„Als Selbstpublisher steht man unter scharfer Beobachtung.“ SteglitzMind fragt bei Gabriele Schmid nach

Bei Gabriele Schmid hakte ich nach, weil die Autorin eine erstaunliche Entwicklung nahm, die ohne die Umwälzungen auf dem Buchmarkt so schwerlich möglich gewesen wäre. Der erste Teil unseres Gespräches drehte sich um Schreibschulen und Autoren-Coaching. Heute geht es um ihre Erfahrungen als Newcomerin und den Eigenverlag PCSbooks.

Ursprünglich hatten Sie geplant, ihre Romanserie rund um eine Freiburger Privatklinik an einen Verlag oder Agenten zu bringen. Wie waren Ihre diesbezüglichen Erfahrungen?

(lacht) Damals war ich überzeugt, den Bestseller schlechthin geschrieben zu haben. Sofern überhaupt eine Reaktion kam, hagelte es Absage über Absage. Tatsache war, die Freiburg-Reihe kam bei Verlagen nicht an. Keiner fragte nach einem kompletten Manuskript. Geurteilt wurde aufgrund des Exposés und der Leseprobe von 30 Seiten.

Dank dem mobilen Lesen sind Kurzromane und Serien stark im Kommen, Verlage verlieren ihre Berührungsängste vor kurzen Texten. Meinen Sie, Ihre Chancen stünden heute besser?

Das glaube ich eher nicht. Selbst gestandene DeLiA-Autorinnen…

DeLiA, die Vereinigung deutschsprachiger Liebesroman-Autoren und Autorinnen, der Sie angehören…

Genau. Selbst Mitglieder aus diesem Kreis, die bei namhaften Verlagen unter Vertrag stehen, haben sich entschieden, ihre Kurzromane in Eigenregie herauszubringen. Sofern sie es nicht schon längst tun. Es gibt verschwindend wenig Romanliteratur in den Buchhandlungen, die unter 200 Seiten aufweisen. Aber: man soll nie „Nie“ sagen. Womöglich ändert sich das ja noch.

Wo kommt ihr Faible für Serien her?

Ohje, da muss ich weit ausholen. Ich bin weniger die architektonisch, planende Autorin als vielmehr eine, die aus dem Bauch heraus schreibt. Wenn ich die Geschichte einer Protagonistin beginne, dann lasse ich mich dabei auf ganz viele Überraschungen ein. Jede Figur hat ein Umfeld, das einfach da ist, mit ihr lebt. Mir offenbart sich das beim Schreiben erst nach und nach. (Lacht) Oft vermag ich es auch gar nicht zu ändern, aber immerhin darf ich zumindest Regie führen. Es passiert mir immer wieder, dass sich das Umfeld auf seine eigene Weise verselbständigt. Es drängt sich in den Vordergrund. Will seine eigene Geschichte erzählen, die aber so gar nicht in meinen geplanten Plot passt.

Mögen Sie das an einem Beispiel konkretisieren?

Das erging mit bereits bei meinem allerersten Roman um die Freiburger Klinik so. Als ich die Geschichte von Doktor Katja Thalbach niederschrieb, verselbstständigte sich deren beste Freundin. Sie wollte mir ihre Geschichte ebenfalls erzählen. Also machte ich mich an den zweiten Band, sprich an die Geschichte von Viktoria Karl. Wie aus dem Nichts tauchte beim Schreiben noch dazu eine komplette Familie auf, die mir ebenfalls nicht mehr aus dem Kopf ging. Im Lauf der Zeit entwickelte sich aus meinem Freiburg-Roman eine Reihe mit sechs Bänden, die jeweils etwa 400 Manuskript-Seiten stark sind.

Wie kamen Sie auf die Idee, Kurzromane zu schreiben?

Band 1 der Kurzroman-Serie

Band 1 der Kurzroman-Serie „Aus Träumen werden Geschichten“

Ähnlich wie sich meine Serien ergeben, ist es mir auch mit den Kurzromanen ergangen. Den ersten beiden Bänden der Kurzroman-Reihe „Aus Träume werden Geschichten“ liegen zwei voneinander unabhängige Geschichten zugrunde, die für einen Schreibwettbewerb im Winter 2012 entstanden sind. Ich war nicht wirklich zufrieden damit. Pias Geschichte – auf 30 Seiten gepresst – wollte länger erzählt sein. Obwohl ich damals mit der Überarbeitung von „Gleichklang“ beschäftigt war, setzte ich mich hin und schrieb. Rund 140 Seiten. Dabei gewann Pia eine Freundin: Lexi. Hups, dachte ich mir – schon wieder eine Fortsetzung. Und dann begannen die Ideen nur so zu sprudeln. Inzwischen habe ich Fährten für etwa acht Bände gelegt.

Ihr Debüt „Gleichklang“ ist bei spiritbooks erschienen. Was hat Sie bewogen, Ihre Kurzroman-Serie „Aus Träumen werden Geschichten“ im Eigenverlag herauszubringen?

Nach den Erfahrungen mit der Freiburg-Reihe war mir klar, dass kein Verlag der Welt ein so „schmales Werk“ drucken würde. Und da ich von Haus aus sowieso der Typ „Selbst-ist-die-Frau“ bin, dachte ich mir, probiere es selbst. Ich bin gut darin, mich zu organisieren. Hier kommt mir höchstwahrscheinlich die logische Denke der Datenbank-Ingenieurin zugute, die mich ständig zwingt, alles Wichtige im Auge zu haben und dann sukzessive abzuarbeiten. Und: ich kann die Arme hochkrempeln und mich in eine neue Aufgabe stürzen. – Dadurch fällt auch Unbekanntes leichter und macht mehr Freude.

Wie ist Ihr Label “PCSbooks – Plots . Characters . Scripts” entstanden; was steckt dahinter?

Das waren zum einen rein pragmatische Gründe. Die Domain pcs-schmid.de existierte noch aus den Zeiten, als ich während meiner Elternzeit einen kleinen PC-Service betrieben habe. Ich wollte diese Domain nicht ändern und suchte nach einer Lösung. Die ließ sich dann recht schnell finden: Plots-Characters-Scripts. Da ich alles professionell aufziehen wollte, holte ich mir von einer Spezialistin Unterstützung. Die Web-Präsenz, das Logo und alle meine Cover stammen von  Corina Witte-Pflanz. Ich bin über die Zusammenarbeit mir ihr sehr glücklich. Wir verstehen uns nahezu ohne Worte.

Warum fahren Sie mit Print und E-Book zweigleisig?

Nichts kann jemals das Gefühl und den Geruch von Papier ersetzen. Alt oder neu, jedes gedruckte Buch ist ein Kunstwerk. Erfahrungsgemäß gehen die E-Books von Selfpublishern allerdings besser. Daher wollte ich beides anbieten.

Meinen Sie, dass dem E-Book die Zukunft gehört?

Ich bin da sehr zweigespalten. Inzwischen nutze auch ich ein Lesegerät, allerdings eher im Urlaub oder für Bücher, bei denen ich ahne, dass ich sie nur ein einziges Mal lesen werde. Hat mich mein Bauchgefühl betrogen und mir das Buch trotzdem gefallen, dann kaufe ich auch die gebundene Ausgabe. Ich bin altmodisch.

Sie arbeiten mit tredition zusammen. Warum haben Sie sich für diesen Dienstleister entschieden?

Ich habe mich in der einschlägigen Fachpresse kundig gemacht und kannte die Druckqualität von den Büchern her, die Ulrike Dietmann für spiritbooks bei tredition verlegt hat. Außerdem habe ich auf der Frankfurter Buchmesse ausführliche Gespräche mit den Verantwortlichen geführt. Überzeugt hat mich Anna Fleck, die bei tredition u.a. für die Kundenbetreuung zuständig ist. Schlussendlich war aber die Qualität der Bücher entscheidend.

