Steglitz stellt Kid37 mit „Das hermetische Café“ vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Von @Anousch, die ihr gleichnamiges Blog Anousch betreibt, kam der Vorschlag, dass wir Kid37 etwas näher kennenlernen sollten, der Das hermetische Café betreibt.

Dein Steckbrief in Stichworten …

Geboren in Wuppertal – seit Mitte der 90er in Hamburg – wohnt am Wasser und kann zum Einschlafen Boote zählen – schreibt seit neun Jahren ins „Hermetische Café“ – macht „was mit Medien“

Seit wann, warum und wo bloggst du?

© Das hermetische Café

© Das hermetische Café

Eine schöne Bescherung: Nach ersten Versuchen anderswo blogge ich seit Heiligabend 2003 bei Blogger.de. Die Plattform galt damals als „kleiner Bruder“ vom einst legendären Antville, das ähnlich wie Twoday auf derselben Software basiert. Das Hermetische Café begann dann als eine Mischung aus Schreibtherapie und experimenteller Kleinkunstbühne, wo ich doof, albern, traurig und schräg sein konnte, allerdings nach der Show ohne Tomaten nach Hause gehen musste. Ich mochte von Anfang an die Idee, die unterschiedlichsten, konträrsten Dinge im Zickzack in ein Blog stellen zu können, wie in eine Wunderkammer. Nachts lange wach sitzen, hoffen, dass der Server nicht abstürzt und mit anderen das Netz vollschreiben.

Deine Themenschwerpunkte …

Lange Zeit schrieb ich nur über wirklich wichtige Dinge im Leben: Ringelstrümpfe, tote Tiere und andere skurrile Funde links und rechts der Wegstrecke. Heute bin ich etwas entspannter und schreibe auch schon mal über Quatsch. Mittlerweile habe ich auch eine Reihe autobiografischer Fiktionen aufgezeichnet, über Leben, die ich nie gelebt habe. So ein Blog ist ja wie ein Kamin, vor dem man sitzt und Fäden spinnt.

Was treibt dich in der Literaturszene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Ich mache ab und an bei Lesungen mit, zuletzt meist bei den Hamburger Kaschemmenlesungen, die Isabo und Herr Buddenbohm veranstalten. Das unterhält mich und manchmal auch andere. Spannend finde ich, wie viele Blogger mittlerweile Bücher veröffentlichen. Darunter sind bewundernswert talentierte Leute. Ich selbst rede lieber über Romane, die ich hätte schreiben können. Man kann das auch einen Mangel an Disziplin nennen. Andererseits glaube ich, dass „Bloggen“ als Kulturphänomen nach wie vor unterschätzt wird, wie Comix früher oder Computerspiele. Wir sind noch in der Stummfilmphase, aber ab und an schaut bereits Kafka vorbei und weint.

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Wir besuchen uns alle regelmäßig gegenseitig. Mit Kaffee und Kuchen, und ich hab das dann alles ausgedruckt.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

Blogs sind eine gar nicht mal schwache, unabhängige Stimme. Drei Akkorde, und raus auf die Bühne! Ich finde es schade, wenn Blogger allzu leicht diese ganz eigene Stärke aus der Hand geben, sich schwach machen. Werbung für große Konzerne zum Beispiel ist bei anderen Medien sicher besser aufgehoben. Interessanterweise sehen das manche anders – das macht Blogs so irre aufregend.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Ich hatte nur schöne Erlebnisse beim Bloggen. Und alles war ganz leicht.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger?

Ich habe durchs Bloggen sehr interessante, sehr liebenswerte und häufig sehr faszinierende Menschen kennengelernt. Solche, die für eine Sache oder eine Idee brannten. Und manchmal brannte man auch für einander.

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Das trauen die sich nicht.

Und wie würdest du damit umgehen, wenn dir Self-Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Ich suche mir meine Themen eher selbst, und bei Geschenken sage ich Danke. – Manchmal rührt mich was, manchmal entdecke ich etwas sehr hübsches, indem man mich darauf stupst.

Wie hältst du es mit dem E-Book?

