Alles gut, Buchbranche? Fragen an Zoë Beck

Vom 20. – 24. April 2016 findet zum zweiten Mal der Zwickauer Literaturfrühling statt, zu dem sechzehn Verlage mit einem vielfältigen Programm beitragen. Ich werde dort die Autorin und Verlegerin Zoë Beck, den Buchhändler Klaus Kowalke und den Literaturkritiker Marc Reichwein treffen. Anlässlich des Welttages des Buches am 23 April wollen wir in einem gemeinsamen Gespräch die Risiken und Chancen der Buchbranche ausloten. „Alles gut, Buchbranche?

Im Vorfeld des Literaturfrühlings in Zwickau steht mir freundlicherweise Zoë Beck Rede und Antwort. Die Autorin ist diesjährige Preisträgerin des renommierten „Deutschen Krimipreises“ und leitet als Verlegerin gemeinsam mit Jan Karsten den CulturBooks-Verlag.

Nach den Diskussionen über ihre Zukunftsfähigkeit scheint sich die Buchbranche wieder auf ureigene Themen zu besinnen: Meinungsfreiheit, Vielfalt, kultureller Austausch und nicht zuletzt – das Buch. Das dürfte dir doch eigentlich gelegen kommen?

ZB: Dass es um Themen geht, statt um Technik? Grundsätzlich: ja. Wir wollen, dass die Texte im Vordergrund stehen, ganz egal, wie und worauf man sie liest. Allerdings habe ich tatsächlich den Eindruck einer „Rückbesinnung“, weil das Thema, wie sich eBooks in den Buchhandel bringen lassen, nun wieder großzügig unter den Tisch fällt und in der Diskussion einigen wenigen überlassen wird, statt sich gemeinsam zu bemühen.

Das klassische Feuilleton speckt ab; Besprechungen werden immer marginaler. So befand Thierry Cherval vom Perlentaucher, dass sich die Zahl der Literaturkritiken seit 2000 halbiert hat. Wie gehst du als Autorin und als Verlegerin mit dieser Entwicklung um?

Zoë Beck © Anette Göttlicher

Zoë Beck © Anette Göttlicher

ZB: Natürlich wird jetzt sehr viel mehr auf die Buchblogs geschielt, und einige kleinere Verlage schreiben fast schon aggressiv Menschen, die im Netz irgendwas mit Büchern zu tun haben, an und betteln – ausgerechnet! – um Amazonkritiken und ähnliches. Dann gibt es noch Agenturen, die für Verlage Blogbesprechungen vermitteln, teils gegen Bezahlung für die Blogbetreiber*innen. Oder Verlage organisieren selbst Portale extra für Blogger*innen. Nun sind Buchblogs in ihrer Ausrichtung und auch der Qualität der Besprechungen so unterschiedlich, dass man das unmöglich alles unter einer Kategorie zusammenfassen kann. Für manche Titel klappt es auf Blogs, für andere klappt es im Feuilleton. Manches verkauft sich nach einer Besprechung besser, meistens passiert aber leider gar nicht mal so viel. Ich finde, worauf wir alle achten sollten – Feuilleton oder Blog: nicht immer dasselbe besprechen. Wir hatten in Deutschland mal eine durchaus gesunde Midlist, aber die bröselt seit einiger Zeit weg. Wenn dann überall nur die immer selben angesagten Spitzentitel durchgereicht werden, tut es der Vielfalt nicht gut. Und war das nicht gerade wieder ein Thema, auf das sich die Branche besinnen wollte, Vielfalt?

Buchblogger sind derzeit in aller Munde. Versprichst du dir von den Multiplikatoren im Netz Heil?

ZB: Wie gesagt, es kommt sehr auf den jeweiligen Titel an. Es gibt wahnsinnig viele Blogs, aber welche davon haben wirklich den Impact, einen Bestseller zu machen? Das geht nur über die Masse. Und wenn sich dann, wie gerade auf der Leipziger Buchmesse Thema war, ein großer Teil der Buchblogs professionalisiert, kommen die Verlage mit ihren Rezensionsexemplaren nicht mehr hinterher … Dann wird wieder strenger ausgewählt, und ein paar wenige Blogs werden meinungsführend sein. Womit sich auch die Blogs in der Breite schwertun, sind die eher literarischen eBook only-Titel. Wer Literarisches bespricht, will noch das Buch als Buch, wer eBooks bespricht, ist häufig in der Selfpublisherszene oder in bestimmten Genres unterwegs. Es gibt allerdings ein paar sehr feine Blogs, die da keine Berührungsängste haben, wir Digitalverlegerinnen haben uns mit einigen auf der Messe getroffen und über einen besseren Austausch nachgedacht. Die traditionelle Presse ignoriert eBooks nach wie vor. In der FAZ hat Elke Heinemann eine Kolumne, das Missy Magazine war das erste Printmedium, in dem eBooks wirklich besprochen wurden. Sonst: nichts. Von daher sind wir, die wir nicht die Marketing- und Vertriebspower von Konzernverlagen haben, sehr froh über die Möglichkeiten im Internet. Als Autorin hingegen habe ich sehr breite Wahrnehmung in den Feuilletons gehabt, da darf ich mich gar nicht beschweren.

Das Verdikt, die Digitalisierung zu verschlafen, beherrschte lange Zeit die Diskussionen. Inzwischen erweckt die Branche den Anschein, als sei alles im Lot. Wie siehst du das? Ist der Buchmarkt für das digitale Zeitalter fit genug?

ZB: Das Thema wurde etwas weggeschoben. Auf der einen Seite ist es gut, dass ein bisschen die Hysterie aus der Diskussion verschwunden ist, weil man so nüchterner die Dinge betrachten kann. Andererseits dürfen die tastsächlichen Probleme nicht aus dem Blick geraten: Wenn ich etwa ein eBook über die Buchhandlung meines Vertrauens beziehen will, ist es immer noch umständlich und die Buchhandlung selbst verdient viel zu wenig daran, obwohl sie die gesamte Beratung übernimmt. Wir sind da ehrlich gesagt nicht sehr viel weiter.

Wo verortest du derzeit die größten Risiken?

ZB: Das Wegbrechen der Midlist. Das Ignorieren der Vielfalt. Wir bemühen uns im Digitalen um die Abbildung der Vielfalt, wenn sie schon im Print immer weniger stattfindet (Verfügbarhaltung von älteren Titeln etc.).

Der Kuchen, den es zu verteilen gilt, wird immer kleiner: neue Marktteilnehmer und Self-Publisher, die sich zunehmend professionalisieren. Bereitet dir die wachsende Konkurrenz Sorgen – als Autorin/als Verlegerin?

ZB: Ach, Märkte ändern sich ständig, wer weiß, was in fünf Jahren ist. Wir machen uns für das stark, woran wir glauben, und wir sind ja nicht die einzigen, die das gut finden. Unser Publikum ist ein anderes als das der erfolgreichen Selfpublisher, die bestimmte Genres und Subgenres bedienen. Genau das tun wir ja nicht. Da nehmen wir uns gegenseitig nichts weg.

Es heißt ja, der Buchhandel habe seine Scheu vor eBooks überwunden. Wie erlebt Ihr das bei CulturBooks?

ZB: Wir wollen nach wie vor sehr gern mit Buchhandlungen enger zusammenarbeiten. Langsam tut sich etwas. Uns geht das natürlich nicht schnell genug, wir scharren da schon seit es uns gibt mit den Füßen. Und so ganz überwunden ist die Scheu ja auch nicht. Viele Probleme bestehen, wie schon erwähnt, immer noch.

CulturBooks ging Ende 2013 als Verlag für elektronische Bücher an den Start. Warum verlegt Ihr inzwischen auch Print?

ZB: Wir sehen uns als modernen Literaturverlag. Wir denken vom Text aus: Wie lässt sich ein bestimmter Text am besten präsentieren und vertreiben? Das wird bei einer Kurzgeschichte oder einer kürzeren Novelle ein schönes eBook sein, das kann bei einem aktuellen Roman ein Paperback oder ein Hardcover sein, mit dem man dann auch besser und nachhaltiger die Buchhandlungen erreicht und Leute, die lieber Printbücher lesen. Das ist keine Frage des „entweder/oder“:  Natürlich wird es auch immer ganz konservativ eine eBook-Ausgabe geben. Doch warum sollte man sich einem bestimmten Vertriebsweg grundsätzlich verschließen?

Welche Themen brennen dir auf den Nägeln? Und was würdest du gerne in unserem Gespräch im Rahmen des Zwickauer Literaturfrühlings aufgreifen?

ZB: Aus Sicht der Verlegerin nach wie vor das Thema: Ist es nicht egal, wie und worauf wir lesen? Lasst uns einfach weiterlesen. Auch hier kommt es doch auf die Vielfalt an: Mal der Griff zum gut gemachten Buch, mal der zum Reader. Hauptsache wir lesen gute Texte! Aus Sicht der Autorin: Mischen wir uns genug ein? Wir Autor*innen haben doch alle eine Stimme, nutzen wir sie genug und richtig? Oder lassen wir uns zu sehr vom Unterhaltungsanspruch plattmachen?

Danke sehr, Zoë. Ich freue mich auf unser Wiedersehen in Zwickau.

Das Gespräch setzen wir am 23. April um 19.30 Uhr fort. Ort: KV Freunde Aktueller Kunst e.V. | Hölderlinstraße 4 | 08056 Zwickau

Klein und oho, aber nicht auf dem Schirm? Wer und wo sind sie – die kleineren Verlage?

Ich mache Bücher – das scheint heutzutage kein Problem mehr. Die Hürden sind in Folge der Digitalisierung niedrig. Selfpublishing hat sich als feste Größe etabliert und Verlagsgründungen sind en vogue. Die Grenzen zwischen Klein-/Indie-/Miniverlagen einerseits und Selfpublishern andererseits verwischen immer mehr. So mancher, der damit liebäugelt, sein Werk an die Leser zu bringen, gründet gleich seinen eigenen Verlag. Fast könnte man versucht sein, die Redewendung „Wer nichts wird, wird Wirt. Und wer das nicht wird, macht Bücher!“ auf die Buchbranche zu münzen.

Wer schaut da noch durch? Und: wie definiert sich das überhaupt – Verlag? Wie trennt man die Spreu vom Weizen? Und wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick?

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Wer sich mit den Kleinverlagen beschäftigt, der kommt um die Kurt-Wolff-Stiftung mit ihrem rührigen Vorsitzenden Stefan Weidle nicht umhin. Im Jahr 2000 ins Leben gerufen, vertritt sie nach eigenen Aussagen die „Bedeutenden“ der Kleineren. Ähnlich wie der 1980 gegründete Arbeitskreis unabhängiger Verlage (AkV) im Börsenverein hat sich die Stiftung das Ziel gesetzt, die Interessen der Independents zu vertreten und ihnen zu mehr Öffentlichkeit zu verhelfen. Alljährlich präsentieren sich 65 Mitglieder im Katalog der Stiftung „Es geht um das Buch“, der unter Liebhabern und in Buchhandlungen die Runde macht. Zudem werden der 26.000 Euro dotierte Kurt-Wolff-Preis sowie ein Förderpreis vergeben, die beide für Außenwirkung sorgen.

wer macht denn alles Bücher? © GvP

wer macht denn alles Bücher? © GvP

 

Wer wissen will, wie ein kleiner Verlag bestellt sein sollte, wird bei der Kurt-Wolff-Stiftung ebenfalls fündig. Hier wurden Kriterien für die Aufnahme in den Freundeskreis erarbeitet. Der Anwärter muss ein allgemeines Programm aus den Bereichen Literatur und/oder Sachbuch bieten. Er darf kein Druckkostenzuschussverlag sein. Weitere Anforderungen wie Konzernunabhängigkeit und eine Umsatzobergrenze leuchten mir ebenfalls ein. Warum aber Verlage ohne professionelle Auslieferung, ohne Mitgliedschaft im Börsenverein oder mit einer geringeren Produktion als vier Titeln jährlich aus dem Raster fallen, erscheint mir dagegen wenig stimmig und nicht mehr à jour.

Ganz alleine jedenfalls stehen die Independents schon lange nicht mehr. Seit den 1960ern, als die ersten Unabhängigen an den Start gingen, hat sich eine Menge getan. Etwa gibt es Dienstleister, die sich eigens an die Kleineren wenden. Tubuk, die Buchshop-Plattform für Literatur von unabhängigen Verlagen, bietet seit vergangenem Jahr auch Unterstützung beim Vertrieb und der Herstellung von E-Books. Oder das Büro indiebook, ein Backoffice für Vertreter, die für unabhängige Verlage reisen. Zum Start der Leipziger Buchmesse 2015 ist indiebook.de geplant, eine Plattform für unabhängige Verlage und Buchhandlungen. Events wie die Mainzer Minipressen-Messe, Buchlust in Hannover oder Kleine Verlage am Großen Wannsee bieten seit Jahren für Kleinverlage regelmäßig Schaufenster. Nicht zu vergessen die Hotlist, die 2009 initiiert wurde, um die besten Bücher aus unabhängigen Verlagen zu küren.

Unter den Literaturaffinen im Netz macht der Indiebookday Furore, der auf Anregung des Mairisch Verlages 2013 aus der Taufe gehoben wurde. „Geht am 23. März in einen Buchladen Eurer Wahl und kauft Euch ein Buch. Irgendeins, das Ihr sowieso gerade haben möchtet“, so der diesjährige Aufruf. „Hauptsache es stammt aus einem unabhängigen/kleinen Verlag.“ Hier beißt sich die Katze freilich in den Schwanz. Heißt es nicht, dass die Kleinen im Buchhandel nicht präsent sind? Und tatsächlich wurden am diesjährigen Indiebookday verschiedentlich Klagen laut, dass in den besuchten Buchläden keine Indie-Perlen zu finden sind.

Überhaupt tut sich im Netz so einiges, um Aufmerksamkeit für die Kleineren zu schaffen. We read Indie beispielsweise. Eine Blogger-Allianz, die sich nach dem ersten Indiebookday 2013 rund um die Klappentexterin zusammengefunden hat, um regelmäßig über Bücher von Independents und die Kleinstverlagsszene zu berichten. Auch das Portal Kleinfairverlage, ebenfalls 2013 ins Leben gerufen, hat sich auf die Fahne geschrieben, kleineren und mittelgroßen Verlagen zu mehr Öffentlichkeit zu verhelfen. Und die literarisch ambitionierten Blogger? Deren Herz schlägt ohnehin für Bücher aus unabhängigen, kleineren Verlagen.

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Kurzum: Es bewegt sich was. Allerdings fiel mir bei meinen Recherchen auf, dass der Kreis der Independents, denen die Öffentlichkeit Aufmerksamkeit zollt, leider noch eng bemessen ist. Beachtung finden nämlich zumeist die Immer Gleichen. Dazu zählen jene, die der Kurt-Wolff-Stiftung angehören. Häuser, die seit längerem existieren, und Verlage, die Preise gewonnen oder einen Bestseller gelandet haben.

wer macht denn alles Bücher? © GvP

wer macht denn alles Bücher? © GvP

Was ist mit den vielen anderen, die das Wagnis Verlag eingegangen sind? Martina Bergmann, Sascha Lobo, Peter R. Hellinger, Tobias Hertle, Nikola Hahn, Ingolf Ludmann-Schneider, Barbara Miklaw, Michael Fischer, Zoë Beck, Bettina Schaefer, Gabriele Schmid, die Pennigtons, Ursula Richard oder Dieter Paul Rudolf, um einige wenige zu nennen. Wie schaut man da durch? Was treibt junge Verleger an? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chance?

Fragen, die SteglitzMind in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgreifen möchte. Schön wäre ja, dabei auch einige Unabhängige zu entdecken, die im Schatten stehen. Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr!

Vorgestellt haben sich bislang:

Barbara Miklaw mit ihrem Mirabilis Verlag

Sebastian Kaufmann, der den Chaotic Revelry Verlag gemeinsam mit Dog Thor Dionysos gründete

Andreas Heidtmann vom poetenladen Verlag

Franziska Röchter, die den chiliverlag verantwortet

Steffen Ille vom Verlag Ille & Riemer

Schemajah Schuppmann vom Papierverzierer Verlag

Michaela Stadelmann mit ihrem Wunderwaldverlag

Sandra Thoms vom Dryas Verlag

Bernhard Rusch mit dem den TTR-Verlag, wo die Zeitschrift applaudissement erscheint

Steffen Janssen vom Luzifer Verlag

Michael Fischer von der dahlemer verlagsgesellschaft

Karlheinz Schlögl, der gemeinsam mit Hannes Riffel den Golkonda-Verlag verantwortet

Jasper Nicolaisen vom Verlag das Beben

Karsten Strack vom Poetry-Slam-Verlag Lektora

Peter R. Hellinger mit art&words

Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag

Vanessa Wieser vom Milena Verlag in Wien

Sonja Rüther mit Briefgestöber

Helge Pfannenschmidt und seine edition AZUR

Boris Koch mit Medusenblut

Karsten Möckel vom Liesmich Verlag

Claudia Gehrke mit ihrem konkursbuch Verlag

Stefan Weidle vom Weidle Verlag

Volker Surmann vom Berliner Satyr Verlag

Zoë Beck und Jan Karsten mit CulturBooks

Ingo Držečnik vom Elfenbein Verlag

Dominik Bartels mit dem Blaulicht Verlag

Joachim Körber von der Edition Phantasia

Peter Trier mit Litradukt

Katharina Picandet von der Edition Nautilus

Daniel Beskos vom mairisch Verlag

Verena Minoggio-Weixlbaumer vom Wiener Goldegg Verlag

Sebastian Guggolz mit seinem Guggolz Verlag

Andreas Reiffer vom Verlag Andreas Reiffer

Michael Preissl mit Voodoo Press

Jürgen Schütz vom Septime Verlag in Wien

Uschi Zietsch vom Fabylon-Verlag

Sarah Legler und Jorghi Poll, die die Wiener Edition Atelier verantworten

Adrian Kasnitz von der parasitenpresse

Andreas Mergenthaler von Cross Cult

Günter Vallaster von der edition ch

Eckart Schott, der Salleck Publications verantwortet

Roman Pliske vom Mitteldeutschen Verlag

Daniel Ketteler und Christoph Wenzel vom [SIC]-Literaturverlag

Das Team vom Berliner Verlagshaus J. Frank

Mark O. Fischer vom Epsilon-Verlag

Eckhard Brauer, Mitverleger und Lektor im Derk Janßen Verlag

Bertram Reinecke vom Leipziger Verlag Reinecke & Voß

Jano Rohleder von dani books

Hartmut Abendschein mit seiner edition taberna kritika

Sonia Lauinger mit Der Kleine Buch Verlag

Ulf Stolterfoht von Brueterich Press

Matthias Burki mit Der gesunde Menschenversand

Beatrice Maritz und Andreas Grosz von der edition pudelundpinscher

Bernd Schuchter vom Limbus Verlag

Josef Felix Müller mit seinem Vexer Verlag

Barbara Meyer Cesta und Rudolf Steiner von der Edition Haus am Gern

Ralph Klever und der Klever Verlag

Wolfgang Gosch und Virgil Guggenberger von der Wiener Edition Krill

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Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

Wir sind Schreibsklaven! Oder: Die Seele und das Herz bitte an der Garderobe abgeben – auf der Bühne spielen die Verkaufszahlen

Der Blogpost „Statt Schriftsteller ist man Schreibmaschine“, in dem zwei Autorinnen über haarsträubende Erfahrungen mit Verlagen berichteten, treibt seit seinem Erscheinen im Juli vergangenen Jahres um. Immer wieder erreichen mich dazu Kommentare, Stellungnahmen und Erfahrungsberichte. So gestern von einer Autorin, die ungenannt bleiben möchte. – Ich danke ihr für einen Bericht, der unter die Haut geht.

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So, jetzt habe ich diese ganze Artikelserie gelesen und lange überlegt, ob ich auch was schreiben soll. Letztendlich bin ich zu der Auffassung gekommen, dass es wohl gut ist, wenn ich auch etwas dazu sage, damit die Zahl derer, die den Mund aufmachen ein bisschen größer wird.

Also ja: Hiermit reihe ich mich ebenfalls in die Liste der Autoren ein, die vorsichtshalber ihren Namen nicht nennen, denn im Großen und Ganzen kann ich alle Punkte bestätigen, die ich hier gelesen habe.

Ich selbst schreibe seit über 20 Jahren. Etwa 10 Jahre davon habe ich gebraucht, um gut schreiben zu lernen. Weitere 10 Jahre hat es gedauert, ehe ich das ganze Elend mit Bewerbungen und Ablehnungen überstanden hatte und mein erstes Buch von einem “echten” Verlag gedruckt wurde. Inzwischen sind es drei Verlage, zwei davon namhaft, einer nicht ganz so.

© Clipart GvP

© Clipart GvP

Der Erfolg, also das “Verlegt werden” an sich, ist in meinem Fall noch recht jung. Aber ich kann jetzt schon sagen, dass sich vieles daran falsch anfühlt. “Die Seele und das Herz bitte an der Garderobe abgeben – auf der Bühne spielen die Verkaufszahlen.” Dieses Motto spürt man schnell, wenn man die heilige Grenze zum Verlag erst einmal übertreten hat. Sicher, alle sind freundlich zu mir, alle lieben meine Bücher und wahrscheinlich meinen sie es wirklich so. Aber mein Herz und meine Seele habe ich längst verkauft. Für einen Dumpingpreis, denn leben kann ich bei Weitem nicht davon. Man könnte auch sagen, ein durchschnittlicher Verdiener verdient im Monat soviel wie ich im ganzen Jahr. Das Geld bringt also mein Mann in die Familie. Ich “verwirkliche nur mich selbst”. Mit dem kleinen Unterschied, dass ich selbst das nicht mehr tue, seitdem mir die Verlage sagen, was ich schreiben soll, wie lang es sein darf, für welche Zielgruppe ich es zurechtschustern muss und wann der Abgabetermin ist. Der Titel, das Cover und der Klappentext werden festgelegt, bevor das neueste Buch auch nur einen Satz lang ist, also zu einem Zeitpunkt, zu dem es nur aus einer Idee besteht, die ich in einem Exposé formuliert habe. So etwas ist wirklich, WIRKLICH unheimlich!!! Alles Mögliche könnte in der Zwischenzeit passieren. Was, wenn ich mit meinen Figuren nicht warm werde? Wenn die Geschichte nicht funktioniert? Wenn ich in eine Sackgasse laufe und das Buch nochmal umschreiben muss? Wenn ich einfach mal krank werde oder etwas anderes dazwischenkommt und deshalb der Zeitplan platzt? Wenn irgendwas davon passiert, dann müsste ich stümpern und tricksen und das Buch würde trotzdem gedruckt und ich bekomme die Dresche von den Lesern, weil “natürlich” der Autor verantwortlich für sein Buch ist.

Zum Glück vertraue ich mir und meinem Können. Ich weiß, dass ich dieses Buch schreiben kann, auch unter dem gegebenen Druck und in der vorgegebenen Zeit. Was das betrifft, bin ich also froh, dass ich zwanzig Jahre Vorlauf hatte, um mich und mein Können zu entwickeln. Ich habe inzwischen eine Routine, die ich jetzt dringend brauche, und zum Glück gehöre ich auch zu denen, bei denen die Ideen nur so hervorsprudeln.

Aber dennoch. Ich bin immer noch schockiert darüber, wie es hier (in der glitzernden Verlagswelt) läuft. Ich dachte immer, ein Buch müsste perfekt sein, die Figuren, die Sprache, die Atmosphäre. Ich habe Werke in meiner Schublade, an denen ich mit unendlicher Geduld geschrieben und gefeilt habe, die von zahlreichen Testlesern und anderen Autoren gegengelesen wurden, bis ich alle konstruktive Kritik in den Text eingearbeitet hatte. Aber solche Bücher werden jetzt nicht einmal geprüft, von keinem meiner Verlage. Und warum? Weil sie zufällig ein Thema behandeln, das auf dem Markt gerade gefloppt ist.

Also muss ich neue Bücher schreiben, für die ich wenig Zeit habe, so wenig Zeit, dass sie kaum ein Testleser zu Gesicht bekommt, bevor sie auch schon in den Druck müssen. Aber sie haben das richtige Thema, oder sagen wir mal, das Thema, von dem die Marketingabteilung glaubt, es könnte das richtige sein.

Ganz ehrlich, immer, wenn ich darüber nachdenke, kann ich spüren wie eine kleine Wunde in meinem Herz aufreißt und anfängt zu schmerzen. Ich musste mich und meine Seele verkaufen, um dabei zu sein. Und jetzt kämpfe ich Tag um Tag darum, sie zurückzubekommen. Ich tue alles dafür, mir die Geschichten zurückzuerobern und sie trotz all der Vorgaben und Beschränkungen wieder zu einem Teil von mir zu machen. Und ich bange und hoffe, darauf, dass sich meine Bücher irgendwann so gut verkaufen, dass ich wieder die Regeln bestimmen darf.

Aber im Moment stehe ich noch ganz unten in der Rangordnung. Selbst der Gang in den Buchladen ist meistens deprimierend. Meine Bücher müssen wohl irgendwo im B oder C-Programm laufen (auch wenn meine Lektorinnen immer davon schwärmen, wie gut mein Buch überall ankommt). Ich aber jedenfalls finde sie trotz namhafter Verlage meistens nicht, wenn ich in einen Buchladen komme. Oder ein einzelnes Exemplar steht einsam und verloren irgendwo im Regal, wo nur hartgesottene Fans nach ihm suchen werden. Manchmal hole ich solch ein einsames Buch heraus, trage es ein bisschen mit mir herum und lege es dann liebevoll und wie zufällig irgendwo auf den Tisch. Aber wahrscheinlich findet es die Buchhändlerin dann doch vor dem Leser und stellt es in seinen Regalplatz zurück.

Offensichtlich hat für mich also noch niemand einen Stapelplatz bei Thalia gekauft. Warum auch. Ich bin jung und neu am Markt. Ich muss mich erst einmal beweisen.

Und so organisiere ich bis jetzt auch noch viel zu viel selbst. Wenn ich eine Lesung halten will, muss ich mir selbst einen Ort suchen und das Publikum am besten gleich mitbringen, von einem Lesungshonorar mal ganz zu schweigen. Wenn ich ein bisschen Pressewirbel will, dann toure ich selbst durch das Internet, pflege meine Sozialforen und streichele meine Leser mit liebevollem Smalltalk. Tatsächlich sind das oftmals die besten Momente. Meinen Lesern bin ich manchmal am Nächsten, obwohl ich nur ein paar geschriebene Worte von ihnen habe, in denen sie ihre Leseeindrücke schildern. Ich bin also wirklich gerne “bei meinen Lesern”. Aber der Verkaufserfolg steigt wohl nur wenig durch diese 1:1 Zuwendung und meine neuesten Bücher werden dadurch auch nicht gerade schneller fertig.

Stattdessen geht fast die Hälfte der Zeit dafür drauf, alles selbst zu organisieren. Mir ist es noch nie so schwer gefallen, mich auf mein aktuelles Manuskript zu konzentrieren, weil die Tage ständig zwischen dem einen und dem anderen zerrissen werden. Wenn ich einen schlechten Tag habe, aktualisiere ich manchmal häufiger den Verkaufsrang bei Amazon, als ich beim Schreiben meines neuesten Werkes auf die Returntaste drücke. Nicht etwa deshalb, weil bei Amazon so viele Bücher über den Tisch gehen würden, nein, wohl eher deshalb, weil ich mir das so sehr wünsche.
Es ist also alles andere als eine heile Welt, die dort hinter den Verlagstüren herrscht. Und wir Autoren sind in dem “Geschäft” die ärmsten Säue von allen. Wir machen unseren Job ja gerne, hundert andere stehen Schlange, um unseren Platz einzunehmen, also muss man uns weder fair bezahlen, noch fair behandeln.

Meine Agentin fand dafür den treffendsten Begriff: Wir sind Schreibsklaven. Genau so fühle ich mich oft. Aber verflucht nochmal, ich mache meine Job so gerne, dass ich ihn trotzdem nicht aufgeben würde, dass ich das alles mitmache und lächele und nach außen hin den Schein wahre – und nur dann den Mund aufmache, wenn mein Name nicht darunter steht.

Manchmal denke ich, wir Autoren müssten mal streiken, alle auf einmal, die Kleinen und die Namhaften. Wir müssten uns alle verabreden und unsere neuesten Manuskripte einfach nicht pünktlich zum VÖ-Termin abliefern. Aber das Problem ist wohl, dass es auch unter uns zu viele Streikbrecher geben würde – und noch mehr Autoren, die nur darauf warten, dass mal ein Programmplatz freibleibt. Im Notfall würde sich auch noch eine Auslandslizenz finden, die man schnell ins Programm schieben kann.
Also muss ich mich wohl damit abfinden, dass ich nur eine Nummer auf dem Markt bin. Und alles, was ich hoffen kann, ist, dass sich die Qualität meiner Bücher irgendwann durchsetzt und mich zu einer größeren Nummer macht, bis ich irgendwann vielleicht tatsächlich Geld verdiene. Nur so viel wie man zum Leben braucht. Das würde mir ja schon reichen.

Tja, jetzt habe ich so viel geschrieben und frage mich gerade, was die Moral von der Geschichte ist. Im Grunde ganz klar: Wenn ihr es könnt, wenn ihr nur irgendwie die Möglichkeit habt, auf andere Weise glücklich zu werden, dann lasst die Finger vom Schreiben! Diese Welt mag glänzen, aber auch das Schlachtermesser glänzt, bevor es dem Schwein die Kehle aufschlitzt.
Doch wie auch immer. Ich für meinen Teil werde weiterkämpfen. Ich weiß schon lange, dass ich nur glücklich bin, wenn ich schreibe, also könnte ich es wohl nie sein lassen. Selbst wenn ich wollte 😉

Liebe Grüße
Eure Schreibsklavin!

Ich kann mich dem Drang nicht entziehen, dass ich mir wünsche, gehört & gelesen zu werden

Der Blogpost „Statt Schriftsteller ist man Schreibmaschine“, in dem zwei Autorinnen über haarsträubende Erfahrungen mit Verlagen berichteten, treibt seit seinem Erscheinen im Juli vergangenen Jahres um. Immer wieder erreichen mich dazu Kommentare, Stellungnahmen und Erfahrungsberichte. So gestern von Barbara, deren Gedanken ich hier teilen möchte. – Ich danke Barbara für ihre offenen Worte.

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Du lieber Himmel – wenn man alle Kommentare nebst den beiden zugrunde liegenden Texten gelesen hat, könnte einem glatt die Lust am Schreiben vergehen…wenn, ja wenn… Wenn man, wenn man nicht schreiben müsste. Lust hat damit – zumindest bei mir – weniger zu tun: Ich muss.

Keine Angst. Ich halte mich nicht für BESONDERS BERUFEN.
Ich frage mich schon lange nicht mehr, warum ich schreiben muss, um leben zu können. Ist einfach so. Wie mein Wunsch, Kinder in die Welt zu setzen. Einfach da und bedarf keiner Begründung (mehr). Ich bin Diplom-Biologin – es fällt mir leicht, etwas als angeboren hinzunehmen. Ehrlich, so etwas kommt weltweit ziemlich häufig vor…

Ich schätze, dieses MUSS teile ich mit einer Menge anderer Menschen, denn abgesehen von unserem Fingerabdruck und unserem Genom sind wir Menschlein meist nicht halb so originell und einzigartig, wie wir vermuten oder das bisweilen gern hätten. Und genau da liegt das Problem: Überangebot. Es gibt ein Überangebot an Schriftstellern.
Denen ist meines Erachtens nach gleichzeitig mit dem Drang zur Feder ein weiteres Attribut angeboren: wahrgenommen, gehört, gelesen werden wollen. Verzeihlich, wenn man bedenkt, dass alle Weltreligionen von einem Gottes-/Götterbild ausgehen, das sich äußert und zwar nicht ins leere Weltall hinein, sondern um von Menschen gehört zu werden. Scheint das nächste fundamentale Phänomen zu sein: sich äußern wollen, sich äußern müssen, um gehört zu werden. Zwingend wie die Schwerkraft.

Schreibwerkzeug © GvP

Schreibwerkzeug © GvP

Ich kann mich der Schwerkraft nicht entziehen, sonst gibt’s blaue Flecke.
Ich kann mich dem Zwang zu schreiben nicht entziehen, sonst gibt’s Seelenverstopfung, was sich übel anfühlt.
Ich kann mich dem Drang nicht entziehen, dass ich mir wünsche, gehört & gelesen zu werden. (Und es gibt blaue Flecke, weil ich ständig auf die Fresse falle… aber wie soll ich mich über Naturgesetze hinwegsetzen?)
Falls ich mit dieser meiner Befindlichkeit bzw. dieser scheinbar grundlegenden Natur des Schriftstellers nicht allein bin – und ich bin sicher, ich bin es nicht!!! – führt das zum o.g. Überangebot: Viele Getriebene wollen bzw. müssen (ihrem Empfinden nach) veröffentlichen.
Was dann passiert, gehorcht den Gesetzen auf dem freien (Buch-)Markt: Dumping im ureigensten Sinn des Wortes mit allen Auswüchsen, denn es gibt ganz unterschiedliche Schmerzgrenzen – was dem einen Autor als Zumutung erscheint, nimmt der nächste nicht einmal als solche wahr. Das drückt die Standards, die Qualität im Umgang, im Produkt. Jeder Schriftsteller unterhalb der Millionenauflage ist durch eine bequemere Type ersetzbar. Das weiß die Branche. Der Leser bekommts nicht einmal mit.

(Manchmal habe ich sowieso den Eindruck, da wird im Sinne eines weltumspannenden Komplotts an der schleichenden Verblödung der Leser gearbeitet, bis Verlage ein Self-Write-Programm entwickeln können, in das man oben einen Titel + ein Cover stopft und unten kommt dann der fertige Roman heraus, samt Werbekampagne und Drehbuch: “Das Geheimnis des Latrinenreinigers” – sorry, ich bin nicht gut drauf, habe soeben mit meinem alten Verlag gebrochen und sehe mich auf eine massive Seelenverstopfung zuschlingern…)

Zu blöd, dass Schriftsteller an der Situation – als fast Reflexgesteuerte, die sie sind – so leiden.
Zu blöd, dass ihnen, wenn sie gut sind, das Zweifeln fest ans Schaffen gekoppelt ist, denn nur der Zweifel schafft es, den Blick aufzuweiten, mehr als einen Weg zu sehen, wirklich schöpferisch tätig zu sein – sonst wären Autoren ja mit der einen Wirklichkeit, wie sie existiert, zufrieden und müssten nicht daneben andere Realitäten erschaffen.
Zu blöd, dass Verlage sozusagen institutionell in ihrem eigentlichen Auftrag dazu da sind, mit den Zweifeln des Autors umzugehen, indem sie prüfen, fragen, hinterfragen, korrigieren und Schriftsteller sie deshalb gern als eine Art professionellen Gegenpol zu ihrem Selbst und Werk nutzten (Achtung: Konjunktiv!).
Und wirklich blöd ist, dass man sich als Schriftsteller in seinem Werk äußert, sich Buchstabe für Buchstabe buchstäblich nach außen wendet, bis man – egal wie man verschleiert – mehr oder weniger nackt dasteht mit seinem Ich, seinen Träumen und Ängsten, seiner Geschichte: so angreifbar, so verletzlich.

Ausweg? Sehe ich nicht. Für mich nicht.
An der Schwerkraft kann ich ebenso wenig etwas ändern wie an der Tatsache, dass Schreiben zu meinem Leben gehört, dass ich gelesen, veröffentlicht werden will, dass ich wegen meiner ständigen Zweifel (noch) einen Dialog mit einer professionellen Instanz brauche, die die nötige Distanz zu meinem Selbst hat und ich werde nix daran ändern, dass ich in einer Schlange Vieler stehe/untergehe/verschwinde, denen es ähnlich geht.
Bloß nicht frustieren lassen.
Fleiß hilft sicher.
Ich hoffe darauf, wie überall im Leben, Glück zu haben.
Es sind ja auch bisher alle Lastwagen an mir vorbeigefahren und keiner hat mich überrollt. So viel Glück hat nicht jeder!

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Zu Barbaras Blog, auf dem sie derzeit erste Gehversuche unternimmt, geht es hier

Steglitz fragt bei Patric Marino nach (Teil 2)

„Es gibt in der Schweiz einen Kleingeist, der verlässlich und treu, aber mit der Zeit langweilig und ermüdend ist …“

Der Berner Patric Marino fiel mir auf, weil er mit „Nonno spricht“ ein literarisches Debüt hingelegt hat, von dem Nachwuchsautoren eigentlich nur träumen können. Hoppla, dachte ich mir, welche Kräfte haben da gewirkt?

Deshalb habe ich den 22-Jährigen im ersten Teil unseres Gesprächs u.a. danach befragt, wie er zu seinem Verlag fand, was er anderen jungen Autoren rät und wie ihm der frühe Ruhm bekommen ist. – Heute erfahren wir von ihm, wie man in der Schweiz die Entwicklungen infolge der Digitalisierung einschätzt, welchen Stellenwert das eBook dort hat, ob Self-Publishing angesagt ist und inwieweit Social Media-Marketingmaßnahmen auch für Schweizer Autoren inzwischen ein Gebot der Stunde sind.

Was treibt dich im Schweizer Literaturbetrieb besonders um?

Patric Marino © Textkiosk / T. Schlup

Egal, wohin es mich im Literaturbetrieb treibt, an welches Festival, welche Lesung, welches Apéro – ich treffe immer die gleichen Leute, Autoren wie Zuhörer. Ich schlage die Zeitung auf und lese eine Kolumne vom Herrn Schriftsteller, ich mache das Radio an und höre ein Gespräch mit dem gleichen Herrn Schriftsteller. Es gibt in der Schweiz einen Kleingeist, der verlässlich und treu, aber mit der Zeit langweilig und ermüdend ist, und manchmal fürchte ich, auch zu einem solchen Geist zu werden.

Wo verortest du im Vergleich zum deutschen Betrieb besondere Unterschiede?

Für mich ist das schwer zu vergleichen, da ich den deutschen Literaturbetrieb kaum kenne. In der Schweiz sind Autoren und Literaturvermittler eine Familie, man kennt sich. In Deutschland kann ich mir das so nicht vorstellen. Diese Überschaubarkeit gilt nicht nur für Bekanntschaften, sondern auch für die Bekanntheit. Die Schweiz ist ein kleiner Markt, um wieder dieses Bild aufzunehmen, und jede Woche stehen da die gleichen Händler mit ihren Ständen an vorgemerkten Plätzen und mit abgesprochenen Preisen.

Welchen Stellenwert hat das eBook bei euch?

In einer großen Buchhandlung in Bern steht, dass eBooks weg gingen wie warme Brötchen und sie deshalb ausverkauft seien, doch ich sehe selten bis nie jemanden mit einem eBook. Vielleicht trauen sich die Leute nicht, sich im öffentlichen Raum mit ihrem E-Reader zu zeigen. Das zeigt, wie tief der Stellenwert bei uns ist.

Wie hältst du es persönlich mit dem eBook?

Ich lese kein eBook. Wenn einer zwei fette Krimis pro Woche liest und sie dann in die Tonne schmeißt, soll er sie besser als eBook lesen. Ich bin ein anderer Lesetyp, ich lese weniger, sinnlicher, und möchte auch mal eine Passage mit Bleistift unterstreichen.

Meinst du, dass dem eBook die Zukunft gehört?

So wie alle neuen Medien sich einen Platz geschaffen haben, wird sich auch das eBook einen Platz schaffen, aber neben dem Buch. Wer so liest wie ich, wird dies weiterhin mit Büchern machen, die er anfassen kann. Für Vielleser oder auch zum Lesen von Zeitschriften oder kürzeren Texten wird der E-Reader oder ein Tablet stärker zum Thema werden. Dazu muss es sich aber erst weiter verbreiten und die digitalen Texte deutlich billiger als die gedruckten sein. Das eBook darf nicht versuchen, das Buch zu ersetzen. Das wird es nie.

Hierzulande wenden sich Autoren immer öfter von den traditionellen Wegen ab, um Publikationen in Eigenregie zu verlegen. Ist diese Entwicklung in der Schweiz ebenfalls absehbar, womöglich bereits angesagt?

Es gibt auch in der Schweiz Bezahlverlage, Books on Demand oder im Eigenverlag herausgegebene Bücher. Ich selbst kenne keine Autoren, die das machen, weder persönlich noch durch Medienberichte, da selbst verlegte Bücher schlichtweg ignoriert werden. Neben den wenigen großen Verlagen gibt es viele Kleinverlage, die auch mal kleinere Werke von großen Schriftstellern herausgeben dürfen. In Eigenregie zu publizieren ist für etablierte Autoren aber unvorstellbar.

Wäre Self-Publishing für dich eine Option?

Nein. Wenn ich ein Buch an die Öffentlichkeit bringe, dann möchte ich, dass es im Buchhandel erhältlich ist und den Lesern vermittelt wird. Mit Self-Publishing wäre dies nicht möglich. Wenn ich hingegen ein Buch für meine Freunde und Familie schreiben würde, kann ich fünfzig Exemplare drucken und sie verschenken.

Wo machst du Chancen und Risiken aus?

Das Geschenkbuch könnte ich selbst gestalten und von Hand herstellen, aber damit sind wir bereits beim ersten Problem: Es gibt unglaublich viel Aufwand, der nicht mit dem Schreiben zu tun hat. Beitragsgesuche, Lektorat, Druckkosten, Pressearbeit, all diese Dinge muss man selbst machen oder bezahlen. Deshalb wird das bei selbst publizierten Büchern häufig nicht gemacht, was für ihre Qualität verheerend ist.

In Deutschland ist es inzwischen üblich, dass Verlagsautoren ihr Buchmarketing selbst in die Hand nehmen (müssen). Zeichnet sich diese Entwicklung auch in der Schweiz ab?

Ja, man hilft beim Marketing so viel wie möglich. Viele Medienanfragen richten sich nicht an den Verlag, sondern an den Autoren. Häufig bringen Autoren auch selbst Kontakte zu Kritikern oder Veranstaltern mit und nutzen diese für ihr Marketing. Der administrative Teil des Marketings sollte aber weiterhin vom Verlag erledigt werden, sodass sich der Autor auf den produktiven Teil, also auf Interviews, Lesungen oder Textbeiträge konzentrieren kann.

Was tust du für dein Buchmarketing?

Ich stelle mich deinen Fragen, gehe mit meinem Buch auf Lesetournee, nenne es unter sonstigen öffentlichen Texten oder bei Auftritten und beantworte die meisten Presseanfragen. Wenn wir bei Festivals auf unseren Schreibmaschinen Geschichten nach Wunsch schreiben, dann stelle ich immer einen Stapel Bücher auf, damit die Leute sehen, was wir sonst noch machen, und meistens gehe ich mit leeren Rucksack heim.

Social Media-Marketingmaßnahmen scheinen inzwischen für Autoren ein Gebot der Stunde. Wie stehst du dazu?

Ich finde es wichtig, auf verschiedenen Kanälen präsent und ansprechbar zu sein, gerade für jüngere Leser. Deshalb habe ich eine Homepage und bin bei Facebook. Ich nutze sie aber weder als Privatperson noch als Schriftsteller, sondern eher als Veranstalter, indem ich Medienberichte verlinke oder Veranstaltungen eintrage. Sonstige Werbung, Privatfotos oder Tagebücher mag ich dort nicht veröffentlichen.

Welche Chancen und Risiken verortest du im Social Web?

Die größte Chance liegt darin, dass ich direkt mein Publikum erreichen und mit ihm kommunizieren kann, und dass ich in meinen Beiträgen völlig frei bin. Darin sehe ich aber auch die Gefahr, dass man sich im Social Web verliert, dass ich auf Facebook mehr schreibe als in den achtzig Seiten meines Buches. Ich brauche Soziale Medien, damit die Leute mein Buch finden und lesen, nicht damit sie meine Beiträge anklicken. Darum habe ich aufgeschrieben, wie ich mit meinen Nonni Tomaten trockne, sonst hätte ich auch einfach meine Ferienfotos auf Facebook stellen können und fertig.

Ich danke dir, Patric, auch für den spannenden Einblick in den Schweizer Literaturbetrieb! Und wünsche deinem Erstling „Nonno spricht“ sehr, dass er auch hierzulande Leser und Anerkennung findet.

„Blitzlicht haben wir genug im Literaturbetrieb.“ Engagiert und couragiert – die Verlegerin Lisette Buchholz

Nachrichten aus der Buchbranche, die mir zur Freude gereichen, sind selten geworden. Heute Nachmittag kam eine: Lisette Buchholz, die ihren persona Verlag seit nahezu 30 Jahren pflegt, wird ausgezeichnet! Und zwar für „ihre begeisterte Entdeckerlust mit höchsten Ansprüchen an Qualität und einem bewundernswerten Durchhaltevermögen“ abermals mit dem baden-württembergischen „Landespreis für literarisch ambitionierte kleinere Verlage“.

Gegründet hat Lisette den Mannheimer Verlag am 1. November 1983. Erstling im Verlagsprogramm war der Exilroman „Manja“ von Anna Gmeyner (1938 bei Querido in Amsterdam erschienen). Die Publikation hatte der legendäre Fritz Landshoff der Jung-Verlegerin persönlich ans Herz gelegt. Zu Ausgrabungen und Entdeckungen aus der Zeit des Exils kamen im Laufe der Jahre verwandte Titel und Sujets.

Kontinuierlich erschien in Mannheim alljährlich ein kleines, feines Programm mit Buchpreziosen für anspruchsvolle Liebhaber und Kenner. In Juni letzten Jahres allerdings erhielt ich einen Brief, in dem Lisette den Freunden ihres Verlages erläuterte, warum sie 2011 erstmals seit 28 Jahren auf eine Neuerscheinung verzichtet. – Die heutige Auszeichnung veranlasst mich, an die bemerkenswerten Zeilen zu erinnern, in denen Lisette streng mit einem Literaturbetrieb und Buchmarkt ins Gericht geht, der sich auf Mainstream und Spektakel fokussiert:

Die Erde würde ohne uns Menschen auch ganz gut laufen, meinte der scharfzüngige Wolfgang Neuss. Und manchmal denke ich, das gilt auch für den Literaturbetrieb, der Literatur eigentlich gar nicht braucht. Die Puzzleteilchen der Branche lassen sich gewinnbringend zu immer neuen Mustern zusammensetzen, ohne dass wirklich Neues nötig wäre. Festivals, Preiskarusselle, Interviews, Hit- und Hotlisten, Talkshows, Starfotos von Schriftstellern und Schriftstellerinnen, die sich für Hochglanzmagazine eignen, mit den passenden Homestorys – das reicht, um den Betrieb am Laufen zu halten.

Nachdenken? Nachsinnen? Einen Schritt beiseitetreten? Das Feld räumen? Aufräumen? Von wegen. Das Leben, zumal das literarische, ist eine Achterbahn.

Jeden Donnerstag, wenn ich das Börsenblatt aus dem Kasten ziehe, weiß ich schon, welche Gefühle mich erregen werden, wenn ich es durchblättere. Ist das noch meine Branche? Habe ich einen Verlag gegründet, um dabei mitzutun? Ich sehe meine Autorinnen und Autoren vor mir – sie eignen sich zu alledem nicht. Diejenigen, die nicht mehr leben, schon gar nicht. Zu ernsthaft, zu selbstständig, zu wenig marktgerecht, waren bzw. sind sie nie an den richtigen Orten, um einschlägige Kontakte zu knüpfen. Alle Voraussetzungen für den Beruf des Adabeis fehlen ihnen. Manche leben im Ausland und sind in Deutschland schwer unterzubringen.

Lisette Buchholz mit ihrem Erstling „Manja“ © persona verlag

Die aggressive Vermarktung von Literatur mag über den Atlantik zu uns herübergeschwappt sein. Schon Vicky Baum wusste davon ein Lied zu singen. Trotzdem liebe ich die Literaturkritiker der New York Times. Man erfährt tatsächlich etwas über die besprochenen Bücher und deren Verfasser und relativ wenig über die Scribenten der Rezension. Hierzulande überwuchert die Kritik oft die Produktion. Und so erfreulich die Existenz zahlreicher Literaturpreise und -stipendien ist, zeitigen sie so etwas wie eine Förderliteratur, deren gemeinsames Merkmal …  nun, lassen wir das.

Ich werde den Verdacht nicht los, dass der blutige Aderlass von 1933 Gräben hinterließ, die immer noch spürbar sind. Ermordung und Vertreibung töteten auch eine Tradition kritisch gepflegter Sprache. Die Exilliteratur ist die letzte Tranche der deutschsprachigen Klassik. Stellen Sie sich Walter Benjamin oder Georg Hermann auf einem der heute üblichen Mega-Events vor. Sie würden nicht anreisen, glaube ich, obwohl Heinrich Mann es zu seinen schönsten Vorlese-Erlebnissen zählte, in einem großen Berliner Kaufhaus während der Geschäftszeit aufzutreten. Immerhin gibt es auch bei toten Autoren jener Epoche unverhoffte, durchaus erfolgreiche Wiederbelebungsversuche. Der Impuls dazu geht oft von einem anderen Land aus, so geschehen bei „Alone in Berlin“ von Fallada.

Es ist nicht nur die Qualität der heute gepushten, übermorgen vergessenen Bestseller, die mich vor den Kopf schlägt, sondern auch die schiere Quantität. Würden sich alle Verlage auf drei Titel im Jahr beschränken, könnten wie diese Produktion zur Kenntnis nehmen. Aber so? Muss es denn so viel sein? Verdauen wir Kaviar und Sahne in Kiloportionen? Oder nur dünne Suppen und Pommes?

Mein verlegerisches Über-Ich quält mich mit Vorwürfen. Tatsache ist, dass ich in diesem Jahr keinen neuen Titel verlege. Es gibt eine Produktionspause. Nicht nur Geldsorgen haben diesen Entschluss befördert. Ich habe keinen Titel gefunden, bei dem es gekribbelt hätte. Und kribbeln muss es. Wenn schon keine Aussichten bestehen, mit einer Neuerscheinung, einer übersetzten zumal, in absehbarer Zeit schwarze Zahlen zu erreichen, muss es wenigstens ein Buch sein, für das mein Herz schlägt. Apropos Lizenzen: Auch dieser Markt wuchert. Es grenzt an Wahnsinn, was manche Agenturen verlangen. Aber wenn man bedenkt, dass bei marktkonformen Titeln lukrative Zweit- und Drittvermarktungen winken, sind diese Preise leider gerechtfertigt. TV-Filme, Serien, Kinofilme, Unterlizenzen aller Art sowie das ganze Merchandising: Benjamins Deutsche Menschen als Plüschgestalten, Jettchen Gebert als Anziehpuppe oder virtuelle Person im interaktiven Spiel.

Die Zunahme von Graphic Novels deutet darauf hin, dass eine gewisse Übersättigung am allzu Bunten eingetreten ist. Gothic- und Fantasytitel dagegen verlangen knallige Cover und die entsprechende Werbung. Auch die Vorschauen werden immer opulenter und erinnern an Lifestyle-Werbeprospekte. Seit Jahren haben wir uns an die Heerscharen von Manga-Kostümierten auf den Buchmessen gewöhnt. Ein urliterarisches Erlebnis. Laut Statistik ist allerdings der Marktanteil dessen, was wir Literatur nennen, am Buchverkauf verschwindend gering. Überhaupt Messen: Warum dürfen wir nicht verkaufen? Angesichts einer Buchhändlerin, die mir allen Ernstes erklärt, wenn sie einen Titel bei amazon nicht findet, sei der nicht lieferbar? VLB – ein Fremdwort. Auf die Idee, beim Verlag nachzufragen, ist sie nicht gekommen. Dazu fällt mir nichts mehr ein. Da hilft nur noch schottischer Whisky.

Die Backlist war früher der Kronschatz der Verlage, unser Rückgrat. Heute bricht sie uns in Form der Lagerkosten das Genick, denn so gut wie niemand möchte ein altes Buch bestellen. Alt, das bedeutet: keine Neuerscheinung. Neu heißt: ein bis drei Monate alt. Auch in den Feuilletons gilt ein Titel als alt, wenn er in der vorangegangenen Saison erschienen ist. Erst gab es leider keinen Platz, ihn vorzustellen, dann ist er zu alt. Was der Buchhandel liebt, heißt „Schnelldreher“. Heute rein, morgen raus. Die Beziehung zwischen Kunst und Kommerz gehört zu den unerforschlichsten. Ich grüble viel darüber nach und komme zu keinem Ende. Die übliche Paartherapie greift hier nicht.

Ob das E-Book uns glücklich macht? Ich hege starke Bedenken, was passiert, wenn mir der Kindle in die Badewanne fällt. Oder sich beim Schmökern im Bett der Akku entleert. Da bleibt dann nur die Meditation über den leeren Bildschirm. Non-Books sind ohnehin der Renner!

Georg Hermann unterschied zwischen Büchern, die uns etwas geben, und solchen, die nur interessieren. Wann hast Du zuletzt ein Buch gelesen, dass Dir etwas gab? Du kannst es mehrfach lesen, Du wirst immer neue Seiten an ihm entdecken. War es bloß interessant, wirst Du es weiterverschenken oder ihm einen Platz auf einer Parkbank zuweisen.

Ich mache jetzt einen Spaziergang und denke über rätselhafte Gedichtzeilen von Josef Brodski nach. Sie beschäftigen mich übrigens schon eine ganze Weile. Man kann sie wie eine Murmel hin- und herwenden und immer leuchten sie bisschen anders. Mehr Leuchten wär schön. Licht, zumal Blitzlicht, haben wir ja genug im Literaturbetrieb.

Der Brief vom Juni 2011 © Lisette Buchholz, persona verlag

Es geht die Mär: Die Zukunft des Buches sei elektronisch …

Nun muss ich meinem Unmut doch Luft machen. Ich kann es nicht mehr hören. Das, was ich in den letzten Jahren immer öfter und während der weltgrößten Büchershow in den vergangenen Tagen aber- und abermals zu hören bekam: Nämlich, dass die Zukunft des Buches elektronisch sei.

So ein Quatsch! Das Buch ist ein Trägermedium. Und zwar für Inhalte oder neudeutsch: für Content. Diesbezüglich stellt sich ja auch keiner mehr hin, um (je nach Standpunkt) mit Verve oder mit Wehmut zu erklären, dass deren Zukunft elektronisch sei. Ein Hinterwäldler, würden wir von ihm denken, einer der die Entwicklung komplett verschlafen hat … Haben wir uns nicht schon lange daran gewöhnt, dass die Digitalisierung in Alltag, Freizeit und Beruf fest Fuß fasste? Schließlich gehen wir seit Jahren selbstverständlich mit digitalisierten Inhalten um, sei es wenn wir Musik hören, fotografieren, uns mit Freunden und Bekannten in sozialen Netzwerken austauschen oder auf dem Rechner bzw. Smartphone Meldungen, Kommentare oder Informationen lesen.

Längst ist auch das elektronische Buch auf dem Vormarsch. Und die Buchbranche, die sich lange gegen die Entwicklungen gesträubt hat, stellt die Weichen ebenfalls neu. So mancher Verlag wagt sich auf Neuland. Sorgen muss uns auch nicht, welche Rolle die Frankfurter Buchmesse spielen wird, wenn es im großen Stil zukünftig das nicht mehr gibt, was bislang zwischen Buchdeckeln gehandelt wurde. Eine Messe für’s Non-Book? Das ist sie doch längst. Ein Think Tank für Überlegungen, wie sich Geschäfte mit dem machen lassen, was nach dem Buch kommt? Auch das wurde in Frankfurt viel diskutiert.

Fest steht jedenfalls: Nach all‘ dem Wehklagen, Lamentieren und Beharren darauf, dass keine Abkehr vom Buch stattfände, setzt sich nunmehr auch bei den Hinterwäldlern die Einsicht durch, dass die Tage für das gedruckte Buch gezählt sind. Das lässt sich beispielsweise auch eindrucksvoll an der Außenwahrnehmung ablesen, die das Frankfurter Buchspektakel heuer hatte. Sehr viel weniger Lobgesang auf Bücher, Autoren und die Buchkultur als noch in früheren Jahren, dafür umso mehr Abgesang! Wehmütig-polemisch etwa bei Sibylle Berg, martialisch bei Malte Herweg, der sich eine Guillotine besorgte, um sich seiner Bibliothek zu entledigen, oder bissig wie bei Robin Detje und seinem eBuch-Selbstversuch.

Und auf der Messe selbst? Auch dort standen die Folgen der Digitalisierung im Fokus. Ihre Berührungsängste haben Verlage inzwischen verloren. Angst macht nun nicht mehr das eBuch, sondern die Entwicklungen beim Self-Publishing, die Verlage kannibalisieren, wie Ina Fuchshuber von neobooks in Frankfurt meinte. Unverblümt sprach Messedirektor Boos in seiner Eröffnungsrede davon, dass wir es mit der größten Umbruchsphase seit Einführung der Druckerpresse, einem „Urknall im Publishing“ zu tun hätten. Fast könnte man meinen, dass sich die Buchbranche Mitte Oktober 2012 zu digitalen Ufern aufmacht. Ginge da nicht diese Mär, dass die Zukunft des Buches eine digitale sei …

auf der langen Bank … © Gesine von Prittwitz

Ich mag mir jedenfalls kein X mehr für ein U vormachen lassen. Digitaler Content ist keine Zukunftsmusik, sondern schon lange Realität! Insofern ist man gut beraten, sich diesem zuzuwenden. Auch diesbezüglich setzte Frankfurt, wenn wohl auch nicht als Trendscout, unmissverständliche Zeichen. Ob davon allerdings Zugkraft genug ausgeht, um die Versäumnisse der vergangenen Jahre wettzumachen? Die Buchbranche hatte ja nicht nur die Digitalisierung zu weiten Teilen verschlafen. Vielfach verlor sie auch einen Bezug zu Inhalten und Ehrfurcht vor jenen, die Inhalte schaffen. Statt auf die Qualität von Büchern zu achten, wurde auf Mainstream und Quantität, d.h. massenhaften Verkauf gesetzt. Lässt sich das wieder gutmachen? Mit einer Buch-Marketingkampagne des Börsenvereins, die „laut, überraschend, involvierend und aktivierend“ geplant ist, sicher nicht. Und mit lautschreierischen Aktionen, karnevalistischen Aufzügen, sensationellen Aufmachern und hippen Social Media Maßnahmen, derer Frankfurt auch voll war, ebenfalls nicht.

Gezielte Irreführung? Ein Nachtrag zum Sommertheater um Steinfeld und Co

In der Literaturgeschichte und im Literaturbetrieb sind Pseudonyme keine Seltenheit. Tatsächlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn sich Autoren für eine Deckung entscheiden und Verlage Pseudonyme achtsam nutzen. Allerdings ist der Ruf, und zwar der von Autor und Verlag gleichermaßen, dann akut gefährdet, wenn es um ein zielgerichtetes Täuschungsmanöver geht.

Und genau darum scheint es sich beim vermeintlichen Schwedenkrimi „Der Sturm“ zu handeln, hinter dem nicht Per Johansson, sondern das Autoren-Duo Thomas Steinfeld und Martin Winkler steht. Und wofür sich der S. Fischer Verlag eben nicht nur ein Pseudonym und eine Mogelpackung, nämlich die Tarnung „Schwedenkrimi“, ausgedacht hat.

Wer mag da nur dahinter stecken? Foto (c) Gesine von Prittwitz

Wer mag da nur dahinter stecken? Foto (c) Gesine von Prittwitz

Dreist ist der Fall deshalb, weil der Verlag für Thomas Steinfeld, der amtierender Feuilleton-Chef der Süddeutschen Zeitung ist, einen aufwändig inszenierten Maskenball geplant hatte: Mit einer frei erfundenen Biografie zu Per Johansson, einer gefakten Übersetzerin aus dem Schwedischen und einem gefälschten Originaltitel griff man ebenso tief in die Trickkiste wie mit Testimonials von Hakan Nesser und Orhan Pamuk, die auf Buchcover und Buchrücken ebenfalls für die Narretei herhalten sollten. – Und vermutlich ist die Geschichte, dass ein Redakteur der WELT rein zufällig auf die gewitzte Idee gekommen sein soll, die Leiche zu sezieren, um schließlich Frank Schirrmacher mit viel Gedöns als Mordopfer zu identifizieren, auch nur Teil eines abgekarteten Spiels zwischen Autoren-Duo, Verlag und exklusiv ausgewählten Medien-Vertretern. Man kennt sich und ist sich gerne gefällig …

Ist die Affäre tatsächlich nur ein Sturm im Wasserglas, wie ich in meinem letzten Blogbeitrag noch einlenkend konstatierte? Oder verweist das Komplott nicht vielmehr auf haarsträubende Missstände in der Verlagsbranche, wo auf Teufel komm raus getrickst und gezinkt wird, um möglichst groß abzuzocken?

Tatsächlich wirft der Fall Steinfeld & Co auf den S. Fischer Verlag ein denkbar schlechtes Licht. So mancher, der das Spektakel verfolgt hat, dürfte sich inzwischen fragen: Wieso führt ein traditionsreicher Publikumsverlag mit guten Renommee Leser und Buchhändler gezielt hinters Licht? Welches Geschäftsmodell steckt hinter solchem Gebaren? Ist der Fall ein Unikat oder steht die Trickbetrügerei stellvertretend für eine gängige Praxis in der Branche? Und: Welche Achtung bringen Verlage Zielgruppen entgegen, die sie derartig verhohnepiepeln?

Da wurde in der vergangenen Woche viel Reputation verbrannt. Ein Imageverlust für den Verlag, womöglich die Branche insgesamt, könnte eine Folge aus diesem Sturm sein. Leser lassen sich nämlich nicht gerne zum Narren machen und Buchhändler nicht für gänzlich dumm verkaufen! Mit seiner Entscheidung, die falschen Angaben im Schwedenkrimi zu überkleben und mit einer zweiten, bereinigten Auflage an den Start zu gehen, dürfte der S. Fischer Verlag jedenfalls den Flurschaden nicht wettmachen können, den er gemeinsam mit sensationsgierigen Medien angerichtet hat.

Zu Teil 1 geht es hier: Ein Sturm im Wasserglas. Zum Sommertheater Steinfeld und Co

Steglitz fragt bei Nicole Sowade nach

„Der Windows-Apple-Kindergarten aus der Musikindustrie wird mit epub und mobi zur Amazon-Apple-Spielwiese des Buchmarktes.“

Nicole Sowade fiel mir auf der re:publika12 auf. Zum Panel „Was Autoren vom Self-Publishing erwarten können (und was nicht)“ erschien sie mit Krönchen und Schärpe. Geschrieben stand darauf „Miss Januar“. Das ist der Titel ihres in der Kindle Edition im Februar 2012 selbstverlegten E-Books, mit dem die Berlinerin inzwischen bei epubli ist. In der Kategorie Belletristik ist sie damit zudem bei derneuedeutschebuchpreis.de vertreten – dem Schreibwettbewerb für die neue Self-Publisher-Autoren-Generation, der auf der Frankfurter Buchmesse 2012 zum zweiten Mal vergeben wird.

Nicole macht sich keine Illusionen. Die Entwicklungen auf dem Buchmarkt verfolgt die studierte Germanistin, die ein Praktikum in einem Publikumsverlag absolviert hat, kritisch. Und auch den Vor- und Nachteilen des Self Publishing sieht sie heute klaren Blickes ins Auge. Nicole sagt, als Selbstverlegerin müsse man kreativ sein. – Das wollte ich unter anderem von ihr genauer wissen.

Hast du dein Manuskript auch traditionellen Verlagen angeboten?

Zunächst einmal: Danke für die Einladung, Gesine. –  Ja, habe ich. Als ich vor einem guten Jahr den Schlusspunkt unter meinen Roman gesetzt hatte, konnte ich mir nichts Schöneres vorstellen, als meinen Titel gedruckt zu sehen. Also habe ich es natürlich probiert und die großen deutschen Verlage, die Unterhaltungsliteratur im Programm haben, zwischen Hoffen und Besseres-Wissen angeschrieben. Was dann folgte, waren früher oder später eintrudelnde Absagen, die mit einem „Weiterhin viel Erfolg!“ endeten. – Immerhin weckte meine ziemlich chaotische Suche nach Mr. Right auf den Straßen Berlins das Interesse des Rowohlt-Verlags. Sie baten um Einsendung des Manuskripts. Obwohl man anfänglich begeistert nachfragt hatte, erfolgte auch hier eine Absage, erneut mit Standard-Sätzen. – Mein Liebling ist allerdings nach wie vor Bastei Lübbe. Wohl hat sich der Verlag bis heute nicht bei mir zurückgemeldet und das, obwohl die findige Mitarbeiterin mir auf der Leipziger Buchmesse nahezu genervt versicherte: „Wir melden uns immer!“ Haha, naja …

Die typischen Leiden einer Jung-Autorin …

Ja. Anders hatte ich das auch nicht erwartet. Denn während meines Studiums habe ich als Praktikantin Mäuschen in einem Berliner Lektorat gespielt. Dort waren die Stapel des „unaufgefordert Eingesandten“ keine Chefsache, sondern meine Aufgabe. Ob sich das heute geändert hat? Wer weiß … Vielleicht sind es mittlerweile Werkstudenten oder Volontäre? Letztlich kann ich mir jedoch nicht vorstellen, dass Lektoren neben ihrer eigentlichen Arbeit an neuen Titeln, tatsächlich noch den Literaturscout spielen. Dieses Feld wird doch mehr und mehr Agenturen überlassen, die im Idealfall auch Einblick in die Programmplanung der Verlage haben. Für alle, die nicht wissen, was in einem Jahr „in“ ist, bleibt das ein Glückspiel. Und die machen bekanntlich nur dann Spaß, wenn man gewinnt.

Welche Vorteile hat das Self-Publishing deiner Meinung nach?

Da muss ich nur mein Cover anschauen. Am glücklichsten bin ich, dass mein Roman immer noch „Miss Januar“ heißt und ich mir jedes Mal aufs Neue denke: Wow, was für ein toller, sympathischer Titel! Bei der Covergestaltung sage ich mir immer: Puh, zum Glück läuft da nicht gerade ein Hamster, ein Frosch oder irgendein anderes Tier übers Bild! Die haben nämlich aus unerfindlichen Gründen noch immer Hochkonjunktur.

Und zudem deine Spendenaktion zugunsten „Save the Children Deutschland“ …

Ja, genau. Das freut mich umso mehr, dass mit jedem verkauften „Miss Januar”-E-Book 50 Cent an die gemeinnützige Organisation gehen. Ich bezweifele, dass ich als unbekannte Autorin eine solche Spendenaktion bei einem klassischen Verlag hätte durchsetzen können. Mir ist zumindest kein Titel bekannt, bei dem das gemacht wird – jedenfalls nicht in der Unterhaltungssparte.

Neben den formalen Aspekten … Welche Vorteile machst du beim Self Publishing darüber hinaus aus?

Großartig ist, dass ich die Story völlig unabhängig von Programmplanungen der etablierten Verlage herausbringen konnte. Meine Heldin stolpert durch Berlin wie in den 90er Jahren Bridget Jones durch London. Nebenbei sucht sie Mr. Right und eine Lösung, die Welt zu retten. Und egal, ob der Stoff nun laut den Gesetzen des Buchmarkts angesagt ist, oder nicht: Diese charmante Figur bekam blitzartig die Chance, das Herz der Leser zu erobern.

Ein bisschen ist die Situation auf dem Buchmarkt derzeit vergleichbar mit der Fashionindustrie. Plötzlich hängt nur noch Orange in den Geschäften, weil irgendeine Trendmesse festgelegt hat, dass man das nun tragen soll. Aber wenn dir Orange nicht steht oder nicht gefällt, dann hättest du doch gerne etwas anderes, nicht? Ich bin das andere! Gemeinsam mit vielen anderen Selbstverlegern sorge ich für etwas Abwechslung.

Wo machst du beim Self-Publishing besondere Risiken aus?

Hmm, lass mich kurz nachdenken … Ich glaube das größte Risiko besteht darin, auf ein Unternehmen zu vertrauen, das einem beim Vertrieb oder etwa bei der Vermarktung helfen will und mit utopischen Erfolgszahlen lockt. Für die Leistungen werden Gebühren fällig. Und die werden plötzlich immer höher. Der Bereich Self-Publishing ist genauso kommerziell wie jeder andere auch. Doch woher soll der Hobby-Autor wissen, welches Angebot seriös ist und welches nicht? Welcher Laie kennt schon die Buchbranche und ihre Gepflogenheiten? Und wie kann man einen Nepper-Schlepper-Bauernfänger erkennen, bevor man bettelarm ist?

Nicole Sowade – Foto (c) frischefotos / Heiko Marquardt

Dazu kommt, dass mir beim Self-Publishing niemand professionelles Feedback zur Qualität meines Textes gibt. Mir bleibt nur die Reaktion der Leser, die im meinem Fall dankbarerweise bis jetzt durchweg positiv ist. Aber vielleicht wurde ein Manuskript auch mit Fug und Recht von Verlagen abgelehnt? Dann kann ich den Text natürlich selbst veröffentlichen, das macht ihn aber leider auch nicht besser.

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Was ist in deinen Augen von besonderem Nachteil?

Na ja. Der größte Nachteil beim Self-Publishing ist schlichtweg der Vertrieb. Klar kann ein Titel mit ISBN überall bestellt werden, aber das heißt ja noch lange nicht, dass er Platz in jeder Buchhandlung findet. Oder – wenn er wie in meinem Fall zunächst nur als E-Book vorliegt – in den absolut relevanten Online-Store vertreten sein. Für die Sichtbarkeit und steigende Bekanntheit muss der Autor selbst sorgen.

Was rätst du jenen, die Schritte in Richtung Self Publishing / Independent Publishing planen? Worauf sollten sich Autoren, die ihre Publikationen in die eigene Hand nehmen, besonders einstellen?

Dass ihr bis auf weiteres keine Autoren mehr seid. Vergesst es! Nennt euch ab sofort Selbstvermarkter! Ich sage das bewusst so direkt, weil mir das vorher in dem Maße nicht so klar war. Ziemlich naiv dachte ich, das läuft schon irgendwie. Ich hatte sogar bereits mit der Fortsetzung begonnen. Dann kam Teil 1 raus. Und plötzlich war keine Zeit mehr zum Schreiben. Auf einmal ging es um Leser, Fans, Marketing-Material, Messen und immer wieder die Frage: Was kann ich, verdammt noch mal, noch unternehmen, um mit einem kleinen Budget einen zumindest bemerkbaren Effekt zu erzielen?

Wer also einen Text selbst veröffentlichen möchte, der sollte sich Zeit nehmen, das Danach zu planen. Sollte beobachten, was andere Autoren erfolgreich macht. Und ruhig auch nochmal das eine oder andere DIY-Fachbuch zum Thema Buchmarketing lesen. Traut euch unbedingt auch, andere Personen aus der Branche auf Xing oder Facebook und natürlich auch im echten Leben anzusprechen! Gerade uns Frauen fällt das ja nicht immer so leicht. Doch falsche Bescheidenheit ist fehl am Platze. Und last but not least: Übt unbedingt über euren Text zu sprechen. So banal das klingen mag, wenn der Moment kommt, dein „Baby“ vorzustellen, solltest du es flüssig und prägnant in den höchsten Tönen loben können …

Warum hast du dich für die Veröffentlichung von „Miss Januar“ für ein E-Book entschieden?

Entscheidung würde ich es gar nicht nennen. Es gab im letzten Jahr einen Moment, an dem eine Veröffentlichung als E-Book plötzlich Sinn machte. Während allmählich die Absagen ins Haus trudelten und der Frust wuchs, meinten Freunde, dass ich den Roman doch selbst drucken lassen könnte. Doch davon war ich nicht überzeugt. Ich hätte stapelweise Papier im Flur, und dann? Zur gleichen Zeit stieß ich online auf eine Studie des Öko-Instituts, wonach E-Books nachhaltiger als Print-Bücher seien – zumindest wenn man als Vielleser mehr als 11 Titel im Jahr schafft.

Was hat das mit deinem Roman zu schaffen …

Ganz, ganz viel! Ich kenne nämlich nur eine ganz spezielle Sorte von Verrückten, die so viel lesen: Fans von Liebesgeschichten und Happyends. Also: meine Zielgruppe! Und genau die kann ich mit E-Books erreichen und dabei sogar Gutes tun. Zugleich fiel mir auch mein Vorhaben wieder ein, zu meinem Roman etwas dazu zupacken. Urplötzlich war mir klar, dass ich ganz im Sinne meiner Romanheldin eine Spendenaktion möglich machen könnte. Na ja. Zu guter Letzt, bin ich wohl irgendwann über den „Buch veröffentlichen“-Button bei Amazon gestolpert. Ich wusste um das Honorar von Taschenbuch-Autoren. Mir ging auf, dass ich über Amazon wesentlich höhere Tantiemen erhalten würde. Der Rest ist Geschichte.

Worauf sollte man besonders achten, wenn man sich fürs E-Book entscheidet?

Ich denke, das ist ähnlich wie bei anderen Eigenveröffentlichungen. Lass es unbedingt von so vielen Leuten wie möglich lesen. Dann musst du dir das Cover überlegen, die Bildrechte klären, dich eventuell um eine ISBN kümmern und einen guten Preis festlegen. Wie soll der Satz aussehen? Wie das Layout? Wie das Inhaltsverzeichnis? Packst du noch weitere Infos rein? Verlinkst du Texte ins Web, was mit dem klassischen Buch nicht möglich ist. Und kannst du womöglich sogar am Ende des Buches bereits auf einen Nachfolger aufmerksam machen?

Und natürlich ist es nie verkehrt, bei den Profis zu lauschen. Janet Evanovich hatte damals gerade Teil 17 herausgebracht. Mir war es eine Freude, unter dem Deckmantel knallharter E-Book-Recherche ihre neue Story zu lesen und nebenbei zu schauen, was ein digitales Buch – noch dazu made in America – mindestens können muss. Auch wenn es in der Buchbranche sonst zu Recht nicht gerne gesehen ist, hier gilt: Abkucken erlaubt!

Was hältst du von den Diskussionen rund um das Pricing beim E-Book?

Als Leser finde ich die Preispolitik der großen Verlage unverschämt überteuert. Wobei es hier natürlich auch Ausnahmen gibt. Ich kann nur hoffen, dass die Mehreinnahmen den Autoren zugutekommen. Wenn bei einem gedruckten Buch in der Regel ein Drittel der Einnahmen für die Produktion berechnet wird, so erwarte ich beim E-Book mindestens einen vergleichbaren Nachlass beim Verkaufspreis. Schließlich ist die digitale, technische Herstellung um ein Vielfaches günstiger ist.

Wie verfährst du mit der Preisgestaltung?

Als Autor gehe ich natürlich anders an die Frage heran. Dabei ist entscheidend, wo ich selbst stehe und was ich strategisch möchte. Die Verramschungspanik kann ich nicht teilen. Als Part-Time-Autor finde ich Gratis-Aktionen, die in der Regel ja auch zeitlich beschränkt sind, toll. Sie sind das, was im klassischen Verlag das Gewinnspiel ist, und kosten de facto sogar weniger, nämlich nichts. Der Effekt ist jedoch der Gleiche: Man gewinnt neue Leser.

Mit welchem Preis Self-Publishing-Autoren aufmachen, muss jeder für sich selbst entscheiden. Mein Rat: Kalkulieren und sich dann für die beste Alternative entscheiden. Mein E-Book „Miss Januar“ ist für 3,49€ zu haben. Damit verdiene ich zwischen 60% und 80% vom Nettoverkaufspreis. Und damit schon einmal viel mehr pro Exemplar, als wenn ich ein Taschenbuch verkaufen würde. Von meinen Einnahmen gehen 50 Cent für die Spendenaktion für Save the Children Deutschland ab. Verbleiben also grob zwischen 1,20€ und 1,80€ für mich, die ich wiederum in Aktionen oder Ähnliches investieren kann. Für mich perfekt.

Aber nochmal: Der Preis ist abhängig von der persönlichen Situation und den eigenen Zielen. Mir geht es mit meinem Erstling „Miss Januar“ darum, Leser zu finden und zu unterhalten. Wenn ich damit den einen oder anderen Euro verdiene ist das ein Plus, kein Muss. Und noch toller wäre ehrlich gesagt, wenn ich nach einem Jahr einen richtig fetten Check an Save the Children überreichen könnte. Dafür muss ich aber vor allem eines: bekannter werden …

Du hast „Miss Januar“ zunächst in der Kindle-Edition veröffentlicht. Inzwischen bist du damit bei epubli, dem Online-Unternehmen der Verlagsgruppe Holtzbrinck. – Wieso das?

Du wirkst überrascht? Dabei sprachen für epubli sogar relativ viele Gründe und nicht einmal an erster Stelle, dass sie zu Holtzbrinck gehören und damit auf relativ sicheren Beinen stehen. Sie nehmen mir vor allem das Handling mit den drei großen E-Book-Stores Amazon, iTunes und Google Play ab. Außerdem haben sie mich im Gegensatz zu anderen Anbietern bereits auf der Leipziger Buchmesse durch Seriosität und Professionalität überzeugt. Hinzu kommen eine gute Reputation und ein sympathisch-unaufdringliches Auftreten. Jeder kennt das doch: Man betritt einen Laden und in den Augen der Verkäufer blitzen Provisionsgedanken auf. Dann stürzen sie sich auf dich und beginnen dir alles Mögliche aufzuschwatzen. Um bei meinem Fashion-Beispiel zu bleiben: Sie argumentieren, dass dir Orange doch steht. Erst zu Hause siehst du dem Fehlkauf offen ins Auge und bist enttäuscht. Das war bei epubli nicht so.

Spielte der Standort-Vorteil bei deiner Entscheidung auch eine Rolle?

Ja. Für epubli sprach auch, dass sie wie ich in Berlin sitzen. Noch besser, sogar in einer Ecke, in der es nur so vor jungen Leuten mit tollen Ideen wimmelt. Dort herrscht genau der Spirit, den ich klassischen Verlagen heute nicht mehr zutraue. Epubli hat beispielsweise derneuebuchpreis.de ins Leben gerufen, an dem epubli-Autoren wie ich teilnehmen können, um dadurch bekannter zu werden. Sie sind außerdem auch Print-on-Demand-Anbieter, was vielleicht für mich noch spannend werden kann. Na ja. Und falls ein anderes Angebot attraktiver werden sollte, dann ist das auch kein Weltuntergang. Mit einer Kündigungsfrist von fünf Tagen werde ich epubli im Zweifel schneller los als meinen furchtbaren Handyvertrag.

Welche Vorteile machst du in der Zusammenarbeit mit einem BOD-Verlag aus?

So unromantisch das jetzt auch klingen mag: Während ich mit meinen Ideen rumtüdele, wollen BODs im Grunde nur eines: Verkaufen! Und das ist überhaupt nicht verkehrt, sondern im Gegenteil von nicht zu unterschätzendem Wert. Zum einen bin ich ihre Ware – wobei sich das Invest bei epubli jedoch in Grenzen hält. Zum anderen ist es aber mein Titel. Und der soll allen Umsatz bringen. Da sag ich doch nicht „nein“ dazu. Außerdem kommt mir deren Fachkompetenz ebenfalls zugute. Was für mich momentan noch Freizeit ist, ist deren Hauptberuf: Trends des eBook-Marktes verfolgen, bewerten und selbst setzen, nach Amerika schauen, die Vorreiter sind, und und und. Man muss, ja man kann als Self-Publisher nicht Profi in allem sein!

Siehst du in der Zusammenarbeit mit BOD-Verlagen auch Nachteile?

Dafür währt die Zusammenarbeit mit epubli noch zu kurz. Logischerweise fehlt ihnen die Vertriebsstruktur der großen, klassischen Verlage. Oder hast du schon einmal auf den Buchtischen der großen Ketten wie Thalia &Co neben Goldmann, Rowohlt und wie sie nicht alle heißen das epubli-Label gesehen? Aber, das kann man ihnen wohl kaum anlasten. Das wäre ja so, als wolle ich mich beschweren, dass es im Supermarkt kein Benzin zu kaufen gibt. Es steckt einfach ein anderes Geschäftsmodell dahinter.

Darüber hinaus muss ich mich bei einem BOD-Verlag um mein Marketing selbst kümmern. Allerdings war mir das bereits vor meiner Entscheidung bewusst, zu epubli zu wechseln. Wenn ich nicht Top-1A-Superseller-Autor der großen Verlage bin, wäre das dort kaum anders. Frag mich doch bezüglich der Nachteile in einem Jahr nochmal, vielleicht weiß ich dann mehr …

Das mache ich glatt, Nicole – epubli & co … Alle Zeichen deuten ja darauf hin, dass die Digitalisierung und der Umstand, dass Autoren nicht mehr auf traditionelle Verlage angewiesen sind, erhebliche Folgen für den Buchmarkt und -handel haben. Wie schätzt du diese Entwicklung ein?

In puncto Digitalisierung und damit einhergehender Panik lassen sich immer schöne Parallelen zum Musik-Business ziehen. Genau wie dort, wird das Angebot wachsen. Es gibt den Mainstream, der im Radio läuft, und daneben zahlreiche Künstler, die sich ebenfalls erfolgreich positioniert haben. Genau diese Vielfalt entwickelt sich mehr und mehr auch auf dem Buchmarkt. Und das ist doch auch gut so, oder? Die Verlage sind keine Gatekeeper mehr– mit welchem Recht auch? Dass solche Entwicklungen den Buchhandel, so wie er momentan existiert, und allen voran den stationären Buchhandel bedrohen, das sehe ich auch. Wie sie sich behaupten können? Naja. Vielleicht indem sie statt neuestem Grillbesteck, Blumensamen und saisongerecht passenden Schürzen endlich verstärkt das digitale Leben in ihre Heiligen Hallen lassen und damit auch wieder für ein jüngeres Publikum interessant werden.

Und die Autoren …

Jeder Autor kann sich sein Publikum selbst suchen. Formen der Urheberschaft, etwa wenn eine Community einen Social Roman schreibt, und Bezahlmodelle werden sich genauso wie die Textgattungen verändern. Denke doch zum Beispiel an den Kurzroman, der gerade immer beliebter wird und zugleich ein Symptom unserer schnelllebigen Zeit ist. Inhalte werden in Rekordgeschwindigkeit konsumiert, bis der nächste Text die Aufmerksamkeit erregt. Mir war dieser Trend, bevor ich mich mit E-Books beschäftigt habe, nicht klar. Mittlerweile finde ich ihn jedoch sehr spannend.

Was stößt dir bei den aktuellen (brancheninternen) Diskussionen rund um die Zukunft des Buches besonders negativ auf?

Die Branche klammert sich an ein Trägermedium, weniger an den Inhalt. Und sollte es nicht genau darum gehen? Das ist doch ihr eigentliches Business! Die Inhalte erhalten gerade eine neue Verpackung, mehr nicht. Was dahinter steht, behält doch die gleichen Werte. Es bleibt genauso liebenswert oder schockierend oder informativ wie zuvor. Es ist ja auch nicht so, dass nur noch E-Books publiziert werden. Im Gegenteil! Jeder Titel steht in verschiedenen Formaten zur Verfügung und jeder Leser muss für sich entscheiden, welches Format er wählt. Vielleicht gewinnt die Haptik eines echten Buches, vielleicht die Platzersparnis eines E-Books. Vielleicht brauchen einige Leser auch ihr Bücherregal, auf das sie voller Stolz schauen können, so wie andere sich ihren Porsche leisten …

„Meine Güte, so what?!“, möchte man am liebsten ausrufen. Hauptsache: Der Inhalt ist gut und Hauptsache, es wird gelesen. Und das wird es! Schon zu Beginn meines Studiums, und das ist mittlerweile zehn Jahre her, geisterte die Angst vor dem Tod des Buches durch die Hörsäle. Völlig übertrieben und mal ehrlich: Totgesagte leben länger.

Meinst du, dass dem E-Book die Zukunft gehört?

Was heißt dem E-Book? Dem digitalem Lesen … Warum nicht? Beides existiert ja längst nicht erst seit gestern, auch wenn alle so tun. In den Diskussionen wird oft vergessen, dass wir bereits seit Jahrzehnten tagtäglich am PC und auf Handys digital lesen. Und so abstoßend, wie es bisweilen dargestellt wird, empfinden wir das bei weitem doch gar nicht, sondern in der Regel als ziemlich praktisch. Die entsprechenden Geräte haben wir heute schon und freiwillig gestalten wir unser Leben immer mobiler und digitaler. Wenn wir sogar schon Freundschaften online pflegen, warum dann nicht auch unsere Bücher? Die Technik mag noch nicht hundertprozentig ausgereift sein, aber es kann sich ja nur noch um Augenblicke handeln, bis hier Abhilfe geschaffen wird.

Wo siehst du Probleme?

Für mich ist nach wie vor die Frage des Zitierens ungeklärt. Zum wissenschaftlichen Arbeiten taugt das E-Book momentan nicht. Und noch furchtbarer ist das Hickhack mit den Dateiformaten. Der Windows-Apple-Kindergarten aus der Musikindustrie wird mit epub und mobi zur Amazon-Apple-Spielwiese des Buchmarktes. Und ich baue darauf, dass es ein gemeinsames Format geben wird, wie die wunderbare mp3 im Audiobereich, das auf allen Readern funktioniert.

Wird Gedrucktes deines Erachtens jemals verschwinden?

Eher nicht. Mit dem Siegeszug des PCs dachten auch alle, das papierlose Büro naht. Und dennoch drucken und archivieren wir wie die Weltmeister. Das recht einfach herzustellende Medium Papier wird ergänzt. Abgelöst jedoch durch ein technisch hoch komplexes Gerät? Noch lange nicht!

Der zweite Teil meines Gespräches mit Nicole Sowade dreht sich darum, was sie für ihr Buchmarketing tut, welche Maßnahmen erfolgreich waren, welche floppten und wo sie im Social Web Chancen und Risiken ausmacht.

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Vorschläge, wer in der losen Interview-Reihe “Steglitz fragt … bei Autoren nach” auch zu Wort kommen könnte, nehme ich gerne entgegen. Mich interessiert: Wie gehen Autoren mit den Entwicklungen infolge der Digitalisierung um? Welche neuen Wege nutzen sie, wo sehen sie Chancen und Risiken?

Steglitz fragt bei Petra van Cronenburg nach …

„Verlage brauchen Autoren, aber Autoren brauchen nicht mehr zwingend Verlage.“

Mit Petra van Cronenburg (von mir im Social Web respektvoll bisweilen Madame genannt) verbindet mich auch Persönliches. Wir legten beide bei Twitter im Sommer 2009 los. Da uns ähnliche Interessen verbinden und das deutschsprachige Twitter seinerzeit noch relativ überschaubar war, liefen wir uns in der Timeline alsbald über den Weg. Es kam zu einem persönlichen Treffen, bei dem wir uns die Köpfe auch über Social Media heiß redeten. Der Ratschlag, sich bei Facebook ein Profil zu schaffen, stieß bei Petra damals noch auf Widerstand. – Seit Mai 2011 ist sie auch hier aktiv.

Die Autorin und Übersetzerin Petra van Cronenburg lebt in Frankreich. Sie hat vielfältige Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Publikumsverlagen. 2011 brachte sie das Künstlerporträt „Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos“ in Eigenregie heraus.

Wie kam es zu deiner ersten Publikation?

Ich stieß als Journalistin auf eine Legende über einen touristischen Ort, die völlig unlogisch war und einen saftigen Kirchenskandal beinhaltete. Das reizte mich als studierte Theologin und ich recherchierte, bis Freunde meinten, die Haufen auf meinem Schreibtisch ergäben wohl eher ein Buch als einen Artikel. Als mein Wunschverlag bei der dritten Bewerbung dann meinte, die Seiten reichten eher für drei Bücher, dampfte ich das knapp 700seitige Manuskript auf die 198 Druckseiten von „Geheimnis Odilienberg“ ein, das 1998 als Sachbuch erschien.

Du hast vielfältige Erfahrungen mit Publikumsverlagen. Welche Vorteile machst du in der Zusammenarbeit mit klassischen Verlagen aus?

Zuerst einmal bezahlt ein Verlag seine Autoren und nicht umgekehrt. Im Idealfall, heute leider immer seltener, bekomme ich vorab ein Garantiehonorar. Wenn das „abgearbeitet“ ist, fließen die Tantiemen. Der Verlag finanziert außerdem auf eigenes Risiko alle Bucharbeiten wie Lektorat, Korrektorat, Grafik, Werbung, PR, Vertrieb. Außerdem verschafft er im Idealfall Lizenzen und organisiert Auftritte. Wenn man so will, kreieren zwei professionelle Partner gemeinsam ein Buch. Wobei keiner ohne die Arbeit des anderen existieren kann. So war das jedenfalls bisher …

 Welche Nachteile siehst du in der Zusammenarbeit?

Eine grundsätzlich negative Entwicklung ist die, dass immer mehr Verlage ihre Kernkompetenzen nicht mehr ausfüllen. Je mehr von der klassischen Verlagsarbeit die Autoren selbst erledigen müssen, desto überflüssiger machen sich Verlage. Verlage brauchen Autoren, aber Autoren brauchen nicht mehr zwingend Verlage.

Ich meine damit nicht die selbstverständliche gemeinsame Arbeit, weil sich etwa Autoren in kleineren Verlagen auch in der Werbung engagieren müssen, sondern echte Missstände. Ich kenne Kollegen, die ihre eigenen Lektoren mitbringen müssen, damit die Qualität stimmt, Verlage, die ein Lektorat verweigern, weil der auch in den Augen des Autors noch unmögliche Text „schon durchgehe“. Es gibt Verlage, die ihr Zielpublikum gar nicht mehr kennen …

Ich persönlich hatte extremes Pech mit der Monopolisierung in der Buchbranche, war Fusionen, Verlagsverkäufen und Personalwechseln auf entscheidenden Posten hilflos ausgeliefert. Mein Erstlingsverlag landete nach etwa vier Besitzerwechseln als Imprint bei Random House, von denen ich dann endlich nach über zehn Jahren meine Rechte zurückbekam. Eins meiner wichtigsten Bücher fand sich kurz nach Erscheinen plötzlich in der Liquidationsmasse einer Abwicklungsgesellschaft. Und kurz vor Produktion des letzten Buchs ging dessen Verlag Pleite. Diese Gefahr besteht heute mehr denn je.

Was sollte man bei der Zusammenarbeit mit Verlagen besonders beachten?

Vor allen Honorardiskussionen und Vertragsklauseln, für die man besser eine Literaturagentur bemüht, sollte die Chemie stimmen und Kommunikation auf Augenhöhe unter gleichwertigen Partnern möglich sein. Nach meinen Erfahrungen würde ich zuerst zu einem Verlag greifen, der Bücher und Autoren auch pflegt und langfristige Karrieremöglichkeiten in Aussicht stellt. Ersteres sieht man an der Größe der Backlist und der durchschnittlichen Verramschungszeit ganz gut. Es kursiert unter Autoren auch der stehende Witz, dass nur Verlage, die persönliche Weihnachtskarten verschicken, auch gut zu ihren Autoren seien.

Anfänger sollten vor der Vertragsunterzeichnung recherchieren, ob der Verlag seriös ist und was für einen Ruf er hat. Es gibt da etliche schwarze Schafe. Während manche Verlagsnamen viele Türen öffnen können. Außerdem hilfreich: Nein sagen zu können, anstatt auf Teufel komm raus veröffentlichen zu wollen.

Du veröffentlichst deine Bücher inzwischen auch in Eigenregie. Was hat dich dazu bewogen?

Ursprünglich die Pleite eines Verlags. Ich hatte das Manuskript zu „Faszination Nijinsky“ fertig und zwei Jahre hart an dem Buch über die Ballets Russes gearbeitet. Ein anderer feiner Verlag sagte mir dann mündlich einen Vertrag zu. Als ich nach Monaten nichts hörte und nachfragte (leider üblich), bekam ich die mir bis heute unverständliche Antwort, die Vertreter hätten abgelehnt, weil das Victoria & Albert Museum in London einen englischen (!) Ausstellungskatalog zu den Ballets Russes herausbringe: „Das mache den deutschen Markt für mein Buch dicht“. Da kam mir die heilsame Wut hoch – Wut macht mich kreativ.

Zur gleichen Zeit hatte ich zufällig beruflich mit einem Musikfestival zu tun. Zwei amerikanische Opernmäzene, die schon alle möglichen Größen in deren Anfangszeiten betreut haben, wuschen mir gehörig den Kopf: „Warum müsst ihr Deutschen immer ein ‚Aber’ im Kopf haben? Warum liefert ihr euch bremsenden Dritten völlig aus, anstatt an eure Kunst zu glauben und einfach Kunst zu machen?“ Musiker aus Sankt Petersburg redeten mir zudem ins Gewissen, wie wichtig dieses Buch sei.
Das nahm ich mir zu Herzen und wurde größenwahnsinnig: Ich holte einen Choreografen und einen Museumskurator mit Interviews mit ins Buch. Unter anderen las der große, nun leider verstorbene Ballettkritiker Horst Koegler noch Korrektur. – Und so produzierte ich selbst, schneller und flexibler, als es ein Verlag je gekonnt hätte.

Welche Vorteile versprichst du dir vom Self Publishing?

Es kommt auf das Projekt an. Zunächst bin ich in allem unabhängig, habe alles selbst in der Hand und scheitere folglich nur selbst. Als Einzelperson kann ich also bedeutend wagemutiger und unkonventioneller sein, kann mehr experimentieren. Ich selbst kenne mein Zielpublikum am besten und kann dank moderner Technik direkt mit ihm kommunizieren. PR mache ich ganz gezielt, nicht mit der Gießkanne – und ich bin schneller als eine Großstruktur mit Hunderten von Titeln. Mitarbeiter muss ich zwar selbst bezahlen, kann sie mir aber auch umso kritischer aussuchen. Beste Voraussetzungen für das, was bei der heutigen Marktkonzentration zunehmend untergeht.

Self Publishing eignet sich meines Erachtens besonders für typische Nischentitel, für künstlerische Inhalte, für Spartenbücher mit einem fest umrissenen Zielpublikum. Es ist für aktuelle Texte, so z.B. im journalistischen Bereich praktisch, weil die Bewerbungs- und Wartezeiten wegfallen. Mit E-Books lassen sich auch literarische Formen, die wie Kurzgeschichten rar geworden sind, wieder bedienen. Und weil viele Verlage zu zögerlich sind, erreicht man im Eigenbau mehr. Unter anderem natürlich viel höhere Tantiemen.

Wo machst du in diesem Kontext besondere Risiken aus?

Da man im Prinzip wie ein Verlag funktioniert, kann man mit einem Titel natürlich genauso scheitern oder Geld in den Sand setzen. Und Self Publishing bringt nur dann wirklich etwas ein, wenn man absolut professionell arbeitet. Solche Bücher brauchen genauso gute Cover, ein gutes Lektorat und im Print ein ordentliches Layout wie Verlagsbücher. Ich habe zum Glück beruflich Layouten, PR etc. gelernt, kann E-Books konvertieren und arbeite, was wohl tut, einmal nur für mich selbst. Aber nicht jeder kann und will eine eierlegende Wollmilchsau sein. Dann wird die Produktion entweder aufwändig oder teuer.

Ein Problem vornehmlich in Deutschland – in anderen Ländern kaum existent – ist das brancheninterne Schmuddelimage, gegen das man sich wehren muss. Leser haben diese Vorbehalte weniger. Doch es verschließt Self Publishern vor allem den stationären Buchhandel und zwingt sie zu Firmen wie Amazon, Apple, Google etc., die sie mit offenen Armen aufnehmen. Nicht im Buchhandel präsent zu sein, bedeutet zumindest im Print Verluste. Allerdings sind viele feine Verlage dort auch längst nicht mehr präsent.

Mit dem Boom im Selbstverlegen von E-Books kommt ein neues Problem auf uns zu. Da die technischen und finanziellen Hürden beim Produzieren von E-Books niedrig sind, werden wir uns zukünftig auch damit beschäftigen müssen, wie man ein professionell gestaltetes Buch gegen völlig unkorrigierte Spaß-an-der-Freud-Bücher überhaupt sichtbar macht.

Was rätst du jenen, die Schritte in Richtung Self Publishing / Independent Publishing planen? Worauf sollten sich Autoren, die ihre Publikationen in die eigene Hand nehmen, besonders einstellen?

Dass sie zusätzlich zur Arbeit des Schreibens die Arbeit und die Risiken eines Verlegers übernehmen. Schon von daher verstehe ich die Verlegerschelte nicht, die in manchen Self-Publishing-Kreisen üblich ist. Wenn sie dann wirklich alles selbst machen wollen, ist das eine ungeheure Belastung. Viele unterschätzen, wie viel Arbeit allein in den Produktionsprozessen liegt. Und die meisten lügen sich einen „Erfolg“ schön, weil sie nicht ehrlich budgetieren. Man sollte auch möglichst früh lernen, dass es wahre Unabhängigkeit nicht gibt. Self Publisher, die professionelle Ware liefern wollen, sind auf Netzwerke, freie Mitarbeiter, womöglich auf Tauschhandel – und vor allem auf ihre Leser angewiesen. Das Faszinierendste ist gleichzeitig das Schwierigste: Unsere Leser und die Kommunikation mit ihnen stehen an erster Stelle. Du weißt aus der PR, wie lange es dauert, sich Fankreise aufzubauen, wie zeitintensiv das ist. Das unterschätzen viele.

Du veröffentlichst deine Bücher auch als E-Books. Was versprichst du dir davon?

Reichtum und Ruhm. Spaß beiseite … Ein Kunde kauft seinen Weichspüler lieber in der haptischen Plastikflasche mit dem Kuschelbabybild, der andere möchte den Nachfüllpack im Ökodesign. Eine Firma wäre doch arrogant, eine von beiden Möglichkeiten grundsätzlich nicht anzubieten. Warum soll ich mir Teile meiner Leserschaft verprellen, zumal ich selbst ohne meinen Reader gar nicht mehr sein möchte?

Russlandfan Petra van Cronenburg_1 (c) privat

Wenn ich meine E-Rechte behalte, bekomme ich in einem bestimmten Preissegment  derzeit 70% Tantiemen vom Nettoladenpreis. Ich verdiene am E-Book also weit mehr als am gedruckten Buch. So ist die eigene Backlist Gold wert, während früher vergriffene oder verramschte Bücher dem Autor nur schadeten. Ich werde nächstes Jahr auch das E-Book zu einem Titel fertigen, das als Print bei Suhrkamp-Insel erscheint.

Wie hältst du es mit dem Kopierschutz?

Meine E-Books haben aus Prinzip kein DRM. Erstens zwingt uns DRM in geschlossene Systeme. Ohne DRM kann ich Kindle-Books auf Epub-Reader konvertieren oder Epubs auf den Kindle. Kann also einkaufen, wo ich will, sogar mit Kindle beim stationären Buchhändler, falls der denn E-Books verkauft. Das zum Gerücht, die „bösen“ Onlinehändler würden Kunden nicht rauslassen. Es sind die Verlage, die hier entscheiden. Und zweitens knackt jeder Technikdepp DRM mit einem Klick. Google verrät, wie es geht. Außerdem bin ich der Meinung: Je verfügbarer, je leichter ein Buch zu kaufen, zu migrieren und zu nutzen ist, desto kleiner ist die Gefahr, dass es piratisiert wird.

Was hältst du von den Diskussionen rund um das Pricing beim E-Book?

Schwierige Sache, weil sich da noch so viel entwickelt und verlässliche Studien fehlen. Verlage, die meinen, ein E-Book müsse fast so teuer sein wie eine Printausgabe oder gar noch teurer (auch das gibt es), unterschätzen die Sicht ihrer Kunden. Ein Grund, warum der E-Book-Markt hier nicht anlaufen will. Es gibt Schmerzgrenzen bei einer virtuellen Ware, die ich womöglich nicht verleihen, verschenken oder wirklich besitzen kann. Nachdem ich moniert hatte, ein bestimmtes E-Book koste so viel wie das gedruckte Buch, gab es kürzlich eine kleine Diskussion bei Facebook. Der Verlag kündigte daraufhin an, seine E-Book-Preise auf 30% unter Printpreis zu senken. Die waren sich dessen gar nicht bewusst, wie Kunden E-Books einschätzen!

Allerdings halte ich auch nichts von Selbstverramschung, wie sie manche Self Publisher betreiben. Die 99 Cent für ein umfänglicheres Buch mausern sich allmählich zum Synonym für Ramsch. Für eine Kurzgeschichte oder kleine Formen können sie allerdings durchaus ihre Berechtigung haben.

Meinst du, dass dem E-Book die Zukunft gehört?

Ich persönlich glaube an die Rückkehr einer Kombination aus limitierter Luxusausgabe in Print plus billiger Volksausgabe (als E-Book), wie wir es Anfang des 20. Jahrhundert bereits hatten. Auch ähnliche Subskriptionssysteme sind denkbar. Darüber hinaus werden mit fortschreitender Technik neue Formen von Büchern und Inhalten entstehen, was wir jetzt schon bei den Apps beobachten können. Ich denke auch, dass so mancher Stapeltitel, der schnell gepuscht und nach einem Jahr in der Altpapierpresse verramscht wird, nicht unbedingt Bäume kosten sollte.

Selbst kaufe ich bereits so ein: Schmökerware am liebsten als E-Book und wegen der deutschen Preise immer häufiger im Original. Das gesparte Geld stecke ich in anspruchsvoll und liebevoll gemachte Printbücher. Seit ich einen Reader habe, verdienen an mir also vorwiegend Indie-Verlage sowie literarische Verlage und Leute mit künstlerisch und typografisch feinen Büchern. Verlierer sind die Taschenbücher mit schlampigem Lektorat und billigem Leim. Seit ich einen Reader habe, gebe ich insgesamt mehr Geld für Bücher aus, weil der Einkauf um Mitternacht, wenn die Bettlektüre ausgeht, so verführerisch einfach ist.

Es heißt ja, dass die Digitalisierung und der Umstand, dass Autoren nicht mehr auf traditionelle Verlage angewiesen sind, erhebliche Folgen für den Buchmarkt und -handel haben (werden). Wie schätzt du die Entwicklung ein?

Wir erleben einen der größten Umbrüche in der Buchwelt, vielleicht seit dem 19. Jahrhundert, allerdings mit vielen erstaunlichen Parallelen zur damaligen Entwicklung in der Massen- und Trivialkultur. Gewinner werden die Flexiblen und Offenen sein und diejenigen, die die nötigen Finanzen haben, den Umbruch zu überleben. Diesmal strafen die Leser ab, wenn sich jemand nicht bewegt. Ich glaube, am meisten wird der Buchhandel leiden. Konzernverlage müssen umdenken, haben aber genug Geld und investieren ja jetzt schon ins Self Publishing. Für Autoren stehen die Zeichen so gut wie nie zuvor. Auch für kleine Verlage. Denn die könnten ebenso von neuen Techniken oder Crowdfunding profitieren.

Was stößt dir bei den aktuellen (brancheninternen) Diskussionen rund um die Zukunft des Buches besonders negativ auf?

Das ewige Gejammere und „ja, aber“. Ist das branchentypisch? Die Kassandrarufe, die den Untergang des Abendlandes heraufbeschwören, weil Leser plötzlich eine eigene Meinung entwickeln und Bücher sowie literarische Formen aus den engen Klassifikationen ausbrechen. Die panische Angst vor Veränderungen wie in den Urheberechtsdebatten. Das Gerede von den ach so bösen amerikanischen Giganten, die einfach nur deshalb so viel Erfolg haben, weil sie begriffen haben, wie man kundenorientiert arbeitet und die Zeichen der Zeit nutzt.

Es ist höchste Zeit für positive Ansätze, Querdenkerei und sprühende Kreativität. Aber dazu muss man begreifen, dass Leben Wandel ist. Im Moment erleben wir in der Branche eher das, was man bei Bäumen Angstblüte nennt …

Glaubst du, dass Independent Publikationen à la longue den klassischen Verlagen den Rang ablaufen können?

Ist das eine Frage, die wir uns überhaupt stellen müssen? Ich glaube an Vielfalt. Ein System, das Vielfalt nicht mehr zulässt und sich nur noch auf das verlässt, was immer schon funktioniert hat, erstickt unweigerlich an sich selbst. Es kann also eines Tages allen an den Kragen gehen: den Indies, die veröffentlichungsgeil jeden Mist auf den Markt schütten, genauso wie Verlagen, die nur Ware um des Profits willen hin kippen, oder den Monopolisten, die sich schnell zu sehr aufgebläht haben. Insofern schätze ich auch hier die Autoren als die größeren Überlebenskünstler ein. Sie hatten historisch gesehen noch nie viel zu verlieren und wissen darum, wie man nach einem Scheitern wieder aufsteht und aus dem Scheitern frech ein gutes Buch macht.

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Der zweite Teil meines Gespräches mit Petra van Cronenburg dreht sich darum, was sie für ihr Buchmarketing tut, welche Maßnahmen erfolgreich waren, welche floppten und wo sie im Social Web Chancen und Risiken ausmacht.

Vorschläge, wer in der losen Interview-Reihe “Steglitz fragt … bei Autoren nach” auch zu Wort kommen könnte, nehme ich gerne entgegen. Mich interessiert: Wie gehen Autoren mit den Entwicklungen infolge der Digitalisierung um? Welche neuen Wege nutzen sie, wo sehen sie Chancen und Risiken?