Die formvollendete B(r)uchlandung der Pappritz. – Ein Paradebeispiel (Teil 2)

Zufällig stieß ich bei Recherchen auf das „Buch der Etikette“, das 1956 im Perlen-Verlag erschienen ist, und auf ein Fräulein Pappritz, das in der Nachkriegspresse als „Anstandsdame der Nation“ und „Hofmarschallin der guten Sitten“ viel von sich reden machte. – Ich nahm die Fährte auf, um auf eine aberwitzige Besteller-Geschichte aus dem Biedermeier der Adenauer-Ära zu stoßen. Die Rekonstruktion dokumentiere ich hier in zwei Teilen, weil sie uns auf durchaus amüsante Weise lehrt, dass die Verlage vor 57 Jahren auch nicht viel anders tickten als heute. Wohl hielten Öffentlichkeit, Politik und der Literaturbetrieb in den 50er Jahren das noch für einen Skandal, worüber sich längst keiner mehr aufregt, weil es in den Verlagen heute Standard ist.

Zu Teil 1 findet Ihr hier

Des einen Schadenfreude ist des anderen reinste Freude …

6. Auflage 1963 © gefunden bei zvab

6. Auflage 1963 © gefunden bei zvab

Schelte und Hohn über das „Buch der Etikette“ der Legationsrätin Erica Pappritz hagelte es auch aus den eigenen Reihen, nämlich aus Politik und Diplomatie. Kanzler Adenauer und Bundespräsident Heuss frotzelten nicht eben galant über das Ungeschick ihrer Anstandsdame. Die damals 37-jährige SPD-Parlamentarierin Annemarie Renger soll sogar eine kleine Anfrage zum „Fall Pappritz“ in den Bundestag eingebracht haben und Marie-Elisabeth Lüders, FDP-Abgeordnete und Alterspräsidentin des 2. Deutschen Bundestages, intern die Frage aufgeworfen haben, ob die Verfasserin eines solchen Buches für die Position der stellvertretenden Protokollchefin im Auswärtigen Amt noch tragbar wäre. In die gleiche Kerbe schlug auch der langjährige Literaturchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Friedrich Sieburg, der sich öffentlich dahingehend geäußert haben soll: „Allen Beteiligten wäre gedient, wenn Fräulein Pappritz … in den wohlverdienten Ruhestand träte.“ Pikant ist dessen despektierliche Äußerung übrigens auch deshalb, weil der schillernde Intellektuelle Sieburg selbst einer von jenen gewesen ist, der der damals noch jungen Bundesrepublik Takt, Sitte und Anstand einbläuen wollte. Aber: Das ist eine andere Geschichte.

Trotz des prominenten Namens der Pappritz lief der Verkauf vom „Buch der Etikette“ 1956 nur schleppend an. Erst nachdem die Medien ihre Autorenschaft im März 1957 in Zweifel zogen und den Verlag unlauterer Methoden bezichtigten, zog er an. Offensichtlich wusste sich der Perlen-Verlag dank allseitiger Kritik auf der Seite des Erfolges. In einer zweiten Auflage schob er prompt 10.000 Bücher nach, obwohl die 11.500 Exemplare der ersten Auflage noch nicht vergriffen waren. Die dritte Auflage erschien bereits im Juni 1957 – und zwar mit Änderungen, die der öffentliche Druck wohl notwendig gemacht hatte.

Bereinigt wurde u.a. eine Passage im Vorwort des Buches. Die Aussage „wo wir sind, ist oben“ hatte offensichtlich jene mit Besorgnis erfüllt, die die jüngste deutsche Geschichte Mitte der 50er Jahre noch nicht gänzlich unter den Teppich gekehrt hatten. Stattdessen hieß es in der dritten Auflage nun: „Ist, wo wir sind, wirklich oben?“ Ebenfalls überarbeitet wurden die Darlegungen darüber, wie ein Gentleman seine Wäsche zu wechseln hätte. Ersatzlos gestrichen wurde hier der Satz „Unser täglich Hemd gib uns heute“, den man der Blasphemie verdächtigt hatte. Die Behauptung, dass lange Unterhosen unmännlich seien, wurde etwas abgemildert. Und die Aussage, „Damen, die auf der Straße rauchen, sind keine – oder Amerikanerinnen“ soll ebenfalls den ‚kritischen‘ Überarbeitungen seitens des Verlages zum Opfer gefallen sein, wie die ZEIT im Juni 1957 im Mosaik über die dritte Auflage zu berichten wusste.

Erica Pappritz ging 1958 im Alter von 65 Jahren in den Ruhestand.

Dem Perlen-Verlag, den Matthias Lackas 1949 in Marbach am Neckar gegründet hatte, gereichte der Bonner Skandal indes nicht zum Schaden. Im Gegenteil. Das Buch, das die Anstandsdame der Nation eben nicht selbst geschrieben hatte, verhalf dem Verlag sogar zu seinem Durchbruch. Mehr noch: Obwohl die bewusste Täuschung aufgeflogen war, avancierte das „Buch der Etikette“ zu einem der größten Geschäftserfolge der 50er und 60er Jahre …

1958 zog der Perlen-Verlag nach München, wo er 1963 in Südwest-Verlag umfirmierte und dann Bestandteil von Ullstein-Heyne-List wurde. Seit 2003 gehört Südwest zur Verlagsgruppe Random House. Hier brachte es das Benimm-Buch zu weiteren Ausgaben. Die 12., völlig neu bearbeitete Auflage erschien in München 1971 unter dem Titel „Etikette neu“.

Derzeit lieferbar ist „Etikette neu“ mit dem Untertitel „Der Knigge aus den Wirtschaftsjahren“ bei der Verlagsanstalt Handwerk. Obwohl die Verlagsinformation zum Buch augenzwinkernd daherkommt, suggeriert der Text doch, dass Benimmregeln aus den 50er Jahre des 20. Jahrhunderts ihre Gültigkeit behalten haben: „Auch wenn oder gerade weil aus heutiger Sicht einige Regeln kurios wirken, mit diesem Buch eröffnet sich ein wahres Lesevergnügen nicht nur für Menschen, die in punkto Etikette noch etwas dazulernen möchten. Sie werden staunen, wie viele dieser Benimm-Regeln noch immer modern sind. Und über den Rest dürfen wir getrost schmunzeln!“

Die Neuauflage © gefunden bei ebay

Die Neuauflage © gefunden bei ebay

Tatsächlich wirkte die Etikette der Pappritz über die Jahrtausendwende hinaus fort. Dass die „Pappritz ihre Bibel“ sei, bekannte im November 2004 Friedgard Halter öffentlich in der WELT. „Das klassische Nachschlagewerk für guten Ton in allen Lebenslagen“ sei ihr – ließ Halter die Leser wissen: „so etwas wie ein Kursbuch durch ihren Job als Protokoll-Chefin der Hypo-Vereinsbank“. – 2013 scheint ein anderer Wind zu wehen. Derzeit nutzt die Kabarettistin und Chansonsängerin Ulrike Neradt Texte aus dem „Buch der Etikette“ in ihrem aktuellen Programm „Wir sind so frei!“, um ihr Publikum zum Lachen zu bringen.

.

Und zum Abschluss noch ein echter Pappritz aus der Erstausgabe 1956:

Koffer haben es in sich! Das, was sie in sich haben, ist zumeist das Falsche. Man merkt es frühestens in dem Augenblick, da der Zug aus dem Bahnhof rollt, da sich schüchtern die erste Ferienfreude bemerkbar zu machen beginnt und man feststellt, daß Adam Smiths »Theorie der ethischen Gefühle« – die im übrigen auch noch zuunterst im Koffer liegt, gleichsam als wolle sie ihre Tiefgründigkeit noch unterstreichen – zwar einen Schlüssel zur philosophischen Erforschung des ökonomischen Liberalismus darstellt, als Reiselektüre mit Agatha Christie jedoch nicht konkurrieren kann. Spätestens wird einem das klar, wenn man die Straße von Messina überquert hat und abends auf einem der Campingplätze bei Catania in strömendem Regen unter sturmgebeugten Palmen und Olivenbäumen steht und immer wieder vergeblich versucht, die Zeltheringe festzubekommen. Quelle: http://www.zeno.org – Contumax GmbH & Co.KG

In der Erstausgabe kann man übrigens hier stöbern.

Die formvollendete B(r)uchlandung der Pappritz. – Ein Paradebeispiel

Derzeit beschäftigen mich gute Formen. Nein, keine Fragen des Designs, sondern solche des Anstands und der guten Sitten. Anfangs dachte ich mir noch, was für ein dröges Thema. Wen interessiert das? Anstand ist so was von gestern. Die Dame ist aus dem hiesigen Wortschatz nahezu verschwunden und Frauen, die sich noch von einem Kavalier in den Mantel helfen lassen, plagt die Frage, ob die galante Geste sich mit dem Grad ihrer Emanzipation verträgt. Selbst das „Sie“ befindet sich im Gefolge der Studentenbewegung seit Jahrzehnten auf dem Rückmarsch. Anstand ist out! Da brauchen wir aktuell doch nur nach Bayern zu schauen…

Die Erstausgabe 1956 © gefunden bei booklooker

Die Erstausgabe 1956 © gefunden bei booklooker

Nach anfänglichem Zaudern roch ich allerdings bald Lunte. Denn die Frage danach, über welche Sitten in den Zeitläuften Konsens bestand, verweist direkt auf den jeweils herrschenden Zustand der Republik. Bisweilen legen die Antworten einen Finger auf Wunden, ein anderes Mal decken sie Untiefen auf, die die Etikette kaschieren sollte. Häufig muss man herzhaft lachen, ganz einfach weil der Lack ab ist. Bisweilen ist man auch darüber erstaunt, warum das, was gestern noch ein Skandal war, heute Gepflogenheit ist. So ist es mir jedenfalls ergangen als ich im Zuge meiner Recherchen auf das „Buch der Etikette“ nebst einem Fräulein Pappritz stieß, welches die Nachkriegspresse zur „Anstandsdame der Nation“ und „Hofmarschallin der guten Sitten“ ernannt hatte.

Hoppla, dachte ich mir, diese Besteller-Geschichte aus dem Biedermeier der Adenauer-Ära kommt für SteglitzMind wie gerufen. Ich nahm die Fährte auf. Am Ende meiner Beschäftigung mit dem Fräulein stand die Einsicht, dass die Verlage vor 57 Jahren auch nicht viel anders tickten als heute. Wohl hielten Öffentlichkeit, Politik und der Literaturbetrieb in den 50er Jahren das noch für skandalös, worüber sich längst keiner mehr aufregt, weil es in den Verlagen heute Standard ist. – Doch der Reihe nach …

Wer, bitte schön, ist Fräulein Pappritz?

Erica Pappritz wurde als einziges Kind eines Dragoner-Rittmeisters am 25. Juni 1893 geboren. Von einer Zäsur zwischen 1945 und 1949 abgesehen, tat sie ab April 1919 ununterbrochen Dienst im Auswärtigen Amt; ab 1929/30 als Leiterin des Referats für Zeremoniell und Rangfragen in der Protokollabteilung. Nach 1949 baute sie mit Hans Herwarth von Bittenfeld, dem damaligen Leiter des Arbeitsstabes für das Protokoll und späteren Chef des Protokolls im Auswärtigen Amt, das offizielle Protokoll der Bundesregierung auf. Nach der Wahl des ersten Präsidenten der Bundesrepublik soll sie das Ehepaar Heuss für das gesellschaftliche Parkett fit gemacht haben. 1952 wurde sie zur Vortragenden Legationsrätin ernannt und damit zugleich die ranghöchste Beamtin im Auswärtigen Amt. Die Pappritz, der man in Anlehnung an einen Adligen, der sich um gute Formen verdient gemacht hatte, zu Lebzeiten mit leichter Hand ein „von“ andichtete, ist 1972 in Bonn verstorben.

Ausführlich über ihr Leben und Wirken informierte am 20. März 1957 der SPIEGEL-Titel „Der Fluch der Etikette“ mit einem Bild der Protokollchefin in vollem zeremoniellen Ornat. Einen Eindruck davon, wie diplomatisch die stellvertretende Protokollchefin mit den guten Formen hantierte, vermittelt ein Bericht über den Staatsbesuch des äthiopischen Kaisers Haile Selassie I., der in Bonn im November 1954 stattgefunden hatte:

Die größten weiblichen Triumphe feierte unbestritten die Herzogin von Harrar, 23, Mutter eines siebenjährigen Kindes und Schwiegertochter des Kaisers. Carlo Schmid: ‚Die Prinzessin hat ein Häutle von Samt.‘ Ihre Garderobe war Gegenstand uneingeschränkter Bewunderung. In der Redoute trug sie ein weißes Fehencape. Und zum Frühstück im Palais Schaumburg, am zweiten Tag des Staatsempfangs, hatte sie eine Garderobe gewählt, die geeignet gewesen wäre, die Sinne der männlichen Frühstücksgäste zu verwirren. – Die Dame des Protokolls, von der die Prinzessin auf dem Petersberg abgeholt werden sollte, stürzte angesichts dieser Garderobe erschreckt ans Telephon. Erica von Pappritz wußte, wie stets, Rat. Man möge der Prinzessin ans Herz legen, es ziehe im Mercedes 300 und es sei kalt, es sei kühl im Palais Schaumburg. Am besten sei es, sie würde etwas Warmes unterziehen. Und so geschah es, ohne daß die Reize der Prinzessin allzu bedrohlich geschmälert worden wären.“ – So stellte der SPIEGEL am 11. November 1954 die Episode im Bericht „Hoheit lassen bitten“ dar.

1956 erschien das „Buch der Etikette“ im Perlen-Verlag. Das Cover zierten zwei Namen: Der ehrenwerte Name der Pappritz und als weiterer Name der von Karlheinz Graudenz, den der Verlag als „Weltenbummler“ ausgeben hatte. Eine Liaison mit Folgen. Denn ab sofort sollte der Fluch der Etikette seinen Verlauf nehmen…

Ein Skandal und seine Folgen

Es vergingen einige Monate, dann erregten sich die Medien über eine Täuschung, die dem Perlen-Verlag angelastet wurde. So die ZEIT, die am 7. März 1957 süffisant titelte „Tut eine Dame so etwas?“, um im Literaturteil weitere kritische Fragen aufzuwerfen:

Eine Perle unter seinen Publikationen zu haben, ist verständliches Bestreben jedes Verlags, und er erreicht es damit, daß er sich, wenn nicht einen guten, so doch einen prominenten Autor beschafft, dessen Name wenigstens „zieht“. Diese kleine Täuschung mag noch hingehen, aber darf man Käufer locken mit dem Namen eines prominenten „Autoren“, der das betreffende Buch gar nicht geschrieben hat?

Tatsächlich stammte von Karlheinz Graudenz nicht nur die Idee, dass sich der Name der stellvertretenden Bonner Protokollchefin auf einem Benimm-Buch gut machen würde. Vielmehr hat der vermeintliche Weltenbummler auch das Manuskript zu weiten Teilen alleine geschrieben. Nicht verbürgt ist, ob die viel beschäftigte Protokolldame ihr Werk autorisiert, geschweige denn, ob sie es jemals überhaupt gelesen hat. Verbürgt hingegen ist, dass der Spiegel im Jahr darauf über den Co-Autoren Graudenz in Erfahrung gebracht hatte, dass er unter Pseudonym den Text zum Schlager „Die alte Klofrau“ verfasst hatte.

Zur Ehre gereichte der Anstandsdame, die sich öffentlich zumeist mit Monokel präsentierte, das 509 Seiten starke Benimm-Buch wohl kaum. In der ZEIT mokierte sich Josef Müller-Marein über den „falschen guten Ton“ der Legationsrätin („Symptom Pappritz“) und einen „Wälzer […] zum hochwohllöblichen Gebrauch für Snobs“. Doch nicht nur die Medienvertreter taten konsterniert. Die rheinischen Karnevalisten ergötzen sich an den Benimmregeln und Karikaturisten ließen sich davon  inspirieren. Auch darüber wusste der SPIEGEL am 20. März 1957 zu berichten:

Im Nu hatten sich die rheinischen Karnevalisten der ausgefallensten Anstandsregeln bemächtigt, etwa dieser: ‚Die Unterwäsche (machen wir es kurz) – sei kurz! Lange Unterhosen bleiben unmännlich und häßlich, auch wenn sie kaum jemand sieht.‘ Auf dem Bonner Marktplatz schnitt eine monokelbewehrte Pseudo -Pappritz vor jubelndem Karnevalsvolk die Hosenbeine von langen Herren-Unterhosen ab. Die Karikaturisten ließen sich durch eine andere Passage des Buches zu Witzen inspirieren: ‚Während und nicht erst nach der Benutzung (der Toilette) wolle man sich der berühmten Kette bedienen. Dieses Gesetz gilt um so eiserner, je kleiner und hellhöriger die Wohnung ist. Danken wir der Technik, daß sie uns mit der Wasserleitung ein Mittel zur diskreten Neutralisierung unerwünschter Geräuschkulissen in die Hand gegeben hat!“ Die Kette der Wasserspülung avancierte im Bonner Jargon prompt zur ‚Eti-Kette‘“.

Damit war das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Binnen kürzester Zeit machten sich weite Teile der Republik über die Anstandsregeln aus der Protokollabteilung des Auswärtigen Amts lustig …

_________________________________________________________________________________________

Zur Fortsetzung „Des einen Schadenfreude ist des anderen reinste Freude …geht es hier

Im „Buch der Etikette“ kann man übrigens hier stöbern. Ich empfehle die „Kritischen Fragen“. So zum Beispiel in diesem Kapitel die Darlegungen „Suche einen Lebenspartner“, in denen es u.a. heißt: „Männer träumen von einer Frau, die schön wie ein Glamour-Girl, reich wie eine Konzernerbin, intelligent wie Madame de Staël ist. Und kochen können soll sie nach Möglichkeit wie die eigene Mutter dereinst zu Hause. –  Frauen wünschen sich den strahlenden Helden eines Wildwestfilms, der das Gemüt eines Bernhardiners mit dem Bankkonto des „Mr. 5%“ vereint.“