Wir sind Schreibsklaven! Oder: Die Seele und das Herz bitte an der Garderobe abgeben – auf der Bühne spielen die Verkaufszahlen

Der Blogpost „Statt Schriftsteller ist man Schreibmaschine“, in dem zwei Autorinnen über haarsträubende Erfahrungen mit Verlagen berichteten, treibt seit seinem Erscheinen im Juli vergangenen Jahres um. Immer wieder erreichen mich dazu Kommentare, Stellungnahmen und Erfahrungsberichte. So gestern von einer Autorin, die ungenannt bleiben möchte. – Ich danke ihr für einen Bericht, der unter die Haut geht.

________________________________________________________________________________________________________

So, jetzt habe ich diese ganze Artikelserie gelesen und lange überlegt, ob ich auch was schreiben soll. Letztendlich bin ich zu der Auffassung gekommen, dass es wohl gut ist, wenn ich auch etwas dazu sage, damit die Zahl derer, die den Mund aufmachen ein bisschen größer wird.

Also ja: Hiermit reihe ich mich ebenfalls in die Liste der Autoren ein, die vorsichtshalber ihren Namen nicht nennen, denn im Großen und Ganzen kann ich alle Punkte bestätigen, die ich hier gelesen habe.

Ich selbst schreibe seit über 20 Jahren. Etwa 10 Jahre davon habe ich gebraucht, um gut schreiben zu lernen. Weitere 10 Jahre hat es gedauert, ehe ich das ganze Elend mit Bewerbungen und Ablehnungen überstanden hatte und mein erstes Buch von einem “echten” Verlag gedruckt wurde. Inzwischen sind es drei Verlage, zwei davon namhaft, einer nicht ganz so.

© Clipart GvP

© Clipart GvP

Der Erfolg, also das “Verlegt werden” an sich, ist in meinem Fall noch recht jung. Aber ich kann jetzt schon sagen, dass sich vieles daran falsch anfühlt. “Die Seele und das Herz bitte an der Garderobe abgeben – auf der Bühne spielen die Verkaufszahlen.” Dieses Motto spürt man schnell, wenn man die heilige Grenze zum Verlag erst einmal übertreten hat. Sicher, alle sind freundlich zu mir, alle lieben meine Bücher und wahrscheinlich meinen sie es wirklich so. Aber mein Herz und meine Seele habe ich längst verkauft. Für einen Dumpingpreis, denn leben kann ich bei Weitem nicht davon. Man könnte auch sagen, ein durchschnittlicher Verdiener verdient im Monat soviel wie ich im ganzen Jahr. Das Geld bringt also mein Mann in die Familie. Ich “verwirkliche nur mich selbst”. Mit dem kleinen Unterschied, dass ich selbst das nicht mehr tue, seitdem mir die Verlage sagen, was ich schreiben soll, wie lang es sein darf, für welche Zielgruppe ich es zurechtschustern muss und wann der Abgabetermin ist. Der Titel, das Cover und der Klappentext werden festgelegt, bevor das neueste Buch auch nur einen Satz lang ist, also zu einem Zeitpunkt, zu dem es nur aus einer Idee besteht, die ich in einem Exposé formuliert habe. So etwas ist wirklich, WIRKLICH unheimlich!!! Alles Mögliche könnte in der Zwischenzeit passieren. Was, wenn ich mit meinen Figuren nicht warm werde? Wenn die Geschichte nicht funktioniert? Wenn ich in eine Sackgasse laufe und das Buch nochmal umschreiben muss? Wenn ich einfach mal krank werde oder etwas anderes dazwischenkommt und deshalb der Zeitplan platzt? Wenn irgendwas davon passiert, dann müsste ich stümpern und tricksen und das Buch würde trotzdem gedruckt und ich bekomme die Dresche von den Lesern, weil “natürlich” der Autor verantwortlich für sein Buch ist.

Zum Glück vertraue ich mir und meinem Können. Ich weiß, dass ich dieses Buch schreiben kann, auch unter dem gegebenen Druck und in der vorgegebenen Zeit. Was das betrifft, bin ich also froh, dass ich zwanzig Jahre Vorlauf hatte, um mich und mein Können zu entwickeln. Ich habe inzwischen eine Routine, die ich jetzt dringend brauche, und zum Glück gehöre ich auch zu denen, bei denen die Ideen nur so hervorsprudeln.

Aber dennoch. Ich bin immer noch schockiert darüber, wie es hier (in der glitzernden Verlagswelt) läuft. Ich dachte immer, ein Buch müsste perfekt sein, die Figuren, die Sprache, die Atmosphäre. Ich habe Werke in meiner Schublade, an denen ich mit unendlicher Geduld geschrieben und gefeilt habe, die von zahlreichen Testlesern und anderen Autoren gegengelesen wurden, bis ich alle konstruktive Kritik in den Text eingearbeitet hatte. Aber solche Bücher werden jetzt nicht einmal geprüft, von keinem meiner Verlage. Und warum? Weil sie zufällig ein Thema behandeln, das auf dem Markt gerade gefloppt ist.

Also muss ich neue Bücher schreiben, für die ich wenig Zeit habe, so wenig Zeit, dass sie kaum ein Testleser zu Gesicht bekommt, bevor sie auch schon in den Druck müssen. Aber sie haben das richtige Thema, oder sagen wir mal, das Thema, von dem die Marketingabteilung glaubt, es könnte das richtige sein.

Ganz ehrlich, immer, wenn ich darüber nachdenke, kann ich spüren wie eine kleine Wunde in meinem Herz aufreißt und anfängt zu schmerzen. Ich musste mich und meine Seele verkaufen, um dabei zu sein. Und jetzt kämpfe ich Tag um Tag darum, sie zurückzubekommen. Ich tue alles dafür, mir die Geschichten zurückzuerobern und sie trotz all der Vorgaben und Beschränkungen wieder zu einem Teil von mir zu machen. Und ich bange und hoffe, darauf, dass sich meine Bücher irgendwann so gut verkaufen, dass ich wieder die Regeln bestimmen darf.

Aber im Moment stehe ich noch ganz unten in der Rangordnung. Selbst der Gang in den Buchladen ist meistens deprimierend. Meine Bücher müssen wohl irgendwo im B oder C-Programm laufen (auch wenn meine Lektorinnen immer davon schwärmen, wie gut mein Buch überall ankommt). Ich aber jedenfalls finde sie trotz namhafter Verlage meistens nicht, wenn ich in einen Buchladen komme. Oder ein einzelnes Exemplar steht einsam und verloren irgendwo im Regal, wo nur hartgesottene Fans nach ihm suchen werden. Manchmal hole ich solch ein einsames Buch heraus, trage es ein bisschen mit mir herum und lege es dann liebevoll und wie zufällig irgendwo auf den Tisch. Aber wahrscheinlich findet es die Buchhändlerin dann doch vor dem Leser und stellt es in seinen Regalplatz zurück.

Offensichtlich hat für mich also noch niemand einen Stapelplatz bei Thalia gekauft. Warum auch. Ich bin jung und neu am Markt. Ich muss mich erst einmal beweisen.

Und so organisiere ich bis jetzt auch noch viel zu viel selbst. Wenn ich eine Lesung halten will, muss ich mir selbst einen Ort suchen und das Publikum am besten gleich mitbringen, von einem Lesungshonorar mal ganz zu schweigen. Wenn ich ein bisschen Pressewirbel will, dann toure ich selbst durch das Internet, pflege meine Sozialforen und streichele meine Leser mit liebevollem Smalltalk. Tatsächlich sind das oftmals die besten Momente. Meinen Lesern bin ich manchmal am Nächsten, obwohl ich nur ein paar geschriebene Worte von ihnen habe, in denen sie ihre Leseeindrücke schildern. Ich bin also wirklich gerne “bei meinen Lesern”. Aber der Verkaufserfolg steigt wohl nur wenig durch diese 1:1 Zuwendung und meine neuesten Bücher werden dadurch auch nicht gerade schneller fertig.

Stattdessen geht fast die Hälfte der Zeit dafür drauf, alles selbst zu organisieren. Mir ist es noch nie so schwer gefallen, mich auf mein aktuelles Manuskript zu konzentrieren, weil die Tage ständig zwischen dem einen und dem anderen zerrissen werden. Wenn ich einen schlechten Tag habe, aktualisiere ich manchmal häufiger den Verkaufsrang bei Amazon, als ich beim Schreiben meines neuesten Werkes auf die Returntaste drücke. Nicht etwa deshalb, weil bei Amazon so viele Bücher über den Tisch gehen würden, nein, wohl eher deshalb, weil ich mir das so sehr wünsche.
Es ist also alles andere als eine heile Welt, die dort hinter den Verlagstüren herrscht. Und wir Autoren sind in dem “Geschäft” die ärmsten Säue von allen. Wir machen unseren Job ja gerne, hundert andere stehen Schlange, um unseren Platz einzunehmen, also muss man uns weder fair bezahlen, noch fair behandeln.

Meine Agentin fand dafür den treffendsten Begriff: Wir sind Schreibsklaven. Genau so fühle ich mich oft. Aber verflucht nochmal, ich mache meine Job so gerne, dass ich ihn trotzdem nicht aufgeben würde, dass ich das alles mitmache und lächele und nach außen hin den Schein wahre – und nur dann den Mund aufmache, wenn mein Name nicht darunter steht.

Manchmal denke ich, wir Autoren müssten mal streiken, alle auf einmal, die Kleinen und die Namhaften. Wir müssten uns alle verabreden und unsere neuesten Manuskripte einfach nicht pünktlich zum VÖ-Termin abliefern. Aber das Problem ist wohl, dass es auch unter uns zu viele Streikbrecher geben würde – und noch mehr Autoren, die nur darauf warten, dass mal ein Programmplatz freibleibt. Im Notfall würde sich auch noch eine Auslandslizenz finden, die man schnell ins Programm schieben kann.
Also muss ich mich wohl damit abfinden, dass ich nur eine Nummer auf dem Markt bin. Und alles, was ich hoffen kann, ist, dass sich die Qualität meiner Bücher irgendwann durchsetzt und mich zu einer größeren Nummer macht, bis ich irgendwann vielleicht tatsächlich Geld verdiene. Nur so viel wie man zum Leben braucht. Das würde mir ja schon reichen.

Tja, jetzt habe ich so viel geschrieben und frage mich gerade, was die Moral von der Geschichte ist. Im Grunde ganz klar: Wenn ihr es könnt, wenn ihr nur irgendwie die Möglichkeit habt, auf andere Weise glücklich zu werden, dann lasst die Finger vom Schreiben! Diese Welt mag glänzen, aber auch das Schlachtermesser glänzt, bevor es dem Schwein die Kehle aufschlitzt.
Doch wie auch immer. Ich für meinen Teil werde weiterkämpfen. Ich weiß schon lange, dass ich nur glücklich bin, wenn ich schreibe, also könnte ich es wohl nie sein lassen. Selbst wenn ich wollte 😉

Liebe Grüße
Eure Schreibsklavin!

„Statt Schriftsteller ist man ‚Schreib-Maschine‘.“ Zwei Autoren berichten

Die beiden Kommentare zweier Autoren, die anonym bleiben möchten, erfolgten gestern auf meinen Blogbeitrag „Warum kratzt man an der Aura Buch nicht?“. Weil die Erfahrungsberichte von allgemeinerem Interesse sind und ich ihnen zu mehr Öffentlichkeit verhelfen möchte, habe ich mich entschieden, diese hier als eigenen Beitrag publik zu machen. – Ich danke beiden Autorinnen für ihre Offenheit!

Eine Belletristik-Autorin schrieb am 19. Juli um 15.18 Uhr folgendes:

Hier eine B-Autorin aus der „Belletristik-Branche“, die gern anonym bleiben möchte. Denn im Verhältnis zum Verlag soll Friede und Freude herrschen. Vor allem nach außen hin. Aber auch nach innen macht man sich schnell unbeliebt, gilt schnell als unbequeme, fordernde Autorin. Die vielleicht schon von einem anderen Verlag ausgestoßen wurde, weil sie so unbequem ist resp. sich nicht gut genug verkauft hat. Als Autor merkt man selbst, welchen Stellenwert man innerhalb eines Verlagsprogramms zugewiesen bekommt. Man weiß schon, wenn man nicht Spitzentitel ist und kein Geld in die Werbung in einer Feuilletonzeitung gesteckt wird, dass das Ganze nichts werden kann. Man muss dann seine Zuversicht zusammenkratzen, sich moralisch aufrichten. An seine Fans denken.

Ich habe alles in mein Buch gesteckt, ich habe das Beste gegeben, was mir zu diesem Zeitpunkt möglich war. Ich habe immer wieder gedacht, ich kann nicht mehr und dann immer weiter gemacht, Hürden überwunden, geheult, gejubelt, gefeilt. Jahrelang. Es muss ja am Ende nicht das große Geld rauskommen; eigentlich wollte ich ja Leserherzen erreichen. Ich möchte etwas geben. Das werde ich aber nicht so können, wie ich es möchte. Und das Geld, das ich verdiene, wird nicht reichen, um halbwegs in Ruhe ein neues Buch zu schreiben.

Was war das für ein Glücksgefühl, endlich den passenden Verlag gefunden zu haben! Die ersten Dissonanzen bei Vertragsformulierungen. Das Gefühl, von einem Megakonzern etwas übergestülpt zu bekommen. Dann wurden der Arbeitstitel und alle Alternativen mit beiläufiger Geste vom Tisch gefegt und mir in einer Mischung aus Manipulation und Herausschieben ein für mich unangemessener und kitschiger Titel übergeholfen. Jeder Autor unter Ihnen kann sich die schlaflosen Nächte vorstellen, wenn sich auf diese Weise der Verdacht verfestigt, für ein paar lausige Euro seine Seele verkauft zu haben. Und jeder Leser und Kritiker denkt, der Autor hätte den Titel so gewählt. Wie es im Interview heißt, der Verlag hält Apfelessig gerade für den großen Renner, so wurde mein Buch auf das Thema Apfelessig zurechtgestutzt. Das Foto unter diesem Aspekt ausgewählt, das Cover, die Klappentexte. Nur dass ich keine Apfelessig-Autorin bin. Das ich viel mehr zu geben hätte.

Leider war auch das Lektorat dementsprechend. Es kann sich niemand vorstellen, wie in einem Verlag mit einem scheinbar hochwertigen Programm unter Zeitdruck an einem Manuskript von jemand, der womöglich wenig Erfahrung hat, herum gepfuscht wird, sogar in den Stil eingegriffen (um dem Apfelessig-Leser entgegen zu kommen). Wie wenig Achtung der Leistung eines Autors entgegengebracht wird, der ja dem Verlag noch keinen Erfolg gebracht hat. Und dem er auf diese Weise keinen bringen wird. Denn Leser fühlen sich auch manipuliert und unwohl, wenn die Verpackung nicht zum Inhalt passt.

Inzwischen denke ich, ich hätte besser ein E-Book selbst herausgeben oder hätte bei einem kleinen armen, aber gewogenen Verlag veröffentlicht. Dann würde ich mich nicht gegen Deformierungen behaupten müssen. Solche Vorgänge richten womöglich dauerhaft Schaden an: In der Art wie ich als Autorin wahrgenommen werde und an meinem künstlerischen Selbstbewusstsein.

Um 03.04 Uhr antwortete darauf X-Autor:

Liebe B-Autorin, normalerweise schreibe ich keine anonymen Kommentare, aber nachdem ich Deinen Brief gelesen habe, MUSS ich einfach antworten. Und weil ich einige Dinge benennen will, es mir aber überhaupt nicht darauf ankommt, in eine Diskussion „um mich selbst“ einzusteigen, möchte ich es – ausnahmsweise – anonym machen.

Vorab: Ich schreibe schon viele, viele Jahre lang, und ich kann sagen, dass ich nicht nur den C-Autoren-Status kenne, sondern sozusagen von (fast-)A bis X alles durchhabe. Als ich anfing, professionell zu schreiben, also etwa vor dreißig Jahren, tat ich es aus dem Impuls heraus, Geschichten erzählen zu MÜSSEN, aber mit dem Anspruch, es auch richtig zu tun, also das Handwerk zu erlernen. Das war damals noch schwer, es gab kaum Möglichkeiten, ich wählte eine Fernausbildung. Danach schlossen sich vielerlei kleinere Projekte an, auch journalistisch war ich tätig, aber meine Passion blieb das Fiktionale. Ich bin von Kindesbeinen an begeisterter Leser, und was ich an „meinen“ Lese-Büchern schätzte, wollte ich dann auch „meinen“ Lesern geben: Die Reise in eine – wörtlich gemeinte – fantastische Welt. Ich LIEBTE Bücher, und ich wollte diese Liebe auch im Schreiben ausdrücken, ohne jedoch in das Fach der „Schnulzen“ oder auch der „hohen Literatur“ zu geraten. Unterhalten wollte ich, aber mit einem Anspruch an Sprache und erzählter Geschichte.

Zehn Jahre sollte es dauern, bis ich einen Agenten und kurz darauf über ihn einen Verlag fand. Und dann geschah genau das, was Du, liebe B-Autorin, beschreibst. Am Vertrag hatte ich nichts zu mäkeln, der war richtig gut, aber was das Buch anging, lief es von Anfang an nicht rund. Kurz vor Erscheinen teilte man mir mit, dass man den Titel geändert habe. Ich war entsetzt, denn dieser neue Titel konterkarierte alles, was ich mit meinem Buch verband. Einen Tag lang ließ man mich glauben, ich hätte es in der Hand, einen anderen Titel zu finden, dann erfuhr ich, dass die Vorschauen längst gedruckt waren. Das Cover bekam ich ebenfalls erst zu sehen, als es nichts mehr zu diskutieren gab. Dann erschien das Buch – es war trotz allem ein Freudentag, den ich nie vergessen werde: Der erste Roman in einem großen Verlag, im Hardcover!

Die Ernüchterung kam pronto. Dabei war mir durchaus bewusst, dass ich weder Spitzentitel noch sonst was war, will heißen: Ich hatte keine großen Erwartungen. Aber was dann geschah, war für mich unvorstellbar: Ich organisierte Lesungen und Pressetermine selbst (ich hatte durch meine „kleinen Projekte“ Kontakte und Erfahrung), und es gab ein sehr nachhaltiges (zunächst lokales) mediales Interesse an dem Buch. Immer mehr Lesungsanfragen kamen, aber man war im Verlag nicht mal bereit, mir Plakate zur Verfügung zu stellen. Weil ich die Veranstalter nicht enttäuschen wollte, habe ich schließlich selbst ein Plakat entworfen und im Copy-Shop drucken lassen (damals kostete ein Exemplar eines solchen Farbdrucks 5 DM!). Es kamen Beschwerden von Lesern, die mein Buch angeblich nicht kaufen konnten – ich schob es auf die Dummheit der Leute, bis mir eine Buchhändlerin bei einer Lesung sagte, dass mein Roman überhaupt nicht im Verzeichnis Lieferbarer Bücher eingetragen sei. Das habe man vergessen, sagte der Verlag.

Drei Monate nach Erscheinen des Buches zeichnete sich ab, dass die erste Auflage bald abverkauft sein würde (ich fragte regelmäßig nach), aber eine zweite Auflage wollte man nicht drucken. So saß ich in Lesungen ohne Bücher. Mehr Presseanfragen kamen, mehr Leute wollten das Buch. Schließlich druckte man nach. Bei der nächsten Auflage das gleiche. Inzwischen war das Herbstprogramm draußen, mein Buch nicht mehr interessant. Für den Verlag. Für mich schon. Für die Leser offenbar auch. Ich könnte ein ganzes Buch schreiben, was ich alles unternommen habe, um den Verlag zu überzeugen, dass dieses Buch von Lesern gern gelesen würde, wenn sie es denn weiterhin druckten. Als es dann ins Taschenbuch kam, funktionierte es leidlich. Ich schrieb ein zweites und dachte wirklich, es würde besser. Es kam noch schlimmer.

Es geschah genau das, was Du auch beschreibst. Leute, die keine Ahnung hatten von dem Buch (denn es war noch gar nicht fertig), entschieden darüber. Wieder die Diskussion um den Titel. Ich setzte mich durch, aber ich war nicht glücklich. Nicht etwa: Aus sachlichen Gründen müsse was geändert werden, nein, es seien einfach zu viele Seiten. Man strich Passagen, die andere Passagen plötzlich absurd werden ließen. Ich war noch mitten am Schreiben in einer Phase, in der man mit den Figuren lebt, in denen man die Freude am Schreiben am intensivsten spürt, aber ich war müde, konnte die Diskussionen nicht mehr ertragen, die nicht um die Sache gingen (da hätte ich mich gern überzeugen lassen), sondern nur um diesen angeblichen Leser, der das Buch so und so und so haben wollte. Ich fing an, diesen angeblichen Leser zu hassen, ich wurde traurig und krank davon. Ich setzte mich schließlich durch, mit allem, aber wie viele schlaflose Nächte, wie viele Diskussionen kostete mich das, wie viele Tage, an denen ich nicht schreiben konnte!

Der Roman erschien, die Auflagen beider Romane überschritten die Hundertausend-, die Zweihunderttausend-Grenze, ich schrieb einen dritten. In der Hoffnung, dass man nun doch sehen müsse, dass die Geschichten, wie ich sie erzählte, vom Leser auch genauso geschätzt würden. Beim vierten war es dann soweit: Dieses Mal, so der Verlag, solle ich einen richtigen Spitzenplatz bekommen, man werde alles tun für dieses neue Buch. Das Schlimme: Die meinten das wirklich so. Vorher schon hatte ich auf Anraten meines Agenten einen neuen Vertrag unterschrieben, der finanziell nicht zu toppen war. Was soll ich sagen? Schon während des Schreibens versuchte man wieder, Einfluss zu nehmen. Der Titel passe dem und dem Verkaufsleiter bei dem und dem Filialisten nicht, er müsse geändert werden. Im Übrigen sollte ich mich bitte auf höchstens soundsoviele Seiten beschränken.

