„Ich sage mit Absicht nicht ‚Kunden‘ sondern ‚Leser‘.“ Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Das Vorhaben, das Wissen über den Buchhandel in der DDR aufzufrischen, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Im ersten Teil unseres Gesprächs erinnert sich Holger Brandstädt an die Jahre 1989/90. Anschließend haben wir über seine Erfahrungen nach der Privatisierung unterhalten und heute sprechen wir u.a. über die traditionsreiche „Friedrich-Wagner- Buchhandlung“ in Ueckermünde, die er seit 2001 führt.

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Die „Friedrich-Wagner-Buchhandlung“ in Ueckermünde, die Sie seit 2001 verantworten, hätten Sie von der Inhaberin bereits 1991 übernehmen können. Was hat Sie damals davon abgehalten, Johanna Wagners Angebot anzunehmen?

die Gründer der Buchhandlung Friedrich und Anna Wagner © privat

die Gründer der Buchhandlung Anna und Friedrich Wagner © privat

Oh ich habe das Angebot damals angenommen, konnte jedoch erst Jahre später anfangen. Bevor Johanna Wagner das zwangsverstaatlichte Haus, in dem sich die Buchhandlung befindet, rückübertragen bekam, hatte ein früherer Kollege die Buchhandlung von der Treuhand bereits gekauft. Nachdem ich das Haus erworben hatte, präsentierte er mir einen recht frischen Mietvertrag über zehn Jahre, den die Städtische Wohnungsgesellschaft während des Rückübertragungsverfahrens mit ihm abgeschlossen hatte. Rechtlich war das wohl nicht in Ordnung, doch eine Klage wäre langwierig gewesen und hätte wohl auch für schlechte Presse gesorgt. Also entschloss ich mich, den Vertrag hinzunehmen, garantierte dem damaligen Mieter die Laufzeit und signalisierte frühzeitig, dass diese nicht verlängert wird. Im Jahr 2001 war es dann endlich soweit. Der Kollege hatte den Laden Monate zuvor geschlossen und an anderer Stelle in der Stadt eine Buchhandlung eröffnet. Ohne Erfolg. – Die Tradition am alten Standort war zu wichtig, die Familie Wagner stand hinter mir, noch dazu stammt die Familie meines Vaters aus Ueckermünde und meine Großmutter war ihr Leben lang in der Buchhandlung tätig. Dazu kam, während der Kollege den Laden wie einen Bestellshop führte und keinerlei Veranstaltungen anbot, setzte ich auf Impulskäufe durch ein attraktives Sortiment und etablierte die Buchhandlung als lokales Kulturzentrum. Wichtig für mich war jedoch auch, dass dies nur eine Filiale des Kollegen war und ihm mit der Übernahme nicht die Existenz weg brach.

Johanna Wagner hat die „Friedrich-Wagner-Buchhandlung“ in der DDR bis 1981 in Eigenregie geführt. Dann wurde das traditionsreiche Geschäft vom Volksbuchhandel übernommen. Wissen Sie etwas über die Hintergründe?

Johanna Wagners Großvater Friedrich hat 1883 als Buchbinder in Ueckermünde angefangen, sein Sohn Johannes schuf dann die eigentliche Buchhandlung und Johanna Wagner oblag es, die Buchhandlung durch die DDR-Zeit zu führen. Sie schloss dafür einen Kommissionsvertrag mit dem Volksbuchhandel ab, der sie mit Büchern belieferte und ergänzte das Sortiment nach Wegfall der Buchbinderei und Druckerei durch Kunstgewerbe, das sie selbständig einkaufte. Mit dem Erreichen des Rentenalters stellte sich die Frage der Weiterführung. In der Familie Wagner gab es hierfür keinen Nachfolger. Die beiden Schwestern Wagner waren unverheiratet geblieben und der Bruder Frank Wagner hatte in Berlin die Tochter von Otto Grotewohl geehelicht, dem ersten Ministerpräsidenten der DDR. Wer wollte da schon unter der DDR-Mangelwirtschaft eine Buchhandlung im unsanierten Ueckermünder Altbau übernehmen? (Immerhin eine der Enkelinnen Frank Wagners ist heute eine angesehene Buchbindermeisterin in der Berliner Staatsbibliothek – die Familientradition wird also weitergetragen.)

Wie ging es nach der Übernahme durch den Volksbuchhandel mit der Buchhandlung weiter?

Johanna Wagner und Holger Brandstädt © privat

Johanna Wagner und Holger Brandstädt © privat

Der Volksbuchhandel war an der Lage der Buchhandlung direkt am Markt interessiert, die Räumlichkeiten waren größer als die der örtlichen Volksbuchhandlung und mit der Übernahme fiel die private Konkurrenz weg. Daher bot sich die Übernahme an. Die Mitarbeiter wurden wohl übernommen, die Geschäftsräume umfassend saniert und der Standort blieb erhalten. Johanna Wagner wohnte bis 2012 über der Buchhandlung. Heuer wird sie 94 Jahre und kommt immer noch regelmäßig vorbei, um einen neuen Krimi zu holen. Leider gibt es schon lange nichts Neues mehr von Pierre Mangan, die modernen Krimis sind ihr oft zu dick und zu brutal.

Würden Sie vom Literaturbetrieb, so wie Sie ihn in der DDR kennen gelernt haben, etwas auf den hiesigen Betrieb übertragen wollen?

Die Liebe zum Text, die Neugier auf Neues, die Verpflichtung dem Leser gegenüber. Und ich sage mit Absicht nicht ‚Kunden‘ sondern ‚Leser‘. Es gibt sie noch und das macht diesen Beruf so wunderbar.

Was stößt Ihnen im Vergleich zur DDR beim heutigen Buchmarkt auf? Was schätzen Sie besonders?

Ich schätze die Vielfalt, bin immer wieder entsetzt über die schiere Masse der Neuerscheinungen, hasse die Schnelllebigkeit des Marktes und bin in Hassliebe den Medien verbunden. Es gibt großartige Bücher, die dank der Medien entdeckt werden und ebenso großartige, die hoffnungslos untergehen, weil ihnen die öffentliche Wahrnehmung verwehrt bleibt. Es ist an uns, dem immer aufs Neue zu entgegnen, und es ist tröstlich zu wissen, dass überall in diesem Land unabhängige Buchhandlungen dem Einheitsbrei Paroli bieten.

Herzlichen Dank, dass Sie Ihre Erfahrungen mit uns geteilt haben.

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Der ausgebildete Koch Holger Brandstädt (geb. 1966) fing im September 1989 als ungelernte Kraft im „Internationalen Buch“ in der Spandauer Straße in Berlin/Mitte an. Eingestellt wurde er von Gerald Nußbaum, dem damaligen Direktor des Ostberliner Volksbuchhandels, der zu DDR-Zeiten unter dem Namen „Berliner Buchhandelsgesellschaft“ firmierte. 1989 gehörten circa 64 volkseigene Buchhandlungen zum Verbund.

Nußbaum trug sich bereits früh mit dem Gedanken, mit einem starken, westdeutschen Partner zu fusionieren. Nach Verhandlungen mit Thomas Grundmann von der Bouvier Buchhandelsgruppe in Bonn entstand im Juli 1990 die „Berliner Buchhandelsgesellschaft Bouvier und Nicolai“ GmbH (BBN), die sich die interessantesten Objekte der ehemaligen Hauptstadt der DDR sicherte. Unter den ehemaligen Renommierläden wie „Universitätsbuchhandlung“, „Kunstsalon unter den Linden“, war auch das „Internationale Buch“, wo Holger Brandstädt beschäftigt war. Er absolvierte 1990/91 in Bonn und Köln bei Bouvier diverse Praktika; zeitgleich machte er per Fernstudium seinen Abschluss als Buchhändler. Im August 1992 kam das Einsehen, dass sich die BBN überhoben hatte. Die vermeintlichen Filetstücke des Ostberliner Buchhandels hatten sich als nicht lukrativ genug erwiesen. Die meisten Buchhandlungen der BBN machten dicht; lediglich zwei konnten im Rahmen eines Management-Buy-Out an ehemalige Mitarbeiter verkauft werden.

Nach dem Zerfall der BBN ging Holger Brandstädt zur „Wohlthat’schen Buchhandlung“ GmbH, bei der er zuletzt als Filialleiter in Berlin/Friedrichshagen beschäftigt war. Im Oktober 2001 übernahm er in Ueckermünde die traditionsreiche „Friedrich-Wagner-Buchhandlung“.

„Der Weg Berlins zur Metropole dauerte doch länger als gedacht.“ Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Bedingungen des sozialistischen Literaturvertriebs und den Strukturwandel des ostdeutschen Buchhandels infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Einiges hat uns bereits Heike Wenige wissen lassen. Im ersten Teil unseres Gesprächs erinnert sich Holger Brandstädt an die Jahre 1989/90. Heute geht es um seine Erfahrungen infolge der Privatisierung des ostdeutschen Buchhandels und im letzten Teil werden wir u.a. über die wechselhafte Geschichte der „Friedrich-Wagner-Buchhandlung“ in Ueckermünde sprechen, die Holger Brandstädt 2001 übernommen hat.

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Neben anderen Filetstücken übernahm die „Berliner Buchhandelsgesellschaft Bouvier und Nicolai“ GmbH (BBN) im Juli 1990 das „Internationale Buch“. Welche Folgen hatte das?

Es kam westdeutsches Kapital in den Betrieb, dazu Know How. Die Pressesprecherin der BBN war Monika Grütters, jetzt Kulturstaatsministerin. Thomas Grundmann aus Bonn und Sönke Christiansen aus Hamburg, dazu Dieter Beuermann von der Nicolaischen in Berlin, da konnte man sich schon gut aufgestellt fühlen. Es gaben sich reihenweise Autoren die Klinke in die Hand und mit viel PR wurde versucht, die BBN-Läden als Platzhirsch zu etablieren. Was auch gelang, denn zum Anfang wagte kaum ein großes Buchhandelsunternehmen den Sprung nach Ostberlin. Erst mit dem Bau neuer Einkaufcenter kamen Mitbewerber in die Stadt.

Waren die Arbeitsplätze nach der Übernahme garantiert?

Erstmal ja, aber mit den ersten Filialschließungen kam es auch zum Personalabbau. Ich denke schon, dass versucht wurde, die Leute möglichst lange woanders unterzubringen. Letztlich war das aber nicht zu halten. Ich selbst war ganz gut aufgestellt, da verliert sich der Blick für die Kollegen leider. Einige sind aber wohl auch durch Studium und andere neue Lebenssituationen ausgeschieden. Die Welt war plötzlich größer geworden, da brauchten sie die Nische nicht mehr.

Wie schätzen Sie im Nachhinein das Joint Venture der Berliner Buchhandelsgesellschaft mit Bouvier und Nicolai ein?

Es war ein spannender Versuch, der Ost und West zusammenführte. Ich sehe noch meinen Filialleiter an einer Karte erklären, wie unser Einzugsgebiet sich denn in Zukunft zusammensetzen würde. Allerdings brauchte es dann noch über 20 Jahre bis dieses Szenario Wirklichkeit wurde und die Bewohner der Stadt die nun unsichtbare Grenze überschritten. Leider hatte die Buchhandlung diese Zeit nicht.

1990/91 haben Sie in Bonn und Köln Praktika bei Bouvier gemacht. Wie waren Ihre Erfahrungen?

Holger Brandstädt vor seiner Friedrich-Wagner-Buchhandlung © privat

Holger Brandstädt vor seiner Buchhandlung © privat

Die BBN wollte Synergien nutzen und ihre Mitarbeiter intern fit machen. Ich wurde für einen Austausch vorgeschlagen und habe dann mehrfach Wochen in den Bouvier-Flagschiffen verbracht. Die „Universitätsbuchhandlung“ in Bonn war meine erste Station. Ich war damals erst ein paar Monate im Buchhandel, aus dem Osten und noch dazu ungelernt. Auf beiden Seiten war die Unsicherheit wohl recht groß, was da auf einen zukam. In Bonn stand zu dieser Zeit ein Leitungswechsel an, vom klassischen Buchhandel zu einem sich ausschließlich an betriebswirtschaftlichen Zahlen ausgerichteten Unternehmen. Das Gleiche habe ich ein paar Jahre später bei Wohltat erlebt. – In beiden Fällen wurden die Firmen von den Prokuristen an die Wand gefahren. Das war eine wichtige Lehre für mich: Es geht nur mit den Mitarbeitern und, klar, insgesamt muss es sich rechnen, einzelne Teile müssen jedoch nicht immer sofort Gewinn abwerfen. Manches braucht Zeit und bringt erst auf den zweiten Blick etwas.

Das „Buchhaus Gonski“, wo Sie ebenfalls gelernt haben, galt in den 1990ern als ein Meilenstein im Kölner Buchhandel …

Das „Buchhaus Gonski“ war dann noch mal ein ganz anders Konzept als die Bonner Unibuchhandlung mit ihrem angeschlossenen wissenschaftlichen Verlag und der Kunstabteilung. Gonski war ein Buchkaufhaus mit Rolltreppe und Café – nur leider war der Kölner Neumarkt von Großbuchhandlungen umstellt. Die Fläche war sehr personal intensiv und alles andere als optimal zugeschnitten. Beide Buchhandlungen einte ein riesiges Angebot, das aber auch viel Tapete beinhaltete. In Bonn stand Reclam Stuttgart 1x numerisch und 1x alphabetisch geordnet – komplett! Und dann gab es noch ein paar Regale, in denen die besser verkäuflichen Titel der RUB standen. Neu war für mich der EDV gestützte Zugriff auf ein eigenes Zentrallager und der Umgang der Kollegen untereinander. Private Kontakte unter Mitarbeitern waren von der Firmenleitung nicht gern gesehen. Da war es schon etwas Besonderes dem Ostimport die abendliche Kneipenszene zu zeigen. Im Osten interessierte das keinen und natürlich waren wir Buchhändler untereinander befreundet. Wie auch immer, es war eine spannende Zeit. Ich wurde von den Kollegen in Bonn und Köln gut aufgenommen und hab mich wacker geschlagen – eine Erfahrung, die mich beruflich sehr stärkte.

In dieser Zeit haben Sie ein Fernstudium absolviert. Wurden Sie dabei aus Fördertöpfen unterstützt?

Das Studium wurde vom Landesverband Baden Württemberg und dem Börsenverein gefördert und veranstaltet. Neben Lehrbriefen und Aufgaben gab es Seminare in Leipzig und Stuttgart, eine interne Abschlussprüfung und daran anschließend eine bei der IHK in Berlin. Der Fernunterricht war eine gezielte Fördermaßnahme für Seiteneinsteiger überwiegend aus den neuen Ländern.

Im August 1992 kam das Aus für die „Berliner Buchhandelsgesellschaft Bouvier und Nicolai“ (BBN). Welche Folgen hatte diese Zäsur für Ihren Betrieb?

Schon zuvor mussten erste Filialen geschlossen werden, weil Mietverträge gekündigt wurden. Das „Gute Buch“ am Alexanderplatz gehörte dazu und die „Buchhandlung Unter den Linden“. Deren Leiter übernahm das „Internationale Buch“, setzte überall seine Leute aus Schlüsselpositionen ein und ging dann trotzdem baden. Die Chemie in der Buchhandlung stimmte nicht mehr, die Umsätze blieben hinter den Erwartungen zurück und die westdeutschen Partner wollten wohl ihr Engagement nicht bis ins Ungewisse ausdehnen. Der Weg Berlins zur Metropole dauerte doch länger als gedacht. Zuerst wurden nach Sozialplan vor allem junge Mitarbeiter entlassen. Diese fanden dann häufig wieder eine Anstellung. Wer durch Protegé oder aus Altersgründen bleiben durfte, hatte es anschließend deutlich schwerer.

Nach dem Zerfall der BBN kamen Sie zur Wohlthat’schen Buchhandlung GmbH; eine Gruppe, die durch Zukäufe in Ostdeutschland nach 1990 stark wuchs, inzwischen aber nicht mehr existiert. Wie haben Sie die Expansion damals wahrgenommen?

Ich arbeitete zuerst für Wohlthats in Berlin/Marzahn, später dann in Berlin/Weissensee und zuletzt als Filialleiter in Berlin/Friedrichshagen. Während der ganzen Zeit war die Transformation vom Alt68er-Unternehmen zum ’normalen‘ Buchdiscounter in Bewegung. Dazu trugen die Zukäufe im Osten wesentlich bei. In diesen herrschte eine ganz andere, eher autoritär geprägte Unternehmenskultur. Es gab Filialen, die vom Personalchef geführt wurden, dem leider viel zu früh verstorbenen Klaus Roggenhausen, und welche, die der Prokurist Ojars Baumeister leitete. Beide standen für völlig unterschiedliche Konzepte in der Personalführung. Der Kampf der Firmenleitung gegen die Bildung eines Betriebsrates zeigte, wie fern die linken Ideale in den 1990ern schon waren. Mit dem Tod des Personalchefs setzte der Prokurist sich in der gesamten Firma durch.

Um sich am Markt halten zu können, setzte Wohltat zunehmend auf preiswerte Bücher und ein selbstbedienungsorientiertes Konzept? Wie sind Sie damit klar gekommen?

Ganz gut. Es gab tolle Reste exklusiv bei Wohlthats, jede Filiale kaufte eigenverantwortlich ein und gerade die Ostberliner Filialen waren in vielen Fällen eben doch Kiezbuchhandlungen für ihre Kunden. Da gingen Kalender für 49,- DM zum Originalpreis über den Ladentisch, das Sortiment war breit gefächert, das Maß an Eigenverantwortung zu meiner Zeit noch hoch. Nach meinem Weggang gab es dann immer mehr zentrale Regulierung, man sieht ja was daraus geworden ist. Letztlich gab es aber auch ein paar Punkte (Ladeneinrichtung / Veranstaltungen / Personalführung), die ich persönlich anders gestalten wollte und das ging nur über den Weg der Selbstständigkeit.

Wohltat wurde dann von Weltbild übernommen …

Letztlich blieb ein Scherbenhaufen unter Weltbildägide. Was für ein Hohn: die Firma, die ihr Geld mit Titeln wie „Sex und Folter in der Katholischen Kirche“ und den „Bakunin-Tagebücher“ gemacht hatte, die einen wesentlichen Teil der Auflage des „Heimlichen Auges“ von Konkursbuch und Erotikwälzer von Taschen vertrieb, verkaufte sich an ein Konglomerat aus Soldatenseelsorge und katholischen Diözesen. Erotik wurde sofort aus dem Angebot genommen. Mit Titeln wie „Wölfe im Eismeer“ und „Die deutschen Stukka-Asse“ hatte Weltbild leider deutlich weniger Berührungsängste. Die hätte es bei Wohltat nie gegeben. Ich erinnere mich an stundenlange Diskussionen, ob man den Leni Riefenstahl Band von Taschen denn nun anbieten solle oder nicht. Letztlich sprach sich die Mehrheit der Wohlthat-Filialleiter dagegen aus.

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Der ausgebildete Koch Holger Brandstädt (geb. 1966) fing im September 1989 als ungelernte Kraft im „Internationalen Buch“ in der Spandauer Straße in Berlin/Mitte an. Eingestellt wurde er von Gerald Nußbaum, dem damaligen Direktor des Ostberliner Volksbuchhandels, der zu DDR-Zeiten unter dem Namen „Berliner Buchhandelsgesellschaft“ firmierte. 1989 gehörten circa 64 volkseigene Buchhandlungen zum Verbund.

Nußbaum trug sich bereits früh mit dem Gedanken, mit einem starken, westdeutschen Partner zu fusionieren. Nach Verhandlungen mit Thomas Grundmann von der Bouvier Buchhandelsgruppe in Bonn entstand im Juli 1990 die „Berliner Buchhandelsgesellschaft Bouvier und Nicolai“ GmbH (BBN), die sich die interessantesten Objekte der ehemaligen Hauptstadt der DDR sicherte. Unter den ehemaligen Renommierläden wie „Universitätsbuchhandlung“, „Kunstsalon unter den Linden“, war auch das „Internationale Buch“, wo Holger Brandstädt beschäftigt war. Er absolvierte 1990/91 in Bonn und Köln bei Bouvier diverse Praktika; zeitgleich machte er per Fernstudium seinen Abschluss als Buchhändler. Im August 1992 kam das Einsehen, dass sich die BBN überhoben hatte. Die vermeintlichen Filetstücke des Ostberliner Buchhandels hatten sich als nicht lukrativ genug erwiesen. Die meisten Buchhandlungen der BBN machten dicht; lediglich zwei konnten im Rahmen eines Management-Buy-Out an ehemalige Mitarbeiter verkauft werden.

Nach dem Zerfall der BBN ging Holger Brandstädt zur „Wohlthat’schen Buchhandlung“ GmbH, bei der er zuletzt als Filialleiter in Berlin/Friedrichshagen beschäftigt war. Im Oktober 2001 übernahm er in Ueckermünde die traditionsreiche „Friedrich-Wagner-Buchhandlung“.

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Mein Dank gilt allen, mit denen ich mich bislang habe austauschen dürfen. Ich würde mich freuen, wenn sich weitere Zeitzeugen einfänden, um das eine und andere aus der eigenen Erfahrung zurechtzurücken und/oder Lücken zu schließen.

„Der Buchhandel war eine jener Nischen, in der viele Unangepasste überwinterten.“ – Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Bedingungen des sozialistischen Literaturvertriebs und den Strukturwandel des ostdeutschen Buchhandels infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Einiges hat uns bereits Heike Wenige wissen lassen. Heute erinnert sich Holger Brandstädt an die Jahre 1989/90. Unsere nächsten beiden Gespräche werden sich um seine Erfahrungen infolge der Privatisierung des DDR-Buchhandels drehen.

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Was hat Sie von der Gastronomie in den Buchhandel getrieben?

Meine Großmutter war Buchhändlerin, ich wollte immer schon was mit Büchern machen. Leider war 1983 landesweit keine Lehrstelle für männliche Bewerber vorgesehen. 1989 war ich beruflich als Koch soweit gekommen, dass sich die Frage Studium, Meisterausbildung oder wechseln stellte. Der Wechsel kam dann gerade noch rechtzeitig, um in den Buchhandel einzusteigen, bevor dieser in die Wendewirren stürzte.

Wie haben Sie die letzten Monate im DDR-Buchhandel erlebt?

Kulturstaatsministerin Monika Grütters überreicht Holger Brandstädt den Deutschen Buchhandlungspreis 2015 © Bundesregierung/Orlowski

Kulturstaatsministerin Monika Grütters überreicht Holger Brandstädt den Deutschen Buchhandlungspreis 2015 © Bundesregierung/Orlowski

Im Sommer 1989 sind reihenweise Buchhändler in den Westen ausgereist, andere hatten einen Ausreiseantrag gestellt und so stand die Berliner Buchhandelsgesellschaft vor dem Problem, die Läden zu besetzen. Mir wurden vier Filialen zur Auswahl gestellt, verbunden mit der Bitte, ein paar Wochen im „Internationalen Buch“ auszuhelfen. Letztlich blieb ich dort. Die Buchhandlung war hell, groß, man musste weder heizen noch putzen, es gab jeden Tag neue Ware und das Publikum war international. Ich bekam eine Stelle in der Belletristik, in der damals neben einer Buchhändlerin noch ein Maurer, eine Melkerin und eine Bürofachfrau arbeiteten. Alles motivierte Seiteneinsteiger, die recht schnell selbstständig arbeiten konnten. Daran war gerade in kleinen Buchhandlungen nicht zu denken.

War Ihnen bewusst, dass der Volksbuchhandel ursprünglich eine erzieherische Funktion hatte und dementsprechend auch in der Pflicht stand, politisch genehme „Schwerpunkttitel“ zu vertreiben?

Natürlich gab es palettenweise Werke von Otto Gotsche & Co, die Buchhandlungen waren jedoch auch damals schon bestrebt, Umsätze zu erzielen. Dazu kam, dass der Buchhandel eine jener Nischen war, in der viele Unangepasste überwinterten. Da hatten die hohlen Parolen des SED-Regimes wenig Widerhall. Werke wie die „Ordnung für den Literaturbetrieb“ und das „Statut für den Volksbuchhändler“ sind mir nie untergekommen.

Inwieweit unterschied sich das Sortiment der Internationalen Buchhandlungen von dem der anderen volkseigenen Betriebe?

Das „Internationale Buch“ (IB) in Berlin/Mitte war eine der größten Buchhandlungen der DDR. Das Sortiment setzte sich aus deutsch- und fremdsprachigen Titeln zusammen. Da gab es Fachbücher auf Russisch und Böll auf Vietnamesisch (letztere mussten aus Angst vor Flöhen immer erst auf der Warenrampe in Quarantäne). Es gab Buchhändler aus der UdSSR, die Humboldt-Uni war nah und Westberlin ebenso, weshalb die Buchhandlung auch als Schaufenster der DDR dienen sollte. Alles war aus hellem Holz, großflächig verglast und großzügig angelegt. Viele Kunden kamen, um ihren Zwangsumtausch in Bücher anzulegen, und es gab eine Kasse an der zum Kurs 1:1 mit D-Mark bezahlt werden konnte. Das IB belieferte Bibliotheken und Botschaften. Die Amerikanische Botschaft schickte jedes Jahr kalifornischen Cabernet Sauvignon als Dankeschön – ein für unseren damaligen Geschmack fürchterlich saurer Wein. Und die russischen Kollegen gingen manchmal mittags rüber in die Botschaft Unter den Linden und holten aus der Kantine große Tüten mit noch warmen Gebäck.

Können Sie bestätigen, dass die Internationalen Buchhandlungen eine privilegierte Stellung hatten und aufgrund ihres Sortiments in der DDR besonders beliebt waren?

Ganz klar ja. Während viele Buchhandlungen einmal in der Woche beliefert wurden, traf im IB täglich neue Ware ein. Nur leider reichten die gelieferten Exemplare pro Titel oft nicht einmal aus, um alle Bibliotheken und Kollegenbestellungen zu erfüllen. Als ich im August 1989 anfing sollten die Erinnerungen von Pu Yi, Chinas letztem Kaiser, erscheinen. Der Bertolucci-Film war gerade wie ein Straßenfeger durchs Land gerollt und so war die Nachfrage riesig. Zweimal am Tag fragten manche Kunden, ob das Buch denn schon da sei. Als es kam (sieben Exemplare) knobelten wir dann aus, wer den Kunden sagt, dass es schon durch sei. Das war keine schöne Aufgabe. Vor der Buchhandlung stand immer eine lange Schlange. Denn auch hier galt: Kein Rundgang ohne Korb!

Mauerfall im November 1989, Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion im Juni 1990, deutsche Einheit am 3. Oktober 1990. Wie erinnern Sie sich an diese turbulenten Monate im Buchhandel?

Es ging alles wahnsinnig schnell und war viel zu komplex, um es hier in Kürze festzuhalten. Ich erinnere mich daran, dass wir am 4. November am Fenster standen und die Demonstration zum Alexanderplatz ziehen sahen. Erst nach Schichtschluss reihten wir uns ein. Und am 10. November wurde die Buchhandlung trotz durchgefeierter Nacht natürlich pünktlich geöffnet. Den 3. Oktober verbrachte ich in einem Pub an der Westküste Irlands und vor der Währungsunion stapelten sich im Tresor Kleingeldrollen, da dieses erstmal weiterhin im Umlauf war und zwar zum Kurs 1:1, was das Geschäftskapital stärkte. Die Frage, welchen Rabatt die Buchhandlung denn z.B. beim Aufbau Verlag bekam, war gar nicht so schnell zu beantworten und führte erstmal zu hektischen Aktivitäten der Einkaufsabteilung. Und die Frage, ob denn nun noch ausgeliefert wird, was bestellt war – das waren ja oft Mondzahlen (1000 Exemplare bestellt = 80 Stück geliefert) trieben uns plötzlich Schweißperlen auf die Stirn.

Nach der Wende war der Hunger nach Lesestoff groß, der zu DDR-Zeiten verboten oder nur schwer zugänglich war. Die Geschäfte im Buchhandel florierten. Können Sie sich erinnern, was damals besonders stark nachgefragt wurde?

Bahros „Alternative“ ebenso wie die Protokolle des Politbüros, Schriften von Basisdruck fallen mir als erstes ein. Später dann westlicher Mainstream von Wimschneider über Cardella, Tolkien und Fromm bis zur „Möwe Jonathan“. Viele Leser ergänzten ihre Sammlungen von Grass und Lenz bis Orwell mit einigen ausgewählten Titeln, dafür hatten wir KV-Kataloge; sprich: die Barsortimentskataloge von Köhler & Volkmar, damals fest gebunden und auf Papier gedruckt. Die Bestellungen gaben wir telefonisch auf, was oft am völlig überlasteten Telefonnetz scheiterte. Anfangs fuhren wir auch nach Westberlin, um Bestellungen direkt aufzugeben. Bei der VAH Jager war ich mal persönlich, die schauten ganz schön erstaunt drein ob dieses Bestellweges.

Um Westtiteln Platz zu machen, haben viele Buchhandlungen nach der Währungs- und Wirtschaftsunion ihre DDR-Bestände leer geräumt. Wie war das bei Ihnen?

Geräumt haben wir auch reichlich und aussortiert. Allerdings hatte das „Internationale Buch“ viel internationale Kundschaft, da waren die DDR-Bestände durchaus noch gefragt. Klemperes „LTI“ kostete bei Reclam Leipzig 2,50 Mark, die erste Nachwendeauflage dann circa 16 Mark. Das war schon ein Unterschied als der Staat zu jedem verkauften Buch nicht noch was drauflegte. Hatten wir zuvor 500 Stück geordert, stellte sich jetzt die Frage ob wir fünf nehmen sollten und ob diese einen Käufer finden würden. Wo früher die Abteilung Gesellschaftswissenschaft im Erdgeschoss gewesen war, wurde nun eine Taschenbuchabteilung eingerichtet, dazu Berlin-Literatur und es gab Neue Medien gleich im Kassenbereich. Die fremdsprachigen Titel wurden reduziert und das Fachbuch ausgebaut. Die unaussprechlichen russischen Originale zu verkaufen war wohl das schwierigste Unterfangen.

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Der ausgebildete Koch Holger Brandstädt (geb. 1966) fing im September 1989 als ungelernte Kraft im „Internationalen Buch“ in der Spandauer Straße in Berlin/Mitte an. Eingestellt wurde er von Gerald Nußbaum, dem damaligen Direktor des Ostberliner Volksbuchhandels, der zu DDR-Zeiten unter dem Namen „Berliner Buchhandelsgesellschaft“ firmierte. 1989 gehörten circa 64 volkseigene Buchhandlungen zum Verbund.

Nußbaum trug sich bereits früh mit dem Gedanken, mit einem starken, westdeutschen Partner zu fusionieren. Nach Verhandlungen mit Thomas Grundmann von der Bouvier Buchhandelsgruppe in Bonn entstand im Juli 1990 die „Berliner Buchhandelsgesellschaft Bouvier und Nicolai“ GmbH (BBN), die sich die interessantesten Objekte der ehemaligen Hauptstadt der DDR sicherte. Unter den ehemaligen Renommierläden wie „Universitätsbuchhandlung“, „Kunstsalon unter den Linden“, war auch das „Internationale Buch“, wo Holger Brandstädt beschäftigt war. Er absolvierte 1990/91 in Bonn und Köln bei Bouvier diverse Praktika; zeitgleich machte er per Fernstudium seinen Abschluss als Buchhändler. Im August 1992 kam das Einsehen, dass sich die BBN überhoben hatte. Die vermeintlichen Filetstücke des Ostberliner Buchhandels hatten sich als nicht lukrativ genug erwiesen. Die meisten Buchhandlungen der BBN machten dicht; lediglich zwei konnten im Rahmen eines Management-Buy-Out an ehemalige Mitarbeiter verkauft werden.

Nach dem Zerfall der BBN ging Holger Brandstädt zur „Wohlthat’schen Buchhandlung“ GmbH, bei der er zuletzt als Filialleiter in Berlin/Friedrichshagen beschäftigt war. Im Oktober 2001 übernahm er in Ueckermünde die traditionsreiche „Friedrich-Wagner-Buchhandlung“.

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Mein Dank gilt allen, mit denen ich mich bislang habe austauschen dürfen. Ich würde mich freuen, wenn sich weitere Zeitzeugen einfänden, um das eine und andere aus der eigenen Erfahrung zurechtzurücken und/oder Lücken zu schließen.

 

„Vom Börsenverein erwarte ich mir mehr Kritikfähigkeit.“ SteglitzMind stellt Holger Brandstädt von der Friedrich-Wagner-Buchhandlung vor

Sind Buchhändler tatsächlich die Verlierer der Digitalisierung? Wie gehen sie mit den Schreckensszenarien um? Wo sehen sie Risiken, wo Chancen und welche Weichen stellen sie, um zukunftsfähig zu bleiben? Wie halten sie es mit dem E-Book und wären Titel von Self Publishern für sie eine Option? Diese u.a. Aspekte will die Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” beleuchten, in der Interviewpartner in loser Folge standardisierte Fragen beantworten.

Welche Buchmenschen und Buchhandlungen wir zukünftig etwas näher kennenlernen, schlagen zum einen jene vor, die mir Rede und Antwort stehen. Darüber hinaus freue ich mich auf Empfehlungen von Euch, wer hier ebenfalls zu Wort kommen sollte. Und, bitte sehr, vermerkt Eure Vorschläge hier (nebst Link zur Buchhandlung); und nicht etwa auf diversen anderen Kanälen im Social Web. Danke sehr! Im Übrigen freue ich mich auch über Gastbeiträge: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen?

Dass wir heute Holger Brandstädt von der Friedrich-Wagner-Buchhandlung kennenlernen, die in Ueckermünde ansässig ist, hatte Heike Wenige vom Taschenbuchladen vorgeschlagen, der im sächsischen Freiberg zu finden ist.

Eine Skizze vom Laden…

Holger Brandstädt © Roland Köhler

Holger Brandstädt © Roland Köhler

Die Friedrich-Wagner-Buchhandlung ist eine unabhängige Sortimentsbuchhandlung mit 100 m² Verkaufsfläche ganz im Nordosten der Republik. Namensgeber Friedrich Wagner war Buchbinder und machte sich vor 130 Jahre in Ueckermünde selbständig. Sohn Johannes, bei dem meine Großmutter in die Lehre ging, machte 1936 eine Vollbuchhandlung daraus. Dessen Tochter Johanna führte die Buchhandlung bis 1981 als Kommisionsbuchhandlung. Nach einigen Jahren als Volksbuchhandlung und Nachwendeprivatisierung bin ich seit 2001 Inhaber. Die Buchhandlung umfasst ein allgemeines Sortiment, dazu Wein, etwas Papeterie, ausgewählte Nonbooks und Regionalprodukte. Es gibt einen Raum für Kunstausstellungen, eine Ferienwohnung und zahlreiche Veranstaltungen (Lesungen, Kino, Konzerte u.a.). Unser Team besteht aus mir als Inhaber, drei Aushilfen und zwei Katzen.

Warum sind Sie Buchhändler geworden?

Bücher haben mich immer fasziniert. Mutter und Großmutter waren im Handel tätig, Vater und Großvater im Zierpflanzenbau. Der Handel liegt mir mehr.

Würden Sie sich unter heutigen Bedingungen abermals für diesen Beruf entscheiden?

Ich kann mir keinen besseren Beruf wünschen, sehe aber für junge Leute durchaus fehlende Zukunftsperspektiven. Darüber hinaus kenne ich einige gute Sortimenter, die seit Jahren eine feste Anstellung in der Branche suchen und Opfer des Strukturwandels geworden sind. Hier im Pommerschen gibt es derzeit keine Beschäftigungsmöglichkeiten für angestellte Buchhändler, in Berlin sieht es seit Jahren auch mau aus.

Was hat sich in den vergangenen Jahren in Ihrem beruflichen Alltag verändert?

Größte Veränderungen für mich brachten die Mitgliedschaft in der eBuch e.G. und die Teilnahme am ANABEL-Einkaufsmodell. Ich habe schon 2001, als ich die Buchhandlung übernommen habe, nach einer Möglichkeit gesucht als kleine Sortimentsbuchhandlung Synergien zu nutzen. Damals gab es keinen Zusammenschluss, der mich überzeugt hat. Seitdem bei der eBuch die Warenwirtschaft nicht mehr Grundvoraussetzung ist, hat sich dies geändert.

Ich bin im Einkauf deutlich flexibler geworden, habe bessere Konditionen, weniger Arbeit im Back-Office. Der Genossenschaftliche Verbund stärkt die Position des unabhängigen Buchhandels, er bietet Firmen wie Amazon, Redcon & Co. Paroli und macht aus vielen Einzelkämpfern ein schlagkräftiges Team – und dies ohne dass die Individualität des Einzelnen auf der Strecke bleibt.

Die Devise heißt ja: Buchhandel go online! Was unternehmen Sie in dieser Richtung?

Ich habe seit Firmengründung eine Homepage, die bis Ende 2012 mit buchhandel.de verknüpft war. Dies war leider ein sehr mühseliges, unrentables Geschäft, da oft Bestellungen von bereits vergriffenen Titeln und aus Garagenverlagen, die zum Teil ohne Rabatt und mit überhöhten Versandgebühren liefern, eintrafen. Derzeit suche ich nach einer Alternative und nehme demnächst an einem Seminar zu diesem Thema teil.

hereinspaziert! © Holger Brandstädt

hereinspaziert! © Holger Brandstädt

Das Sterben der Buchläden ist allgegenwärtig. Wo verorten Sie für Ihre Buchhandlung die größten Gefahren?

Die größte Gefahr geht hier mit der Veränderung der Bevölkerungsstruktur einher. Die Einwohnerzahl sinkt, der Altersdurchschnitt steigt und das Land zieht sich immer mehr aus der Fläche zurück. Gleichzeitig bieten Discounter verstärkt die Brotartikel des Fachhandels an und die Aktiven kaufen im Internet. Fällt die Preisbindung geht auch hier das Licht aus, denn mit den Einkaufskonditionen, die Verlage schon jetzt Konzernen wie Amazon, Weltbild & Co einräumen, ist kein fairer Wettbewerb möglich.

Wie halten Sie es mit dem E-Book?

Die bisher via MVB und Libri angebotenen Reader haben mich nicht überzeugt. Ich empfehle daher eher das Lesen auf dem iPad oder anderen Tablet-PCs.

Als Mitglied der eBuch e.G. habe ich dank der Genossenschaft einen gut sortierten professionellen Online-Store. Die Umsätze halten sich in Grenzen, aber der Aufwand für mich auch. Wobei ich mich frage welche Funktion, außer den Content anzubieten, der Buchhändler beim E-Book hat und wie er sich und seine Individualität mehr einbringen kann?

Wäre das eine Option für Sie, auch Titel von Self Publishern anzubieten?

Das mache ich schon, aber oft fehlen den Self Publishern einfachste gestalterische und kalkulatorische Grundkenntnisse.  Wo es geht stehe ich beratend zur Seite, um für beide Seiten bessere Ergebnisse zu erzielen. Gerade im regionalen Bereich kann Self Publishing eine sinnvolle Sortimentsergänzung sein.

Wie verkauft man heutzutage Bücher?

Mit Freude an Individualität. (Nicht jeder Bestseller findet seinen Weg in den Nordosten, dafür sind ganz eigene Titel Best- und Longseller.) Durch eine gute regionale Vernetzung, einen erstklassigen Service und ein spannendes Veranstaltungsprogramm, aktive Öffentlichkeitsarbeit inbegriffen. Dazu regionale Kompetenz: Im Sortiment finden sich u.a. selbstverlegte Postkarten und der deutsche Vertrieb der Reihe ‚Zeit, Raum‚ Identität‘ aus Stettin/Polen. Durch Stärkung des buy local-Gedankens und gemeinsame Aktionen mit den umliegenden Fachhändlern, die die Vielfalt des Angebots in der Ueckermünder Altstadt ins öffentliche Bewusstsein zurückholen.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, die Ihnen Verlage erfüllen… Welche wären das?

Buch und Wein © Roland Köhler

Buch und Wein © Roland Köhler

1. Ich wünsche mir, dass Verlage weniger die Nebenmärkte fördern und stattdessen dem Buchhandel ähnlich attraktive Angebote machen.

2. Ich wünsche mir mehr Weltsicht der Verlage. Die Gastländer der Buchmesse zeigen, dass auch nichtenglische Literaturen großartige Entdeckungen zu bieten haben. Und dies sicher nicht nur wenn in Frankfurt ein neues Gastland gekürt wird.

3. Dass sich endlich ein Verlag findet, der weitere Provence-Krimis von Pierre Magnan ins Deutsche übersetzt. Der ist um Längen besser als Fred Vargas und ein Opfer des Verschiebebahnhofs, der den Scherz-Verlag irgendwann bei Fischer abgestellt hat.

Und was würden Sie sich vom Börsenverein für den deutschen Buchhandel wünschen?

Konsequenten Einsatz für die Preisbindung / Preisgünstige Bereitstellung buchhändlerischer Hilfsmittel / Beratung in Fachfragen. Letzteres erlebe ich sehr gut bei Michael Menard vom Landesverband Nord in Hamburg, aber die Heerscharen „grau gekleideter Herren“ in Leipzig stoßen mich regelmäßig ab. Da fühle ich mich als Sortimenter weder wohl noch wahrgenommen. Darüber hinaus erwarte ich mehr Kritikfähigkeit vom Börsenverein und die Nutzung des kreativen Potentials der Branche. Aktionen wie ‚Vorsicht Buch‘ und einiges, was da sonst gestalterisch aus Frankfurt auf die Branche losgelassen wurde (z.B. die Bücherstapelgutscheinhüllen), erschrecken mich ob ihrer Einfallslosigkeit. Auch Nachfragen heißt es dann immer reflexartig: ‚Ihren Kollegen gefällt es. ‘ Solche Aussagen bringen weder mich noch die Branche weiter.

Was treibt Sie in der literarischen Szene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Das es immer schwerer wird, Titel mit Substanz zu finden, die zu verkaufen Freude macht. Die Unzahl austauschbarer Massenware auch aus Häusern mit großer literarischer Tradition wie z.B. Aufbau, Ullstein, List deprimiert. Fragen Sie doch mal Verlage, was im vorletzten Herbst der Spitzentitel war?! Auch wenn Osburg, Liebeskind u.a. immer noch für Lichtblicke sorgen, dünnt sich das Angebot trotz hoher Novitäten-Anzahl doch zusehends aus. Mich retten im Sommer Regionaltitel und die Tatsache, dass dank steigender Touristenzahlen auch die Backlist wieder mehr gepflegt werden kann.

Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen?

Weil Buchhandlungen im Idealfall lebendige Orte der Entdeckung und Begegnung sind, die sich durch Individualität und Engagement auszeichnen.

Welche anderen Buchhandlungen empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Ich empfehle ob ihres Engagements Ute Henze von der gleichnamigen Buchhandlung in Wolgast und Tatjana Mischke von der Franz-Mehring-Buchhandlung in Berlin-Friedrichshain, die an ihrem Standort mehrfach massive Veränderungen der Bevölkerungsstruktur gemeistert hat.

Wo findet man Ihre Buchhandlung im Netz? 

Neben der Homepage und dem E-Book-Store ist sowohl die Buchhandlung als auch ihr Inhaber auf Facebook aktiv.

Danke sehr! Wäre meine Katze Liese-Lotte noch, würde ich sie bei Ihnen gerne in die Lehre schicken…

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Fünf Fragen vom Börsenblatt für den deutschen Buchhandel zur Gesprächsreihe mit Buchhändler/innen beantworte ich hier

Zu Wort gekommen sind bislang:

Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung in Stuttgart/Vaihingen

Edda Braun mit ihrer Buchhandlung am Turm in Ochsenfurt

Samy Wiltschek von der Kulturbuchhandlung Jastram in Ulm

Margarete Haimberger mit ihrer Schröersche Buchhandlung in Berlin/Schöneberg

Sonja Lehmann vom Bücherwurm Borken im Nordhessischen

Martina Bergmann mit der Buchhandlung Frau Bergmann in Borgholzhausen

Thomas Calliebe mit seiner Buchhandlung Calliebe in Groß-Gerau

Mila Becker mit Mila Becker Buch & Präsent in Voerde

Trix Niederhauser aus der Schweiz von der Buchhandlung am Kronenplatz in Burgdorf/Emmental

Simone Dalbert von der der Buchhandlung Schöningh in Würzburg

Klaus Kowalke von der Stadtteilbuchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V. in Chemnitz

Beate Laufer-Johannes von der der BücherInsel in Frauenaurach bei Erlangen

Petra Hartlieb von der Wiener Buchhandlung Hartliebs Bücher

Nicole Jünger aka Kata Butterblume vom Buchladen am Neuen Markt in Meckenheim

Jörg Braunsdorf von der Berliner Tucholsky-Buchhandlung

Stefanie Diez und ihre Buchhandlung Die Insel im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg

Britta Beecken von der Berliner Buchkantine

Heike Wenige mit dem Taschenbuchladen, der im sächsischen Freiberg ansässig ist

Christian Röhrl von der Buchhandlung Bücherwurm in Regensburg

Susanne Dagen vom Buchhaus Loschwitz in Dresden

Jessica Ebert und Katja Weber von der Berliner Buchhandlung ebertundweber

Anna Jeller mit ihrer Buchhandlung Anna Jeller in Wien