Waren andere Anbieter wie etwa Create Space von Amazon, BoD oder epubli für Sie nie eine Option?

Anfangs habe ich noch mit dem Gedanken gespielt, die E-Books in Eigenregie bei Amazon zu veröffentlichen. Davon bin ich aber wieder abgekommen, weil tredition alle Formate und den globalen Handel bedient.

Welche verlegerischen Dienstleistungen nimmt Ihnen tredition ab?

(lacht) Den Buchdruck. Außerdem geht von tredition eine Pressemitteilung an den kompletten deutschen Buchhandel und sie machen Werbung für meine Titel auf ihren Seiten. Und nicht zuletzt übernehmen sie die Umwandlung der E-Books in alle gängigen Formate.

Wie zufrieden sind Sie mit der Zusammenarbeit?

Sehr zufrieden! Fragen werden sofort, nahezu postwendend beantwortet. Ich habe einen direkten Ansprechpartner. Fehler, so sie denn passieren, werden sofort ausgemerzt. Und sie unterstützen mein Buch-Marketing; etwa dadurch, dass sie meine Aktionen auf ihrem Facebook-Profil teilen.

Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?

das Logo

das Logo

Für meine E-Books würde ich über tredition gerne kleinere, kurzfristige Marketingaktionen initiieren können. Die Erfahrung hat gezeigt, dass der Absatz dadurch anzieht. Außerdem würde ich mir wünschen, den Buchpreis flexibler gestalten zu können. Die Fixkosten sind relativ hoch. So man mit seinen Büchern etwas verdienen möchte, wird man nie mit den Preisen mithalten können, die für ein „normales“ Taschenbuch in der Seitenstärke meiner Kurzromane verlangt werden. Für ein Buch mit 220 Seiten 12,99 Euro haben zu wollen, halte ich für grenzwertig. Das überlege ich mir doch drei Mal, ob ich so viel dafür ausgeben möchte. Im Selfpublisher-Bereich liegt die Hemmschwelle – kaufe ich, kaufe ich nicht? – meines Erachtens bei zehn Euro.

Viel hängen bleibt da wohl nicht?

(lacht) An „Herbststürme“ – Band 1 meiner Kurzroman-Reihe „Aus Träumen werden Geschichten“, der den Leser 8,99 Euro kostet – verdiene ich 25 Cent pro gedrucktes Buch. Da muss ich schon sehr viele Exemplare verkaufen, um davon leben zu können.

Rechnet sich die Zusammenarbeit mit tredition für Sie dennoch?

Bisher rechnet es sich tatsächlich. Nehme ich 50 Bücher ab, dann fallen für die Veröffentlichung keine Kosten an.

Worauf sollte man bei der Zusammenarbeit mit BOD-Verlagen besonders Acht geben?

Die Qualität der Bücher (Einband, Layout, Stärke des Papiers) muss stimmen. Die Software zum Einstellen der Bücher muss bedienerfreundlich sein. Der Autorenvertrag muss der Norm entsprechen.

Was würden Sie nach Ihren bisherigen Erfahrungen als Selfpublisherin heute anders machen?

Eigentlich nichts. Ich genieße es, für meine Cover und das Layout mitverantwortlich zu sein und scheue auch die viele zusätzliche Arbeit nicht, die neben dem Schreiben anfällt.

Wo sehen Sie für Selfpublisher die größten Herausforderungen?

Kontrolle muss sein! Als Selbstpublisher steht man unter scharfer Beobachtung. Fehler können einem gleich beim ersten Buch das Genick brechen. Schon von daher ist ein Lektorat meines Erachtens zwingend notwendig. Ein Blick zu viel, schadet nie. Es ist ein Haufen Arbeit, aber es macht unheimlich Spaß und Freude. Allemal, wenn man dann endlich – nach der vielen Plackerei – sein fertiges Werk in Händen hält.

Was sollte sich ein Selbstverleger abschminken?

Reich zu werden und einen Spiegel-Bestseller-Rang zu ergattern.

Im Buchhandel tun sich Publikationen von Selfpublishern bekanntlich schwer. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Sonderedition der Kurzroman-Reihe

Sonderedition der Kurzroman-Reihe

Ich kam mir schlichtweg vor, als würde ich saure Äpfel anbieten. Abgesehen von zwei Buchhandlungen zeigte im gesamten Umkreis meiner Heimatstadt keiner Interesse, meine Bücher auszulegen. Bei meinen Besuchen in den Buchläden musste ich vielfach abfällige Bemerkungen einstecken wie: „Scheiben kann heutzutage jeder.“ „Wir nehmen nur Spitzenautoren.“ Das habe ich genau acht Mal persönlich versucht, danach via E-Mail. Inzwischen denke ich mir meinen Teil. In meinem Heimatort liegen meine Titel bei Wunderkind & Naseweis aus. Die Buchhandlung One im Nachbarort Gerlingen unterstützt mich ebenfalls.

Wie sehen Sie das: Krempelt Selfpublishing den Buchmarkt um?

Vermutlich schon. Allerdings müssen wir erst einmal abwarten, was noch so alles kommt. Verlage setzen inzwischen auch auf das Pferd, Amazon steht im Kreuzfeuer der Kritik, der Buchmarkt unter Druck. Es bleibt spannend.

Gesetzt den Fall, dass Ihnen ein eingeführter Publikumsverlag ein Angebot unterbreitet. Würden Sie sich darauf einlassen?

Eine sehr schwierige Frage. Ich weiß es nicht. Ich fühle mich bei spiritbooks mit den großen Romanen und bei tredition in Eigenregie sehr gut aufgehoben. Würde ein Publikumsverlag bei mir anklopfen, dann müsste ich schwer mit mir kämpfen. Eigentlich eher nein! Beziehungsweise allenfalls dann, wenn ich ein Mitspracherecht beim Layout, der Covergestaltung und der Titelei hätte. – Das käme dann wohl einer Sensation, bestenfalls sogar einer kleinen Revolution gleich(lacht). Spaß beiseite: Mir ist sehr daran gelegen, dass Inhalt-Titel-Layout eine Einheit bilden. Dafür stehe ich als Autorin gerade, das ist mein Markenzeichen.

Was planen Sie in naher Zukunft?

Im Eigenverlag werden Fortsetzungen meiner Kurzroman-Reihe „Aus Träumen werden Geschichten“ erscheinen; Band 3 „Hitzeschlag“ spätestens Ende des Jahres. Gemeinsam mit Lea Korte feile ich derzeit an meiner Serie rund um die Kriminalkommissarin Sina Roth. Außerdem sieht Ulrike Dietmann vor, mit mir ein neues Projekt anzugehen.

Lassen Sie mich wissen, um was es geht?

Ich verrate sicher nicht zu viel, dass es sich um die Freiburger Reihe handelt, die wird wohl doch noch zum Buch. Insofern von Ulrike Dietmann irgendwann das GO kommt.

Danke für das Gespräch. Die Ideen gehen Ihnen jedenfalls nicht aus…

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Im abschließenden Teil unseres Gespräches möchte ich von Gabriele Schmid wissen, was es alles braucht, um als Autorin Fuß zu fassen.

In der losen Interview-Reihe “Steglitz fragt … bei Autoren nach” standen bereits Rede und Antwort:  Jando, Petra van Cronenburg, Petra Röder, Nicole Sowade aka Miss Januar, Jan-Uwe Fitz aka Vergraemer, die Sachbuch-Autorin Sonya Winterberg, der Berner Shooting-Star Patric Marino, Wilhelm Ruprecht Frieling, im Social Web als Prinz Rupi bekannt, der Selfpublisher Michael Meisheit und der Lyriker Jost Renner. –  Stets geht es darum, wie die befragten Autoren die Entwicklungen infolge der Digitalisierung einschätzen, welche neuen Wege sie nutzen und wo sie Chancen und Risiken sehen.

