Die Buchhandlung setzte ein Gesicht auf, als würde sie einer Kette angehören. – Ein Gastbeitrag von Guido Rohm

Im Rahmen der losen Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” hatte ich vorgeschlagen, dass Ihr Gastbeiträge beisteuern könntet. Schilderungen aus dem Buchhändleralltag oder, was auch immer… Erfahrungsberichte zum Beispiel: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen? Nach der Polemik von Stefan Möller aka @Hedoniker Lieber stationärer Buchhandel, wir müssen reden!, die reichlich Wind machte, der Replik darauf von Lorenz Borsche, dem Brief des sterbenden Bildungsbürgers vom Krankenbett herab, dass kein Ausweg sei aus der Feder von Sandhofer und Gerrit van der Meers persönlichem Bericht Draußen vor der Tür. Als arbeitsloser Buchhändler nachts in einer fremden Stadt steuerte heute Guido Rohm, Schriftsteller, Künstler und Blogger, einen Beitrag bei. – Ich sage dafür herzlich danke.

Was Guido schreibt, passt in keine Schublade. Für Untat, seine jüngste Veröffentlichung, bürstete er beispielsweise das Krimigenre gegen den Strich. Auch unsere erste Begegnung verlief unorthodox: Sein Beitrag im Rahmen der Gesprächsreihe Steglitz stellt bibliophile Blogger vor sprengte die Regeln. – Was kann man anderes von einem erwarten, der gestammelte Notizen bloggt?

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Ein Ort für Elben. Von Guido Rohm

Buchhandlungen, also die unabhängigen, die, die keiner Kette angehören, sind für mich als Autor schwer einzuschätzen. Bot einer meiner kleinen Verlage, bei denen ich veröffentliche, einer von ihnen an, eine Lesung zu veranstalten, drucksten sie meist herum. Man müsse sich das überlegen.

Sie sollten sich keine Sorgen machen, sagte einer meiner Verleger zu den Besitzern der Buchhandlungen. Er würde die Bücher mitbringen, den Wein. Die Bücher dürfe die Buchhandlung selbstverständlich verkaufen. Darum ginge es ja. Ein Geschäft, so konnte man denken, dass für beide Seiten lukrativ ist.

Ich kenne nicht alle Buchhandlungen in diesem Land, auch wenn ich das gerne tun würde. Wo hält man sich am liebsten auf? Wo halte ich mich am liebsten auf? Richtig, in einer mit Büchern vollgestopften Buchhandlung. Ein Ort, der mit Fantasie so vollgestopft ist, dass man jeden Moment damit rechnen muss, dass ein Elb um die Ecke gelaufen kommt.

Meine Lieblingsbuchhandlung, die ich früher hier in Fulda, wo ich wohne, hatte, war eine Buchhandlung, die alles das besaß, was ich erwartete, und vor allem das bot, was ich mir von einem solchen Ort erträumte: Hohe Bücherregale, so hoch, dass man zu den Gipfeln nur mit Hilfe einer Leiter stürmen konnte. Links und rechts der Eingangstür befanden sich zwei Regale, die mit lauter gelben Reclamheften bestückt waren. Eng an eng standen sie da, und ich musste jedes Mal, wenn jemand kam oder ging, einen Schritt in den Laden machen, um Platz für die- oder denjenigen zu machen. Es machte Mühe, die keine Mühe, sondern ein Riesenspaß war.

Das Finden der Bücher war ein Job, er war der, den man am liebsten bezahlt bekommen hätte. Nicht lange und ich kannte mich besser wie manche der Buchhändlerinnen aus. „Haben Sie was von Lem?“, fragte ein älterer Herr. Die Verkäuferin, deren Brille an eine Kette hing, zuckte mit den Schultern. Sie glaube nicht, sie müsse erst nachsehen. „Doch, doch!“, rief ich. „Hier ist er doch!“

Es war, als würde man die Nachmittage mit seinen besten Freunden, die alle längst tot waren, verbringen. Es war bizarr und schön zugleich.

Guido Rohm © Alfred Harth

Guido Rohm © Alfred Harth

Später, es ist ein paar Jahre her, verkaufte man den Laden. Es war für die ehemaligen Besitzer schwer geworden, zu überleben. Die großen Buchhandelsketten tauchten auf. Das Internet. Plötzlich wurde aus meiner Privatangelegenheit etwas, das keinen Spaß mehr machte, weil die Wände voller Suhrkamp-Bücher, und jene in denen meine geliebten Heyne-Science-Fiction-Romane untergebracht waren, von den Büchern, die die Ketten für wichtig hielten, verdrängt wurden.

Die Buchhandlung, in der ich mich so viele Jahre lang wohlgefühlt hatte, setzte nicht auf Individualismus oder darauf, eine gewissen Eigenständigkeit zu bewahren, sondern sie setzte ein Gesicht auf, als würde sie auch einer Kette angehören.

Und ohne dass sie es bemerkte, begann sie zu sterben, weil die Leute gar nicht wussten, warum sie die kleine Schwester einer großen Schwester aufsuchen sollten. Warum sollten sie sich mit einer Kopie zufrieden geben, wenn das Original, das natürlich auch nur eine Kopie zahlloser anderer Kopien war, alles das im Überfluss bot, was die kleine Schwester mit trauriger Hand reichte.

In dieser Zeit bemühte sich mein damaliger Verleger, aber auch meine Frau, die sich um solche Sachen wie Lesungen und Kritiker verwünschen kümmert, um eine Lesung in der Buchhandlung, die in meinen Kindheits- und Jugendtagen so etwas wie meine Heimat gewesen war.

Nein, man habe kein Interesse. Sie lehnten ab, obwohl ich kein Risiko darstellte, außer dem Risiko, nicht so bekannt zu sein, wie sie es sich erhofften.

Die kleine Schwester, so kam es mir vor, wollte wie die große sein, und das brach ihr schließlich das Genick. – Wie ich kürzlich las, wird die Buchhandlung schließen, auch wenn sie noch eine weitere, auf Kinderbücher und Krimskrams spezialisierte Filiale, die in einem Einkaufszentrum untergebracht ist, weiterbetreiben wird; immer in der Hoffnung, so zu werden, wie all die gleichaussehenden austauschbaren Filialen der Ketten.

Ich kenne, wie eingangs bereits geschrieben, nicht alle Buchhandlungen. Wie könnte ich sie auch alle kennen, es würde Zeit und Geld voraussetzen, dass ich nicht habe.

Überleben werden sie aber, da bin ich mir sicher, nur, wenn sie lernen, sich auf ihre Stärken zu besinnen. Wenn sie wieder zu jenen Trutzburgen werden, in denen die Leser sich vor den Massen an schlechten Büchern verstecken können, die wie eine Armee auf den Tischen der Ketten liegen.

Bücher sind etwas, in das man einkehrt, sie sind etwas, in dem man sich versteckt, in dem man kauert, um die schlechten Zeiten, die wir alle hin und wieder durchmachen, zu überstehen. Für mich war das so. Es ist ein alter wiederkehrender Traum im Winter vor dem Kamin in einem Sherlock Holmes zu schmökern.

Und wenn Bücher eine Rückkehr sind, sollten Buchhandlungen Orte sein, an denen die Zeit keine Chance hat.

Unbestechliche Plätze, die sich keiner Mode anpassen müssen, weil die Fantasie nie einer Mode unterworfen war. Weil sie seit allen Zeiten Hochkonjunktur hat.

© Guido Rohm

Steglitz stellt Norbert W. Schlinkert mit „Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen“ vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Dass wir heute Norbert mitsamt dessen Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen näher kennenlernen, hatte Phyllies Kiehl aka Miss TT vorgeschlagen, die Tainted Talents pflegt.

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Ich darf mich vorstellen, mich und mein Blog! Das freut mich! Ich darf Fragen beantworten. Das tue ich gerne, wirklich! So habe ich zum Beispiel auf meinem Blog, der zugleich natürlich Website ist und allerlei Literarisches und Künstlerisches beinhaltet, nur für mich allein und die Welt den berühmten Fragebogen nach Marcel Proust durchgeackert – auf die Frage nach meinem Lieblingsvogel habe ich „Donald Duck“ geantwortet, was ich vollkommen ernst meine. Man sieht schon, ich komme womöglich ins Schwadronieren, doch da ich das angeblich laut Miss TT so gut kann und eben deswegen hier von mir sprechen darf, sehe ich auch keinen Grund, mich zu beherrschen. Selbstredend werde ich also all die Fragen brav und wie gesagt gerne beantworten, den gleich zu Beginn geforderten Steckbrief aber hefte ich lieber ganz unten an, nicht damit sich die Leute bücken müssen, sondern allein deswegen, damit die Faktenlage nicht den Blick vernebelt, wo ich mich denn schon einmal vor Sie und Euch alle hinstelle. Immanuel Kant wählte, wenn ich das einmal kurz anmerken darf, als Motto für seine Kritik der reinen Vernunft übrigens noch das „De nobis ipsis silemus“, „Was uns selbst angeht, so schweigen wir“, er übernahm diesen Vorsatz von Francis Bacon, doch eben dies beherzigen naturgemäß die wenigsten Blogger (um dieses häßliche Wort einmal zu benutzen), selbst ich nicht. Nun aber zu den Fragen, denn schließlich handelt es sich um ein Interview.

Seit wann und warum ich blogge? Nun, meine Website gibt es seit September 2009, dort habe ich zunächst fortlaufende Monatsbriefe geschrieben, die mit dem Ende des jeweiligen Monats beendet und fix und fertig waren. Die Resonanz war, da sich ja niemand auf meiner Seite äußern konnte, mathematisch genau gleich Null. Mit der Bloggerei (um dieses häßliche Wort einmal zu benutzen) begann ich dann am 11. Oktober 2011. Wie war noch mal die Frage? Ach ja, warum tue ich mir und der Welt das an? Imgrunde, weil ich, und das ist die Wahrheit, literarisch und also künstlerisch arbeite und mich weder von einer Null, und sei sie kugelrund, noch von sonstigen Umständen davon abhalten lassen will, der Welt die Möglichkeit zu geben, mich und meine Arbeit zu entdecken, und natürlich ist das Schreiben in einem Blog eben auch die Sache selbst und nicht nur deren Darstellung, die ich übrigens lieber „Fabulieren“ schimpfe, wenn man mir denn schon mit Fremdwörtern kommt. Damit wäre die Frage wohl eigentlich beantwortet, ist sie aber nicht, denn ich möchte mich in Sachen literarisches Weblog auf den vielleicht größten deutschsprachigen Essayisten und Romancier berufen, nämlich Robert Musil, der ein kleines Bändchen selbst herausgab, betitelt mit Nachlaß zu Lebzeiten. Im Vorwort schrieb er, ich darf zitieren: „Warum Nachlaß? Warum zu Lebzeiten? Es gibt dichterische Hinterlassenschaften, die große Geschenke sind; aber in der Regel haben Nachlässe eine verdächtige Ähnlichkeit mit Ausverkäufen wegen Auflösung des Geschäfts und mit Billigergeben. (…): ich habe jedenfalls beschlossen, die Herausgabe des meinen zu verhindern, ehe es soweit kommt, daß ich das nicht mehr tun kann. Und das verläßlichste Mittel dazu ist, daß man ihn selbst bei Lebzeiten herausgibt; mag das nun jedem einleuchten oder nicht.“ Eben dies, das im besten Fall sofortige, vor dem eigenen Ableben stattfindende Veröffentlichen literarischer Ergüsse scheint mir also das Wesen literarischer Weblogs ganz wesentlich auszumachen, wie ich das auch in einem bescheidenen kurzen Essay, in der Kürze liegt die Würze, nicht wahr!, darlegte.

Meine Themenschwerpunkte?

Warum „schwer“? Ich denke, es ist eine besondere und im deutschen Sprachraum nach wie vor eher unterbelichtete Kunst, das Schwere leichter zu machen, als es eigentlich ist – und auch dafür ist ein Weblog gut geeignet, denke ich, denn die Schwere, die Seriösität des gedruckten Werkes fehlt ihm, wohingegen die Leichtigkeit des Gesprächs ihm zu eigen sein kann, so wie wir hier ja jetzt auch locker plaudern. Wenn man so will, ist auf die Kritik des Sokrates am Buch, am gedruckten Wort, daß nämlich ein Buch nicht antworten kann, während auf der Agora wirkliche Gespräche geführt werden können, endlich eine adäquate Antwort gefunden worden, daß nämlich heute beides im öffentlichen Raum möglich ist, das Gespräch und auch das festgeschriebene Wort. Auch einem Heraklit mit seinem „Panta rhei“, „alles fließt“, ist entgegenzuhalten, wie sehr er recht hat, wenngleich zu bedenken ist, daß eben das Fließende auch etwas zu tragen vermag. Aber ich will nicht philosophieren, das liegt mir nicht. Mein Thema jedenfalls ist die Literatur im engeren Sinne als Erzähltes und im weiteren Sinne als die Kunst, über die ich mir am meisten Gedanken mache und mit der ich emotional aber sowas von eng verbunden bin! Nächste Frage bitte!

Ich darf mich hier tatsächlich einschalten, ja!? Was treibt dich in der Literaturszene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Gute Frage, denn das (Her)Umtreiben ist ja das Wesen der Literatur, siehe Sokrates und Heraklit. Mich treibt im Moment um, erstens meinen Roman in Kürze (ein vielbesuchter Ort, scheint mir, einige verschlägt es auch nach Bälde) zu vollenden, wobei das „erstens“ Quatsch ist, denn das ist das Einzige, was mich im Moment wirklich umtreibt, schon seit ich damals (2010) den noch im Stadium der Frühreife steckenden Text während eines Aufenthaltstipendiums in Schöppingen entscheidend vorantrieb. Es handelt sich, und da mag der Eine oder die Andere all die ganzen Vorurteile mal beiseitelassen, um einen historischen Roman, der Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts verzeitigt ist; geschrieben ist er, wenn man so will, ganz im Sinne Alfred Döblins, der für den modernen Roman „Tatsachenphantasie“ forderte, was wohl auch ein Halldór Laxness so gesehen hat, wenn ich das mal anmerken darf. Jedenfalls muß das Ding raus in die Welt, auch in die des Literaturbetriebs!!! Nächste Frage, bitte.

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Vielleicht sollte ein Blogger eben dies unterlassen, nämlich sein Blog und seine Beiträge bekannt zu machen! Das wirkt so unbescheiden. Andererseits sind wir alle keine Bacons oder Kants, und ein bißchen trommeln schadet nicht, denn sonst kann man sich ja gleich den anonymen Bloggern anschließen. Ja, was tue ich also zum Bekanntwerden? Eigentlich tue ich nicht viel, wichtig aber war sicherlich, mich Litblogs.net angeschlossen zu haben, ich fragte bescheiden an und man bat mich herein, während ich ansonsten mit Klarnamen (und dementsprechender Verlinkung auf meine Seite) hier und da und auch mal recht ausführlich kommentiere, was natürlich Interesse zu wecken vermag.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Ein Blogger muß sich trauen und jedes Wegducken vermeiden, denn es ist wie beim Hindernislauf, meistens muß man über die Hindernisse hinweg, drunterher zu kriechen gildet meist nicht! Eigentliche Schwierigkeiten sehe ich nicht, Gefahren allerdings schon, denn wer sich offen äußert ist anonymen Drunterherkriechern auch schon mal ein willkommenes Angriffsziel, aber da können andere Blogger ganz andere Liedchen singen.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Da schließe ich mich ganz Alban Nikolai Herbst an, denn tatsächlich habe ich über das Bloggen und das dadurch angeregte Auftauchen im Schnittpunkt von Raum und Zeit Freundschaften schließen können, die ohne meine und der anderen Webpräsenz wohl nicht möglich gewesen wären, weil man einfach immer aneinander vorbei hätte laufen können – man stelle sich das vor, diese Lauferei!

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Ich habe ein Buch recht ausführlich auf meiner Website rezensiert, eine durchaus wichtige Wiederentdeckung einer vergessenen Autorin. Ein weiteres Buch eben dieses guten kleinen Verlages liegt hier noch, verbunden mit der eher lockeren Erwartung, etwas darüber zu schreiben, was aber noch dauern kann, denn wie gesagt, mein Roman fordert mich. Eigentlich aber würde ich eher keine Rezensionen schreiben wollen, das ist nicht so ganz mein Ding und ich weiß auch nicht, ob die Welt Rezensionen wirklich braucht – aber das kann man ja auf der Agora mal diskutieren, wenn man denn unbedingt will.

Und wie würdest du damit umgehen, wenn dir Self-Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Ich würde es nicht tun, glaube ich, doch da das ohnehin niemand machen wird, sage ich noch einschränkend dazu, vielleicht täte ich es, käme nur, auch im Falle einer nicht so positiven Rezension, ordentlich Schotter dabei raus. Sicher aber wäre es besser, so ein Werk würde mir vorher gegen Knete zum Lektorieren vorgelegt, denn dann ist die Chance auf eine Win-Win-Situation sicher größer.

Und wie hältst du es mit dem E-Book?

Sagen wir mal so: ich beurteile seit Kindheitstagen nahezu alles nach ästhetischen Gesichtspunkten unter Einsatz aller Sinne, ich rieche etwa gute Zigarren oder Whiskys/Whiskeys ebenso gerne wie richtige Bücher, frische Ölbilder, noch warme Motorradmotoren, Wald und Wiese und … das führte jetzt zu weit, ich höre gerne wunderbare Musik, lausche dem Rauschen der Bäume, sehe gerne schöne Landschaften aller Art und so weiter und so weiter. Auch ein Text, bei dem sich mir Schönes auftut, ist eine ästhetische Offenbarung, und da ist es gleich, in welcher Form er daherkommt, aber eben, eigentlich, nur fast. Mir sind die E-Books und auch die anderen Lesedinger einfach zu häßlich und ja auch nach kurzem Gebrauch oft irgendwie unschön verdreckt, sollten aber parallel zum Buch durchaus ihren Platz haben, denn gewisse Vorteile liegen ja auf der Hand, wenn ich auch auf dem Bildschirm nicht blättern, sondern lesen will wie bei einer Schriftrolle, so wie das im Netz ja eigentlich (noch) üblich ist – vielleicht gibt es ja dafür bald so kleine Scrollrädchen an den E-Books, das fände ich stimmiger. (Oder gibt’s das schon?) Wichtig erscheint mir noch, und das finde ich sehr gut, daß das E-Book das Veröffentlichen von Texten wahrscheinlicher macht, die ansonsten etwa der „falschen“ Länge wegen nicht veröffentlicht würden.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Wer als nächstes hier zu Wort kommen soll, das war mir sofort klar, nämlich Andreas Wolf mit seinem Sichten und Ordnen , ein Blog, das ich sehr mag, weil dort Literatur unverkrampft und klar im besten Sinne des Wortes erscheint, mal als lesenswerte kleine Geschichte und mal gesprächsweise. Jetzt kann ich noch fünf Blogs empfehlen, oder? Oje. Auf meiner Website steht „Ich lese übrigens in den folgenden Blogs und empfehle sie ausdrücklich.“ Allesamt haben sich bei SteglitzMind bereits vorgestellt. Nämlich: Phyllies Kiehl aka Miss TT mit Tainted Talents, Alban Nikolai Herbst mit Die Dschungel. Anderswelt, Jutta S. Piveckova aka Melusine Barby mit Gleisbauarbeiten und Guido Rohm mit Guido Rohms gestammelte Notizen.

Sichten und Ordnen steht da natürlich auch noch. Jedenfalls bleibe ich bei diesen Empfehlungen und verweise einfach auf die Empfehlungen dieser Blogbetreiber:innen und möchte überhaupt sagen, daß das Selbersuchen oft lohnt. Sódele!

Nix mit sódele! Es fehlt noch dein Steckbrief…

Ach ja, hatte ich vollkommen vergessen. Okay, ich versuch’s. Voilà!

Steckbrief:

Geboren wurde Norbert W. Schlinkert in Schwerte im wunderbaren Jahr 1964; er vollbrachte in jungen Jahren eine Tischlerlehre und holte sich wenige Jahre darauf das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, studierte wiederum Jahre später Kulturwissenschaft / Ästhetik und Theaterwissenschaft / Kulturelle Kommunikation an der Humboldt-Universität zu Berlin, veröffentlichte 2005 seine Studie Wanderer in Absurdistan. Novalis, Nietzsche, Beckett, Bernhard und der ganze Rest (Königshausen & Neumann) und wurde 2009 mit seiner Studie Das sich selbst erhellende Bewußtsein als poetisches Ich. Von Adam Bernd zu Karl Philipp Moritz, von Jean Paul zu Sören Kierkegaard promoviert; das Buch erschien Ende 2010 im Wehrhahn-Verlag. Hier und da kam es zu kleineren literarischen Veröffentlichungen, etwa story banal (1998) oder Das Wannenbad (Kurzgeschichte; in: SIC, Zeitschrift für Literatur Nr. 4, 2009). Im Jahr 2010 wurde ihm für sein Romanprojekt ein Aufenthaltsstipendium des Künstlerdorfes Schöppingen zugesprochen. Seit Oktober 2011 ist sein literarisches Weblog Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen auf Sendung und Empfang gestellt.

So, da stecke ich also! Ich würde aber noch gerne, da ich ja auch lange intensiv als bildender Künstler unterwegs war, ein kleines Objekt präsentieren, das sozusagen am Schnittpunkt meiner Interessen und Leidenschaften entstanden ist und bis heute eines meiner liebsten Kunstwerke darstellt. Es heißt schlicht Poesie, und so sieht es aus.

Poesie, 1996, 20 x 30 x 10 cm, Holz, Papier, Streichholzschachteln, © Norbert W. Schlinkert

Poesie, 1996, 20 x 30 x 10 cm, Holz, Papier, Streichholzschachteln, © Norbert W. Schlinkert

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Wer auf Norberts Roman neugierig geworden ist, kann sich hier kundig machen.

Zuletzt stellte sich Sophia Mandelbaum mit Ze Zurrealism itzelf vor. Ihr Wunsch-Interviewpartner war Stefan Mensch. – Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier

Steglitz stellt Jannis Plastargias mit „schmerzwach“ vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Dass wir etwas mehr über Jannis Plastargias und dessen Blog schmerzwach erfahren sollten, hatte Guido Rohm vorgeschlagen, der Guido Rohms gestammelte Notizen bloggt.

Dein Steckbrief in Stichworten …

Jannis Plastargias aka „schmerzwach“ – am 6.7.1975 in Kehl am Rhein geboren, in Frankfurt lebend, Autor, Blogger und Lebenskünstler. Versuche überall mitzumischen, Hauptsache spannend, mein Tag könnte 36 Stunden oder auch mehr haben. Hier  kann man mehr zu meiner Person erfahren.

Seit wann, warum und wo bloggst du?

Ich bin seit dem 6.12.2009 bei blogspot.de. Damals hatte ich sehr wenig Ahnung von Blogs. Die Idee stammte tatsächlich von einer guten Freundin, mit der ich lange Emails tauschte. Ich fragte: „Wie geht das?“ Und sie gab mir eine Blog-URL und erklärte mir, dass ich oben in der Liste nur „Blog erstellen“ drücken müsste. Ich probierte das aus – und tatsächlich: Es war so einfach, wie es klang. Nur: ich hatte mir keinen Namen überlegt. Dann hatte ich die Eingebung: „schmerzwach“ – das wäre ein poetischer und schöner Name für einen Blog. Und dann begann das aufregende Bloggen.

Deine Themenschwerpunkte …

Jannis Plastargias © Corinna Kaiser

Jannis Plastargias © Corinna Kaiser

schmerzwach macht regelmäßig einen Wandel durch… Das Wort „schmerzwach“ soll ja diesen Zustand beschreiben, den man nachts im Bett liegend hat, völlig überfordert mit den Anforderungen der modernen Welt, voller Gedanken und Ideen, voller Ängste und Zweifel. So war es mir anfangs vor allem ein Anliegen, Anekdoten aus meinem Leben zu erzählen, mir etwas von der Seele zu schreiben. Ich mischte jedoch von Anfang an Buch- und Filmrezensionen hinein, berichtete von Erlebnissen in verschiedenen Szenen Frankfurts (Kultur und quer). Als ich mich später mehr mit meinem eigenen Schreiben beschäftigte, erste Veröffentlichungen und Lesungen aufweisen konnte, wurde dies immer mehr ein Thema. Jetzt ist der Blog ein wilder Mischmasch.

Was treibt dich in der Literaturszene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Bei dieser Frage wird mir ganz schummerig, so vieles schwirrt in meinem Kopf herum, ungeordnet und ungefiltert. Viele Fragen tun sich mir auf: Wohin geht dieser so genannte „Literaturbetrieb“? Wie muss ich mich als noch „junger Autor“ aufstellen, um nicht unterzugehen? Wie werde ich eine Marke? Manchmal habe ich so ein bisschen das Gefühl, dass gerade viel zu viele Autor/innen gleichzeitig in den „Markt“ drängen. Die Digitalisierung ist eine wunderbare Sache – nur macht sie das ganze Leben und vor allem die Literatur nicht gerade übersichtlicher, eher im Gegenteil.

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Gleichzeitig mit meinem Blog habe ich mir einen Twitter-Account angelegt und dort herum experimentiert, gleichzeitig meine Facebook-Aktivitäten intensiviert. Von Anfang an war ich auch bei Google + mit dabei. Früher habe ich gelegentlich Emails an Freunde geschickt, aber das ließ ich recht bald wieder.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

Etwas, das für alle Menschen im Netz gilt: Fair bleiben, andere Menschen und Meinungen respektieren, offen für alles sein, nicht hetzen, nicht bewusst verletzen, dafür lieber andere Blogger unterstützen, für andere einstehen.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Da ich gelegentlich sehr privat werde, hatte ich mitunter das Problem, dass fremde Menschen bestimmte Dinge evtl. früher erfahren als meine eigenen Freunde, natürlich ganz unbeabsichtigt – aber manche sind da gerne einmal sauer oder enttäuscht. Man muss außerdem Grenzen von anderen Menschen ganz genau kennen, um ihnen nicht vor den Kopf zu stoßen. Da ist viel Kommunikation und Vertrauen notwendig.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Generell finde ich es schön, wenn Menschen, die ich kenne, Gedanken und Formulierungen aus meinem Blog in ihren eigenen Sprachgebrauch und ihre Lebenswelt mit aufnehmen. Das schönste Erlebnis war, als eine von mir sehr geschätzte Dichterin, Lütfiye Güzel, mich und meinen Blog in einem Interview erwähnte, weil die Moderatorin ihr meine Worte in den Mund gelegt hatte.

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Mittlerweile muss ich leider ablehnen, da ich keine Zeit mehr für fundierte Rezensionen finde. Bisher war es so, dass ich mir genau anschaute, was sie mir da andrehen wollten – und lehnte ab, wenn ich das Gefühl hatte, es könnte mich langweilen.

Und wie würdest du damit umgehen, wenn dir Self-Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Das ist oft passiert und ich verfuhr da genauso wie bei guten Verlagen: anschauen, was sie mir anbieten, auf meine Intuition achten und dann annehmen – oder eben nicht.

Wie hältst du es mit dem E-Book?

Ich habe meine beiden letzten Werke bei Tubuk Digital veröffentlicht, also vorerst sind sie nur als E-Book erhältlich – das finden etliche meiner Leser/innen eher schwierig. Ich lese ebenfalls nach wie vor lieber auf Papier, aber gewöhne mich gerade ein bisschen um.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Folgende Blogs mag ich: Hier bloggt Charlotte Reimann, das Blog von Petra van Cronenburg, Guido Rohm mit gestammelte Notizen, der sich hier ja bereits vorgestellt hat, und das Blog LIVE.LOVE.READ von diejai. Für ein Gespräch möchte ich gerne Hilke-Gesa Bussmann vorschlagen.

 Jannis, danke vielmals, dass du hier dabei bist. Und Glück auf mit deiner neuen Aktion Meine Lieblingsbuchhandlung, bei der Zoë Beck so fein vorgelegt hat.

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Zuletzt stellte sich DocTotte mit Tottes kleines Literaturlexikon vor. Seine Wunsch-Interviewpartnerin war juneautumn mit 1001 Bücher. – Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier

Steglitz stellt Guido Rohm mit „Guido Rohms gestammelte Notizen“ vor – und feiert den 50. Beitrag

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Als ich die Gespräche im September vergangenen Jahres an den Start brachte, war ich skeptisch, ob unser Atem für eine Reihe überhaupt reichen würde. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass wir es gemeinsam sogar zum einem runden Geburtstag bringen würden. Nun steht er an: Der 50. Beitrag, den Guido Rohm heute unorthodox krönt. Dass wir Guido näher kennenlernen sollten, der sonst anderenorts gestammelte Notizen bloggt, hatte Dieter Paul Rudolph vorgeschlagen, der das Krimikultur: Archiv pflegt.

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Also ganz am Anfang, damit wir uns da recht verstehen, muss ich erst einmal eine Kleinigkeit loswerden. Ich bin und war zu keiner Zeit ein Bibliophiler, so eine Sauerei, die lasse ich mir nicht unterstellen. Am Ende liest das einer aus meiner Nachbarschaft, und dann heißt es: Da schau her, da kommt die bibliophile Drecksau! Daher muss ich mich gegen den Vorwurf, was mit Büchern zu haben, verwehren. Man wirft vielleicht mal sein Auge auf das eine oder andere Buch, aber immer mit ehrenwerten Absichten. So ein Bibliophiler, das ist ja kein Mensch mehr, der hat sein Lebensrecht verwirkt. Die Bücher, die können sich nicht wehren, drum muss man sie vor den Bibliophilen schützen, die sich auch im Netz rumtreiben, um sich dort illegal Books runterzuladen. Ein Ring von Bücherschändern ist das, mit denen kurzer Prozess gemacht werden sollte, wenn man mich fragt.

Dies nur zu Beginn, damit man mich hier nicht in einen Sack mit den ganzen anderen Bloggern steckt, die sich zur Bibliophilie ja vielleicht offen bekennen.

 © Guido Rohm

© Guido Rohm

Zunächst einmal ein paar Stichworte zu meiner Person: Geboren ca. 1970, Schriftsteller, Autor, Textproduzent, Stimmenimitator, GROSSBUCHSTABENJÄGER, Playmobil-Bauernhof-Besitzer, Hans-Dampf-in-allen-Gassen, Hans-guck-in-die-Luft, Hans I. Glock, Wedekind-Verächter. Ich wuchs in ärmlichen  Verhältnissen auf, besuchte mehrere Schulen, konnte mich aber nie zur direkten Unterrichtsteilnahme entschließen. Diverse Jobs in Afrika, Argentinien schlug ich aus. 2010 erschien mein erster Roman „Blut ist ein Fluss“ und katapultierte mich mit einem Schlag in die Bestsellerlisten von Andorra. Nach diesem überraschenden Megaerfolg zog ich mich in meine Fuldaer Villa zurück, aus der ich seitdem blogge und Bären schieße. Ich habe 17 Kinder und war zehnmal verheiratet. (Alles in meinem Blogtagebuch nachzulesen.)

Zum Bloggen: Ich blogge seit meiner Kindheit. Es fing mit kleinen gemeinen Notizen an, die ich meinen Schulkameraden in die Ranzen schmuggelte.

Später rutschte ich gehörig ab, wie das bei einer ordentlichen Drogenkarriere so sein muss.

Erst SMS, dann Mails, irgendwann bloggt man. Sagt sich: Ich komm da schon wieder von los!

Aber ehe man sich versieht, hat der soziale Abstieg begonnen. Man wäscht sich nicht mehr, sieht statt echter Menschen nur noch Avatars. Plötzlich hängt man bis zum Hals im Blogsumpf.

Ist der Computer kaputt, spricht man wildfremde Menschen am Bahnhof an, ob sie einen mal eben kurz an ihren Laptop … Sie wissen schon! Man ist nicht mehr man selbst. Man ist ein Wrack. Man ist geil nach der synthetischen Droge von WORDPRESS, nach Statistiken, nach Gefällt-mir-Daumen bei Facebook.

Man ist zu einem Junkie geworden!

Erwache ich am Morgen, überfällt mich das große Zittern. Ich schleife mich aus meinem Bett, dabei könnte ich als Bestsellerautor (Blut ist ein Fluss, Blutschneise, Die Sorgen der Killer) eigentlich beruhigt liegenbleiben. Mich drängt ja nichts. Aber trotzdem zwingt mich die Sucht vor den Bildschirm, um eine dieser wundervollen Szenen aus meinem Leben zu beschreiben, so als würde ich nur wirklich existieren, wenn ich es auch gepostet habe, wenn es in den weitläufigen Straßen des Netzes unterwegs ist.

Ist einer dieser wahnsinnig unterhaltsamen und genialen Artikel veröffentlicht, gebe ich es sofort bei Facebook und Twitter bekannt. Es ist, als würde ich einen Postreiter losschicken, der die Nachricht in die Welt tragen muss.

Ist das erledigt, ziehe ich mich mit einem E-Book zurück, hat das E-Book doch den Vorteil, dass man eine ganze Bibliothek in der Hand durch die Gegend tragen kann. Das lenkt mein Lesen ungemein, weil ich über die ersten drei Sätze erst gar nicht mehr herauskomme. Schon tippe ich zum nächsten Werk und denke mir: Nein, so ein dämlicher Satz aber auch, jetzt lieber mit einem anderen Roman weitermachen.

Auf diese Art habe ich im letzten Jahr 55.789 Sätze gelesen, aber keinen Roman mehr.

Das E-Book ist Klasse, gibt es solchen Hungerleidern wie meinem Kollegen Hans I. Glock doch die Möglichkeit, trotz dauernder Absagen der Verlage, etwas zu veröffentlichen. Und Glock und Konsorten wollen die Menschheit ja auch mal nerven dürfen.

Überhaupt – jetzt sind wir doch mal ehrlich, sind wir hier doch unter uns – wenn man in einen Self-Publisher-Roman hineinliest, kann einem schon schnell mal schlecht werden. Irgendwie müssen die meisten dieser Autoren im Deutschunterricht gepennt haben. Vielleicht waren sie aber auch zu wach. Die nehmen so eine Spannungskurve nicht nur ernst, weit gefehlt, die leben so eine Kurve regelrecht. Und dann diese Sucht nach Adverbien.

Hin und wieder, nehmen wir O.M. Gott oder meinen Freund Glock, findet sich auch eine Perle. Man muss man lange suchen, und Lebenszeit ist es ja auch, die man da vergeudet.

Jetzt habe ich eben noch mal nach dem Fragenkatalog geschaut. Zu Rezensionsexemplaren kann ich nicht viel sagen. Die bekomme ich schon, wenn ich eins anfordere, und ich würde auch das E-Book eines Self-Publishers besprechen, aber leider bzw. O.M. Gott sei Dank, rezensiere ich kaum noch. Dafür habe ich auch gar keine Zeit, weil ich ständig eine Neuigkeit aus meinem aufregenden Leben als Junkie und Bestsellerautor veröffentlichen muss. (Momentan arbeite ich deshalb auch an meiner Autobiografie mit dem Titel „Grünkohlextrakt – Leiden und Nöte eines Bestsellerautos“. Außerdem schreibe ich noch an einem Roman über einen realen deutschen Krimikritiker. Aber dazu will ich mich jetzt nicht äußern. Das würde dem Werk die Spannung rauben.)

Blogs, die ich empfehle: Ludgar Menke und Dieter Paul Rudolph, die hier schon vorgestellt wurden. Derjenige, der die Fragen, die ich mit meinem Text so großzügig überschrieb, als nächstes beantworten sollte, ist Jannis Plastargias mit seinem Blog SCHMERZWACH.

In diesem Sinne möchte ich mich für das Gespräch bedanken, das nun aber leider gar keins war.

Das letzte Wort, allerdings, überlasse ich dir wohl nicht auch noch. Danke sehr für diesen Beitrag, der passend zum heutigen runden Geburstag so ganz anders daherkommt als gewohnt.

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Zuletzt stellte sich Friederike Kenneweg mit Frintze vor. Ihr Wunsch-Interviewpartner war der Betreiber von DocTotte, der u.a. Tottes kleines Literaturlexikon pflegt. – Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier

Steglitz stellt Dieter Paul Rudolph mit „Krimikultur: Archiv“ vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Dass wir heute Dieter Paul Rudolph etwas näher kennenlernen, der das Krimikultur: Archiv pflegt, hatte Ludger Menke vorgeschlagen, der u.a. das Krimiblog verantwortet.

Dein Steckbrief in Stichworten …

Dieter Paul Rudolph, 1955 geboren, Alter bitte selbst ausrechnen; im Wahn der Jugend Germanistik studiert, später – siehe unten – die IT-Branche gerockt. Immer schon geschrieben, Prosa und Literaturwissenschaftliches; seit 2005 Blogger und Krimikritiker, seit 2008 zudem gedruckter Krimiautor, eine teuflische Kombination.