Es macht Spaß, alte, teils obskure Werke in der Public Domain zu finden. Oder sich welche dieser Independent-Magazine als PDF herunterzuladen. Und liegt man krank auf dem Sofa, ist ein E-Book-Reader ein tapferer Geselle. Mein Gerät liest sogar mit einer Angst einflößenden Computerstimme vor. Man wird sofort gesund! Einmal habe ich ein aktuelles E-Book gekauft. Das war von der wunderbaren Anousch, die mich an die junge Isabelle Huppert erinnert, und die die schönsten Tweets schreibt.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5)?

Mek Wito mit mitquito (später wird alles trübe) – weil er Hamburg zwar abtrünnig geworden ist, aber immer noch mit wilden Abenteuern und singenden Texten begeistert. Madame Modeste – weil sie seit Jahr und Tag mit feiner Ironie und ehrlicher Zuneigung die Zumutungen und Freuden dieser chaotischen, großen Stadt beschreibt, die im Osten von Hamburg liegt. Miss Wurzeltod – weil sie eine prall gefüllte Wunderkammer mit obskuren, makabren und überaus sinnvollen Kunstschätzen gefüllt hat (leider aber ein wenig pausiert). Und Unter Geiern – weil dort jemand mit Hingabe und reicher Kenntnis Kultur und Reise und Alltag so mischt, dass man ohne den Schreibtisch zu verlassen viele Schritte mitgetan hat.

Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Auf jeden Fall Herr Fabe, dessen Blog coderwelsh/sychron. eines der ersten war, die ich regelmäßig las. Er schreibt kleine, schräggestrickte Vignetten, ganz unaufgeregt und leider zu selten.

Es hat zwar ein Weilchen gedauert bis ich dich an der Angel hatte. Wohl war es mir dann ein doppeltes Vergnügen … Danke sehr, auch für die besonderen Blogpreziosen, die du uns ans Herz legst.

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Zuletzt stellten sich die Herren sandhofer und scheichsbeutel mit litteratur.ch vor. Deren Wunsch-Interviewpartnerin war die Betreiberin von Bleisatz. – Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier

Steglitz stellt @Anousch mit „Anousch“ vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Mit @Anousch, die sich und ihr gleichnamiges Blog heute auf Wunsch von Ada Textkrieg vorstellt, holen die Frauen auf. Das heißt, dass das Missverhältnis innerhalb dieser Gesprächsreihe, das ich am 30. September noch konstatierte, nun ausgeglichen ist. Abzuwarten bleibt natürlich, ob es hier gendermäßig weiterhin ausgewogen zugeht, ob sich die Bloggerinnen gar an die Spitze setzen oder ob die Blogger wieder geballt nachlegen …

Dein Steckbrief in Stichworten …

1979 Geburt in Erfurt/seit 2001 in Berlin/Boxen, Segeln, Reisen/2008 Magister in Literaturwissenschaft (Adalbert Stifter)/danach Jahre in Therapie und Internet/schließlich Heilpraktiker-Ausbildung (Esoterik nein, Suggestion ja)/ Zen/2012 Mann, Kind, Roman.

Seit wann, warum und wo bloggst du?

Anousch © Anousch Otto

Seit 2007, ursprünglich auf Twoday, zuerst hier, später dort, bis ich mit Anousch endgültig bei WordPress gelandet bin. Die Zeit auf Twoday war sehr aufregend, inspirierend, mitunter beglückend. Das Bloggen hat mir über eine lange Zeit der Isolation und Depression hinweg geholfen. Bei Twoday befand ich mich in einer kleinen, warmherzigen, gebildeten und gewitzten Community. In den Kommentaren fand das eigentliche, oftmals nächtelange Spektakel aus Wortspielereien, Reflexionen, Melancholie und Klamauk statt. Ich habe viele Menschen ins Herz geschlossen, von denen mir einige fehlen, weil sie verschwunden sind. Twitter hat dann für mich alles verändert und das Bloggen entbehrlicher gemacht. Aber die Sehnsucht danach ist geblieben. Es ist ja wie eine Flaschenpost, die immer jemanden erreicht.

Deine Themenschwerpunkte …

Ich hatte immer etwas mit Land und Lyrik im Sinn. Ich liebe Brandenburg und das ziellose Herumcruisen. Aber bei Twoday ist schnell etwas anderes entstanden. Irgendwas mit Aeorophilie, Fährtenlesen, Biofiktion. Assoziationscluster und Bekenntnisse, Wort-Bild-Spiele, vieles, das sich erst mit dem Link auflöste bzw. mehr zur Verrätselung beitrug.

Inzwischen schreibe ich in größeren Abständen Rückblicke auf die vergangenen Monate. Ich habe mich zerstreut durch Twitter, Facebook, Instagram. Vielleicht es mal wieder Zeit, konzentriert Texte zu Bildern zu fügen und zu bloggen.

Was treibt dich in der Literaturszene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Naja, mein eigener Roman, der hoffentlich momentan wie ein schönes Turnierpferd gehandelt wird. Ansonsten interessiert mich der Literaturbetrieb nicht sonderlich. Aber dieser Text „Das Nächste, bitte!“ von Stephan Porombka hat mich begeistert. Außerdem finde ich die Umtriebe von Christiane Frohmann spannend. Das einzige, das ich jemals als Szene leibhaftig wahrgenommen habe, sind die Lesereihen, die Jan-Uwe Fitz aka Vergraemer veranstaltet. – Soweit ich weiß, stand dir Herr Fitz  hier ja bereits Rede und Antwort.

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Ganz klassisch via Facebook und Twitter.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

Nichts. Ich schätze die ganze Bandbreite menschlichen Irrsinns.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Gelesen zu werden. Je mehr Blogs es gibt, umso schwieriger wird es, überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Ein gutes Mittel, Aufmerksamkeit zu erzielen ist es, auf den Punkt zu kommen. Redundanz ist ein schlimmes Übel. Ausschweifung eine Kunst. Der letzte, der das meiner Meinung nach beherrscht hat, war Thomas Mann. Und der war ja kein Blogger. Zum Glück, sonst hätte er uns jeden Morgen mit einem Verdauungspost genervt.

Ich möchte mir nicht den Finger wund scrollen, wenn ich einen Blogtext lese. Es sei denn, ich bin gefesselt, was in der Tat einige Blogger vermögen. Ansonsten kann man auch mit der kleinen Form immer wieder große Wirkung erzielen. Ganz wunderbar macht das Horst, Hund und Brodt. Außerdem liebe ich die Gedichte von Jost Renner.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Eine Nacht auf dem Zauberberg.

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Soweit habe ich es noch nicht gebracht.

Und wie würdest du damit umgehen, wenn dir Self-Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Es kommt ganz darauf an, ob mich das Werk interessiert. Aber grundsätzlich sehe ich mich derzeit nicht als Rezensentin. Nur wenn mich etwas so begeistert oder empört, dass ich andere daran teilhaben lassen möchte, dann mache ich darauf aufmerksam.

Wie hältst du es mit dem eBook?

Hätte ich eines, hielte ich es sicher gut mit ihm. Ich vermisse es aber auch nicht. Mein iPhone ist mein eBook und das ist inzwischen wie ein zusätzliches Organ.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Platz nehmen auf dem West-Fernöstlichen Divan. Einander verstehen, hey!: Amorphismen.

Ein Maniac, Autor einer schrägen Never-Ending-Story, der „Balzac des Internets“ (Jan-Uwe Fitz): Erdge Schoss.

Kirschkern, Kunst und alles kursiv: Schneck.

Bloggt aus der Auguststraße und aus ihrer Seele heraus: Gaga Nielsen.

Ich reiche das Wort weiter an den unvergleichlichen Kid37. Eine Eminenz im lateinischen Wortsinn.

Vielen Dank, Anousch, auch für deine großartigen Blog-Preziosen. Und: Glück auf mit deinem TWEETeBOOk „Bescheiden, aber auch ein bisschen göttlich„, das der Frohmann Verlag aufbereitet hat.

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Zuletzt stellte sich Jutta S. Piveckova aka Melusine Barby mit Gleisbauarbeiten vor. Ihr Wunsch-Interviewpartner war Hartmut Abendschein, der u.a. taberna kritika verantwortet und gemeinsam mit Christiane Zintzen litblogs.net herausgibt. – Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier