Steglitz stellt Norbert W. Schlinkert mit „Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen“ vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Dass wir heute Norbert mitsamt dessen Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen näher kennenlernen, hatte Phyllies Kiehl aka Miss TT vorgeschlagen, die Tainted Talents pflegt.

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Ich darf mich vorstellen, mich und mein Blog! Das freut mich! Ich darf Fragen beantworten. Das tue ich gerne, wirklich! So habe ich zum Beispiel auf meinem Blog, der zugleich natürlich Website ist und allerlei Literarisches und Künstlerisches beinhaltet, nur für mich allein und die Welt den berühmten Fragebogen nach Marcel Proust durchgeackert – auf die Frage nach meinem Lieblingsvogel habe ich „Donald Duck“ geantwortet, was ich vollkommen ernst meine. Man sieht schon, ich komme womöglich ins Schwadronieren, doch da ich das angeblich laut Miss TT so gut kann und eben deswegen hier von mir sprechen darf, sehe ich auch keinen Grund, mich zu beherrschen. Selbstredend werde ich also all die Fragen brav und wie gesagt gerne beantworten, den gleich zu Beginn geforderten Steckbrief aber hefte ich lieber ganz unten an, nicht damit sich die Leute bücken müssen, sondern allein deswegen, damit die Faktenlage nicht den Blick vernebelt, wo ich mich denn schon einmal vor Sie und Euch alle hinstelle. Immanuel Kant wählte, wenn ich das einmal kurz anmerken darf, als Motto für seine Kritik der reinen Vernunft übrigens noch das „De nobis ipsis silemus“, „Was uns selbst angeht, so schweigen wir“, er übernahm diesen Vorsatz von Francis Bacon, doch eben dies beherzigen naturgemäß die wenigsten Blogger (um dieses häßliche Wort einmal zu benutzen), selbst ich nicht. Nun aber zu den Fragen, denn schließlich handelt es sich um ein Interview.

Seit wann und warum ich blogge? Nun, meine Website gibt es seit September 2009, dort habe ich zunächst fortlaufende Monatsbriefe geschrieben, die mit dem Ende des jeweiligen Monats beendet und fix und fertig waren. Die Resonanz war, da sich ja niemand auf meiner Seite äußern konnte, mathematisch genau gleich Null. Mit der Bloggerei (um dieses häßliche Wort einmal zu benutzen) begann ich dann am 11. Oktober 2011. Wie war noch mal die Frage? Ach ja, warum tue ich mir und der Welt das an? Imgrunde, weil ich, und das ist die Wahrheit, literarisch und also künstlerisch arbeite und mich weder von einer Null, und sei sie kugelrund, noch von sonstigen Umständen davon abhalten lassen will, der Welt die Möglichkeit zu geben, mich und meine Arbeit zu entdecken, und natürlich ist das Schreiben in einem Blog eben auch die Sache selbst und nicht nur deren Darstellung, die ich übrigens lieber „Fabulieren“ schimpfe, wenn man mir denn schon mit Fremdwörtern kommt. Damit wäre die Frage wohl eigentlich beantwortet, ist sie aber nicht, denn ich möchte mich in Sachen literarisches Weblog auf den vielleicht größten deutschsprachigen Essayisten und Romancier berufen, nämlich Robert Musil, der ein kleines Bändchen selbst herausgab, betitelt mit Nachlaß zu Lebzeiten. Im Vorwort schrieb er, ich darf zitieren: „Warum Nachlaß? Warum zu Lebzeiten? Es gibt dichterische Hinterlassenschaften, die große Geschenke sind; aber in der Regel haben Nachlässe eine verdächtige Ähnlichkeit mit Ausverkäufen wegen Auflösung des Geschäfts und mit Billigergeben. (…): ich habe jedenfalls beschlossen, die Herausgabe des meinen zu verhindern, ehe es soweit kommt, daß ich das nicht mehr tun kann. Und das verläßlichste Mittel dazu ist, daß man ihn selbst bei Lebzeiten herausgibt; mag das nun jedem einleuchten oder nicht.“ Eben dies, das im besten Fall sofortige, vor dem eigenen Ableben stattfindende Veröffentlichen literarischer Ergüsse scheint mir also das Wesen literarischer Weblogs ganz wesentlich auszumachen, wie ich das auch in einem bescheidenen kurzen Essay, in der Kürze liegt die Würze, nicht wahr!, darlegte.

Meine Themenschwerpunkte?

Warum „schwer“? Ich denke, es ist eine besondere und im deutschen Sprachraum nach wie vor eher unterbelichtete Kunst, das Schwere leichter zu machen, als es eigentlich ist – und auch dafür ist ein Weblog gut geeignet, denke ich, denn die Schwere, die Seriösität des gedruckten Werkes fehlt ihm, wohingegen die Leichtigkeit des Gesprächs ihm zu eigen sein kann, so wie wir hier ja jetzt auch locker plaudern. Wenn man so will, ist auf die Kritik des Sokrates am Buch, am gedruckten Wort, daß nämlich ein Buch nicht antworten kann, während auf der Agora wirkliche Gespräche geführt werden können, endlich eine adäquate Antwort gefunden worden, daß nämlich heute beides im öffentlichen Raum möglich ist, das Gespräch und auch das festgeschriebene Wort. Auch einem Heraklit mit seinem „Panta rhei“, „alles fließt“, ist entgegenzuhalten, wie sehr er recht hat, wenngleich zu bedenken ist, daß eben das Fließende auch etwas zu tragen vermag. Aber ich will nicht philosophieren, das liegt mir nicht. Mein Thema jedenfalls ist die Literatur im engeren Sinne als Erzähltes und im weiteren Sinne als die Kunst, über die ich mir am meisten Gedanken mache und mit der ich emotional aber sowas von eng verbunden bin! Nächste Frage bitte!

Ich darf mich hier tatsächlich einschalten, ja!? Was treibt dich in der Literaturszene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Gute Frage, denn das (Her)Umtreiben ist ja das Wesen der Literatur, siehe Sokrates und Heraklit. Mich treibt im Moment um, erstens meinen Roman in Kürze (ein vielbesuchter Ort, scheint mir, einige verschlägt es auch nach Bälde) zu vollenden, wobei das „erstens“ Quatsch ist, denn das ist das Einzige, was mich im Moment wirklich umtreibt, schon seit ich damals (2010) den noch im Stadium der Frühreife steckenden Text während eines Aufenthaltstipendiums in Schöppingen entscheidend vorantrieb. Es handelt sich, und da mag der Eine oder die Andere all die ganzen Vorurteile mal beiseitelassen, um einen historischen Roman, der Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts verzeitigt ist; geschrieben ist er, wenn man so will, ganz im Sinne Alfred Döblins, der für den modernen Roman „Tatsachenphantasie“ forderte, was wohl auch ein Halldór Laxness so gesehen hat, wenn ich das mal anmerken darf. Jedenfalls muß das Ding raus in die Welt, auch in die des Literaturbetriebs!!! Nächste Frage, bitte.

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Vielleicht sollte ein Blogger eben dies unterlassen, nämlich sein Blog und seine Beiträge bekannt zu machen! Das wirkt so unbescheiden. Andererseits sind wir alle keine Bacons oder Kants, und ein bißchen trommeln schadet nicht, denn sonst kann man sich ja gleich den anonymen Bloggern anschließen. Ja, was tue ich also zum Bekanntwerden? Eigentlich tue ich nicht viel, wichtig aber war sicherlich, mich Litblogs.net angeschlossen zu haben, ich fragte bescheiden an und man bat mich herein, während ich ansonsten mit Klarnamen (und dementsprechender Verlinkung auf meine Seite) hier und da und auch mal recht ausführlich kommentiere, was natürlich Interesse zu wecken vermag.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Ein Blogger muß sich trauen und jedes Wegducken vermeiden, denn es ist wie beim Hindernislauf, meistens muß man über die Hindernisse hinweg, drunterher zu kriechen gildet meist nicht! Eigentliche Schwierigkeiten sehe ich nicht, Gefahren allerdings schon, denn wer sich offen äußert ist anonymen Drunterherkriechern auch schon mal ein willkommenes Angriffsziel, aber da können andere Blogger ganz andere Liedchen singen.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Da schließe ich mich ganz Alban Nikolai Herbst an, denn tatsächlich habe ich über das Bloggen und das dadurch angeregte Auftauchen im Schnittpunkt von Raum und Zeit Freundschaften schließen können, die ohne meine und der anderen Webpräsenz wohl nicht möglich gewesen wären, weil man einfach immer aneinander vorbei hätte laufen können – man stelle sich das vor, diese Lauferei!

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Ich habe ein Buch recht ausführlich auf meiner Website rezensiert, eine durchaus wichtige Wiederentdeckung einer vergessenen Autorin. Ein weiteres Buch eben dieses guten kleinen Verlages liegt hier noch, verbunden mit der eher lockeren Erwartung, etwas darüber zu schreiben, was aber noch dauern kann, denn wie gesagt, mein Roman fordert mich. Eigentlich aber würde ich eher keine Rezensionen schreiben wollen, das ist nicht so ganz mein Ding und ich weiß auch nicht, ob die Welt Rezensionen wirklich braucht – aber das kann man ja auf der Agora mal diskutieren, wenn man denn unbedingt will.

Und wie würdest du damit umgehen, wenn dir Self-Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Ich würde es nicht tun, glaube ich, doch da das ohnehin niemand machen wird, sage ich noch einschränkend dazu, vielleicht täte ich es, käme nur, auch im Falle einer nicht so positiven Rezension, ordentlich Schotter dabei raus. Sicher aber wäre es besser, so ein Werk würde mir vorher gegen Knete zum Lektorieren vorgelegt, denn dann ist die Chance auf eine Win-Win-Situation sicher größer.

Und wie hältst du es mit dem E-Book?

Sagen wir mal so: ich beurteile seit Kindheitstagen nahezu alles nach ästhetischen Gesichtspunkten unter Einsatz aller Sinne, ich rieche etwa gute Zigarren oder Whiskys/Whiskeys ebenso gerne wie richtige Bücher, frische Ölbilder, noch warme Motorradmotoren, Wald und Wiese und … das führte jetzt zu weit, ich höre gerne wunderbare Musik, lausche dem Rauschen der Bäume, sehe gerne schöne Landschaften aller Art und so weiter und so weiter. Auch ein Text, bei dem sich mir Schönes auftut, ist eine ästhetische Offenbarung, und da ist es gleich, in welcher Form er daherkommt, aber eben, eigentlich, nur fast. Mir sind die E-Books und auch die anderen Lesedinger einfach zu häßlich und ja auch nach kurzem Gebrauch oft irgendwie unschön verdreckt, sollten aber parallel zum Buch durchaus ihren Platz haben, denn gewisse Vorteile liegen ja auf der Hand, wenn ich auch auf dem Bildschirm nicht blättern, sondern lesen will wie bei einer Schriftrolle, so wie das im Netz ja eigentlich (noch) üblich ist – vielleicht gibt es ja dafür bald so kleine Scrollrädchen an den E-Books, das fände ich stimmiger. (Oder gibt’s das schon?) Wichtig erscheint mir noch, und das finde ich sehr gut, daß das E-Book das Veröffentlichen von Texten wahrscheinlicher macht, die ansonsten etwa der „falschen“ Länge wegen nicht veröffentlicht würden.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Wer als nächstes hier zu Wort kommen soll, das war mir sofort klar, nämlich Andreas Wolf mit seinem Sichten und Ordnen , ein Blog, das ich sehr mag, weil dort Literatur unverkrampft und klar im besten Sinne des Wortes erscheint, mal als lesenswerte kleine Geschichte und mal gesprächsweise. Jetzt kann ich noch fünf Blogs empfehlen, oder? Oje. Auf meiner Website steht „Ich lese übrigens in den folgenden Blogs und empfehle sie ausdrücklich.“ Allesamt haben sich bei SteglitzMind bereits vorgestellt. Nämlich: Phyllies Kiehl aka Miss TT mit Tainted Talents, Alban Nikolai Herbst mit Die Dschungel. Anderswelt, Jutta S. Piveckova aka Melusine Barby mit Gleisbauarbeiten und Guido Rohm mit Guido Rohms gestammelte Notizen.

Sichten und Ordnen steht da natürlich auch noch. Jedenfalls bleibe ich bei diesen Empfehlungen und verweise einfach auf die Empfehlungen dieser Blogbetreiber:innen und möchte überhaupt sagen, daß das Selbersuchen oft lohnt. Sódele!

Nix mit sódele! Es fehlt noch dein Steckbrief…

Ach ja, hatte ich vollkommen vergessen. Okay, ich versuch’s. Voilà!

Steckbrief:

Geboren wurde Norbert W. Schlinkert in Schwerte im wunderbaren Jahr 1964; er vollbrachte in jungen Jahren eine Tischlerlehre und holte sich wenige Jahre darauf das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, studierte wiederum Jahre später Kulturwissenschaft / Ästhetik und Theaterwissenschaft / Kulturelle Kommunikation an der Humboldt-Universität zu Berlin, veröffentlichte 2005 seine Studie Wanderer in Absurdistan. Novalis, Nietzsche, Beckett, Bernhard und der ganze Rest (Königshausen & Neumann) und wurde 2009 mit seiner Studie Das sich selbst erhellende Bewußtsein als poetisches Ich. Von Adam Bernd zu Karl Philipp Moritz, von Jean Paul zu Sören Kierkegaard promoviert; das Buch erschien Ende 2010 im Wehrhahn-Verlag. Hier und da kam es zu kleineren literarischen Veröffentlichungen, etwa story banal (1998) oder Das Wannenbad (Kurzgeschichte; in: SIC, Zeitschrift für Literatur Nr. 4, 2009). Im Jahr 2010 wurde ihm für sein Romanprojekt ein Aufenthaltsstipendium des Künstlerdorfes Schöppingen zugesprochen. Seit Oktober 2011 ist sein literarisches Weblog Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen auf Sendung und Empfang gestellt.

So, da stecke ich also! Ich würde aber noch gerne, da ich ja auch lange intensiv als bildender Künstler unterwegs war, ein kleines Objekt präsentieren, das sozusagen am Schnittpunkt meiner Interessen und Leidenschaften entstanden ist und bis heute eines meiner liebsten Kunstwerke darstellt. Es heißt schlicht Poesie, und so sieht es aus.

Poesie, 1996, 20 x 30 x 10 cm, Holz, Papier, Streichholzschachteln, © Norbert W. Schlinkert

Poesie, 1996, 20 x 30 x 10 cm, Holz, Papier, Streichholzschachteln, © Norbert W. Schlinkert

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Wer auf Norberts Roman neugierig geworden ist, kann sich hier kundig machen.

Zuletzt stellte sich Sophia Mandelbaum mit Ze Zurrealism itzelf vor. Ihr Wunsch-Interviewpartner war Stefan Mensch. – Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier

Steglitz stellt Hartmut Abendschein mit „taberna kritika“ vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Heute stellt sich Hartmut Abendschein vor: Betreiber des literarischen Weblogs taberna kritika, Mitbegründer von litblogs.net – literarische Weblogs in deutscher Sprache, und verantwortlich für den hybriden Verlag edition taberna kritika, der 2007 im Umfeld der Weblog- und Netzliteratur entstanden ist. – Der Vorschlag kam von Jutta S. Piveckova aka Melusine Barby, die Gleisbauarbeiten pflegt.

Dein Steckbrief in Stichworten …

1969 geboren. Aufgewachsen in der süddeutschen Peripherie. Stationen in Stuttgart, Konstanz, Glasgow und Köln. Dort: Buchhändler, Germanist, Anglist, wissenschaftlicher Dokumentar. Lebt, schreibt und arbeitet (Verlag, Bibliothek) jetzt in Bern.

Seit wann, warum und wo bloggst du?

Angefangen bzw. experimentiert habe ich zunächst ab 2002 mit einem Blog bei Antville. Ich habe aber bald gemerkt, dass ich eine eigene Server- und Software-Umgebung brauche, um das umzusetzen, was sich langsam als Idee konkretisierte: das literarische Weblog als multimediales Werk, das sich oder Teile davon auch in immer neuen Varianten präsentieren kann. Ab 2003 arbeitete ich dann auf eigenem Server unter eigener URL mit der Blogsoftware pMachine. Das Blog taberna kritika entstand. Später stieg ich dann auf ExpressionEngine um. Die Software ist mittlerweile sehr alt, ich arbeite aber immer noch damit. 2004 gründete ich mit Markus A. Hediger litblogs.net.

Ab 2008 wird die Seite herausgegeben von Christiane Zintzen und mir. Litblogs.net läuft – ebenfalls auf eigenem Server und vor allem wegen eines bestimmten Aggregatorplugins – mit der WordPress-Software.

Deine Themenschwerpunkte …

Kurzprosa. Längere Prosa mit manchmal hypertextuellen Experimenten, Ein- und Auskopplungen. Konstruktivistische Schreibverfahren und Schriftästhetiken. Ab und zu Gedichte. Essays. Serielle Notationsarbeiten und gewagte Theoriebildungssplitter. Jetzt vermehrt mit visuellen Beiträgen.

Wie kam es zu litblogs.net?

2004 hat mich Markus A. Hediger angeschrieben. Zu der Zeit war die Szene von deutschsprachigen Blogs mit literarischem Inhalt (und so etwas wie dezidierten Poetologien) noch sehr sehr übersichtlich. Wir haben uns ausgetauscht darüber, was man denn da machen könnte. Er kannte das brasilianische literarische Blogportal wunderblogs, schon länger (es ist inzwischen offline) und wir haben beraten, ob wir nicht so etwas ähnliches, allerdings plattformunabhängiges machen könnten. Das haben wir dann auch – mit sehr viel Codeimprovisationen – getan. Mittlerweile hat es sich aber auch stark verändert und entwickelt, wie man hier vergleichen kann. Heute werden die Schwerpunkte sehr viel weiter gefasst. Es werden also auch Fragen der Archivierung, Forschung, Verbreitung und Kontextualisierung etc. angegangen. Mit derzeit ca. 27 Werk-, aber auch kollaborativen Blogs hat sich litblogs.net fast zu so etwas wie einem Solitär in der deutschsprachigen Litblogs-Szene entwickelt und sieht sich in dieser Konstellation auch als quirliges literarisches Magazin.

Was treibt dich in der Literaturszene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Dranmor in Arbeit © H. Abendschein

Dranmor in Arbeit © H. Abendschein

Da ich seit 2007 auch einen kleinen Verlag mit Printeditionen betreibe, edition taberna kritika, stelle ich fest, dass – obwohl es schon Schnittmengen gibt – immer noch mehrere Literaturmärkte, Literaturszenen, Literaturbetriebe gibt. Was so schlimm nicht wäre. Doch hinsichtlich dieser digitalen Kluft wachen die Akteure der Printlandschaft mit Argusaugen darüber, nichts an Pfründen gegenüber jenem digitalen Literaturbetrieb zu verlieren. Förderungen oder Förderprojekte für literarische Weblogs, netzliterarische Arbeiten o.ä. muss man mit der Lupe suchen. Hier müsste noch viel getan werden, dass gegenüber solchen Arbeiten größere Offenheiten entstehen. Mit meiner kleinen Edition versuche ich da auch etwas mehr Wahrnehmung zu erzeugen.

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Ich betreibe Editionsaccounts bei Google Plus  und Twitter, über die Blogbeiträge, aber auch anderes verbreitet wird. Und taberna kritika ist auch via litblogs.net zu lesen. Mit dem Verlag kann ich durch Mailings, auf Messen oder Literaturveranstaltungen bzw. auf -festivals auf die Website oder aber generell auf die literarischen Weblogs von litblogs.net hinweisen und dabei auch ein etwas anderes Publikum erreichen.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

Ich kenne da keine do’s oder don’ts. Das muss wohl jede/r für sich selbst ausmachen, da das ja auch – analog zum Printschreiben – sehr viel mit persönlichem Stil und Geschmack zu tun hat. Ich persönlich finde nur, dass man vielleicht seiner Idee treu bleiben sollte. Ich habe da immer wenig nach Moden, Topthemen, Leserschaften und Lesermengen geschielt. Vielleicht abonnieren und lesen im Laufe der Zeit weniger Leute dein Blog oder das Füllen von Kommentarthreads wird weniger wichtig, wie auch überhaupt Kommentierung mir immer unwichtiger wird. Viele Dinge sind im Laufe der Zeit auch einfach schon oft gesagt worden. Wenn ich aber auf eine bald 10jährige regelmäßige Publikation zurückblicke und sehe, welche Kurven so ein Blogwerk nimmt, welche Anschlüsse da gemacht werden oder auch nicht, welchen Grundsätzen und Theorien man treu geblieben ist und was verworfen wurde: diese Entwicklungsform und ihre Betrachtung finde ich literarisch und ästhetisch immer noch sehr reizvoll.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Außer ein paar unerquicklichen Techstories fällt mir dazu wenig ein. Jedenfalls sollte man einen langen Atem haben. Bloggen ist nichts für Sprinter.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Eine Anekdote: Während der (Recherche-)Arbeit im Blog an dem längeren Prosastück “Dranmor”, das übrigens vor kurzem als Buch erschienen ist, erhielt ich eine Mail von einem Herrn, der sich als Urgrossneffe Dranmors vorstellte, dem Berner Dichter also, der auch Gegenstand jenes gleichnamigen Buchs ist. Er war durch Zufall auf mein Blog gestoßen und fragte mich nun, was ich denn mit Dranmor zu schaffen hätte, dieser sei doch mittlerweile völlig vergessen. Außerdem habe er noch viele Gegenstände aus Dranmors Nachlass. Schriftstücke, Photographien, Säbel, Orden, persönliche Dinge etc. Wir haben uns getroffen und ich durfte diese Stücke sichten, dokumentieren und konnte das eine oder andere für meinen Text nutzen.

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Da mein Blog kein Buch- bzw. Rezensionsblog ist, bekomme ich wenig Rezensionsexemplare. Immer mal wieder passiert das aber doch. Wenn mich der Text reizt, weise ich auch in irgendeiner Form darauf hin. Aber meine Edition bekommt 2 bis 3 Manuskripteinsendungen pro Woche. Ich schaue meistens kurz in die Texte. Die allerwenigsten entsprechen aber dem Profil, das spüre ich schon nach wenigen Sätzen. In meinem Posteingang gibt’s dafür einen Ordner.

Und wie würdest du damit umgehen, wenn dir Self-Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Das ist bis jetzt noch nicht passiert.

Wie hältst du es mit dem eBook?

Finde ich gut.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Folgende, hier noch ungenannte und unverlinkte Blogs aus dem litblogs-Spektrum möchte ich empfehlen: rheinsein (Themenblog zum Rhein, enzyklopädisch, literarisch, kulturgeschichtlich), der goldene fisch (kollaboratives Blog, Prosa und Lyrik), logbuch isla volante (serielle Bild-Texte und Text-Bilder), Die Veranda (phantastisch-realistische Prosa) und andreas louis seyerlein: particles (Fundstücke, Schwebeteilchen, Beobachtungen).

Zu Wort kommen sollte hier unbedingt meine Kollegin, Korrespondentin und litblogs.net-Co-Herausgeberin Christiane Zintzen mit sicher noch etwas anderen Perspektiven auf dieses Thema. Sie verantwortet u.a. in|ad|ae|qu|at.

Danke sehr, Hartmut – auch für diesen Rückblick auf deutsche Literaturbloggeschichte.

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Zuletzt stellte sich Oliver Gassner mit seiner Literaturwelt vor. Sein Wunsch-Interviewpartner war Markus Kolbeck mit Bücherlei. – Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier

Steglitz stellt Jutta Piveckova aka Melusine Barby mit „Gleisbauarbeiten“ vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Dass wir Jutta S. Piveckova aka Melusine Barby mit Gleisbauarbeiten näher kennen sollten, hatte Dietmar Hillebrandt vom Buecherblogger vorgeschlagen. Jetzt geht nicht nur sein Wunsch in Erfüllung. Nein, mit Juttas Auskünften haben wir hier 25 Interviews mit literaturaffinen Bloggerinnen und Bloggern beisammen, womit die Gesprächsreihe, die im September 2012 an den Start ging, heute ein erstes, kleines Jubiläum feiern darf.

Dein Steckbrief in Stichworten …

1965 geboren, mittelalt, mittelschlau, mittelreich, liiert, studiert (Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft), verheiratet, Mutter zweier fast erwachsener Söhne, netzaffin und bücherstauballergisch, Anti-Kulturpessimistin

Seit wann, warum und wo bloggst du?

Melusine Barby © Jutta S. Piveckova

Ich blogge seit dem 9.2.2010. Zunächst auf dem Blog. Ganz heimlich. Mein Versuch, das Schreiben wieder aufzunehmen nach beinahe 20 Jahren Schweigen. Die Struktur eines Blogs nutzen, um einen Roman in umgekehrter Chronologie zu erzählen, so dass der jüngste Post jeweils immer weiter zurückreicht in die Vergangenheit. Am Ende sollte dann eine klassische Romanerzählung stehen, die beim Lesen entsteht, wenn man die Posts von vorne nach hinten liest: Der letzte Eintrag als Anfang des Romans. (Ich arbeite weiter dran.)

Die Gleisbauarbeiten entstanden als Ableger dazu, weil das Bedürfnis wuchs, nachdem mein Blog von Alban Nikolai Herbst „entdeckt“ worden war, auch über andere Themen zu schreiben und mit Blogger_innen in Austausch zu treten. Auf die Plattform Blogger bin ich ganz zufällig geraten. Ich weiß gar nicht mehr wie.

Deine Themenschwerpunkte …

Eigene Prosatexte. Es entstehen vor allem Serien (z.B. über Unperfekte Paare; 4 Frauen, Sex und der Tod, die fast-autobiographischen Texte unter dem Label Auto. Logik.Lüge. Libido, Fabelwesen, Wildermuths Elbin, Als wir Pop-Poetinnen waren u.v.m). Die seriellen Texte und hybriden Formen experimentieren mit der Form des Blogs als einer literarisch neuen Gattung (Vernetzung statt Linearität). Ich nenne das „kryptofantastischen Realismus“. Dennoch ist mir beim Bloggen unter der Hand ein Roman entstanden, der es vielleicht auch zur „Druckreife“ schafft: PUNK PYGMALION.

Außerdem schreibe ich regelmäßig Buchempfehlungen (niemals Verrisse), Tagebucheinträge, kunsthistorische Beiträge, sowie Film- und Fernsehkritiken. Alles aus einer feministischen Perspektive, womit gemeint ist, dass ich mein Geschlecht beim Lesen, Schauen, Hören nicht verleugne, also die Normsetzung einer (weißen) männlichen Sicht auf die Welt als allgemein „menschliche“ nicht akzeptiere. Zunehmend versuche ich auch andere Normen zu hinterfragen: Heterosexualität, Weißsein, Mittelklasse-Werte. Dadurch ändert sich meine Lektüreauswahl erheblich. Denn die ungebrochene Dominanz von weißen männlichen Autoren auf meiner bisherigen Leseliste hat mich schockiert.

Jeden Dienstag veröffentliche ich außerdem einen Beitrag (eine Collage, das Foto einer Skulptur…) des Frankfurter Künstlers BenHuRum aka Thomas Hartmann. Gelegentlich schreibt auch Morel, mein Lebensgefährte, Beiträge, meist Buchempfehlungen.

Was treibt dich in der Literaturszene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Ich lese wenig in den Feuilletons der „Qualitäts“-Tageszeitungen. Daher treibt mich wenig um, was „der Betrieb“ gerade so diskutiert. Ich bespreche auch selten Neuerscheinungen, die gerade gehypt werden. Da lasse ich mir lieber Zeit und warte ein Jahr. Ich bin optimistisch, dass sich durch die „Neuen Medien“ ganz neue Literaturformen entwickeln werden, ebenso wie neue Vertriebsformen und unmittelbarere Verbindungen von Autor_inn_en zu Leser_inne_n. Die bürgerliche Öffentlichkeit (mitsamt ihrer Trennung vom sogenannten „Privaten“) zerfällt. Ich sehe das ohne Sentimentalität, sondern mit großer Erwartungsfreude. Es wird spannend. Ich selbst lese jetzt schon lieber auf einem E-Reader als in einem gedruckten Buch. Dabei kaufe ich mehr literarische Werke als je zuvor, vor allem von kleineren Verlagen und unbekannteren Autor_inn_en. Die Empfehlungen befreundeter Blogger_innen spielen bei der Auswahl eine wesentliche Rolle. Auf das ganze kulturpessimistische Gejammer (oh, die endlose Wiederholungsschleife) über den Untergang der abendländischen Kultur durch elektronische Medien reagiere ich dagegen allergisch. Brr….

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Zunächst über Kommentare in anderen Blogs. Später wurde mein Blog bei litblogs.net aufgenommen. Außerdem verlinke ich meine Beiträge bei Twitter und bei Facebook.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

Verrisse schreiben. Die meisten Blogger schreiben in der Freizeit. Da sollte man sich auf das konzentrieren, was sich lohnt. Wichtig finde ich auch, dass man „erkennbar“ ist, was nicht unbedingt heißen muss, den Klarnamen und die Adresse anzugeben. Aber da zum Bloggen der Kontakt mit anderen Menschen gehört, finde ich bewusste Täuschungen abstoßend und gemein. Sich eine „interessante“ Fake-Identität zuzulegen, bedeutet ja auch immer, den Menschen, die tatsächlich unter den hier bloß vorgetäuschten Bedingungen leben, das Wort zu entziehen. (Ein Beispiel hierfür ist der britische Blogger, der sich als lesbische Syrerin ausgab.) Ich selbst habe auch unangenehme Erfahrungen mit einem männlichen Blogger gemacht, der sich als junge Frau ausgibt und mir in dieser Rolle Mails über männliche Anmache geschrieben hat. Das habe ich als verletzend und übergriffig empfunden.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Ich veröffentliche vieles zu schnell. Dann möchte ich manche Formulierung später wieder zurücknehmen oder ändern (Was ich auch ungeniert und ungekennzeichnet tue. Ich habe da keine Hemmungen). Die Schnelligkeit ist aber für mich auch wichtig. Wenn ich etwas zu lange „zurückhalte“, lasse ich es fallen: Ich vernachlässige es, ich vergesse es, ich beginne, es vor mir selbst niederzumachen. Mich schützt die tägliche Veröffentlichung somit vor der permanenten Vernichtung der eigenen Schreibprodukte, wie ich es früher dauernd getan habe: Alles in die Tonne geschmissen. Jetzt steht´s im Netz und verpflichtet mich, daran weiter zu arbeiten. Wenigsten manchmal.

Schwierig finde ich vor allem Beleidigungen unter Kommentatoren. Ich musste da einiges an Lehrgeld zahlen. Zum Beispiel lernen, dass es unsinnig ist, weiter mit Menschen zu kommunizieren, die nur kränken wollen. Ich glaube, dass ein Blogger genauso wie jemand im richtigen Leben auf Dauer seine Persönlichkeit nicht verstecken kann. Es kommt heraus, „wo jemand steht“ und welchen Habitus jemand hat. Ich kann besser mit inhaltlichen Differenzen umgehen als mit einem überheblichen, beleidigenden oder belehrenden Ton. Obwohl auch dabei natürlich irrationale Elemente hineinspielen: Jemandem, den man sympathisch findet, verzeiht man eher, als jemandem, der ohnehin nicht sehr anziehend wirkt. Das traurigste Erlebnis war die Kränkung einer Freundin durch einen befreundeten Blogger in einem Kommentarstrang. Sie fühlte sich von mir nicht hinreichend unterstützt und es kam zum Bruch. Das tut mir immer noch leid.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Menschen im „Real Life“ kennenzulernen, mit denen ich übers Bloggen bekannt wurde: z.B. Alban Nikolai HerbstPhyllis KiehlGuido Rohm, Iris, Antje Schrupp, Claudia Kilian, Hartmut Abendschein, Helmut Schulz, den Kommentator Dr. NO, der sich auf den litblogs.-net-Blogs häufig zu literarischen Themen äußert, und die Korrespondenz mit Bloggern wie Dietmar Hillebrandt, dem Bücherblogger, oder Markus Hediger in Brasilien, die ich beide auch sehr gerne einmal persönlich kennenlernen möchte.

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Ich nehme das in der Regel nicht an, weil ich mich dann doch verpflichtet fühle, über das Buch zu schreiben. Da ich nur Empfehlungen schreiben möchte, könnte das ein Problem werden. Wenn ein Buch mich nicht überzeugt, will ich auch darüber schweigen können. Daher verzichte ich in der Regel auf Rezensionsexemplare.

Und wie würdest du damit umgehen, wenn dir Self Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Ich habe da keine Vorbehalte. Das ist auch schon vorgekommen. Es ist ähnlich wie oben. Ich kaufe lieber, weil ich mich dann in meiner Entscheidung freier fühle, ob ich darüber schreiben will.

Wie hältst du es mit dem eBook?

Siehe oben. Ich habe einen Kindle. Und ich bin begeistert. Kein Staub und keine Schlepperei.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Alban Nikolai Herbst Die Dschungel. Anderswelt, Phyllis Kiehls Tainted Talents, Iris Blütenblätter, Andreas Louis Seyerlein und Hartmut Abendscheins taberna kritika. Der Hartmut Abendschein sollte in dieser Gesprächs-Reihe auf jeden Fall zu Wort kommen. Denn er ist der Herausgeber (zusammen mit Christiane Zintzen) von litblogs.net und steht damit im Zentrum des literarischen Bloggens in deutscher Sprache  🙂

Danke sehr, Melusine. Auch für deine wunderbaren Empfehlungen und den tollen Vorschlag, Hartmut Abendschein hier zum Gespräch zu bitten.

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Zuletzt stellte sich Mareike Fallwickl aka Bücherwurm Mariki mit  Bücherwurmloch vor. Ihre Wunsch-Interviewpartnerin war die Klappentexterin. Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier

Steglitz stellt den „Buecherblogger“ vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Die Empfehlung, dass wir den Buecherblogger hier etwas näher kennen lernen sollten, stammt von Gregor Keuschnig, der für das Begleitschreiben verantwortlich ist.

Dein Steckbrief in Stichworten …

Schon seit Jugendjahren beschäftige ich mich intensiv mit Literatur. Als Brotberuf war ich 30 Jahre lang Bibliothekssekretär. Ein Studium der Germanistik und Anglistik habe ich damals aus gesundheitlichen Gründen abgebrochen.

Seit wann, warum und wo bloggst du?

man zeigt Bein … © Der Buecherblogger

Ich blogge seit September 2009, zuerst auf „Windows Live Spaces“ und nachdem Microsoft diese Plattform eingestellt hatte, habe ich meinen Blog ab Mitte 2010 nach WordPress.com transferiert, wo es mir ganz gut gefällt.
Warum? Ebenfalls ein gesundheitlicher Grund, eine überstandene Lebertransplantation hat mich daran erinnert, mein Lesen und Schreiben einerseits als Verarbeitung und andererseits unter dem Aspekt des Teilens und der Kommunikation seitdem in der Form eines Literaturblogs zu betreiben.
Es ist mir wichtig, nicht nur andere Bücher zu rezensieren, sondern auch kurze eigene Erzählungen und Gedichte zu veröffentlichen, die etwas von meiner Befindlichkeit durchblicken lassen. Meine bisherige Prosa ist stark autobiographisch geprägt.

Deine Themenschwerpunkte …

Eindeutig belletristische Literatur mit dem Schwerpunkt Romane, aber auch vereinzelt Beiträge zu Musik und Spielfilmen oder auch zu Kunstausstellungen und Gemälden.

Was treibt dich in der Literaturszene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Szene und Betrieb sind für mich keine positiv besetzten Begriffe. Abgesehen vom ganzen literarischen Universum interessiert mich eigentlich ganz egozentrisch nur das, was ich gerade lese und mein Interesse zu wecken versteht.

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Ich tauche in den Blogrolls anderer Literaturblogs auf, also in erster Linie durch eine Art virtuellen Flurfunk. Auf Facebook landen Verweise zu meinen Beiträgen, was aber kaum von Belang ist. Ansonsten wird man ja im Netz am besten durch Skandale oder das, was man dafür hält, bekannt.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

Seine Identität komplett fingieren. Pseudonyme und Nicknames sind ok, Alter und Geschlecht nur vortäuschen nicht. Das Recht auf Anonymität kann auch zum Fluch werden.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Man muss lernen, gegen das Gefühl der Vergeblichkeit anzuschreiben und sich nicht abhängig von der Zahl der Zugriffe oder dem Zwang zur laufenden Veröffentlichung zu machen. Von der Gier nach Anerkennung sollte man sich zugunsten der eigenen Souveränität befreien.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Meine Erfahrungen beim Bloggen sind zwiespältig. Intensiver engagiert und mit Gewinn was Besprechungen und Kommentare betrifft, habe ich mich in der Vergangenheit bei zwei Literaturblogs: www.wilde-leser.de, der sich mit Roberto Bolaños Werk beschäftigte und dem Literaturblog Aleatorik. Bei beiden fallen Licht und Schatten zusammen. Mit den wilden Lesern habe ich mich am Schluss sehr gestritten, auch persönlich verletzend, die Zusammenarbeit insgesamt war aber eine gute Erfahrung.

Mit der „Autorin“ des zweiten Blogs glaubte ich eine freundschaftliche Beziehung zu unterhalten, bis sich herausstellte, dass das komplette Weblog lediglich von einer Art weiblicher Kunstfigur betrieben wird, mit dem Ziel, letztlich das Buch eines männlichen Autors zu promoten. Für ein Buch lasse ich den poststrukturalistischen Ansatz vom Tod des Autors und der Text spräche nur für sich noch gelten, nicht aber für ein Weblog und dessen Betreiber, mit dem man direkt kommuniziert. Das Buch ist eine Sache, das Weblog mit seinen Kommentaren empfand ich als grobe Täuschung.

Das schönste Erlebnis allerdings sind die immer wieder auftauchenden, ermunternden Kommentare gewesen, vor allem zu meiner Reihe „Literarische Begegnungen“, sowie einige andere virtuelle Bekanntschaften.

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Das kam bisher eher selten vor und wenn ergab es sich aus Beziehungen zu anderen Bloggern und Reaktionen auf meine Besprechungen. Einige Rezensionsexemplare bekam ich von dem kulturmaschinen-Verlag, von Guido Rohm, dem Du-Magazin und kürzlich vom dtv-Verlag Janet Frame´s: Dem nächsten Sommer entgegen. Üblicherweise suche ich mir selbst aus, was ich lese und zu welchem Buch ich etwas schreibe. Mein Blog ist nicht kommerziell und meine Meinung nicht käuflich.

Und wie würdest du damit umgehen, wenn dir Self-Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

In der Regel stehe ich Selbstverlegtem, egal ob Print oder E-paper, was die Qualität betrifft, ziemlich skeptisch gegenüber. Das beträfe auch ein eigenes Werk. Allerdings ist der überwiegende Teil des Verlegten oft auch nicht besser und bloß marktgerecht herausgeputzt. Ich würde mich also nur damit befassen, wenn es mich vom Sprachniveau her anspricht und keinen allzu esoterischen Charakter hat. Sonst reagiere ich einfach nicht und eine dementsprechende Email landet als Werbung im elektronischen Papierkorb.

Wie hältst du es mit dem eBook?

Ich wünsche mir, dass das elektronische Publizieren und der herkömmliche Buchdruck sich gegenseitig befruchten und nicht ausschließen. Ein Medium ändert zwar auch die Kommunikationsformen, ist aber dennoch immer nur Transportmittel, eine Oberfläche, unter der es Gedanken und Träume zu entdecken gibt. Ich benutze bisher nur „Kindle für PC“. Generell steckt in Oberflächen leider auch viel Markt und Konsum.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Wegen des Ungleichgewichts, das du in deinem ersten Resümee zur Gesprächsreihe konstatiertest, nur Frauen: Nämlich Gleisbauarbeiten…wi[e]der[W]orte…in|ad|ae|qu|atmuetzenfalterin und Tainted Talents. – Hier auch „zu Wort kommen“ sollte die auf immer hohem Niveau bloggende „Gleisbauarbeiterin“.

Danke sehr! Auch dafür, dass ein Blogger hier Bein zeigt …

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Zuletzt stelle sich Caterina mit SchöneSeiten vor. Ihre Wunsch-Interviewpartnerin war die Urheberin von Syn-aesthetisch. – Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand, findet sich hier