Seit wann, warum und wo bloggst du?

© Dieter Paul Rudolph

© Dieter Paul Rudolph

Ende des vorigen Jahrtausends – wir erinnern uns: Internetblase – habe ich meinen Horizont durch eine Ausbildung zum Multimedia-Entwickler erweitert, mit dem Schwerpunkt auf multimediale Lernanwendungen. Zur gleichen Zeit kam ich in Kontakt zu hinternet.de, einer der ersten und alterwürdigsten Internetillustrierten („Pop, Kultur und Pommes…“). Mein erstes Projekt war ein Fortsetzungskrimi mit dem Titel „Die Pfauenfeder“, daneben immer wieder Rezensionen von Rockmusikbüchern, vorzugsweise aus dem englischsprachigen Raum. Tja – und irgendwann trug man mir einen Blog an, das war im Februar 2005, um genau zu sein. Einen Krimiblog, den ich nach einem schönen Song von Elvis Costello „Watching the Detectives“ nannte und von dem ich damals nicht wusste, wie er sich entwickeln würde.

Nun, er hat sich prächtig entwickelt. Bis Ende 2012 habe ich fast täglich etwas gebloggt, Rezensionen, Satiren, Informationen, längliche Aufsätze… Parallel dazu entstand das „Krimikulturarchiv“, quasi als Sammelbecken wichtiger Arbeiten befreundeter Autoren. Anfang 2013 dachte ich mir, es sei nun an der Zeit, „Watching the Detectives“ Adieu zu sagen und meine Aktivitäten auf das „Krimikulturarchiv“ zu konzentrieren. Daneben gab und gibt es immer wieder andere, zumeist zeitlich begrenzte Blogprojekte, zuletzt der Endloskrimi „Das Edwin-Drood-Projekt“, immerhin 600 Folgen (ca. 1000 Normseiten) stark. Jeden Tag eine.

Und, warum …

Hm, warum ich blogge? Ich hab nix anderes gelernt… Nein, im Ernst: Weil es mir Spaß macht und einigen LeserInnen offensichtlich auch. Weil ich das Genre „Krimi“ nicht den „Krimimimis“ oder den professoral steifen Krimiverstehern überlassen möchte. Weil ich mit fortschreitendem Alter die Welt immer mehr als „schlechten Krimi“ wahrnehme…

Mir ist es von Anfang an auch darum gegangen, so etwas wie „Krimikultur“  zu unterstützen. Zum Beispiel durch das „Krimijahrbuch“, das zwischen 2006 und 2009 immerhin viermal erschienen ist, oder die Seite alte-krimis.de mit Faksimiles von Krimis aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Hier war Bloggen als PR-Motor äußerst hilfreich. – Und, ich gestehe es: Weil ich etwas zu verkaufen habe, nämlich meine eigenen Krimis. Wer ne Bude auf’m Markt hat, muss auch mal schreien (frei nach Arno Schmidt).

Als Medium bevorzuge ich WordPress. Kostet nix, geht einfach, nette Statistiken.

Deine Themenschwerpunkte …

Hm, Krimis? Gar nicht so leicht zu beantworten. Ich habe mir wie schon erwähnt angewöhnt, die Merkwürdigkeiten der Welt grundsätzlich jeweils als „Krimi“ zu lesen. Die Barmherzigkeitskultur, die man uns übergestülpt hat und für die alle gefälligst dankbar sein sollen, die unverfrorene Umverteilung von unten nach oben (von „Bankenkrise“ über „Tafeln“ bis „Aufstocker“), die kleinen Lügen des Alltags… alle Dinge eben, die ich „schlechte Krimis“ oder „true crime“ nenne und die ich neben den literarischen Erzeugnissen ebenfalls thematisiere.

Was treibt dich in der Literaturszene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Zwei Dinge, die ich mit Interesse verfolge und die eigentlich zusammenhängen: die Entwicklung des E-Books und die sogenannten „Indies“ oder Selbstverleger. Da ich ebenfalls dazugehöre (was nicht heißt, dass ich nicht auch bei Verlagen veröffentliche), betrifft es mich auch direkt. Vor allem die allmähliche Konturierung des „Marktes“, das Trennen von Spreu und Weizen, der Aufbau von Strukturen, Autorenkooperativen und so weiter. Auch hier habe ich mir erlaubt, mich einzumischen und mit KollegInnen die Reihe „Schundheft!“ gestartet. Kleine, schmierige Genreheftchen als Print- und E-Book, in denen man mal so richtig die Unterhaltungssau rauslassen kann, ohne vorher sein Gehirn entkernt haben zu müssen.

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Ach, eigentlich nur über Facebook. Ansonsten bin ich so arrogant zu behaupten, dass mich die Leute, für die ich schreibe, seit 2005 eigentlich kennen sollten. Twitter ist nichts für mich, das lasse ich lieber.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

Mach was du willst, aber bitte schön auf eigenes Risiko. Provoziere ruhig gewisse Leute (eine Spezialität von mir anscheinend…), aber brich nicht in Tränen aus, wenn du selbst angegangen wirst. Nicke nicht alles ab, nur weil es alle abnicken. Tue niemandem vorsätzlich weh, aber rechne damit, dass du jemandem wehtun musst. Ich verstehe es, wenn mich AutorInnen, deren Bücher ich negativ bespreche, „hassen“. Aber meistens lobe ich und versuche, für gute Bücher möglichst viele gute Leser zu begeistern. Ach ja, ganz wichtig: Nimm die Sache ernst, aber nicht unbedingt dich selbst.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Konkrete Schwierigkeiten gibt es natürlich immer. Als ich mit dem Bloggen anfing, galt diese Zunft als ein Sammelbecken für Leute, die „zu schlecht für die Zeitung“ waren (ein ähnliches Phänomen erleben wir gerade auch mit den Selbstverlegern), Dilettanten eben. Dieses Misstrauen zwischen den „Profis“ in den Zeitungsredaktionen und den Bloggern gibt es wohl noch immer, der Konflikt hat sich aber abgekühlt – nicht zuletzt, weil die Blogverächter von gestern längst die Blogger von heute geworden sind. Oder es wenigstens versuchen.

Man kann das als Blogger stoisch hinnehmen, was allerdings nicht meine Art ist. Allgemein hat die „Streitkultur“ nachgelassen, die Diskussionen werden weniger, oft äußert man sich nur noch via Facebook, indem man einen Artikel „liked“. Finde ich schade. Im nichtdigitalen Leben bin ich durchaus harmoniesüchtig; die Wohlfühlatmosphäre in gewissen Blogs und das bisweilen Belanglos-Private („Bin gerade aufgestanden und muss gleich aufs Klo“) bei Facebook ist aber nicht mein Ding.

Ansonsten? Ich musste einmal schleunigst ein paar Kommentare rausnehmen, die über Nacht gekommen waren und in denen konkrete Personen übelst beleidigt wurden. Außerdem durfte ich feststellen, dass man sich durchaus „Feinde“ machen kann, ohne es wirklich zu wollen und ohne jemals mit diesen Leuten in Kontakt gekommen zu sein. Die verfolgen einen dann getreulich und hinterlassen ihre Häufchen überall im Netz.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Allgemein: Ich habe über das Bloggen einige sehr nette und liebe Leute kennengelernt. „Normale“ LeserInnen, KritikerInnen und AutorInnen. Schöne und spannende E-Mail-Korrespondenzen haben sich entwickelt, man hat sich in Frankfurt auf der Buchmesse getroffen, sich gegenseitig geholfen und getröstet, konnte Tipps geben oder etwas vermitteln … so soll es sein.

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Es gibt eine Handvoll Verlage, die mich seit Jahren automatisch mit ihren Neuerscheinungen bestücken. Gottlob sind es Verlage, deren Bücher ich meistens gerne bespreche, kleinere Häuser wie Ariadne, Pendragon oder Pulp Master. Generell gilt aber: Selbst wenn ich ein Buch anfordere, bedeutet das nicht, dass ich es auch besprechen werde – und schon gar nicht garantiert positiv. Wenn mir ein Buch nichts zu sagen hat, habe ich auch nichts darüber zu sagen.

Und wie würdest du damit umgehen, wenn dir Selfpublisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Ich habe schon explizit darum gebeten, dass mir Selfpublisher ihre Titel zuschicken. Sie werden genauso behandelt wie Verlagsbücher.

Wie hältst du es mit dem E-Book?

Feine Sache. Als Leser mag ich die rasche Verfügbarkeit. Früher habe ich auf längeren Zugfahrten ein Buch mitgenommen und dann festgestellt, dass ich es eigentlich gar nicht lesen will. Heute habe ich meinen Reader dabei und suche mir etwas Passendes aus. Da ich keineswegs „bibliophil“ bin (ich schreibe auch schon mal mit Kugelschreiber Anmerkungen in teure Bücher – und ich meine jetzt nicht Bücher für 20 Euro!), interessiert mich das vielbeschworene „Haptische“ überhaupt nicht. Inhalt, that’s it!

Aber mit dem E-Book ist natürlich noch etwas anderes, vielleicht sogar Revolutionäres verbunden: Jeder kann heutzutage seine eigenen E-Books produzieren und auf Plattformen anbieten. Der Teufel in mir raunt gerade: Ja, genau das tut offensichtlich auch jeder! Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir am Anfang einer Umwälzung dieses ganzen pervertieren „Buch- und Literaturmarktes“ stehen. Die einzigen, die bisher in der Regel nicht von Büchern leben können, sind die Autoren. Was weniger an den Verlagen liegt, die den Autoren nicht mehr zahlen können, weil der größte Teil des Umsatzes von Groß- und Kleinhändlern abgeklemmt wird. Mag sein, dass die auch nicht anders können, aber „gesund“ finde ich das nicht. Durch Selbstvermarktung werden sich die Kräfteverhältnisse allmählich verschieben. Wer als Verlag nicht rechtzeitig die Zeichen der Zeit erkennt, wird scheitern. Es werden sich neue Formen von Kooperativen (ich darf noch einmal auf die „Schundhefte“ verweisen…) bilden, viele Buchhandlungen werden dichtmachen müssen (vor allem solche, die sowieso längst zu Gemischtwarenläden und Bestseller-Verkaufsstationen verkommen sind). Natürlich wird es nach wie vor eine Zweiteilung des Marktes geben: Hier die Bücherunmengen des Mainstream, dort die kleinen Auflagen der Widerspenstigen. Aber die neuen Formen bedeuten auch neue Chancen. Man muss sie nur nutzen – sonst bleibt alles wie es ist.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Oh je! Ich bin eigentlich ein Kreuz- und Querleser ohne wirkliche Stammblogs… Natürlich muss ich Ludger Menkes Krimiblog zu allererst nennen, weil er mich seit 2005 treu und brav begleitet. Und die fundierten Meinungen von Martin Compart zum Genre und überhaupt zum Verbrechen. Sehr informativ auch Die Webagentin. Als erfreuliches Beispiel dafür, dass selbst Printjournalisten prima bloggen können, seien die Blogs der „Stuttgarter Zeitung“ genannt.

Aber das Stöckchen fliegt natürlich zum unglaublichen Guido Rohm, Deutschlands begabtestem Schund-, Blut- und Schmierautor seit O.M. Gott und Hans I. Glock, und seinen gestammelte Notizen!

Danke sehr! Und da ich bei den „Schundheften“- gefällt mir übrigens sehr – auf einen speziellen „Kampf der Geschlechter“ gestoßen bin, eine Anmerkung zum derzeitigen Genderverhältnis innerhalb dieser Gesprächsreihe: Mit deinem Beitrag zogen die Männer mit den Bloggerinnen wieder gleich auf. Aktuell steht es 24:24.

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Zuletzt stellte sich Ludger Menke mit Krimiblog u.a. vor. Sein Wunsch-Interviewpartner war: dpr = siehe oben. – Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier

Steglitz stellt Jutta Piveckova aka Melusine Barby mit „Gleisbauarbeiten“ vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Dass wir Jutta S. Piveckova aka Melusine Barby mit Gleisbauarbeiten näher kennen sollten, hatte Dietmar Hillebrandt vom Buecherblogger vorgeschlagen. Jetzt geht nicht nur sein Wunsch in Erfüllung. Nein, mit Juttas Auskünften haben wir hier 25 Interviews mit literaturaffinen Bloggerinnen und Bloggern beisammen, womit die Gesprächsreihe, die im September 2012 an den Start ging, heute ein erstes, kleines Jubiläum feiern darf.

Dein Steckbrief in Stichworten …

1965 geboren, mittelalt, mittelschlau, mittelreich, liiert, studiert (Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft), verheiratet, Mutter zweier fast erwachsener Söhne, netzaffin und bücherstauballergisch, Anti-Kulturpessimistin

Seit wann, warum und wo bloggst du?

Melusine Barby © Jutta S. Piveckova

Ich blogge seit dem 9.2.2010. Zunächst auf dem Blog. Ganz heimlich. Mein Versuch, das Schreiben wieder aufzunehmen nach beinahe 20 Jahren Schweigen. Die Struktur eines Blogs nutzen, um einen Roman in umgekehrter Chronologie zu erzählen, so dass der jüngste Post jeweils immer weiter zurückreicht in die Vergangenheit. Am Ende sollte dann eine klassische Romanerzählung stehen, die beim Lesen entsteht, wenn man die Posts von vorne nach hinten liest: Der letzte Eintrag als Anfang des Romans. (Ich arbeite weiter dran.)

Die Gleisbauarbeiten entstanden als Ableger dazu, weil das Bedürfnis wuchs, nachdem mein Blog von Alban Nikolai Herbst „entdeckt“ worden war, auch über andere Themen zu schreiben und mit Blogger_innen in Austausch zu treten. Auf die Plattform Blogger bin ich ganz zufällig geraten. Ich weiß gar nicht mehr wie.

Deine Themenschwerpunkte …

Eigene Prosatexte. Es entstehen vor allem Serien (z.B. über Unperfekte Paare; 4 Frauen, Sex und der Tod, die fast-autobiographischen Texte unter dem Label Auto. Logik.Lüge. Libido, Fabelwesen, Wildermuths Elbin, Als wir Pop-Poetinnen waren u.v.m). Die seriellen Texte und hybriden Formen experimentieren mit der Form des Blogs als einer literarisch neuen Gattung (Vernetzung statt Linearität). Ich nenne das „kryptofantastischen Realismus“. Dennoch ist mir beim Bloggen unter der Hand ein Roman entstanden, der es vielleicht auch zur „Druckreife“ schafft: PUNK PYGMALION.

Außerdem schreibe ich regelmäßig Buchempfehlungen (niemals Verrisse), Tagebucheinträge, kunsthistorische Beiträge, sowie Film- und Fernsehkritiken. Alles aus einer feministischen Perspektive, womit gemeint ist, dass ich mein Geschlecht beim Lesen, Schauen, Hören nicht verleugne, also die Normsetzung einer (weißen) männlichen Sicht auf die Welt als allgemein „menschliche“ nicht akzeptiere. Zunehmend versuche ich auch andere Normen zu hinterfragen: Heterosexualität, Weißsein, Mittelklasse-Werte. Dadurch ändert sich meine Lektüreauswahl erheblich. Denn die ungebrochene Dominanz von weißen männlichen Autoren auf meiner bisherigen Leseliste hat mich schockiert.

Jeden Dienstag veröffentliche ich außerdem einen Beitrag (eine Collage, das Foto einer Skulptur…) des Frankfurter Künstlers BenHuRum aka Thomas Hartmann. Gelegentlich schreibt auch Morel, mein Lebensgefährte, Beiträge, meist Buchempfehlungen.

Was treibt dich in der Literaturszene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Ich lese wenig in den Feuilletons der „Qualitäts“-Tageszeitungen. Daher treibt mich wenig um, was „der Betrieb“ gerade so diskutiert. Ich bespreche auch selten Neuerscheinungen, die gerade gehypt werden. Da lasse ich mir lieber Zeit und warte ein Jahr. Ich bin optimistisch, dass sich durch die „Neuen Medien“ ganz neue Literaturformen entwickeln werden, ebenso wie neue Vertriebsformen und unmittelbarere Verbindungen von Autor_inn_en zu Leser_inne_n. Die bürgerliche Öffentlichkeit (mitsamt ihrer Trennung vom sogenannten „Privaten“) zerfällt. Ich sehe das ohne Sentimentalität, sondern mit großer Erwartungsfreude. Es wird spannend. Ich selbst lese jetzt schon lieber auf einem E-Reader als in einem gedruckten Buch. Dabei kaufe ich mehr literarische Werke als je zuvor, vor allem von kleineren Verlagen und unbekannteren Autor_inn_en. Die Empfehlungen befreundeter Blogger_innen spielen bei der Auswahl eine wesentliche Rolle. Auf das ganze kulturpessimistische Gejammer (oh, die endlose Wiederholungsschleife) über den Untergang der abendländischen Kultur durch elektronische Medien reagiere ich dagegen allergisch. Brr….

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Zunächst über Kommentare in anderen Blogs. Später wurde mein Blog bei litblogs.net aufgenommen. Außerdem verlinke ich meine Beiträge bei Twitter und bei Facebook.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

Verrisse schreiben. Die meisten Blogger schreiben in der Freizeit. Da sollte man sich auf das konzentrieren, was sich lohnt. Wichtig finde ich auch, dass man „erkennbar“ ist, was nicht unbedingt heißen muss, den Klarnamen und die Adresse anzugeben. Aber da zum Bloggen der Kontakt mit anderen Menschen gehört, finde ich bewusste Täuschungen abstoßend und gemein. Sich eine „interessante“ Fake-Identität zuzulegen, bedeutet ja auch immer, den Menschen, die tatsächlich unter den hier bloß vorgetäuschten Bedingungen leben, das Wort zu entziehen. (Ein Beispiel hierfür ist der britische Blogger, der sich als lesbische Syrerin ausgab.) Ich selbst habe auch unangenehme Erfahrungen mit einem männlichen Blogger gemacht, der sich als junge Frau ausgibt und mir in dieser Rolle Mails über männliche Anmache geschrieben hat. Das habe ich als verletzend und übergriffig empfunden.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Ich veröffentliche vieles zu schnell. Dann möchte ich manche Formulierung später wieder zurücknehmen oder ändern (Was ich auch ungeniert und ungekennzeichnet tue. Ich habe da keine Hemmungen). Die Schnelligkeit ist aber für mich auch wichtig. Wenn ich etwas zu lange „zurückhalte“, lasse ich es fallen: Ich vernachlässige es, ich vergesse es, ich beginne, es vor mir selbst niederzumachen. Mich schützt die tägliche Veröffentlichung somit vor der permanenten Vernichtung der eigenen Schreibprodukte, wie ich es früher dauernd getan habe: Alles in die Tonne geschmissen. Jetzt steht´s im Netz und verpflichtet mich, daran weiter zu arbeiten. Wenigsten manchmal.

Schwierig finde ich vor allem Beleidigungen unter Kommentatoren. Ich musste da einiges an Lehrgeld zahlen. Zum Beispiel lernen, dass es unsinnig ist, weiter mit Menschen zu kommunizieren, die nur kränken wollen. Ich glaube, dass ein Blogger genauso wie jemand im richtigen Leben auf Dauer seine Persönlichkeit nicht verstecken kann. Es kommt heraus, „wo jemand steht“ und welchen Habitus jemand hat. Ich kann besser mit inhaltlichen Differenzen umgehen als mit einem überheblichen, beleidigenden oder belehrenden Ton. Obwohl auch dabei natürlich irrationale Elemente hineinspielen: Jemandem, den man sympathisch findet, verzeiht man eher, als jemandem, der ohnehin nicht sehr anziehend wirkt. Das traurigste Erlebnis war die Kränkung einer Freundin durch einen befreundeten Blogger in einem Kommentarstrang. Sie fühlte sich von mir nicht hinreichend unterstützt und es kam zum Bruch. Das tut mir immer noch leid.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Menschen im „Real Life“ kennenzulernen, mit denen ich übers Bloggen bekannt wurde: z.B. Alban Nikolai HerbstPhyllis KiehlGuido Rohm, Iris, Antje Schrupp, Claudia Kilian, Hartmut Abendschein, Helmut Schulz, den Kommentator Dr. NO, der sich auf den litblogs.-net-Blogs häufig zu literarischen Themen äußert, und die Korrespondenz mit Bloggern wie Dietmar Hillebrandt, dem Bücherblogger, oder Markus Hediger in Brasilien, die ich beide auch sehr gerne einmal persönlich kennenlernen möchte.

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Ich nehme das in der Regel nicht an, weil ich mich dann doch verpflichtet fühle, über das Buch zu schreiben. Da ich nur Empfehlungen schreiben möchte, könnte das ein Problem werden. Wenn ein Buch mich nicht überzeugt, will ich auch darüber schweigen können. Daher verzichte ich in der Regel auf Rezensionsexemplare.

Und wie würdest du damit umgehen, wenn dir Self Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Ich habe da keine Vorbehalte. Das ist auch schon vorgekommen. Es ist ähnlich wie oben. Ich kaufe lieber, weil ich mich dann in meiner Entscheidung freier fühle, ob ich darüber schreiben will.

Wie hältst du es mit dem eBook?

Siehe oben. Ich habe einen Kindle. Und ich bin begeistert. Kein Staub und keine Schlepperei.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Alban Nikolai Herbst Die Dschungel. Anderswelt, Phyllis Kiehls Tainted Talents, Iris Blütenblätter, Andreas Louis Seyerlein und Hartmut Abendscheins taberna kritika. Der Hartmut Abendschein sollte in dieser Gesprächs-Reihe auf jeden Fall zu Wort kommen. Denn er ist der Herausgeber (zusammen mit Christiane Zintzen) von litblogs.net und steht damit im Zentrum des literarischen Bloggens in deutscher Sprache  🙂

Danke sehr, Melusine. Auch für deine wunderbaren Empfehlungen und den tollen Vorschlag, Hartmut Abendschein hier zum Gespräch zu bitten.

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Zuletzt stellte sich Mareike Fallwickl aka Bücherwurm Mariki mit  Bücherwurmloch vor. Ihre Wunsch-Interviewpartnerin war die Klappentexterin. Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier