Autoren der Gegenwart. Odessa: Stadt der Literatur (8)

„Es geschah, es geschah in Odessa!“, heißt es überschwänglich in Wladimir Majakowskis frühem Gedichtzyklus „Wolke in Hose“ (1915). Das ist nicht die einzige Hymne, die Künstler auf die Stadt am Schwarzen Meer gesungen haben. Geprägt vom liberalen Geist und mediterranem Klima hat die Stadt – neben den literarischen Zentren Lviv (früher: Lemberg) und Ivano-Frankivsk (früher: Stanislaw)viele Autoren hervorgebracht. Und selbstverständlich viele angezogen. Ihre Werke haben das Bild von Odessa geprägt.

Installation „Zwölf Stühle“ in Odessa © Sabine Münch

Ich bin auf Autoren gestoßen, die die Umstände der Zeit gebrochen haben, aber auch auf solche, die widerstanden oder einfach Glück gehabt haben. Auf Dissidenten, Kriegsgefallene und Opfer der stalinistischen Säuberungen. Und so ist eine Reihe über die Kinder und Besucher einer Stadt entstanden, die von den Einheimischen liebevoll „Mama Odessa“ genannt wird. Keine Kurz-Biographien im klassischen Sinn, die Leben und Werk würdigen. Sondern mal längere, mal kürzere Skizzen, die herausstellen möchten, welchen Bezug die Porträtierten jeweils zu Odessa hatten. Eine, wie ich meine, bunte Sammlung, die manchen auch überraschen könnte.

Den Anfang haben drei in Odessa geborene Schriftsteller gemacht, die literarische Kultfiguren geschaffen haben: Isaak Babel in seinen „Geschichten aus Odessa“ den Gauner Benja Krik und das Autorenduo Ilja Ilf und Jewgeni Petrow im Kultroman „Zwölf Stühle“ den Hochstapler Ostap Bender. Dann wurden einige „Großväter“ der modernen jiddischen Literatur und Autoren skizziert, die unfreiwillig in Odessa gelandet sind. Es folgten einige Schriftsteller, die politisch nicht genehm gewesen sind, einst berühmte Namen, die in Vergessenheit geraten sind, und einige literarische Entdeckungen. Nach den Klassikern, die eng mit Odessa verbunden waren, kommen – im letzten Teil dieser Reihe – einige Autoren der Gegenwart zur Sprache.

 

In Odessa geboren ist Irina Borrisowona Ratuschinskaja (1954 – 2017). Sie beendete an der Nationalen I.-I.-Metschnikow-Universität ein Studium der Physik, arbeitete als Hochschulassistentin und Grundschullehrerin. In der Heimat hatte sie keine Publikationsmöglichkeiten, erwarb sich aber als Lyrikerin im Ausland Anerkennung. Sie wurde Mitglied im Internationalen PEN, schloss sich einer Bürgerrechtsbewegung an und engagierte sich politisch mit für sie harten Konsequenzen. 1982 wurde sie wegen „antisowjetischer Propaganda“ und „Verbreitung verleumderischer Dokumente in Gedichtform“ zur damals geltenden Höchststrafe verurteilt: zu sieben Jahren verschärftem Arbeitslager und einer sich anschließenden fünfjährigen Verbannung.

1986 kam sie aufgrund internationaler Proteste frei. Nachdem man ihr die russische Staatsbürgerschaft entzogen hatte, ging sie in die USA, später nach London. Im Exil äußerte sich die Ratuschinskaja zum harten Urteil. Wegen einer so langen Haftstrafe habe sie sich eigentlich geschmeichelt fühlen können. Dies sei nämlich die erste öffentliche Anerkennung ihres literarischen Schaffens in der Heimat gewesen. 1998 kehrte sie aus dem Exil nach Russland zurück. Irina Ratuschinskaja ist im Juli 2017 in Moskau verstorben.

