„Entweder es gab das Buch – oder eben nicht.“ – Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Entwicklung des DDR-Buchhandels und dessen Strukturwandel infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Nachdem uns Maritta Tanzer, Heike Wenige und Holger Brandstädt einiges haben wissen lassen, teilt nun Simone Zopf ihre Erinnerungen. Sie kam 1981 als Lehrling zum volkseigenen Buchhandel und blieb dem Beruf über 30 Jahre treu. – Zum ersten Teil unseres Gesprächs geht es hier.

Nach der Lehrzeit wurdest du von „Das Gute Buch“ in Halle übernommen. War das dein Wunschbetrieb?

Nein. Am allerliebsten hätte ich schon damals im Antiquariat gearbeitet. Das Antiquariat Halle, unter der Leitung des sehr geschätzten Kollegen Herrn Wolff, war eine (gefühlte) Insel inmitten des real existierenden sozialistischen Buchhandels. Die alten Bücher und der schöne, alte Laden versprachen große Freiheit.

Als junge Buchhändlerin warst du für die Sortimente Fachbuch und Gesellschaftswissenschaften, und damit auch für die Parteiliteratur, zuständig. Waren solche Titel in den späten 1980er überhaupt noch gängig?

Simone Zopf © privat

Simone Zopf © privat

Was heißt gängig? Die waren einfach da. Die Parteiliteratur war für alle verpflichtend, die in der Partei oder parteinah waren. Sie wurde für das sogenannte Parteilehrjahr gebraucht. Auch Studenten mussten für diese Bücher ihr Geld ausgeben. Zum Beispiel: „ Bericht des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands an den X. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Berichterstatter Erich Honecker“. Davon wurden tausende Exemplare verkauft. Aber auch gelesen??

Manches in diesem Segment haben wir unter uns auch umgedichtet. Aus Friedrich Engels „ Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ wurde „Der Affe auf dem Weg zur Arbeit“. Erich Honecker Biografie „ Mein Leben“ hieß unter Buchhändlern auch schon mal „ Aus dem Leben eines Taugenichts“. – So ganz ernst genommen haben wir das alles nicht.

Obschon es immer schwieriger wurde, ideologische Traktate an den Mann und die Frau zu bringen, war Planerfüllung wichtig. Wie seid Ihr verfahren, wenn absehbar war, dass der Umsatz von Parteiliteratur nicht stimmte?

Nichts. Wie auch? Aktiv verkaufen war nicht. Vielleicht im Kundengespräch: „Ach übrigens gibt es jetzt so ´ne neue Broschüre zum Parteitag, tolles Vorwort und gute Argumente“. Nee, das hat niemand gemacht und niemand gewollt. Am Ende war es ja auch egal, ob der Umsatz gestimmt hat, oder nicht. Ging ja trotzdem weiter. Naja, zumindest bis 1989.

Welche Titel waren während deiner Zeit besonders schwer zu beschaffen und welche lagerten wie Blei?

Interessante Fragestellung. Weil: „schwer zu beschaffen“ impliziert ja, dass es möglich war, Titel zu besorgen. Abgesehen von einigen Fachbüchern war aber nichts zu beschaffen. Entweder es gab das Buch – oder eben nicht. Das, was es gab, wollte keiner und das, was die Kunden wirklich wollten, gab es nicht.

Bückware. Gingen in eurem Betrieb auch Bücher unter der Ladentheke weg? Erinnerst du dich noch daran, was besonders begehrt war?

Wo soll ich anfangen, wo aufhören? Immer Mangelware: Autoatlanten (es gab nur zwei: einen großen, einen kleinen), Gartenbücher, Bildbände (Edition Leipzig, Seemann), Belletristik westdeutscher Autoren, kritische ostdeutsche Autoren, Bilderbücher, Lexika, Wörterbücher, Reiseliteratur etc. etc. Es gab in der Buchhandlung einen sogenannten „Giftschrank“, in dem Exemplare der besonderen Art, weil selten und somit tauschbare (!) lagerten. Über diese verfügten die Abteilungsleiter/Buchhandelsleiter.

Wie haben die Kunden reagiert, wenn Wunschlektüre partout nicht lieferbar war?

Fatalistisch. Die Kunden kannten es nicht anders. Bitter, aber wahr. Dafür war die Freude umso größer und wirklich echt, wenn sie dann tatsächlich einmal ein Buch in die Hände bekamen, das sie schon so lange haben wollten. Dafür haben wir Buchhändler auch schon mal gesorgt. Viele Kunden kamen täglich, um nach dem gewünschten Buch nachzufragen. Oft gab es eben nur 1 – 3 Exemplare für die Buchhandlung. Und so war das Buch eben „durch“, d.h. vergriffen, wenn der Kunde dann am nächsten Tag kam. Da wir unsere Kunden gut kannten, haben wir bisweilen (unerlaubt) das Buch auf einen fiktiven Namen ins Abholfach gestellt und es dem Kunden dann gegeben. – Jetzt, wo ich darüber nachdenke, erscheint mir dieses Leben und dieses Arbeiten kaum mehr vorstellbar.

Wie lief das mit den Vorbestellungen?

Im „Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel“ gab es die Beilage „Vorankündigungsdienst für den Buchhandel“ (VD). Dieser enthielt die Anzeigen der Erst- und Nachauflagen sechs Wochen vor dem Erscheinungstermin der Titel. Das war praktisch das einzige Arbeitsmittel für Titelneuankündigungen und auch die einzige Informationsquelle für die Kunden. Wir haben ca. 20 Titel ausgewählt und an ein Brett gehangen.

Diese Titel konnten die Kunden dann tatsächlich bestellen. Bestellen hieß hier allerdings auch noch nicht bekommen. Bei reinen Fachbüchern war es vergleichsweise einfacher mit der Bestellung, hier war auch mal eine Nachbestellung möglich.

Zu den wirklich begehrten Büchern wie Autoatlanten, Garten- oder Eisenbahnbüchern gab es, wenn sie denn im VD angezeigt wurden, manchmal eine Vormerkerliste. Das funktionierte dann beispielsweise so: auf die Liste konnten ca. 30 bis 50 Kunden eingetragen werden. Das war noch keine Bestellung mit Anspruch auf Erhalt. Die Kunden wussten das, waren aber froh, schon einmal auf einer Liste zu stehen. Die Buchhandlung konnte die Titel nach Anzeige im VD bei LKG ordern. Die Bestellzahlen allerdings waren utopisch. Es wurden 1000 Exemplare bestellt. Davon wurden vielleicht 60 in die Buchhandlung geliefert. Von diesen kamen 10 in den „Giftschrank“, 20 waren für Kollegen, ebenso viele für die die ersten 20 Kunden auf der Liste und der Rest war für den Freiverkauf im Laden bestimmt, wenn es gut lief.

Dieses absurde Bestellverhalten führte dazu, dass eines schönen und wundersamen Tages von 999 bestellten Kochbüchern doch tatsächlich, warum auch immer, eine große Palette mit circa 600 Exemplaren in der Buchhandlung eintraf. Das Erstaunen und die Freude für uns und die Kunden war groß. So hatten wir doch mal einen Nachmittag und auch noch am folgenden Vormittag ein sehr begehrtes Kochbuch tatsächlich vorrätig.

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Nach dem Abschluss der Polytechnischen Oberschule (POS) absolvierte Simone Zopf (geb. 1965) zwischen 1981 und 1983 ihre buchhändlerische Lehre in Halle/Saale bei „Das Gute Buch“, der größten Volksbuchhandelsfiliale im Bezirk Halle. Nach der Übernahme durch ihren Ausbildungsbetrieb war sie dort für die Sortimente Fachbuch und Gesellschaftswissenschaften zuständig. Umzug nach Erfurt, wo sie ab 1988 im „Antiquariat des Volksbuchhandels“ tätig war. Die Leiterin des Antiquariats, das damals fünf Mitarbeiter hatte, wagte nach der Wende den Schritt in die Selbstständigkeit.

1992 kam Simone Zopf zu „Peterknecht“. Dort war sie 20 Jahre lang beschäftigt; zunächst für das Fachbuch verantwortlich, in späteren Jahren dann für Belletristik und als 1. Sortimenterin. Im Sommer 2012 holte ein junger Berufskollege die erfahrene Buchhändlerin in seine Buchhandlung „Die Eule“ nach Weimar. Nach 30 Berufsjahren brauchte Simone Zopf dann frischen Wind; nach ersten Erfahrungen als Verlagsvertreterin in 2015 möchte sie zukünftig hier anknüpfen.

„Wir Buchhändler haben im Grunde mit viel Aufwand den Mangel verwaltet.“ – Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Entwicklung des DDR-Buchhandels und dessen Strukturwandel infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Nachdem uns Maritta Tanzer, Heike Wenige und Holger Brandstädt einiges haben wissen lassen, teilt nun Simone Zopf ihre Erinnerungen. Sie kam 1981 als Lehrling zum volkseigenen Buchhandel und blieb dem Beruf über 30 Jahre treu.

Warum hast du dich für den Beruf des Buchhändlers entschieden?

Ich konnte lesen – das war schon einmal ein guter Anfang. Buchhändler war der einzige Beruf, den ich wirklich lernen wollte. Die Vorstellung der großen, offenen, vielfältigen Welt der Bücher und Schriftsteller hat mich fasziniert. In der Schule war ich eine der wenigen, die Literaturunterricht spannend fanden, fast ein Exot in meiner Klasse und so hoffte ich, in der Berufsausbildung Gleichgesinnte zu finden, denen Bücher so viel bedeuteten wie mir. An der Berufsschule für Buchhändler in Leipzig und auch in der Buchhandlung in Halle habe ich genau dies in einigen (wenigen) Lehrern, Kollegen und Mitschülern gefunden. Wir haben sehr viel gelesen, mit und für Bücher gelebt und diese wertgeschätzt.

Die Verlage und der Buchhandel gehörten zum kulturellen Bereich in der DDR, so wie Film, Theater, Kunst, Bibliotheken und Museen.

Selbstverständlich war es in der DDR nicht, dass man seinen Wunschberuf ergreifen konnte …

Nein, das war es nicht. Für meinen Jahrgang war genau eine Ausbildungsstelle als Buchhändler im zentral herausgegebenen Lehrstellenverzeichnis der Stadt Halle verzeichnet. Jeder Schüler erhielt in der 9. Klasse eine einzige Bewerberkarte und nur mit dieser konnte man sich auf genau eine Stelle bewerben.

War dir bewusst, dass dem Buchhandel eine erzieherische Funktion zugedacht war und er dementsprechend auch in der Pflicht stand, politisch genehme „Schwerpunkttitel“ zu vertreiben?

Nein, in diesem frühen Stadium nicht. Allerdings haben wir davon in unserer Ausbildung schnell und umfassend erfahren. Aber verinnerlicht? Eher nicht. Es gab in der DDR ein „Lehrbuch für Buchhändler“. Daraus konnte ich lernen, zum Beispiel dass „Die Triebkraft im kapitalistischen Verlagswesen und Buchhandel ist das Streben nach Profit“ während „In der sozialistischen Gesellschaf (es) Aufgabe des Verlagswesens und Buchhandels (ist), zur immer besseren Befriedigung der ständig wachsenden materiellen und kulturellen Bedürfnisse der Bevölkerung beizutragen“. Worthülsen angesichts der Realität in der DDR und der Arbeitswirklichkeit in den Buchhandlungen.

Wie sah denn die Wirklichkeit in der Buchhandlung aus?

LKG Umfrage Ende 1960er Jahre (1)

LKG Umfrage Ende 1960er Jahre (1)

Die Buchhandlung war alt, schlecht zu heizen, durch Umbauten im sozialistischen Stil verhunzt, z.B. Kassenhäuschen mit Glasscheibe wie in der Kaufhalle. Die Kunden durften nur mit einem am Eingang bereitstehendem Korb durch den Laden gehen (Anzahl limitiert), mussten die Bücher kaufen, die halt gerade da waren und dann die gekauften Bücher selbst einpacken (wenn Papier da war). Kundenservice Fehlanzeige. Tatsächlich war der Kunde nicht willkommen. Das war DDR Alltag.

Auf ungefähr 400 qm Verkaufsfläche kamen 40 Mitarbeiter (Laden, Büro, Hauptkasse, Hausmeister, Wareneingang, Abholfach, Parteileitung, Buchhandelsleiter….) Viele Mitarbeiter und doch wurde nicht genug gearbeitet. Und wir als Buchhändler haben im Grunde mit viel Aufwand den Mangel verwaltet.

Wie schätzt du deine Lehrzeit bei „Das Gute Buch“ im Rückblick ein?

Anfangs eröffnete sich mir tatsächlich eine neue, weite Welt. Ich lernte noch einige Kollegen aus der alten Buchhandelszeit kennen, vielleicht kann ich sie als bürgerlich bezeichnen, die waren irgendwie anders, nicht politisch durchdrungen, normal eben. Im Unterschied zu den jüngeren, politisch gebundenen Kollegen, die selbst schon die Stufen der politischen Erziehung durchlaufen hatten. Dazu kamen wir – Lehrlinge und sogenannte Jungfacharbeiter. Wir waren doch sehr anders (meinten wir jedenfalls damals) und haben versucht in diesen, für uns antiquierten Strukturen neue Wege zu finden. Aber vieles war so eng, so begrenzt, so unbeweglich. Andererseits waren wir irgendwie ganz normale Kollegen, haben gelacht, gestritten, gefeiert und ein bisschen gearbeitet 🙂

Gab es etwas, was dich als Lehrling besonders „genervt“ hat?

Die Arbeitszeit von 8,45 Stunden plus Pausen war in 2 Schichten eingeteilt. 7:00 Uhr bis 16:30 Uhr oder 9:00 Uhr bis 18:00 Uhr. Früh 7 Uhr (!) wurde mit Staubtuch, Wasser und Lappen alles durchgeputzt. Jeden Tag. Alle Regale. Im Alter von 16/17 Jahren empfand ich das als ziemlich sinnlos. Das ganze Land war dreckig und ich sollte um 7 Uhr morgens dagegen ankämpfen…

So habe ich sehr gern und oft meinen Dienst gegen die Spätschicht getauscht, oder einfach länger geschlafen. Natürlich gab es dann auch Ärger, aber who cares, niemand konnte entlassen werden in der DDR. Immerhin habe ich so meinen Ausbildern eine gute Gelegenheit verschafft, an mir im Sinne des Sozialismus erzieherisch tätig zu werden….

Wie bewertest du den theoretischen Unterricht an der Leipziger „Berufsschule für Buchhändler“ aus heutiger Sicht?

LKG Umfrage Ende 1960er Jahre (2)

LKG Umfrage Ende 1960er Jahre (2)

Das war eine inhaltlich sehr gute, fundierte, umfangreiche Ausbildung. Sehr besonders waren die Fächer „Literaturkunde“ und „Wissenschaft und Technik“. In Literatur wurden uns sehr gründlich Literaturkenntnisse aller Epochen vermittelt. Hauptaugenmerk lag allerdings auch hier auf der sozialistisch geprägten Literatur: sozialistischer Realismus, Bitterfelder Weg, Sowjetliteratur oder den bürgerlichen Schriftstellern, die ins ideologische Bild der DDR passten bzw. passend gemacht wurden wie zum Beispiel Arnold Zweig.

Das Fach „Wissenschaft und Technik“ unterrichtete eine sehr kluge, für uns allwissende Lehrerin. Hier ging es nur um Fakten. Basiswissen aus wirklich allen Fachgebieten. Medizin, Technik, Bergbau, Sprachen, Philosophie, Pädagogik, Chemie… Die ganze Bandbreite des Sortiments und das ganze praktisch unpolitisch. Eine Oase in der Ausbildungszeit. Die Tiefe und Breite dieses Unterrichts war genau die Art von Horizonterweiterung, die ich brauchte. Je mehr ich hörte, desto mehr wollte ich wissen und lesen und diskutieren und dabei sein. – Im Laufe des Buchhändlerjahre kam dann allerdings die Erkenntnis: Das Wissen eines Buchhändlers ist Fußballfeld groß, aber nur Spatentief. 😉

Welchen Anteil hatte die Staatsbürgerkunde im Rahmen deiner Ausbildung?

Kannten wir alles schon aus vier Schuljahren an der POS. Da war Staatsbürgerkunde auch schon langweilig. Es gab kein Entrinnen. Allerdings versuchten wir im Unterricht immer zu diskutieren. Die Klassenstruktur war recht durchmischt, kirchlich Gebundene, politisch Korrekte, Suchende, Zweifelnde und Gleichgültige, denen eine politisch linientreue Staatsbürgerkundelehrerin gegenüberstand. Die Diskussionen hörten an der Schultüre nicht auf. Hier prallten Welten aufeinander. Aber es war spannend.

Worauf wurde während deiner Ausbildung besonders großen Wert gelegt?

Die Ausbildung allgemein war schon darauf angelegt, aus uns nützliche Glieder der Gesellschaft zu schmieden. Egal, was gearbeitet wurde – Bücher verkaufen, Straßenbahn fahren, Häuser bauen – das waren offiziell nicht einfach nur Tätigkeiten, nein, alles wurde politisch überhöht und sollte immer ein Kampf für Frieden und Sozialismus sein. Ich hatte aber auch das Glück, noch auf einige ältere, erfahrene Buchhändler zu treffen, die mir weitab vom Politischen noch etwas vom ursprünglichem Beruf des Buchhändlers lehren konnten: Wissen, Zuhören, Belesenheit, Klugheit, Umgang mit Menschen, Integrität.

Schlussendlich haben wir unsere Arbeit getan. Die große Aufgabe – Sozialismus bla, bla – hat uns in der täglichen Arbeit nicht interessiert.

Was war während deiner Lehrzeit Pflichtlektüre?

Zwischen ungeliebten Ladenhütern (hohe Auflagen, praktisch immer in der Buchhandlung verfügbar) – Willi Bredel, Hans Marchwitza, Erik Neutsch – und begehrten Büchern (kleine Auflage, selten zu haben) – de Bruyn, Cibulka, Fritz Erpenbeck, Christa Wolf, Christoph Hein, Heiner Müller – gab es die breite Masse an Titeln, die so schlecht nicht war und in Ermangelung besserer Bücher gekauft wurde. Zwischen all diesen Titeln lag auch unsere Pflichtlektüre. Sehr viel Wert wurde auf Buchbesprechungen gelegt. Die haben wir sehr oft geschrieben. Manchmal nicht gern …

Spielten die „Ordnung für den Literaturbetrieb“ und das „Statut für den Volksbuchhändler“ noch eine Rolle?

Wenn es diese Ordnung gab, sollte ich davon während meiner Buchhändlerzeit gehört haben. Allerdings scheint es mich nicht nachhaltig beeindruckt zu haben, bzw. war es für die tägliche Arbeit nicht von Belang, sodass mir die Inhalte in Vergessenheit geraten sind. Während der täglichen Arbeit war es eben doch wichtiger, die Kartei ordentlich zu führen, ohne Differenzen an der Kasse zu arbeiten, Buchlaufkarten korrekt auszufüllen oder Bücher auf einer Palette so aufzubauen, dass sie nicht umfielen. Vielleicht stand das ja drin. Dann habe ich doch etwas daraus gelernt 😉

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Nach dem Abschluss der Polytechnischen Oberschule (POS) absolvierte Simone Zopf (geb. 1965) zwischen 1981 und 1983 ihre buchhändlerische Lehre in Halle/Saale bei „Das Gute Buch“, der größten Volksbuchhandelsfiliale im Bezirk Halle. Nach der Übernahme durch ihren Ausbildungsbetrieb war sie dort für die Sortimente Fachbuch und Gesellschaftswissenschaften zuständig. Umzug nach Erfurt, wo sie ab 1988 im „Antiquariat des Volksbuchhandels“ tätig war. Die Leiterin des Antiquariats, das damals fünf Mitarbeiter hatte, wagte nach der Wende den Schritt in die Selbstständigkeit.

1992 kam Simone Zopf zu „Peterknecht“. Dort war sie 20 Jahre lang beschäftigt; zunächst für das Fachbuch verantwortlich, in späteren Jahren dann für Belletristik und als 1. Sortimenterin. Im Sommer 2012 holte ein junger Berufskollege die erfahrene Buchhändlerin in seine Buchhandlung „Die Eule“ nach Weimar. Nach 30 Berufsjahren brauchte Simone Zopf dann frischen Wind; nach ersten Erfahrungen als Verlagsvertreterin in 2015 möchte sie zukünftig hier anknüpfen.

„Der Begriff ‚Leseland‘ müsste neu aufgerollt werden.“ Gespräche mit ehemaligen Volksbuchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Entwicklung des DDR-Buchhandels und dessen Strukturwandel infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Nachdem uns Heike Wenige und Holger Brandstädt einiges haben wissen lassen, teilt nun Maritta Tanzer ihre Erinnerungen. Sie kam 1961 als Lehrling zum volkseigenen Buchhandel und ist bis zu ihrem Renteneintritt im Jahr 2007 eine Buchhändlerin aus Leidenschaft geblieben.

Frau Tanzer, im ersten Teil unseres Gespräches (den man hier nachlesen kann) haben wir u.a. auch darüber gesprochen, welche Titel im Sortiment häufig gefehlt haben. Was ging bei Ihnen wie „geschnitten Brot“?

Doppelbödige Texte. Sozialistische Gegenwartsliteratur, die versteckte Kritik übte, die ging „wie geschnitten Brot“, auch „unter dem Ladentisch“ weg. Hermann Kants „Aula“, Christa Wolf, Brigitte Reimann, K.H. Jacobs, die Strittmatters, um hier nur einige gängige Autoren aus meinen Anfangsjahren im Buchhandel zu nennen. Unvergesslich bleibt mir die Leipziger Herbst-Buchmesse im Jahr 1965. Vor dem ehemaligen Buchmessehaus am Alten Markt habe ich gemeinsam mit Erik Neutsch dessen Neuerscheinung „Spur der Steine“ verkauft. Etwa 200 Exemplare (natürlich mit Autogramm) gingen binnen kurzer Zeit weg. Das wäre heute ein Traumergebnis – und das mit Literatur, die im Zuge des Bitterfelder Weges entstanden ist.

War das alles nur „unter dem Ladentisch“ zu haben?

Kants „Aula“, 1965 erschienen, war anfangs sehr gefragt, später aber fast immer im Sortiment vorrätig. Auch Strittmatters Bücher gab es nicht nur unter dem Ladentisch – doppelbödig und aufregend war von ihm eigentlich doch nur „Ole Bienkopp“, erstmals 1963 erschienen. Doppelbödig war Christa Wolf. Nehmen wir beispielsweise ihren 1976 erschienenen Titel “Kindheitsmuster“, in dem der ganz normale Alltag im Nationalsozialismus ein Thema war. Erstmals in der DDR-Literatur war das ein Thema. Oder ihre „Kassandra” aus dem Jahr 1983 – die ersten Auflagen von diesem Buch gab es tatsächlich nur unter dem Ladentisch. Meine eigene “Kassandra”-Ausgabe hat eingeklebte Streifen. – Ich hatte mir die geschwärzten Stellen besorgt, abgeschrieben und in meine DDR-Ausgabe eingeklebt. Doppelbödige Texte, die sehr gefragt waren, gab es allerdings nicht nur bei der deutschen, sondern in der Perestroika-Zeit eher noch bei der sowjetischen Literatur. Da waren auch die Kinos zur “Woche des sowjetischen Films” rammelvoll. Daniil Granins „Sie nannten ihn Ur“ bekam man 1988 nur unter dem Ladentisch.

Sie haben ganze Passagen aus Büchern abgeschrieben?

Ich habe vieles abgeschrieben, ganze Bücher. Biermanns “Drahtharfe”, 1965 bei Wagenbach in West-Berlin erschienen, habe ich komplett in einer Nacht kopiert, weil ich das Buch am nächsten Tag an eine Ausstellerin aus der BRD zurückgeben musste.

Welche Möglichkeiten haben Sie darüber hinaus genutzt, um an Bücher zu kommen, die der Zensur zum Opfer gefallen waren?

Maritta Tanzer bei der Inventur © privat

Maritta Tanzer bei der Inventur (nach der Wende) © privat

1963 war bei „Volk und Welt“ erstmals Jewtuschenko erschienen – ein Gedichtband. Mir ist es mit Jewgeni Jewtuschenko ähnlich ergangen wie mit Wolf Biermann. Ich fand seine Texte faszinierend aufmüpfig. Wegen dem darin enthaltenen Gedicht „Babi Jar“, in dem Jewtuschenko dem Massenmord an Kiewer Juden im Jahr 1941 gedenkt, wurde der Titel einige Tage später eingezogen und auch aus den Bibliotheken entfernt. Leider waren die zwei, drei Exemplare, die wir von der Auslieferung erhalten hatten, bereits am ersten Tag verkauft. Ich hatte das Buch, aus welchen Gründen auch immer, leider verpennt. Zum Glück hatte ich damals eine Freundin an der Theaterhochschule, die es aus der dortigen Bibliothek ausgeliehen hatte, bevor es aus dem Bestand entfernt wurde. Es ging “verloren“ und musste deshalb von meiner Freundin bezahlt werden. Bis heute steht es mit Bibliotheksstemmpel in meinem Bücherschrank. Anderenfalls wäre es sicher eingestampft worden.

Wie lief das mit Titeln aus dem sogenannten nicht-sozialistischen Ausland?

Die Devisen, die nötig gewesen wären, um Rechte von westlichen Verlagen zu bekommen, waren ja mehr als beschränkt. Viele Kinderbücher und moderne Autoren konnten auch aus diesem Grund nicht oder nur in geringen Auflagen erscheinen. „Pippi Langstrumpf“ erschien in der DDR einmal in einer kleinen Taschenbuchausgabe. Wir erhielten sie so gekürzt, dass es gerade einmal für die Kinderbibliothek und die eigenen Kollegen mit Kindern oder Enkeln gereicht hat. Ähnlich war es zum Beispiel mit Büchern von Erich Kästner.

Wie sind Sie dennoch an Bücher von West-Verlagen gekommen?

In den Internationalen Buchhandlungen ließen sich manchmal Autoren aufstöbern, deren Rechte westliche Verlage innehatten. Der Sowjetunion war, wie Sie vielleicht wissen, das Copyright ziemlich wurscht. Über diesen Umweg konnte man an Titel in deutscher Sprache gelangen (meist lediglich mit einem russischsprachigen Vorwort versehen), die in der DDR nie erschienen wären. Ich besitze zum Beispiel Ausgaben von Remarque. Dessen Roman „Im Westen nichts Neues“ wurde im Original in der DDR ja erst 1989 veröffentlicht.

Entdeckergeist und Erfindungsreichtum waren demnach vom Buchhändler im starken Maße gefragt?

Wenn ich von mir und meinen langjährigen Kolleginnen ausgehe: Wir hatten immer viel Freude daran, lesbare Bücher für unsere Kunden aufzustöbern. Viele dieser Bücher, die vor der Wende oft, leider nicht immer, im Laden standen, sind heute vom Markt verschwunden. Diese Kostbarkeiten haben wir über die Jahre gehegt und immer wieder gerne verkauft. Eines davon ist heute noch mein Lieblingsbuch, nämlich „Der Fremde von Barra“ vom kanadischen Autor Fred Bodsworth. Die deutsche Übersetzung ist 1965 im Aufbau Verlag erschienen und leider nur noch antiquarisch erhältlich.

Der Bestand an lieferbaren Titeln war so übersichtlich, dass wir ausreichend Zeit für die Suche nach besonderen Büchern hatten. Und da gab es, wie heute auch, einige Entdeckungen zu machen, die man dem Kunden gerne vermittelte. Das war immer sehr schön für uns, wenn sich Kunden beraten lassen wollten. Neben den von ihnen angesprochenen Ladenhütern, gab es durchaus Nischenprodukte. Zum Beispiel aus dem LDPD-Verlag „Buchverlag Der Morgen“, die wir gern empfohlen haben. Wie viele andere DDR-Verlage existiert dieser Verlag heute auch nicht mehr.

Was ging nur mäßig über die Ladentheke?

Natürlich standen Bücher zur Geschichte der Arbeiterbewegung (Gotsche, Bredel und andere Namen), aber auch geförderte, mittelmäßige Autoren, die alle schon in der x-ten Auflage erschienen waren, wie Blei im Regal. Das betraf in erster Linie die Bücher aus dem Mitteldeutschen Verlag. Wir mussten Buchlaufkarten führen, um die Titel im Blick zu behalten und den Verkauf nachzuweisen. Abgesehen von einem gewissen Grundsortiment aus dem Dietz-Verlag hatten wir die Regale übrigens nie voller unverkäuflicher Literatur. Dabei halfen auch die Buchlaufkarten. Meiner Erinnerung nach gab es eher Zeiten, wo wir mangels Masse viele Bücher frontal gestellt haben.

Buchlaufkarten – ein Mittel zur Kontrolle?

Mittels der Buchlaufkarten sollten diese Titel immer wieder nachbestellt werden und am Lager gehalten werden. In Leipzig kamen regelmäßig zwei Autoren in die Buchhandlung, um zu kontrollieren, dass ihre Bücher auch im Sortiment standen – Hildegard Maria Rauchfuss und Ferdinand May (der Vater von Gisela May). Die haben sich dann beim Verlag beschwert, wenn sie ihre Bücher nicht im nicht Sortiment gefunden haben.

Die Leipziger Buchhandlung „Am Neumarkt“ war zu Ihrer Zeit Testbuchhandlung des Staatsverlags. Erhoben wurden dort Daten für die Programm- und Auflagenplanung.

Ja, genau. Die Volksbuchhandlung „Buch und Kunst“ in Dresden, wo ich meine buchhändlerische Lehre absolviert habe, war sogar für zwei Verlage Testbuchhandlung: Für den Verlag Bauwesen und den Transpress-Verlag für Verkehrswesen. Übrigens hatten nur die Testbuchhandlungen das vollständige Sortiment des jeweiligen Verlages vorrätig zu halten. In Leipzig, in der Buchhandlung “Am Neumarkt“, waren es der Verlag Wirtschaft und der Staatsverlag. Später in Freiberg dann der Verlag für Grundstoffindustrie. Etliche Titel dieses Verlages werden heute antiquarisch gesucht, weil es nichts Besseres für bestimmte Spezialgebiete gibt.

Wie war das mit der Parteiliteratur?

Die Genossen, die in den Betrieben die unselige Parteiliteratur verkaufen mussten, waren schon bemitleidenswert. Denn irgendwann hatten ihre Mitgenossen weder die Lust, das Zeug zu lesen, noch den Willen, es zu bezahlen, auch wenn es sich nur um Pfennigbeiträge handelte. Die Bestände stauten sich dann in den Buchhandlungen, was den Warenbestand belastete.

Zu DDR-Zeiten war das Buch nicht nur eine begehrte Ware, sondern auch ein beliebtes Tauschobjekt…

Der Begriff „Leseland DDR“, mit dem sich der Staat gerne geschmückt hat, müsste für meine Begriffe neu aufgerollt werden. Viele Kunden haben rare Titel bestellt, ob sie die je gelesen haben, weiß ich nicht. Für viele (nicht alle) waren Bücher Statussymbole oder auch Geldanlagen als Ersatz für Dinge, die sie sowieso nicht kriegen konnten (wie etwa Reisen, Konfektion, Elektronik). Mangels anderer Alternativen waren Bücher natürlich auch Geschenkartikel. Für uns Buchhändler – auch nicht für alle – waren sie bisweilen auch Tauschobjekte. Ja, irgendwann benötigten auch unsere Kinder einen neuen Anorak oder Vitamine im Winter. Und nach Ladenschluss war das eben nicht mehr zu bekommen.

Meine Skizze wirft mehr Fragen auf als sie Antworten geben kann. Wo haben Sie besonders viele Fragezeichen gesetzt?

Einige Punkte habe ich ja bereits angeschnitten. Besonders aufgestoßen ist mir, dass die Skizze den Eindruck erweckt, als sei der Alltag des Buchhändlers in der DDR freudlos gewesen. Trotz der geringen Auswahl, die es gab, und trotz aller Widrigkeiten, die ich erlebt habe, hat der Beruf des Buchhändlers in der DDR Spaß gemacht. Wir haben beileibe nicht den ganzen Tag an Partei und Regierung gedacht. Ich meine, dass Sie das in Ihren Ausführungen zu verbissen sehen. Ein wichtiger Grund ist zudem, dass die Kollegen sich lange kannten, über viele Jahre hinweg (in der Akademischen Buchhandlung in Freiberg sogar bis heute) zusammengearbeitet haben und viele Schwierigkeiten auch mit Humor umschifften. Ich glaube, solche „Kollektive“, wie sie in der DDR gang und gäbe waren, sind heute rar. Ich sehe nicht, dass wir damals groß gelitten hätten.

Auf jeden Fall möchte ich Ihnen vermitteln, dass ich (wie viele meiner Kolleginnen) trotz aller Widrigkeiten mit Leib und Seele Buchhändler war. Wenn wir uns heute treffen, sprechen wir weniger über die Schwierigkeiten, sondern eher über sehr lustige Weihnachtsfeiern, Wanderungen, Betriebsausflüge, die es so heute nicht mehr gibt. Und die – auch wenn angeordnet gewesen war, darüber einen Artikel für das Brigadetagebuch zu verfassen – ungeheuer Spaß gemacht haben.

Gibt es etwas, was Sie aus dem DDR-Buchhandel gerne in die Bundesrepublik „rübergerettet“ hätten?

Maritta Tanzer beim Verkauf © privat

Maritta Tanzer beim Verkauf (nach der Wende) © privat

Während meiner Zeit in der „Akademischen Buchhandlung“ existierte ein System von monatlichen Ausstellungen, die in den jeweiligen Speiseräumen der Betriebe in und um Freiberg herum stattfanden. Jeder Kollege war für zwei Betriebe zuständig. Für die Ausstellungen wurde monatlich Literatur gesammelt. Nur so konnte möglich gemacht werden, dass die Beschäftigten in den Betrieben wenigstens begrenzt zu Büchern kamen, die sie im Laden nie gesehen hätten. Der Andrang in der Mittagspause war immer irre. Und die Hemmschwelle für viele, die nie eine Buchhandlung betreten hätten, war beseitigt.

Fächer, in denen Bücher gesammelt wurden, existierten bei uns auch für die sogenannten Vertriebsmitarbeiter, für die ich in der „Akademischen Buchhandlung“ verantwortlich gewesen bin. Wir hatten circa 70. Das waren literaturinteressierte Mitarbeiter in Betrieben, Schulen, Instituten und Bibliotheken, aber auch in den umliegenden Dörfern, die Bücher im Namen unserer Buchhandlung verkauften. Dafür bekamen sie eine Aufwandsentschädigung. Bei uns waren es zehn Prozent. – Ich weiß, dass all diese Dinge im heutigen Buchgeschäft weder praktikabel noch nützlich wären. Ich möchte Ihnen anhand dieser Beispiele lediglich einige Besonderheiten des DDR-Buchhandels vor Augen führen.

Was stößt Ihnen im Vergleich zur DDR beim heutigen Literaturbetrieb auf?

Die Titelflut mit unendlich viel Müll, die Fokussierung auf die Bestsellerlisten, die Rückgabe vom Hardcover nach nur sechs Monaten, die Unmengen von Remittenden, besonders im Taschenbuchbereich, empfinde ich aus ökonomischer Sicht ähnlich wie das Entsorgen der überflüssig gewordenen Literatur in den stillgelegten Braunkohletagebau Espenhain um die Wendezeit. Man braucht Zeit zur Sortimentspflege, d.h. längere Verweildauer belletristischer Titel im Sortiment, damit sich der Buchhändler vertraut machen kann mit dem, was er verkaufen will. Und die Riesenbuchhandlungen, deren Sortimente die Leute fast erschlagen, sind auch nicht das, was ich mir als Buchhändler mal erträumt habe.

Liebe Frau Tanzer, herzlichen Dank für diesen Einblick. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir im Gespräch blieben.

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Maritta Tanzer (geb. 1944) absolvierte zwischen 1961 und 1964 ihre buchhändlerische Lehre in der Volksbuchhandlung „Buch und Kunst“ in Dresden. Bis in die heutigen Tage wird ihr damaliger Chef, Hans Führer, von den Ehemaligen als Vaterfigur verehrt. 1964 wechselte sie nach Leipzig in die Volksbuchhandlung „Am Neumarkt“, die 1967 mit der „Hinrichs’sche Buchhandlung“ zusammengelegt wurde. Neben ihrer Tätigkeit als Lehrausbilderin war sie dort für die Belletristik und das Kinderbuch zuständig.

Nach Differenzen mit der Bezirksdirektion des Leipziger Volksbuchhandels kam sie 1968 als Referentin bei der Abteilung Buchmarktforschung beim Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel (LKG) unter. 1969 schloss sie ein vierjähriges Fernstudium an der 1957 gegründeten „Fachschule für Buchhändler“ in Leipzig-Leutzsch ab, die seit 1960 berufsbegleitende Fernstudiengänge möglich machte. Die Schule war damals im selben Gebäude wie die „Fachschule für Bibliothekare Erich Weinert“ untergebracht war, die Lehrpläne und Dozenten waren jedoch andere. Die Fusion zur „Fachschule für Bibliothekare und Buchhändler Erich Weinert“ erfolgte 1985. Die Abschlüsse wurden erst weit nach der Wende vom Kultusministerium als Fachhochschulabschluss anerkannt.

1972 Umzug nach Freiberg, wo Maritta Tanzer zunächst in der Hochschulbibliothek der Bergakademie arbeitete. 1978 wechselte sie zur „Akademischen Buchhandlung für Montanwissenschaften“, bei der sie bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 2007 für die Ausbildung der Lehrlinge, die Betreuung der Vertriebsmitarbeiter sowie für die Sortimente Belletristik und Kinderbuch verantwortlich war.

 

„Der Weg Berlins zur Metropole dauerte doch länger als gedacht.“ Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Bedingungen des sozialistischen Literaturvertriebs und den Strukturwandel des ostdeutschen Buchhandels infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Einiges hat uns bereits Heike Wenige wissen lassen. Im ersten Teil unseres Gesprächs erinnert sich Holger Brandstädt an die Jahre 1989/90. Heute geht es um seine Erfahrungen infolge der Privatisierung des ostdeutschen Buchhandels und im letzten Teil werden wir u.a. über die wechselhafte Geschichte der „Friedrich-Wagner-Buchhandlung“ in Ueckermünde sprechen, die Holger Brandstädt 2001 übernommen hat.

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Neben anderen Filetstücken übernahm die „Berliner Buchhandelsgesellschaft Bouvier und Nicolai“ GmbH (BBN) im Juli 1990 das „Internationale Buch“. Welche Folgen hatte das?

Es kam westdeutsches Kapital in den Betrieb, dazu Know How. Die Pressesprecherin der BBN war Monika Grütters, jetzt Kulturstaatsministerin. Thomas Grundmann aus Bonn und Sönke Christiansen aus Hamburg, dazu Dieter Beuermann von der Nicolaischen in Berlin, da konnte man sich schon gut aufgestellt fühlen. Es gaben sich reihenweise Autoren die Klinke in die Hand und mit viel PR wurde versucht, die BBN-Läden als Platzhirsch zu etablieren. Was auch gelang, denn zum Anfang wagte kaum ein großes Buchhandelsunternehmen den Sprung nach Ostberlin. Erst mit dem Bau neuer Einkaufcenter kamen Mitbewerber in die Stadt.

Waren die Arbeitsplätze nach der Übernahme garantiert?

Erstmal ja, aber mit den ersten Filialschließungen kam es auch zum Personalabbau. Ich denke schon, dass versucht wurde, die Leute möglichst lange woanders unterzubringen. Letztlich war das aber nicht zu halten. Ich selbst war ganz gut aufgestellt, da verliert sich der Blick für die Kollegen leider. Einige sind aber wohl auch durch Studium und andere neue Lebenssituationen ausgeschieden. Die Welt war plötzlich größer geworden, da brauchten sie die Nische nicht mehr.

Wie schätzen Sie im Nachhinein das Joint Venture der Berliner Buchhandelsgesellschaft mit Bouvier und Nicolai ein?

Es war ein spannender Versuch, der Ost und West zusammenführte. Ich sehe noch meinen Filialleiter an einer Karte erklären, wie unser Einzugsgebiet sich denn in Zukunft zusammensetzen würde. Allerdings brauchte es dann noch über 20 Jahre bis dieses Szenario Wirklichkeit wurde und die Bewohner der Stadt die nun unsichtbare Grenze überschritten. Leider hatte die Buchhandlung diese Zeit nicht.

1990/91 haben Sie in Bonn und Köln Praktika bei Bouvier gemacht. Wie waren Ihre Erfahrungen?

Holger Brandstädt vor seiner Friedrich-Wagner-Buchhandlung © privat

Holger Brandstädt vor seiner Buchhandlung © privat

Die BBN wollte Synergien nutzen und ihre Mitarbeiter intern fit machen. Ich wurde für einen Austausch vorgeschlagen und habe dann mehrfach Wochen in den Bouvier-Flagschiffen verbracht. Die „Universitätsbuchhandlung“ in Bonn war meine erste Station. Ich war damals erst ein paar Monate im Buchhandel, aus dem Osten und noch dazu ungelernt. Auf beiden Seiten war die Unsicherheit wohl recht groß, was da auf einen zukam. In Bonn stand zu dieser Zeit ein Leitungswechsel an, vom klassischen Buchhandel zu einem sich ausschließlich an betriebswirtschaftlichen Zahlen ausgerichteten Unternehmen. Das Gleiche habe ich ein paar Jahre später bei Wohltat erlebt. – In beiden Fällen wurden die Firmen von den Prokuristen an die Wand gefahren. Das war eine wichtige Lehre für mich: Es geht nur mit den Mitarbeitern und, klar, insgesamt muss es sich rechnen, einzelne Teile müssen jedoch nicht immer sofort Gewinn abwerfen. Manches braucht Zeit und bringt erst auf den zweiten Blick etwas.

Das „Buchhaus Gonski“, wo Sie ebenfalls gelernt haben, galt in den 1990ern als ein Meilenstein im Kölner Buchhandel …

Das „Buchhaus Gonski“ war dann noch mal ein ganz anders Konzept als die Bonner Unibuchhandlung mit ihrem angeschlossenen wissenschaftlichen Verlag und der Kunstabteilung. Gonski war ein Buchkaufhaus mit Rolltreppe und Café – nur leider war der Kölner Neumarkt von Großbuchhandlungen umstellt. Die Fläche war sehr personal intensiv und alles andere als optimal zugeschnitten. Beide Buchhandlungen einte ein riesiges Angebot, das aber auch viel Tapete beinhaltete. In Bonn stand Reclam Stuttgart 1x numerisch und 1x alphabetisch geordnet – komplett! Und dann gab es noch ein paar Regale, in denen die besser verkäuflichen Titel der RUB standen. Neu war für mich der EDV gestützte Zugriff auf ein eigenes Zentrallager und der Umgang der Kollegen untereinander. Private Kontakte unter Mitarbeitern waren von der Firmenleitung nicht gern gesehen. Da war es schon etwas Besonderes dem Ostimport die abendliche Kneipenszene zu zeigen. Im Osten interessierte das keinen und natürlich waren wir Buchhändler untereinander befreundet. Wie auch immer, es war eine spannende Zeit. Ich wurde von den Kollegen in Bonn und Köln gut aufgenommen und hab mich wacker geschlagen – eine Erfahrung, die mich beruflich sehr stärkte.

In dieser Zeit haben Sie ein Fernstudium absolviert. Wurden Sie dabei aus Fördertöpfen unterstützt?

Das Studium wurde vom Landesverband Baden Württemberg und dem Börsenverein gefördert und veranstaltet. Neben Lehrbriefen und Aufgaben gab es Seminare in Leipzig und Stuttgart, eine interne Abschlussprüfung und daran anschließend eine bei der IHK in Berlin. Der Fernunterricht war eine gezielte Fördermaßnahme für Seiteneinsteiger überwiegend aus den neuen Ländern.

Im August 1992 kam das Aus für die „Berliner Buchhandelsgesellschaft Bouvier und Nicolai“ (BBN). Welche Folgen hatte diese Zäsur für Ihren Betrieb?

Schon zuvor mussten erste Filialen geschlossen werden, weil Mietverträge gekündigt wurden. Das „Gute Buch“ am Alexanderplatz gehörte dazu und die „Buchhandlung Unter den Linden“. Deren Leiter übernahm das „Internationale Buch“, setzte überall seine Leute aus Schlüsselpositionen ein und ging dann trotzdem baden. Die Chemie in der Buchhandlung stimmte nicht mehr, die Umsätze blieben hinter den Erwartungen zurück und die westdeutschen Partner wollten wohl ihr Engagement nicht bis ins Ungewisse ausdehnen. Der Weg Berlins zur Metropole dauerte doch länger als gedacht. Zuerst wurden nach Sozialplan vor allem junge Mitarbeiter entlassen. Diese fanden dann häufig wieder eine Anstellung. Wer durch Protegé oder aus Altersgründen bleiben durfte, hatte es anschließend deutlich schwerer.

Nach dem Zerfall der BBN kamen Sie zur Wohlthat’schen Buchhandlung GmbH; eine Gruppe, die durch Zukäufe in Ostdeutschland nach 1990 stark wuchs, inzwischen aber nicht mehr existiert. Wie haben Sie die Expansion damals wahrgenommen?

Ich arbeitete zuerst für Wohlthats in Berlin/Marzahn, später dann in Berlin/Weissensee und zuletzt als Filialleiter in Berlin/Friedrichshagen. Während der ganzen Zeit war die Transformation vom Alt68er-Unternehmen zum ’normalen‘ Buchdiscounter in Bewegung. Dazu trugen die Zukäufe im Osten wesentlich bei. In diesen herrschte eine ganz andere, eher autoritär geprägte Unternehmenskultur. Es gab Filialen, die vom Personalchef geführt wurden, dem leider viel zu früh verstorbenen Klaus Roggenhausen, und welche, die der Prokurist Ojars Baumeister leitete. Beide standen für völlig unterschiedliche Konzepte in der Personalführung. Der Kampf der Firmenleitung gegen die Bildung eines Betriebsrates zeigte, wie fern die linken Ideale in den 1990ern schon waren. Mit dem Tod des Personalchefs setzte der Prokurist sich in der gesamten Firma durch.

Um sich am Markt halten zu können, setzte Wohltat zunehmend auf preiswerte Bücher und ein selbstbedienungsorientiertes Konzept? Wie sind Sie damit klar gekommen?

Ganz gut. Es gab tolle Reste exklusiv bei Wohlthats, jede Filiale kaufte eigenverantwortlich ein und gerade die Ostberliner Filialen waren in vielen Fällen eben doch Kiezbuchhandlungen für ihre Kunden. Da gingen Kalender für 49,- DM zum Originalpreis über den Ladentisch, das Sortiment war breit gefächert, das Maß an Eigenverantwortung zu meiner Zeit noch hoch. Nach meinem Weggang gab es dann immer mehr zentrale Regulierung, man sieht ja was daraus geworden ist. Letztlich gab es aber auch ein paar Punkte (Ladeneinrichtung / Veranstaltungen / Personalführung), die ich persönlich anders gestalten wollte und das ging nur über den Weg der Selbstständigkeit.

Wohltat wurde dann von Weltbild übernommen …

Letztlich blieb ein Scherbenhaufen unter Weltbildägide. Was für ein Hohn: die Firma, die ihr Geld mit Titeln wie „Sex und Folter in der Katholischen Kirche“ und den „Bakunin-Tagebücher“ gemacht hatte, die einen wesentlichen Teil der Auflage des „Heimlichen Auges“ von Konkursbuch und Erotikwälzer von Taschen vertrieb, verkaufte sich an ein Konglomerat aus Soldatenseelsorge und katholischen Diözesen. Erotik wurde sofort aus dem Angebot genommen. Mit Titeln wie „Wölfe im Eismeer“ und „Die deutschen Stukka-Asse“ hatte Weltbild leider deutlich weniger Berührungsängste. Die hätte es bei Wohltat nie gegeben. Ich erinnere mich an stundenlange Diskussionen, ob man den Leni Riefenstahl Band von Taschen denn nun anbieten solle oder nicht. Letztlich sprach sich die Mehrheit der Wohlthat-Filialleiter dagegen aus.

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Der ausgebildete Koch Holger Brandstädt (geb. 1966) fing im September 1989 als ungelernte Kraft im „Internationalen Buch“ in der Spandauer Straße in Berlin/Mitte an. Eingestellt wurde er von Gerald Nußbaum, dem damaligen Direktor des Ostberliner Volksbuchhandels, der zu DDR-Zeiten unter dem Namen „Berliner Buchhandelsgesellschaft“ firmierte. 1989 gehörten circa 64 volkseigene Buchhandlungen zum Verbund.

Nußbaum trug sich bereits früh mit dem Gedanken, mit einem starken, westdeutschen Partner zu fusionieren. Nach Verhandlungen mit Thomas Grundmann von der Bouvier Buchhandelsgruppe in Bonn entstand im Juli 1990 die „Berliner Buchhandelsgesellschaft Bouvier und Nicolai“ GmbH (BBN), die sich die interessantesten Objekte der ehemaligen Hauptstadt der DDR sicherte. Unter den ehemaligen Renommierläden wie „Universitätsbuchhandlung“, „Kunstsalon unter den Linden“, war auch das „Internationale Buch“, wo Holger Brandstädt beschäftigt war. Er absolvierte 1990/91 in Bonn und Köln bei Bouvier diverse Praktika; zeitgleich machte er per Fernstudium seinen Abschluss als Buchhändler. Im August 1992 kam das Einsehen, dass sich die BBN überhoben hatte. Die vermeintlichen Filetstücke des Ostberliner Buchhandels hatten sich als nicht lukrativ genug erwiesen. Die meisten Buchhandlungen der BBN machten dicht; lediglich zwei konnten im Rahmen eines Management-Buy-Out an ehemalige Mitarbeiter verkauft werden.

Nach dem Zerfall der BBN ging Holger Brandstädt zur „Wohlthat’schen Buchhandlung“ GmbH, bei der er zuletzt als Filialleiter in Berlin/Friedrichshagen beschäftigt war. Im Oktober 2001 übernahm er in Ueckermünde die traditionsreiche „Friedrich-Wagner-Buchhandlung“.

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Mein Dank gilt allen, mit denen ich mich bislang habe austauschen dürfen. Ich würde mich freuen, wenn sich weitere Zeitzeugen einfänden, um das eine und andere aus der eigenen Erfahrung zurechtzurücken und/oder Lücken zu schließen.

„Wie der Westbuchhandel funktioniert, das haben wir uns selbst erarbeitet.“ Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Das Vorhaben, das Wissen über den Buchhandel in der DDR aufzufrischen, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Heike Wenige erinnert sich heute an die Zeit nach dem Fall der Mauer. Im ersten Teil des Gesprächs haben wir uns über ihre Erfahrungen im volkseigenen Buchhandel ab 1986 unterhalten.

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Mauerfall im November 1989, Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion im Juni 1990, deutsche Einheit am 3. Oktober 1990. Wie erinnerst du dich an diese turbulenten Monate?

Heike Wenige © Marco Borrmann

Heike Wenige © Marco Borrmann

Emotional gesehen bekomme ich noch immer eine Gänsehaut, auch dann, wenn Fernsehbeiträge an die Ereignisse erinnern… Was ich genau gemacht habe, das weiß ich nicht mehr. Im Juni 1990 zur Währungsunion war ich in Berlin. Ich bin mit dem Fahrrad durch die nicht mehr geteilte Stadt gefahren – das war superspannend. Auch Roger Waters legendäres Konzert „ The Wall“ habe ich in Berlin am Potsdamer Platz erlebt. Den 3. Oktober feierten wir im Freundeskreis im Freiberger Studentenclub „berauschend“. Überhaupt war diese Zeit berauschend, unwirklich. Ein Leben zwischen Nichts und Allem, eine emotionale Überforderung. In der Buchhandlung begann zunächst eine eher traurige Zeit. Zu DDR-Zeiten wurde Geld ja in Bücher angelegt. Das Konsumverhalten änderte sich nach dem Mauerfall radikal. Die Möglichkeiten, Geld auszugeben, waren nun um ein Vielfaches größer und reizvoller.

Welche Hoffnungen hattest du für dein Land? Welches waren deine größten Sorgen?

Die Hoffnung war ein Leben in Demokratie. Mit Reise- und Meinungsfreiheit. Dass auch gewisse materielle Wünsche in Erfüllung gehen konnten. Die größte Sorge war der Ausverkauf der DDR, der ja ziemlich schnell gelungen ist. Es war traurig mitanzusehen, wie DDR-Produkte verschwanden und durch Westprodukte ersetzt wurden. Ja, auch im Buchhandel.

Im März 1990 wurde die Treuhandanstalt gegründet, deren Aufgabe es war, die volkseigenen Betriebe zu privatisieren. Im Zuge dessen wurde der Volksbuchhandel abgewickelt, die Buchbetriebe in den damals noch existierenden 15 Bezirken in Gesellschaften umgewandelt. Für Euch war damals die „Buch-Tour Buchhandels- und Reisevermittlungsgesellschaft“ mit Sitz in Karl-Marx-Stadt zuständig. Wie hast du die erste Phase der Privatisierung in deinem Betrieb erlebt?

Zugegebenermaßen mit Befremden. Wir sollten plötzlich auch noch Reisen verkaufen, da die „Buch-Tour“ zum 1. Juli 1990 eine Reisevermittlung mit ins Programm genommen hatte. Von der Abwicklung der GmbH selbst habe ich wenig mitbekommen. Hatte anderes im Kopf. Ich musste lernen, wie der Westbuchhandel funktioniert, der ja so anders funktionierte als der Ostbuchhandel. Von heute auf morgen war alles anders. Sämtliche Abläufe und Strukturen. – Das Wasser war nicht nur kalt, sondern auch tief.

Die „Buch-Tour Buchhandels- und Reisevermittlungsgesellschaft“ verschwand alsbald wieder vom Markt. Hatte die Auflösung Auswirkungen auf Euren Betrieb?

Glücklicherweise hatte unsere Leiterin beschlossen, die „Akademische Buchhandlung“ zu kaufen. – Eine Option, die nach Querelen zwischen der „Buch-Tour“ GmbH und der Treuhand Chemnitz infolge einer Intervention seitens des Börsenvereins ab März 1991 plötzlich für alle Buchhandlungen im Bezirk offen stand. Ich bekam einen neuen Arbeitsvertrag, den ich allerdings sogleich kündigte, um im darauffolgenden Jahr in die Chemnitzer Universitätsbuchhandlung zu wechseln, die meine Freundin Wenke Helmboldt übernommen hatte und bis heute leitet.

Wie kam Barbara Hackels Entscheidung, die Freiberger Fachbuchhandlung in die Selbstständigkeit zu führen, in Eurem Arbeitskollektiv an?

Das war eine kluge und gute Entscheidung von ihr. Welche Hoffnungen sie daran geknüpft hat, weiß ich nicht. Vermutlich hatte ihre Entscheidung auch damit zu tun, „frei“ sein zu wollen, was unter der „Buch-Tour“ GmbH mit ihrer damaligen Geschäftsführerin Monika Lang so nicht möglich gewesen wäre.

Das dürfte keine einfache Zeit für Euch gewesen sein …

Von den schwierigen Hintergründen habe ich damals so gut wie nichts mitbekommen. Die Probleme im Betrieb wurden nicht mehr wie zu DDR-Zeiten während der Frühstücksrunden besprochen.

Habt Ihr in dieser Phase Unterstützung von außen erhalten?

Finanzielle Unterstützungen gab es reichlich. Von der sächsischen Aufbaubank und den Fördermitteln konnte ich ja sogar noch 1994 profitieren, als ich mich selbständig gemacht habe. Auch das Arbeitsamt förderte damals noch in anderem Umfang als heute.

Nach der Wende war der Hunger nach Lesestoff groß, der zu DDR-Zeiten verboten oder nur schwer zugänglich war. Die Geschäfte im Buchhandel florierten. Kannst du dich erinnern, was damals bei Euch besonders stark nachgefragt wurde?

Ja natürlich, obwohl die Verunsicherung unter uns Sortimentsbuchhändlern immens war. Ich erinnere mich, dass ich damals mit der Belletristik-Verantwortlichen hart diskutiert habe, weil sie nicht bereit gewesen ist, beim Verlag fünf Exemplare von George Orwells „Farm der Tiere“ auf einen Schlag einzukaufen. Obwohl ich dafür nahezu täglich Bestellungen entgegennahm. Sie wurden dann über das Barsortiment abgewickelt. Belletristik wurde vorsichtig eingekauft, zumindest bei uns. Andere Buchhandlungen hielten das damals anders. Über so manches Schicksal im Zuge der Wende sprechen wir heute noch. Andere Warengruppen als Belletristik bedienten wir reichlich. Ich erinnere mich noch an Berge von Bussibär-Büchern, die ständig nachgeordert werden mussten. So mancher westdeutsche Verlag konnte sich am Ostbuchhandel sanieren. Pestalozzi zum Beispiel. Plötzlich lag der Laden mit Billigbüchern voll.

Magst du etwas über diese Wende-Schicksale sagen?

Da gibt es viel zu erzählen. Trauriges und Heiteres. Geschichten von Gewinnern und Verlieren, auch über Wichtigtuer und Beutelschneider – und natürlich viel über die Anpassungsschwierigkeiten, die wir hatten. Manche Buchhandlung hielt zum Beispiel in der Hoffnung, überhaupt bestückt zu werden, an der alten Gewohnheit fest, bei LKG höhere Stückzahlen zu ordern als gebraucht wurden. Das galt damals insbesondere für die Belletristik, die vielfach sehr großzügig geordert wurde. Vermessen wurden 200 Exemplare bestellt. Man blieb darauf sitzen. Für manchen Buchladen bedeutete das das Aus … Größenwahnsinnig war ein Buchhändler, der damals sehr populär gewesen ist. Er lud Verlagsvertreter zu einem Flug mit dem Hubschrauber ein. Die Maschine stürzte ab und riss alle Insassen in den Tod.

Um Westtiteln Platz zu machen, haben viele Buchhandlungen nach der Währungs- und Wirtschaftsunion ihre DDR-Bestände leer geräumt. Wie war das bei Euch?

Meiner Erinnerung nach haben wir ebenfalls ausgeräumt und umgeräumt. Unser Lagerkeller war voll. Das wurde dann abgewickelt. Auf welchem Weg weiß ich nicht.

Die Umstellung auf neue Wirtschafts- und Sozialstrukturen war sicherlich kein Zuckerschlecken. Was bereitete dir besonderes Kopfzerbrechen?

Die Sozialstrukturen änderten sich langsam, fast unmerklich. Man wuchs in die „schöne, neue Welt“ hinein. Alte Freunde gingen, neue Freunde kamen. Stasigeschichten wurden ein großes Thema … Gefühlt passierte jeden Tag etwas Neues, im Kleinen wie im Großen. Die Ereignisse rauschten vorbei. Es war kaum Zeit, alles wirklich zu verarbeiten beziehungsweise darüber nachdenken, um die Ereignisse und Entwicklungen einordnen zu können. Plötzlich hatte man auch existenzielle Sorgen. Beispielsweise wurde die private Miete zu einem bedeutenden Kostenfaktor. Damals wohnte ich illegal in einem Haus. Ich habe auch eine Menge von diesen miesen Immobilienschiebereien nach der Wende mitbekommen. – Das soziale Sicherheitsgefühl, dass jeder DDR-Bürger hatte, verschwand. Aber irgendwie war alles doch auch von einem großartigen Glücksgefühl getragen.

Hilfestellung für Sortimenter kam vom Börsenverein und vor allem von Barsortimenten und Verlagsauslieferungen. Konntet Ihr davon profitieren? Wie waren Eure Erfahrungen?

Wie schon gesagt, man wurde hineingeworfen und musste selbst schauen, wie es und was geht. Gelesen habe ich im Nachhinein, dass damals vom Börsenverein für die Sortimenter Hilfestellung gekommen sei. Ich selbst bekam davon nichts mit. Unterstützt wurden in der Hauptsache wohl die neuen Inhaber.

Wie der Westbuchhandel funktioniert, das haben wir uns selbst erarbeitet. Die Barsortimente waren dabei eine große Hilfe. Mit der Privatisierung kam KNO, die Koch, Neff & Oetinger Verlagsauslieferung, ins Haus. An die Stuttgarter habe ich durchweg positive Erinnerungen. Und zwar nicht nur wegen der Einladungen in die schwäbische Hauptstadt, die KNO damals an alle Volksbuchhändler aussprach.

Welche Standards, die der volkseigene Buchhandel gesetzt hat, würden deines Erachtens dem Buchhandel heute gut tun?

Schlicht gesagt- es ging damals um das Buch an sich! Um Inhalte. Wie man das bestmöglich präsentiert, das trieb uns damals um. Nicht etwa die besten Konditionen oder die günstigsten Bezugswege. Zu DDR-Zeiten brauchte man sich den Kopf nicht über Bestellbündelungen, Mindestbestellmengen, Verlagsauslieferungen, Vertreterkonditionen und vieles andere zu zerbrechen. Damals konnte man sich mit dem Produkt an sich beschäftigen. Das klappt im heutigen Buchhändleralltag nicht mehr so leicht.

Würdest du vom Literaturbetrieb, so wie du ihn in der DDR kennengelernt hast, etwas auf den hiesigen Betrieb übertragen wollen?

Ja in erster Linie – das Buch als Kulturgut! Dann muss es diesem Anspruch allerdings auch gerecht werden. Und die Diskussionen über Bücher, die damals auf einem anderen Niveau geführt wurden, würden uns auch gut tun. „Zwischen den Zeilen lesen können“ – diese Fähigkeit scheint überflüssig geworden zu sein. Es geht fast ausschließlich um die Befindlichkeiten des Rezensenten, die an einem Buch festgemacht werden. Das langweilt mich über die Maßen.

Was stößt dir im Vergleich zur DDR beim heutigen Buchmarkt auf? Was schätzt du besonders?

Ich habe die Wahl, was ich in meinem Sortiment führe. Obwohl auch das nicht immer einfach ist. Im Gegensatz zu den DDR-Zeiten muss der selbständige Buchhändler wirtschaftlicher denken und sich dabei in einem gewissen Maß auch „verbiegen“. Eine Gratwanderung, die ich im Griff habe. Über zu viel Buch mag ich hier gar nicht klagen, klage ich nicht mehr. Das scheint ein unlösbares Problem zu sein …

Im September 2015 wird der Deutsche Buchhandlungspreis erstmals vergeben. Dein Taschenbuchladen ist unter den Nominierten. Meinst du, dass deine Erfahrungen aus dem volkseigenen Buchhandel auch Teil deines Erfolgskonzeptes sind?

Nein. – Das Engagement kommt aus meiner/unserer ureigenen Liebe zum guten gedruckten Wort und dem Bedürfnis, dies allen Interessierten weiterzugeben.

Würdest du dich heute erneut für den Beruf des Buchhändlers entscheiden?

Ja!

Heike, tausend Dank. Ich denke, das Thema wird uns beide weiterhin umtreiben.

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Heike Wenige (geb. 1969) wurde nach einer buchhändlerischen Lehre 1986 – 1988 von ihrem Ausbildungsbetrieb, der „Akademischen Buchhandlung für Montanwissenschaften“ in Freiberg, übernommen. Nach der Vereinigung führte Barbara Hackel, die den Buchladen seit 1972 leitete, den ehemals volkseigenen Betrieb in die Selbstständigkeit. 1992 wechselte Heike Wenige von dort nach Chemnitz in den Buchladen einer Freundin. 1994 kehrte sie nach Freiberg zurück, wo sie im November ihren Taschenbuchladen eröffnete.

Ich würde mich freuen, wenn sich weitere Zeitzeugen einfänden, um das eine und andere aus der eigenen Erfahrung zurechtzurücken und/oder Lücken zu schließen.