„Wie der Westbuchhandel funktioniert, das haben wir uns selbst erarbeitet.“ Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Das Vorhaben, das Wissen über den Buchhandel in der DDR aufzufrischen, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Heike Wenige erinnert sich heute an die Zeit nach dem Fall der Mauer. Im ersten Teil des Gesprächs haben wir uns über ihre Erfahrungen im volkseigenen Buchhandel ab 1986 unterhalten.

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Mauerfall im November 1989, Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion im Juni 1990, deutsche Einheit am 3. Oktober 1990. Wie erinnerst du dich an diese turbulenten Monate?

Heike Wenige © Marco Borrmann

Heike Wenige © Marco Borrmann

Emotional gesehen bekomme ich noch immer eine Gänsehaut, auch dann, wenn Fernsehbeiträge an die Ereignisse erinnern… Was ich genau gemacht habe, das weiß ich nicht mehr. Im Juni 1990 zur Währungsunion war ich in Berlin. Ich bin mit dem Fahrrad durch die nicht mehr geteilte Stadt gefahren – das war superspannend. Auch Roger Waters legendäres Konzert „ The Wall“ habe ich in Berlin am Potsdamer Platz erlebt. Den 3. Oktober feierten wir im Freundeskreis im Freiberger Studentenclub „berauschend“. Überhaupt war diese Zeit berauschend, unwirklich. Ein Leben zwischen Nichts und Allem, eine emotionale Überforderung. In der Buchhandlung begann zunächst eine eher traurige Zeit. Zu DDR-Zeiten wurde Geld ja in Bücher angelegt. Das Konsumverhalten änderte sich nach dem Mauerfall radikal. Die Möglichkeiten, Geld auszugeben, waren nun um ein Vielfaches größer und reizvoller.

Welche Hoffnungen hattest du für dein Land? Welches waren deine größten Sorgen?

Die Hoffnung war ein Leben in Demokratie. Mit Reise- und Meinungsfreiheit. Dass auch gewisse materielle Wünsche in Erfüllung gehen konnten. Die größte Sorge war der Ausverkauf der DDR, der ja ziemlich schnell gelungen ist. Es war traurig mitanzusehen, wie DDR-Produkte verschwanden und durch Westprodukte ersetzt wurden. Ja, auch im Buchhandel.

Im März 1990 wurde die Treuhandanstalt gegründet, deren Aufgabe es war, die volkseigenen Betriebe zu privatisieren. Im Zuge dessen wurde der Volksbuchhandel abgewickelt, die Buchbetriebe in den damals noch existierenden 15 Bezirken in Gesellschaften umgewandelt. Für Euch war damals die „Buch-Tour Buchhandels- und Reisevermittlungsgesellschaft“ mit Sitz in Karl-Marx-Stadt zuständig. Wie hast du die erste Phase der Privatisierung in deinem Betrieb erlebt?

Zugegebenermaßen mit Befremden. Wir sollten plötzlich auch noch Reisen verkaufen, da die „Buch-Tour“ zum 1. Juli 1990 eine Reisevermittlung mit ins Programm genommen hatte. Von der Abwicklung der GmbH selbst habe ich wenig mitbekommen. Hatte anderes im Kopf. Ich musste lernen, wie der Westbuchhandel funktioniert, der ja so anders funktionierte als der Ostbuchhandel. Von heute auf morgen war alles anders. Sämtliche Abläufe und Strukturen. – Das Wasser war nicht nur kalt, sondern auch tief.

Die „Buch-Tour Buchhandels- und Reisevermittlungsgesellschaft“ verschwand alsbald wieder vom Markt. Hatte die Auflösung Auswirkungen auf Euren Betrieb?

Glücklicherweise hatte unsere Leiterin beschlossen, die „Akademische Buchhandlung“ zu kaufen. – Eine Option, die nach Querelen zwischen der „Buch-Tour“ GmbH und der Treuhand Chemnitz infolge einer Intervention seitens des Börsenvereins ab März 1991 plötzlich für alle Buchhandlungen im Bezirk offen stand. Ich bekam einen neuen Arbeitsvertrag, den ich allerdings sogleich kündigte, um im darauffolgenden Jahr in die Chemnitzer Universitätsbuchhandlung zu wechseln, die meine Freundin Wenke Helmboldt übernommen hatte und bis heute leitet.

Wie kam Barbara Hackels Entscheidung, die Freiberger Fachbuchhandlung in die Selbstständigkeit zu führen, in Eurem Arbeitskollektiv an?

Das war eine kluge und gute Entscheidung von ihr. Welche Hoffnungen sie daran geknüpft hat, weiß ich nicht. Vermutlich hatte ihre Entscheidung auch damit zu tun, „frei“ sein zu wollen, was unter der „Buch-Tour“ GmbH mit ihrer damaligen Geschäftsführerin Monika Lang so nicht möglich gewesen wäre.

Das dürfte keine einfache Zeit für Euch gewesen sein …

Von den schwierigen Hintergründen habe ich damals so gut wie nichts mitbekommen. Die Probleme im Betrieb wurden nicht mehr wie zu DDR-Zeiten während der Frühstücksrunden besprochen.

Habt Ihr in dieser Phase Unterstützung von außen erhalten?

Finanzielle Unterstützungen gab es reichlich. Von der sächsischen Aufbaubank und den Fördermitteln konnte ich ja sogar noch 1994 profitieren, als ich mich selbständig gemacht habe. Auch das Arbeitsamt förderte damals noch in anderem Umfang als heute.

Nach der Wende war der Hunger nach Lesestoff groß, der zu DDR-Zeiten verboten oder nur schwer zugänglich war. Die Geschäfte im Buchhandel florierten. Kannst du dich erinnern, was damals bei Euch besonders stark nachgefragt wurde?

Ja natürlich, obwohl die Verunsicherung unter uns Sortimentsbuchhändlern immens war. Ich erinnere mich, dass ich damals mit der Belletristik-Verantwortlichen hart diskutiert habe, weil sie nicht bereit gewesen ist, beim Verlag fünf Exemplare von George Orwells „Farm der Tiere“ auf einen Schlag einzukaufen. Obwohl ich dafür nahezu täglich Bestellungen entgegennahm. Sie wurden dann über das Barsortiment abgewickelt. Belletristik wurde vorsichtig eingekauft, zumindest bei uns. Andere Buchhandlungen hielten das damals anders. Über so manches Schicksal im Zuge der Wende sprechen wir heute noch. Andere Warengruppen als Belletristik bedienten wir reichlich. Ich erinnere mich noch an Berge von Bussibär-Büchern, die ständig nachgeordert werden mussten. So mancher westdeutsche Verlag konnte sich am Ostbuchhandel sanieren. Pestalozzi zum Beispiel. Plötzlich lag der Laden mit Billigbüchern voll.

Magst du etwas über diese Wende-Schicksale sagen?

Da gibt es viel zu erzählen. Trauriges und Heiteres. Geschichten von Gewinnern und Verlieren, auch über Wichtigtuer und Beutelschneider – und natürlich viel über die Anpassungsschwierigkeiten, die wir hatten. Manche Buchhandlung hielt zum Beispiel in der Hoffnung, überhaupt bestückt zu werden, an der alten Gewohnheit fest, bei LKG höhere Stückzahlen zu ordern als gebraucht wurden. Das galt damals insbesondere für die Belletristik, die vielfach sehr großzügig geordert wurde. Vermessen wurden 200 Exemplare bestellt. Man blieb darauf sitzen. Für manchen Buchladen bedeutete das das Aus … Größenwahnsinnig war ein Buchhändler, der damals sehr populär gewesen ist. Er lud Verlagsvertreter zu einem Flug mit dem Hubschrauber ein. Die Maschine stürzte ab und riss alle Insassen in den Tod.

Um Westtiteln Platz zu machen, haben viele Buchhandlungen nach der Währungs- und Wirtschaftsunion ihre DDR-Bestände leer geräumt. Wie war das bei Euch?

Meiner Erinnerung nach haben wir ebenfalls ausgeräumt und umgeräumt. Unser Lagerkeller war voll. Das wurde dann abgewickelt. Auf welchem Weg weiß ich nicht.

Die Umstellung auf neue Wirtschafts- und Sozialstrukturen war sicherlich kein Zuckerschlecken. Was bereitete dir besonderes Kopfzerbrechen?

Die Sozialstrukturen änderten sich langsam, fast unmerklich. Man wuchs in die „schöne, neue Welt“ hinein. Alte Freunde gingen, neue Freunde kamen. Stasigeschichten wurden ein großes Thema … Gefühlt passierte jeden Tag etwas Neues, im Kleinen wie im Großen. Die Ereignisse rauschten vorbei. Es war kaum Zeit, alles wirklich zu verarbeiten beziehungsweise darüber nachdenken, um die Ereignisse und Entwicklungen einordnen zu können. Plötzlich hatte man auch existenzielle Sorgen. Beispielsweise wurde die private Miete zu einem bedeutenden Kostenfaktor. Damals wohnte ich illegal in einem Haus. Ich habe auch eine Menge von diesen miesen Immobilienschiebereien nach der Wende mitbekommen. – Das soziale Sicherheitsgefühl, dass jeder DDR-Bürger hatte, verschwand. Aber irgendwie war alles doch auch von einem großartigen Glücksgefühl getragen.

Hilfestellung für Sortimenter kam vom Börsenverein und vor allem von Barsortimenten und Verlagsauslieferungen. Konntet Ihr davon profitieren? Wie waren Eure Erfahrungen?

Wie schon gesagt, man wurde hineingeworfen und musste selbst schauen, wie es und was geht. Gelesen habe ich im Nachhinein, dass damals vom Börsenverein für die Sortimenter Hilfestellung gekommen sei. Ich selbst bekam davon nichts mit. Unterstützt wurden in der Hauptsache wohl die neuen Inhaber.

Wie der Westbuchhandel funktioniert, das haben wir uns selbst erarbeitet. Die Barsortimente waren dabei eine große Hilfe. Mit der Privatisierung kam KNO, die Koch, Neff & Oetinger Verlagsauslieferung, ins Haus. An die Stuttgarter habe ich durchweg positive Erinnerungen. Und zwar nicht nur wegen der Einladungen in die schwäbische Hauptstadt, die KNO damals an alle Volksbuchhändler aussprach.

Welche Standards, die der volkseigene Buchhandel gesetzt hat, würden deines Erachtens dem Buchhandel heute gut tun?

Schlicht gesagt- es ging damals um das Buch an sich! Um Inhalte. Wie man das bestmöglich präsentiert, das trieb uns damals um. Nicht etwa die besten Konditionen oder die günstigsten Bezugswege. Zu DDR-Zeiten brauchte man sich den Kopf nicht über Bestellbündelungen, Mindestbestellmengen, Verlagsauslieferungen, Vertreterkonditionen und vieles andere zu zerbrechen. Damals konnte man sich mit dem Produkt an sich beschäftigen. Das klappt im heutigen Buchhändleralltag nicht mehr so leicht.

Würdest du vom Literaturbetrieb, so wie du ihn in der DDR kennengelernt hast, etwas auf den hiesigen Betrieb übertragen wollen?

Ja in erster Linie – das Buch als Kulturgut! Dann muss es diesem Anspruch allerdings auch gerecht werden. Und die Diskussionen über Bücher, die damals auf einem anderen Niveau geführt wurden, würden uns auch gut tun. „Zwischen den Zeilen lesen können“ – diese Fähigkeit scheint überflüssig geworden zu sein. Es geht fast ausschließlich um die Befindlichkeiten des Rezensenten, die an einem Buch festgemacht werden. Das langweilt mich über die Maßen.

Was stößt dir im Vergleich zur DDR beim heutigen Buchmarkt auf? Was schätzt du besonders?

Ich habe die Wahl, was ich in meinem Sortiment führe. Obwohl auch das nicht immer einfach ist. Im Gegensatz zu den DDR-Zeiten muss der selbständige Buchhändler wirtschaftlicher denken und sich dabei in einem gewissen Maß auch „verbiegen“. Eine Gratwanderung, die ich im Griff habe. Über zu viel Buch mag ich hier gar nicht klagen, klage ich nicht mehr. Das scheint ein unlösbares Problem zu sein …

Im September 2015 wird der Deutsche Buchhandlungspreis erstmals vergeben. Dein Taschenbuchladen ist unter den Nominierten. Meinst du, dass deine Erfahrungen aus dem volkseigenen Buchhandel auch Teil deines Erfolgskonzeptes sind?

Nein. – Das Engagement kommt aus meiner/unserer ureigenen Liebe zum guten gedruckten Wort und dem Bedürfnis, dies allen Interessierten weiterzugeben.

Würdest du dich heute erneut für den Beruf des Buchhändlers entscheiden?

Ja!

Heike, tausend Dank. Ich denke, das Thema wird uns beide weiterhin umtreiben.

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Heike Wenige (geb. 1969) wurde nach einer buchhändlerischen Lehre 1986 – 1988 von ihrem Ausbildungsbetrieb, der „Akademischen Buchhandlung für Montanwissenschaften“ in Freiberg, übernommen. Nach der Vereinigung führte Barbara Hackel, die den Buchladen seit 1972 leitete, den ehemals volkseigenen Betrieb in die Selbstständigkeit. 1992 wechselte Heike Wenige von dort nach Chemnitz in den Buchladen einer Freundin. 1994 kehrte sie nach Freiberg zurück, wo sie im November ihren Taschenbuchladen eröffnete.

Ich würde mich freuen, wenn sich weitere Zeitzeugen einfänden, um das eine und andere aus der eigenen Erfahrung zurechtzurücken und/oder Lücken zu schließen.

„Wir waren doch keine Dealer!“ Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Nach Sommerpause, Sommerflaute und Sommerhitze geht es hier mit dem Vorhaben weiter, auf den Buchhandel in der DDR zurückzuschauen. Im Unterschied zu den DDR-Verlagen fand er ja im Rahmen der zeithistorischen Forschung bislang wenig Beachtung. Dietrich Löffler, der sich mit dem Funktions- und Strukturwandel des Buchhandels der DDR beschäftigt hat, hält es aufgrund der Quellenlage sogar für möglich, dass sich die Vorgänge heute nur noch über Berichte von ehemaligen Mitarbeitern rekonstruieren lassen.

Meinen hier publizierten Versuch, die Bedingungen des sozialistischen Literaturvertriebs und den Strukturwandel des ostdeutschen Buchhandels infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Die besagte Skizze – auf magerer Quellenlage entstanden – mag hierbei vielleicht einige Denkanstöße bieten.

… ich wollte einfach Erinnerungen provozieren. Die meisten unserer Erinnerungen liegen ja versteckt und sind nicht willentlich heraufzubeschwören; es bedarf eines Anstoßes von außen, einer bestimmten Geste, eines bestimmten Wortes, eines bestimmten Bildes, um sie ins Bewusstsein heraufzuholen. (Franz Fühmann, Böhmen am Meer)

Mein Dank gilt allen, mit denen ich mich bislang habe austauschen dürfen. Ab sofort werde ich die Gespräche in loser Folge dokumentieren. Den Anfang macht die ehemalige Volksbuchhändlerin Heike Wenige, die sich zum Vorhaben selbst bereits zu Wort gemeldet hat. Heute erinnert sie sich an ihre Lehrjahre im volkseigenen Buchhandel ab 1986. Teil 2 unseres Gesprächs dreht sich um ihre Erfahrungen nach der Wende.

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Heike, warum wolltest du Buchhändlerin werden?

Das ist nach 27 Berufsjahren mittlerweile eine schwer zu beantwortende Frage… Damals wollte ich das wirklich sehr gerne. Ich komme aus einer Buchhändler- und Antiquariatsfamilie, das prägte die Liebe zum geschriebenen Wort, zum Buch.

Den praktischen Teil deiner Ausbildung hast du in der „Akademischen Buchhandlung für Montanwissenschaften“ im sächsischen Freiberg absolviert. War das dein Wunschbetrieb?

Den Ausbildungsbetrieb legte der Volksbuchhandel fest, da gab es nicht viel zu wünschen. Als jugendlicher Leser war ich eher in der anderen Buchhandlung meiner Stadt Stammgast, das war aber auch örtlich bedingt. Ich habe mich damals sehr über die Zusage gefreut. Lehrstellen im Buchhandel waren damals rar. Meiner Erinnerung nach gab es im gesamten Bezirk Karl-Marx-Stadt im Jahr 1986 nur zehn davon.

Wo bist du während deiner Lehre zur Schule gegangen?

Die theoretische Ausbildung fand in Leipzig an der Buchhändlerschule statt. Sie unterstand damals dem Direktor Härtling. Unsere Klasse besuchten Lehrlinge aus den Bezirken Karl-Marx-Stadt, Dresden und Leipzig. Genauso wie heute wurde im Block unterrichtet. Zu meiner Zeit ging es dort schon ziemlich liberal zu.

Was war in Leipzig anders als in deinem Ausbildungsbetrieb?

Heike Wenige © Marco Borrmann

Heike Wenige © Marco Borrmann

Die Zeit in Leipzig unterschied sich wesentlich von der praktischen Ausbildung in Freiberg. Man hatte sehr viel mehr freie Zeit zur Verfügung, da die Schule jeden Tag um ein Uhr aus war. Untergebracht waren wir in einer schönen, aber sehr baufälligen Villa in Gohlis. Wir lebten das typische Mädcheninternatsleben, wie viele andere auch. Aber Leipzig bot uns eben eine ganze Menge – vor allem Theater (wir bekamen die Eintrittskarten vergünstigt), Kino, Oper, Museen… Unsere „Ausgangszeiten“ wurden bis zur letzten Minute ausgeschöpft. Eine wunderbare Zeit!

Gab es etwas, woran du als Lehrling besonders Anstoß genommen hast?

Eigentlich nicht. Außer den Schließzeiten des Internats vielleicht, fällt mir nichts Schwerwiegendes ein. Die Lehrzeit fiel mir sehr leicht. Neben den geforderten Buchbesprechungen, Hausarbeiten und dem Lernen der Fachtermini musste ich nicht allzu viel machen.

Auf was wurde während deiner Ausbildung besonders großen Wert gelegt?

Etwas, was ich heute sehr vermisse – umfassende Allgemeinbildung, die uns hauptsächlich in der theoretischen Ausbildung vermittelt wurde. In der Praxis war es unter anderem auch sehr wichtig, dass man Autorenkenntnisse und literarisches Wissen hatte und sich bei den Verlagsprofilen auskannte. Es gab auch einen sozialistischen Berufswettbewerb unter den Lehrlingen. Dieser Wettbewerb wurde nach den Benotungen und der Anzahl der angefertigten Buchbesprechungen entschieden. So kam man vierteljährlich zu einer Prämie ohne viel Aufheben dafür machen zu müssen.

Welchen Anteil hatte die Staatsbürgerkunde im Rahmen deiner Ausbildung?

In der Praxis gar nicht. Und in der Theorie wurde eigentlich nur Stoff vermittelt, der aus der allgemeinbildenden Polytechnischen Oberschule sowieso schon bekannt war. Wie ich hier schon einmal gesagt habe: 1986 waren in der DDR andere politische Zeiten angebrochen.

Was war während deiner Lehrzeit buchhändlerische Pflichtlektüre?

Ich habe nachschauen müssen: Pflichtlektüre im Sinne einer Literaturliste gab es nicht. Man musste Buchbesprechungen machen und die waren gemischt aus eigens gewählter Lektüre und solchen Büchern, die der Lehrausbilder aus dem aktuellen Sortiment für wichtig hielt. Diese Titel wurden unter anderem dann auch den Mitarbeitern im Ausbildungsbetrieb vorgestellt. Es gab einen Leseplan, der dem Lehrling, dem Ausbilder und der Schule eine gewisse Auswahl vorschrieb, das wurde aber eher großzügig gehandelt. Man musste beispielsweise sich je eine Neuerscheinung aus der Verlagen Neues Leben, Mitteldeutscher Verlag, Aufbau Verlag, Hinstorff und Verlag Volk und Welt auswählen und besprechen.

Welche Bedeutung hatten die „Ordnung für den Literaturbetrieb“ und das „Statut für den Volksbuchhändler“ in deinem buchhändlerischen Alltag?

Nominell waren die beiden Verordnungen während meiner Ausbildung und der sich daran anschließenden Tätigkeit in der „Akademischen Buchhhandlung“ bis zur Wende sicherlich von Bedeutung. Aber dass ich bewusst danach gehandelt hätte, daran kann ich mich nicht erinnern. Die „Ordnung für den Literaturbetrieb“ zumindest wurde in der theoretischen und praktischen Ausbildung ausführlich behandelt. An das „Statut für den Volksbuchhändler“ kann ich mich überhaupt nicht erinnern.

Kannst du bestätigen, dass der Volksbuchhandel eine erzieherische Funktion hatte und dementsprechend auch in der Pflicht stand, politisch genehme „Schwerpunkttitel“ an den Mann und die Frau zu bringen?

Zu meiner Zeit galt das wahrlich nicht mehr.

Nach der bestandenen Lehre hat dich dein Ausbildungsbetrieb übernommen. Warst du mit dieser Entscheidung glücklich?

Ja sehr! Die „Akademische Buchhandlung“ in Freiberg  war (und ist) eine sehr angesehene Buchhandlung und die Mitarbeiter sind zum Teil Freunde geworden, mit denen man auch die Freizeit verbrachte. Die Übernahme des Marxismus-Leninismus-Sortimentes war natürlich nicht mein Wunsch. Das war wohl eher dem Umstand geschuldet, dass die dafür Verantwortliche, die Mitglied der Partei war, entlassen wurde.

Waren zu deiner Zeit Schriften des Marxismus-Leninismus überhaupt noch gefragt?

Ich habe gerade unser riesiges Lager im Keller vor Augen, das mit all den roten Bänden gefüllt war. Nach meiner Lehre wurde es allerdings wieder spannend (zumindest für meinen damaligen studentischen Freundeskreis), sich diese Literatur zuzulegen…

Wichtig war die Planerfüllung. Aber auch der Umsatz von Parteiliteratur und Importbuch musste stimmen. Wie wurde in eurem Betrieb verfahren, wenn absehbar war, dass der Plan nicht erfüllt werden konnte?

Ganz einfach – die Parteigenossen wurden angeschrieben, dass die zugeteilte Literatur doch bitte abzuholen sei. Das kam offenbar einer Parteirüge nahe… Und der sonstige Plan wurde recht ähnlich erfüllt. Man schrieb Rechnungen, etwa an die Adresse der diversen Vertriebsmitarbeiter, die im Namen unserer Buchhandlung in Betrieben und anderen Einrichtungen Bücher verkauften.

Idealerweise waren leitende Stellen mit SED-Mitgliedern besetzt. Wie präsent war die Partei in deinem Betrieb?

In unserem Kollektiv gab es lediglich eine Mitarbeiterin, die der SED angehörte – und das war ziemlich unsichtbar. Meiner Erinnerung nach verließ sie die Frühstücksrunde immer dann, wenn die politische Diskussion zu heftig oder Unmut zu laut geäußert wurden.

Wie sah eure Zusammenarbeit mit der Bezirksdirektion des Volksbuchhandels aus? Und wie mit der Zentralen Leitung des Volksbuchhandels?

Dazu kann ich nichts sagen. Unsere Buchhandlungsleiterin informierte nur regelmäßig über Gespräche.

Habt ihr als Mitarbeiter diese Funktionäre überhaupt jemals zu Gesicht bekommen?

In der Buchhandlung nicht, aber zu offiziellen Terminen für die Lehrlinge schon.

Welche Titel waren während deiner Zeit besonders schwer zu beschaffen und welche lagerten wie Blei?

Ach, das kann man gar nicht so einfach beantworten, eigentlich gar nicht im Detail. Zum Beispiel waren Bücher von Christa Wolf und von Christoph Hein gefragt. Dafür lagen andere zeitgenössische Autoren im Laden, zu denen ich keine Namen mehr parat habe. Die „Edition Neue Texte“ aus dem Mitteldeutschen Verlag fällt mir in diesem Zusammenhang ein. Wobei es da auch manche Entdeckung gab.

Bückware. Gingen in eurem Betrieb auch Bücher unter der Ladentheke weg? Erinnerst du dich noch daran, was besonders begehrt war?

Begehrt war alles, was nicht im Laden stand! Unsere Chefin hatte einen Schrank in ihrem Büro, wo die begehrten Schätze lagerten. Angefangen vom Kinderbuch über das Kochbuch bis hin zu populären Autoren und bibliophilen Ausgaben. Nicht zu vergessen Importware, etwa vom Diogenes Verlag, die ebenfalls ausschließlich von der Chefin höchstpersönlich verteilt wurde.

Wie haben eure Kunden reagiert, wenn Wunschlektüre partout nicht lieferbar war?

Man lebte in einer Mangelwirtschaft und war es gewöhnt, nicht alles zu bekommen, was man wollte.

Wie lief das mit den Vorbestellungen?

Davon hatten wir dicke Stapel in der Buchhandlung. Unparteiisch ging es bei der Verteilung nicht immer zu. Da hieß es beispielsweise „Das ist mein Zahnarzt“ und „Das ist mein Fernsehmechaniker“. Oder „Da bekommen wir Eintrittskarten für…“, aber auch „Die hat jetzt das dritte Kind bekommen – die sollten wir bedenken“ oder „Der braucht das für sein Studium“. In unserem Wareneingangskeller gab es häufig viel zu Lachen. Und manches Mal war man einfach überglücklich, wenn das Zettelchen bedacht wurde, auf dem der eigene Namen stand, obwohl der Stapel der gelieferten Vorbestellungen arg klein war. Einmal habe ich vorsichtig nach einem Märchenbuch nachgefragt. Dafür bekam ich im Schuhladen dann die dringend benötigten Winterstiefel…

Das Buch war nicht nur eine begehrte Ware, sondern auch ein beliebtes Tauschobjekt. Hat das auch das Image des Buchhändlers beeinflusst?

Der Buchhändler galt zu DDR-Zeiten als Intellektueller, als ein politisch aufgeschlossenes Mitglied der Gesellschaft. – Nein, wir waren doch keine Dealer!!

Woran erinnerst du dich besonders gerne in dieser Phase zwischen 1986 – 1989?

An den fast täglichen Wandel, an offene Worte, an verbotene Meetings und Demonstrationen, an Plakate malen, an ein Miteinander.

Hat dich die Wende überrascht?

Nein.

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Heike Wenige (geb. 1969) wurde nach einer buchhändlerischen Lehre 1986 – 1988 von ihrem Ausbildungsbetrieb, der „Akademischen Buchhandlung für Montanwissenschaften“ in Freiberg, übernommen. Nach der Vereinigung führte Barbara Hackel, die den Buchladen seit 1972 leitete, den ehemals volkseigenen Betrieb in die Selbstständigkeit. 1992 wechselte Heike Wenige von dort nach Chemnitz in den Buchladen einer Freundin. 1994 kehrte sie nach Freiberg zurück, wo sie im November ihren Taschenbuchladen eröffnete.

Ich würde mich freuen, wenn sich weitere Zeitzeugen einfänden, um das eine und andere aus der eigenen Erfahrung zurechtzurücken und/oder Lücken zu schließen.

„Das zu bewahren, ist eine wunderbare und nötige Idee.“ – Im Gespräch mit der ehemaligen Volksbuchhändlerin Heike Wenige

Heike Wenige (geb. 1969) wurde nach einer buchhändlerischen Lehre 1986 – 1988 von ihrem Ausbildungsbetrieb, der „Akademischen Buchhandlung für Montanwissenschaften“ in Freiberg, übernommen. Geleitet wurde der volkseigene Betrieb, in dem Heike die M-L-Literatur und das Kinderbuch verantwortete, seit 1972 von Barbara Hackel, die den Betrieb mit ehemals 18 Mitarbeitern und zwei Lehrlingen nach der Privatisierung in Eigenregie weitergeführt hat. Heike wechselte 1992 nach Chemnitz in die Buchhandlung einer Freundin. 1994 kehrte sie zurück nach Freiberg, wo sie im November ihren Taschenbuchladen eröffnet hat.

 Wie hat mein Versuch auf dich gewirkt, die Geschichte des DDR-Buchhandels zu rekonstruieren?

Ich als Volksbuchhändler finde das natürlich super spannend, das war auch mein erster Gedanke. Der zweite war, wie viele Volksbuchhändler findet man denn noch? Und die Skizzen zum Buchhandel in der DDR zu lesen war dann doch irgendwie schmerzhaft….

Warum sollte uns die Geschichte des DDR-Buchhandels überhaupt noch beschäftigen?

Heike Wenige © Marco Borrmann

Heike Wenige © Marco Borrmann

Und das fand ich dann eben sehr wichtig; dass sich jemand so mit diesem Thema auseinandersetzen möchte, Erinnerungsansätze schafft, wo andere die Lücken füllen können und was sich zu einem Gesamtbild, besser einem Erinnerungsbild des Volksbuchhandels entwickeln kann … Das gehört zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte unbedingt dazu und meines Wissens hat sich da noch keiner so an dieses Thema herangewagt. Außer den beiden Publikationen von Börner/Härtner „Im Leseland“ und „Das Monopol“ von Jürgen Petry ist mir nichts bekannt. Und diese beiden Bücher erklären nur einen Teil des Ganzen, die Führungsebenen bzw. den LKG. Die Buchhändler, die im Laden standen können ganz andere Geschichten erzählen… Das zu bewahren, ist eine wunderbare und nötige Idee.

Sicherlich wirft meine Skizze mehr Fragen auf als sie Antworten geben kann. Wo hast du besonders viele Fragezeichen gesetzt?

Da ich ja eher ein Küken unter den DDR-Buchhändlern bin ist mir beispielsweise der Einfluss der SED auf die Buchproduktion im Gesamten gar nicht so bewusst gewesen damals. Das war für mich und meine Generation von Buchhändlern schon nicht mehr so spürbar.

Deine Erfahrungen im volkseigenen Buchhandel speisen sich aus den Jahren unmittelbar vor der Wende. Hattest du den Eindruck, dass sich gewisse Strukturen und Anforderungen die das Ziel hatten, Euren Alltag zu reglementierten, in Auflösung befanden?

Ja, unbedingt! Es war ja die Zeit von Glasnost und 1988 wurde der Sputnik verboten … Politisches/gesellschaftliches Geschehen wurde freiweg in der Frühstücksrunde diskutiert. Das war unglaublich spannend. Von Reglementierungen habe ich eben nichts gespürt. Ich musste als Lehrling ja nicht mal mehr ein FDJ-Hemd zur Demonstration am 1. Mai anziehen.

Welche Probleme haben dich als junge Buchhändlerin in der DDR besonders umgetrieben und was gab dir trotz aller Schwierigkeiten Antrieb?

Ich „durfte“ einen wunderbaren Beruf erlernen! Und wie schon gesagt, die gesellschaftlichen Probleme befanden sich gerade in öffentlicher Diskussion und in Auflösung. Unser „Kollektiv“ war so eine soziale Einheit. Auch die theoretische Ausbildung in Leipzig an der Buchhändlerschule war schon äußerst liberal geprägt. Naja und letzten Endes war ich schon ganz glücklich, wenn auch ich eines der begehrten Bücher bekommen habe.

Seit 1994 führst du dein eigenes Geschäft, den Taschenbuchladen im sächsischen Freiberg. Erfolgreich! Meinst du, dass deine Erfahrungen im volkseigenen Buchhandel auch Teil deines Erfolgsrezeptes sind? – Wenn ja, welche Standards und Erkenntnisse beziehst du heute noch in deine Arbeit ein?

Auf alle Fälle ist das literarische Wissen, auf das zu DDR-Zeiten und in unserer Ausbildung großer Wert gelegt wurde (anders als heute), eine wichtige Basis gewesen. Und in unserer Buchhandlung gab es damals schon einen hohen Standard im Umgang mit dem Kunden und den damals möglichen Serviceleistungen. Das prägt natürlich…

Gibt es etwas, was du aus der DDR gerne in die BRD „rübergerettet“ hättest?

Was meinen Beruf betrifft? Ja, vermisst hatte ich das kollektive Lesen. Zumeist haben wir ja alle das gleiche Buch gelesen und darüber debattiert. Da ging es noch wirklich um Inhalte und nicht um verkaufte Stückzahlen. Das Buch als Kulturgut, ja, darüber müsste man mal wieder lauter nachdenken.

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Zum Vorhaben:

Viel wissen wir über die Geschichte des DDR-Buchhandels nicht. Während das „Schicksal der DDR-Verlage“ verschiedentlich aufgearbeitet wurde (z.B. Christoph Links 2009), wurde die Entwicklung im Buchhandel noch kaum betrachtet. Wie sah der berufliche Alltag für Sortimenter in der DDR eigentlich aus? Wie haben Buchhändler die Wende und die Wiedervereinigung erlebt?

Dietrich Löffler, der sich mit dem Funktions- und Strukturwandel des Buchhandels in der DDR beschäftigt hat, meint aufgrund der Quellenlage sogar, dass sich die Vorgänge heute nur noch über Berichte von ehemaligen Mitarbeitern rekonstruieren lassen. Hier möchte eine Initiative auf SteglitzMind ansetzen. Gesucht werden Zeitzeugen, die ihre Erfahrungen einbringen.

„Bis auf wenige Ausnahmen hat doch keiner der großen Verlage mehr ein eigenes Profil.“ – SteglitzMind stellt Heike Wenige vom Freiberger „Taschenbuchladen“ vor

Sind Buchhändler tatsächlich die Verlierer der Digitalisierung? Wie gehen sie mit den Schreckensszenarien um? Wo sehen sie Risiken, wo Chancen und welche Weichen stellen sie, um zukunftsfähig zu bleiben? Wie halten sie es mit dem E-Book und wären Titel von Self Publishern für sie eine Option? Diese u.a. Aspekte will die Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” beleuchten, in der Interviewpartner in loser Folge standardisierte Fragen beantworten.

Welche Buchmenschen und Buchhandlungen wir zukünftig etwas näher kennenlernen, schlagen zum einen jene vor, die mir Rede und Antwort stehen. Darüber hinaus freue ich mich auf Empfehlungen von Euch, wer hier ebenfalls zu Wort kommen sollte. Und, bitte sehr, vermerkt Eure Vorschläge hier (nebst Link zur Buchhandlung); und nicht etwa auf diversen anderen Kanälen im Social Web. Danke sehr! Im Übrigen freue ich mich auch über Gastbeiträge: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen?

Heike Wenige vom Taschenbuchladen, der im sächsischen Freiberg ansässig ist, lief mir in einem angesagten sozialen Netzwerk über den Weg. Zu meiner Freude fackelte sie nicht lange, als ich sie bat, hier mitzutun.

Eine Skizze vom Laden …

Im November 1994 tatsächlich als Taschenbuchladen eröffnet, aber schon alsbald umstrukturiert  und die literarische Nische in Freiberg (Klein- aber Universitätsstadt) besetzt. Der Name ist geblieben, weil wir eine Institution in Freiberg sind und mittlerweile 1A-Lage.

Warum sind Sie Buchhändlerin geworden?

Ich wollte das mit 15 tatsächlich gerne werden. Damals sollte man sich schon festlegen. Lehrstellen waren rar. Und ich stamme auch aus einer Buchhändler- und Antiquarfamilie (also Großvater und die Großonkels), weswegen es in unserer Familie schon immer viele Bücher gab. Das prägt.

Würden Sie sich unter heutigen Bedingungen abermals für diesen Beruf entscheiden?

Schwere Frage, aber ich sage mal JA!

Was hat sich in den vergangenen Jahren in Ihrem beruflichen Alltag verändert?

Heike Wenige  © privat

Heike Wenige © privat

Nun, wir sind aufmerksamer geworden: Wir beobachten genauer, was im Laden passiert, was in all den Medien besprochen wird, wonach gefragt wird und werten schneller aus, ob es für unseren Laden relevant sein könnte. Seltsam auch, dass man im Gespräch wieder damit werben muss, dass man ein Buch von heute auf morgen besorgen kann – wir hielten das ja immerzu für selbstverständlich….

Die Devise heißt ja: Buchhandel go online! Was unternehmen Sie in dieser Richtung?

Wir haben seit 15 Jahren eine Internetseite mit eigenem Shop (damals noch mein „Hobby“) und fühlen uns den Anforderungen gut gewachsen. Mittlerweile ist es ein wichtiges Instrument und auch Facebook bringt uns tatsächlich wieder junge Menschen in den Laden.

Das Sterben der Buchläden ist allgegenwärtig. Wo verorten Sie für Ihre Buchhandlung die größten Gefahren?

Wenn wir so weiter arbeiten können, wie wir arbeiten, sehe ich keine Gefahr. Individualität und Service sind wichtig, und das pflegen wir jeden Tag. Wir sind Mitglied von Buy Local und tragen diese Botschaft wärmstens an unsere Kunden heran und haben damit Erfolg. Sogar die Kindereinrichtungen und Schulen, die wir unterstützen, haben diese Zusammenhänge mittlerweile erkannt und reagieren.

Wie halten Sie es mit dem E-Book?

Wir bieten Ebooks über unsere Internetseite an, bewerben dieses auch, verhalten uns aber ansonsten eher zurückhaltend. Ebook- Diskussionen führen wir selten. Aber wir sind aussagefähig, wenn sich jemand dafür interessiert.

Wäre das eine Option für Sie, auch Titel von Self Publishern anzubieten?

das Logo  © Taschenbuchladen

das Logo © Taschenbuchladen

Zumeist bekommen wir die Bücher regionaler Autoren angeboten und die haben auch Platz bei uns.

Wie verkauft man heutzutage Bücher?

Na, mit einem Lächeln im Gesicht und der eigenen Freude, genau das richtige für den Kunden gefunden zu haben bzw., dass der Kunde im Laden selbst das richtige gefunden hat. Das erfordert nicht nur Bücherkenntnis, sondern auch Menschenkenntnis. Wir bieten nichts Besonderes, außer die umfangreichen Serviceleistungen, die selbstverständlich sein sollten, auch, wenn meist nur 50 Cent  übrig bleiben. Unsere Erfahrungen bestätigen einfach, dass Bemühungen nachhaltig sind.

Und unsere Lokalzeitung hat mal geschrieben, dass wir „Autoren zum Anfassen“ bieten. Unsere zahlreichen großen und kleinen Lesungen im Jahr werden geschätzt und ich pflege sogar seit 6 Jahren einen Lyriksalon, zudem  mittlerweile 50 bis 60 Menschen kommen. Ja, um sich Lyrik anzuhören…

Im Gespräch zu bleiben ist sehr wichtig. Und das gelingt in einer Kleinstadt vielleicht sogar noch besser.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, die Ihnen Verlage erfüllen… Welche wären das?

Dürfen es auch mehr sein??

Aber ja, doch…

Gerade aktuell: Verlagsvorschauen sollten mehr Arbeitsmittel sein und den Buchhändler nicht mit den üblichen Superlativen und mehrseitigen Einzeltitelankündigungen quälen, man hat doch auf der ersten Seite schon begriffen, wie wichtig das Buch für den Verlag sein könnte.

Der Wunsch aller Buchhändler nach weniger Neuerscheinungen verhallt leider im Nichts. Dementsprechend austauschbar sind ja auch die Programme geworden. Bis auf wenige Ausnahmen hat doch keiner der großen Verlage mehr ein eigenes Profil. Erfolgreiche Titel werden nicht nur inhaltlich kopiert, die Buchcovergestaltung ist schon lange austauschbar und gleichförmig geworden.

hereinspaziert !  © Taschenbuchladen

hereinspaziert ! © Taschenbuchladen

Mich stören tatsächlich auch die eigenen Shops auf den Homepages der Verlage. Warum wird hier nicht an den örtlichen Buchhandel verwiesen? Über die Zahlen im Direktvertrieb wird gar nicht gesprochen. Kein Wunder, dass der einzelne Sortimentsbuchhändler immer weniger Unterstützung durch die Verlage erfährt, warum sollte der Verlag das auch tun, wenn er es selber verkaufen kann und mehr verdient. Da kann man sich das auch leisten, ein Taschenbuch für 9,90 Euro versandkostenfrei zu liefern.

Vertreter sind uns wichtig. Als Bindeglied zwischen Verlag und Buchhändler leisten diese eine wichtige und unersetzliche Arbeit. Den Verlagsvorschauen mit den unklaren Titelankündigungen wie „Ein neuer Irving“ oder „Der neue Weltbestseller“ und kein anständiger Text dazu kann man selten trauen. Und zum Vertreter sollte man so ein Verhältnis haben, dass die Kommunikation stimmt, der Vertreter den Laden kennt und unabhängig und individuell trotz Umsatzvorgaben seitens des Verlages beraten kann. Das kann telefonische Betreuung nicht leisten.

Und was würden Sie sich vom Börsenverein für den deutschen Buchhandel wünschen?

Mitgliedernähe fällt mir ein. Wenn ich den Stand es Börsenvereins auf den Buchmessen sehe, fühle ich mich als Einzelbuchhändler ausgeschlossen in der Masse der schwarzen Anzüge. Und mit Nähe meine ich in allen Dingen: Transparenz, weniger elitäres Getue, Einsatz für den Buchhändler und die Preisbindung, bezahlbare Seminare… Die Aktion „Vorsicht Buch“ ist für uns eine große Enttäuschung. Meine Kundschaft versteht nicht, warum sie Angst vor einem Buch haben sollte…

Was treibt Sie in der literarischen Szene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Ratlosigkeit im Neuerscheinungsdschungel… Es wird uns so schwer gemacht, gute Belletristik zu finden – aber wir finden sie!

Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen?

Profan gesagt, um ein Buch zu kaufen, was man vielleicht gar nicht suchte, es aber trotzdem großartig findet. Die Buchhandlung ist nicht nur geistiger Ort in einer Stadt, sondern auch Kommunikationspunkt, Wohlfühlort und kultureller Botschafter…

Welche anderen Buchhandlungen empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Da kenne ich welche, weiß aber nicht, ob die auch möchten… Zum Beispiel Holger Brandstädt von der Friedrich-Wagner-Buchhandlung in Ueckermünde oder Wenke Helmboldt von der Buchhandlung Universitas in Chemnitz.

Herzlichen Dank. Und womöglich fragen Sie einfach bei in Frage kommenden Kollegen nach, ob sie womöglich mögen wollen…

Mache ich…

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Fünf Fragen vom Börsenblatt für den deutschen Buchhandel zur Gesprächsreihe mit Buchhändler/innen beantworte ich hier

Zu Wort gekommen sind bislang:

Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung in Stuttgart/Vaihingen

Edda Braun mit ihrer Buchhandlung am Turm in Ochsenfurt

Samy Wiltschek von der Kulturbuchhandlung Jastram in Ulm

Margarete Haimberger mit ihrer Schröersche Buchhandlung in Berlin/Schöneberg

Sonja Lehmann vom Bücherwurm Borken im Nordhessischen

Martina Bergmann mit der Buchhandlung Frau Bergmann in Borgholzhausen

Thomas Calliebe mit seiner Buchhandlung Calliebe in Groß-Gerau

Mila Becker mit Mila Becker Buch & Präsent in Voerde

Trix Niederhauser aus der Schweiz von der Buchhandlung am Kronenplatz in Burgdorf/Emmental

Simone Dalbert von der der Buchhandlung Schöningh in Würzburg

Klaus Kowalke von der Stadtteilbuchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V. in Chemnitz

Beate Laufer-Johannes von der der BücherInsel in Frauenaurach bei Erlangen

Petra Hartlieb von der Wiener Buchhandlung Hartliebs Bücher

Nicole Jünger aka Kata Butterblume vom Buchladen am Neuen Markt in Meckenheim

Jörg Braunsdorf von der Berliner Tucholsky-Buchhandlung

Stefanie Diez und ihre Buchhandlung Die Insel im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg

Britta Beecken von der Berliner Buchkantine