„Ich muss das einfach tun.“ – SteglitzMind stellt Hartmut Abendschein von der edition taberna kritika vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Heute steht das 50. Gespräch an. Mit Hartmut Abendschein, der seine edition taberna kritika 2007 ins Leben gerufen hat. Den Vorschlag machte Günter Vallaster von der edition ch.

Eine Skizze vom Verlag …

Hartmut Abendschein © Sabine Jansen

Hartmut Abendschein © Sabine Jansen

Die edition taberna kritika (kurz: etkbooks) ist ein Literaturverlag mit Sitz in Bern. Ende 2007 habe ich den Verlag gegründet, um eine Plattform für anspruchsvolle formale, inhaltliche und sprachliche Experimente zu schaffen. Vorausgegangen ist eine längere Beschäftigung im und mit dem Umfeld der Netz- und Weblogliteratur – als Autor und Herausgeber, seit Anfang der 2000er. Mein literarisches Weblog hieß damals und heißt heute noch taberna kritika, mittlerweile ist es vor allem Werkstatt und literarischer, digitaler Vorlass.

Die Programmschwerpunkte?

Der Editionsname kommt also nicht von ungefähr. Mit der Edition versuche ich in kleinstmöglicher Struktur eine maximale literarische Bandbreite abzubilden, in der auch die Darstellung von offenen Textformen und Schreibprozessen sowie unterschiedlichste Medientypen Platz finden. Vor 2 bis 3 Jahren habe ich ihr eine noch stärkere konzeptuelle Ausrichtung verpasst. Sie ist jetzt eine differentielle Exempelsammlung in Progress. In den Medien Buch, Objekt und Digitales Objekt erschließt sie systematisch das Feld eines erweiterten Literatur- und Lesebegriffs und untersucht die vielfältigen Produktions- und Rezeptionsmöglichkeiten literarischer Ausdrucksformen. Im Lo-Fi-Modus soll einer durch Markt und Betrieb verengten Ästhetik ein breites Spektrum an Arbeiten entgegengehalten werden, die einschlägige Kategorisierungen um Autorschaft, Werk und Gattung problematisieren.

Machen Sie alles alleine?

Ich mache immer noch das Meiste alleine, habe aber Unterstützung in der Auslandsauslieferung durch eine Kölner Galerie und eine Handvoll Leute, mit denen immer wieder kleine Veranstaltungen durchgeführt werden. Wenn ich etwas nicht selbst machen kann, hole ich punktuell auch freie Mitarbeiter bzw. Dienstleister mit ins Boot.

Ihre persönlichen Highlights?

etbooks cover1Highlights? Da jeder Titel für eine eigene Koordinate steht und jetzt und künftig eine Bedeutung in der Gesamtstruktur hat, habe ich keinen speziellen Liebling. Auffälliger sind natürlich gewisse Titel, die medial stärker rezipiert wurden, oder einen Preis oder Förderungen erhielten etc. Wie Roland Reichens “Sundergrund”, Li Mollets “sondern”, Franz Dodels “Von Tieren” oder das “Schellendiskursli” von mir.

Warum musste es unbedingt ein Verlag sein?

Nach Buchhandelsausbildung, Literaturstudium, Praktika und Volontariat im Bereich Literatur – Buch – Medien lag das für mich lange auf der Hand. Da ich noch einen anderen – allerdings literaturaffinen – Job habe, bin ich sozusagen teilselbständig. Damit hänge ich finanziell nicht vollständig vom Wohl und Wehe der Produktion ab und bin inhaltlich und programmgestalterisch sehr unabhängig. Das schätze ich sehr. (In gewissem Sinne ist es sicher aber auch eine Kompensationsstrategie, weil man in meinem Alter eher nicht mehr in einer Punkrockband spielt.)

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Als neugieriger und geselliger Mensch sehe ich da keine Schwierigkeiten. Außerdem, wenn man das als künstlerische Arbeit bezeichnen will: ich muss das einfach tun.

Was hat sich infolge der Digitalisierung in Ihrer Arbeits-/Vorgehensweise verändert?

Da ich mich immer schon mit Digitalität beschäftigt habe, gab es keine großen Veränderungen. Gewisse Workflows waren von Anfang an auch schon so da. Im Laufe der Zeit konnte ich aber einige Prozesse verschlanken und optimieren.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

etbooks cover2Ich habe immer schon den Merve-Verlag bewundert mit seiner minimalistischen Serialität. Die aber immer absolut stimmig und zeitgemäß war. (Natürlich gibt es noch einige andere Verlage, die das so durchziehen.) etkbooks orientiert sich teilweise daran, hat programmatisch aber einen etwas anderen Ansatz. Tendenziell sind abseitigere Schreibansätze, Mischformen, Experimente, medial und inhaltlich gewagtere Konzepte gefragt. Auch: ein spielerischer Umgang mit der Materialität von Zeichen. Und dabei soll es nicht allzu verkrampft zugehen. Das Ignorieren betrieblicher Buchzyklen, beispielsweise, kann sehr befreiend sein.

Prinzipiell sehe ich die ganze Verlagsproduktion, also den Verlagstext, eher als akkumulatives Gesamtkunstwerk. Ein einzelner Titel steht dabei weniger im Vordergrund als der Dialog der Texte untereinander. Und dieser Dialog soll auch auf der Höhe der Zeit stattfinden. Hochgejazzte Autorschaftsinszenierungen gibt es bei etkbooks auch nicht.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Ich glaube, das war ganz OK so, wie es bislang lief …

Wie gewinnen Sie Autoren?

etbooks cover3Über Netzwerke (z.B. litblogs.net), Veranstaltungen, die ich besuche, oder auf kleineren Messen, auf denen ich ausstelle. Auch über persönliche Kontakte, schreibende Freunde. Wenige Male bin ich auch schon auf Autoren direkt zugegangen, wenn ein Textansatz besonders gut ins Programm gepasst hat. etkbooks bekommt allerdings auch regelmäßig unverlangte Manuskripteinreichungen. Meistens merke ich aber sofort, dass sich die Verfasser gar nicht mit dem Verlagskonzept beschäftigt haben und die Texte passen dann nicht mal ansatzweise. Jedenfalls ist die Textpipeline voll und ich muss gerade das Jahr 2017 ordnen. Da ich selbst auch schreibe, muss ich noch hinzufügen, dass immer mal wieder auch ein Bändchen von mir bei etkbooks erscheint. Ich war zwar früher auch schon bei einigen anderen kleinen Verlagen. Derzeit habe ich aber keine Lust mehr, mit – für Außenstehende – seltsamen, abseitigen, unverständlichen, aber mir wichtigen Textprojekten und Schreibansätzen auf langwierige Verlagssuche zu gehen. Wozu auch, wo ich mir doch nun so ein kleines Maschinchen gebaut habe.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Wie gesagt: ich mache das Meiste selbst. (Bis auf die Auslandsversände etc.) Das ist in der Größenordnung gerade noch leistbar. Wie es in 5 Jahren aussehen wird, kann ich im Moment allerdings noch nicht sagen, weil ja doch auch ein gemächliches, aber kontinuierliches Wachstum zu verzeichnen ist.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Ich freue mich, wenn der Buchhandel bei mir bestellt. Das macht bei mir derzeit vielleicht knapp die Hälfte aller Bestellungen aus. Aber sicher kann man das noch verbessern. Ein paar gut sortierte, spezialisierte Buchhandlungen, auch solche mit Kunstkontexten, haben etkbooks-Novitäten immer an Lager. Ich forciere aber nicht eine breitere Streuung bzw. Präsenz in Buchläden mit allgemeinem Sortiment. Es sind ja in der Regel keine Bücher, die sich im Stapel von selbst verkaufen, weil da wie wahnsinnig in die Werbung gepumpt wird.

Wie halten Sie es mit Amazon?

etbooks cover4etkbooks liefert keine Bücher über Amazon aus und hat dort auch kein Lager – keine Margenkämpfe, keine Magenkrämpfe. Um Zweitverwertern und Ramschern das Feld aber nicht kampflos alleine zu überlassen, bietet es die Bücher über den Marketplace an. Zudem bleibt der Titel so als lieferbarer Titel präsent. Wo es sinnvoll ist, gibt es etkbooks als Kindle-Editions, ca. ½ Jahr nach Erscheinen der Printedition. Die Digitalen Ausgaben gibt es natürlich auch auf anderen Plattformen.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Das übliche im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten: Mailings, Twitter, Blogposts, Messeauftritte, ab und zu mal eine Anzeige. Rezensionsexemplare, die auf Abruf, aber generell großzügig ausgegeben werden. Auch an interessierte BuchbloggerInnen. Die Kooperation mit SWIPS hilft bei der Vernetzung. Veranstaltungen, Lesungen etc. sind natürlich auch nicht schlecht … Ab und zu gibt es einen kleinen Preis oder Titelförderungen, die können etwas beflügeln.

Wie halten Sie es mit dem Schweizer Buchhändlerverband?

Der Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband SBVV macht immer wieder gute Sachen und ist in der Schweizer Buchbranche eine wichtige Instanz, auch wenn ich nicht mit allen Überlegungen und Maßnahmen einverstanden bin. etkbooks ist allerdings (noch) zu klein dafür. Dafür ist etkbooks bei SWIPS dabei, die oft mit dem SBVV kooperieren.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Lesende mit Sinn für Bewusstseinserweiterungen, Theorie in der Praxis, Experimente, Freude am Erkenntnisgewinn, an Prozesshaftigkeiten, Fragmenten und komplettistischer Sammelwut.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen? Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

etbooks cover5Die Chancen und Risiken halten sich gegenseitig in Schach. Das hat ein gewisses Entspannungspotential.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Das sind oft ganz angenehme Leute. Meistens können sie gute Partys organisieren.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Es stellt sich die Frage: soll damit (hauptsächlich) Geld oder (hauptsächlich) Kunst gemacht werden? Für den ersten Fall habe ich keinen Tipp. Der interessiert mich eigentlich auch gar nicht. Für Fall 2: Ein stabiles Konzept und ein langer Atem schaden da nicht. Ein Nichtverstandenwerden bzw. Pathologisierungen muss man aushalten können. Am besten, man legt sich erst mal eine Lederjacke zu.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

In dieser Reihe wurden schon einige Verlage genannt, die ich gut finde und deren Produktion ich interessiert verfolge. Auf die SWIPS Independent Publishers habe ich auch schon aufmerksam gemacht. Namentlich will ich noch die kleinen Literaturverlage wie bspw. den verlag die brotsuppe, Der gesunde Menschenversand oder die edition pudelundpinscher erwähnen. Und: Ein Gruß nach Biel geht ans Haus am Gern bzw. die Edition Haus am Gern und einer nach Basel an das Büro für Problem.

Herzlichen Dank für diesen Einblick.

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

das Logo © etbooks

das Logo © etkbooks

Die edition taberna kritika im Netz:

Verlagswebsite: http://www.etkbooks.com

Twitteraccount mit Informationen aus Verlag und Werkstatt, obskuren Beobachtungen und streng subjektivistischen Notaten: http://twitter.com/etkbooks

Steglitz stellt Hartmut Abendschein mit „taberna kritika“ vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Heute stellt sich Hartmut Abendschein vor: Betreiber des literarischen Weblogs taberna kritika, Mitbegründer von litblogs.net – literarische Weblogs in deutscher Sprache, und verantwortlich für den hybriden Verlag edition taberna kritika, der 2007 im Umfeld der Weblog- und Netzliteratur entstanden ist. – Der Vorschlag kam von Jutta S. Piveckova aka Melusine Barby, die Gleisbauarbeiten pflegt.

Dein Steckbrief in Stichworten …

1969 geboren. Aufgewachsen in der süddeutschen Peripherie. Stationen in Stuttgart, Konstanz, Glasgow und Köln. Dort: Buchhändler, Germanist, Anglist, wissenschaftlicher Dokumentar. Lebt, schreibt und arbeitet (Verlag, Bibliothek) jetzt in Bern.

Seit wann, warum und wo bloggst du?

Angefangen bzw. experimentiert habe ich zunächst ab 2002 mit einem Blog bei Antville. Ich habe aber bald gemerkt, dass ich eine eigene Server- und Software-Umgebung brauche, um das umzusetzen, was sich langsam als Idee konkretisierte: das literarische Weblog als multimediales Werk, das sich oder Teile davon auch in immer neuen Varianten präsentieren kann. Ab 2003 arbeitete ich dann auf eigenem Server unter eigener URL mit der Blogsoftware pMachine. Das Blog taberna kritika entstand. Später stieg ich dann auf ExpressionEngine um. Die Software ist mittlerweile sehr alt, ich arbeite aber immer noch damit. 2004 gründete ich mit Markus A. Hediger litblogs.net.

Ab 2008 wird die Seite herausgegeben von Christiane Zintzen und mir. Litblogs.net läuft – ebenfalls auf eigenem Server und vor allem wegen eines bestimmten Aggregatorplugins – mit der WordPress-Software.

Deine Themenschwerpunkte …

Kurzprosa. Längere Prosa mit manchmal hypertextuellen Experimenten, Ein- und Auskopplungen. Konstruktivistische Schreibverfahren und Schriftästhetiken. Ab und zu Gedichte. Essays. Serielle Notationsarbeiten und gewagte Theoriebildungssplitter. Jetzt vermehrt mit visuellen Beiträgen.

Wie kam es zu litblogs.net?

2004 hat mich Markus A. Hediger angeschrieben. Zu der Zeit war die Szene von deutschsprachigen Blogs mit literarischem Inhalt (und so etwas wie dezidierten Poetologien) noch sehr sehr übersichtlich. Wir haben uns ausgetauscht darüber, was man denn da machen könnte. Er kannte das brasilianische literarische Blogportal wunderblogs, schon länger (es ist inzwischen offline) und wir haben beraten, ob wir nicht so etwas ähnliches, allerdings plattformunabhängiges machen könnten. Das haben wir dann auch – mit sehr viel Codeimprovisationen – getan. Mittlerweile hat es sich aber auch stark verändert und entwickelt, wie man hier vergleichen kann. Heute werden die Schwerpunkte sehr viel weiter gefasst. Es werden also auch Fragen der Archivierung, Forschung, Verbreitung und Kontextualisierung etc. angegangen. Mit derzeit ca. 27 Werk-, aber auch kollaborativen Blogs hat sich litblogs.net fast zu so etwas wie einem Solitär in der deutschsprachigen Litblogs-Szene entwickelt und sieht sich in dieser Konstellation auch als quirliges literarisches Magazin.

Was treibt dich in der Literaturszene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Dranmor in Arbeit © H. Abendschein

Dranmor in Arbeit © H. Abendschein

Da ich seit 2007 auch einen kleinen Verlag mit Printeditionen betreibe, edition taberna kritika, stelle ich fest, dass – obwohl es schon Schnittmengen gibt – immer noch mehrere Literaturmärkte, Literaturszenen, Literaturbetriebe gibt. Was so schlimm nicht wäre. Doch hinsichtlich dieser digitalen Kluft wachen die Akteure der Printlandschaft mit Argusaugen darüber, nichts an Pfründen gegenüber jenem digitalen Literaturbetrieb zu verlieren. Förderungen oder Förderprojekte für literarische Weblogs, netzliterarische Arbeiten o.ä. muss man mit der Lupe suchen. Hier müsste noch viel getan werden, dass gegenüber solchen Arbeiten größere Offenheiten entstehen. Mit meiner kleinen Edition versuche ich da auch etwas mehr Wahrnehmung zu erzeugen.

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Ich betreibe Editionsaccounts bei Google Plus  und Twitter, über die Blogbeiträge, aber auch anderes verbreitet wird. Und taberna kritika ist auch via litblogs.net zu lesen. Mit dem Verlag kann ich durch Mailings, auf Messen oder Literaturveranstaltungen bzw. auf -festivals auf die Website oder aber generell auf die literarischen Weblogs von litblogs.net hinweisen und dabei auch ein etwas anderes Publikum erreichen.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

Ich kenne da keine do’s oder don’ts. Das muss wohl jede/r für sich selbst ausmachen, da das ja auch – analog zum Printschreiben – sehr viel mit persönlichem Stil und Geschmack zu tun hat. Ich persönlich finde nur, dass man vielleicht seiner Idee treu bleiben sollte. Ich habe da immer wenig nach Moden, Topthemen, Leserschaften und Lesermengen geschielt. Vielleicht abonnieren und lesen im Laufe der Zeit weniger Leute dein Blog oder das Füllen von Kommentarthreads wird weniger wichtig, wie auch überhaupt Kommentierung mir immer unwichtiger wird. Viele Dinge sind im Laufe der Zeit auch einfach schon oft gesagt worden. Wenn ich aber auf eine bald 10jährige regelmäßige Publikation zurückblicke und sehe, welche Kurven so ein Blogwerk nimmt, welche Anschlüsse da gemacht werden oder auch nicht, welchen Grundsätzen und Theorien man treu geblieben ist und was verworfen wurde: diese Entwicklungsform und ihre Betrachtung finde ich literarisch und ästhetisch immer noch sehr reizvoll.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Außer ein paar unerquicklichen Techstories fällt mir dazu wenig ein. Jedenfalls sollte man einen langen Atem haben. Bloggen ist nichts für Sprinter.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Eine Anekdote: Während der (Recherche-)Arbeit im Blog an dem längeren Prosastück “Dranmor”, das übrigens vor kurzem als Buch erschienen ist, erhielt ich eine Mail von einem Herrn, der sich als Urgrossneffe Dranmors vorstellte, dem Berner Dichter also, der auch Gegenstand jenes gleichnamigen Buchs ist. Er war durch Zufall auf mein Blog gestoßen und fragte mich nun, was ich denn mit Dranmor zu schaffen hätte, dieser sei doch mittlerweile völlig vergessen. Außerdem habe er noch viele Gegenstände aus Dranmors Nachlass. Schriftstücke, Photographien, Säbel, Orden, persönliche Dinge etc. Wir haben uns getroffen und ich durfte diese Stücke sichten, dokumentieren und konnte das eine oder andere für meinen Text nutzen.

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Da mein Blog kein Buch- bzw. Rezensionsblog ist, bekomme ich wenig Rezensionsexemplare. Immer mal wieder passiert das aber doch. Wenn mich der Text reizt, weise ich auch in irgendeiner Form darauf hin. Aber meine Edition bekommt 2 bis 3 Manuskripteinsendungen pro Woche. Ich schaue meistens kurz in die Texte. Die allerwenigsten entsprechen aber dem Profil, das spüre ich schon nach wenigen Sätzen. In meinem Posteingang gibt’s dafür einen Ordner.

Und wie würdest du damit umgehen, wenn dir Self-Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Das ist bis jetzt noch nicht passiert.

Wie hältst du es mit dem eBook?

Finde ich gut.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Folgende, hier noch ungenannte und unverlinkte Blogs aus dem litblogs-Spektrum möchte ich empfehlen: rheinsein (Themenblog zum Rhein, enzyklopädisch, literarisch, kulturgeschichtlich), der goldene fisch (kollaboratives Blog, Prosa und Lyrik), logbuch isla volante (serielle Bild-Texte und Text-Bilder), Die Veranda (phantastisch-realistische Prosa) und andreas louis seyerlein: particles (Fundstücke, Schwebeteilchen, Beobachtungen).

Zu Wort kommen sollte hier unbedingt meine Kollegin, Korrespondentin und litblogs.net-Co-Herausgeberin Christiane Zintzen mit sicher noch etwas anderen Perspektiven auf dieses Thema. Sie verantwortet u.a. in|ad|ae|qu|at.

Danke sehr, Hartmut – auch für diesen Rückblick auf deutsche Literaturbloggeschichte.

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Zuletzt stellte sich Oliver Gassner mit seiner Literaturwelt vor. Sein Wunsch-Interviewpartner war Markus Kolbeck mit Bücherlei. – Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier