„Die Zeit des Einzelhandels ist vorbei.“ – SteglitzMind stellt Lutz Heimhalt von der Buchhandlung Lutz Heimhalt vor

Sind Buchhändler tatsächlich die Verlierer der Digitalisierung? Wie gehen sie mit den Schreckensszenarien um? Wo sehen sie Risiken, wo Chancen und welche Weichen stellen sie, um zukunftsfähig zu bleiben? Wie halten sie es mit dem E-Book und wären Titel von Self Publishern für sie eine Option? Diese u.a. Aspekte will die Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” beleuchten, in der Interviewpartner in loser Folge standardisierte Fragen beantworten.

Welche Buchmenschen und Buchhandlungen wir zukünftig etwas näher kennenlernen, schlagen zum einen jene vor, die mir Rede und Antwort stehen. Darüber hinaus freue ich mich auf Empfehlungen von Euch, wer hier ebenfalls zu Wort kommen sollte. Und, bitte sehr, vermerkt Eure Vorschläge hier (nebst Link zur Buchhandlung); und nicht etwa auf diversen anderen Kanälen im Social Web. Danke sehr! Im Übrigen freue ich mich auch über Gastbeiträge: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen?

Heute lernen wir Lutz Heimhalt etwas näher kennen, dessen gleichnamige Buchhandlung in Hamburg zu finden ist. Herrn Heimhalt habe ich gebeten, hier mitzutun. Neben der Arbeit im Buchladen widmet er sich Vintage Postkarten, die restauriert und nachgedruckt werden. Die historischen Reprints, darunter auch einige rund um das Thema Bücher und Frauen, kann man in ausgewählten Buchhandlungen und Online erwerben.

Eine Skizze vom Laden…

Lutz Heimhalt mit Ehefrau Natalia Banakh © Lutz Heimhalt

Lutz Heimhalt mit Ehefrau Natalia Banakh © Lutz Heimhalt

Unsere Buchhandlung ist eine Stadtteilbuchhandlung in Hamburg Fuhlsbüttel. Die Buchhandlung habe ich 1975 noch während meiner Ausbildung mit 600.- DM Eigenkapital von meinem Ausbilder übernommen. Da war ich gerade 21 Jahre alt…

Wir und unsere Kunden empfinden unsere Buchhandlung als gemütlich, das liegt nicht nur an unserem offenen Kamin im Laden. – Schwerpunkt ? Unsere Kunden sollen zufrieden, mit einem guten Buch und einem Lächeln im Gesicht, den Laden wieder verlassen.

Warum sind Sie Buchhändler geworden?

Ganz einfach, weil wir Bücherwürmer sind !

Würden Sie sich unter heutigen Bedingungen abermals für diesen Beruf entscheiden?

Nein. Leider ist meiner Meinung nach die Zeit des Einzelhandels insgesamt vorbei. Das große Geschäft macht heute schon fast allein Amazon.

Was hat sich in den vergangenen Jahren in Ihrem beruflichen Alltag verändert?

(lacht) Viel, früher konnten wir mit unseren Kunden zahllose Zigaretten im Laden rauchen, ohne dass es jemanden gestört hätte. Das ist natürlich vorbei. Auch politische Diskussionen im Laden sind sehr viel weniger geworden. Und natürlich hat der Computer, dann das Internet unseren Betrieb auf den Kopf gestellt.

Die Devise heißt ja: Buchhandel go online! Was unternehmen Sie in dieser Richtung?

der Buchladen © Lutz Heimhalt

der Buchladen © Lutz Heimhalt

Die Devise ‚Buchhandel go online‘ ist meiner Meinung nach eher eine Durchhalteparole. Gegen den großen Anbieter können wir online nicht konkurrieren. Nur offline ! Und darauf sollten wir uns alle besinnen!

Ok, eine selbstgestrickte Website haben wir, aber keinen Onlineshop für Bücher, und auch keine E-Books. „Schuster, bleib bei deinen Leisten“, so habe ich das mal gelernt, und so halte ich es auch. Wir konkurrieren gegen den Onlinehandel mit uns selbst. Und das klappt bisher recht gut, obwohl natürlich die Umsätze der 80er Jahre bei uns nicht mehr erreicht werden. Das hat nicht nur bei uns natürlich leider Arbeitsplätze gekostet.

Das Sterben der Buchläden ist allgegenwärtig. Wo verorten Sie für Ihre Buchhandlung die größten Gefahren?

Schlimm wäre es, wenn mehrere Geschäfte in der Straße schließen würden, weiterhin Parkplätze rückgebaut werden. Damit verliert dann der Kiez seine Attraktivität. Und dann natürlich die übermächtige Amazon-Krake.

Wie halten Sie es mit dem E-Book?

E-Book? Kaufen die Menschen im Netz, nicht im Buchhandel. Bei uns gibt es Bücher, die schön gestaltet sind, die riechen, die man anfassen und ansehen kann. Wenn sie dann doch nicht gefallen, kann man sie verkaufen, verschenken oder in den Kamin werfen. Versuchen Sie das mit einem E-Book!

Wäre das eine Option für Sie, auch Titel von Self Publishern anzubieten?

Gedruckte Exemplare, wenn sie denn gut sind, auf jeden Fall.

Wie verkauft man heutzutage Bücher?

deutlich zu lesen © Lutz Heimhalt

deutlich zu lesen © Lutz Heimhalt

Leidenschaft. Fachwissen, ein nettes Gespräch nebenbei. Wie ich oben schrieb: Der Kunde soll den Laden mit einem Lächeln verlassen.

Wir beschaffen auch vergriffene Bücher. Und, wie bei uns deutlich zu lesen ist: Was Amazon liefern kann, können auch wir liefern. Genau so schnell und zum gleichen Preis. Versprochen.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, die Ihnen Verlage erfüllen… Welche wären das?

Den gleichen Rabatt, den Amazon auch bekommt, nette Vertreterbesuche und ganz wichtig: sinnlich gestaltete schöne Bücher, die man einfach anfassen muss. Dann gibt es auch kein Problem mehr mit den E-Books.

Und was würden Sie sich vom Börsenverein für den deutschen Buchhandel wünschen?

Wir sind nicht Mitglied dieses Vereins. Aber ich würde mir z.B. wünschen, dass dieser Verein zukünftig eine glücklichere Hand bei der Auswahl seiner Werbeagenturen hat.

Was treibt Sie in der literarischen Szene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Wir drehen hier bei uns gerade einen kleinen Film. Es ist schwieriger, als wir zunächst dachten, aber wir werden das schaffen. Mehr wollen wir noch nicht verraten.

Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen?

Weil es hier noch Menschen gibt, mit denen man nicht nur über Bücher reden kann, man immer wieder beim Stöbern hochinteressante Bücher findet, die man sonst nie entdeckt hätte.

Welche anderen Buchhandlungen empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Einfach alle! Jede Buchhandlung hat ihr eigenes persönliches Flair und Gesicht.

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Eine Übersicht, wer bislang Rede und Antwort stand, findet sich hier und zu allen empfohlenen Buchhandlungen geht es hier.

Im Entstehen ist ein Resümee der Gesprächsreihe. Teil 1 “Avantgarde oder Traditionalisten. Wie sich Buchhändler aufstellen” kann man hier nachlesen und den zweiten Teil (Wie sie es mit dem E-Book halten) dort.

Zum “Best of: Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen” gelangt man hier. Und falls sich wer die Frage stellen sollte, einmal Buchhändler, immer Buchhändler?, wird hier fündig

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