Steglitz stellt DocTotte mit „Tottes kleines Literaturlexikon“ vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Der Vorschlag, dass wir DocTotte, in dessen Händen u.a. Tottes kleines Literaturlexikon liegt, näher kennenlernen sollten, stammt von Friederike Kenneweg, die frintze pflegt.

Dein Steckbrief in Stichworten …

berühmt und berüchtigt - so kennen wir den Betreiber im Netz © DocTotte

berühmt und berüchtigt – so kennen wir den Betreiber im Netz © DocTotte

Seit 1972 Kind des Ruhrgebiets, wenn auch mit einer 10-jährigen Unterbrechung im hohen Norden. Ich habe Archäologie (lief damals noch unter Ur- und Frühgeschichte an den meisten Unis), Skandinavistik und Mittelaltergeschichte studiert und bin schließlich über die römische Kaiserzeit und Völkerwanderungszeit in Holstein promoviert worden.

Während der Promotion litt ich dermaßen unter der meist miserabel geschriebenen wissenschaftlichen Lektüre, dass ich Belletristik nur so verschlang. Als dann im noch jungen Jahrtausend die Stellen in der Archäologie so weit gestrichen wurden, dass es mir einfach nicht gelang, dauerhaft Fuß zu fassen, erinnerte ich mich an andere Leidenschaften: Wörter und Texte. Ich nahm meine Erfahrung als Vielleser und Ein-bisschen-selbst-Herumschreiber, gewürzt mit ein paar kleinen Veröffentlichungen in der Frankfurter Rundschau sowie im Internet und geriet über ein Hamburger Werbelektorat schließlich als Texter in die Werbebranche. Heute dient mir die Literatur dazu, die Ballaststoffe der Werbewelt geistig zu verarbeiten, ohne irrsinnig zu werden.

Seit wann, warum und wo bloggst du?

Ich hab Mitte 2007 mit Bloggen angefangen. Mein erster Blog startete bei Blog.de, hauptsächlich weil das für meine damalige Vorstellung das ideale Feld war. Trotzdem habe ich mich schon früh auch auf anderen Plattformen umgeschaut. Selbst die Gründung des hiesigen WordPress-Blogs liegt schon lange zurück, er lag aber über Jahre brach. Mit der Zeit haben mich technische Unzulänglichkeiten und auch das Verschwinden einiger guter Autoren mehr und mehr von Blog.de entfremdet. Da ist irgendwann die Idee herangereift, die Blogs verstärkt thematisch zu trennen und bei WordPress die von mir gelesenen Bücher vorzustellen. Inzwischen überlege ich ernsthaft, die Filmreihe aus meinem anderen Blog zu WordPress zu portieren – sozusagen Tottes kleines Filmlexikon.

Deine Themenschwerpunkte …

… sind im WordPress-Blog eindeutig Bücher. Ganz anders als bei meinem ersten Blog, der von Literatur über Philosophie, Politik, Film und Musik bis hin zu lautem Klamauk und handfestem Nonsens alles umspannte, was mir so in den Sinn kam. Bei dem Literaturblog auf WordPress ist die Nähe des Namens zu Kindlers Literaturlexikon ist übrigens durchaus beabsichtigt. Mich amüsierten im Kindler ganz besonders die Kurzkritiken, die oft genug Zitate von Arno Schmidt enthielten und das Werk eines Autors in einem Satz beschrieben. Besonders gut erinnre ich mich in diesem Zusammenhang daran, wie Schmidt in einem Satz William Blakes Arbeiten als „zeitlose Gesänge eines Irren in erdachten Landschaften“ abkanzelt.

