Steglitz fragt bei Nicole Sowade nach

„Der Windows-Apple-Kindergarten aus der Musikindustrie wird mit epub und mobi zur Amazon-Apple-Spielwiese des Buchmarktes.“

Nicole Sowade fiel mir auf der re:publika12 auf. Zum Panel „Was Autoren vom Self-Publishing erwarten können (und was nicht)“ erschien sie mit Krönchen und Schärpe. Geschrieben stand darauf „Miss Januar“. Das ist der Titel ihres in der Kindle Edition im Februar 2012 selbstverlegten E-Books, mit dem die Berlinerin inzwischen bei epubli ist. In der Kategorie Belletristik ist sie damit zudem bei derneuedeutschebuchpreis.de vertreten – dem Schreibwettbewerb für die neue Self-Publisher-Autoren-Generation, der auf der Frankfurter Buchmesse 2012 zum zweiten Mal vergeben wird.

Nicole macht sich keine Illusionen. Die Entwicklungen auf dem Buchmarkt verfolgt die studierte Germanistin, die ein Praktikum in einem Publikumsverlag absolviert hat, kritisch. Und auch den Vor- und Nachteilen des Self Publishing sieht sie heute klaren Blickes ins Auge. Nicole sagt, als Selbstverlegerin müsse man kreativ sein. – Das wollte ich unter anderem von ihr genauer wissen.

Hast du dein Manuskript auch traditionellen Verlagen angeboten?

Zunächst einmal: Danke für die Einladung, Gesine. –  Ja, habe ich. Als ich vor einem guten Jahr den Schlusspunkt unter meinen Roman gesetzt hatte, konnte ich mir nichts Schöneres vorstellen, als meinen Titel gedruckt zu sehen. Also habe ich es natürlich probiert und die großen deutschen Verlage, die Unterhaltungsliteratur im Programm haben, zwischen Hoffen und Besseres-Wissen angeschrieben. Was dann folgte, waren früher oder später eintrudelnde Absagen, die mit einem „Weiterhin viel Erfolg!“ endeten. – Immerhin weckte meine ziemlich chaotische Suche nach Mr. Right auf den Straßen Berlins das Interesse des Rowohlt-Verlags. Sie baten um Einsendung des Manuskripts. Obwohl man anfänglich begeistert nachfragt hatte, erfolgte auch hier eine Absage, erneut mit Standard-Sätzen. – Mein Liebling ist allerdings nach wie vor Bastei Lübbe. Wohl hat sich der Verlag bis heute nicht bei mir zurückgemeldet und das, obwohl die findige Mitarbeiterin mir auf der Leipziger Buchmesse nahezu genervt versicherte: „Wir melden uns immer!“ Haha, naja …

Die typischen Leiden einer Jung-Autorin …

Ja. Anders hatte ich das auch nicht erwartet. Denn während meines Studiums habe ich als Praktikantin Mäuschen in einem Berliner Lektorat gespielt. Dort waren die Stapel des „unaufgefordert Eingesandten“ keine Chefsache, sondern meine Aufgabe. Ob sich das heute geändert hat? Wer weiß … Vielleicht sind es mittlerweile Werkstudenten oder Volontäre? Letztlich kann ich mir jedoch nicht vorstellen, dass Lektoren neben ihrer eigentlichen Arbeit an neuen Titeln, tatsächlich noch den Literaturscout spielen. Dieses Feld wird doch mehr und mehr Agenturen überlassen, die im Idealfall auch Einblick in die Programmplanung der Verlage haben. Für alle, die nicht wissen, was in einem Jahr „in“ ist, bleibt das ein Glückspiel. Und die machen bekanntlich nur dann Spaß, wenn man gewinnt.

Welche Vorteile hat das Self-Publishing deiner Meinung nach?

Da muss ich nur mein Cover anschauen. Am glücklichsten bin ich, dass mein Roman immer noch „Miss Januar“ heißt und ich mir jedes Mal aufs Neue denke: Wow, was für ein toller, sympathischer Titel! Bei der Covergestaltung sage ich mir immer: Puh, zum Glück läuft da nicht gerade ein Hamster, ein Frosch oder irgendein anderes Tier übers Bild! Die haben nämlich aus unerfindlichen Gründen noch immer Hochkonjunktur.

Und zudem deine Spendenaktion zugunsten „Save the Children Deutschland“ …

Ja, genau. Das freut mich umso mehr, dass mit jedem verkauften „Miss Januar”-E-Book 50 Cent an die gemeinnützige Organisation gehen. Ich bezweifele, dass ich als unbekannte Autorin eine solche Spendenaktion bei einem klassischen Verlag hätte durchsetzen können. Mir ist zumindest kein Titel bekannt, bei dem das gemacht wird – jedenfalls nicht in der Unterhaltungssparte.

Neben den formalen Aspekten … Welche Vorteile machst du beim Self Publishing darüber hinaus aus?

Großartig ist, dass ich die Story völlig unabhängig von Programmplanungen der etablierten Verlage herausbringen konnte. Meine Heldin stolpert durch Berlin wie in den 90er Jahren Bridget Jones durch London. Nebenbei sucht sie Mr. Right und eine Lösung, die Welt zu retten. Und egal, ob der Stoff nun laut den Gesetzen des Buchmarkts angesagt ist, oder nicht: Diese charmante Figur bekam blitzartig die Chance, das Herz der Leser zu erobern.

Ein bisschen ist die Situation auf dem Buchmarkt derzeit vergleichbar mit der Fashionindustrie. Plötzlich hängt nur noch Orange in den Geschäften, weil irgendeine Trendmesse festgelegt hat, dass man das nun tragen soll. Aber wenn dir Orange nicht steht oder nicht gefällt, dann hättest du doch gerne etwas anderes, nicht? Ich bin das andere! Gemeinsam mit vielen anderen Selbstverlegern sorge ich für etwas Abwechslung.

Wo machst du beim Self-Publishing besondere Risiken aus?

Hmm, lass mich kurz nachdenken … Ich glaube das größte Risiko besteht darin, auf ein Unternehmen zu vertrauen, das einem beim Vertrieb oder etwa bei der Vermarktung helfen will und mit utopischen Erfolgszahlen lockt. Für die Leistungen werden Gebühren fällig. Und die werden plötzlich immer höher. Der Bereich Self-Publishing ist genauso kommerziell wie jeder andere auch. Doch woher soll der Hobby-Autor wissen, welches Angebot seriös ist und welches nicht? Welcher Laie kennt schon die Buchbranche und ihre Gepflogenheiten? Und wie kann man einen Nepper-Schlepper-Bauernfänger erkennen, bevor man bettelarm ist?

Nicole Sowade – Foto (c) frischefotos / Heiko Marquardt

Dazu kommt, dass mir beim Self-Publishing niemand professionelles Feedback zur Qualität meines Textes gibt. Mir bleibt nur die Reaktion der Leser, die im meinem Fall dankbarerweise bis jetzt durchweg positiv ist. Aber vielleicht wurde ein Manuskript auch mit Fug und Recht von Verlagen abgelehnt? Dann kann ich den Text natürlich selbst veröffentlichen, das macht ihn aber leider auch nicht besser.

.

Was ist in deinen Augen von besonderem Nachteil?

Na ja. Der größte Nachteil beim Self-Publishing ist schlichtweg der Vertrieb. Klar kann ein Titel mit ISBN überall bestellt werden, aber das heißt ja noch lange nicht, dass er Platz in jeder Buchhandlung findet. Oder – wenn er wie in meinem Fall zunächst nur als E-Book vorliegt – in den absolut relevanten Online-Store vertreten sein. Für die Sichtbarkeit und steigende Bekanntheit muss der Autor selbst sorgen.

Was rätst du jenen, die Schritte in Richtung Self Publishing / Independent Publishing planen? Worauf sollten sich Autoren, die ihre Publikationen in die eigene Hand nehmen, besonders einstellen?

Dass ihr bis auf weiteres keine Autoren mehr seid. Vergesst es! Nennt euch ab sofort Selbstvermarkter! Ich sage das bewusst so direkt, weil mir das vorher in dem Maße nicht so klar war. Ziemlich naiv dachte ich, das läuft schon irgendwie. Ich hatte sogar bereits mit der Fortsetzung begonnen. Dann kam Teil 1 raus. Und plötzlich war keine Zeit mehr zum Schreiben. Auf einmal ging es um Leser, Fans, Marketing-Material, Messen und immer wieder die Frage: Was kann ich, verdammt noch mal, noch unternehmen, um mit einem kleinen Budget einen zumindest bemerkbaren Effekt zu erzielen?

Wer also einen Text selbst veröffentlichen möchte, der sollte sich Zeit nehmen, das Danach zu planen. Sollte beobachten, was andere Autoren erfolgreich macht. Und ruhig auch nochmal das eine oder andere DIY-Fachbuch zum Thema Buchmarketing lesen. Traut euch unbedingt auch, andere Personen aus der Branche auf Xing oder Facebook und natürlich auch im echten Leben anzusprechen! Gerade uns Frauen fällt das ja nicht immer so leicht. Doch falsche Bescheidenheit ist fehl am Platze. Und last but not least: Übt unbedingt über euren Text zu sprechen. So banal das klingen mag, wenn der Moment kommt, dein „Baby“ vorzustellen, solltest du es flüssig und prägnant in den höchsten Tönen loben können …

Warum hast du dich für die Veröffentlichung von „Miss Januar“ für ein E-Book entschieden?

Entscheidung würde ich es gar nicht nennen. Es gab im letzten Jahr einen Moment, an dem eine Veröffentlichung als E-Book plötzlich Sinn machte. Während allmählich die Absagen ins Haus trudelten und der Frust wuchs, meinten Freunde, dass ich den Roman doch selbst drucken lassen könnte. Doch davon war ich nicht überzeugt. Ich hätte stapelweise Papier im Flur, und dann? Zur gleichen Zeit stieß ich online auf eine Studie des Öko-Instituts, wonach E-Books nachhaltiger als Print-Bücher seien – zumindest wenn man als Vielleser mehr als 11 Titel im Jahr schafft.

Was hat das mit deinem Roman zu schaffen …

Ganz, ganz viel! Ich kenne nämlich nur eine ganz spezielle Sorte von Verrückten, die so viel lesen: Fans von Liebesgeschichten und Happyends. Also: meine Zielgruppe! Und genau die kann ich mit E-Books erreichen und dabei sogar Gutes tun. Zugleich fiel mir auch mein Vorhaben wieder ein, zu meinem Roman etwas dazu zupacken. Urplötzlich war mir klar, dass ich ganz im Sinne meiner Romanheldin eine Spendenaktion möglich machen könnte. Na ja. Zu guter Letzt, bin ich wohl irgendwann über den „Buch veröffentlichen“-Button bei Amazon gestolpert. Ich wusste um das Honorar von Taschenbuch-Autoren. Mir ging auf, dass ich über Amazon wesentlich höhere Tantiemen erhalten würde. Der Rest ist Geschichte.

Worauf sollte man besonders achten, wenn man sich fürs E-Book entscheidet?

Ich denke, das ist ähnlich wie bei anderen Eigenveröffentlichungen. Lass es unbedingt von so vielen Leuten wie möglich lesen. Dann musst du dir das Cover überlegen, die Bildrechte klären, dich eventuell um eine ISBN kümmern und einen guten Preis festlegen. Wie soll der Satz aussehen? Wie das Layout? Wie das Inhaltsverzeichnis? Packst du noch weitere Infos rein? Verlinkst du Texte ins Web, was mit dem klassischen Buch nicht möglich ist. Und kannst du womöglich sogar am Ende des Buches bereits auf einen Nachfolger aufmerksam machen?

Und natürlich ist es nie verkehrt, bei den Profis zu lauschen. Janet Evanovich hatte damals gerade Teil 17 herausgebracht. Mir war es eine Freude, unter dem Deckmantel knallharter E-Book-Recherche ihre neue Story zu lesen und nebenbei zu schauen, was ein digitales Buch – noch dazu made in America – mindestens können muss. Auch wenn es in der Buchbranche sonst zu Recht nicht gerne gesehen ist, hier gilt: Abkucken erlaubt!

Was hältst du von den Diskussionen rund um das Pricing beim E-Book?

Als Leser finde ich die Preispolitik der großen Verlage unverschämt überteuert. Wobei es hier natürlich auch Ausnahmen gibt. Ich kann nur hoffen, dass die Mehreinnahmen den Autoren zugutekommen. Wenn bei einem gedruckten Buch in der Regel ein Drittel der Einnahmen für die Produktion berechnet wird, so erwarte ich beim E-Book mindestens einen vergleichbaren Nachlass beim Verkaufspreis. Schließlich ist die digitale, technische Herstellung um ein Vielfaches günstiger ist.

Wie verfährst du mit der Preisgestaltung?

Als Autor gehe ich natürlich anders an die Frage heran. Dabei ist entscheidend, wo ich selbst stehe und was ich strategisch möchte. Die Verramschungspanik kann ich nicht teilen. Als Part-Time-Autor finde ich Gratis-Aktionen, die in der Regel ja auch zeitlich beschränkt sind, toll. Sie sind das, was im klassischen Verlag das Gewinnspiel ist, und kosten de facto sogar weniger, nämlich nichts. Der Effekt ist jedoch der Gleiche: Man gewinnt neue Leser.

Mit welchem Preis Self-Publishing-Autoren aufmachen, muss jeder für sich selbst entscheiden. Mein Rat: Kalkulieren und sich dann für die beste Alternative entscheiden. Mein E-Book „Miss Januar“ ist für 3,49€ zu haben. Damit verdiene ich zwischen 60% und 80% vom Nettoverkaufspreis. Und damit schon einmal viel mehr pro Exemplar, als wenn ich ein Taschenbuch verkaufen würde. Von meinen Einnahmen gehen 50 Cent für die Spendenaktion für Save the Children Deutschland ab. Verbleiben also grob zwischen 1,20€ und 1,80€ für mich, die ich wiederum in Aktionen oder Ähnliches investieren kann. Für mich perfekt.

Aber nochmal: Der Preis ist abhängig von der persönlichen Situation und den eigenen Zielen. Mir geht es mit meinem Erstling „Miss Januar“ darum, Leser zu finden und zu unterhalten. Wenn ich damit den einen oder anderen Euro verdiene ist das ein Plus, kein Muss. Und noch toller wäre ehrlich gesagt, wenn ich nach einem Jahr einen richtig fetten Check an Save the Children überreichen könnte. Dafür muss ich aber vor allem eines: bekannter werden …

Du hast „Miss Januar“ zunächst in der Kindle-Edition veröffentlicht. Inzwischen bist du damit bei epubli, dem Online-Unternehmen der Verlagsgruppe Holtzbrinck. – Wieso das?

Du wirkst überrascht? Dabei sprachen für epubli sogar relativ viele Gründe und nicht einmal an erster Stelle, dass sie zu Holtzbrinck gehören und damit auf relativ sicheren Beinen stehen. Sie nehmen mir vor allem das Handling mit den drei großen E-Book-Stores Amazon, iTunes und Google Play ab. Außerdem haben sie mich im Gegensatz zu anderen Anbietern bereits auf der Leipziger Buchmesse durch Seriosität und Professionalität überzeugt. Hinzu kommen eine gute Reputation und ein sympathisch-unaufdringliches Auftreten. Jeder kennt das doch: Man betritt einen Laden und in den Augen der Verkäufer blitzen Provisionsgedanken auf. Dann stürzen sie sich auf dich und beginnen dir alles Mögliche aufzuschwatzen. Um bei meinem Fashion-Beispiel zu bleiben: Sie argumentieren, dass dir Orange doch steht. Erst zu Hause siehst du dem Fehlkauf offen ins Auge und bist enttäuscht. Das war bei epubli nicht so.

Spielte der Standort-Vorteil bei deiner Entscheidung auch eine Rolle?

Ja. Für epubli sprach auch, dass sie wie ich in Berlin sitzen. Noch besser, sogar in einer Ecke, in der es nur so vor jungen Leuten mit tollen Ideen wimmelt. Dort herrscht genau der Spirit, den ich klassischen Verlagen heute nicht mehr zutraue. Epubli hat beispielsweise derneuebuchpreis.de ins Leben gerufen, an dem epubli-Autoren wie ich teilnehmen können, um dadurch bekannter zu werden. Sie sind außerdem auch Print-on-Demand-Anbieter, was vielleicht für mich noch spannend werden kann. Na ja. Und falls ein anderes Angebot attraktiver werden sollte, dann ist das auch kein Weltuntergang. Mit einer Kündigungsfrist von fünf Tagen werde ich epubli im Zweifel schneller los als meinen furchtbaren Handyvertrag.

Welche Vorteile machst du in der Zusammenarbeit mit einem BOD-Verlag aus?

So unromantisch das jetzt auch klingen mag: Während ich mit meinen Ideen rumtüdele, wollen BODs im Grunde nur eines: Verkaufen! Und das ist überhaupt nicht verkehrt, sondern im Gegenteil von nicht zu unterschätzendem Wert. Zum einen bin ich ihre Ware – wobei sich das Invest bei epubli jedoch in Grenzen hält. Zum anderen ist es aber mein Titel. Und der soll allen Umsatz bringen. Da sag ich doch nicht „nein“ dazu. Außerdem kommt mir deren Fachkompetenz ebenfalls zugute. Was für mich momentan noch Freizeit ist, ist deren Hauptberuf: Trends des eBook-Marktes verfolgen, bewerten und selbst setzen, nach Amerika schauen, die Vorreiter sind, und und und. Man muss, ja man kann als Self-Publisher nicht Profi in allem sein!

Siehst du in der Zusammenarbeit mit BOD-Verlagen auch Nachteile?

Dafür währt die Zusammenarbeit mit epubli noch zu kurz. Logischerweise fehlt ihnen die Vertriebsstruktur der großen, klassischen Verlage. Oder hast du schon einmal auf den Buchtischen der großen Ketten wie Thalia &Co neben Goldmann, Rowohlt und wie sie nicht alle heißen das epubli-Label gesehen? Aber, das kann man ihnen wohl kaum anlasten. Das wäre ja so, als wolle ich mich beschweren, dass es im Supermarkt kein Benzin zu kaufen gibt. Es steckt einfach ein anderes Geschäftsmodell dahinter.

Darüber hinaus muss ich mich bei einem BOD-Verlag um mein Marketing selbst kümmern. Allerdings war mir das bereits vor meiner Entscheidung bewusst, zu epubli zu wechseln. Wenn ich nicht Top-1A-Superseller-Autor der großen Verlage bin, wäre das dort kaum anders. Frag mich doch bezüglich der Nachteile in einem Jahr nochmal, vielleicht weiß ich dann mehr …

Das mache ich glatt, Nicole – epubli & co … Alle Zeichen deuten ja darauf hin, dass die Digitalisierung und der Umstand, dass Autoren nicht mehr auf traditionelle Verlage angewiesen sind, erhebliche Folgen für den Buchmarkt und -handel haben. Wie schätzt du diese Entwicklung ein?

In puncto Digitalisierung und damit einhergehender Panik lassen sich immer schöne Parallelen zum Musik-Business ziehen. Genau wie dort, wird das Angebot wachsen. Es gibt den Mainstream, der im Radio läuft, und daneben zahlreiche Künstler, die sich ebenfalls erfolgreich positioniert haben. Genau diese Vielfalt entwickelt sich mehr und mehr auch auf dem Buchmarkt. Und das ist doch auch gut so, oder? Die Verlage sind keine Gatekeeper mehr– mit welchem Recht auch? Dass solche Entwicklungen den Buchhandel, so wie er momentan existiert, und allen voran den stationären Buchhandel bedrohen, das sehe ich auch. Wie sie sich behaupten können? Naja. Vielleicht indem sie statt neuestem Grillbesteck, Blumensamen und saisongerecht passenden Schürzen endlich verstärkt das digitale Leben in ihre Heiligen Hallen lassen und damit auch wieder für ein jüngeres Publikum interessant werden.

Und die Autoren …

Jeder Autor kann sich sein Publikum selbst suchen. Formen der Urheberschaft, etwa wenn eine Community einen Social Roman schreibt, und Bezahlmodelle werden sich genauso wie die Textgattungen verändern. Denke doch zum Beispiel an den Kurzroman, der gerade immer beliebter wird und zugleich ein Symptom unserer schnelllebigen Zeit ist. Inhalte werden in Rekordgeschwindigkeit konsumiert, bis der nächste Text die Aufmerksamkeit erregt. Mir war dieser Trend, bevor ich mich mit E-Books beschäftigt habe, nicht klar. Mittlerweile finde ich ihn jedoch sehr spannend.

Was stößt dir bei den aktuellen (brancheninternen) Diskussionen rund um die Zukunft des Buches besonders negativ auf?

Die Branche klammert sich an ein Trägermedium, weniger an den Inhalt. Und sollte es nicht genau darum gehen? Das ist doch ihr eigentliches Business! Die Inhalte erhalten gerade eine neue Verpackung, mehr nicht. Was dahinter steht, behält doch die gleichen Werte. Es bleibt genauso liebenswert oder schockierend oder informativ wie zuvor. Es ist ja auch nicht so, dass nur noch E-Books publiziert werden. Im Gegenteil! Jeder Titel steht in verschiedenen Formaten zur Verfügung und jeder Leser muss für sich entscheiden, welches Format er wählt. Vielleicht gewinnt die Haptik eines echten Buches, vielleicht die Platzersparnis eines E-Books. Vielleicht brauchen einige Leser auch ihr Bücherregal, auf das sie voller Stolz schauen können, so wie andere sich ihren Porsche leisten …

„Meine Güte, so what?!“, möchte man am liebsten ausrufen. Hauptsache: Der Inhalt ist gut und Hauptsache, es wird gelesen. Und das wird es! Schon zu Beginn meines Studiums, und das ist mittlerweile zehn Jahre her, geisterte die Angst vor dem Tod des Buches durch die Hörsäle. Völlig übertrieben und mal ehrlich: Totgesagte leben länger.

Meinst du, dass dem E-Book die Zukunft gehört?

Was heißt dem E-Book? Dem digitalem Lesen … Warum nicht? Beides existiert ja längst nicht erst seit gestern, auch wenn alle so tun. In den Diskussionen wird oft vergessen, dass wir bereits seit Jahrzehnten tagtäglich am PC und auf Handys digital lesen. Und so abstoßend, wie es bisweilen dargestellt wird, empfinden wir das bei weitem doch gar nicht, sondern in der Regel als ziemlich praktisch. Die entsprechenden Geräte haben wir heute schon und freiwillig gestalten wir unser Leben immer mobiler und digitaler. Wenn wir sogar schon Freundschaften online pflegen, warum dann nicht auch unsere Bücher? Die Technik mag noch nicht hundertprozentig ausgereift sein, aber es kann sich ja nur noch um Augenblicke handeln, bis hier Abhilfe geschaffen wird.

Wo siehst du Probleme?

Für mich ist nach wie vor die Frage des Zitierens ungeklärt. Zum wissenschaftlichen Arbeiten taugt das E-Book momentan nicht. Und noch furchtbarer ist das Hickhack mit den Dateiformaten. Der Windows-Apple-Kindergarten aus der Musikindustrie wird mit epub und mobi zur Amazon-Apple-Spielwiese des Buchmarktes. Und ich baue darauf, dass es ein gemeinsames Format geben wird, wie die wunderbare mp3 im Audiobereich, das auf allen Readern funktioniert.

Wird Gedrucktes deines Erachtens jemals verschwinden?

Eher nicht. Mit dem Siegeszug des PCs dachten auch alle, das papierlose Büro naht. Und dennoch drucken und archivieren wir wie die Weltmeister. Das recht einfach herzustellende Medium Papier wird ergänzt. Abgelöst jedoch durch ein technisch hoch komplexes Gerät? Noch lange nicht!

Der zweite Teil meines Gespräches mit Nicole Sowade dreht sich darum, was sie für ihr Buchmarketing tut, welche Maßnahmen erfolgreich waren, welche floppten und wo sie im Social Web Chancen und Risiken ausmacht.

_______________________________________________________________________________________________________

Vorschläge, wer in der losen Interview-Reihe “Steglitz fragt … bei Autoren nach” auch zu Wort kommen könnte, nehme ich gerne entgegen. Mich interessiert: Wie gehen Autoren mit den Entwicklungen infolge der Digitalisierung um? Welche neuen Wege nutzen sie, wo sehen sie Chancen und Risiken?

Steglitz fragt bei Petra Röder nach (Teil 2)

„Einen echten Flopp habe ich noch nicht erlebt. Das darf gerne so bleiben.“

In diesem Beitrag erfahren wir, was Petra Röder für ihr Buchmarketing tut, welche Maßnahmen erfolgreich waren, welche floppten und wo sie im Social Web Chancen und Risiken verortet. Im ersten Teil unseres Gesprächs berichtete die Autorin über ihre Erfahrungen mit einem BOD-Verlag, welche Anforderungen für Selbstverleger gelten, weshalb sie unter die Self Publisher ging und warum sie daran glaubt, dass dem E-Book die Zukunft gehört.

Dem Buchmarketing in Eigenregie kommt immer größerer Stellenwert zu. Was unternimmst du in dieser Richtung?

Wenn ich ehrlich bin gar nicht so viel. Außer dass ich bei Twitter und Facebook meine Bücher promote, unternehme ich sehr wenig. Offline-Aktivitäten gibt es bislang keine. In dem Bereich gibt es noch deutliches Verbesserungspotential und es steht auf meiner Agenda, auch diesbezüglich aktiv zu werden.

Seit wann bist du im Social Web aktiv?

Seit etwa zwei Jahren. Anfangs habe ich mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, Twitter oder Facebook zu nutzen. Mittlerweile möchte ich das nicht mehr missen. Der direkte Kontakt zu meinen Lesern ist mir sehr wichtig. Ich erhalte darüber auch konstruktive Kritik, die ich sehr ernst nehme.

Bist du bei deinen ersten Schritten im Social Web planvoll vorgegangen? Setzt du (inzwischen) auf eine Social-Media-Strategie?

Natürlich nutze ich die Plattformen, um für meine Bücher zu werben, aber eine 100% durchorganisierte Strategie habe ich nicht. Vieles geschieht aus dem Bauch heraus. Ich glaube, das ist es auch, was meine Leser an mir schätzen. Ich bin spontan und habe null Plan (lacht). Naja, ganz so schlimm ist es nicht. Aber neben den Standards wie Vorankündigung und Verlosung bei Neuveröffentlichungen und – ganz wichtig – im Gespräch bleiben, kann es durchaus passieren, dass ich unter der Dusche eine Idee habe, die ich dann sofort umsetze. Wenn man es bereits als Strategie ansieht, regelmäßig Updates zu posten, dann habe ich wohl doch eine …

Wo findet man dich und deine Bücher im Netz?

Petra Roeder (c) Michael Roeder

Die Bücher sind natürlich bei Amazon erhältlich, sowie in allen anderen großen Buchstores wie Libri, Thalia und Weltbild. Selbstverständlich kann man jedes Buch via ISBN-Nummer auch im Buchhandel bestellen.

Informationen über mich, meine Bücher und kommende Projekte gibt es auf meiner Webseite und bei Facebook. Bei Google+ findet man mich übrigens auch. Über meinen Twitter-Account gibt es zudem auch noch ein bisschen Smalltalk und Infos zum Restweltgeschehen. Zudem habe ich noch einen YouTube-Kanal, auf dem man die Trailer zu den einzelnen Büchern ansehen kann.

.

Welche deiner Aktivitäten kamen besonders gut an, welche floppten?

Via Twitter, Facebook und über meine Homepage gibt es zu jeder Neuerscheinung ein Gewinnspiel, bei dem ich signierte Exemplare verlose. Die Resonanz darauf ist mittlerweile wirklich enorm. Beim letzten Mal musste ich, sehr zu meiner Freude, meine bisherige Lostrommel gegen ein größeres Gefäß austauschen.

Aktuell läuft bei Lovelybooks eine Leserunde zu Traumfänger. Für mich ist das eine Premiere, daher kann ich noch nichts dazu sagen. – Einen echten Flopp habe ich noch nicht erlebt. Das darf gerne so bleiben. Aber auch wenn so etwas irgendwann einmal eintritt, werde ich es wegstecken.

Hast du Erfahrungen mit Kostenlos-Aktionen gesammelt?

Nein, bisher nicht und ich denke das wird auch so bleiben. Hin und wieder gibt es Aktionen, bei denen ich eines meiner E-Books für einen bestimmten Zeitraum zu einem Sonderpreis anbiete. Dies wird von den Lesern sehr gerne angenommen. Ich habe damit durchweg positive Erfahrungen damit gemacht.

Worauf achtest du bei deiner Kommunikation im Social Web besonders?

Darauf, dass ich mich nicht verstelle, sondern so schreibe, wie ich bin. Ich denke dies schätzen meine Fans und Follower.

Social Media ist sehr zeitaufwändig. Wie sieht dein Pensum aus?

Ich habe kein festgelegtes Pensum. Ich nutze es, wenn mir danach ist. Das schwankt irgendwo zwischen 15 Minuten und mehreren Stunden am Tag.

Kannst du dich ruhigen Gewissens ausloggen oder treibt es dich dann doch wieder zum Rechner bzw. Smartphone?

Mich treibt es grundsätzlich wieder an den Computer, wenn ich einige Zeit offline war. Ein Strom- oder DSL-Ausfall ist für mich ein Worst Case (lacht).

Wie regelst du Fragen der Erfolgskontrolle? Welche Tools nutzt du?

Das macht mein Mann, der ein wahrer Statistik-Fanatiker ist. Der Hauptteil ist aber eine (Excel-)Tabelle, in der die täglichen Verkaufszahlen der einzelnen Kindle-Bücher eingetragen werden. Daran

kann man sehr schön erkennen, welche Aktion positive Auswirkungen hatte. Außerdem motiviert es ungeheuer, wenn man aktuelle Zahlen mit denen aus den Vormonaten vergleicht und feststellt, dass es deutlichen Zuwachs gegeben hat.

Bei den gedruckten Büchern bekomme ich vom Verlag die Verkaufszahlen. Allerdings wird da nicht täglich aktualisiert und somit ist eine direkte Verknüpfung mit Werbeaktionen nur bedingt möglich.

Was sollte man als Autor/in im Social Web unterlassen? Wo verortest du Risiken?

Eigentlich muss jeder selbst wissen, was er tut, oder wie weit er gehen kann. Ich trete im Social Web so auf, wie ich auch privat bin, und nutze die Plattformen nicht nur, um laufend für meine Bücher zu werben. Lieber unterhalte ich mich etwas länger mit meinen Followern und habe meinen Spaß dabei.

Ein absolutes No-Go ist allerdings, auf negative Kritik unsachlich zu reagieren. Und sei sie noch so unbegründet. Ein sachliches Statement dazu ist in Ordnung. Im Notfall sollte man besser gründlich schlucken, tief Luft holen und sich dann um etwas anderes kümmern. Es dauert eine ganze Zeit, bis man sich seine Social Media-Kontakte aufgebaut hat. Das Ganze durch ein unüberlegtes und unnötig emotionales Posting über den Haufen zu werfen und dadurch einen Shitstorm auszulösen, ist das Dümmste, was einem passieren kann. Als Paradebeispiel hierfür dient wohl ein gewisser John Asht, der Anfang des Jahres einer Bloggerin wegen einer schlechten Rezension drohte. Ich denke, jeder, der sich im Netz mit Büchern beschäftigt, wird sich noch an diese üble Geschichte erinnern …

Dünnhäutig sollte man in Netz wirklich nicht sein. Danke, Petra, für das Gespräch.

Wer mehr über Petra Röder erfahren möchte, findet die Autorin hier im Netz:

http://www.petra-roeder.com

Petra Röder bei Twitter

Petra Röder bei Facebook

Petra Röder bei Google+

Petra Röder bei YouTube

Petra Röder bei Amazon

Petra Röder bei Lovelybooks

_________________________________________________________________________________________________________

Vorschläge, wer in der losen Interview-Reihe “Steglitz fragt … bei Autoren nach” auch zu Wort kommen könnte, nehme ich gerne entgegen. Mich interessiert: Wie gehen Autoren mit den Entwicklungen infolge der Digitalisierung um? Welche neuen Wege nutzen sie, wo sehen sie Chancen und Risiken?

Demnächst steht hier Nicole Sowade Rede und Antwort, die mit ihrem Roman „Miss Januar“ bei derneuebuchpreis.de dabei ist.

Steglitz fragt bei Petra van Cronenburg nach … (Teil 2)

„Zu Facebook wollte ich auch nie. Wie kam ich da nur hin?“

In diesem Beitrag erfahren wir, was Petra van Cronenburg für ihr Buchmarketing tut, welche Maßnahmen erfolgreich waren, welche floppten und wo sie im Social Web Chancen und Risiken ausmacht. Im ersten Teil unseres Gespräches berichtete die Autorin und Übersetzerin über ihre Erfahrungen mit Publikumsverlagen, warum sie unter die Self Publisher ging und was sie von den Diskussionen rund um die Zukunft des Buches hält.

Dem Buchmarketing in Eigenregie kommt immer größerer Stellenwert zu. Was unternimmst du in dieser Richtung?

Kommt aufs Projekt an. Ich habe schon inkognito Werbe- und Klappentexte für Publikumsverlage geschrieben, mit Verlagen gemeinsame PR-Aktionen geplant und benutze selbst aus Kostengründen vor allem Social Media, Auftritte und direkte Kommunikation.

Welche deiner Aktivitäten (außerhalb Social Web) kamen besonders gut an, welche floppten?

Mein größter Flop war eine Lesung während eines Deutschlandspiels der EM. Bücher kommen gegen Fußball nicht an.

Die schönsten Überraschungen erlebe ich bei Auftritten. Da signierte ich einmal einer netten älteren Dame ein Buch als Geschenk für ihren Sohn. Ein Jahr später lernte ich neue Freunde kennen, die mir irgendwann jene Dame als ihre Mutter vorstellten! Und die war so begeistert über den Zufall, dass sie mich zum Teetrinken mit einer Russin schleppte. Da gingen plötzlich die unwahrscheinlichsten Türen für mein Buch „Faszination Nijinsky“ auf. Und mein neues, touristisch-historisches Projekt über die russische Kultur in Baden-Baden wurde ebenfalls geboren.

Wo findet man dich und deine Bücher im Netz?

Zuerst einmal auf meiner Website, was ich wegen der Verfügungsgewalt über die eigenen Daten und als zentrale Anlaufstelle jedem Autoren dringend empfehle. Es gibt mein Hauptblog „cronenburg“ zu Autoren- und Branchenthemen, das wiederum wie ein Krake zu Facebook, Twitter, zum Büchershoppen und in ein paar kleinere Themenblogs führt. Und natürlich im Online-Buchhandel.

Hast du Erfahrungen mit Kostenlos-Aktionen gesammelt?

Ich habe dieses Werbeinstrument sogar auf Herz und Nieren geprüft und die Ergebnisse in einer Artikelserie festgehalten. Deshalb wundere ich mich über viele Statements von Autor/innen, sie würden sich nie und nimmer verschenken, ihr Bäcker täte das ja auch nicht, das sei schädlich bis irre. Die meisten Kritiker haben sich leider nicht wirklich damit befasst, worum es überhaupt geht. Zumindest mein Bäcker verteilt durchaus Appetithappen von neuen Brotsorten!

Ein absolutes Must ist für mich das „Verschenken“ von ausführlichen (!) Leseproben. Im Buchladen kann ich ja auch schmökern. Aber was ist, wenn das Buch dort nicht vorrätig ist? Dank Book2Look kann man diesen Leser-Service sogar mit Buchtrailern und Shops verknüpfen und mit echtem Papierfeeling bequem in Social Media einbauen.

Verschenkaktionen von ganzen E-Books dagegen sind zeitlich eng begrenzt und wegen der Buchpreisbindung nur in Händlerexklusivität möglich. Sie dienen dazu, Bücher in den Top 100 sichtbar zu machen, also sozusagen ins Schaufenster zu legen. Deshalb sollte man sie auch so gründlich wie eine Werbeaktion vorbereiten und vernetzen. Der Witz ist: Es ist gar nicht so einfach, kostenlose Bücher loszuwerden. Die User sind weniger gierig als man ihnen nachsagt! Auch wenn der Effekt nach einigen Monaten etwas nachlässt, konnte ich mit jeder Aktion die Abverkäufe vervielfachen. Es lohnt sich sichtbar im Geldbeutel.

 Im Bereich Social Web: Seit wann bist du hier aktiv? Warum?

Meine erste multimediale Plattform hatte ich bei „geocities“, als es entstand. Ich blogge, seit Blogs erfunden wurden. Weil ich als Journalistin schon immer von einer eigenen Zeitschrift träumte – und plötzlich war das ohne Investitionen möglich. Ich wollte nie twittern, weil ich es als Krampf betrachtete und wollte das durch Ausprobieren beweisen. Dabei hat’s mich dann gepackt, weil es durch die Kürze ein hervorragendes Instrument ist, auf den Punkt formulieren zu lernen und Infos oder Links an möglichst viele Leute zu verteilen. Ich habe dabei fantastische Leute kennen gelernt, mit denen ich inzwischen auch im realen Leben arbeite.

Zu Facebook wollte ich auch nie. Wie kam ich da nur hin? Die Plattform ist übel, weil sie meinem Kommunikationsverhalten verführerisch entgegen kommt. Warum ich das alles mache? Weil das die besten Instrumente sind, um mit meinen Leser/innen, alten und zukünftigen, direkt zu kommunizieren und dabei Spaß zu haben. Autor/innen und Leser/innen – die wichtigste Paarung beim Buch.

Welche Plattformen im Social Web bevorzugst du für dein Buchmarketing? Warum?

Als zentrale Anlaufstelle mein Blog, wegen der Tiefe und Intensität. Facebook als PR-Instrument und Kennenlern-Club und Twitter für alles Kurze, Schnelle. Und das untereinander vernetzt. Bei Google+ bin ich nicht, weil ich nicht noch mehr schaffe und bei Facebook eher meine Leser/innen vermute. Das kann sich ändern.

Bist du bei deinen ersten Schritten im Social Web planvoll vorgegangen? Setzt du (inzwischen) auf eine Social-Media-Strategie?

Mein Plan heißt immer und überall: „Schreibe in der Öffentlichkeit nichts, was du nicht am nächsten Tag ohne Erröten in der Zeitung lesen könntest.“ Und: „Verberge dein Privatleben, aber sei absolut authentisch.“ Zur Authentizität gehört, Rückgrat und eine eigene Meinung zu zeigen. Auch mal unbequem zu sein oder zu provozieren. Da muss man auch Haue vertragen. Nichts ist langweiliger als diese glattgebügelten, austauschbaren Personen mit dem „Kauf mich, ich bin auch ganz arg lieb“-Gehabe.

Worauf achtest du bei deiner Kommunikation im Social Web besonders?

Mich zu benehmen!? Tabu sind für mich religiöse oder bestimmte politische Diskussionen, das geht virtuell unter Fremden fast immer schief.

Welche deiner Aktivitäten im Social Web kamen besonders gut an, welche floppten?

Ich floppe ständig, weil ich viel zu viel quatsche, statt brav zu werben. Bei den Verschenkaktionen kam am meisten heraus.

Bei Facebook pflegst du Buch- und Autoren-Seiten. Was kommt bei deinen Freunden und Fans besser an? Wo verzeichnest du mehr Traffic?

Das Problem ist, dass die meisten User noch nicht begriffen haben, dass laut Facebook ein Profil nur zur privaten Vernetzung da ist und eine Seite zum Sammeln von Fans und Posten von „Unternehmensnachrichten“. Also muss ich beides bieten. Wobei die Seiten ideal für die schüchternen und stillen Mitleser/innen sind. Traffic? Ich weiß nicht mal auswendig, wie viele Fans ich habe.

Social Media ist sehr zeitaufwändig. Wie sieht dein Pensum aus?

Kann ich nicht sagen, weil ich das in Kaffeepausen erledige, oder um nach komplizierten Recherchen wieder runterzukommen. Weil ich Privates mit Beruflichem mische. Manchmal belohne ich mich mit Facebook für die Erledigung besonders langweiliger Arbeiten.

Kannst du dich ruhigen Gewissens ausloggen oder treibt es dich dann doch wieder zum Rechner bzw. dem Smartphone?

Meine Bücher entstehen an einem nicht internetfähigen Laptop. Ich besitze nur ein uraltes, dauerausgeschaltetes Handy für Notfälle und einen Anrufbeantworter. Und meine Türklingel ist gut versteckt. Da bin ich eisern.

 Wie regelst du Fragen der Erfolgskontrolle? Welche Tools nutzt du? Warum?

Gibt es ein Tool, mit dem ich beweisen kann, dass Qualität wichtiger ist als Quantität? Was ist Erfolg? Für mich ist Erfolg, wenn ich Menschen mit meinen Texten berühre. Rauschender Erfolg ist, wenn sie sogar längerfristig etwas für sich mitnehmen oder nachdenken. Das erfahre ich manchmal im persönlichen Gespräch oder durch Mails.

Was sollte man als Autor/in im Social Web unterlassen? Wo verortest du Risiken?

Pampig auf Kritik zu reagieren. Autor/innen müssen lernen, damit zu leben, dass Bücher Geschmackssache sind. Auch die eigenen. Sich gegen negative Kritiken rechtfertigen zu wollen, ist unprofessionell. Man sollte sich außerdem vorher genau überlegen, was man an Privatleben preisgeben möchte. Denn einmal Gesagtes und Fotografiertes ist nicht wirklich aus dem Internet zu entfernen.

Dieses Gespräch auch nicht, Madame. Vielen Dank!.

_____________________________________________________________________________________________________________

Wer mehr über Petra van Cronenburg erfahren möchte, findet die Autorin hier im Netz:

http://www.cronenburg.net

http://cronenburg.blogspot.com

http://vaslavnijinsky.blogspot.com/

http://baden-ru-kultur.blogspot.com/

http://www.facebook.com/petra.van.cronenburg

http://www.facebook.com/cronenburg

http://www.twitter.com/buchfieber

_____________________________________________________________________________________________________________

Vorschläge, wer in der losen Interview-Reihe “Steglitz fragt … bei Autoren nach” auch zu Wort kommen könnte, nehme ich gerne entgegen. Mich interessiert: Wie gehen Autoren mit den Entwicklungen infolge der Digitalisierung um? Welche neuen Wege nutzen sie, wo sehen sie Chancen und Risiken?

Demnächst steht hier die Autorin Petra Röder Rede und Antwort.

Steglitz fragt bei Jando nach … (Teil 2)

„Ohne meine Fans wäre ich nicht da, wo ich jetzt stehe.“

In diesem Beitrag erfahren wir, was Jando für sein Buchmarketing tut, welche Maßnahmen erfolgreich waren, welche floppten und wo er im Social Web Chancen und Risiken ausmacht. In unserem ersten Gespräch berichtete er mir u.a. über seine Erfahrungen mit einem BOD-Verlag, in einem Publikumsverlag und warum sein neues Buch „Sternenreiter. Kleine Sterne leuchten ewig“ als körperliches Buch, Hörbuch und als E-Book erscheint.

Obwohl dein erstes Buch bei einem klassischen Publikumsverlag erschienen ist, lag die Vermarktung der „Windträume“ weitestgehend in deinen Händen. Wieso das?

Als ich merkte, dass der Verlag an seine Grenzen der Vermarktung angekommen war, bot ich ihm meine Unterstützung an. Zusammen haben wir eine Strategie entworfen und diese dann umgesetzt. Wenn man sich für einen Verlag entscheidet, der Autoren Freiräume und selbstbestimmte Entscheidungen einräumt, dann ist eine gewisse Mitarbeit zwingend notwendig.

Welche Möglichkeiten und Wege hast du für dein Buch-Marketing genutzt?

Da sind die Mittel begrenzt, vor allen Dingen, wenn man finanziell nicht auf Rosen gebettet ist. Ich habe die Netzwerke des Social Media genutzt, um auf meine Arbeiten aufmerksam zu machen. Um Werke einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren, gibt es für junge und unbekannte Autoren meiner Meinung nach keine besseren Plattformen als die des Social Web. Vor allem deshalb, weil man hier ehrliches Feedback zu seinem Schaffen erhält. Das beinhaltet auch Kritik, die sehr hilfreich und lehrreich ist, auch wenn es manchmal schmerzt. Der tägliche Austausch mit meinen Lesern ist eine tolle Sache, die ich sehr schätze. Wenn man erst einmal einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat, dann fällt vieles einfacher. Bei mir trudelten auf einmal Rezensionen, Presse- und Lesungsanfragen ein.

Wo findet man dich und deine Bücher im Netz? Welche Plattformen und Tools nutzt du?

Ich habe eine Autoren-Webseite nebst Blog und ein Profil bei Amazon. Ab 2009 legte ich meinen Fokus auf MySpace, da dieses Netzwerk damals noch das erste richtige Social Network gewesen ist, wo man als Autor und Künstler seine Arbeiten und Musik präsentieren konnte. Als dann Facebook den deutschen Markt eroberte, war ich einer der ersten, der auf diese Schiene aufgesprungen ist. Seitdem das dort angelaufen ist, besteht mein MySpace-Acount nur noch als Verknüpfung zu Facebook. Auch Twitter, wo ich seit Januar 2010 aktiv bin, und mein Autoren-Profil bei Amazon habe ich mit meinem Facebook-Account verknüpft. Wenn ich also etwas bei Facebook poste, dann erscheint es auch auf diesen Plattformen.

Meine Bücher sind durch die Verlage, bei denen ich publiziere, über Grossisten in allen Onlineplattformen gelistet. Und, was für mich ganz wichtig ist, auch bei allen deutschsprachigen Buchhandlungen!

Hast du bei deinen ersten Schritten im Social Web auf eine Strategie gesetzt?

Wichtig war mir von Anfang an, den Austausch beständig weiter voranzutreiben. Mal einen Monat gar nichts zu machen, kann schon fast bedeuten, wieder bei null anzufangen. Leser, User, die sich für einen interessieren, möchten gepflegt werden. Wie „echte Freunde“ eben. Wichtig ist: Keinen Stillstand aufkommen lassen. Immer wieder neue Ideen und Ansätze testen. Jeden Tag poste ich auf meinem Facebook-Profil und Fan-Seiten Texte und Aphorismen von mir. Einige stammen aus meinen Büchern, andere sind gerade verfasst worden. Ich beobachte, wie diese angenommen werden. Eine bessere, ehrlichere Kritik als die seitens meiner Leser kann ich gar nicht bekommen. Als Stilmittel setze ich auf inhaltlich passende Bilder und Illustrationen zu meinen Texten.

Was kommt bei Facebook besser an: Deine Autoren-Seite oder die Fanseiten zu deinen Büchern „Windträume“ und „Sternenreiter“?

Jando (c) Lisa Farkas

Das ist schwer zu sagen. Die Windträume-Seite existiert am längsten. Daher ist dort auch immer sehr viel los. Aber auch die Autorenseite erfreut sich inzwischen Beliebtheit. Da ich zudem ein persönliches Facebook-Profil pflege, das abonniert werden kann, gibt es zahlreiche Möglichkeiten mit mir zu kommunizieren. Die Fanseite für mein neues Buch „Sternenreiter“ ist gerade einmal vier Wochen alt. Ich denke, sobald die ersten Leser das Buch in den Händen halten, wird auch dort einiges los sein.

Welche deiner Aktivitäten im Social Web kamen besonders gut an, welche floppten?

Zum Valentinstag habe ich eine Postkarten-Aktion mit Zitaten von mir gestartet. Ich rief Fans und Freunde dazu auf, mir via E-Mail mitzuteilen, an welche Liebste/welchen Liebsten ich die Karte schicken soll. Entweder sagten sie mir, was ich schreiben sollte, oder ich ließ mir etwas einfallen. Eine so große Resonanz hatte ich allerdings nicht erwartet! Insgesamt habe ich 1.231 Postkarten verschickt und eine gute Woche dafür gebraucht, sie zu schreiben. Der Flop war: Die Umsetzung kostete mich 677,05 € Porto und 80,20 € an gedruckten Postkarten. So wurde aus meinem geplanten Urlaub ein Postkartenurlaub. Das hatte ich mir anders vorgestellt. Doch als ich dann auf die Karten-Aktion ein unglaubliches schönes Feedback bekam, war alles wieder in Butter. Und: In Urlaub kann ich auch im nächsten Jahr fahren.

Die Idee war übrigens anscheinend so gut, dass Verlage diese kopierten und ähnliche Aktionen bei Facebook starteten. Nett fand ich, dass sie mich auch dazu eingeladen haben …

Siehst du zum Erscheinen von „Sternenreiter“ eine besondere Aktion im Social Web vor?

Ja, zusammen mit meinem Verlag haben wir uns zur Veröffentlichung etwas Besonderes ausgedacht. Alle, die am Erscheinungstag mein Buch „Sternenreiter“ kaufen bzw. bestellen, können ein Wochenende für zwei Personen in Neuharlingersiel an der Nordsee gewinnen. Dort habe ich mein neues Buch geschrieben. Abends werde ich die Gewinner besuchen und zu einem zünftigen norddeutschen Essen bei Meeresblick einladen. Alle, die bei der Aktion mitmachen, aber nicht den Hauptgewinn bekommen, schicke ich als „Danke schön“ eine handgeschriebene Sternenreiter-Postkarte mit einem Buchzitat. – Im Postkarten -Schreiben bin ich inzwischen ja gut geübt. Und: Diesmal auch viel besser darauf vorbereitet.

Hast du Erfahrungen mit Kostenlos-Aktionen im Netz gesammelt?

Nein! Habe ich nicht. Werde ich nicht! Oder denkst Du, dass ein Fischer, der einen besonders großen Hecht ans Land zieht, diesen kostenlos anbieten würde? Schreiben ist das Schönste der Welt und ich bin dankbar, dass ich es machen darf. Aber: Bisweilen ist es sehr harte Arbeit. Und für Arbeit sollte man entlohnt werden!

Social Media ist sehr zeitaufwändig. Wie sieht dein Pensum aus?

Ja, das ist wohl wahr. Ich versuche mir am Tag mindestens eine Stunde Zeit dafür einzuräumen. Meistens wird es aber mehr. Da mir viele Personen auch persönliche Nachrichten schreiben, Fragen haben, Infos erfahren wollen, nehme ich mir die Zeit, die dafür gebraucht wird. Ohne meine Fans und Leser wäre ich nicht da, wo ich jetzt stehe. Es ist mir wichtig, ihnen einen Teil zurückzugeben.

Kannst du dich ruhigen Gewissens ausloggen oder treibt es dich dann doch wieder zum Rechner bzw. dem Smartphone?

Wenn ich mich ausgeloggt habe, dann bleibt das auch so. Ich nutze mein Smartphone nicht, um weiter online zu bleiben. Dann wende mich meiner eigentlichen Arbeit, dem Schreiben zu. Ich gehe zwischendurch ans Meer, laufe meine Kilometer, um den Kopf frei zu bekommen und den Körper in Bewegung zu bringen. Das bewirkt bei mir Wunder. Es passiert oft, dass mir dabei Ideen für neue Projekte durch den Kopf geistern. Die schreibe ich bei Heimkunft dann gleich nieder. – So wäre es ein perfekter Tag. Bloß: Wann ist ein Tag einmal perfekt?

Was sollte man als Autor im Social Web unterlassen? Wo verortest du Risiken?

Das Social Web ist so etwas wie eine große Spielwiese für Jung und Alt. Ich achte darauf, dass Persönliches auch persönlich bleibt. Ich möchte nicht, dass meine Freunde und Fans wissen, wann und wo ich mein Krabbenbrötchen mit einer Flasche Jever herunter spüle, oder wann und wo ich einen Kaffee trinke. Klar ist aber auch, dass man – bis zu einem gewissen Teil – seine Fans und Freunde an seinem Leben teilhaben lassen sollte. Das ist ein schmaler Grat. Das habe ich erst vor kurzem erfahren. Bei einer Vorsorgeuntersuchung wurde bei mir ein Tumor unter der linken Axilla festgestellt, der nach innen gewachsen war und 15cm groß war. Er hatte sich vor dem Nervenstrang des linken Armes breit gemacht. Es bestand die Gefahr, dass der Arm gelähmt bleiben und sich der Tumor als bösartig herausstellen könnte. Am Ende ist glücklicherweise alles gut gegangen. Keine dieser düsteren Prognosen traten nach der Operation ein. Ich war lange hin- und hergerissen, ob ich darüber schreiben soll.

Ich entschloss mich schließlich, es zu machen. Mein Gefühl sagt mir, das ich Verantwortung gegenüber meinen Lesern und Fans habe. Ich wollte ihnen mitteilen, wie wichtig es ist, an Vorsorgeuntersuchungen teilzunehmen, auch dann, wenn man sich körperlich topfit fühlt. Mein Arm, und vielleicht auch mein Leben, wurden dadurch gerettet. Das Feedback auf meine ehrliche Botschaft war enorm. Es hat mich bestätigt, dass meine Entscheidung die richtige gewesen ist!

Man muss lernen, abzuwägen, was will und kann ich im Social Web verbreiten bzw. unterlassen? Im Endeffekt muss ein jeder für sich selbst, sein Handeln und Tun gerade stehen. Auch im Social Web.

Wie regelst du Fragen der Erfolgskontrolle?

Das beantworte ich mit einem Zitat von mir: „Erfolg ist das, was wir fühlen, aber manchmal nicht sehen können.“ Punkt. Aus.

Ein schöner Schlusspunkt, Jando. Danke vielmals für deine offene Rede und Antwort.

.

Wer mehr über den Geschichtenerzähler von der Nordsee erfahren möchte, findet Jando hier im Netz:

Jandos Homepage

Jandos Seite bei Amazon, Jando bei MySpace,  Jando bei twitter

Homepage des Debüts „Windträume“

Jando bei Facebook: „Jando Schriftsteller“ „Jando Autor“ „Windträume“ und

das neue Buch „Sternenreiter“, das am 24. Juli erscheint

_____________________________________________________________________________________________________

Vorschläge, wer in der losen Interview-Reihe „Steglitz fragt … bei Autoren nach“ auch zu Wort kommen könnte, nehme ich gerne entgegen. Mich interessiert: Wie gehen Autoren mit den Entwicklungen infolge der Digitalisierung um? Welche neuen Wege nutzen sie, wo sehen sie Chancen und Risiken?

Demnächst steht die Autorin, Übersetzerin und Bloggerin Petra van Cronenburg hier Rede und Antwort.

Auf den Stapel gebracht. Oder: „Ich hasse kostenlos!“ (Sibylle Lewitscharoff)

Stapelware. Kein schönes Wort. Für mich jedenfalls nicht. Ich assoziiere damit Billigware: Ausverkauf, Ramsch. Für den raschen Verbrauch produziert. Nix Nachhaltiges und Wertiges. Und: Kultur verbinde ich mit Marketingstrategien à la „Alles muss raus!“ ganz und gar nicht.

Der Buchmarkt freilich will mir anderes weismachen: Dass Quantität Qualität ist. So ich nicht die kleine, wohl sortierte Buchhandlung aufsuche, zählt hier offenbar nur noch das, was sich möglichst hoch stapeln lässt. Masse statt Klasse. Auf Tischen und Paletten getürmte Gebrauchsgegenstände, die man (nach der Lektüre) zum Altpapier geben kann. Und die Programmverantwortlichen in den Verlagshäusern geben bisweilen sogar öffentlich zu, dass sich nur das rechnet, was sich stapelweise in den Handel „reinstellen“ lässt. Dass sich Gewinne nur mit Quantität, statt mit Qualität machen lassen.

Mit Wehmut denke ich an meine Kindheit und Jugendjahre zurück. Da war das Buch noch keine Stapel-, sprich: austauschbare Massenware. Und die Verlage auch nicht auf dem Weg zu einer Monokultur, die auf Umsatzbringer aus ist. Damals drehte sich im Buchmarkt noch nicht Alles um die sogenannten Schnelldreher, jene Titel nämlich, von denen angenommen wird, dass sie weggehen wie „geschnitten Brot“.

Bücherstapel stießen mir damals höchstens beim Aufräumen meines Zimmers unangenehm auf. Buchhandlungen präsentierten Bücher mehrheitlich wertig. Und der Ausdruck Stapelware wurde dort lediglich im Zusammenhang mit Mängelexemplaren gebraucht, die von der Buchpreisbindung ausgenommen waren. Gebrauchte Bücher und Auflagen, die länger auf dem Markt waren, wurden als sogenannte Stapelware auf ausgewiesenen Tischen zu Sonderpreisen verkauft. Das ist vorbei. Heute wird gestapelt, was das Zeug bzw. Tisch und Palette halten. Doch, sage ich mir zu meiner Beruhigung, wie sagt der Volksmund so schön: Wer hoch fliegt, der fällt auch tief!

Bestseller Sarrazin bei Hugendubel in der Steglitzer Schloßstraße. (c) Gesine von Prittwitz

Wie konnte es denn zum permanenten Ausverkauf kommen, den uns die Buchbranche seit Jahren signalisiert? Ein Grundstein wurde wohl vor 30 Jahren gelegt, als sich die ersten Filialisten anschickten, an der Auslage des Buches zu feilen. Mit den Best-Sellern, den Schnelldrehern, die die großen Ketten und Kultur-Kaufhäuser auf immer höher wachsenden Stapeln darboten, setzte ein Prozess ein, der die „geheiligte Ware Buch“ (B. Brecht) heute ziemlich gerupft aussehen lässt. Und die Verlage, die der Einkaufspolitik der großen Filialisten entsprachen? Auch sie haben ihren Anteil daran, dass der Ruf des Buches Schaden nahm.

„Nur dann, wenn ich Geld bezahle, weiß ich, dass ich ein Buch will. Ich hasse kostenlos!“, soll Sibylle Lewitscharoff laut einem Tweet am 21. Juni auf den Buchtagen Berlin 2012 verlautbart haben. Das kann man so stehen lassen. Wäre da nicht eine Frage offen: Leistet derjenige, der Bücher jahrzehntelang weit unter Wert handelt und präsentiert, nicht genau jener Kostenlosmentalität Vorschub, die die Protagonisten der Buchbranche derzeit fürchten wie der Teufel das Weihwasser?

Das ramponierte Image, das die Branche zu weiten Teilen selbst verschuldet hat, vermag das geltende Urheberrecht sicherlich nicht aufzuhübschen. Ob eine PR-gestützte (Marketing-) Kampagne, die der Börsenverein auf den Buchtagen plante, das Ansehen des Buches und der Branche wieder aufzurichten vermag, mag man ebenfalls anzweifeln. Eine Kehrtwende zeichnet sich allenfalls deshalb ab, weil Filialisten zunehmend einräumen müssen, dass Bücher keine Schnelldreher sind, die stapelweise weggehen wie „warme Semmeln“.