„Was ist ein Buch ohne Leser?“ SteglitzMind fragt bei Enno Arkona nach (Teil 2)

Im ersten Teil unseres Gespräches haben wir über den Stoff, den geschichtlichen Hintergrund gesprochen und was Enno Arkona geritten hat, daraus den historischen Krimi „Die Humanistenverschwörung“ zu stricken. Heute geht es um seine Erfahrungen als Selfpublisher und was ihn bisher davon abgehalten hat, seinen Krimi aktiv zu bewerben.

Ohne die rasanten Entwicklungen im Bereich Selfpublishing wäre Ihr Manuskript womöglich in der Schublade liegengeblieben?

Enno Arkona © Jannette Kneisel

Schwer zu sagen. Für mich war die Entwicklung ein Glücksfall. Die Veränderungen kamen genau zum richtigen Zeitpunkt.

Haben Sie jemals damit geliebäugelt, Ihren historischen Krimi bei einem klassischen Verlag unterzubringen?

Ja, klar. Bei den einschlägigen Agenturen habe ich es ja versucht. Zwei von denen hatten Interesse. Eine hat ein Gutachten erstellt, das war für mich ein echter Meilenstein. Überlange Sätze, zu viel Latein, unwichtige Details über Bücher. Weg mit dem Bildungskram. Stattdessen Nebenfiguren ausbauen, die zu kurz kommen, den Handelsgehilfen, die Großmutter. Es war ein bisschen so, als würden sie mir vorschlagen, es vollständig umzuschreiben und „Die Wanderhumanistin“ zu nennen.

Das haben Sie abgelehnt?

Sagen wir, ich konnte mich nicht entscheiden. Wenn ich hätte sicher sein können, dass das klappt, hätte ich es gemacht. Aber in diesen Dingen gibt es keine Garantie. Selbst mit kompletter Neuausrichtung hätte ich ja noch lange keinen Vertrag in der Tasche gehabt. So hat der Text ein paar Jahre lang in der Schublade gelegen. Als ich ihn dann wieder hervorgeholt habe, 2013, war auf dem Buchmarkt etwas in Bewegung geraten.

Dienstleister für Selbstverleger sind inzwischen zahlreich. Warum haben Sie – vom Korrektorat bis zu Umbruch und Cover – alles in eigene Hände genommen?

Das hatte ich so überhaupt nicht vor. Eigentlich wollte ich alles machen lassen: Korrektorat, Cover, Buchsatz, Ebook-Konvertierung, Website zum Buch. Nur das Lektorat war mir zu teuer, das hätte einige tausend Euro gekostet. Dass ich mich dann Stück für Stück fürs Selbermachen entschieden habe, hatte im Wesentlichen zwei Gründe. Erstens, nicht alle professionellen Dienstleistungen sind tatsächlich gut, selbst wenn sie eine Menge Geld kosten. Eine Erfahrung, die jeder irgendwann mal macht. Ich habe sie beim Cover gemacht. Zweitens: Selbermachen kann ziemlich interessant sein. Es hat mich zum Beispiel sehr interessiert, ein Buch selbst zu setzen. Als Büchermensch lerne ich gerne etwas darüber, wie Bücher hergestellt werden. Das hat auch einfach Spaß gemacht.

Ein Buch zu schreiben ist das Eine; die andere Hürde ist dessen Herstellung. Was hat Sie dabei besonders viel Energie und Zeit gekostet?

das selbstgemachte Cover

Das Cover. Wie schon angedeutet, die erste Version habe ich mir von einem Profi machen lassen. Das Ergebnis hat mir überhaupt nicht gefallen. Also habe ich mich selber drangesetzt. Davon wird aus guten Gründen immer abgeraten. Wenn man nicht gerade Designer ist, sollte man die Finger davon lassen. Ich bin kein Designer. Bei den Motiven konnte ich zwar auf wirklich geniale Vorlagen zurückgreifen, auf Dürers Bilder, und ich habe eine Ewigkeit herumgetüftelt. Meine Ergebnisse waren, naja, ganz nett. Für die erste Version des Buchs war das dann ok. Die war ja praktisch nur im Bekanntenkreis unterwegs. Aber am Ende wollte ich doch lieber ein professionelles Cover haben.

Warum fahren Sie mit E-Book und dem gedruckten Buch zweigleisig?

Warum sollte ich es denn nicht tun? Ich bin froh, dass das inzwischen ohne weiteres möglich ist. Als Leser habe ich auch gern die Wahl. Manchmal kaufe ich sogar beides.

Den Druck hat BoD übernommen. Warum haben Sie sich für diesen Dienstleister entschieden?

Die meisten Anbieter hatte ich nach und nach abgehakt, Create Space, Ruckzuckbuch, Tredition usw. Am Ende waren Epubli und BoD übrig. Epubli wäre mir eigentlich lieber gewesen. Die sind in Berlin ansässig, nicht so groß und unpersönlich wie BoD, und auch die vertragliche Seite fand ich in ein paar Punkten besser. Aber zu dem Zeitpunkt, als ich mich entscheiden musste, konnte Epubli bei Amazon nur als Marketplace-Anbieter auftreten. Sprich: drei Euro Versandkosten zusätzlich zum Ladenpreis, im deutschen Buchhandel ein Unding. Das wollte ich nicht. BoD hatte einfach die Nase vorn, was die Reichweite im Buchhandel anging.

Wie zufrieden sind Sie mit der Zusammenarbeit?

Die ist ok. Letztens hatte ich eine Frage, habe angerufen, eine freundliche Auskunft bekommen und die Sache war geklärt.

Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?

In ein paar Detailfragen. Beispielsweise bei der Limitierung der Seitenzahl auf 700.

Mancher mag sich fragen, warum „Die Humanistenverschwörung“ in zwei Bänden vorliegt …

Dafür gab es mehrere Gründe. Einer war die erwähnte 700-Seiten-Grenze bei BoD. Natürlich hätte ich die 750 Seiten auch auf 700 herunterbrechen können. Aber der Lesekomfort hätte darunter gelitten. Und von wegen Lesekomfort: Einen dickleibigen Roman stundenlang in der Hand halten, das ist doch eine Zumutung. Zwei Bände à 380 Seiten sind sehr viel handlicher.

Krönender Abschluss Ihres Langzeitprojektes war bisher der Druck. Was hält Sie davon ab, den Titel aktiv zu vermarkten?

Die Erfolgsaussichten. Ich bin skeptisch, was die Vermarktungschancen für einen selbstpublizierten historischen Krimi angeht. Wenn ich ein ausgesprochenes Marketing-Talent wäre, dann hätte ich längst losgelegt. Bin ich aber leider nicht.

Leser und Reaktionen würden Sie Ihrem Buch aber dennoch wünschen?

Was ist ein Buch ohne Leser? Natürlich.

Rezensionsexemplare können bei Ihnen angefragt werden?

Natürlich.

Sie führen zum Buch ein Blog. Facebook, Twitter, Instagram, Youtube & Co bespielen Sie nicht. Warum halten Sie sich von diesen Kanälen fern?

Es klingt jetzt vielleicht etwas beckmesserisch, wenn ich darauf hinweise, dass die Website zu meinem Buch kein Blog ist. Aber es gibt da einen Zusammenhang zu Ihrer Frage. Bei statischen Seiten erwartet niemand, dass ich regelmäßig neue Artikel poste. Bei einem Blog schon. Das war mir zu zeitaufwendig, deshalb habe ich die Blogfunktion schon nach wenigen Wochen abgestellt. Der Zeitaufwand ist auch der Hauptgrund dafür, dass ich die Social-Media-Kanäle nicht bediene. Das ist ja kein Selbstläufer. Um da was zu erreichen, hätte ich vor gefühlt zehn Jahren anfangen müssen, Kontakte zu knüpfen. Man muss regelmäßig neuen Content bieten, und natürlich die Kontakte pflegen. Man muss herausfinden, welche Kanäle überhaupt geeignet sind, um die eigene Zielgruppe anzusprechen. Alles keine Dinge, die man mal so nebenbei macht. Um da tatsächlich etwas zu erreichen, muss man sich schon einiges einfallen lassen. Hinzu kommt, dass ich meine Zielgruppe als nicht besonders Facebook-affin eingeschätzt habe. Ich will nicht ausschließen, dass ich mich in diesem Punkt geirrt habe. Aber für mich war die Devise immer: Lieber die Zeit ins Schreiben investieren, das ist nun mal das Wichtigste bei dem Projekt.

Was würden Sie nach Ihren bisherigen Erfahrungen mit dem Langzeitprojekt heute anders angehen?

Ich würde vorsichtiger damit sein, so ein Projekt anzufangen. Ich hatte das ja nicht als Langzeitprojekt geplant. Niemand plant sowas. Vielleicht wäre ein Kurzroman eine gute Idee …

Wo sehen Sie für Selfpublisher die größten Herausforderungen?

Das kann ich nicht so recht verallgemeinern. Die Szene ist zu heterogen. Die wahre Herausforderung ist am Ende dieselbe wie eh und je für alle Autoren: einen guten Text schreiben, den die Leute lesen wollen.

Herzlichen Dank, Enno Arkona. Wünschen wir Ihrer „Humanistenverschwörung“ Leser und Reaktionen; meine Empfehlung haben Sie jedenfalls.

 

 

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„Für mein Empfinden werden viele Sachen heute zu schnell geschrieben.“ – SteglitzMind fragt bei Enno Arkona nach

Neulich im Café. Enno Arkona, Historiker und Germanist, hat 20 Jahre an seinem historischen Krimi „Die Humanistenverschwörung“ gearbeitet. Kürzlich ließ er das Buch drucken. Er meint, ein Nischenprodukt. Wir kamen ins Gespräch.

Enno Arkona © Jannette Kneisel

Ihnen ist ein kurzweiliger, äußerst spannender Krimi gelungen, der die Zeit kurz vor der Reformation auf 750 Seiten lebendig werden lässt. Nach Nische klingt das nicht unbedingt…

Freut mich, wenn Sie das so sehen. Mit Nischenprodukt meine ich: Es ist ein historischer Roman, der ein bisschen querliegt zu den Erwartungen ans Genre. Ken-Follett-Fans kommen eher nicht auf ihre Kosten.

Das heißt konkret?

Nehmen wir das erste Kapitel. Die halbe Stadt ist unterwegs zu einem Hinrichtungsspektakel. Ein historischer Roman, der den Erwartungen entspricht, schildert natürlich dieses Spektakel. Mein Roman schildert die Gedanken von jemandem, der sich fragt, ob es die richtige Entscheidung war, zu der Hinrichtung nicht mitzugehen.

Wie besessen muss man sein, um sich 20 Jahre lang in einen Stoff zu verbeißen?

Die Frage würde ich anders stellen. Wie groß muss ein Stoff sein, wenn man sich 20 Jahre lang damit beschäftigt? Meiner war ziemlich groß: die Renaissance. Im Übrigen sind die 20 Jahre eine Übertreibung. Ich habe ja nicht ständig dran gesessen. Einige Jahre hat der Text einfach nur in der Schublade gelegen. Und noch was. Für mein Empfinden werden viele Sachen heute zu schnell geschrieben. Das sage ich als Leser. Dass ein guter Roman Zeit braucht, um zu wachsen, versteht sich doch eigentlich von selbst. Ein Krimi ist etwas extrem Konstruiertes. Als Leser will ich davon nichts merken. Der Plot, die Figuren, die Details, das alles soll gerade nicht konstruiert wirken. Das braucht dann eben seine Zeit. Da können ein paar Jahre zusammenkommen.

Warum mussten Sie ein Buch, besser gesagt: „Die Humanistenverschwörung“ schreiben?

Nürnberg © Enno Arkona

Das ist eine lange Geschichte. Mindestens 40 Jahre … Die Idee habe ich tatsächlich im Frühjahr 97 entwickelt. Damals war ich ein paar Monate arbeitslos. Ich wusste allerdings nicht, dass es nur ein paar Monate sein würden. Da zieht man schon mal Projekte zum Geldverdienen in Erwägung, die nicht wirklich dafür geeignet sind. Immerhin war mir klar, dass man mit einem Buch nur dann Geld verdient, wenn es auch Leute lesen wollen. Also Krimi. Krimi wird immer gelesen. Dass es ein historischer Krimi sein muss, war auch schnell klar. Ich war damals ein Fan der Falco-Romane von Lindsey Davis. Außerdem war Geschichte das Fach, das ich studiert hatte. Als arbeitsloser Mediziner hätte ich mir wahrscheinlich einen Pathologenkrimi ausgedacht.

Wie kamen Sie dann auf die Humanistenverschwörung?

Das war mehr Zufall. Eigentlich hätte mich die Zeit um 1800 mehr interessiert, schon von der Literatur her. Aber ich wollte es systematisch angehen und habe mir für meinen ersten Roman die Zeit um 1500 vorgenommen, Renaissance, Geburt der Neuzeit, Epochenwende. Das Jahr 1515 war dann reine Willkür. Ich habs einfach so entschieden, ohne Genaueres darüber zu wissen, was mich erwartet. Es hätte genauso gut 1516 sein können oder 1512. Andererseits gab es auch ein Element von Planung. Im Studium hatte ich mich ausführlich mit der Reformation beschäftigt, von Luther hatte ich genug. Was mir fehlte, war ein genaueres Bild der Zeit vor 1517. Wie hatte ich mir die Situation in den Jahren unmittelbar vor der Reformation vorzustellen? So bin ich dann mitten in der Humanistenverschwörung gelandet.

Anerkennung und Renommee als Autor – darum geht es Ihnen nicht?

Doch, doch. Aber ich dachte immer, das kommt irgendwann von selbst … Inzwischen habe ich eingesehen, von selbst kommt gar nichts. Schon gar nicht beim Selfpublishing. Um die Frage zu beantworten: Ich weiß nicht, wie wichtig mir das ist, Renommee als Autor. Ich bin immer noch dabei, es herauszufinden.

Lieber Buchhändler als Tuchhändler, denkt sich der Nürnberger Patrizier Jacob Teufel im Jahr 1515 – und bezahlt sein Vorhaben mit dem Leben. Der Mord und dessen Aufklärung sind frei erfunden, alles andere haben Sie akribisch recherchiert. Was reizt Sie an der wahren Geschichte so?

Albrecht Dürer, Melencolia I, 1514 (Detail). Quelle: Wikimedia Commons

Historische Romane leben von Details. Die hätte ich mir niemals alle so schön ausdenken können. Die wahren Geschichten sind einfach unschlagbar. Abgesehen davon habe ich selber am meisten davon gehabt, so viel zu recherchieren, mich in die Dürerforschung einzuarbeiten, in die Nürnberger Stadtgeschichte, in den Reuchlinstreit usw. Das war schon was anderes als im Studium. Eine Art Tiefenbohrung. Irgendwo muss man mal ins Detail gehen.

Sie haben Geschichte und Germanistik studiert. Beste Voraussetzungen, um einen historischen Stoff literarisch zu verarbeiten?

Nicht wirklich. Einen Stoff literarisch verarbeiten, kann sein, dass ein Germanistikstudium da nicht schadet. Aber eine gute Geschichte schreiben, das ist was anderes. Da ist die Germanistik eher hinderlich. Und vom Geschichtsstudium führt auch keine gerade Linie zum historischen Roman. Die Herangehensweise, die man da lernt, Quellenkritik, Hilfswissenschaften, das ist alles nützlich beim Recherchieren. Für das Schreiben eines Romans muss man das hinter sich lassen. Da braucht man anderes Handwerkszeug.

Was machte mehr Arbeit: Figuren zu erfinden, die erfundene Geschichten erleben? Oder die Lebenswelt dieser Figuren möglichst faktentreu zu rekonstruieren?

Beides ähnlich viel, sagen wir: 25 Prozent. Die restlichen 50 Prozent, ich fürchte, die werden gern unterschätzt. Die Arbeit am Text, an der einzelnen Seite, am einzelnen Satz. Das ist die Hauptarbeit.

„Der historische Roman ist erstens ein Roman und zweitens keine Historie“, so Alfred Döblin. Würden Sie dieser Aussage zustimmen?

Ja. Ein historischer Roman ist keine Geschichtsschreibung, er ist ein Roman. Ich würde noch ein bisschen weiter gehen. Ein historischer Roman hat den Vorzug, dass jeder weiß: Dies ist Fiktion. An Geschichtsschreibung geht man anders heran. Das Vertrauen in das, was da vermittelt wird, ist viel zu groß. Einem Sachbuch wird zu schnell geglaubt. Am schlimmsten sind in dieser Hinsicht Biografien. Letztens ist eine über Dürer erschienen, die war mehr Fiktion als mein Roman.

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Im zweiten Teil unseres Gespräches haben wir unter anderem Enno Arkonas bisherigen Erfahrungen als Selfpublisher behandelt und natürlich auch darüber sprechen, was ihn bislang davon abgehalten hat, seinen Krimi aktiv zu bewerben. – Wer mehr über den historischen Hintergrund der „Humanistenverschwörung“ wissen möchte, wird auf der Webseite zum Buch fündig.

„Ich habe viele Fehler gemacht, die meine Leser jetzt nicht mehr machen müssen.“ – Boris Langendorf über „Null Zins? Nein danke!“

Obwohl ich Boris Langendorf seit langem persönlich kenne und schätze, überraschte mich diese Entscheidung: Seinen Ratgeber für Börseneinsteiger „Null Zins? Nein danke!“ publizierte er bei einem BOD-Verlag. Anlass genug, ihm einige Fragen zu stellen.

Auf Ihrer Autorenseite fällt der Satz „etiam si omnes – ego non“ ins Auge. Was verbinden Sie damit?

Das Prinzip, das eigene Denken zu bewahren und nicht einfach im Mainstream mitzuschwimmen.

Als Diplom-Kaufmann und Wirtschaftsjournalist haben Sie sich vier Jahrzehnte für den Buchmarkt stark gemacht. Warum wenden Sie sich mit Ihrem Ratgeber jetzt einer anderen Öffentlichkeit zu?

mit Langendorf im Gespräch © Sabine Münch

mit Langendorf im Gespräch © Sabine Münch

In einem zweiten Leben war und bin ich seit 1987 privater Kleinanleger, und nach dem Verkauf von „Langendorfs Dienst“ habe ich die große Chance gesehen, meine dabei gemachten Erfahrungen anderen zur Verfügung zu stellen. Ich habe viele Fehler gemacht, die meine Leser jetzt nicht mehr machen müssen, und dennoch eine Rendite erzielt, von der das Sparbuch nur träumen kann.

Auf Rendite scharf sein ist ja vielen verdächtig…

Vor dem Hintergrund der sich öffnenden Rentenlücke bei gleichzeitigen Nullzinsen ist die private Absicherung mit rentierlicher Geldanlage für jeden eine brennende Frage, die nicht mit Emotionen zu lösen ist.

Als langjähriger Beobachter und Begleiter der Buchbranche sollte es Ihnen eigentlich leicht gefallen sein, einen klassischen Verlag für Ihre Publikation zu gewinnen?

Nicht wirklich. Die Fachverlage haben alle einen Ratgeber für Börseneinsteiger und wollen ihre etablierten Autoren nicht verärgern (und dabei hatte ich immer gedacht, sie wollten Geld verdienen). Ich habe auch einige Publikumsverlage kontaktiert, aber denen war ein braves Einsteigerbuch, wenn sie sich schon für das Thema Börse hergeben, nicht reißerisch genug. Das Manuskript haben aber alle gelobt.

Was hat Sie schlussendlich bewogen, ein Selfpublisher zu werden?

Ein wesentlicher Vorteil ist die Schnelligkeit. Gerade Informationen zur Geldanlage sind, anders als etwa ein lustiger Roman, leicht verderbliche Ware, und wenn die Arbeit fertig ist, soll sie auch gleich raus und nicht erst bis zum Frühjahrsprogramm warten. Wichtig ist auch, dass ich die Publikation ganz unter der eigenen Kontrolle habe: je nachdem, wie schnell und gut Rückkopplungen aus dem Leserkreis kommen, kann ich jederzeit mit einer Neuauflage reagieren.

Gegen Indie-Autoren bestehen gewisse Vorbehalte. Wie stehen Sie dazu?

Die sind sicher in vielen Fällen berechtigt. In anderen eben nicht. Das ist wie im richtigen Leben.

Dienstleister fürs Selfpublishing gibt es inzwischen reichlich. Warum haben Sie sich für BoD entschieden?

BoD erschien mir vom gesamten Auftreten als seriöser und erfolgversprechender Partner. Dahinter steht Libri, ein vertriebsstarkes Unternehmen, das es bestimmt auch bei meinen nächsten Buchprojekten noch gibt. Und in Gesprächen mit Buchhändlerinnen habe ich festgestellt, dass BoD auch dort einen guten Ruf hat.

Andere Anbieter wie etwa Create Space von Amazon, epubli oder tredition waren für Sie nie eine Option?

Doch, ich habe sie mir auf der Frankfurter Buchmesse alle angesehen. Es gab keinen, den ich für mich ausgeschlossen hätte, aber dann muss man sich auch mal entscheiden.

Welche verlegerischen Dienstleistungen nimmt Ihnen BoD ab?

Produktion, ISBN, Pressemeldung mit Rezensionsversand, Auftritt auf der eigenen Seite. Vieles wie Lektorat, Korrektorat, Covergestaltung ist zubuchbar.

Wie zufrieden sind Sie bisher mit der Zusammenarbeit?

Gut und fair.

Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?

Null ZinsBis jetzt noch nirgends, aber das Buch ist ja erst dieser Tage erschienen. Die Frage kann ich ernsthaft erst beantworten, wenn das Projekt richtig etabliert ist.

Worauf sollte man bei der Zusammenarbeit mit Selfpublishing-Dienstleister besonders Acht geben?

Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells und Vertriebsstärke.

Mit einem E-Book und einem gedruckten Buch fahren Sie zweigleisig. Warum das?

Weshalb sollte ich mit meiner Botschaft nicht alle Lesegewohnheiten und -vorlieben bedienen?

Bekanntlich tut sich der Buchhandel mit Publikationen von Selfpublishern eher schwer… „Langendorfs Dienst“, den Matthias Koeffler im vergangenen Jahr übernommen hat, haben Sie 2002 aus der Taufe gehoben, um den unabhängigen Buchhandel im Wettbewerb zu unterstützen. Dankt Ihnen der Buchhandel das jetzt, indem er „Null Zins? Nein danke!“ ins Sortiment aufnimmt?

Ich erwarte nicht, dass der Buchhandel dies aus Dankbarkeit oder gar aus Mitleid tut, sondern weil „Nullzins? Nein danke!“ ein Problem lösen hilft, das sehr vielen Buchhandelskunden bald unter den Nägeln brennen wird und vielleicht auch dem einen oder anderen Buchhändler selbst. Da erwarte ich aber nicht, dass das Sortiment von selbst darauf kommt, das muss ich kommunizieren.

Ihr Buch ist auch bei Amazon erhältlich…

So spielt das Leben. Das gilt im Übrigen meines Wissens für alle anderen Bücher auch. Ich habe das Buch geschrieben, um die Menschen vor den Zinsfalle zu bewahren und nicht als Aktion gegen Amazon.

Der Zwang zum Selbstmarketing gilt heute für nahezu alle Autoren. Was werden Sie tun, um Ihren Ratgeber für Börseneinsteiger bekannt zu machen?

Die Branchenöffentlichkeit suchen, so oft es geht, und auch die Endkunden. Die so genannten Sozialen Medien bieten dafür heute Möglichkeiten, von denen frühere Autorengenerationen nicht zu träumen wagten. Welche davon die effektivsten sind, das wäre vielleicht auch mal ein interessantes Buchthema.

Es heißt ja, dass der Umstand, dass Autoren nicht mehr auf Verlage angewiesen sind, erhebliche Folgen für den Buchmarkt und -handel haben werden. Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung ein?

Diese Frage überzeichnet etwas. Schließlich ist BoD ja auch ein Verlag, dessen Dienste ich gern in Anspruch nehme und die ich keineswegs auch noch selbst leisten will.

Könnte es sein, dass Independent Publikationen den klassischen Gatekeepern à la longue den Rang ablaufen?

Niemals. Es wird sich ein Gleichgewicht einstellen zwischen der Produktion klassischer Verlage und der Produktion marktrelevanter (nur um die geht es) Selfpublisher. Mit sich steigernder Offenheit und Servicebereitschaft gegenüber Autoren können klassische Verlage ihren Marktanteil in diesem neuen Gleichgewichtszustand hoch halten.

Und nun – zur wichtigsten Frage: In Ihrem Ratgeber geben Sie Ihre in fast 30 Jahren gewachsene Erfahrung als Kleinanleger weiter. Gesetzt den Fall, ich hätte 1.000 Euro übrig. Zu welcher Anlage würden Sie mir aktuell raten?

Da kann ich nur raten zu warten, bis Sie die fünf- bis zehnfache Summe übrig haben und dann mit der Investition in drei schön langweilige Qualitätsaktien zu starten.

Danke, Boris Langendorf. Ich erlaube mir, gelegentlich nachzuhaken, wenn sich das Projekt dann etabliert hat.

„Mir imponiert sehr, wie freundlich die Community von LovelyBooks mit Neuautoren umgeht.“ SteglitzMind fragt bei Gabriele Schmid nach

Bei Gabriele Schmid habe ich nachgehakt, weil die Autorin eine erstaunliche Entwicklung nahm, die ohne die Umwälzungen auf dem Buchmarkt so schwerlich möglich gewesen wäre. Der erste Teil unseres Gespräches drehte sich um Schreibschulen und Autoren-Coaching, dann ging es um ihre Erfahrungen als Newcomerin, die den Eigenverlag PCSbooks ins Leben gerufen hat. Heute will ich von ihr wissen, was sie dafür tut, um als Autorin Fuß zu fassen.

Der Zwang zum Selbst-Marketing gilt heute für alle Autoren. Was tun Sie, um Ihre Bücher bekannt zu machen?

Werbung (lacht). Spaß beiseite: Ich versuche regelmäßig jeden zweiten Tag bei Facebook zu posten, halte meine Homepage so aktuell wie möglich und habe seit neuestem einen Blog, der aber erst noch seine Anhänger finden muss. Ansonsten versuche ich bei Veranstaltungen in meiner Heimatgemeinde präsent zu sein. Zum Beispiel darf ich am kommenden Freitag, den 11. Juli, gemeinsam mit Joanne St. Lucas zum zweiten Mal im Froggy in Münchingen lesen. Eine weitere Lesung bei den Landfrauen in Münchingen ist bereits für Dezember geplant.

Welche Aktivitäten kamen besonders gut an?

Lesung im Froggy © Nicole Geck

Lesung im Froggy © OOOGrafik

Die Lesungen sind gut besucht. Wobei wir hier nur von kleinen Veranstaltungen sprechen, nicht von Sälen, die ich fülle. Aber die Resonanz ist toll.

Und was floppte?

Erfolglos waren meine Bemühungen, bei einer der regionalen Zeitungen einen Bericht über mich und meine Bücher unterzubringen. Da kam nicht einmal eine Rückmeldung.

Im Social Web setzen Sie auf Facebook. Sie pflegen eine Autorenseite, eine PCSbooks-Seite und für Ihre Publikationen Fanseiten. Was versprechen Sie sich von den unterschiedlichen Auftritten?

Anfangs schwebte mir vor, mit meiner Fanseite für „Gleichklang“ auch Menschen erreichen zu können, die mit Hämophilie irgendwie verbunden sind.

Der Bluterkrankheit ihres Sohnes, die im Roman ja auch eine Rolle spielt…

Ja. Leider ist mir das bisher nicht gelungen. Gleiches gilt für meine Kurzromane, die im fiktiven Örtchen Mittsingen spielen. Auch hierfür hätte ich gerne eine eigene kleine Fangemeinde gewonnen. Letztlich ist es aber so, dass immer dieselben Leute meine Seiten besuchen. Das meiste läuft wohl über meine eigene Chronik, die ich ursprünglich gar nicht pflegen wollte und anfangs dementsprechend vernachlässigt habe.

Was kommt bei Facebook besser an: Ihre Autorenpräsenz oder die Fanseiten?

Meine Autorenpräsenz, obwohl ich alle meine Seiten gezielt bespiele.

Worauf achten Sie bei Ihrer Kommunikation im Web besonders?

Das Privatleben bleibt außen vor. Fotos nur von mir, keine von meiner Familie. Das ist absolut tabu!

Wo verorten Sie im Social Web besondere Risiken?

Das „Ausgeliefert-Sein“ fürchte ich am meisten. Man hört ja immer wieder von verbalen Angriffen. Menschen, die einem nicht wohlgesonnen sind, oder Neider. Das lässt sich im Netz schon gar nicht steuern.

Marketing übers Pricing ist im Selfpublishing-Bereich eine gängige Methode, um Publikationen „an den Mann“ zu bringen. Anfang Mai lief eine Preisaktion für die E-Bookversion von „Gleichklang“, Mitte Juni gab es eine Mittsingen-Sonder-E-Book-Edition für 0,99 Cent. Rechnen sich solche Aktionen?

Auf jeden Fall! Die Verkaufszahlen sprechen für sich. Durch die vermehrten Verkäufe rutscht man im Ranking nach oben und man ist in den Bestenlisten präsenter.

Was halten Sie von Kostenlos-Aktionen?

Davon halte ich gar nichts. Es ist harte Arbeit, ein gutes Buch zu schreiben und herauszubringen. Das kann es nicht für umsonst geben.

Es hat sich inzwischen eingebürgert, Testleser ins Boot zu holen…

der Stadtplan  © PCSbooks

der Stadtplan © PCSbooks

Das halte ich ebenso. Sobald ein Manuskript erstmals lesereif ist, geht es an mindestens fünf Testleser, die nur lesen. Obwohl es keine Profis sind, kommen von ihnen wertvolle Rückmeldungen, die in meine Überarbeitungen einfließen. Und sie haben tolle Ideen. Als ich die Mittsingen-Reihe „Aus Träumen werden Geschichten“ entwickelte, machte eine Testleserin zum Beispiel den famosen Vorschlag, dass ich eine Karte von Mittsingen entwerfen sollte. Gesagt – getan. Mithilfe eines jungen Bekannten entstand der Stadtplan von Mittsingen, der von Band zu Band ergänzt wird.

Wie rekrutieren Sie Ihre Testleser?

Die Ersten habe ich direkt angesprochen. Inzwischen kommen Menschen auf mich zu, um sich als Testleser anzubieten.

Was hat ein Testleser davon, wenn er Ihre Manuskripte kritisch unter die Lupe nimmt?

Spaß (lacht). Nach Erscheinen erhält jeder ein handsigniertes Exemplar des entsprechenden Buches.

Leserunden bei der Holtzbrinck-Community LovelyBooks sind bei Autoren und Lesern ausgesprochen beliebt. Wie waren Ihre Erfahrungen, als Sie „Gleichklang“ und die Mittsingen-Kurzromane auf Deutschlands beliebtester Social-Reading-Plattform vorgestellt haben?

Zunächst war ich sehr überrascht, dass so viele meinen Debütroman lesen wollten. Es kam zu einer regelrechten Rangelei um die Freiexemplare von „Gleichklang“. Riesig gefreut habe ich mich über die durchweg positiven Rezensionen und schließlich auch darüber, dass die ersten beiden Bände meiner Mittsingen-Kurzromanreihe „Herbststürme“ und „Sternschnuppen-Regen“ ebenso gut aufgenommen wurden wie der Liebesroman „Gleichklang“. Mir imponiert sehr, wie freundlich die Community von LovelyBooks mit Neuautoren umgeht und vor allem wie ausgereift und detailliert die einzelnen Rezensionen sind. Man erkennt auf Anhieb, dass die Leser nicht nur eine starke Affinität zu Büchern, sondern auch Ahnung davon haben.

Es gibt aber sehr wohl auch schwarze Schafe…

Ja, leider gibt es die auch, die Bücher zwar kassieren, aber nie eine Rückmeldung oder Rezension posten. Ich achte inzwischen sehr sorgfältig darauf, ob die jeweiligen Interessenten auch Rezensionen anfertigen. Sollte dem nicht so sein, fällt die betreffende Person aus meinem Lostopf raus.

Haben Sie infolge der Leserunde auch Bücher verkauft?

Bezüglich „Gleichklang“ kann ich darauf leider keine Antwort geben, da ich die Verkaufszahlen bislang nicht kenne. Was meine Kurzromane anbetrifft, sind in diesem Zeitraum kaum mehr verkauft worden. Was die Verkaufszahlen generell anbetrifft, da beobachte ich ein Phänomen: Geht ein Buch weg, dann folgen in den nächsten Tagen viele nach. Geht ein paar Tage nichts, dann steigt der Verkauf prompt wieder an, wenn das Erste gekauft wurde. Die Verkaufszahlen, meine Mittsingen-Reihe betreffend, kann ich schmunzelnd als Wellenbewegungen bezeichnen. Aber, damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich bin hoch zufrieden!

 Vielfach wird ja behauptet, dass die Beschäftigung mit Büchern im Internet substanzlos ist. Bücher werden gelikt, gerankt oder allenfalls in stümperhaften Rezensionen wiedergegeben, die vielfach nicht mehr sind als der Klappentext. Wie sehen Sie das?

Meine Erfahrungen mit der Community von LovelyBooks bestätigen das nicht. Die Rezensionen zu meinen Büchern sind allesamt detailliert und urteilssicher. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass abgeschrieben wird. Auch nicht von einander. Zu meinen Leserunden, die durchweg gut besucht waren, wurden ebenfalls kompetente Beiträge beigesteuert.

Herzlichen Dank, dass Sie mir so ausführlich Rede und Antwort standen. Viel Erfolg mit PCSbooks und Glück auf bei den Projekten, die Sie derzeit gemeinsam mit Ulrike Dietmann und Lea Korte angehen.

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In der losen Interview-Reihe “Steglitz fragt … bei Autoren nach” standen bereits Rede und Antwort:  Jando, Petra van Cronenburg, Petra Röder, Nicole Sowade aka Miss Januar, Jan-Uwe Fitz aka Vergraemer, die Sachbuch-Autorin Sonya Winterberg, der Berner Shooting-Star Patric Marino, Wilhelm Ruprecht Frieling, im Social Web als Prinz Rupi bekannt, der Selfpublisher Michael Meisheit und der Lyriker Jost Renner. –  Stets geht es darum, wie die befragten Autoren die Entwicklungen infolge der Digitalisierung einschätzen, welche neuen Wege sie nutzen und wo sie Chancen und Risiken sehen.

„Entweder es passt oder es passt nicht.“ Buchblogger vs. Selfpublisher?

Ein Aufreger besonderer Art auf SteglitzMind war der Beitrag Lieber buchaffiner Blogger, wie hältst du es mit Selbst-Verlegtem?, der am 9. November 2012 erschienen ist. Darin zu lesen waren 15 Statements von Bloggern und Bloggerinnen, die auf die Frage Antwort gaben: Wie würdest du damit umgehen, wenn dir Selfpublisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Von Stimmungsmache gegen selbstverlegende Autoren konnte keine Rede sein. Herausgekommen ist ein ausgewogenes Meinungsbild: Die befragten Blogger stehen Publikationen von Selfpublishern zwar kritisch, aber nicht generell ablehnend gegenüber. So sie Rezensionsexemplare abwinken – was sie häufig tun, hängt das mit dem Selbstverständnis des jeweiligen Bloggers zusammen, der seine Unabhängigkeit schätzt und großen Wert auf selbstbestimmte Lektüre legt. Man will sich nicht in die Pflicht nehmen lassen. Und zwar gilt das für Publikationen von Selfpublishern und Rezensionsangeboten aus klassischen Verlagen gleichermaßen. Hier machen die Blogger keinen Unterschied. Einig waren sie sich auch dahingehend, dass Selfpublisher und Verlagsautoren durch Qualität überzeugen müssen.

Erstaunt hat mich so manche Reaktion, die der Beitrag hervorrief. Fast könnte man meinen, dass die Fronten zwischen Buchbloggern und Selfpublishern verhärtet sind:

Übrigens weiß ich nicht, ob ich bei diesem Beitrag und einigen Kommentaren heulen oder lachen soll. […].Ich habe den Eindruck, dass viele, die nun wirklich vorurteilsbeladen Self Publishing von vornherein als Trash klassifizieren, sich einfach nicht wirklich auszukennen scheinen.

Schade eigentlich, dass es da so viele Vorurteile gibt, denn ich denke immer, es kommt darauf an was in dem Buch drin steht und nicht welcher Verlagsnamen, bei denen man auch schummeln kann, draufsteht …

Was wirklich fehlt ist der Respekt vor Amateuren, auch im textlichen Bereich …

Zur meiner Irritation trug vergangene Woche des Weiteren der Artikel „Self-Publishing. Der YouTube-Literaturbetrieb“ von Jan Fischer bei, der bei ZEIT online erschienen ist. Zwar kommt dem Verfasser zweifellos das Verdienst zu, mit dem Thema Selfpublishing einen Gegenstand aufgegriffen zu haben, den die klassischen Medien lieber meiden. Allerdings kolportiert der Beitrag die Behauptung, dass „viele deutsche Blogger, die sich mit Rezensionen von Neuerscheinungen befassen“, Büchern von Selfpublishern „ablehnend gegenüber“ stünden. Dass sich die Aussage direkt auf den SteglitzMind-Blogpost vom 9. November 2012 bezog, verwunderte mich doch sehr.

denk mal um © GvP

denk mal um © GvP

Wo steht dort geschrieben, dass viele Buchblogger Indie-Publikationen keinen Respekt zollen, ihnen gar ablehnend gegenüberstehen? Wurde gar das Fazit des Beitrags übersehen, in dem zu lesen steht, dass Blogger keine Unterschiede machen und von Autoren – egal ob Indie-, Hybrid- oder Verlagsautor – in erster Linie Qualität einfordern. Warum fiel mein Versuch, ein differenziertes Stimmungsbild wiederzugeben, pauschalisierenden Schlussfolgerungen anheim? Neigt man in der Eile des Gefechts dazu, das Kind mit dem Bade auszuschütten?

Da mir daran gelegen ist, die Sachlage zu objektivieren, freue ich mich, heute mit 15 Stellungnahmen zur Frage nachziehen zu können: Wie würdest du damit umgehen, wenn dir Selfpublisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Ich habe da keine Vorbehalte. Das ist auch schon vorgekommen. Es ist ähnlich wie oben [bei Verlagen oder Dienstleistern]. Ich kaufe lieber, weil ich mich dann in meiner Entscheidung freier fühle, ob ich darüber schreiben will. Jutta S. Piveckova aka Melusine Barby, Gleisbauarbeiten

Es kommt ganz darauf an, ob mich das Werk interessiert. Aber grundsätzlich sehe ich mich derzeit nicht als Rezensentin. Nur wenn mich etwas so begeistert oder empört, dass ich andere daran teilhaben lassen möchte, dann mache ich darauf aufmerksam. @Anousch, Anousch

Ähnlich [wie bei Verlagen oder Dienstleistern: Ich schau mir immer genau den Inhalt an, ob es mich interessieren könnte. Wenn nicht antworte ich höflich, dass es einfach nicht meinen Geschmack trifft.] Entweder es passt oder eben nicht. Bücherliebhaberin, glasperlenspiel13

Vermutlich ebenso wie ich es im Fall von Verlagen und Autoren tun würde. [Ich wähle sehr bedacht aus und greife meist nur bei mir bekannten Autoren zu oder auch bei einem Verlag, deren Programm sehr viele Übereinstimmungen mit meinem Lesegeschmack hat. Rezensionsexemplare bedeuten immer die Verpflichtung, zeitnah eine entsprechend ausführliche Rezension zum Gelesenen online zu stellen – die möchte ich gerne erfüllen und mich zugleich nicht beim Lesen und Schreiben hetzen, weil sich Rezensionsexemplare bereits bei mir stapeln. Aus diesem Grund, und auch weil mir manche Titel nicht zugesagt haben, habe ich Rezensionsexemplare durchaus schon dankend abgelehnt. Zudem kommentiere ich im Gegensatz zu vielen anderen Bloggern auch nicht vorwiegend Neuerscheinungen.] Svenja, Syn-ästhetisch

Ich nehme sie an, wenn sie zu meinem Blog passen. Marcus Johanus mit Marcus Johanus‘ Blog

Das ist schon vorgekommen. Bisher hab ich die Angebote abgelehnt, weil es sich dabei um Krimis und eine Biografie handelte, die mein Interesse nicht wecken konnten. Mal sehen, wie ich handeln werde, wenn mir mal etwas gut Klingendes angeboten wird … Ob ich dann mein eigenes Vorurteil, beim Self Publishing könne ja nichts Gutes rauskommen, überwinden werde? Ich könnte es ja hiermit beschließen und der Sache eine Chance geben! Mareike Fallwickl, Bücherwurmloch

Wie bereits erwähnt, wähle ich mir meine Bücher selbst aus. Das hat nichts mit Überheblichkeit zu tun, sondern mit Freiheit, das zu lesen, was ich möchte – und die Zeit, in der ich das machen kann, ist eng begrenzt. So habe ich nur maximal zwei Stunden dafür am Tag Zeit dafür – außer an den Wochenenden oder im Urlaub. Ich möchte mich nur ungern von meiner Lesefreiheit trennen. Auf der anderen Seite sehe ich, wie schwieriger es für Schreibende wird, ihre Werke bei Verlagen unterzubringen. Simone Finkenwirth, Klappentexterin

Genau gleich wie bei den anderen Büchern: Ich reiche sie an das Team durch. Entscheidend ist, ob sich ein Rezensent dafür interessiert. Aber: es passiert in der Regel nicht … Oliver Gassner, Literaturwelt

Genauso, wie wir mit Rezensionsexemplaren von Verlagen umgehen. Wenn uns Genre, Titel und vor allem die Beschreibung ansprechen, würden wir das Buch auch lesen und rezensieren. Bislang ist das leider nicht vorgekommen, da meist entweder das Genre für uns nicht passte, oder der Inhalt nicht allzu attraktiv beschrieben war. Das wäre dann auch ein Tipp an alle Self Publisher: Jeder potenzielle Leser wird natürlich vom “Klappentext” auf den Inhalt und die Art und Weise, wie das Buch geschrieben ist, schließen. Dieser kurze Beschreibungstext muss also so attraktiv wie möglich und natürlich fehlerfrei sein. Stefanie und Yvonne, Leselink

Das ist bis jetzt noch nicht passiert. Hartmut Abendschein, Betreiber des literarischen Weblogs taberna kritika und Mitbegründer von litblogs.net

Ich sehe keinen Unterschied zwischen einem Self-Publisher und einem “Verlags-Autoren”, d.h. siehe oben. (Rezensionsexemplare würde ich sehr, sehr sorgfältig prüfen, bevor ich eine Zusage geben würde. Leider habe ich immer viel weniger Zeit, als mir lieb ist. Deshalb würde ich keine Erwartungen wecken, die ich dann nicht erfüllen kann.) Axel Hollmann, Axel Hollmanns Schreibblog

Self-Publisher unterscheiden sich für mich nicht von anderen Autoren. Ich entscheide nach Titel und Thema, ob ich das Werk lesen möchte. Ruth Justen, Ruth liest

Wie bereits erwähnt, nehme ich ein Angebot an, wenn es mich anspricht. Wobei ich gestehen muss, dass das selten der Fall ist. [Noch vor einiger Zeit war ich mächtig stolz darauf, wenn mir ein Rezensionsexemplar angeboten wurde. Ich habe mich geehrt gefühlt, dass es jemanden interessiert, was ich von einem Buch halte. Ich habe diese Bücher auch gerne angenommen. Seitdem ich jedoch merke, dass viele Blogger die selben E-Mails bekommen, in denen nur die Anrede ausgetauscht wird, überlege ich doch ein bisschen länger, ob ich ein Rezensionsexemplar annehmen soll. Ehrlich gesagt finde ich es besser, selbst ein Rezensionsexemplar bestellen zu dürfen und freue mich jedes Mal sehr, wenn ich ein entsprechendes Päckchen aus dem Briefkasten herausfische.] Dorota Federer, Bibliophilin

Grundsätzlich genauso wie mit anderen Rezensionsexemplaren auch, allerdings nehme ich keine E-Books an , da ich keinen eigenen Reader besitze und auch vorerst keinen haben möchte bzw. brauche. (Heute nehme ich kaum noch Rezensionsexemplare an. Manchmal tut es mir leid, Absagen erteilen zu müssen, gerade in Hinblick auf noch unbekannte Autoren, doch ich schaffe das zeitlich einfach nicht mehr. Je nachdem, was beruflich oder privat so anliegt, bin ich zu eingespannt, sodass für den Blog kaum noch Zeit übrig bleibt. In solchen Phasen schätze ich es sehr, meine Lektüre frei auswählen zu können, ohne unter dem Druck zu stehen, das Buch möglichst zeitnah zu lesen und vor allem auch zeitnah rezensieren zu müssen.) Ada Mitsou, Ada Mitsou liest….

Ich mache keinerlei Unterschiede zwischen den Büchern von Verlagen und denen selbstverlegender Autoren. Für mich zählt die Qualität eines Buchs und nicht, ob es über einen bekannten Publikums-Verlag, einen Print-on-Demand-Anbieter oder als Kindle-eBook veröffentlicht wurde. Auch hier gilt: Ich veröffentliche nur dann eine Rezension, wenn ich das Buch meinen Lesern guten Gewissens empfehlen kann. Einen Verriss würde ich nur dann schreiben, wenn der Autor partout auf der Rezension seines Werks besteht. Richard Norden, Writers Workshop

Dezidierte Vorurteile gegen Selfpublishing oder gar Ignoranz gegen Publikationen, die in Eigenregie verlegt sind, werden in diesen Stellungnahmen abermals nicht laut. Und wenn, wie hier in einem Fall, dann werden diese kritisch hinterfragt. – So darf ich mein Fazit vom 9. November 2012 also getrost wiederholen: Durch die Bank legen die befragten Blogger Wert auf selbstbestimmte Lektüre, weshalb sie Rezensionsangebote vielfach ablehnen. Sie unterscheiden nicht zwischen Verlagsautoren und Selfpublishern, noch legen sie unterschiedliche Kriterien an die jeweiligen Publikationen an. Überzeugen lassen sie sich allein durch Qualität.

Weitere Überlegungen zur Bedeutung von Literaturblogs und deren Umgang mit E-Book und selbstverlegenden Autoren habe ich in einem Interview für litaffin angestellt, das hier nachgelesen werden kann.

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Die Frage Wie würdest du damit umgehen, wenn dir Selfpublisher ihre Titel zur Rezension anbieten?  ist Bestandteil der Gesprächsreihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger“ vor, die im September 2012 an den Start ging. Ihr voraus geht die Frage Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten? Aus den Antworten darauf stammen die Zitate, die in eckige Klammern […] gesetzt sind.

Rede und Antwort standen in der Interviewreihe bislang 37 Bloggerinnen und Blogger. Ein Überblick findet sich hier

Steglitz fragt bei Michael Meisheit nach (Teil 2)

„Die Frage nach der Verfügbarkeit in der Buchhandlung oder danach, ob es ‚Soap‘ auch fürs iPad gibt, tut jedes Mal weh …“

In diesem Beitrag erfahren wir u.a., weshalb Michael Meisheit mit eBook und der gedruckten Version von „Soap“ zweigleisig fährt, warum er auf den Platzhirschen Amazon setzt und welche Lehren er aus seinen bisherigen Erfahrungen als Selbstverleger zieht. Im ersten Teil des Gespräches berichtete er uns, wie er Chancen und Risiken bezüglich Selfpublishing einschätzt, warum er sich für CreateSpace entschieden, welche Erfahrungen er damit gemacht hat und wie er mit Vorurteilen gegen Autoren umgeht, die ihre Publikationen in Eigenregie auf den Markt bringen.

Mit einem eBook und einem gedruckten Buch fährst du zweigleisig. Warum das?

Man kann so ein Projekt nicht über das Internet aufziehen und dann das elektronische Buch außen vorlassen. Mir war immer klar, dass in meiner Zielgruppe die meisten Leute das sogenannte Holzbuch noch bevorzugen würden, aber rund um das eBook passieren ja noch viel aufregendere Dinge, was neue Weg angeht, also wollte ich das auf keinen Fall missen.

Glaubst du, dass dem eBook die Zukunft gehört?

Auf jeden Fall. Es wird Papier nicht komplett ersetzen, aber die Vorteile liegen auf der Hand. Neue Generationen werden dann auch die Nostalgie nicht mehr kennen, die viele von uns noch mit dem Umblättern verbinden. Wenn ich sehe, wie mein dreijähriger Sohn schon selbstverständlich zwischen iPhone-App-Geschichte und Buch zum Blättern wechselt, weiß ich, wie die Zukunft aussieht.

Wie hältst du es beim eBook mit dem Kopierschutz?

Da hab ich wie ein Schaf erst einmal den voreingestellten Kopierschutz gelassen wie er ist. Wobei ich mich mittlerweile durchaus frage, warum. Leider kann man es im Nachhinein nicht mehr ändern. Aber ich muss mich definitiv noch mehr mit dem Thema und den Möglichkeiten beschäftigen. Was ich auch daran merke, dass ich mich in der ganzen Urheberrechtsdiskussion oft auf der Seite von Kreativen, die vor allem Schutz und Sanktionen fordern, nicht so richtig wohl fühle. Auch hier reizen mich eher die neuen Möglichkeiten des Internets. Aber das ist eine andere Diskussion.

Wie schätzt du die Diskussionen um das Pricing beim E-Book generell ein?

Hier wird noch viel experimentiert. Im Moment wirkt es schon teilweise absurd, wenn man sich die Listen bei Amazon anschaut. Wenn die gleichlangen 99 Cent-Bücher neben Verlags-eBooks für 22,99 Euro stehen, merkt man, dass der Markt sich noch regulieren muss. Kurios ist allerdings, dass Beide es in die Topliste schaffen können …

Und wie bist du mit der Preisgestaltung bei eBook und Taschenbuch verfahren?

Michael Meisheit © Steven Mahner

Michael Meisheit © Steven Mahner

Ich hab meine potentiellen Leser in meinem Blog gefragt und sogar abstimmen lassen. Wie bei vielen anderen Fragen rund um die Veröffentlichung ja auch. Natürlich hatte ich eine grobe Vorstellung – das Taschenbuch sollte nicht über 10 Euro kosten, das eBook nicht für 99 Cent verramscht werden. Aber ich fand es sehr hilfreich, dass die Mehrheiten und Argumente im Blog meine Auffassung stützten. Beim Taschenbuch waren sich eh alle mehr oder weniger einig. Beim eBook gab es – wenig überraschend – die größere Bandbreite an Meinungen. Für mich war hier entscheidend, dass ich nicht zu weit vom Taschenbuch weg wollte. Allerdings bin ich mir bei den 4.99 noch nicht so ganz sicher, ob es die beste Wahl war. Daher habe ich heute eine Aktion gestartet und verkaufe nun für ein paar Tage das eBook für 2.99.

Selbstredend eine nette Geste an die Adresse der Leser unseres Gespräches … Warum ist „Soap“ derzeit lediglich beim Platzhirschen Amazon zu haben?

Das lag natürlich erst einmal an meinem Wunschpartner CreateSpace. Mit dem drängt sich das Kindle-Programm ja gleich als nächster Schritt auf, es sind nur wenige Klicks mehr. Und „lediglich“ bei Amazon zu sein, ist bei deren Marktposition ja nicht das Schlechteste. Allerdings soll es so nicht bleiben. Sobald ich die Zeit habe, mich durch das Dickicht von Formaten und möglichen Wegen zu kämpfen, werde ich zum einen andere eBook-Kanäle hinzunehmen und zum anderen auch das Taschenbuch auf neue Wege bringen.

Wo machst du beim Platzhirschen persönlich Nachteile aus?

Was mich überrascht hat, war, dass man erstaunlich wenige Analyse-Möglichkeiten für seinen Verkauf hat. Vielleicht bin ich durch Google-Analytics bei meinem Blog verwöhnt, wo man ja auch noch die Farbe der Unterwäsche seiner Seitenbesucher gemeldet bekommt. Aber dass es im Kindle-Programm noch nicht einmal eine Verkaufsaufstellung nach Tagen gibt, hat mich sehr verwundert. Ganz zu schweigen davon, dass es doch interessant wäre, wie viele Leute die Verkaufsseite des Buches besuchen, wo die herkommen usw. Technisch ist das alles möglich, Amazon lässt sich aber nicht in die Karten schauen. So hockt man viel zu viel da und rätselt, wieso, weshalb, warum.

Worauf sollte man besonders Acht geben, wenn man sich für diese Vertriebsschiene entscheidet?

Zu empfehlen ist, dass man sich als Autor bei „Author Central“ von Amazon anmeldet. Dann kann man nicht nur ausführlicher über sich berichten, sondern hat auch so etwas wie einen Ansprechpartner, der kurzfristig antwortet. Was bei Amazon normalerweise ja nicht so einfach ist. Denn der Laden ist und bleibt ein schwer durchschaubarer Riese. Ansonsten muss einem klar sein: Amazon ist auch nicht die Welt. Die Frage nach der Verfügbarkeit in der Buchhandlung oder danach, ob es „Soap“ auch fürs iPad gibt, tut jedes Mal weh …

Was hält dich ab, andere Vertriebspartner ins Boot zu holen?

Ehrlich gesagt bin ich noch etwas ratlos, wen ich wie hinzunehme. Alle eBook-Vertriebe haben einen oder mehrere Hinkefüße. Mal muss man auch den Vertrieb über Amazon abgeben und verdient entsprechend weniger. Mal braucht man eine (teure) ISBN für das eBook. Andere haben undurchsichtige Konditionen. Hier sammle ich noch Feedback von anderen Selfpublishern. Erfahrungsberichte sind jederzeit willkommen!

Was rätst du jenen, die Schritte in Richtung Selfpublishing planen?

Sie sollten Zeit mitbringen und Geduld. Zeit im Sinne von: Vieles dauert länger als geplant. Besonders wenn auch mal was schief geht. Oder wenn man viel zu lange in der Social-Media-Welt hängen bleibt. Geduld braucht man bis die eigenen Maßnahmen greifen. Selbst Leute, die begeistert gesagt haben, dass sie das Buch „sofort“ kaufen, trifft man manchmal Wochen später und hört „Ach ja, das Buch!“ Bei Pressekontakten und ähnlichem kann es auch ewig dauern, bis was passiert. Oder hoffnungsmachende Kontakte verlaufen plötzlich im Sande.

Frustrationen sind wohl inbegriffen …

Daher muss man Kontakt zu seiner inneren Rampensau aufnehmen. Wer die gar nicht besitzt, wird sich schwer tun – denn am Anfang gibt es niemanden, der einen irgendwo ins Gespräch bringt außer einem selbst. Das ist manchmal echt unangenehm, aber da muss man durch – sonst braucht man vielleicht doch einen Verlag. Allerdings ist hier Augenmaß notwendig. Ab wann nervt man? Auch wenn man selbst das Gefühl hat, das Buch ist der Mittelpunkt der Welt, für die da draußen ist es eins von buchstäblich Millionen. Es kann daher helfen, das Projekt eben nicht zum Mittelpunkt der eigenen Welt zu machen, sondern einfach auch mal was anderes zu schreiben bzw. sich mit echten Menschen zu beschäftigen.

Was sollte sich ein Selbstverleger abschminken?

Abschminken kann man sich, dass man mit der Geschichte wirklich reich wird. Selbst dass man in irgendeiner Form davon leben kann, ist wohl die Ausnahme. Wer mit dieser Erwartungshaltung da reingeht, kann nur verlieren. Besonders weil es nun schon eine ganze Weile eine Art Goldgräberstimmung gibt und sich entsprechend viele Leute mit ihren Goldpfannen am Amazonas und anderswo tummeln.

Es heißt ja, dass die Digitalisierung und der Umstand, dass Autoren nicht mehr auf Verlage angewiesen sind, erhebliche Folgen für den Buchmarkt und -handel haben werden. Wie schätzt du die weitere Entwicklung ein?

Ich gehöre zu denen, die glauben, dass der bisherige Buchmarkt und -handel in zehn Jahren völlig anders aussieht. Ich glaube nicht, dass Bereiche komplett verdrängt werden, es wird einfach diversifiziert. Es wird sicher weiterhin Verlage geben, aber es wird auch hochwertige Selbstverleger geben. Es wird für diese dann Organisationsformen geben mit Dienstleistern und Plattformen. Es wird verlegende Hobbyautoren geben usw. Vor allem denke ich auch, dass sich noch einiges zwischen den verschiedenen Medienformen tun wird. Also dass es neben dem Buch und dem eBook interaktive Erzählungen, netzbasierte Erzählungen, Verbindungen von Film, Spiel und Text usw. geben wird.

Kannst du dir vorstellen, dass Independent Publikationen den klassischen Gatekeepern à la longue den Rang ablaufen werden?

Ich kann es mir vorstellen, aber es kommt auch darauf an, wie klug die Verlage, Buchhandelsketten usw. mit der Situation umgehen, sprich ob sich darauf einstellen. Wer stur darauf pocht, dass doch nur ein Buch aus Papier das Wahre ist und der Verlag über allem steht, der wird es sicher irgendwann schwer haben. Spätestens wenn die Mehrzahl der Autoren anderswo bessere Konditionen, Hilfestellungen und vor allem Möglichkeiten bekommt, ihre Vision umzusetzen.

Was stößt dir bei den aktuellen Diskussionen rund um die Zukunft des Buches besonders negativ auf?

Wie bei den meisten Diskussionen, die bevorzugt in der Textform (Feuilleton-Artikel, Blogs oder gar Foren) geführt werden, wird oft zu verbissen und unfreundlich diskutiert. Ich hab nichts gegen eine Diskussion, in der es auch mal hoch hergeht. Aber man ist allerorts erstaunlich schnell mit persönlichen Angriffen, Unterstellungen und ähnlichem. Und gerade Autoren sollten doch in der Lage sein, sich in die Position des Gegenübers reinzuversetzen – wie entwickeln sie denn sonst Figuren? Abgesehen davon finde ich es schade, dass die Selfpublisher in vielen Bereichen noch die Kellerkinder sind, aber es liegt sicher an uns selbst, dies durch selbstbewusstes und professionelles Auftreten zu ändern.

Du experimentierst seit Jahren als Autor im Netz. Was meinst du, inwieweit verändert die Digitalisierung auch unser Verständnis von Literatur und Autorenschaft?

Zwei Sachen verändern sich zurzeit aus meiner Sicht durch das Internet: Das Buch ist nicht mehr das Nonplusultra in der Literatur. Andere Textformen oder auch transmediale Erzählformen spielen eine immer größere Rolle. Gleichzeitig wird der Autor entmystifiziert. Er ist nicht mehr der Schreiber im Elfenbeinturm, sondern weilt über Blogs, Foren und interaktive Experimente mitten unter seinen Lesern. Das wird zunehmend selbstverständlich. Ich weiß noch, dass ich vor ca. 15 Jahren „Flamingo Rising“ von Larry Baker gelesen habe, in dessen Impressum eine E-Mail-Adresse stand. Weil mir das Buch gut gefiel, hab ich dort hingeschrieben und bin fast vom Stuhl gefallen, als der Autor mir postwendend persönlich antwortete. Wir haben dann ein bisschen hin- und hergemailt darüber, wie man sein Buch als Deutscher wahrnimmt. Und ich hab mir damals schon gedacht: Ja, wieso denn nicht immer so? Was kann einem besseres passieren, als sich mit den Lesern auszutauschen? Aber damals war das noch absolut ungewöhnlich.

Was hat dich bewogen, „Soap“ gemeinsam mit Blogbesuchern und Lesern auf die Beine zu stellen?

Vielleicht war besagtes Erlebnis mit Larry Baker schon der Grundstein für den Wunsch, mich mit den Lesern auszutauschen. Später wurde dann mein Prosa schreiben (im Gegensatz zum Drehbuch schreiben) sehr stark durch meine aktive Zeit in der Community jetzt.de geprägt ist. Dort konnte man mit kleinen Texten experimentieren – unter dem Stichwort „Tagebuch“ – und man hat über Kommentare sofort Feedback bekommen. Auch wenn das manchmal hart war, hat es mir gefallen und weitergeholfen.

Als Serienautor schreibst du ja auch im Team …

Hinzu kommt, dass ich es als Drehbuchautor natürlich gewohnt bin, dass zahlreiche Leute meine Arbeit – gerade in frühen Fassungen – auseinander nehmen. So war es für mich nur folgerichtig, einen Romantext in einem frühen Stadium herauszugeben, um von dem Feedback zu profitieren. Gleichzeitig wollte ich so eine Basis an Lesern schaffen, denn für klassische Werbung und PR-Arbeit würde ich keine Mittel haben. Womit ich nicht gerechnet hatte: WIE begeistert viele der Leser waren, dass sie mitwirken „durften“. Ich hab zahlreiche Danksagungen bekommen, dabei machten die Leute letztlich Arbeit für mich! Spätestens da war mir klar, dass diese Art von Zusammenarbeit ein vielfach ungehobener Schatz ist.

Wie waren deine diesbezüglichen Erfahrungen? Was hast du an der „interaktiven Arbeitsweise“ besonders geschätzt?

Für mich war die Zusammenarbeit durchweg positiv. Man muss natürlich ein paar „Fähigkeiten“ mit bringen: Man muss mit Kritik umgehen können. In der Lage sein, das Wichtige herauszufiltern. Vor allem muss man gerne kommunizieren, meint in dem Fall: Auch zuhören! Und letztlich muss man wissen, was man tut. Wenn man selbst zu unsicher ist, was die eigene Arbeit, den eigenen Text angeht, verzettelt man sich. Denn es gibt IMMER mehrere Meinungen, die gegensätzlichen sind sowieso überproportional vertreten. Wenn das aber einmal funktioniert, hat man irgendwann eine kleine bzw. wachsende Community, die man nicht nur jederzeit um Rat fragen kann, sondern die einen auch motiviert oder sogar aktiv unterstützt. Es haben schon mehrere Leute Tage (!) an Arbeit in mein Projekt investiert, einfach weil sie sich damit identifizieren, es gut finden. Da war ich manchmal wirklich gerührt!

Wo kommt Teamwork an seine Grenzen?

Ich weiß nicht, ob das auch mit mehreren Tausend Leuten funktioniert, was ich da mache. Aber das Problem möchte ich erst einmal haben. Im Moment „kenne“ ich noch alle sehr aktiven Leuten einzeln, aber natürlich hätte das auch irgendwann eine Grenze. Und wenn ich als Autor nicht mehr ab und zu auch mal direkt antworte oder eingehe auf jemanden, wären die Bindungen sicherlich nicht so eng. Aber dann müsste man eben andere Wege finden.

Welche Lehren ziehst du bislang aus deinem „Selbstversuch“? Was würdest du heute anders machen?

Für mich ist die wichtigste Lehre, dass ich das in Zukunft immer so machen möchte: Öffentlich und gemeinsam kreativ arbeiten. Denn für mich hat es fast nur positive Effekte gegeben. Ein wenig muss ich in manchem Bereichen noch die Balance finden: Wann nervt ein Thema, weil man es zu oft bringt? Wie viel „Werbung“ kann ich den Leuten zumuten? Macht die bei den ewig selben Leuten irgendwann überhaupt noch Sinn? Die Gefahr ist, dass man die Leser irgendwann als selbstverständlich nimmt, aber letztlich können die auch wahnsinnig schnell wieder verschwinden. Man muss eben bei so einem Projekt auch immer Entertainer sein oder zumindest neue, interessante Informationen liefern, sonst dreht sich das Karussell weiter …

Danke, Michael, dass du deine Erfahrungen mit uns teilst. Lunte gerochen hast du jedenfalls: Seit gestern gehst du abermals ein Projekt in Eigenregie an. Ein eBook mit ausgewählten Kurztexten die bei jetzt.de erschienen sind. Dafür suchst du Testleser. Glück auf dabei – und weiterhin Erfolg und Freude mit Soap.

Freundlicherweise stellte Michael mir einige Leseexemplare zur Verfügung. Wer sich für sein Debüt als Selfpublisher interessiert und “Soap” besprechen möchte, möge sich bei mir melden.

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In der losen Interview-Reihe “Steglitz fragt … bei Autoren nach” standen bereits Rede und Antwort:  Jando, Petra van Cronenburg, Petra Röder, Nicole Sowade aka Miss Januar, Jan-Uwe Fitz aka Vergraemer, die Sachbuch-Autorin Sonya Winterberg der Berner Shooting-Star Patric Marino und Wilhelm Ruprecht Frieling, im Social Web als Prinz Rupi bekannt. Stets geht es darum, wie die befragten Autoren die Entwicklungen infolge der Digitalisierung einschätzen, welche neuen Wege sie nutzen und wo sie Chancen und Risiken sehen.

Steglitz fragt bei Michael Meisheit nach

„Letztlich helfen gegen die Vorurteile nur Geduld und Beharrlichkeit“

Michael Meisheit ist ein erprobter Autor, der seit 15 Jahren erfolgreich Drehbücher für die populäre Fernsehserie „Lindenstraße“ schreibt, die immer sonntags um 18:50 Uhr im Ersten läuft. Obwohl er als ihr Autor bekannt und im Mediengeschäft erfahren ist, entschied er sich, seinen Roman Soap in Eigenregie zu veröffentlichen. Soap, dachte ich bei mir als wir uns kennenlernten, so gar nicht meine Kragenweite …

© Michael Meisheit

stolz aufs Werk © Michael Meisheit

Dann hat mich die Geschichte vom Filmstudenten Lukas doch gepackt, dem die Chance geboten wird, bei einer populären Soap namens „Schöneberg“ als Autor einzusteigen. Er stolpert von einer Kuriosität zur nächsten, tritt von einem Fettnäpfchen ins andere, hangelt sich von Schlappe zu Schlappe und ahnt nicht, dass da einer im Hintergrund geschickt die Strippen zieht. Keine Frage, Meisheit kennt das Unterhaltungssujet aus dem FF.  Darüber hinaus beeindruckte mich die Genese des Debüts, die der Autor auf seinem Blog von Anbeginn dokumentiert hat. Nachdem ich mich eingehender mit der Entstehungsgeschichte des Romans und Meisheits Entschluss beschäftigt hatte, unter die Indie-Autoren zu gehen, habe mich gefragt, ob Soap nicht sogar auch ein Lehrstück für Selfpublisher ist. Nachzulesen ist das hier.

Seit Erscheinen des Romandebüts sind nunmehr sechs Wochen vergangenen. Mir scheint die Zeit reif, den frisch gebackenen Selbstverleger nach seinen Erfahrungen zu befragen. Heute möchte ich u.a. von ihm wissen, wie er Chancen und Risiken bezüglich Selfpublishing einschätzt, warum er sich für CreateSpace entschieden, welche Erfahrungen er damit gemacht hat und wie er mit Vorurteilen gegen Autoren umgeht, die ihre Publikationen in Eigenregie auf den Markt bringen.

Was hat dich bewogen, dein Debüt „Soap“ in Eigenregie durchzuziehen?

Seit längerem rede ich davon, dass das Internet für Kreative völlig neue Möglichkeiten eröffnet, die noch viel zu wenig genutzt werden. Die Stichworte sind Transmedia, Unabhängigkeit, Interaktivität, Arbeiten mit der „Crowd“. Im Sommer diesen Jahres war dann endlich etwas zeitlicher Freiraum in Sicht, so dass ich mir gesagt habe: Dann mach doch jetzt auch mal! Nun hatte ich ein altes Manuskript – „Soap“ – in den Untiefen meiner Word-Ordner schlummern. Ein vorhandener Text – den ich zweifelsohne liebte, aber nicht erst schreiben musste – war perfekt für einen ersten Gehversuch auf den neuen Wegen, fürs Ausprobieren, fürs Experimentieren.

Welche Vorteile hast du dir von deiner Entscheidung versprochen?

Die Vorteile waren diffus. Es ging vor allem um neue Erkenntnisse, um Dazulernen in jeglicher Hinsicht. Aber auch sehr viel darum, bei der kreativen Arbeit komplett mein eigener Herr sein zu können. Nach Jahren in den Mühlen der Unterhaltungsindustrie war die Aussicht auf ein Schaffen ohne Kompromisse, enge Rahmenbedingungen und kurzsichtige Gegenüber traumhaft.

Wie schätzt du die Entwicklung in Richtung Selfpublishing generell ein?

Ich finde sie großartig. Natürlich ist das für alle erst einmal unübersichtlich und verwirrend. Manchen macht es Angst, manche sind genervt. Aber ich kann mir für einen kreativen Menschen keine bessere Situation vorstellen, als am Anfang einer neuen, umwälzenden Entwicklung dabei zu sein. Es gibt noch keine ausgetretenen Pfade, keine Erbhöfe, kein „das haben wir schon immer so gemacht“. Natürlich wird das Rad nicht neu erfunden – ein Buch ist ein Buch – aber es kommen neue Formen, neue Mitspieler, neue Wege dazu. Für mich ist das erst einmal positiv.

Wo verortest du Risiken?

Ich sehe ein wenig die Gefahr, dass die Leser nicht richtig mitgenommen werden. Dass es in solch einer Umbruchphase Reibungsverluste gibt, ist naheliegend und wird sich nicht verhindern lassen. Aber wenn sich allgemein der Eindruck durchsetzt, Selfpublishing macht alles nur kompliziert, anstrengend und führt letztlich nicht zu interessanten Publikationen, dann wird man lange brauchen, um das in der breiten Öffentlichkeit wieder aufzubrechen. Die Flut von in jeglicher Hinsicht schlechten Texten und fehlende Mechanismen, um diese auszusortieren, ist ein Problem. Das teilweise aggressive und unlautere Auftreten einiger Selfpublisher ein weiteres. Es wird darauf ankommen, wie die Autoren-Gemeinschaft damit umgeht. Und darauf, dass Wege entstehen, durch die sich die Spreu vom Weizen trennt.

Wo machst du in diesem Kontext besondere Chancen aus?

Es besteht die ernsthafte Chance, dass großartige, unterhaltsame oder außergewöhnliche Publikationen entstehen, die nicht den Marktgesetzen gehorchen. Und es besteht die Chance, das kleine, besondere Texte, die vielleicht nur wenige Menschen ansprechen – aber diese umso mehr – das Licht der Welt erblicken. Kein anderes Medium als das Internet bringt spezielle Interessen so zusammen. Jeder kann etwas finden. Und es wird sich dann auch lohnen, „nur“ für eine paar Leute etwas zu schreiben.

Gegen Indie-Autor gibt es gewisse Vorbehalte. Wie gehst du damit um?

Im Moment amüsieren sie mich noch. Ja, was mache ich denn bloß, wenn mich dann doch mal ein „echter Verlag“ verlegen will? Denn das ist nach wie vor die häufigste Frage, die ich zu hören bekomme. Dass ich gerne und freiwillig diesen Weg gehe, erscheint vielen noch nicht denkbar. Auch dass man als Selfpublisher manchmal etwas herablassend in die Kategorie „schreibende Hausfrau“ eingeordnet wird – am Besten noch von Leuten, die „Harry Potter“ verschlungen haben – entbehrt auch nicht einer gewissen Komik. Aber dass einem dadurch bei klassischen Medien oder auch in bestimmten Internetbereichen der Weg versperrt bleibt, nervt schon. Letztlich helfen gegen die Vorurteile nur Geduld und Beharrlichkeit.

Warum hast du dich für den Weg über CreateSpace entschieden?

Cover Soap

Liebe, Intrigen, Verrat …

Das ist einfach: Es rechnete sich. CreateSpace hat mir mit Abstand das beste Angebot für mein Taschenbuch gemacht. Ich konnte es für 9.90 Euro verkaufen und mit mehr als zwei Euro enorm daran verdienen. Anderswo hätte ich mindestens 15 Euro, meist sogar noch mehr verlangen müssen – und hätte nicht einmal groß etwas daran verdient. Ohne CreateSpace hätte ich vielleicht erst einmal sogar nur ein eBook herausgegeben, denn mehr als 10 Euro wollte ich für „Soap“ nicht verlangen.

Wie waren deine Erfahrungen beim Prozedere?

Es hilft sicherlich, wenn man des Englischen mächtig ist. Dass die CreateSpace-Seite noch nicht auf Deutsch vorhanden ist, dürfte auch abschrecken. Nimmt man aber einen der vielen Ratgeber zur Hilfe und ist man in der Lage, Fragen in Foren beantwortet zu bekommen, ist das Ganze wirklich ein Kinderspiel.

Hattest du spezielle du Hürden zu nehmen?

Das Veröffentlichen mit CreateSpace selbst war wirklich kein Problem. Unterschätzt hatte ich eher den ganzen Prozess des „Setzens“. Also dass der Text auch nach inhaltlicher Ausarbeitung und mehrfachem Gegenlesen noch lange nicht fertig war – ich sag nur Schusterjungen und Hurenkinder. Dafür hatte ich definitiv zu wenig Zeit eingeplant, die aber CreateSpace locker rausholte, indem das Buch quasi über Nacht bei Amazon reingestellt wurde – und es nicht wie vielerorts angekündigt eine Woche dafür brauchte.

War der Support ausreichend?

Viel Support direkt von CreateSpace habe ich nicht benötigt. Die Website gab alles her, was ich brauchte – vor allem mit der exzellenten Vorschau. Allerdings weiß ich nicht, wie es ist, wenn man auf Probleme stößt und mal mit einem Menschen reden möchte. Kurios finde ich nach wie vor, dass meine Autorenexemplare nicht – wie die Verkaufsexemplare – von Amazon Leipzig kommen, sondern aus den USA. Dadurch hat man sehr unwägbare Lieferzeiten und unter Umständen Probleme mit dem Zoll. Daran muss CreateSpace für den deutschen Markt sicherlich noch etwas tun.

Bist du mit den Ergebnissen zufrieden?

Sehr. Für die geringen Kosten, die der Druck macht, und dafür, dass ich ohne direkte professionelle Begleitung alles zusammengebastelt habe, kann sich das fertige Buch wirklich sehen lassen. Die meisten Leute sehen keinen Unterschied zu einer Verlagspublikation. Das einzige Problem, auf das ich bisher gestoßen bin, sind mögliche Unterschiede zwischen den einzelnen Exemplaren. Ich hatte schon leichte Farbabweichungen beim Cover. Und einige Leute hatten eine extrem feste Bindung bei ihrem Buch. Man kann also nie sicher sein, dass das nächste Buch auch wieder so schön ist wie das letzte. Und die „amerikanischen“ Bücher haben etwas schöneres Papier – minimal dicker und „cremiger“. Das würde ich mir auch für die Leipziger Bücher wünsche.

In Teil 2 des Gesprächs erfahren wir u.a., weshalb Michael Meisheit mit eBook und der gedruckten Version von „Soap“ zweigleisig fährt, warum er auf den Platzhirschen Amazon setzt und welche Lehren er aus seinen bisherigen Erfahrungen als Selbstverleger zieht. – Freundlicherweise stellte Michael mir einige Leseexemplare zur Verfügung. Wer sich für das Debüt in Eigenregie interessiert und „Soap“ besprechen möchte, möge sich bei mir melden.

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In der losen Interview-Reihe “Steglitz fragt … bei Autoren nach” standen bereits Rede und Antwort:  Jando, Petra van Cronenburg, Petra Röder, Nicole Sowade aka Miss Januar, Jan-Uwe Fitz aka Vergraemer, die Sachbuch-Autorin Sonya Winterberg der Berner Shooting-Star Patric Marino und Wilhelm Ruprecht Frieling, im Social Web als Prinz Rupi bekannt. Stets geht es darum, wie die befragten Autoren die Entwicklungen infolge der Digitalisierung einschätzen, welche neuen Wege sie nutzen und wo sie Chancen und Risiken sehen.

Steglitz fragt bei Wilhelm Ruprecht Frieling aka Prinz Rupi nach

„Ein Verleger, der sich abschafft und dabei auch noch Spaß empfindet.“

In der Buchszene kennt man Wilhelm Ruprecht Frieling, der Autor, Fotograf, Redakteur und Verleger in einer Person ist. So war er u.a. für das Börsenblatt für den deutschen Buchhandel tätig. Als Autor von Sachbüchern und Ratgebern sammelte er vielfältige Erfahrungen mit Publikumsverlagen. Bekannt wurde er mit dem Slogan »Verlag sucht Autoren«, unter dem er in den 80er Jahren ein für die damalige Bundesrepublik neues Geschäftsfeld eroberte, nämlich den Zuschussverlag. Den Frieling-Verlag Berlin, der heute unter dem Namen Frieling & Huffmann GmbH & Co KG firmiert, verkaufte er 2002.

Rupi, im Social Web als »Prinz Rupi« bekannt, fiel mir bei Twitter auf, wo er seit Mai 2008 aktiv ist. Sich selbst nennt er einen »Digital Consultant«, der im Kulturbereich wirkt und u.a. Universal Music berät. Er bloggt seit langem und hat bereits E-Books vorgelegt, als das elektronische Format hierzulande noch wenig von sich reden machte. Sein erstes »richtiges« E-Book nach diversen PDF-Experimenten, »Twitter kann viel Freude schenken / musst nur lust´ge Tweets versenden«, erschien 2009 und war seinerzeit das erste Buch mit Twitter-Versen. Aktuell liegen 20 E-Books von ihm vor, die seit Start der Plattform im April 2011 vornehmlich in der Kindle-Edition erscheinen.

Während Rupi bis vor einigen Jahren auch Ratgeber vorlegte, die Tipps zum kreativen Schreiben beinhalten, beschäftigt er sich in diesem Umfeld heute mit Fragen, was einen erfolgreichen E-Book-Autor ausmacht. – Das wollte ich natürlich genauer von ihm wissen. Zunächst habe ich den Branchenkenner allerdings danach befragt, wie er die Auswirkungen der Digitalisierung einschätzt und ob er die Buchbranche für zukunftsfähig hält.

Rupi mit seiner großen Liebe © W. R. Frieling

Wie kam es zur Gründung des Frieling-Verlages 1983?

Ich hatte ursprünglich mit einer Einzelfirma begonnen. Da sich die Geschäftstätigkeit relativ schnell ausweitete und meine Buchprojekte gut liefen, wandelte ich das Unternehmen 1983 in eine Werbe- und Verlagsgesellschaft um, die Frieling & Partner GmbH. Geld wurde anfangs mit klassischer Werbung für Markenartikler verdient, Gewinne wurden in den Verlag investiert. Mein Verlagskonzept war, Self-Publishern die Veröffentlichung eigener Werke zu ermöglichen. Als erster deutscher Verleger trat ich unter dem Slogan »Verlag sucht Autoren« öffentlich dafür ein, dass jeder, der es wollte und es sich leisten konnte, auch die Chance bekam, sich dem Publikum zu stellen. Schließlich sind Verleger dazu da, eine Brücke zwischen Autor und Leser zu schlagen.

Hier gilt freilich: Buch gegen Geld …

In der Verlagsszene war es bereits damals üblich, Bücher subventionieren zu lassen. Es gab kaum einen etablierten Verlag, der ein Unternehmen, einen öffentlichen Auftraggeber oder einen potenten Sponsor, der mit dem Scheckbuch wedelte, von der Bettkante gestoßen hätte. Absolut verpönt war es jedoch, darüber öffentlich zu sprechen oder dies gar zur Geschäftsidee zu erheben. Entsprechend negativ war das Echo innerhalb der mafiotisch organisierten Szene darauf, dass ein Insider »plauderte«. Doch das war mir egal, denn nur wer wagt, gewinnt.

Gewonnen hast du ja …

Im Ergebnis entwickelte sich meine Geschäftsidee stetig und schnell: In den 20 Jahren, die ich den Verlag führte, veröffentlichten wir Texte von mehr als 10.000 Autoren. In Spitzenzeiten produzierten wir täglich ein neues Buch und schufen damit ein Programm, über das beispielsweise »Der Spiegel« urteilte: »Es ist das schrägste, originellste und individuellste Verlagsprogramm weit und breit. Und kein anderer Verleger hat so viele Autoren glücklich gemacht«. Ende 2002 verkaufte ich den Verlag, da ich Kraft für eine Chemotherapie brauchte. Dadurch gewann ich auch Zeit, mich mehr um meine eigenen Bücher zu kümmern, die Möglichkeiten des Web 2.0 zu nutzen und andere Künstler zu fördern.

Zuschussverlage drucken bekanntlich alles, auch Mist. Rührt sich bei einem literarisch versierten und interessierten Verleger nicht bisweilen ein schlechtes Gewissen?

 © W. R. Frieling

© W. R. Frieling

Sorry, aber diese Unterstellung stammt von Zeitgenossen, die vom Verlagswesen wenig verstehen. Erstens ist der Begriff »Zuschussverlag« falsch, denn der Auftraggeber gibt keinen »Zuschuss«: er zahlt die Dienstleistung, die er in Auftrag gibt, vollständig. Insofern wäre die Bezeichnung »Dienstleistungsverlag« sicherlich treffender.

Zum zweiten drucken fast alle Verlage auch mal »Mist«; einige machen damit sogar richtig Umsatz. Ich kenne Verlegerkollegen, in deren Häusern Lebensbeichten von TV-Sternchen, Stummeldeutsch von Fußballspielern und Gewäsch von Berufspolitikern zwischen Buchdeckel gepresst werden. All diese Kollegen sind literarisch versiert und interessiert. Sie haben ein gutes Gewissen, weil sie mit diesen Umsatzbringern ihre Unternehmen in den schwarzen Zahlen halten. Ansonsten könnten sie ihren Job nicht meistern. So war es auch bei mir, unsere Rendite stimmte.

Von Alfred Döblin, dem Autor von »Berlin. Alexanderplatz« stammt übrigens ein passendes Bonmot zum Thema: »Der Verleger schielt mit einem Auge nach dem Schriftsteller, mit dem anderen nach dem Publikum. Aber das dritte Auge, das Auge der Weisheit, blickt unbeirrt ins Portemonnaie.«

Haben Zuschussverlage in Zeiten, in denen Self-Publishing zum Kinderspiel wird, überhaupt noch Überlebenschancen?

Verlage, die Self-Publishern Dienstleistungen anbieten, haben wie vor 30 Jahren beste Überlebenschancen, wenn sie die Bedürfnisse der Zielgruppe kennen und bedienen. Gerade im digitalen Bereich, in dem das Publizieren scheinbar zum Kinderspiel wird, ist Hilfestellung dringend notwendig. Das beginnt beim Korrekturlesen, geht über Lektorat und Formatieren in die entsprechenden Dateiformate bis hin zu PR und Werbung. Die Rechteverwertung will ich gar nicht erst ansprechen. Nahezu täglich springen deshalb neue seriöse und weniger seriöse Unternehmensplattformen auf den Markt und umwerben diejenigen, die mit ihren Texten auf den Markt drängen. Es herrscht Goldgräberstimmung!

Wie schätzt du die Entwicklung ein, dass Verlage ihre Rolle als Gatekeeper zunehmend einbüßen?

Auch dem klassischen Feuilleton dämmert inzwischen, dass im Verlagswesen ein Wandel stattfindet. Im Deutschlandfunk hieß es gerade in einer Rezension meiner Autobiographie »Der Bücherprinz«: »Ein Verleger, der sich abschafft und dabei auch noch Spaß empfindet.« Damit ist meine persönliche Position gut getroffen.

Wir erleben derzeit die Ära des selbstbestimmten Publizierens. Erstmals in der Geschichte des geschriebenen Wortes gewinnt die Autorenschaft: Sie kann im Ergebnis der digitalen Revolution zensurfrei am Markt teilnehmen. Aus Bittstellern, die bislang an den Toren der etablierten Verlage kratzten und sich im Erfolgsfall deren geschmacklichen und ökonomischen Vorgaben anpassen mussten, sind über Nacht selbstbewusste Publizisten geworden. Autoren werden zu Herren ihres eigenen Schicksals und erlösen Tantiemen, die ihnen kein klassischer Buchverlag in dieser prozentualen Höhe bietet.

Der moderne Autor kommt ohne die klassischen Torwächter eines vermeintlichen Zeitgeistes aus. Er macht sein eigenes Ding, über dessen späteren Erfolg die Leserschaft direkt entscheidet. So wurden erstmals in der Geschichte des Verlagswesens im Jahre 2008 weltweit mehr selbst verlegte Bücher herausgegeben als solche, die über Verlage in den Markt gelangten. Im Jahr 2009 wurden bereits 76 Prozent aller Bücher im Eigenverlag veröffentlicht, wobei die Zahl der von Verlagen produzierten Bücher zurückging.

Für Deutschland gibt es keine vergleichbaren Marktzahlen …

Schau dir beispielsweise die Entwicklung der Libri-Tochter Books on Demand (BoD) in Norderstedt an. Die haben 2011 um 75 Prozent zugelegt. Ebenso haben fast alle anderen Dienstleisterverlage Umsatzsteigerungen erzielt, obwohl sie von denjenigen Marktteilnehmern, die sich für etwas Besseres halten, mit dem Einzug der E-Books für tot erklärt wurden.

Hast du eine Erklärung, warum sich die Buchbranche mit den Entwicklungen vielfach so schwer tut?

Rupis erste Liebe © W. R. Frieling

Rupis erste Liebe © W. R. Frieling

Die Buchbranche tut sich ebenso schwer mit den digitalen Herausforderungen wie es seinerzeit die Musikindustrie tat. Sie beginnt nur Jahrzehnte später, die Veränderung der Welt wahrzunehmen. Statt nun als Langschläfer von denjenigen zu lernen, die bereits viel Lehrgeld gezahlt haben, meinen die Buchmacher, sie seien etwas Besonderes und wollen alle Erfahrungen selbst machen.

Eine Branche, die sich seit Jahrhunderten ihrer Pfründe sicher war, erlebt mit der digitalen Revolution den Einzug eines trojanischen Pferdes in ihre heiligen Hallen: Plötzlich machen Leute Umsatz und bestimmen das Geschehen mit, von denen sie nie zuvor gehört oder gelesen haben. Noch schlimmer: Manche dieser Marktteilnehmer hatten teilweise zuvor an ihre Türen geklopft und wurden als ungeeignet abgewiesen. Was jedoch am schlimmsten wirkt, ist die eigenständige Rolle des Leser: Jetzt taucht der Leser, der bisher durch Werbung und mediale Kontrolle geschickt zu führen war, als eigenständige Größe auf. Und dieser Leser will zu allem Überfluss noch etwas lesen, das die Verlage für schlecht befanden. So gerät das Selbstverständnis der Buchwelt samt des mit ihr verbandelten Hochfeuilletons ins Rutschen.

Eine weitreichende Revolution, die sich nicht allein auf die Produktionsprozesse und Distributionswege beschränkt, sondern auch die Kulturtechniken des Lesens und Schreibens erfasst…

Die Grenzen zwischen Lesen und Schreiben werden porös. Leser entwickeln sich gleichzeitig zu Produzenten und werden selbstständig. Das bedeutet Kontrollverlust und daraus folgernd auch Umsatzrückgänge für diejenigen, die bislang ausschließlich mit der Macht des Marketings Bestseller vorherbestimmen konnten. Es geht um viel mehr, als gedruckte Bücher auch in digitaler Form lesen zu können oder das Papierbuch durch das Elektrobuch zu verdrängen: Es geht um eine andere Art des Schreibens, Veröffentlichens und Lesens, die am Horizont winkt!

Kritik entzündet sich auch am Börsenverein, dem nachgesagt wird, mehr darauf Wert zu legen, angestammte Pfründe zu wahren anstatt sich den Herausforderungen zu stellen. Wie siehst du das?

Der Börsenverein als Standesorganisation war schon immer berüchtigt, sich ausschließlich für die Abwehr von vermeintlichen Gefahren einzusetzen, die vor allen seinen großen und kapitalkräftigen Mitgliedsbetrieben drohen, statt sich um Innovationen und Fortschritt zu kümmern. Interessen kleinerer Mitgliedsbetriebe wurden nie ernst genommen; Versuche junger Unternehmen, neue Wege zu gehen, wurden belächelt und totgeschwiegen. Der Börsenverein ist ein Verhinderungsclub statt Visionär und Wegbereiter zu sein. Es wird höchste Zeit, dass sich dieser Veteranenverein neu erfindet, um wieder attraktiv zu werden.

Eine klare Ansage, Rupi. Was stößt dir bei den Diskussionen rund um die Zukunft des Buches besonders auf?

Das aktuelle aufeinander Einschlagen der Holz- und Elektrobuch-Fraktionen nervt. Es ist ähnlich unproduktiv wie das Gerede zwischen der »hochwertigen« Presse und der Internet-»Journaille«, das sich glücklicherweise inzwischen gedreht hat.

Hat sich das wirklich gedreht?

Im Journalismus hat sich das Blatt gedreht. Bei den Buchautoren noch nicht, was natürlich auch daran liegt, dass viele »Indies« unvorstellbaren Müll produzieren, keinen Wert auf sprachliche Qualität, Rechtschreibung und Grammatik legen sowie streckenweise – der aktuelle Fall Martina Gercke belegt es anschaulich – auch noch von anderen abschreiben.

Insgesamt wäre ein Miteinander zum Wohle des Lesens sinnvoller. Ein Buch entfaltet seinen Zauber stets erst im Kopf des Lesers: Da muss es hinein. Dabei ist zweitrangig, ob es auf Papier oder im Rechner gelesen beziehungsweise als Audiobuch vorgelesen wird.

Ich kann allerdings gut verstehen, wenn der kleine Sortimentsbuchhändler an der Ecke sauer auf die E-Book-Entwicklung reagiert, die er als existenzbedrohend wahrnimmt. Der Börsenverein lässt ihn auch allein, statt innovativ zu helfen. Ebenso gut verstehe ich die Verbitterung der Kleinverleger, wenn ein Buchhändler nur Bücher will, die vom Barsortiment geführt werden, das wiederum kleine Unternehmen ungern listet.

Was glaubst du, wie wird sich der Buchmarkt zukünftig entwickeln?

Publishers Weekly nannte am 14. April 2010 die stolze Zahl von 764.448 Titeln, die anno 2009 durch Self-Publisher veröffentlicht wurden. Dieser Position standen 288.355 Bücher aus Verlagen gegenüber. Insgesamt wurden damit in dem Jahr mehr als eine Million Bücher herausgegeben, mehr als je zuvor.

Ursache für diese explosionsartige Veränderung der Buchlandschaft ist der technologische Fortschritt. An erster Stelle stehen die Digitalisierungsprozesse von Satz und Druck und die damit verbundene bedarfsorientierte, kostengünstige Print-On-Demand-Technologie. Bücher müssen heutzutage erst gedruckt werden, wenn tatsächlich jemand danach verlangt, und das spart nicht nur Papier, sondern auch Lagerhaltungskosten und eine Menge teurer Logistik.

Durch die Entwicklung von E-Books, die inzwischen mehr können als Seiten im starren PDF-Format abzubilden, entsteht eine zweite, vollkommen neue Front des Lesens und Publizierens. Diese schockiert mit ihrer enormen Kraft die mehrheitlich hilflos reagierende Verlagswelt.

Marshall McLuhan prägte 1962 den Begriff der Gutenberg-Galaxis, in der die Welt grundlegend vom Buch als Leitmedium geprägt ist. Das Gutenberg-Zeitalter wird auch als Periode der »Explosion« bezeichnet. Damit ist die Ausweitung des Menschen in den Raum gemeint, allerdings ist sie noch gekennzeichnet durch ein allgemein langsames Tempo, durch eine Verzögerung der Reaktionen auf die Aktionen. Diese Verzögerung wird erst abgelöst durch das »Zeitalter der Implosion«, auch »elektronisches Zeitalter« genannt, das wir mit dem Web 2.0 erleben dürfen.

Und wie sieht deine Vision vom elektronischen Zeitalter aus?

Das elektronische Zeitalter wird uns mit vollkommen neuen Formen des Lesens konfrontieren. Das, was wir derzeit als E-Books kennen, ist dabei nur der allererste Entwicklungsschritt. Das klassische Buch in seiner fest gebundenen Form löst sich auf; Texte agieren immer stärker mit Bildern, Klängen und Interaktionen. Lesen wird zum Gemeinschaftsprozess, bei dem der einzelne Leser nicht mehr im stillen Kämmerchen schmökert, sondern in Kontakt mit Menschen kommt, die ebenfalls das Buch lesen oder gelesen haben und mit ihnen kommuniziert. Der Leser wird das Geschehen in einem Roman mitentscheiden können. Er wird, ähnlich wie in einem Computerspiel, per Klick bestimmen, ob der Held stirbt oder lebt; ob Susi mit Karsten, Rüdiger oder Yvonne ins Bett geht.

Und der Autor von morgen?

Rupi beim Twittwoch  © W. R. Frieling

Rupi beim Twittwoch © W. R. Frieling

Auch die Rolle des Autors wird sich in diesem Prozess viel stärker ändern als es derzeit vorstellbar ist. Wir werden sehr bald Hilfsmittel wie eine »Bestseller-Writing-App« in Händen halten, die das maßgeschneiderte Schreiben von Büchern, die unmittelbar auf die Bedürfnisse des Lesers abgestimmt sind, ermöglicht. Bereits heute schreiben Maschinen kürzere journalistische Texte, und keiner merkt es! In Kürze werden diese Roboter auch Prosa verfassen. Auf Autoren aus Fleisch und Blut warten damit vollkommen neue, bislang undenkbare Aufgaben und Herausforderungen.

Schließlich wird das Verhältnis von Leser und Lesestoff ein anderer: Wir werden bereits heute von den Büchern, die wir digital lesen, »beobachtet«; die Lesegeschwindigkeit, die Häufigkeit des Umblätterns, das Unterstreichen (Markieren) von Textpassagen werden von den Readern und Apps an die entsprechenden Plattformen übermittelt und dort ausgewertet. – Ja, wozu wohl? – Diese Daten sind extrem wertvoll, weil sie exakt messbare Aufschlüsse über das Leseverhalten geben, die wiederum in neue Buchprojekte eingearbeitet werden können.

Muss uns das nicht auch ängstigen?

Ich kann gut verstehen, wenn manch einer sorgenvoll in die Zukunft schaut. Aber die Kulturgeschichte der Menschheit zeigt auch, dass es stets Bedenken und Mahner bei Innovationen gab, bevor sich diese durchsetzen konnten. Als Gutenberg den Druck mit beweglichen Lettern erfand, jammerten Adel und Kirche, ein Werteverfall finde statt. Dabei wurden vollkommen neue Werte, die seit Jahrhunderten allseits anerkannt sind, geschaffen. Ich vermute stark, dass es jetzt wieder so sein wird.

Würdest du heute abermals mit einem Verlag an den Start gehen? Wenn ja, wie sähe ein zeitgemäßes Geschäftsmodell aus?

Jederzeit würde ich, entsprechende jugendliche Frische vorausgesetzt, wieder einen Verlag gründen. Ich kann mir keine schönere Beschäftigung vorstellen, als Tag für Tag mit interessanten Menschen zu kommunizieren, ihre Fantasien, Träume und Ideen kennen lernen zu dürfen und daraus innovative Projekte zu machen.

Du hast vor zehn Jahren doch den Internet-Buchverlag …

Nach meinem Ausstieg aus dem Verlag Frieling & Partner gründete ich 2003 den Internet-Buchverlag, mit dem ich Texte in der Tradition des »New Journalism« verbreiten wollte. Dabei handelt es sich um einen Reportagestil, der Mitte der Sechziger Jahre aufkam und von dem Schriftsteller Tom Wolfe begründet wurde. Truman Capote, Norman Mailer und Gay Talese und der »Gonzo«-Journalist Hunter S. Thompson sind weltberühmte Vertreter des Stils.

Schließlich interessiere ich mich für dadaistische und expressionistische Lyrik wie die von Jakob van Hoddis, dessen »Weltende« ich als E-Book verlegt habe. Leider gibt es im deutschsprachigen Raum wenig Autoren, die in diese Genres passen und zugleich unterhaltsam erzählen können; deshalb nutze ich den Verlag als Experimentierbühne für eigene Veröffentlichungen im Print-on-demand und E-Book. Alles, was ich vorher im Printbereich gelernt und getestet habe, kann ich hier nun erneut einsetzen und auf Tauglichkeit prüfen.

Und du behältst dein Wissen und deine Erfahrungen nicht für dich …

Im Ergebnis war ich im Frühjahr 2011 beispielsweise sofort am Start mit meinem Ratgeber »Kindle für Autoren oder: Wie veröffentliche ich ein Buch auf Amazon.de?«, von dem im Laufe eines Jahres 12.000 Exemplare verkauft wurden. Und wenn Erfolgsautoren wie Nika Lubitsch, Carina Bartsch und Jonas Winner heute öffentlich sagen, dass dieses Buch ihnen den Einstieg ins E-Book-Geschäft bescherte, dann macht mich das natürlich auch stolz und glücklich.

In Teil 2 des Gesprächs erfahren wir u.a., warum der überzeugte E-Booker Rupi mit der Welt von gestern gebrochen hat, wieso er auf den Platzhirsch Amazon setzt und worauf man als Self Publisher besonders achten sollte. – Zu lesen ist das hier ab Freitag, den 14. Dezember.

„Soap“. Eine Seifenoper – oder ein Lehrstück über Selfpublishing?

Michael Meisheit ist ein erprobter Autor, der seit 15 Jahren erfolgreich Drehbücher für die populäre Fernsehserie „Lindenstraße“ schreibt, die immer sonntags um 18:50 Uhr im Ersten läuft. Deutschlands älteste Seifenoper hat eine Stammkundschaft von ca. 3 Millionen Zuschauern. Meisheit ist als ihr Autor bekannt und im Mediengeschäft entsprechend erfahren.

Spannend finde ich, dass der gut vernetzte Drehbuchautor trotz seiner Bekanntheit auch einer von denen ist, die ihre Bücher nicht auf herkömmlichen Wegen veröffentlichen. Wie viele andere  wog er Chancen und Risiken hinsichtlich Selfpublishing ab, um den Schluss zu ziehen, dass die Vorteile überwiegen. Mehr noch, er geht sogar einen Schritt weiter. In einem Kommentar bei SteglitzMind erklärte er unumwunden, dass ihm „die Frage, ob ein Verlag den Roman genommen hätte, fast albern vorkommt.“

Da ich dem näher auf den Grund gehen wollte, habe ich mich eingehender mit seinem Debüt als Indie-Autor beschäftigt. Ist seine Geschichte exemplarisch? Was prädestiniert ihn als Selfpublisher?

Coverentwurf (c) Henk Wyniger_2

Diese Idee wurde präferiert © Coverentwurf: Henk Wyniger

Für seine Entscheidung, seinen Roman mit dem Titel „Soap“ auf eigenen Wegen herauszubringen, sprechen meines Erachtens eine Reihe von Faktoren. Er ist ein eingeführter Autor. Bedingt durch seinen Job verfügt er über einige persönliche Kontakte zu Journalisten. Er experimentiert gerne und nutzt die neuen Möglichkeiten seit Jahren, die das Netz Autoren bietet. Er hat schon gebloggt als es hierzulande noch kaum einer tat, nämlich vor mehr als zehn Jahren auf jetzt.de. Mit seinem Projekt „Vanessa X“ startete er im August 2011 die erste deutsche Science-Fiction-Blog-Novela. Er hat außerdem ein professionelles Team im Rücken, das seine Projekte ehrenamtlich unterstützt, und – schlussendlich – existierte auf seinem Rechner seit zehn Jahren ein Ordner, in dem sich das Romanmanuskript befand.

Als Meisheit sich im Sommer dieses Jahres darauf besann, waren die technologischen Voraussetzungen für Eigenverleger gegeben und inzwischen relativ leicht handelbar. Die ersten deutschen Selfpublisher machten mit Erfolgen öffentlich von sich reden. Das spornt natürlich an, Titel aus eigener Kraft auf den Markt zu bringen. Erfolg versprechend war in seinem Fall in meinen Augen auch, dass „Soap“ eine klar umrissene und zudem reichweitenstarke Zielgruppe hat. Erzählt wird darin von einer fiktiven Fernsehserienproduktion namens „Schöneberg“, wo der junge Filmstudent Lukas als Serienautor eine Beschäftigung findet. Der Romantitel „Soap“ ist Programm. Nicht allein, weil die Erlebnisse des Helden wie eine Seifenoper daherkommen, auch die strukturellen Elemente spielen gekonnt mit Soap-Stilmitteln. Womit der unterhaltsam-spritzige Roman Fans der „Lindenstraße“, Liebhaber von Soap bzw. von Fernsehserienproduktionen und natürlich all jene anspricht, die sich für einen Blick hinter die Kulissen von Fernsehserien interessieren.  – Gleichwohl dürfte sich Meisheit bewusst gewesen sein, dass die Produzenten der „Lindenstraße“ seinen Alleingang mit „Soap“ nicht promoten würden.

Auch getrieben vom Impuls, dass Autoren sich ihr Publikum neu erschließen müssten, beschloss Meisheit, die Arbeit am Text, das Prozedere der Publikation und das sich anschließende Buch-Marketing öffentlich zu machen. Für seine Gehversuche als Indie-Autor nutzte er ab 14. Juli 2012 seinen Blog. Ebenso zum Einsatz kam sein Twitteraccount, das seit Mai 2009 existiert, und Facebook, wo für „Soap“ im Oktober 2012 eine Fanseite eingerichtet wurde. – Der Entscheidung, auf diese Kanäle zu setzen, kam sicherlich entgegen, dass sich „Lindenstraßen“-Fans und Soap-Liebhaber gerne in Foren und Netzwerken aufhalten. Bei Twitter hat die „Lindenstraße“ ein eigenes Account und Meisheits Blog besuchen Fans der Serie seit jeher gerne.

Das Cover kam auch nicht an  © Entwurf: Henk Wyniger

Dieses Cover fiel durch © Entwurf: Henk Wyniger

Von Anfang an war es sein Ziel, interessierte Leser aktiv in den Entstehungsprozess einzubinden. Deshalb veröffentlichte er nicht nur Kapitelauszüge und Posts über die Genese des  Projekts, er regte vielmehr fortlaufend Diskussionen an. So wurde etwa gemeinsam für den Protagonisten ein Name gesucht. Auch wurde mit ihnen darüber diskutiert, wie viel Sex bzw. nackte Haut sein dürfe oder ob eine auktoriale Erzählhaltung („Klugscheißer“) durch den Roman trüge. Testleser übernahmen Lektorat und Korrektorat. Ohne das Team hätte „Soap“ heute beispielsweise einen völlig anderen Umschlag. Das Cover, das Meisheit und sein Illustrator Henk Wyniger präferiert haben, fiel bei der Abstimmung glatt durch.

Von den günstigen Startbedingungen einmal abgesehen, scheint mir Michael Meisheit in mancherlei Hinsicht prototypisch für eine neue Selbstverlegergeneration zu sein. Sie sind zumeist internetaffin und schlagen auch deshalb selbstbewusst innovative Wege ein, weil sie von den Möglichkeiten fasziniert sind, die das Internet Autoren bietet. Ein schmales Budget machen sie durch originelle Ideen und innovative Wege wett. Dass sie dem klassischen Verlagswesen absagen, hat vielfach auch mit einschlägigen Erfahrungen zu tun. So auch bei Michael Meisheit, dessen Roman vor zehn Jahren einer Literaturagentin zwar zu Gefallen war, weil der Stil überzeugte, das Soap-Sujet allerdings nicht. Medienthemen, so deren Ansage, würden im Roman nicht funktionieren. – Ein Stachel im Fleisch?

Allerdings beschränkt sich der „Selbstversuch“, wie Meisheit sein „Soap“-Projekt nennt, nicht nur auf den Publikationsweg. Nebenbei stellt der Indie-Autor damit auch herkömmliche Produktions- bzw. Schreibprozesse in Frage. Seit seinem Versuch mit dem Blogroman „Vanessa X“ experimentiert er im Netz mit Erzählformen, -arten und -haltungen. „Vanessa X ist ein erster Versuch, durch Links und auch durch die Interaktion mit Social-Media-Plattformen eine fiktive Welt zu schaffen, die über einen bloßen Text hinausgeht“, wie er im Oktober 2011 in einem Gespräch mit der Klappentexterin u.a. ausführte. – Seiner Entscheidung für eine interaktive Arbeitsweise im Schulterschluss mit Blogbesuchern, Fans, Followern und Lesern, mag freilich auch entgegengekommen sein, dass Serienautoren im Team schreiben. Mit tradierten Vorstellungen vom Künstler, der sein Werk im Alleingang und in Abgeschiedenheit verfasst, haben diese Autoren wohl eher nichts gemein.

Schön finde ich, dass Michael Meisheit sein Debüt als Indie-Autor auf seinem Blog von Anfang an dokumentiert hat. So kann man dort nicht nur die Genese des Romans bis zum Erscheinen als Print und eBook verfolgen. Auch das „Auf und Ab“ ist dort festgehalten: Welche Publikationsformen und -plattformen eignen sich, was dürfen Taschenbuch und eBook kosten, ist das Ende stimmig? Regelrecht mitfiebern muss man beim Blogpost vom 20. November, in dem nachzulesen ist, wie Meisheit sein Buch bei Amazons Tochterunternehmen CreateSpace hochlädt. Umso größer ist die Erleichterung, als er sein gedrucktes Buch endlich in Händen hält. Das Bild, das er am 23. November postet, zeigt einen rundum zufriedenen Selfpublisher, der seinen Erstling stolz präsentiert.

Ich freue mich sehr, dass Michael Meisheit hier demnächst Rede und Antwort steht. Dann werden wir u.a. von ihm erfahren, was er fürs Buchmarketing tut und wie sich der Alleingang mit „Soap“ rechnet.

Die Gesellschaft bekommt jene Bücher, die sie verdient. – Ein Gastbeitrag zum Thema Self Publishing von Richard K. Breuer

Der Beitrag, wie buchaffine Blogger zu Publikationen von Self Publishern stehen, trieb um. Kolportieren Blogger Vorurteile und Klischees? Wieso existieren Berührungsängste? Ist nur das Gold, wofür eingeführte Verlage stehen? Woher dieses Geschmäckle, das Selbstverlegtem anheftet? Braucht es ein Gütesiegel?

Aufgeworfen in den Kommentaren wurde allerdings auch die Frage, wie Indie-, Hybrid-Autoren und autonome Verleger mit Hürden und Vorbehalten umgehen. – Das wollte ich ein wenig genauer wissen. Nun freue ich mich sehr darüber, dass Richard K. Breuer, Eigenverleger, Autor und Blogger, seine Überlegungen zum Thema Self Publishing hier mit uns teilt. Seine Darlegungen eröffnen (in freier Übersetzung) ein Zitat von Neil Postman; es stammt aus dessen Eröffnungsrede zur Frankfurter Buchmesse 1984:

„Was Orwell fürchtete, war der Moment, wo Bücher verboten werden würden. Was Huxley fürchtete, war der Moment, wo es keinen Grund mehr geben würde, überhaupt Bücher zu verbieten, weil es niemanden mehr gäbe, der sie lesen hätte wollen.“ („What Orwell feared were those who would ban books. What Huxley feared was that there would be no reason to ban a book, for there would be no one who wanted to read one.“)

Nun aber zu Richard, dem ich herzlich danke sage!

Richard K. Breuer © Laurent Ziegler

„Es ist nicht leicht, einen Beitrag zum Thema Self Publishing zu schreiben. Nicht, weil ich nichts zu sagen hätte. Ganz im Gegenteil. Vielmehr deshalb, weil ich als Eigenverleger immer in den Verdacht gerate, mich und meine Bücher in den Vordergrund zu stellen. Es bleibt somit dem Leser an dieser Stelle überlassen, ob er den Beitrag als „Eigenwerbung“ abtut oder als Möglichkeit wahrnimmt, sich über die Gegebenheiten des Verlagswesens zu informieren. Freilich, ich bin kein Insider, eher ein Zaungast oder – wie man dem Eigenverleger gerne unterstellt – der Nichteingeladene einer fetzigen Party. Kommen wir gleich mal zu meinen Überlegungen. Sie sind freilich nicht vollständig, sollten aber als Diskussionsgrundlage dienlich sein.

*

Ein self publisher wird vor allem dann wahrgenommen,

wenn er den Zahlen- und Geldfetisch der Gesellschaft befriedigt,

wenn er es schafft, von den Mainstream-Medien akzeptiert zu werden,

wenn er bereits eine renommierte Marke ist (Celebrity-Cult),

wenn er bereit ist, viel Geld für Werbung und Marketing in die Hand zu nehmen,

wenn er Teil einer verschworenen Community ist,

wenn er den Schein aufrechterhält, mit seinen Büchern erfolgreich zu sein,

wenn er zum „Geheimtipp“ avanciert und es hip ist, „Außenseiterliteratur“ zu lesen.

.

Ein self publisher wird vor allem dann kommerziell erfolgreich sein können,

wenn er sich der Ratgeberliteratur zuwendet,

wenn er sich der Feel-good-Literatur zuwendet,

wenn er sich dem Sachbuchbereich zuwendet,

wenn er ein „herzeigbarer Selfmademan“ ist,

wenn er ein großes persönlich-familiäres Netzwerk um sich hat,

wenn er eine gesellschaftliche Nische bedient,

wenn er eine noch nicht ausgereizte Subkultur bedient,

wenn er den Schein aufrechterhält, in einem Bereich ein Experte/Meister zu sein,

wenn er bereit ist, den Wert eines Kleinwagens in sein Projekt zu investieren,

wenn er zumindest seinen Text einem Korrektorat angedeihen lässt,

wenn er den Umschlag nach professionellen Gesichtspunkten herstellt.

.

Ein self publisher wird kommerziell erfolglos sein,

wenn er sein Augenmerk nur auf den belletristischen Bereich legt,

wenn er den Fokus auf Qualität legt, die der gewöhnliche Leser nicht bemerken kann,

wenn er mit den Produkten von Verlagshäusern in Konkurrenz steht,

wenn er intensivst die Social Media Kanäle bespielt und dabei unpersönlich wird,

wenn er nicht den Schein aufrechterhalten kann, mit seinen Büchern erfolgreich zu sein,

wenn er stupide dem traditionellen Verlagswesen hinterherhechelt,

wenn er mit dem traditionellen Verlagswesen aneckt.

.

Ein self publisher wird innerlich erfolgreich sein,

wenn er einer „inneren Stimme“ folgt bzw. einen Musenkuss hatte,

wenn er das Maximum aus den Gegebenheiten herausholte,

wenn er neue Wege ausprobiert,

wenn er sich von äußeren Umwelteinflüssen nicht kleinkriegen lässt,

wenn er stetig dazulernt,

wenn er nicht aufgibt,

wenn er sein schlimmster Kritiker bleibt,

wenn er zumindest einen Leser gewinnen konnte,

wenn er sich nicht dem Geld- und Zahlenfetisch ausliefert.

*

Das traditionelle Verlagswesen, so lesen wir, kämpft ums Überleben und um Marktanteile. So mag es nicht verwundern, wenn die größten Verlags- und Medienhäuser fusionieren. In der zweiten Hälfte des Jahres 2013 soll Random House mit Penguin Books verschmelzen. Wenn man sich ansieht, welch internationales Medienkonglomerat die Muttergesellschaft von Random House ist, kann einem schon recht schwindlig werden, ob der Zahlen und Ziffern. Fakt ist aber, dass Self Publishing einer der am schnellsten wachsenden Sektoren im Verlagswesen ist. In den USA wurden 2010 etwa 133.000 Titel im Eigenverlag publiziert. Ein Jahr später waren es bereits 211.000 Titel. Es ist somit nur folgerichtig, dass die großen Verlagshäuser auf diesen Zug aufspringen und Self-Publishing-Portale übernehmen. Ob das am Ende gut oder schlecht für den Self Publishing Bereich ausgeht, ist nicht vorherzusehen. Die Geschichte lehrt uns, dass Konzerne eine Konkurrenz, die im Wachsen ist, übernehmen, um sie dann in ihrem Sinne zu formen. Beispielhaft sei hier die „General Motors streetcar conspiracy“ erwähnt.

Ein Bestseller wird gemacht und kostet einen Verlag viel Geld. Das wusste schon Italo Calvino, als er in den 1960ern Jahren nach New York eingeladen wurde und dort bemerkte, dass der amerikanische Verlag für sein neues Buch einen Werbeetat von gerade einmal 4.000 Dollar (nach heutigem Geldwert) veranschlagte. Calvino war entsetzt und meinte, dass man mindesten 4 Millionen Dollar locker machen müsste, um auf dem Markt etwas bewegen zu können. Deprimiert stellte er fest, dass sich die großen Verlage in den USA vorrangig um ihre Bestseller kümmern und ihnen gar nichts daran läge, ein Buch auf dem Markt „durchzusetzen“. [Quelle: Italo Calvino, Eremit in Paris, Autobiographische Blätter, München 2000, S. 34]

Wir sehen, ohne dass ich es wollte, bin ich bereits beim lieben Geld angelangt. Am Ende, das mag jetzt keine große Neuigkeit sein, dreht sich alles ums Geld. Auch wenn das Verlagswesen so tut, als würde es um die schöne Literatur gehen, Fakt bleibt, dass jedes Unternehmen gezwungen ist, profitabel zu sein – ansonsten würde es vom Markt verschwinden. Das Buch wird zum „Non-Food“-Produkt. Gewiss, manch kleine und mittlere Verlagshäuser sehen im Buch noch immer ein kulturelles Erbe, das erhalten werden soll. Es ist interessant zu beobachten, wie sich diese Verlage gegen Self Publisher abgrenzen und zur Wehr setzen, während sie von den Verlagskonzernen und dem Handel an die Wand gefahren werden. Die Frage, die ich mir hin und wieder stelle, scheint mir berechtigt: Worin liegt der Unterschied zwischen einem engagierten Kleinverlag, der eine Hand voll Mitarbeiter beschäftigt und einem Eigenverleger? Beiden ist gemein, dass sie dem „Produkt“ Buch eine sehr persönliche Note geben und voller Hingabe und Leidenschaft zu Werke gehen. Dass diese persönliche Note, diese Leidenschaft, im grauen Alltag des Wirtschaftslebens untergeht, wo am Ende des Tages die Kassa stimmen muss, dürfte hinlänglich bekannt sein.

Es ist weder der literarische Wert noch die Qualität des Produktes, die im Verlagswesen zählen, sondern die Quantität. Jetzt wird es persönlich. Wie oft werde ich gefragt, ob ich von meinen selbst verlegten Büchern leben könne. Wie oft werde ich gefragt, wie viele Bücher ich denn so in der Woche/im Monat/im Jahr/insgesamt verkaufe bzw. verkauft habe. Immer geht es zu aller erst um Zahlen. Meine Antworten bleiben vage und unbestimmt. Das hat den Grund, weil ich weiß, dass meine „Verkaufszahlen“ in den Ohren des Fragestellers immer zu gering sind. Ich weiß auch, dass ich dadurch im „Geschäftswert“ sinke. Würde ich also täglich tausende Stück meiner Bücher verkaufen, es würden sich eine Vielzahl an Medien- und Geschäftsleuten und Bewunderern einstellen. Ich glaube, dass dieser Zahlen- und Geldfetisch mit der Amerikanisierung des europäischen Kontinents zu tun hat. Es war ein Wiener Dichter, der in den 1830ern in die USA auswanderte, aber es keine zwei Jahre dort aushielt. Er stellte mit Abscheu fest, dass es dem geschäftigen Amerikaner nur um „Dollars ginge“. [Lenau’s Leben, Großentheils aus des Dichters eigenen Briefen von seinem Schwestermanne Anton X. Schurz. Erster Band. J. G. Cotta’scher Verlag, Stuttgart/Augsburg 1855, S. 196ff]

Aber was immer der Grund für diesen Zahlen- und Geldfetisch auch sein mag, er hat Besitz vom Menschen genommen. Das Verlagswesen und ihre „Produkte“ sind nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Frei nach dem Motto: Die Gesellschaft bekommt jene Bücher, die sie verdient.

Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass ein freiwilliges Zusammenspiel zwischen self-publishing-Autoren auf der einen Seite und „privaten Buchherstellern“ auf der anderen Seite entsteht. Mit anderen Worten, es würden sich Lektoren, Grafiker, Testleser, Marketing- und Medienleute finden, die in ihrer Freizeit gemeinsam Bücher herstellen und dabei dem kommerziellen Aspekt nur eine geringe Bedeutung beimessen. Es wäre demnach die Demokratisierung des Verlagswesens. Die Möglichkeiten dazu sind heutzutage längst gegeben, es braucht nur noch die Bereitschaft jedes Einzelnen, seinen Teil zu diesem Projekt beizutragen. Ich sage es deshalb, weil ich in den letzten Jahren bemerkt habe, wie einseitig und unausgewogen der Mainstream-Medien-Apparat und die großen Verlagshäuser die Welt „befruchten“. Von diesen dürfen sich die Bürger keine „zweite Aufklärung“ erhoffen. Deshalb schließe ich mit einem Zitat von Pulitzer-Preisträger und ehemaligen New York Times Korrespondenten Chris Hedges:

„Der Sinn von ‚Brot und Spiele‘ ist jener, wie Neil Postman in seinem Buch Amusing Ourselves to Death sagt, abzulenken, emotionale Energie auf das Absurde und Triviale und Spektakuläre zu lenken, während man rücksichtslos seiner Rechte beraubt wird. Ich habe mich gefragt: Hat Huxley recht oder hat Orwell recht? Es stellt sich heraus, dass sie beide recht haben.“ („The purpose of bread and circuses is, as Neil Postman said in his book Amusing Ourselves to Death, to distract, to divert emotional energy towards the absurd and the trivial and the spectacle while you are ruthlessly stripped of power. I used to wonder: Is Huxley right or is Orwell right? It turns out they’re both right“, übersetzt nach: David Barsamian, Interview with Chris Hedges, in: The Progressive Ausgabe August 2011, online abrufbar.“)

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Richard K. Breuer lebt und arbeitet in Wien. Wirtschaftlich geprägte Schulausbildung. Verschiedene Jobs im Banken- und Softwarebereich. Seit 2003 freiberuflicher Schriftsteller, Dramatiker, Drehbuchautor, Designer, Blogger und Verschwörungstheoretiker. Absolvent des zweisemestrigen Verleger-Semi­nars in Kooperation mit der Universität Wien bei Prof. Mazakarini. Verleger seit 2008.

Veröffentlichungen: Die Liebesnacht des Dichters Tiret (2008), Rotkäppchen 2069 (2008), Schwarzkopf (2009), Brouillé (2010), Madeleine (2012). Autor der Woche (ORF Radio NÖ). Die Krimikomödie Schwarzkopf wurde in der Leipziger Volkszeitung und Falter Buchbeilage besprochen. Das Magazin hörBücher vergab in der Ausgabe 4/11 für Schwarzkopf die höchste Benotung („grandios“).

Dr. Scherr vom Wiener Literaturhaus attestiert dem Eigenverlag im öster. Börsenblatt 1/10 eine „beeindruckende Professionalität“ und meint: „So mancher Kleinverleger könnte sich hier die eine oder andere Anregung in puncto Marketing holen.“ Für 2012 ist das kontroversielle Sachbuch „Con$piracy“, der Tagebuchroman „Der Fetisch des Erik van der Rohe“ und „Penly“ geplant. Die veröffentlichten Bücher sind im Fachhandel als Taschenbuch bzw. im E-Book-Format erhältlich. – Mehr zu ihm auf seiner Webseite.