Ihre Erfahrungen im Gefangenenlager Baraschewo im Westen der Republik Mordwinien – wo auch die politische Aktivistin Nadeschda Tolokonnikowa der Punk-Band Pussy Roit einsaß – hat Irina Ratuschinskaja in ihren Erinnerungen „Grau ist die Farbe der Hoffnung. Bericht aus einem Frauenlager“ (1988) verarbeitet. Darin beschreibt sie auch die Solidarität der Frauen untereinander und wie sie versucht haben, ihre Würde zu bewahren und sich gegen Schikanen und erniedrigende Lebensumstände zu Wehr zu setzen. Eine Reminiszenz an die Geburtsstadt ist der Roman „Die Frauen von Odessa“ (1996)[1], der vom bewegten Schicksal dreier Familien zwischen 1905 und dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion im Juni 1941 erzählt. Die Fortsetzung „Die Kinder von Odessa“, 2004 erschienen, behandelt die Zeit der Besatzung durch die Deutschen und die Rumänen und die Mühen der Nachkriegszeit. Erzählt wird das aus der Sicht zweier Kinder; der elfjährigen Sweta und dem gleichaltrigen Aljoscha.[2]

„Am Anfang war das Meer“, heißt es in einem Gedicht des in Odessa 1970 geborenen Lyrikers und Essayisten Ilya Kaminsky. 1993 reiste er mit seinen Eltern nach Kalifornien aus, wo er Gedichte auf Englisch zu schreiben begann. Der literarische Durchbruch gelang ihm mit der 2004 erschienen Gedichtsammlung „Dancing in Odessa“, für die er unter anderem den „Writers Writing Award“ erhalten hat. Seine vielfach ausgezeichneten Gedichte liegen in vielen Übersetzungen vor. Etwa in Frankreich, Spanien, Russland und China; bislang nicht aber auf Deutsch.

Als hoffnungsvolles „post-sowjetisches“ Talent wurde der – 1948 unweit von Odessa geborene – Ilja Mitrofanov gefeiert. Leider kam er früh ums Leben, nämlich 1994 bei einem Verkehrsunfall. Hinterlassen hat er drei Kurzromane, die allesamt auch auf Deutsch erschienen sind: „Zigeunerglück“ (1992)[3], „Wassermann über Odessa“ (1993)[4] und „Der Zeuge“ (1996)[5]. Es sind Geschichten über „kleine“ Leute, die Demütigungen erfahren. Das Findelkind, das bei Zigeunern aufwächst. Geborgenheit aber nur so lange erfährt, bis der Ziehvater von den Sowjets abgeholt wird, weil er sich geweigert hat, auf einer Kolchose zu arbeiten. In „Wassermann über Odessa“ beichtet ein Mann einer zufälligen Bekanntschaft in einem Zug einen Mord. Der Roman „Der Zeuge“ handelt von einem Dorffrisör aus Bessarabien, ein zwischen Rumänien und Russland lange umstrittenes Gebiet, das nach zwölf Jahren rumänischer Annexion 1940 an die Sowjetunion gefallen war. Zeugnis legt der Frisör davon ab, wie die neuen Machthaber die Bevölkerung Bessarabiens ausplündern, schikanieren und schließlich auszurotten versuchen. Die Katastrophe entwickelt sich schleichend; am Ende steht der Hungertod.

„Mitrofanow beobachtet und urteilt aus dem Blickwinkel seiner Erzählfiguren. Er spricht die Sprache der Zigeunerin, des Tauchers aus Odessa und des Friseurs, der in Bildern seines Berufes denkt. Er lässt sie in einfachen Sätzen berichten, mit Lebensklugheit und Witz. Wer viel zu erdulden hat, dramatisiert sein Schicksal nicht. Man gewöhnt sich daran, passt die Gedanken, ‚wirr wie ungekämmte Haare‘, den Notwendigkeiten an. […]. Es gibt wenige Schriftsteller – Werfel, Tabori, Edgar Hilsenrath mit seinem Roman ‚Der Nazi & der Friseur‘ – die den Genozid in Worte zu fassen vermochten. Ilja Mitrofanow, eine Hoffnung der postsowjetischen Literatur, gehört zu ihnen“, urteilte Hans-Peter Klausenitzer in seiner Besprechung in der FAZ im August 1996.

Die Absurditäten des Alltags und die Auswüchse der sowjetischen Bürokratie nimmt der Satiriker und Kabarettist Michail Schwanetzkij aufs Korn. Er wurde 1934 in Odessa geboren, arbeitet im dortigen Hafen als Ingenieur und begann Kurzgeschichten und Satiren zu verfassen. Später zog er nach Moskau, wo er ein eigenes kleines Theater geleitet hat. Mit seinen Lesungen soll er in seiner Heimat ganze Fußballstadien gefüllt haben. 1992 hat der Diogenes Verlag einen Band mit Geschichten von ihm herausgebracht: „Wir brauchen Helden!“[6], in dem Schwanetzkij auch ausführt, warum es Humor braucht.

Im Grunde habe ich mein Leben vertan und damit auch den Humor. Und jetzt, wo ich eigentlich alles verloren habe und im abgewetzten Jackett eines heruntergekommenen Philosophen rumlaufe, kann ich’s ja sagen: Es gibt einfach nichts Besseres als das Leben. Humor ist Leben. Humor ist ein Zustand. Humor hat überhaupt nichts mit Witzen zu tun. Humor ist das Aufleuchten in den Augen, die Verliebtheit in den Gesprächspartner und die Bereitschaft, so lange zu lachen, bis einem die Tränen aus den Augen schießen. […] .Humor hilft uns zu überleben. Er bringt uns einander näher. Ein guter Witz ist wie eine Bescherung. Man sollte auch humoristische Autoren nicht unterschätzen. Für einen einzigen Satz von Ilf und Petrow, wie etwa ‚Die Hunde kletterten mit der Wendigkeit von Bootsmännern hinaus‘, würde ich die ganze Seite einer griechischen Tragödie hergeben, wo sich die Helden mit unglaublicher Leidenschaft in die Brust werfen. Ein Meer von Tränen, in dem vier alte Weiber ertrinken, wiegt leichter als eine Lachsalve, die einen Schuss Wahrheit auslöst.“

Man mag es kaum glauben, gebürtige Odessiten, die auf Deutsch schreiben, gibt es auch. Marjana Gaponenko, 1981 in der Hafenstadt als Tochter eines georgischen Balletttänzers und einer Filmemacherin geboren, war bereits als Kind von der deutschen Sprache fasziniert. Sie nahm Unterricht, verfasste ihre ersten Gedichte auf Deutsch, studierte in Odessa Germanistik und kam 19-jährig als Stipendiatin nach Deutschland. „Russisch ist meine Muttersprache. Russische Bücher habe ich immer gelesen und geschätzt. Aber ‚Deutsch‘ war exotisch. In dem Sinne, dass es etwas fast Verbotenes, etwas Undenkbares war. Für meine Generation war es im Grunde ein Abschrecker, was mich auch gereizt hat“, so beschrieb sie ihre Faszination in einem Interview mit Radio Bremen.

Nach Aufenthalten in Krakau und Dublin lebt sie inzwischen abwechselnd in Mainz und Wien. Ihr erster Gedichtband „Wie tränenlose Ritter“ erschien 2000, ihr erster Roman „Annuschka Blume“ 2010. Für ihren 2012 veröffentlichten tragisch-komischen Roman „Wer ist Martha?“ hat sie den österreichischen Literaturpreis Alpha und den Albert-von-Chamisso-Preis bekommen, mit dem Deutsch schreibende Autoren nicht deutscher Muttersprache ausgezeichnet werden. Protagonist ist ein betagter, emeritierter Ornithologe aus der Ukraine namens Luka Lewaldski, der den Aufstieg und den Zerfall der Sowjetunion erlebt hat. Als er sich dem Tod nahefühlt, reist der 96-Jährige nach Wien, logiert im mondänen Hotel Imperial und lässt sein Leben Revue passieren. „Marjana Gaponenko hat mit Luka Lewadski eine skurrile und eigenwillige Figur wie aus einer Erzählung von Isaak Babel geschaffen, einen kindlichen Greis, dessen letztes lebenslustiges Aufbegehren gegen den Tod Ausdruck in einer Sprache findet, die das Oszillieren aus Wachen und Traum, aus melancholischer Nostalgie und Hunger nach Leben ausbalanciert“, so Beate Tröger in ihrer Buchbesprechung. – 2016 erschien von Marjana Gaponenko der Roman „Das letzte Rennen“.

Seit seinem Medizinstudium lebt Boris Chersonskij, 1950 in Czernowitz/Bukowina geboren, in Odessa. Der Professor für klinische Psychologie ist er mittlerweile Ukraines bekanntester Lyriker. Während der 1970er und 1980er Jahre zählte er zu den wichtigsten Repräsentanten der Samisdat-Bewegung von Odessa. Seine ab den 1960ern entstandenen Gedichte kursierten im Untergrund oder wurden in Emigrantenzeitschriften publiziert.

Offiziell konnte sein Werk erst lange nach dem Zerfall der Sowjetunion erscheinen. Sein wichtigstes Buch „Semejnij Archiw“ (deutsch: „Familienarchiv“) kam in Odessa 1997 und in einem renommierten Moskauer Verlag 2008 heraus. Der mit 38 langen Gedichten aufwartende Roman verfolgt das Schicksal einer jüdischen Familie aus der Südukraine durch das 20. Jahrhundert. Der Roman wurde mit etlichen Preisen ausgezeichnet und auch ins Deutsche übersetzt.[7] „Wenn ich die Poetik von Boris Cheronskij mit drei Worten charakterisieren müsste, wären es folgende Begriffe: Kompetenz, Sparsamkeit im Ausdruck, Klarheit des Verstandes. Kein einziges Adjektiv, keine einzige Metapher dient bei ihm zur ‚Verschönerung‘ des Textes“, schreibt Arkadij Schtipel in seinem Vorwort zu deutschen Ausgabe, die 2011 beim österreichischen Wieser Verlag erschienen ist.

Boris Chersonskij ist ein überzeugter Befürworter einer unabhängigen demokratischen Ukraine. Gedichte und Notate über die aktuellen Entwicklungen im Land und seiner Heimatstadt veröffentlicht er auf seinem Blog „Livejournal“ und bei Facebook.

Auch in deutschsprachigen Medien bezieht Chersonskij zur Lage in der Ukraine Stellung. So etwa in einem Beitrag für „Ostpol“ im Februar 2015: „Wladimir Putin ist wahrlich furchteinflößend. Die Geschichte lehrt unmissverständlich, wohin es führt, wenn Diktatoren zu großer Machtfülle gelangen. Mehr noch: Sie lehrt, dass man Krieg nicht verhindern kann, indem man einen Aggressor ‚befriedet‘. So lässt sich allenfalls Zeit gewinnen. Dieses Mal soll die Ukraine auf dem Altar eines Molochs geopfert werden. Und leider sind viele bereit, das zuzulassen. Ihnen scheint, dass der Moloch, wenn er erst einmal Krim und Donbass verschlungen habe, einhalten werde … Die Ukraine ist nicht das einzige postsowjetische Land mit einem russischstämmigen und -sprachigen Bevölkerungsanteil. Nach dem Krieg in Georgien fragten wir uns: Wer ist wohl der Nächste? Wie sich zeigte, war es die Ukraine. Die Frage aber ist geblieben: Wer ist der Nächste?“

Wenige Tage vor dieser Veröffentlich hatten Unbekannte vor Cheronskijs Wohnung eine Bombe zur Explosion gebracht. So verstörend das war, es war nicht das erste Mal, dass er wegen seiner politischen Haltung angefeindet wurde. Als das russische PEN-Zentrum ihm 2014 eine Mitgliedschaft angeboten hatte, sollen Moskauer „Patrioten“ empört reagiert und Chersonskij wegen seiner dezidierten Pro-Majdan-Haltung als „jüdischen Faschisten“ beschimpft haben.

„Ich denke, spreche und schreibe Russisch, aber ich bin weder Leibeigener der russischen Sprache noch deren Sklave. Und was soll ich zum jüdischen Faschisten sagen?“, so Cheronskijs lakonische Antwort auf das Nachhaken eines Journalisten vom österreichischen „Standard“.

 

Anmerkungen

Einige Gedanken darüber, warum wir so wenig über die Literatur wissen, die auf dem Gebiet der heutigen Ukraine entstanden ist, habe ich hier dargelegt.

[1] Irina Ratuschinskaja: Die Frauen von Odessa. Aus dem Russischen von Bernd Rullkötter. Bergisch Gladbach 1999

[2] Irina Ratuschinskaja: Die Kinder von Odessa. Aus dem Russischen von Bernd Rullkötter. Bergisch Gladbach 2004

[3] Ilja Mitrofanow: Zigeunerglück. Aus dem Russischen von Ingeborg Schröder, Berlin 1993

[4] Ilja Mitrofanow: Wassermann über Odsessa. Aus dem Russ. von Ingeborg Schröder. Verlag Volk & Welt, Berlin 1994.

[5] lja Mitrofanow: Der Zeuge. Aus dem Russischen übersetzt von Ingeborg Schröder, Berlin 1996.

[6] Michail Schwanetzkij: Wir brauchen Helden! Unaktuelle Geschichten, Zürich 1992.

[7] Boris Chersonskij: Familienarchiv. Aus dem Russischen von Erich Klein und Susanne Macht, Klagenfurt 2011

 

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