass noch eine ganze Menge unseriöse Unternehmen auftauchen werden, die ganz ähnlich der Discounter versuchen werden, immer mehr für weniger Geld zu veröffentlichen. – Rechnen können sollte man halt auch als Schöngeist …

Das größte „Risiko“ sehe ich momentan übrigens auch als die größte Chance. Wir wissen noch nicht, wohin die Reise geht. Es gibt also viele Möglichkeiten, sich auszuprobieren. Gerade für junge Autoren Erfahrungen zu machen, was funktioniert und was nicht. Dabei auch mal auf die Nase zu fallen ist wahrscheinlich das normale Lehrgeld, das man in allen Berufen bezahlt.

Hältst du es für wünschenswert, dass deine Bücher auch als E-Book vorliegen?

Ja, natürlich fände ich das toll. Ich denke einfach, dass alle Vertriebswege und Leseerfahrungen, im Übrigen auch als Hörbuch, den Leserkreis erweitern. Da ist es dann schade, wenn ein Publikumsverlag die Rechte hat, aber nicht selbst nutzt.

Bei den „Wolfskindern“ wurde ich sechs Wochen vor Abgabe gefragt, ob ich nicht etwas schneller fertig sein könne, es gäbe Interesse an einem E-Book. Das müsse aber vor dem eigentlichen Buch erscheinen. Eine frühere Fertigstellung des Manuskriptes war nicht möglich, aber ich hatte auch meine Zweifel, ob eine elektronische Vorveröffentlichung wirklich sinnvoll ist. Als das Buch dann erschienen war, wurde ich immer wieder gefragt, ob es auch als E-Book erscheint.

Das E-Book könnte vielleicht auch zu einer weiteren Zweitverwertungsschiene, ähnlich dem Taschenbuch, werden. Andererseits gibt ein E-Book einem nicht unbedingt ein taktiles Gefühl dafür, wie viel Arbeit in einem Buch steckt, wie dick es ist, wie es gebunden ist etc.

Existiert seitens der Verlage eine Erklärung dafür, warum „Wolfskinder“ und „Kriegskinder“ nicht als E-Book erhältlich sind?

Als die Kriegskinder erschienen, war es noch kein wirkliches Thema. Rotbuch hat daran kein Interesse mehr und Piper hat dafür nur die Taschenbuchrechte. Allerdings wurden die Kriegskinder ja auch ins Spanische übersetzt und sind inzwischen nun kurioser Weise auf Spanisch aber nicht auf Deutsch als E-Book erhältlich. Ich denke, dass wir es nach der Rückübertragung der Rechte womöglich selbst als E-Book vertreiben.

Meinst du, dass dem E-Book die Zukunft gehört?

Wenn man epubli-Geschäftsführer Jörg Dörnemann oder auch Steffen Meier und Gunter Dueck diesbezüglich hört, könnte man das meinen. Dazu gehört dann aber auch, dass eben die Vorteile des neuen Mediums wirklich ausgereizt werden. Randbemerkungen zum Beispiel, die kleinen Worte und Gedankenfetzen, die wir beim Lesen im Buch selbst notieren, haben so etwas wie ein Eigenleben. Inzwischen gibt es zum Beispiel Plattformen, die einen Sätze/Schnipsel/Satzfetzen sammeln, teilen und zur Diskussion stellen lassen (z.B. Findings.com). Pinterest quasi für Leseratten. Durch das Sammeln der Schnipsel entstehen neue Gedankenwelten, das ursprünglich lineare Lesen geht in ein non-lineares Zusammenführen bzw. „Schaffen“ über. Das kann ein Teil der Zukunft des E-Books sein.

Und die Zukunft des Gedruckten?

Ich glaube auch, dass es immer eine Daseinsberechtigung für das klassische Buch geben wird, dass der sinnliche Akt des Schreibens und des Lesens zusammengehören.

Wenn ich ein Buch kaufe, gehört es mir, ich eigne es mir an wie einen Pulli oder einen gemütlichen Sessel. Den Pulli trage ich, vielleicht wird er mein Lieblingspulli, meine Kinder lieben den Geruch, wenn sie ihre kleinen Köpfe darin vergraben. Der Sessel wird erst dadurch wirklich meiner, dass ich ihm seinen Platz in meinem Wohnraum gebe, dass ich in ihm sitze, vielleicht zu einer bestimmten Uhrzeit oder mit einem lieben Menschen. Und das Buch, auch das nehme ich erst vollständig in Besitz, wenn ich es lese und meine Gedanken am Rand notiere. Wenn ich Bücher aus der Schulzeit in die Hand nehme, schmunzle ich über das, was ich da heute an Randbemerkungen lese. Bücher, die schon lange in meiner Familie sind, tragen manchmal im Einband einen kleinen bunten Papieraufkleber auf dem „Deutsche Buchhandlung Buenos Aires“ steht oder „Boston: Fields, Osgood & Co“ – sie erzählen intime Geschichten aus einer anderen Zeit, hinterlassen sichtbare Spuren. Vom Papier, dem Einband und Lesebändchen oder der Druckqualität einmal ganz zu schweigen.

Es heißt ja, dass die Digitalisierung und der Umstand, dass Autoren nicht mehr auf traditionelle Verlage angewiesen sind, erhebliche Folgen für den Buchmarkt und -handel haben (werden). Wie schätzt du die Entwicklung ein?

Schon heute gibt es mehr literarische Zeitschriften online als es im Print je gegeben hat. Dadurch lassen sich Kosten für Druck und Vertrieb minimieren und ein weit größerer Leserkreis in kürzerer Zeit ansprechen als auf konventionellem Wege. Ich glaube auch, dass auf dem Buchmarkt gerade neue Autoren größere Chancen haben, sich auszuprobieren, ohne von den Barrieren verknöcherter Verlagsstrukturen behindert zu werden. Es ist wie mit vielen Dingen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch verändert haben. Unsere Welt wird komplexer. Das heißt nicht unbedingt, dass Herkömmliches völlig verschwindet, aber dass es unter Umständen eine größere Vielfalt gibt, Möglichkeiten für immer mehr Menschen sich am gesellschaftlichen oder kulturellen Diskurs zu beteiligen, unabhängig von Bildung und „objektiv“ feststellbarem Talent. Das halte ich erst einmal für einen großen Gewinn.

Was stößt dir bei den aktuellen Diskussionen rund um die Zukunft des Buches besonders negativ auf?

Die Beschäftigung des Feuilletons mit sich selbst. Von den vermeintlich führenden Köpfen der großen Tages- und Wochenzeitungen habe ich zur Zukunft jedenfalls noch nichts Erleuchtendes gelesen. Stattdessen werden Kollegen in „Schlüsselromanen“ gemeuchelt…

Und branchenintern?

In der brancheninternen Diskussion höre ich kaum etwas dazu wie sich die Qualität der E-Books entwickeln könnte. Es geht mir momentan noch zu sehr um Äußerlichkeiten wie Software, Reader etc. statt darum, vielleicht auch die Sinnlichkeit oder die interaktiven Möglichkeiten, die ein E-Book ja durchaus bieten könnte, zu verbessern. Der wahre Mehrwert des E-Books muss meines Erachtens erst noch erarbeitet werden. Zugleich geht es häufig nur um Kosten – wer kann woran sparen, was darf etwas kosten, wie sieht es mit Werbung aus. Da folgt die Funktion der Form statt umgekehrt. Daraus ergibt sich dann auch die Kommodifizierung des Autors. Während wir momentan noch an eine Demokratisierung des Buchmarktes durch das E-Book glauben mögen, wird sich der Markt, wie in allen anderen Feldern auch, am Ende wieder durch Angebot und Nachfrage selbst regulieren. Wir werden Autoren haben, die mehr verkaufen als andere und deren Marktwert dann eben auch größer ist.

 Nachtrag: Infolge unserer Unterhaltung hielt Sonya mit dem Verlag Rücksprache. Piper bringt „Wir sind die Wolfskinder“ jetzt doch als E-Book heraus und zwar am 17. September 2012.

Der zweite Teil meines Gespräches mit Sonya Winterberg dreht sich darum, was sie für ihr Buchmarketing tut, welche Maßnahmen erfolgreich waren, welche floppten und wo sie im Social Web Chancen und Risiken ausmacht.

______________________________________________________________________________________________________

Vorschläge, wer in der losen Interview-Reihe “Steglitz fragt … bei Autoren nach” auch zu Wort kommen könnte, nehme ich gerne entgegen. Mich interessiert: Wie gehen Autoren mit den Entwicklungen infolge der Digitalisierung um? Welche neuen Wege nutzen sie, wo sehen sie Chancen und Risiken?