Steglitz fragt bei Sonya Winterberg nach

„Der wahre Mehrwert des E-Books muss meines Erachtens erst noch erarbeitet werden.“

Bei Sonya war es genau andersherum: Nicht sie ist mir, sondern ich bin ihr im Social Web aufgefallen, und zwar bei Twitter. Wir haben telefoniert. Nach unserem längeren Gespräch sandte sie mir ihr aktuelles Buch „Wir sind die Wolfskinder“ zu, das auf sorgfältigen Recherchen über jene Kinder basiert, die nach 1945 monate-, häufig jahrelang elternlos durch die Wälder Ostpreußens irrten, um schließlich in Litauen ein karges Auskommen zu finden.

Für das Sachbuch, das im Mai 2012 bei Piper erschienen ist, hat Sonya Zeitzeugen und Überlebende befragt. – Mich machte die Lektüre fassungslos. Tief bestürzt bin ich auch darüber, dass vom Schicksal der sogenannten Wolfskinder kaum etwas bekannt ist und bis heute Unterstützung für die betagten Überlebenden weitestgehend ausbleibt.

Die Deutsch-Finnin Sonya Winterberg arbeitet in Helsinki, Dresden und Berlin als Autorin, Journalistin und Fotografin; ihre Schwerpunkte sind zeitgeschichtliche Themen und soziale Brennpunkte. „Wolfskinder“ ist ihr zweites Werk, ihre Bücher veröffentlichten Publikumsverlage. – U.a. wollte ich von ihr wissen, ob sie sich als „Verlagsautorin“ auch vorstellen kann, in Eigenregie zu publizieren, und welche Chancen und Risiken sie auf der einen wie auf der anderen Seite ausmacht.

Wie kam es zu deiner ersten Publikation?

Seit Anfang der 90-er Jahre arbeite ich als freie Journalistin, bedingt durch das Leben in verschiedenen Ländern zunächst vorwiegend auf Englisch und Schwedisch. Als ich 2005 aus privaten Gründen nach Deutschland kam, musste ich als Autorin hier erst Fuß fassen. Das war nicht nur eine sprachliche Umgewöhnung. In den USA zum Beispiel ist das Schreiben nicht so unterteilt in akademisch und journalistisch, es muss für alle gut lesbar sein. Im Schwedischen wiederum baut man Geschichten ganz anders auf als auf Deutsch. So war die erste Frage, die ich mir stellen musste, was und für welches Publikum will ich in Deutschland eigentlich schreiben.

Du hast in Deutschland quasi wieder von Vorne begonnen?

Aus dem Ausland kommend und ohne Veröffentlichungen auf Deutsch war ich mit Mitte dreißig plötzlich wieder Berufsanfängerin. Eine komische Situation, aber meine berufliche Erfahrung bis dahin war natürlich nicht umsonst und so gelang es mir, mich doch relativ schnell auch in Deutschland zurecht zu finden.

Leicht machst du es auch deinen Lesern nicht …

Bis heute bediene ich gerne Nischenthemen und schreibe gerne für Publikationen abseits des Mainstreams. Als Journalistin interessiert mich von jeher das, was eher „schwierige Themen“ sind: Krisen, Krieg und Trauma. Schwierig nicht nur, weil sie sich mit Grenzsituationen menschlicher Existenz, Leid, Zerstörung und Tod auseinandersetzen, sondern weil diese Themen immer schwieriger zu verkaufen sind.

Dein erstes Buch entstand gemeinsam mit deinem Mann Yury Winterberg …

Kriegskinder – Erinnerungen einer Generation“ entstand als Buch zum Film, einem Vierteiler in der ARD 2009. Recht kurzfristig war mein Mann Yury, selbst Schriftsteller und Drehbuchautor, angefragt worden, ob er es schreiben wolle. Zeitlich schien das unmöglich, zumal sich die Bandbreite der Zeitzeugnisse über ganz Europa erstreckte. Zugleich wusste er, dass das genau mein Themenfeld war, es mich schon lange beschäftigte. Wir handelten also eine Ko-Autorenschaft aus. Ich übernahm die nicht-deutschen Teile, Yury die deutschen.

Du bist von Rotbuch, wo euer gemeinsam verfasster Erstling „Kriegskinder“ 2009 erschienen ist, mit deinem zweiten Buch „Wolfskinder“ zu Piper gewechselt. Wie kam es dazu?

Die Wolfskinder sind quasi aus den Kriegskindern geboren. Einer der Zeitzeugen in den Kriegskindern war ein sogenanntes Wolfskind. Sein Schicksal berührte mich sehr und gemeinsam mit meinem Agenten beschlossen wir, das Thema anzubieten. Rotbuch glaubte zum einen nicht an die Vermarktbarkeit des Themas, zum anderen konzentriert sich der Verlag inzwischen auf weniger Titel im Sachbuch. Trotzdem bin ich dem Verlag nach wie vor sehr verbunden. Die Zusammenarbeit damals war prima.

Welche Vorteile machst du in der Zusammenarbeit mit Publikumsverlagen aus?

Sonya Winterberg © Evy Nickström

Es ist schwer genug, vom Schreiben leben zu können. Publikumsverlage garantieren Autoren je nach Erfolg und/oder Bekanntheit erst einmal ein Einkommen. Sie stellen außerdem ihre Infrastruktur zur Verfügung, das heißt neben dem Lektor die Expertise zum Beispiel die der Vertreterkonferenz, also derjenigen, die das Buch nach Erscheinen verkaufen müssen. Dort sitzt geballte Erfahrung, was sich gut verkauft, was gar nicht läuft, wie man eben auch zum Beispiel schwierige Themen platziert bekommt. Also Titelwahl, möglicher Weise Umschlaggestaltung und welche flankierenden Werbemaßnahmen sonst ergriffen werden sollten.

Der Verlag kalkuliert das Buch, verantwortet die kaufmännische Seite des Verlegens, also Honorare für Leistungen wie Lektorat, Korrektorat, Layout, Satz, Vorwort eines Prominenten, Illustrationen, Werbung, PR und Vertrieb. Die Lizenzabteilung versucht im besten Fall das Buch an in- und ausländische Lizenznehmer zu verkaufen, was möglicherweise weitere Einnahmen für Autor und Verlag bringt. Rotbuch zum Beispiel verkaufte eine Taschenbuchlizenz an Piper, aber auch eine spanische Übersetzung der „Kriegskinder“.

Ein Publikumsverlag kümmert sich auch um die Bereitstellung der elektronischen Daten für alle Abnehmer von Grossisten über Online-Buchhändlern wie Amazon bis hin zur Nationalbibliothek.

Im Idealfall ist der Lektor im Publikumsverlag ein beratendes Gegenüber, mit dem der Autor auch inhaltlich am Manuskript arbeiten kann. Doch heute geht es meiner Erfahrung nach hauptsächlich um Fragen der Produktion und des Vertriebs …

Was hast du besonders schätzen gelernt?

Durch die Zusammenarbeit mit Publikumsverlagen kann ich mich weitgehend auf das Schreiben konzentrieren und manche Verantwortung abgeben. Das kommt meiner Arbeitsweise sehr entgegen.

Traditionelle Verlage stehen neuerdings häufiger öffentlich im Kreuzfeuer der Kritik …

Ich denke, man tut den Verlagen unrecht, wenn man sie über einen Kamm schert. Publikumsverlage reagieren ganz unterschiedlich auf die neuen Herausforderungen, die beispielsweise neue Medien und verändertes Konsumverhalten mit sich bringen.

Welche Nachteile siehst du?

Ein Nachteil ist sicherlich die Schwerfälligkeit größerer Unternehmen. Ein schnelles Reagieren auf neue Ideen, Möglichkeiten und Entwicklungen ist beinahe ausgeschlossen. Es scheint auch einen Generationsgraben zwischen jungen Lektoren und älteren Programmleitern und Verlegern zu geben, in dem sich die Jüngeren einerseits wenig durchsetzen und andererseits tatsächlich sehr unter Druck sind, ihre Produktionszyklen zu betreuen. Da bleiben Stilsicherheit, inhaltliche Gespräche und das gemeinsame „Spinnen“, das Entdecken neuer Themen auf der Strecke.

In kleinen Verlagen geht es persönlicher zu, in größeren Verlagshäusern ist man auch als gewinnbringender Autor unter Umständen nur eine Nummer. Häufige Personalwechsel und Vetternwirtschaft kommen leider auch im Verlagswesen vor und können sich gelegentlich negativ auswirken.

Auf was sollte ein „Jung-Autor“ bei der Zusammenarbeit mit einem Publikumsverlag besonders Acht geben?

Ich weiß nicht, ob es allgemein gültige Regeln gibt. Aber die Dinge, die einem wichtig sind, müssen in jedem Fall vertraglich festgehalten werden. Im Sachbuch also beispielsweise die entsprechende Anzahl an Belegexemplare für Interviewpartner und Zeitzeugen, ggf. Kostenübernahme für Visa oder Reisen. Ich habe gute Erfahrungen mit meinem Agenten gemacht, sowohl was die Vermittlung als auch die Vertragsgestaltung angeht. Ob man als Jungautor allerdings den Luxus hat, wie Petra Cronenburg im Gespräch mit dir meinte, einen Verlag zu finden, bei dem erst einmal die Chemie und die Kommunikation auf Augenhöhe stimmt, scheint mir fraglich. Die Konkurrenz ist groß und ob es tatsächlich passt, findet man wohl erst heraus, wenn man in der gemeinsamen Arbeit steckt.

Jungautoren haben oft eine Abwehrhaltung, was die Erfahrungen von Publikumsverlagen angeht. Gelegentlich auf diese Erfahrungen zu hören, scheint mir nicht ganz verkehrt.

Hast du schon daran gedacht, in Eigenregie zu veröffentlichen?

Für einen Roman trage ich mich durchaus mit dem Gedanken in Eigenregie zu veröffentlichen, weil im Buchhandel ein Genre-Wechsel häufig als schwierig angesehen wird.

Auch Themen, die schwer verkäuflich sind oder die ich beispielsweise mit meiner Fotografenkollegin Claudia Heinermann unter dem Label „Heinermann & Winterberg“ mache, könnte ich mir dafür durchaus vorstellen. Mit dem Bild-Text-Band „Enduring Srebrenica – The Aftermath of War“ haben wir das im Übrigen auch schon gemacht. Der Band wurde zum Teil durch Stiftungsgelder finanziert und muss sich nun im Verkauf tragen.

Welche Vorteile siehst du?

Die Vorteile in der eigenen Verlegertätigkeit liegen klar auf der Hand. Jeder Autor hat so die Freiheit zu veröffentlichen, was er möchte. Es muss in kein Programm passen und pro verkauftes Exemplar verdient er mehr. Allerdings ist die Mehrarbeit nicht zu unterschätzen. Außerdem sind die Vertriebsmöglichkeiten für die meisten Autoren eingeschränkter als in der Zusammenarbeit mit Publikumsverlagen.

Machst du für eine Sachbuch-Autorin hier auch spezielle Risiken aus?

Im Sachbuch kann es auch schon mal vorkommen, dass man eine Klage an den Hals bekommt, weil jemandem eine Darstellung nicht gefällt oder er seine Persönlichkeitsrechte verletzt sieht. Dafür wiederum ist die Rückendeckung des Justiziars im Verlag besser als jede Rechtsschutzversicherung, die im Übrigen für berufliche Belange separat abgeschlossen werden muss und sehr teuer ist. Auch bei den Wolfskindern gab es ein Kapitel, das ich im Vorfeld gegenlesen ließ, um sicher zu gehen, dass die Darstellung juristisch wasserdicht war.

Wie schätzt du die Entwicklung in Richtung Self Publishing generell ein?

Self Publishing an sich ist ja nicht neu. Es gibt sie ja immer schon, die Eigenverlage, die Literatur im Untergrund. Die Frage wird doch vielmehr sein, ob sich gutes Handwerk und anspruchsvolle Literatur auf diesem Weg besser vertreiben lässt als auf herkömmliche Weise.

Was könnte sich durch die Entwicklung absehbar ändern?

In den USA lesen heute schon mehr Menschen Blogs als herkömmliche Newssites. Das heißt, Self Publishing und Schwarmintelligenz können unter Umständen künftig eine größere Rolle spielen als traditionelle Medien, in denen häufig nur noch Agenturmeldungen umformuliert werden.

Die Finanzierungsmodelle werden sich ändern, haben es im Prinzip ja durch Kickstarter oder Emphas.is ja schon getan. Hier ist Riesenpotenzial, aber es ist auch noch nicht vollständig etabliert. Ich beobachte diese Dinge mit großem Interesse und bin gespannt, was es für meine künftige Arbeit bedeutet. Momentan denke ich über Kooperationen mit Autorinnen in anderen Teilen der Erde nach. Die Tatsache, dass man nicht mehr gemeinsam an einem Ort sein muss, um gemeinsam zu publizieren, finde ich beispielsweise großartig. Ich denke, wir werden auch im Bereich des non-linearen Erzählens jede Menge neue Möglichkeiten in den nächsten Jahren entdecken.

Wo verortest du in diesem Kontext besondere Risiken?

Grundsätzlich sehe ich in diesem Kontext erst einmal mehr Chancen als Risiken. Die Risiken sind kaum anders als im herkömmlichen Verlagsgeschäft. Wenn ich mir allerdings anschaue, wofür man in Deutschland im Internet alles abgemahnt werden darf, frage ich mich schon, weshalb Leute überhaupt dieses Risiko eingehen.

Ich denke auch, dass noch eine ganze Menge unseriöse Unternehmen auftauchen werden, die ganz ähnlich der Discounter versuchen werden, immer mehr für weniger Geld zu veröffentlichen. – Rechnen können sollte man halt auch als Schöngeist …

Das größte „Risiko“ sehe ich momentan übrigens auch als die größte Chance. Wir wissen noch nicht, wohin die Reise geht. Es gibt also viele Möglichkeiten, sich auszuprobieren. Gerade für junge Autoren Erfahrungen zu machen, was funktioniert und was nicht. Dabei auch mal auf die Nase zu fallen ist wahrscheinlich das normale Lehrgeld, das man in allen Berufen bezahlt.

Hältst du es für wünschenswert, dass deine Bücher auch als E-Book vorliegen?

Ja, natürlich fände ich das toll. Ich denke einfach, dass alle Vertriebswege und Leseerfahrungen, im Übrigen auch als Hörbuch, den Leserkreis erweitern. Da ist es dann schade, wenn ein Publikumsverlag die Rechte hat, aber nicht selbst nutzt.

Bei den „Wolfskindern“ wurde ich sechs Wochen vor Abgabe gefragt, ob ich nicht etwas schneller fertig sein könne, es gäbe Interesse an einem E-Book. Das müsse aber vor dem eigentlichen Buch erscheinen. Eine frühere Fertigstellung des Manuskriptes war nicht möglich, aber ich hatte auch meine Zweifel, ob eine elektronische Vorveröffentlichung wirklich sinnvoll ist. Als das Buch dann erschienen war, wurde ich immer wieder gefragt, ob es auch als E-Book erscheint.

Das E-Book könnte vielleicht auch zu einer weiteren Zweitverwertungsschiene, ähnlich dem Taschenbuch, werden. Andererseits gibt ein E-Book einem nicht unbedingt ein taktiles Gefühl dafür, wie viel Arbeit in einem Buch steckt, wie dick es ist, wie es gebunden ist etc.

Existiert seitens der Verlage eine Erklärung dafür, warum „Wolfskinder“ und „Kriegskinder“ nicht als E-Book erhältlich sind?

Als die Kriegskinder erschienen, war es noch kein wirkliches Thema. Rotbuch hat daran kein Interesse mehr und Piper hat dafür nur die Taschenbuchrechte. Allerdings wurden die Kriegskinder ja auch ins Spanische übersetzt und sind inzwischen nun kurioser Weise auf Spanisch aber nicht auf Deutsch als E-Book erhältlich. Ich denke, dass wir es nach der Rückübertragung der Rechte womöglich selbst als E-Book vertreiben.

Meinst du, dass dem E-Book die Zukunft gehört?

Wenn man epubli-Geschäftsführer Jörg Dörnemann oder auch Steffen Meier und Gunter Dueck diesbezüglich hört, könnte man das meinen. Dazu gehört dann aber auch, dass eben die Vorteile des neuen Mediums wirklich ausgereizt werden. Randbemerkungen zum Beispiel, die kleinen Worte und Gedankenfetzen, die wir beim Lesen im Buch selbst notieren, haben so etwas wie ein Eigenleben. Inzwischen gibt es zum Beispiel Plattformen, die einen Sätze/Schnipsel/Satzfetzen sammeln, teilen und zur Diskussion stellen lassen (z.B. Findings.com). Pinterest quasi für Leseratten. Durch das Sammeln der Schnipsel entstehen neue Gedankenwelten, das ursprünglich lineare Lesen geht in ein non-lineares Zusammenführen bzw. „Schaffen“ über. Das kann ein Teil der Zukunft des E-Books sein.

Und die Zukunft des Gedruckten?

Ich glaube auch, dass es immer eine Daseinsberechtigung für das klassische Buch geben wird, dass der sinnliche Akt des Schreibens und des Lesens zusammengehören.

Wenn ich ein Buch kaufe, gehört es mir, ich eigne es mir an wie einen Pulli oder einen gemütlichen Sessel. Den Pulli trage ich, vielleicht wird er mein Lieblingspulli, meine Kinder lieben den Geruch, wenn sie ihre kleinen Köpfe darin vergraben. Der Sessel wird erst dadurch wirklich meiner, dass ich ihm seinen Platz in meinem Wohnraum gebe, dass ich in ihm sitze, vielleicht zu einer bestimmten Uhrzeit oder mit einem lieben Menschen. Und das Buch, auch das nehme ich erst vollständig in Besitz, wenn ich es lese und meine Gedanken am Rand notiere. Wenn ich Bücher aus der Schulzeit in die Hand nehme, schmunzle ich über das, was ich da heute an Randbemerkungen lese. Bücher, die schon lange in meiner Familie sind, tragen manchmal im Einband einen kleinen bunten Papieraufkleber auf dem „Deutsche Buchhandlung Buenos Aires“ steht oder „Boston: Fields, Osgood & Co“ – sie erzählen intime Geschichten aus einer anderen Zeit, hinterlassen sichtbare Spuren. Vom Papier, dem Einband und Lesebändchen oder der Druckqualität einmal ganz zu schweigen.

Es heißt ja, dass die Digitalisierung und der Umstand, dass Autoren nicht mehr auf traditionelle Verlage angewiesen sind, erhebliche Folgen für den Buchmarkt und -handel haben (werden). Wie schätzt du die Entwicklung ein?

Schon heute gibt es mehr literarische Zeitschriften online als es im Print je gegeben hat. Dadurch lassen sich Kosten für Druck und Vertrieb minimieren und ein weit größerer Leserkreis in kürzerer Zeit ansprechen als auf konventionellem Wege. Ich glaube auch, dass auf dem Buchmarkt gerade neue Autoren größere Chancen haben, sich auszuprobieren, ohne von den Barrieren verknöcherter Verlagsstrukturen behindert zu werden. Es ist wie mit vielen Dingen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch verändert haben. Unsere Welt wird komplexer. Das heißt nicht unbedingt, dass Herkömmliches völlig verschwindet, aber dass es unter Umständen eine größere Vielfalt gibt, Möglichkeiten für immer mehr Menschen sich am gesellschaftlichen oder kulturellen Diskurs zu beteiligen, unabhängig von Bildung und „objektiv“ feststellbarem Talent. Das halte ich erst einmal für einen großen Gewinn.

Was stößt dir bei den aktuellen Diskussionen rund um die Zukunft des Buches besonders negativ auf?

Die Beschäftigung des Feuilletons mit sich selbst. Von den vermeintlich führenden Köpfen der großen Tages- und Wochenzeitungen habe ich zur Zukunft jedenfalls noch nichts Erleuchtendes gelesen. Stattdessen werden Kollegen in „Schlüsselromanen“ gemeuchelt…

Und branchenintern?

In der brancheninternen Diskussion höre ich kaum etwas dazu wie sich die Qualität der E-Books entwickeln könnte. Es geht mir momentan noch zu sehr um Äußerlichkeiten wie Software, Reader etc. statt darum, vielleicht auch die Sinnlichkeit oder die interaktiven Möglichkeiten, die ein E-Book ja durchaus bieten könnte, zu verbessern. Der wahre Mehrwert des E-Books muss meines Erachtens erst noch erarbeitet werden. Zugleich geht es häufig nur um Kosten – wer kann woran sparen, was darf etwas kosten, wie sieht es mit Werbung aus. Da folgt die Funktion der Form statt umgekehrt. Daraus ergibt sich dann auch die Kommodifizierung des Autors. Während wir momentan noch an eine Demokratisierung des Buchmarktes durch das E-Book glauben mögen, wird sich der Markt, wie in allen anderen Feldern auch, am Ende wieder durch Angebot und Nachfrage selbst regulieren. Wir werden Autoren haben, die mehr verkaufen als andere und deren Marktwert dann eben auch größer ist.

 Nachtrag: Infolge unserer Unterhaltung hielt Sonya mit dem Verlag Rücksprache. Piper bringt „Wir sind die Wolfskinder“ jetzt doch als E-Book heraus und zwar am 17. September 2012.

Der zweite Teil meines Gespräches mit Sonya Winterberg dreht sich darum, was sie für ihr Buchmarketing tut, welche Maßnahmen erfolgreich waren, welche floppten und wo sie im Social Web Chancen und Risiken ausmacht.

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Vorschläge, wer in der losen Interview-Reihe “Steglitz fragt … bei Autoren nach” auch zu Wort kommen könnte, nehme ich gerne entgegen. Mich interessiert: Wie gehen Autoren mit den Entwicklungen infolge der Digitalisierung um? Welche neuen Wege nutzen sie, wo sehen sie Chancen und Risiken?

Steglitz fragt bei Nicole Sowade nach

„Der Windows-Apple-Kindergarten aus der Musikindustrie wird mit epub und mobi zur Amazon-Apple-Spielwiese des Buchmarktes.“

Nicole Sowade fiel mir auf der re:publika12 auf. Zum Panel „Was Autoren vom Self-Publishing erwarten können (und was nicht)“ erschien sie mit Krönchen und Schärpe. Geschrieben stand darauf „Miss Januar“. Das ist der Titel ihres in der Kindle Edition im Februar 2012 selbstverlegten E-Books, mit dem die Berlinerin inzwischen bei epubli ist. In der Kategorie Belletristik ist sie damit zudem bei derneuedeutschebuchpreis.de vertreten – dem Schreibwettbewerb für die neue Self-Publisher-Autoren-Generation, der auf der Frankfurter Buchmesse 2012 zum zweiten Mal vergeben wird.

Nicole macht sich keine Illusionen. Die Entwicklungen auf dem Buchmarkt verfolgt die studierte Germanistin, die ein Praktikum in einem Publikumsverlag absolviert hat, kritisch. Und auch den Vor- und Nachteilen des Self Publishing sieht sie heute klaren Blickes ins Auge. Nicole sagt, als Selbstverlegerin müsse man kreativ sein. – Das wollte ich unter anderem von ihr genauer wissen.

Hast du dein Manuskript auch traditionellen Verlagen angeboten?

Zunächst einmal: Danke für die Einladung, Gesine. –  Ja, habe ich. Als ich vor einem guten Jahr den Schlusspunkt unter meinen Roman gesetzt hatte, konnte ich mir nichts Schöneres vorstellen, als meinen Titel gedruckt zu sehen. Also habe ich es natürlich probiert und die großen deutschen Verlage, die Unterhaltungsliteratur im Programm haben, zwischen Hoffen und Besseres-Wissen angeschrieben. Was dann folgte, waren früher oder später eintrudelnde Absagen, die mit einem „Weiterhin viel Erfolg!“ endeten. – Immerhin weckte meine ziemlich chaotische Suche nach Mr. Right auf den Straßen Berlins das Interesse des Rowohlt-Verlags. Sie baten um Einsendung des Manuskripts. Obwohl man anfänglich begeistert nachfragt hatte, erfolgte auch hier eine Absage, erneut mit Standard-Sätzen. – Mein Liebling ist allerdings nach wie vor Bastei Lübbe. Wohl hat sich der Verlag bis heute nicht bei mir zurückgemeldet und das, obwohl die findige Mitarbeiterin mir auf der Leipziger Buchmesse nahezu genervt versicherte: „Wir melden uns immer!“ Haha, naja …

Die typischen Leiden einer Jung-Autorin …

Ja. Anders hatte ich das auch nicht erwartet. Denn während meines Studiums habe ich als Praktikantin Mäuschen in einem Berliner Lektorat gespielt. Dort waren die Stapel des „unaufgefordert Eingesandten“ keine Chefsache, sondern meine Aufgabe. Ob sich das heute geändert hat? Wer weiß … Vielleicht sind es mittlerweile Werkstudenten oder Volontäre? Letztlich kann ich mir jedoch nicht vorstellen, dass Lektoren neben ihrer eigentlichen Arbeit an neuen Titeln, tatsächlich noch den Literaturscout spielen. Dieses Feld wird doch mehr und mehr Agenturen überlassen, die im Idealfall auch Einblick in die Programmplanung der Verlage haben. Für alle, die nicht wissen, was in einem Jahr „in“ ist, bleibt das ein Glückspiel. Und die machen bekanntlich nur dann Spaß, wenn man gewinnt.

Welche Vorteile hat das Self-Publishing deiner Meinung nach?

Da muss ich nur mein Cover anschauen. Am glücklichsten bin ich, dass mein Roman immer noch „Miss Januar“ heißt und ich mir jedes Mal aufs Neue denke: Wow, was für ein toller, sympathischer Titel! Bei der Covergestaltung sage ich mir immer: Puh, zum Glück läuft da nicht gerade ein Hamster, ein Frosch oder irgendein anderes Tier übers Bild! Die haben nämlich aus unerfindlichen Gründen noch immer Hochkonjunktur.

Und zudem deine Spendenaktion zugunsten „Save the Children Deutschland“ …

Ja, genau. Das freut mich umso mehr, dass mit jedem verkauften „Miss Januar”-E-Book 50 Cent an die gemeinnützige Organisation gehen. Ich bezweifele, dass ich als unbekannte Autorin eine solche Spendenaktion bei einem klassischen Verlag hätte durchsetzen können. Mir ist zumindest kein Titel bekannt, bei dem das gemacht wird – jedenfalls nicht in der Unterhaltungssparte.

Neben den formalen Aspekten … Welche Vorteile machst du beim Self Publishing darüber hinaus aus?

Großartig ist, dass ich die Story völlig unabhängig von Programmplanungen der etablierten Verlage herausbringen konnte. Meine Heldin stolpert durch Berlin wie in den 90er Jahren Bridget Jones durch London. Nebenbei sucht sie Mr. Right und eine Lösung, die Welt zu retten. Und egal, ob der Stoff nun laut den Gesetzen des Buchmarkts angesagt ist, oder nicht: Diese charmante Figur bekam blitzartig die Chance, das Herz der Leser zu erobern.

Ein bisschen ist die Situation auf dem Buchmarkt derzeit vergleichbar mit der Fashionindustrie. Plötzlich hängt nur noch Orange in den Geschäften, weil irgendeine Trendmesse festgelegt hat, dass man das nun tragen soll. Aber wenn dir Orange nicht steht oder nicht gefällt, dann hättest du doch gerne etwas anderes, nicht? Ich bin das andere! Gemeinsam mit vielen anderen Selbstverlegern sorge ich für etwas Abwechslung.

Wo machst du beim Self-Publishing besondere Risiken aus?

Hmm, lass mich kurz nachdenken … Ich glaube das größte Risiko besteht darin, auf ein Unternehmen zu vertrauen, das einem beim Vertrieb oder etwa bei der Vermarktung helfen will und mit utopischen Erfolgszahlen lockt. Für die Leistungen werden Gebühren fällig. Und die werden plötzlich immer höher. Der Bereich Self-Publishing ist genauso kommerziell wie jeder andere auch. Doch woher soll der Hobby-Autor wissen, welches Angebot seriös ist und welches nicht? Welcher Laie kennt schon die Buchbranche und ihre Gepflogenheiten? Und wie kann man einen Nepper-Schlepper-Bauernfänger erkennen, bevor man bettelarm ist?

Nicole Sowade – Foto (c) frischefotos / Heiko Marquardt

Dazu kommt, dass mir beim Self-Publishing niemand professionelles Feedback zur Qualität meines Textes gibt. Mir bleibt nur die Reaktion der Leser, die im meinem Fall dankbarerweise bis jetzt durchweg positiv ist. Aber vielleicht wurde ein Manuskript auch mit Fug und Recht von Verlagen abgelehnt? Dann kann ich den Text natürlich selbst veröffentlichen, das macht ihn aber leider auch nicht besser.

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Was ist in deinen Augen von besonderem Nachteil?

Na ja. Der größte Nachteil beim Self-Publishing ist schlichtweg der Vertrieb. Klar kann ein Titel mit ISBN überall bestellt werden, aber das heißt ja noch lange nicht, dass er Platz in jeder Buchhandlung findet. Oder – wenn er wie in meinem Fall zunächst nur als E-Book vorliegt – in den absolut relevanten Online-Store vertreten sein. Für die Sichtbarkeit und steigende Bekanntheit muss der Autor selbst sorgen.

Was rätst du jenen, die Schritte in Richtung Self Publishing / Independent Publishing planen? Worauf sollten sich Autoren, die ihre Publikationen in die eigene Hand nehmen, besonders einstellen?

Dass ihr bis auf weiteres keine Autoren mehr seid. Vergesst es! Nennt euch ab sofort Selbstvermarkter! Ich sage das bewusst so direkt, weil mir das vorher in dem Maße nicht so klar war. Ziemlich naiv dachte ich, das läuft schon irgendwie. Ich hatte sogar bereits mit der Fortsetzung begonnen. Dann kam Teil 1 raus. Und plötzlich war keine Zeit mehr zum Schreiben. Auf einmal ging es um Leser, Fans, Marketing-Material, Messen und immer wieder die Frage: Was kann ich, verdammt noch mal, noch unternehmen, um mit einem kleinen Budget einen zumindest bemerkbaren Effekt zu erzielen?

Wer also einen Text selbst veröffentlichen möchte, der sollte sich Zeit nehmen, das Danach zu planen. Sollte beobachten, was andere Autoren erfolgreich macht. Und ruhig auch nochmal das eine oder andere DIY-Fachbuch zum Thema Buchmarketing lesen. Traut euch unbedingt auch, andere Personen aus der Branche auf Xing oder Facebook und natürlich auch im echten Leben anzusprechen! Gerade uns Frauen fällt das ja nicht immer so leicht. Doch falsche Bescheidenheit ist fehl am Platze. Und last but not least: Übt unbedingt über euren Text zu sprechen. So banal das klingen mag, wenn der Moment kommt, dein „Baby“ vorzustellen, solltest du es flüssig und prägnant in den höchsten Tönen loben können …

Warum hast du dich für die Veröffentlichung von „Miss Januar“ für ein E-Book entschieden?

Entscheidung würde ich es gar nicht nennen. Es gab im letzten Jahr einen Moment, an dem eine Veröffentlichung als E-Book plötzlich Sinn machte. Während allmählich die Absagen ins Haus trudelten und der Frust wuchs, meinten Freunde, dass ich den Roman doch selbst drucken lassen könnte. Doch davon war ich nicht überzeugt. Ich hätte stapelweise Papier im Flur, und dann? Zur gleichen Zeit stieß ich online auf eine Studie des Öko-Instituts, wonach E-Books nachhaltiger als Print-Bücher seien – zumindest wenn man als Vielleser mehr als 11 Titel im Jahr schafft.

Was hat das mit deinem Roman zu schaffen …

Ganz, ganz viel! Ich kenne nämlich nur eine ganz spezielle Sorte von Verrückten, die so viel lesen: Fans von Liebesgeschichten und Happyends. Also: meine Zielgruppe! Und genau die kann ich mit E-Books erreichen und dabei sogar Gutes tun. Zugleich fiel mir auch mein Vorhaben wieder ein, zu meinem Roman etwas dazu zupacken. Urplötzlich war mir klar, dass ich ganz im Sinne meiner Romanheldin eine Spendenaktion möglich machen könnte. Na ja. Zu guter Letzt, bin ich wohl irgendwann über den „Buch veröffentlichen“-Button bei Amazon gestolpert. Ich wusste um das Honorar von Taschenbuch-Autoren. Mir ging auf, dass ich über Amazon wesentlich höhere Tantiemen erhalten würde. Der Rest ist Geschichte.

Worauf sollte man besonders achten, wenn man sich fürs E-Book entscheidet?

Ich denke, das ist ähnlich wie bei anderen Eigenveröffentlichungen. Lass es unbedingt von so vielen Leuten wie möglich lesen. Dann musst du dir das Cover überlegen, die Bildrechte klären, dich eventuell um eine ISBN kümmern und einen guten Preis festlegen. Wie soll der Satz aussehen? Wie das Layout? Wie das Inhaltsverzeichnis? Packst du noch weitere Infos rein? Verlinkst du Texte ins Web, was mit dem klassischen Buch nicht möglich ist. Und kannst du womöglich sogar am Ende des Buches bereits auf einen Nachfolger aufmerksam machen?

Und natürlich ist es nie verkehrt, bei den Profis zu lauschen. Janet Evanovich hatte damals gerade Teil 17 herausgebracht. Mir war es eine Freude, unter dem Deckmantel knallharter E-Book-Recherche ihre neue Story zu lesen und nebenbei zu schauen, was ein digitales Buch – noch dazu made in America – mindestens können muss. Auch wenn es in der Buchbranche sonst zu Recht nicht gerne gesehen ist, hier gilt: Abkucken erlaubt!

Was hältst du von den Diskussionen rund um das Pricing beim E-Book?

Als Leser finde ich die Preispolitik der großen Verlage unverschämt überteuert. Wobei es hier natürlich auch Ausnahmen gibt. Ich kann nur hoffen, dass die Mehreinnahmen den Autoren zugutekommen. Wenn bei einem gedruckten Buch in der Regel ein Drittel der Einnahmen für die Produktion berechnet wird, so erwarte ich beim E-Book mindestens einen vergleichbaren Nachlass beim Verkaufspreis. Schließlich ist die digitale, technische Herstellung um ein Vielfaches günstiger ist.

Wie verfährst du mit der Preisgestaltung?

Als Autor gehe ich natürlich anders an die Frage heran. Dabei ist entscheidend, wo ich selbst stehe und was ich strategisch möchte. Die Verramschungspanik kann ich nicht teilen. Als Part-Time-Autor finde ich Gratis-Aktionen, die in der Regel ja auch zeitlich beschränkt sind, toll. Sie sind das, was im klassischen Verlag das Gewinnspiel ist, und kosten de facto sogar weniger, nämlich nichts. Der Effekt ist jedoch der Gleiche: Man gewinnt neue Leser.

Mit welchem Preis Self-Publishing-Autoren aufmachen, muss jeder für sich selbst entscheiden. Mein Rat: Kalkulieren und sich dann für die beste Alternative entscheiden. Mein E-Book „Miss Januar“ ist für 3,49€ zu haben. Damit verdiene ich zwischen 60% und 80% vom Nettoverkaufspreis. Und damit schon einmal viel mehr pro Exemplar, als wenn ich ein Taschenbuch verkaufen würde. Von meinen Einnahmen gehen 50 Cent für die Spendenaktion für Save the Children Deutschland ab. Verbleiben also grob zwischen 1,20€ und 1,80€ für mich, die ich wiederum in Aktionen oder Ähnliches investieren kann. Für mich perfekt.

Aber nochmal: Der Preis ist abhängig von der persönlichen Situation und den eigenen Zielen. Mir geht es mit meinem Erstling „Miss Januar“ darum, Leser zu finden und zu unterhalten. Wenn ich damit den einen oder anderen Euro verdiene ist das ein Plus, kein Muss. Und noch toller wäre ehrlich gesagt, wenn ich nach einem Jahr einen richtig fetten Check an Save the Children überreichen könnte. Dafür muss ich aber vor allem eines: bekannter werden …

Du hast „Miss Januar“ zunächst in der Kindle-Edition veröffentlicht. Inzwischen bist du damit bei epubli, dem Online-Unternehmen der Verlagsgruppe Holtzbrinck. – Wieso das?

Du wirkst überrascht? Dabei sprachen für epubli sogar relativ viele Gründe und nicht einmal an erster Stelle, dass sie zu Holtzbrinck gehören und damit auf relativ sicheren Beinen stehen. Sie nehmen mir vor allem das Handling mit den drei großen E-Book-Stores Amazon, iTunes und Google Play ab. Außerdem haben sie mich im Gegensatz zu anderen Anbietern bereits auf der Leipziger Buchmesse durch Seriosität und Professionalität überzeugt. Hinzu kommen eine gute Reputation und ein sympathisch-unaufdringliches Auftreten. Jeder kennt das doch: Man betritt einen Laden und in den Augen der Verkäufer blitzen Provisionsgedanken auf. Dann stürzen sie sich auf dich und beginnen dir alles Mögliche aufzuschwatzen. Um bei meinem Fashion-Beispiel zu bleiben: Sie argumentieren, dass dir Orange doch steht. Erst zu Hause siehst du dem Fehlkauf offen ins Auge und bist enttäuscht. Das war bei epubli nicht so.

Spielte der Standort-Vorteil bei deiner Entscheidung auch eine Rolle?

Ja. Für epubli sprach auch, dass sie wie ich in Berlin sitzen. Noch besser, sogar in einer Ecke, in der es nur so vor jungen Leuten mit tollen Ideen wimmelt. Dort herrscht genau der Spirit, den ich klassischen Verlagen heute nicht mehr zutraue. Epubli hat beispielsweise derneuebuchpreis.de ins Leben gerufen, an dem epubli-Autoren wie ich teilnehmen können, um dadurch bekannter zu werden. Sie sind außerdem auch Print-on-Demand-Anbieter, was vielleicht für mich noch spannend werden kann. Na ja. Und falls ein anderes Angebot attraktiver werden sollte, dann ist das auch kein Weltuntergang. Mit einer Kündigungsfrist von fünf Tagen werde ich epubli im Zweifel schneller los als meinen furchtbaren Handyvertrag.

Welche Vorteile machst du in der Zusammenarbeit mit einem BOD-Verlag aus?

So unromantisch das jetzt auch klingen mag: Während ich mit meinen Ideen rumtüdele, wollen BODs im Grunde nur eines: Verkaufen! Und das ist überhaupt nicht verkehrt, sondern im Gegenteil von nicht zu unterschätzendem Wert. Zum einen bin ich ihre Ware – wobei sich das Invest bei epubli jedoch in Grenzen hält. Zum anderen ist es aber mein Titel. Und der soll allen Umsatz bringen. Da sag ich doch nicht „nein“ dazu. Außerdem kommt mir deren Fachkompetenz ebenfalls zugute. Was für mich momentan noch Freizeit ist, ist deren Hauptberuf: Trends des eBook-Marktes verfolgen, bewerten und selbst setzen, nach Amerika schauen, die Vorreiter sind, und und und. Man muss, ja man kann als Self-Publisher nicht Profi in allem sein!

Siehst du in der Zusammenarbeit mit BOD-Verlagen auch Nachteile?

Dafür währt die Zusammenarbeit mit epubli noch zu kurz. Logischerweise fehlt ihnen die Vertriebsstruktur der großen, klassischen Verlage. Oder hast du schon einmal auf den Buchtischen der großen Ketten wie Thalia &Co neben Goldmann, Rowohlt und wie sie nicht alle heißen das epubli-Label gesehen? Aber, das kann man ihnen wohl kaum anlasten. Das wäre ja so, als wolle ich mich beschweren, dass es im Supermarkt kein Benzin zu kaufen gibt. Es steckt einfach ein anderes Geschäftsmodell dahinter.

Darüber hinaus muss ich mich bei einem BOD-Verlag um mein Marketing selbst kümmern. Allerdings war mir das bereits vor meiner Entscheidung bewusst, zu epubli zu wechseln. Wenn ich nicht Top-1A-Superseller-Autor der großen Verlage bin, wäre das dort kaum anders. Frag mich doch bezüglich der Nachteile in einem Jahr nochmal, vielleicht weiß ich dann mehr …

Das mache ich glatt, Nicole – epubli & co … Alle Zeichen deuten ja darauf hin, dass die Digitalisierung und der Umstand, dass Autoren nicht mehr auf traditionelle Verlage angewiesen sind, erhebliche Folgen für den Buchmarkt und -handel haben. Wie schätzt du diese Entwicklung ein?

In puncto Digitalisierung und damit einhergehender Panik lassen sich immer schöne Parallelen zum Musik-Business ziehen. Genau wie dort, wird das Angebot wachsen. Es gibt den Mainstream, der im Radio läuft, und daneben zahlreiche Künstler, die sich ebenfalls erfolgreich positioniert haben. Genau diese Vielfalt entwickelt sich mehr und mehr auch auf dem Buchmarkt. Und das ist doch auch gut so, oder? Die Verlage sind keine Gatekeeper mehr– mit welchem Recht auch? Dass solche Entwicklungen den Buchhandel, so wie er momentan existiert, und allen voran den stationären Buchhandel bedrohen, das sehe ich auch. Wie sie sich behaupten können? Naja. Vielleicht indem sie statt neuestem Grillbesteck, Blumensamen und saisongerecht passenden Schürzen endlich verstärkt das digitale Leben in ihre Heiligen Hallen lassen und damit auch wieder für ein jüngeres Publikum interessant werden.

Und die Autoren …

Jeder Autor kann sich sein Publikum selbst suchen. Formen der Urheberschaft, etwa wenn eine Community einen Social Roman schreibt, und Bezahlmodelle werden sich genauso wie die Textgattungen verändern. Denke doch zum Beispiel an den Kurzroman, der gerade immer beliebter wird und zugleich ein Symptom unserer schnelllebigen Zeit ist. Inhalte werden in Rekordgeschwindigkeit konsumiert, bis der nächste Text die Aufmerksamkeit erregt. Mir war dieser Trend, bevor ich mich mit E-Books beschäftigt habe, nicht klar. Mittlerweile finde ich ihn jedoch sehr spannend.

Was stößt dir bei den aktuellen (brancheninternen) Diskussionen rund um die Zukunft des Buches besonders negativ auf?

Die Branche klammert sich an ein Trägermedium, weniger an den Inhalt. Und sollte es nicht genau darum gehen? Das ist doch ihr eigentliches Business! Die Inhalte erhalten gerade eine neue Verpackung, mehr nicht. Was dahinter steht, behält doch die gleichen Werte. Es bleibt genauso liebenswert oder schockierend oder informativ wie zuvor. Es ist ja auch nicht so, dass nur noch E-Books publiziert werden. Im Gegenteil! Jeder Titel steht in verschiedenen Formaten zur Verfügung und jeder Leser muss für sich entscheiden, welches Format er wählt. Vielleicht gewinnt die Haptik eines echten Buches, vielleicht die Platzersparnis eines E-Books. Vielleicht brauchen einige Leser auch ihr Bücherregal, auf das sie voller Stolz schauen können, so wie andere sich ihren Porsche leisten …

„Meine Güte, so what?!“, möchte man am liebsten ausrufen. Hauptsache: Der Inhalt ist gut und Hauptsache, es wird gelesen. Und das wird es! Schon zu Beginn meines Studiums, und das ist mittlerweile zehn Jahre her, geisterte die Angst vor dem Tod des Buches durch die Hörsäle. Völlig übertrieben und mal ehrlich: Totgesagte leben länger.

Meinst du, dass dem E-Book die Zukunft gehört?

Was heißt dem E-Book? Dem digitalem Lesen … Warum nicht? Beides existiert ja längst nicht erst seit gestern, auch wenn alle so tun. In den Diskussionen wird oft vergessen, dass wir bereits seit Jahrzehnten tagtäglich am PC und auf Handys digital lesen. Und so abstoßend, wie es bisweilen dargestellt wird, empfinden wir das bei weitem doch gar nicht, sondern in der Regel als ziemlich praktisch. Die entsprechenden Geräte haben wir heute schon und freiwillig gestalten wir unser Leben immer mobiler und digitaler. Wenn wir sogar schon Freundschaften online pflegen, warum dann nicht auch unsere Bücher? Die Technik mag noch nicht hundertprozentig ausgereift sein, aber es kann sich ja nur noch um Augenblicke handeln, bis hier Abhilfe geschaffen wird.

Wo siehst du Probleme?

Für mich ist nach wie vor die Frage des Zitierens ungeklärt. Zum wissenschaftlichen Arbeiten taugt das E-Book momentan nicht. Und noch furchtbarer ist das Hickhack mit den Dateiformaten. Der Windows-Apple-Kindergarten aus der Musikindustrie wird mit epub und mobi zur Amazon-Apple-Spielwiese des Buchmarktes. Und ich baue darauf, dass es ein gemeinsames Format geben wird, wie die wunderbare mp3 im Audiobereich, das auf allen Readern funktioniert.

Wird Gedrucktes deines Erachtens jemals verschwinden?

Eher nicht. Mit dem Siegeszug des PCs dachten auch alle, das papierlose Büro naht. Und dennoch drucken und archivieren wir wie die Weltmeister. Das recht einfach herzustellende Medium Papier wird ergänzt. Abgelöst jedoch durch ein technisch hoch komplexes Gerät? Noch lange nicht!

Der zweite Teil meines Gespräches mit Nicole Sowade dreht sich darum, was sie für ihr Buchmarketing tut, welche Maßnahmen erfolgreich waren, welche floppten und wo sie im Social Web Chancen und Risiken ausmacht.

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Vorschläge, wer in der losen Interview-Reihe “Steglitz fragt … bei Autoren nach” auch zu Wort kommen könnte, nehme ich gerne entgegen. Mich interessiert: Wie gehen Autoren mit den Entwicklungen infolge der Digitalisierung um? Welche neuen Wege nutzen sie, wo sehen sie Chancen und Risiken?