Du bringst es auf den Punkt, liebe B-Autorin: Man hatte das Gefühl, man hätte seine Seele verkauft. Heute weiß ich: Es war nicht nur das Gefühl, es WAR so. Nichts von meinen Träumen war geblieben, nichts machte mir mehr Freude an dieser Art zu erzählen. Ich war auf dem Sprung zur A-Autorin, und ich warf die Flinte ins Korn.

Fast fünf Jahre ist das her, und ich glaube, man hat im Verlag bis heute nicht begriffen, warum ich das tat. Ich mache auch niemandem einen Vorwurf, denn ich kenne natürlich auch die Zwänge, die in den Verlagen herrschen. Ich wollte weder Lektor noch sonstjemand in dieser Maschinerie der Beliebigkeiten sein. Ich hatte für drei Romane fast ein gutes Dutzend Lektoren, darunter einige Outgesourcte, die ums Überleben kämpften und alles taten, was die Verlagsleitung wollte. Zuständigkeiten in den Sparten Presse und Veranstaltungen wechselten damals im Vierteljahresrhythmus. Das zumindest hat sich inzwischen geändert, aber die Misere, dass Leute, die Bücher NICHT lieben, die reine Marktstrategen und sonst gar nichts sind, zu wissen glaubten, was die Leute lesen wollen – und wie ich das zu schreiben hätte, was sie lesen wollten! – das konnte ich nicht mehr ertragen. Selbst wenn sie recht hätten. Und vielleicht sogar in dem einen oder anderen Fall recht haben. Ich wollte nur noch frei sein, wieder das schreiben, was ich gern schreiben möchte.

Mit der Trennung vom Verlag trennte ich mich auch von meinem Agenten. Es war keine schöne Zeit, und das Paradoxe daran war, dass man mir es deshalb so schwer machte, weil der Erfolg nun da war. Als C-Autorin wäre man wohl froh gewesen, mich los zu sein. Würde ich das wieder tun? Alles hinschmeißen und freiwillig in die X-Liga zurückgehen? ICH würde es tun. Aber ich kann anderen nicht dazu raten, denn für Autoren, die vom Schreiben irgendwie leben müssen, wäre es Harakiri. Mir geht es heute gut, ich schreibe wieder gern, aber bei den „Etablierten“ wurde ich persona non grata. Ich hatte ja durchaus einen guten Namen, aber wie sich Verkaufserfolge rumsprechen, sprechen sich auch Vertragsauflösungen herum. Ich dachte damals, ich müsse nur den Verlag wechseln, um mein „Schreibglück“ wiederzufinden. Erlebte dann aber mehrfach, wie sich anfängliches Interesse sowohl von Verlagen als auch von Agenten plötzlich verflüchtigte. Ich sah es als Zufall, bis mir ein wohlgesonnener Mensch offenbarte, dass man sich sehr wohl in der Branche unterhalte. So ist das eben. Wahrscheinlich nicht nur in dieser Branche.

Aber ich kann wirklich verstehen, warum immer mehr Autoren desillusioniert sind. Man arbeitet als Kreativer und bekommt Vorgaben wie eine billige Schreibkraft. Statt Schrift-Steller ist man „Schreib-Maschine“. Ich bekomme eMails von Leidensgenossen, denen ich leider auch nicht mehr raten kann, als zu versuchen, für sich selbst einen Weg zu finden. Aber andererseits: Wenn man es schafft, dieses Verlangen nach „seriöser“ Anerkennung abzulegen UND noch an genügend Leser zu kommen, dann, finde ich, tun sich für kreative und „altmodische“ Autoren, die noch schreiben, weil sie Geschichten erzählen wollen, in der digitalen Welt womöglich neue Wege auf. Es dauert eben noch ein Weilchen.

Also: Kopf hoch, liebe B-Autorin. Zeit ist ja das, was wir wieder haben möchten in dieser so schnelllebigen Welt. Ich jedenfalls bin frohen Mutes.

________________________________________________________________________________________________________

Seit seinem Erscheinen treibt dieser Beitrag um. Immer wieder erreichen mich dazu Kommentare, Stellungnahmen und Erfahrungsberichte. So etwa von Barbara, ACR und eine Autorin, die ungenannt bleiben möchte.