Was treibt dich in der Literaturszene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Lange war ich sehr in ältere Literatur vertieft, darunter auch, aber nicht nur Klassiker. Ich wollte einfach die Basis wenigstens ab dem 17. Jahrhundert kennen. Viele moderne Autoren fand ich schrecklich langweilig und wollte nicht lesen, was sie zu sagen haben. Es gab da wenige Ausnahmen wie Kertesz oder Eco. Parallel dazu las ich viel Arno Schmidt und auch manches seiner Empfehlungen, sofern es greifbar war. Heute hopst nur noch ab und an ältere Literatur dazwischen, mehrheitlich schaue ich mich bei aktuellen Schriftstellern um. Es sei mir allerdings die Bemerkung erlaubt, dass ich viele deutsche Autoren, insbesondere die Leipziger Schule eher für unfertige Adepten als für ausgewachsene Schriftsteller halte. Hier sehe ich noch viel Entwicklungsbedarf. Und dass Bücher heutzutage vielfach darüber verkauft werden, ob die Autoren durch Sender wie RTL oder Sat.1 bekannt geworden sind – ich denke, dazu braucht man nicht viel zu sagen.

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

In der Hauptsache auf zwei Wegen: Meine weiteren Blogs verlinken mehrheitlich auf diesen Literaturblog und jedes neue Posting dieses Blogs lasse ich automatisch per Twitter verbreiten. Manchmal weise ich auch Freunde und Bekannte, die bei mir nicht regelmäßig lesen, mündlich oder per E-Mail auf bestimmte Postings hin, von denen ich denke, dass sie interessant für sie seien.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

Das hängt vom Anspruch ab, den man hat. Wer seinen Blog nur für sich führt, kann praktisch machen, was er möchte – mal abgesehen von strafbewehrten Vergehen. Wer aber eine Gruppe von Lesern erreichen möchte, und sei sie noch so klein, für den gibt es eigentlich nur ein Vergehen: die Leser zu langweilen. Ich räume ein, dass es nicht immer zu vermeiden ist. Sicher langweile ich auch mit dem einen oder anderen Eintrag, aber ich hoffe, dass ich zumindest die Mehrheit der Leser unterhalte. Das ist übrigens auch einer der Gründe, warum ich in nahezu allen meinen Blogs eher kurze Einträge verfasse. Es gibt selbstverständlich Themen, die nur in einem längeren Postings angemessen behandelt werden können. Was aber kurz gesagt werden kann, dass sollte auch kurz gesagt werden. Deshalb weigere ich mich zudem, meine Rezensionen mit seitenlangen Inhaltsbeschreibungen aufzublähen. Es gibt wohl kaum ein publiziertes Buch auf der Welt, von dem nicht längst zig Nacherzählungen im Netz kursieren. Nein, ich möchte mit meiner eigenen Meinung als Wegweiser dienen. Ich möchte Lesern Empfehlungen geben oder sie warnen, wenn die Lektüre eines Buchs aus meiner Sicht verschenkte Lebenszeit darstellen sollte.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Da sehe ich mehrere. Zuerst die Themenfindung: Als ich meinen ersten Blog aufgemacht habe, lag er da. Und ich überlegte, was ich damit machen soll. Tagebuch? Publizierung von eigenen Texten? Letztlich bin ich dann bei einem Themen-Misch-Masch gelandet, der meinen ersten Blog lange Jahre auszeichnete und meine facettenreiche Person gut widerspiegelt. Das half dann vor der Aufsplittung der Themen bei der Überwindung der nächsten Hürde: dem Finden von Lesern. Gerade in meinem ersten Blog war das die ersten Monate ein echtes Rätsel für mich. Meinen Durchbruch verdanke ich dann schließlich der Tatsache, dass mich ein Darmstädter Poetry-Slammer namens Nesh Vonk „entdeckte“. Er selbst war mit seinem Blog damals sehr erfolgreich, und dadurch, dass er ab und an auf mein Wirken hinwies, kamen die Leser irgendwann wie von selbst. Manche verschwanden schnell wieder, andere sind mir dagegen seit Jahren treu.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Es gibt mehrere Dinge rund um das Bloggen, die ich weniger als Erlebnis bezeichnen würde, die aber nachhaltigen Einfluss auf mein Leben hatten. Dazu gehört, dass ich durch meine Blogs in der ganzen Welt eine Reihe sehr toller Menschen kennenlernen durfte. Zu manchen ist der Kontakt eher locker, gerade wenn sie in Kalifornien oder Kanada leben. Zu anderen habe ich einen so engen Kontakt, dass ich sie ab und zu auch im wirklichen Leben treffe. Darunter sind Menschen, die mir so wichtig geworden sind, dass ich sie in meinem Leben nicht mehr missen möchte. Sehr schön finde ich ferner die Tatsache, dass mir meine Blogs praktisch zu meinem aktuellen Job verholfen haben. Ich verdiene zwar mit ihnen selbst nichts – schon wegen der geringen Leserzahl –, aber sie haben mich dabei unterstützt, dass ich Arbeitgebern meinen Umgang mit Sprache präsentieren und sie von mir überzeugen konnte.

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Das ist mir in der Form bisher noch nicht widerfahren. Lediglich den Wiener Autor Albert Knorr unterstütze ich in der Funktion als Lektor seit mehreren Jahren bei der Arbeit an seiner Sacer-Sanguis-Reihe. Das führte so weit, dass ich in dieser Reihe selbst als Co-Autor mitwirken durfte. Und auch wenn es noch nicht ganz in trockenen Tüchern ist, darf ich hier ankündigen, dass es ganz danach aussieht, dass das Team aus Albert Knorr, Marlen Raab und mir nächstes Jahr erneut zusammen arbeiten wird.

Ansonsten freue ich mich sehr, wenn mich Autoren oder solche, die es werden wollen, um Rat fragen. Gerade in den letzten Jahren habe ich einige Gespräche über Ideen zu Plots und Geschichten geführt. Hier hilft mir das Hintergrundrauschen der gelesenen Bücher, um einer Idee den notwendigen Drall zu geben oder den Autor darauf hinzuweisen, wenn einer Geschichte elementare Grundlagen fehlen wie beispielsweise die Intention der Protagonisten.

Eine richtiggehende Rezension hinge allerdings stärker davon ab, um was für einen Verlag und Autor es sich handelt. Ich würde meine geringe Freizeit beispielsweise nicht mit der Lektüre von Esoterikbüchern oder allzu fantasievollen Arbeiten über historische Ereignisse verbrauchen. Dazu gibt es noch viel zu viele gute Bücher, die ich unbedingt lesen möchte.

Und wie würdest du damit umgehen, wenn dir Self-Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Hier gilt genauso, dass das Thema mich wenigstens im Ansatz interessieren sollte. Grundsätzlich behandle ich Self-Publisher aber nicht anders als Verlage. Ein gutes Buch ist ein gutes Buch, egal wer es verlegt.

Wie hältst du es mit dem E-Book?

Ich bin noch so altmodisch, dass ich lieber ein richtiges Buch in den Händen halte. Dabei habe ich mich immerhin schon mit Taschenbüchern arrangiert. Früher habe ich sogar großen Wert auf gebundene Bücher gelegt. Ich gebe aber zu, dass ich mein Tablet inzwischen nicht nur nutze, um Zeitungen und Nachrichten zu lesen, sondern auch um Textproben von Büchern zu lesen. Ich finde es wirklich toll, wenn Verlage ein paar Dutzend Seiten eines Buchs zur Verfügung stellen, damit man sich mal ein Bild von der Schreibe und vom Text machen kann. Ich weiß zum Beispiel nicht, ob ich jemals das „House of Leaves“ von Mark Z. Danielewski gelesen hätte, wenn Klett-Cotta damals nicht die ersten 96 Seiten als PDF zum Download angeboten hätte.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5)?

Bei Jargs Blog, dessen Betreiber sich hier ja bereits vorgestellt hat, gefällt mir der Mix aus Themen und Medien, die ich sonst wohl nicht serviert bekäme. Nicht immer ist etwas für mich dabei, aber es ist doch ein angenehmer Blick über den Tellerrand. Die nächsten beiden Blogs, in denen ich gern stöbere, ähneln meinem eigenen Blog: Read the World – das Hundert Bücher Projekt und 1001 Bücher – das Experiment. Im Prinzip unterlag mein Durchmarsch durch die Klassiker einem ähnlichen Ansatz, wenn auch weniger streng, weil ich über keine feste Liste verfügte. Zuletzt möchte ich den hier schon mehrfach genannten Blog Literaturen – Ein Streifzug durch die Welt der Literatur und Kultur empfehlen, für mich eine neuere Entdeckung. – Sophie ist mit ihren Literaturen hier ja ebenfalls bereits zu Wort gekommen.

Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Meines Erachtens hat es juneautumn von 1001 Bücher verdient, an dieser Stelle endlich zu Wort zu kommen.

Danke sehr, DocTotte. Und was Miriam aka juneautumn anbetrifft, stimme ich dir zu. Ihr Blog gehört nämlich auch zu jenen, die in den vergangenen Monaten zwar mehrfach Lob auf sich vereinen konnten, aber noch keine Gelegenheit erhalten haben, sich vorzustellen. Dass ich sie anlässlich der 50. Folge dieser Gesprächsreihe nicht gebeten habe, hier mitzutun, lag daran, dass mir damals bereits bekannt war, dass du die Staffel an sie weitergibst.

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Zuletzt stellte sich Ingrid mit DruckSchrift vor. Ihr Wunsch-Interviewpartner war Peter Hetzler mit seiner Comickunst. – Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier

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Steglitz stellt Friederike Kenneweg mit „frintze“ vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Von Ilja Regier, der Muromez ins Leben rief, kam der Vorschlag, dass sich Friederike mit frintze vorstellen möge.

Dein Steckbrief in Stichworten …

  • Vielseitig, spielerisch, neugierig, nachdenklich, kritisch
  • Freundin der Kurzprosa, Schnell-Leserin, gerne in Zwischenräumen unterwegs – am liebsten in denen zwischen Klang, Musik, Gesang, Wort und Bedeutung.

Seit wann, warum und wo bloggst du?

Ich blogge seit Januar 2012 auf wordpress.com. Mit dem Bloggen angefangen habe ich auf der Seite des Prager Literaturhauses, als ich da ein Stipendium hatte. Bei dieser Gelegenheit habe ich gemerkt, dass mir das liegt – alltägliche Beobachtungen und Begegnungen direkt aus der Realität ausschneiden und Kurztexte daraus machen. Dass ich mit einem Blog diese Texte sofort einem Publikum zugänglich machen konnte, war für mich Ansporn und Motivation, meinen eigenen Blog frintze zu entwickeln. Bei wordpress bin ich deswegen gelandet, weil der Blog des Literaturhauses ebenfalls damit funktioniert hat und mir das, ohne mich näher damit zu beschäftigen, am sympathischsten war.

Deine Themenschwerpunkte …

so macht frintze auf © F. Kenneweg

so macht frintze auf © F. Kenneweg

Neben den mehr oder weniger regelmäßig erscheinenden Buchrezensionen über alles mögliche, was mir so an Lesestoff in die Finger kommt. Ich schreibe über Lesungen und (experimentelle) Konzerte, über alltägliche Begegnungen und Beobachtungen und seit nunmehr einem Jahr auch über meine persönlichenSounds der Woche“ – das sind kleine Kurztexte über Geräusche – und darüber hinaus.

Durch meinen Prag-Aufenthalt habe ich einige Bücher von tschechischen Autoren rezensiert, ich interessiere mich, ebenfalls durch Reisen inspiriert, für polnische, russische und rumänische Autoren, für Science Fiction, für allerhand Zeitgenössisches.

Was treibt dich in der Literaturszene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Ich beobachte gespannt die Entwicklungen, die aus der allgemeinen Digitalisierung resultieren. Einerseits ist da eine Befreiung dessen, was öffentlich zugänglich und für jeden im Internet lesbar ist, und damit einhergehend ja eine Demokratisierung, andererseits nimmt aber auch die Kommerzialisierung zu – es erscheint schwieriger, frei und nach Möglichkeit marktunabhängig zu schreiben und trotzdem davon zu leben.

Und das gilt sowohl fürs journalistische wie auch fürs literarische Schreiben. (Und in der Musik sieht das ähnlich aus.) Ich finde es ziemlich schade, dass Micropayment-Dienste wie flattr und so weiter es bislang nicht geschafft haben, da ein Gegengewicht zu schaffen. Und ich bin gespannt, wie sich die Buchbranche und das Verlagswesen in diesem Zusammenhang weiter entwickeln und welche Auswirkungen die Probleme und Chancen der Digitalisierung auf die Qualität und Form der Texte haben werden.

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Bislang teile ich das außer eben im Blog nur auf Facebook, hab irgendwann mal in XING-Gruppen und hie und da auch auf anderen Blogs kommentiert – und bin ansonsten immer wieder erstaunt, welche Selbstläufer und Ausreißer es dabei manchmal gibt. Gerade erst habe ich einen Roman rezensiert – „Deadline“ von Bov Bjerg – der Autor hat das mitbekommen und getwittert – und auf einmal hatte ich einen unglaublichen Besucheranstieg auf meinem Blog. Vielleicht sollte ich es also auch mal mit Twitter versuchen – wobei ja sowieso schon die Gefahr besteht, dass man sich in der Social Media Maschinerie zu sehr verstrickt. Manchmal ist mir das so schon alles zu viel.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

Ich mag es nicht, wenn Blogger Texte veröffentlichen, die allein von privatem Interesse sind. Natürlich ist das eine feine Linie und Geschmacksache– aber das Gesagte sollte nach Möglichkeit über die Privatangelegenheit hinausweisen. Und das Kleistsche „Allmähliche Verfertigen der Gedanken beim Reden“, das kann ja amüsant sein – manchmal ist das aber sehr mühsam, wenn die Texte noch nicht auf den Punkt sind und man beim Lesen an zu vielen irrelevanten Nebenwegen vorbei muss.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Die erste Hürde ist ja schon mal das Einrichten eines Blogs inklusive der technischen Schwierigkeiten, die das zuweilen mit sich bringt. Da muss man aber all den Entwicklern von wordpress etc. ein großes Dankeschön aussprechen – das ist unterdessen derartig unkompliziert geworden, dass einem unterdessen nur noch die eigene Scheu im Wege steht. Sonst – am Ball bleiben, die Zeit finden, die Dinge nicht nur im Kopf formulieren und es dabei bewenden lassen, sondern wirklich am Rechner eintippen, was man da grade sagen will.

Das übrigens, hatte ich das Gefühl, übt man sehr beim Bloggen – den Moment festzuhalten und über diesen Moment auch entschieden und klar etwas zu sagen. Und Texte rauszuhauen und nicht ewig und drei Tage an einer Formulierung herumzubasteln. Da muss man natürlich auch rüber – über seinen eigenen Perfektionsanspruch, der so oft dem tatsächlichen MACHEN im Weg steht.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Im Moment besonders schön, das ist die Arbeit an dem LeseKonzert „Sounds“, das sich aus meinen „Sounds der Woche“ entwickelt hat und das im April jetzt tatsächlich erstmalig aufgeführt wird.

Es ist etwas sehr Spezielles, die Texte, die eigentlich für den Blog entstanden sind, in diesem Zusammenhang neu zu bearbeiten. Dass da etwas, was auf dem Blog seinen Ausgang nahm, jetzt in die wirkliche, analoge Welt eintritt, das ist ganz wunderbar. Und auch das ist ein ganz besonderes Gefühl: dass ich das jetzt seit genau einem Jahr mache und dass im Rahmen dessen schon etwas über hundert Kurztexte entstanden sind – angesichts dessen stehe ich mit offenem Mund da und staune.

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Das ist noch gar nicht vorgekommen. Je nachdem, worum es sich handelt, ob es mich interessiert und ob ich Zeit dafür habe, würde ich auswählen, ob ich dazu was mache oder nicht.

Und wie würdest du damit umgehen, wenn dir Self-Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Genauso – wenn ich Zeit dafür habe und mich das interessiert, würde ich dazu was schreiben und hätte keine Berührungsängste.

Wie hältst du es mit dem E-Book?

Noch beäuge ich das argwöhnisch – wahrscheinlich ist das sehr praktisch, aber bislang habe ich noch keinen Anlass gehabt, mir einen Reader zuzulegen, und so hänge ich noch am Geruch von Papier, dem Staub auf den Seiten, den ich manchmal wegpusten muss, am Umblättern – und ich verfluche die Rückenschmerzen, über die ich wegen meiner stets zu schweren Taschen und Koffer voller Bücher zu klagen habe.

Welche anderen Blogs empfiehlst du?

Empfehlen möchte ich den Blog landläufig | Als Stadtschreiber in Ranis des momentan amtierenden Raniser Stadtschreibers Christian Wöllecke – da kann man stimmungsvolle Einblicke in die thüringische Literaturprovinz entdecken. Im Bereich Zeitgenössische Musik und digitale Entwicklungen finde ich den Blog Kulturtechno des Komponisten Johannes Kreidler sehr interessant. Und in eine ähnliche Ecke führt der Blog Weltsicht aus der Nische von Stefan Hetzel, dessen Antworten auf die „PUQ“ (permanently unasked questions) ich besonders lesenswert fand. Außerdem möchte ich die Leseköniginnen empfehlen – das ist ein Projekt, an dem ich selbst mit beteiligt bin: vier Frauen, die beruflich auf unterschiedliche Weise mit Büchern zu tun haben, rezensieren, empfehlen, kritisieren, diskutieren. Wir stehen da allerdings noch ganz am Anfang und sind selbst sehr gespannt, wie sich das weiter entwickelt!

Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Zu Wort kommen sollte Doctotte, dessen bibliophiler Blog „Tottes kleines Literaturlexikon“ mir sehr gut gefällt.

Danke sehr, auch für deine interessanten Empfehlungen. –  Und lass‘ bitte wissen, wenn Sounds. Ein Lesekonzert in Berlin ansteht.

Auch danke sehr!

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Eine kleine Anmerkung mag ich mir heute hier nicht verkneifen: In der kommenden Woche feiert „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“ mit dem 50. Beitrag ein rundes Jubiläum.

Zuletzt stellte sich Dieter Paul Rudolph mit Krimikultur: Archiv und anderem vor. Sein Wunsch-Interviewpartner war der Kopf, der hinter Guido Rohms gestammelte Notizen steht. – Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier

Steglitz stellt Ilja Regier mit „Muromez“ vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Mit Ilja, der Muromez ins Leben rief, kommt heute der Wunsch-Interviewpartner von Sophie zu Wort, die Literaturen pflegt.

Dein Steckbrief in Stichworten …

Empathisch. Genießerisch, Kritisch. Kulturinteressiert (Literatur, Kinematographie, etc.).

Master-Student (irgendwas mit Medien). Kind der 80er.

Seit wann, warum und wo bloggst du?

Muromez ©  Ilja Regier

Muromez © Ilja Regier

Der Stein wurde im Sommer 2010 zum Rollen gebracht. Damals, anders als heute, widmete ich mich dem Thema Fußball und seiner Kultur. Hatte allerdings Perioden, in denen ich gar nichts aufs (digitale) Papier bringen wollte oder konnte. Füllte einen gewissen Druck, jede Woche etwas kommentieren zu müssen, Spiele zu sehen und nicht „up to date“ zu sein. Es gab Phasen von Monaten, als mir gar nichts gelang, ich zu viel verpasste, andersherum, die ich voller Elan anging. Da die gewünschte Resonanz ausblieb, ein Teufelskreis sich entwickelte, entschloss ich mich das Blog irgendwann einzustellen. Merkte auch, dass ich mit Medien, die sich professioneller damit beschäftigen, aus Zeit- und Kostengründen nicht mithalten konnte. Mir vielleicht die Kontakte fehlten. Nur über das „Runde ins Eckige“ zu schreiben, limitierte ebenso.

Von Fußball zur Literatur?

Da mich stets Literatur beschäftigte – meine Eltern besitzen eine kleine, private Bibliothek – versuchte ich mich etwas anderem zu widmen. Bisher bereue ich nichts. Im September 2012 wurde mein Literatur-Blog gegründet – bin quasi noch ein Frischling unter den Literatur-Bloggern. Neben dem Lesen ist das Schreiben ebenfalls eine große Passion, die sich eher in den Printmedien im Journalismus bestätigt füllt.

Plattform ist WordPress. Versuchte zwar schon alles auf eigenen Server zu legen, aber das Ganze war dann eher dank meiner Programmier-Fähigkeiten zum Mäuse melken. Ein von WordPress gehostetes Blog reicht derweil vollkommen für meine Aktivitäten aus.

Deine Themenschwerpunkte …

Rezensionen/Buchbesprechungen. Lese querbeet eigentlich alles, insofern es mich anspricht. Finde den Kontrast wichtig, nach schwerer Literatur, die man tapfer gemeistert hat, auch mal etwas Leichteres in die Hand zu nehmen. Bisweilen experimentiere ich ebenso rum. Schreibe „Gedankenströme“ auf, die mir irgendwann nach Geisterstunde plötzlich beim Rauchen auf dem Balkon kommen oder verarbeitete zum Beispiel eine Metamorphose Das Nichtbegreifen begreifen können, die ich beim Besuch der Gedenkstätte Auschwitz fühlte, als ich die Ehre hatte, mit Zeitzeugen zu sprechen, die die Völkermorde überlebten.

Was treibt dich in der Literaturszene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Naja, bemerke stetig, dass die Liebe zu Büchern im Literaturbetrieb abnimmt. Zahlen sind das Wichtigste, einerseits verständlich. Aber ehrliche Meinungen in einer Buchhandlung? Die bekommt man fast nie. Alles wird in den Himmel gelobt. Bestseller taugen, weil sie eben Bestseller sind. Manchmal aus Jux und Dollerei, ich weiß, ein wenig gemein, schnappe ich mir eine Händlerin („ich habe es bereits ANgelesen!“) und lasse sie mir irgendein Bestseller-Werk erklären, meist geschieht das in höchsten Tönen. Das Material konsumierte ich allerdings bereits, lache mir ins Fäustchen, was da gerade für ein Quatsch mit Soße erzählt wird, wie Tatsachen verdreht werden. Sicherlich, sind das subjektive Empfindungen, aber dennoch…

Ob Bücher in den Läden ausgestellt sind, die weniger sinnvoll oder gar kokolores sind? Das wird man von keinem Verkäufer, zu hören bekommen. Niemand bietet dir auch offensichtlich ein Auto an, das nach einem Monat mit einem Motorschaden zur Reparatur müsste. Die Realität sieht dennoch anders aus. Mit Griffen ins Klo verbunden. „Alles ganz toll und wunderbar!“ Dieses Heuchlerische nervt, Ideen wie man etwas ändern könnte? Schwierig! Mittlerweile habe ich allerdings ein kleines Lädchen gefunden, dem ich (meist) Vertrauen schenke. Ansonsten schaue ich mich bei unabhängigeren Betrachtern wie eben Bloggern nach Material um – was ja das Wunderbare daran ist –, die Mehrheit macht das allerdings sicherlich nicht.

Überhaupt finde ich es wichtig, dass solche kleinen Geschäfte in der komplizierten Zeit der Digitalisierung und Globalisierung überleben. Heißt für mich, dass ich meine Faulheit ständig besiegen muss. Statt auf die Amazon-Bestellung, die schon am nächsten Morgen da ist, zu warten, lieber eben bei kleinen Offline-Stores bestellen. Unvorstellbar, wenn diese irgendwann mal aussterben sollten!

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Facebook und Twitter. Ansonsten versuche ich auch, Bekannte davon zu erzählen, wenn sie mich fragen, was ich gerade gelesen habe und empfehlen kann.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

Ständig zu nehmen, statt zu geben. Vernetzungen treiben jeden Blogger voran. Sich nicht zu schade zu sein, mal bei anderen zu schauen, zu kommentieren. Weniger gut kommen ebenso längere Auszeiten an, die man manchmal leider nicht ändern kann, wenn die Hände gebunden sind. Ansonsten sicherlich der Blogger-Ehrenkodex (falls es so etwas tatsächlich gibt): C+P tunlichst vermeiden.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Sah bei anderen Blogs, dass sie keine Verrisse mehr anfertigen, nur noch die Perlen präsentieren wollen. Kann ich einerseits verstehen. Ich meine, wer sind wir schon, innerhalb von vielleicht zwei Stunden, die Arbeit mehrerer Monate/Jahre infrage zu stellen, sie für Müll zu erklären? Der Regisseur Detlev Buck, kurz vor der Premiere seines Films „Die Vermessung der Welt“, meinte dazu, dass er sich wünsche, dass die Feuilletonschreiberlinge doch etwas rücksichtsvoller allgemein mit ihren Kritiken umgehen sollten. Zwischen den Zeilen lesend, fragte ich mich, ob sein Werk tatsächlich eklatante Schwächen aufweisen würde, wenn er schon so einen Aufruf startet.

Die Schwierigkeit bei solchen Verrissen ist, dass man schnell despektierlich werden kann. Wiederum denke ich mir, dass ich, sollte ich alles positiv bewerten, genau wie die beschriebenen Händler wäre. Alles voller Blumen und Sonnenschein wäre. Ist es allerdings bekanntlich nicht…

Ferner, so denke ich, behalte ich weiter meine Meinungsfreiheit bei. Manchmal kann es auch Spaß machen, irgendwas in Schnipsel auseinanderzunehmen und es für Dleck (wie die Asiaten sagen würden) zu erklären. Das klingt hart. Aber warum sollte ich etwas nicht kritisieren dürfen, wenn es mir ebenso mehrere Stunden oder Tage Zeit gekostet hat, ich dafür 20 Euronen auf den Tisch gelegt habe? Alles in allem ist das ein schmaler Grat. Eine gesunde Mischung ist die Lösung.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Mehrere kleine, die das Bloggen an sich zu einem großen Erlebnis machen. Am Ende auf „veröffentlichen“ drücken. Zu sehen, dass die Mühe nicht umsonst war. Dass irgendwer damit etwas anfangen kann. Dass irgendwer einen Kommentar abgibt. Das sind die schönen Momente und sicherlich auch die Ehre haben zu dürfen, hier mal neben renommierteren Kollegen als Grünschnabel zu Wort zu kommen.

Wie gesagt, ich bin ja noch relativ neu in diesem „Geschäft“, aber umgeben von wahnsinnig gemeinschaftlichen Bloggern. Bisher durfte ich noch nie so einem Kreis im Web 2.0 begegnen, weil viele eben mit einem Tunnelblick durchs Netz gehen.

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Passiert jetzt nicht so regelmäßig. Aber es muss schon das Gesamtpaket stimmen, damit ich es annehme.

Und wie würdest du damit umgehen, wenn dir Self-Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Noch nicht vorgefallen, bezweifle allerdings, dass ich mich damit beschäftigen würde. Jeder intensive Leser kennt sie, die unendliche Liste der noch zu lesenden Bücher – diese hat Vorrang!

Wie hältst du es mit dem E-Book?

Niente. Verteufle mp3s, wähle stattdessen lieber die alte Schallplatte oder CD. Verteufle E-Zeitungen und damit sich der Kreis schließt, verteufle ebenso E-Books. Oldschool!

Die Digitalisierung macht vieles einfacher, aber nicht unbedingt besser. Ich hasse es, abends auf einen lieblosen Bildschirm blicken zu müssen, nachdem ich schon vorher die ganze Zeit auf einen Rechner, mein Smartphone oder sonst was geblickt habe.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Regelmäßig unter anderem als Besucher unterwegs bei Literaturen, Buzzaldrins, aus.gelesen, Ada Mitsou und Philea’s Blog, die sich hier allesamt bereits vorgestellt haben. Und zu Wort kommen sollte hier mal: Frintze.

Danke sehr Ilja. Nicht allein dein realtiv junges Blog, auch deinen Bericht über deinen Aufenthalt in Auschwitz-Birkenau und die Begegnung mit Zeitzeugen möchte ich den Lesern unseres Gespräches ans Herz legen …

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Zuletzt stellte sich Bettina Schnerr-Laube mit Bleisatz. Ihr Wunsch-Interviewpartner war Ludger Menke, der u.a. den  Krimiblog betreibt. – Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier