Alles gut, Buchbranche? Fragen an den Buchhändler Klaus Kowalke

Vom 20. – 24. April 2016 findet zum zweiten Mal der Zwickauer Literaturfrühling statt, zu dem sechzehn Verlage mit einem vielfältigen Programm beitragen. Ich werde dort die Autorin und Verlegerin Zoë Beck, den Buchhändler Klaus Kowalke und den Literaturkritiker Marc Reichwein treffen. Anlässlich des Welttages des Buches am 23 April wollen wir in einem gemeinsamen Gespräch die Risiken und Chancen der Buchbranche ausloten. „Alles gut, Buchbranche?

Im Vorfeld des Literaturfrühlings in Zwickau stand mir freundlicherweise bereits Zoë Beck Rede und Antwort; nun Klaus Kowalke. Er betreibt in Chemnitz die Buchhandlung Lessing und Kompanie, eine der 108 Buchhandlungen, die für ihr Engagement im vergangenen Jahr mit dem „Deutschen Buchhandlungspreis“ ausgezeichnet wurden.

Allseits ist zu hören, dass der Buchhandel derzeit eine Renaissance erfährt. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Klaus Kowalke © Christoph Künne

Klaus Kowalke © Christoph Künne

Die Indiebookszene hat dem stationärem Sortiment imagemäßig sehr geholfen (oder war es umgekehrt?). Es gibt tatsächlich eine positive Grundstimmung in der Branche, die nehmen wir auch wahr. Es gibt eine Renaissance des schönen Buchs. Lesen ist cool. Die kleine (literarische) Buchhandlung ist cool.

Lange Zeit stand der Buchmarkt unter dem Verdikt, die Herausforderungen der Digitalisierung zu verschlafen. Inzwischen erweckt die Branche den Anschein, als sei alles im Lot …

Ich zitiere den Buchmarkt: „Im aktuellen BuchMarkt-Heft entzaubert Markus Klose ein paar digitale Mythen, die sich in den Köpfen mancher Digital Natives festgesetzt haben. Er belegt: „Die Buchbranche hat die Digitalisierung nicht verschlafen, sondern mit vorangetrieben.“ Diese Meinung teile ich. Im Lot? Ich weiß nicht, mich interessieren die technischen Fortschritte nicht. Die Auseinandersetzungen mit den Möglichkeiten der digitalen Zukunft des Buchmarkts müssen andere führen.

Wo verorten Sie derzeit die größten Risiken?

Nach wie vor im Onlinehandel, er betrifft alle Branchen. Die Umwälzungen die sich hier abzeichnen, lassen uns Abschied nehmen von belebten Innenstädten. Lassen uns aber auch Abschied nehmen von der Gewerbesteuerfinanzierung der Kommunen und Gemeinden. Ob Aktionen wie buy local hieran etwas ändern? Das ist eine globale Entwicklung, da bin ich skeptisch.

Was meinen Sie, wie wird sich der Buchmarkt in den kommenden Jahren entwickeln?

Die Branche wird schrumpfen. Vielleicht gesundschrumpfen. Das Buch wird es weiterhin geben. Grundsätzlich: positiv.

In unserem Gespräch im Juli 2013 haben Sie „Buch pur“ promotet. Damals waren weder das elektronische Buch, noch Publikationen von Self-Publishern eine Option für Ihre Buchhandlung „Lessing und Kompanie“. Halten Sie an dieser Linie fest?

Ja, unbedingt! Wir fahren sehr gut damit und bauen die Marken „Buch pur“ und „EinfachBuch“ weiter aus. Unsere Umsatzzuwächse resultieren hauptsächlich aus der intensiven Auseinandersetzung mit den Büchern der Schriftstellerinnen und Schriftsteller (und deren Verlagen).

Natürlich verkaufen wir 5-10 Ebooks im Jahr, wir haben auch 4-5 Titel von Selfpublishern im Programm. Es geht um Kundenwünsche bei den Ebooks und um die Relevanz bei den Selfpublishern. Aber das hinterlässt wirtschaftlich keine Fußspuren. Um nicht den Unmut der Selfpublisher heraufzubeschwören: Wir führen ein kleines hochliterarisches Sortiment in einem Wohngebiet ohne Laufkundschaft, d. h. unser Einkauf ist ohnehin geprägt von „zu viel“, was die Verlage anbieten (und wir auswählen müssen), und den Möglichkeiten, die unsere Stammkundschaft uns gibt bzw. erwartet und/oder wir ihr empfehlen können und wollen.

Der Aspekt der Filterfunktion Lektorat/Verlag darf nicht hoch genug eingeschätzt werden. Unsere Zeit ist begrenzt, wir müssen uns auf die Programmqualität der Verlage verlassen können. Und das Ganze muss sich unter wirtschaftlichen Bedingungen abspielen. Da spielt die Rolle der Bündelung der Auslieferungen eine Rolle, da spielen Bezugs- und Transportkosten eine Rolle, da spielen Vertretertermine eine Rolle. Gerade die nicht kleine Indiebookszene hat es geschafft, mit einigen Partnern einen professionellen Vertrieb aufzubauen, der es erlaubt wirtschaftlich einzukaufen. Mittlerweile kaufen wir für unser Sortimentsprogramm nur noch über Verlagsvertreter ein. Ein Sortimentsprogramm spiegelt genauso wie das Programm eines Verlages die Intention der Inhaber wider.

Was halten Sie von der Entwicklung, dass Verlage immer stärker auf den Direktverkauf setzen und die Leser fokussieren?

Wir beobachten das sehr genau. Falls Verlage als Partner für den Buchhandel wegfallen oder besser gesagt „wegfallen wollen“ so ergibt sich daraus nicht unmittelbar ein Problem: Es gibt eine Überproduktion im deutschsprachigen Buchmarkt, es ließen sich leicht andere Verlagspartner finden. Aber auf bestimmte Verlage möchten wir nur ungern verzichten. Also gibt es doch ein Dilemma.

Welche Themen brennen Ihnen auf den Nägeln? Und was würden Sie gerne in unserem Gespräch im Rahmen des Zwickauer Literaturfrühlings aufgreifen?

Das ist eine gute Frage! Ich möchte ja vor einem Literaturfrühlingspublikum nicht zu sehr Brancheninterna diskutieren als vielmehr die Frage, was bewegt die Leute: Spielt Kunst und Literatur in ihrem Leben überhaupt noch eine Rolle?

Danke sehr, Klaus Kowalke. Ich freue mich auf unser Wiedersehen in Zwickau.

Das Gespräch setzen wir am 23. April um 19.30 Uhr fort. Ort: KV Freunde Aktueller Kunst e.V. | Hölderlinstraße 4 | 08056 Zwickau

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Alles gut, Buchbranche? (Teil 2)

Trotz eines leichten Umsatzrückganges im vergangenen Jahr (minus 1,7 Prozent) gab sich die Branche auf der gerade zu Ende gegangenen Leipziger Buchmesse siegesgewiss. Nach Ansicht des Börsenvereins wurden die Herausforderungen des digitalen Wandels gemeistert. Die Branche sei „zukunftsfähiger denn je“, meinte Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis. Tatsächlich sind die heftigen Diskussionen, die bis vor einigen Monaten sogar eine breitere Öffentlichkeit bewegt haben, abgeebbt. Es ist ruhig geworden in der Branche. Vereinzelte Scharmützel noch, die sich eher um partikuläre Interessen drehen. Die Gemüter haben sich beruhigt; die Zeiten passé, zu denen eine Sau nach der anderen durch die Branche getrieben wurde.

Buch(s)baum © Zwickauer Literaturfrühling

Buch(s)baum © Zwickauer Literaturfrühling

Buchaffine Blogs. Davon versprechen sich die Verlage inzwischen eine Menge. Es ist noch nicht lange her, da mussten Buchblogger um Rezensionsexemplare betteln. Man schenkte ihnen keine Beachtung, vielfach wurden sie sogar belächelt. Irgendwann bekam man offensichtlich mit, dass im Netz 1 Prozent der Nutzer für über 50 Prozent des Traffics sorgen und Blogger „Influencer“ sind. Inzwischen wird die Buchszene im Netz regelrecht hofiert. Was freilich vornehmlich dem Umstand geschuldet ist, dass das Feuilleton abspeckt und Buchkritik immer marginaler wird. Der Buchhändler Thomas Calliebe bietet Bloggern in seinem Laden in Groß-Gerau Präsentationsflächen, Verlage stellen eigens Ansprechpartner ab, organisieren Blogger-Challenges und Bloggertreffen, auf den Buchmessen gibt es Bloggerlounges, die Verlagsgruppe Random House betreibt seit März 2015 ein eigenes Portal für Blogger. Auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse, die 800 Blogger besucht haben, fand erstmals eine Bloggerkonferenz statt; auch einige Kölner Verlage laden Buchblogger und Booktuber im Juni 2016 zu einer Konferenz. – Das aktuelle Trendthema „Blogger Relation“ scheinen derzeit viele für ein Heilsversprechen in der Art eines „Sesam öffne dich“ zu halten. Ein Hype, der voraussichtlich ebenso schnell vorübergeht wie schon andere zuvor.

Arriviert sind inzwischen auch die Self-Publisher, die sich professionalisiert und vernetzt haben, etwa in einem eigenen Verband. Inzwischen macht das Self-Publishing, vor kurzem in der Branche noch verhöhnt, das am schnellsten wachsende Segment der Buchbranche aus. Anzunehmen ist, dass in Kürze über diesen Weg mehr Titel auf den deutschen Markt kommen als über klassische Verlage. BoD etwa schätzt, dass im Jahr 2017 etwa 175.000 neue Titel von Selberverlegern erscheinen werden. Längst wird die Szene nicht mehr müde belächelt, sondern als Marktgröße und Konkurrenz wahrgenommen. Auf den Messen existieren eigene Ausstellungsbereiche; Dienstleister buhlen um die Autoren. Um den Markt wird immer raffinierter und härter gekämpft. Die Plattform epubli beispielsweise bietet bis 15. Juni 2016 Self-Publishern erstmals auch die kostenfreie Veröffentlichung einer Print-Publikation mit einer ISBN an.

Manche meinten ja, dass die Niedrigpreise der Self-Publisher die Preismodelle der klassischen Verlage ins Wanken bringen könnten. Das scheint nicht der Fall zu sein. Inzwischen denken do-it-yourself-Autoren vielmehr darüber nach, ihre Arbeit nicht mehr unter Wert verkaufen zu wollen. Die Verlage sehen hier Gefahren und Chancen. Längst halten sie nach erfolgreichen oder vielversprechenden Selbstverlegern Ausschau. Sie beteiligen sich an Communities wie etwa die Verlagsgruppe Bastei Lübbe, die sich die Mehrheit an Bookrix gesichert hat, oder sie bauen eigene Self-Publisher-Imprints auf. So beispielsweise die Verlagsgruppe Droemer Knaur, die ihre Plattform neobooks gezielt für die Manuskript-Auswahl nutzt, oder die Self-Publisher-Plattform Twentysix, eine junge Kooperation zwischen Random House und BoD.

Der Börsenverein des deutschen Buchhandels, der vielen nicht wendig genug erschien, reagierte ebenfalls auf die Herausforderungen. Eine Strukturreform, die auf den Berliner Buchtagen im Juni 2015 beschlossen wurde, soll schnellere Entscheidungswege, größere Transparenz, verbesserte Kommunikationsstrukturen und eine stärkere Partizipation aller Marktteilnehmer ermöglichen. Noch ist da allerdings reichlich Luft nach oben offen.

In der einst ebenso streitbaren wie umstrittenen Buchbranche ist still geworden. Verdächtig still? Für Schlagzeilen sorgten in jüngerer Zeit lediglich die Verlage, denen zwei Gesetzentwürfe contre coeur gingen. So die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes, dass Verwertungsgesellschaften wie VG Wort die Urheberpauschale nur an Autoren, nicht aber an Verlage ausschütten dürfen, was wiederum erhebliche Nachzahlungen zur Folge haben könnte. Und die vorgesehene Novellierung des Urheberrechts, die unter anderem für Urheber eine Ausstiegsoption nach fünf Jahren vorsah. Bislang konnte die Dauer individuell festgelegt werden und geschah das nicht, gilt eine Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Autors. Auch diese Aufreger scheinen inzwischen obsolet. Der Gesetzentwurf sieht die Fünfjahresfrist nicht mehr vor. Sie wurde durch ein „Recht zur anderweitigen Verwertung nach zehn Jahren“ ersetzt. Und was ist mit dem Gesetzentwurf über die Ausschüttungspraxis der Verwertungsgesellschaften? Das dürfte den Europäischen Gerichtshof abermals beschäftigen.

Manchmal wirft noch das altbekannte Schreckgespenst Amazon seine Schatten. Hin und wieder wird über den Kompetenz- und Geltungsverlust der Literaturkritik geklagt und die Buchhändler fordern höhere Preise für Bücher. Ansonsten regt man sich derzeit allenfalls noch über das Verbot von Plastiktüten und die 99-Cent-Preise auf. Letzteres Problemchen scheint sich von selbst zu regulieren, da immer mehr Verlage die Buchpreise runden. – Alles im Lot? Erlebt die Buchbranche derzeit einen zweiten Frühling? Oder sind die Zeiten allgemein für eine eher selbstgefällige Nabelschau zu stürmisch geworden? Hat die Branche tatsächlich keine Probleme mehr? Sind die Fronten wirklich geklärt? Fragen, die ich im Rahmen einer Gesprächsrunde mit der Autorin und Verlegerin Zoë Beck, dem Buchhändler Klaus Kowalke und dem Literaturkritiker Marc Reichwein beim Zwickauer Literaturfrühling am 23. April aufwerfen werde.

Ob sich die Menetekel für das Buch, Buchhandlungen und Verlage erfüllt haben, frage ich im ersten Teil des Beitrages „Alles gut, Buchbranche?“

Alles gut, Buchbranche?

Erlebt die Buchbranche derzeit einen zweiten Frühling? Die heftigen Diskussionen, die sogar eine breitere Öffentlichkeit bewegt haben, sind abgeebbt. Es ist ruhig geworden in der Branche. Vereinzelte Scharmützel noch, die sich eher um partikuläre Interessen drehen. Die Gemüter haben sich beruhigt; die Zeiten passé, zu denen eine Sau nach der anderen durch die Branche getrieben wurde.

Buch(s)baum © Zwickauer Literaturfrühling

Buch(s)baum © Zwickauer Literaturfrühling

Digital oder analog? An den viel beschrieenen Tod des gedruckten Buches glaubt indes heute niemand mehr. Gedruckte und elektronische Bücher leben in friedlicher Koinzidenz. Selbst Bibliophile, die lange behaupteten, Print unverbrüchlich die Treue halten zu wollen, verkünden inzwischen stolz, eine Bibliothek in der Tasche zu tragen. Weiterhin wird gelesen. Kein einziges Menetekel hat sich erfüllt! Obwohl die Umsätze auf dem deutschen Buchmarkt im vergangenen Jahr erneut geschrumpft sind, bleibt die Zahl derjenigen, die gelegentlich zum Buch greifen, laut einer Studie des Börsenvereins stabil. Die Tolino-Allianz bietet dem Kindle die Stirn und geniallokal dem Internetriesen Amazon Paroli. Und: die TTIP-Verhandlungen wollen die Buchpreisbindung ausklammern, zudem wird die Preisbindung zukünftig auch für E-Books gelten. Umsatzsteuerrechtlich ziehen sie freilich (noch) nicht mit gedruckten Büchern gleich.

Sogar der totgesagte klassische Buchhandel erlebte eine Renaissance! Und wird für sein Engagement seit dem vergangenem Jahr noch dazu mit dem „Deutschen Buchhandlungspreis“ geehrt. Befürchtungen, das Sortiment sei nicht für notwendige Innovationen bereit, haben sich zerstreut. Fast jeder Buchladen verfügt heute über einen Online-Shop und hat auch E-Books im Angebot. Seine Scheuklappen bezüglich Self-Publishing scheint der Buchhandel ebenfalls abzulegen. Laut der „Self-Publishing-Studie 2016“, die BoD gestern vorlegte, haben 42 Prozent der befragten Buchhändler aktuell selbstverlegte Titel im Sortiment. Und jeder Dritte meint sogar, dass das Phänomen in Zukunft für das stationäre Sortiment noch an Bedeutung gewinnt.

Obwohl es immer wieder hieß, dass der Onlinehandel, und allen voraus Amazon, dem stationären Buchhandel den Garaus macht, wird nach wie vor jedes zweite Buch im Buchladen gekauft. Mit einem Anteil von gut 16 Prozent sind die Online-Händler nur der drittgrößte Konkurrent des stationären Sortiments. Die Probleme haben sich verlagert. Nicht Amazon, sondern die unerbittlichsten Widersacher sind aktuell die Verlage; jedes fünfte Buch wird von ihnen direkt verkauft. Noch vornehmlich an die Nebenmärkte; doch zunehmend gelangen auch die Endkunden (die Leser) ins Visier der Verlage.

Allen Unkenrufen zum Trotz haben die Verlage, obschon sie weiterhin unter Innovationszwang stehen, die digitalen Herausforderungen nicht komplett verschlafen. Sie führen elektronische Bücher im Programm, verzichten zunehmend auf einen harten Kopierschutz und lockern ihre Lizenzpolitik, was u.a. E-Book-Flatrates zugutekommt. Es ist en vogue, für die digitalen Titel eigene Segmente zu schaffen; derzeit vergeht kaum eine Woche, in der nicht ein neues Imprint aus der Taufe gehoben wird. Und das, obwohl der E-Book-Marktanteil langsamer wächst als von den Verfechtern prophezeit und der Kuchen dank Self-Publishing und vielen neuen Marktteilnehmern immer kleiner wird. Noch dazu ist das E-Book außerhalb des Internets medial kaum sichtbar, Rezensionen wie etwa in der Kolumne „E-Lektüre“ der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bleiben selten.

Heute kaum noch vorstellbar ist, dass die Verlage lange vor den neuen Kommunikationsmöglichkeiten zurückschreckten. Längst machen sie es sich zu Nutzen, dass sich die Leser Informationen auch digital besorgen; aus Blogs, Youtube, via Whatsapp, Snapchat, Instagram oder aus der Timeline diverser Social-Media-Kanäle. Beim größten Player präsent zu sein, ist heute beinahe schon ‚old school‘. Youtube und Twitter werden ebenfalls genutzt, zudem rücken Instagram, Pinterest und Snapchat in den Fokus. Wer es sich leisten kann, unterhält eine eigne Online-Abteilung oder zumindest einen Social-Media-Berater. Freilich sagen weder die Präsenz, noch die Anzahl der Follower oder Fans etwas über den Ertrag aus. Fakt ist, dass es immer schwieriger wird, mit Facebook-Seiten nennenswerte Reichweiten zu generieren. Möglicherweise hängt damit zusammen, warum Verlage wieder auf eigene Blogs setzen, die im Zuge des Social-Media-Hypes in den Hintergrund geraten waren.

Alles im Lot? Erlebt die Buchbranche derzeit einen zweiten Frühling? Oder sind die Zeiten allgemein für eine eher selbstgefällige Nabelschau zu stürmisch geworden? Hat die Branche tatsächlich keine Probleme mehr? Sind die Fronten wirklich geklärt? Fragen, die ich im Rahmen einer Gesprächsrunde mit der Autorin und Verlegerin Zoë Beck, dem Buchhändler Klaus Kowalke und dem Literaturkritiker Marc Reichwein beim Zwickauer Literaturfrühling am 23. April aufwerfen werde.

Schlaglichter auf Blogs, Self-Publishing und andere Vorzeichen, die einen zweiten Frühling der Buchbranche nahelegen, werfe ich an dieser Stelle.

„Wir setzen auf ‚Buch pur‘“. SteglitzMind stellt Klaus Kowalke von der Buchhandlung Lessing und Kompanie vor

Sind Buchhändler tatsächlich die Verlierer der Digitalisierung? Wie gehen sie mit den Schreckensszenarien um? Wo sehen sie Risiken, wo Chancen und welche Weichen stellen sie, um zukunftsfähig zu bleiben? Wie halten sie es mit dem E-Book und wären Titel von Self Publishern für sie eine Option? Diese u.a. Aspekte will die Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” beleuchten, in der Interviewpartner in loser Folge standardisierte Fragen beantworten.

Welche Buchmenschen und Buchhandlungen wir zukünftig etwas näher kennenlernen, schlagen zum einen jene vor, die mir Rede und Antwort stehen. Darüber hinaus freue ich mich auf Empfehlungen von Euch, wer hier ebenfalls zu Wort kommen sollte. Und, bitte sehr, vermerkt Eure Vorschläge hier (nebst Link zur Buchhandlung); und nicht etwa auf diversen anderen Kanälen im Social Web. Danke sehr! Im Übrigen freue ich mich auch über Gastbeiträge: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen? Vielleicht mag ja wer zur Polemik „Lieber stationärer Buchhandel, wir müssen reden!“ von Stefan Möller aka @Hedoniker Stellung beziehen?

Barbara Miklaw, die 2012 ihren Mirabilis Verlag gegründet hat, schlug vor, dass wir Klaus Kowalke von der Stadtteilbuchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V., die in Chemnitz ansässig ist, näher kennenlernen sollten. Ich sage Barbara danke für die Empfehlung, und freue mich sehr, dass Klaus Kowalke der Einladung gefolgt ist.

Eine Skizze vom Laden…

einladend © Lessing und Kompanie

einladend © Lessing und Kompanie

Unsere Buchhandlung befindet sich im Stadtteil Kaßberg in Chemnitz. Die Buchhandlung wurde am 28. März 2008 als „wirtschaftlicher Geschäftsbetrieb“ des gemeinnützigen Vereins „Lessing und Kompanie Literatur e. V.“ gegründet. Die gemeinnützige Buchhandlung sieht ihren Schwerpunkt in der Literatur. Angrenzende Themen wie Biographien, Geschichte, Philosophie, Essayistik, Kunst, Musik und Sachbücher runden das Profil ab. Ausgesuchte Koch-, Garten- und Reisebücher bereichern das Programm. Eine große Säule bildet die Kinder- und Jugendbuchabteilung, auch hier findet man das anspruchsvolle Buch.

Warum sind Sie Buchhändler geworden?

Aus Liebe zum Buch!

Würden Sie sich unter heutigen Bedingungen abermals für diesen Beruf entscheiden?

Jetzt erst recht!

Was hat sich in den vergangenen Jahren in Ihrem beruflichen Alltag verändert?

In den letzten fünf Jahren? Die Branche hat sich verändert, in unserer Buchhandlung hat sich in den letzten fünf Jahren nicht allzu viel verändert. Wir arbeiten an unseren Qualitätsvorstellungen einer „perfekten“ Literaturhandlung…

Die Devise heißt ja: Buchhandel go online! Was unternehmen Sie in dieser Richtung?

Wir setzen auf „Buch pur“:  „Buch Pur“ meint: kein Webshop, kein E-Book-Verkauf (obwohl über die Barsortimente möglich), kein Non-Book-Firlefanz, kein Geschenkkram, lediglich Postkarten, DVDs und Hörbücher, ggfs. Spiele. Dafür Bücher, gute Bücher, Bücher die wertvoll sind, Bücher die gut aussehen, Bücher die wichtig sind, Bücher die lehrreich sind, Bücher die Spaß machen, Bücher, Bücher, Bücher aber kein vordergründiger Mainstream und Boulevard, nein, richtige Bücher. Was, das klingt „Ewig gestrig“? Nun, vielleicht ist es ja das Alleinstellungsmerkmal der Zukunft? Und im Netz? Wo tummeln sich zur Zeit die Leute am meisten? Bei Facebook. Hier kommunizieren wir mit Kunden und Freunden zwanglos und freundschaftlich über die privaten wie geschäftlichen Accounts.

Das Sterben der Buchläden ist allgegenwärtig. Wo verorten Sie für Ihre Buchhandlung die größten Gefahren?

Im Onlinehandel mit all seinen Begleiterscheinungen, Stichwort tote Innenstädte.

Wie halten Sie es mit dem E-Book?

Siehe „Buch pur“.

Wäre das eine Option für Sie, auch Titel von Self Publishern anzubieten?

Nein. Verlage leisten sehr viel, egal ob Groß, Mittel oder Klein. Diese Filterfunktion benötige ich in dem schieren Überangebot von Büchern. Verlagsprogramme schaffen Identität und stehen für Qualität, jeder Verlag hat seinen eigenen Ausdruck.

Wie verkauft man heutzutage Bücher?

der Buchladen © Lessing und Kompanie

der Buchladen © Lessing und Kompanie

Mit Geduld und Spucke (wegen des Erzählens). Bücher zu empfehlen macht am meisten Spaß. Und was ist schöner als seine Begeisterung zu teilen? – Was ist das Besondere? In unserem Geschäft findet man literarische Bücher, Außenseiter… dies ist heutzutage schon etwas Besonderes.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, die Ihnen Verlage erfüllen… Welche wären das?

1. Die Preise müssen steigen, vergesst die 20-Euro-Hürde.

2. Die Grund- und Reiserabatte des Sortiments sollten nicht schlechter gestellt sein als die für Onlinehändler.

3. Behaltet eure Verlagsvertreter!

Und was würden Sie sich vom Börsenverein für den Deutschen Buchhandel wünschen?

1. Kämpfen für die Buchpreisbindung!

2. Kämpfen für die Buchpreisbindung!

3. Kämpfen für die Buchpreisbindung!

Was treibt Sie in der literarischen Szene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Spontan fällt mir die Problematik des Hauses Suhrkamp ein, dies treibt mich schon um…

Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen?

Wo soll man sonst seine Bücher kaufen – ein Leben ohne Buchhandlung ist wie ein Leben ohne Bierkneipe (wahlweise ohne Weinlokal).

Welche anderen Buchhandlungen empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Susanne Dagen, Buchhaus Loschwitz

Danke vielmals, Klaus Kowalke. Lessing und Kompanie findet Ihr im Netz, wie bereits erwähnt, bei Facebook.

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Fünf Fragen vom Börsenblatt für den deutschen Buchhandel zur Gesprächsreihe mit Buchhändler/innen beantworte ich hier

Zu Wort gekommen sind bislang:

Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung in Stuttgart/Vaihingen

Edda Braun mit ihrer Buchhandlung am Turm in Ochsenfurt

Samy Wiltschek von der Kulturbuchhandlung Jastram in Ulm

Margarete Haimberger mit ihrer Schröersche Buchhandlung in Berlin/Schöneberg

Sonja Lehmann vom Bücherwurm Borken im Nordhessischen

Martina Bergmann mit der Buchhandlung Frau Bergmann in Borgholzhausen

Thomas Calliebe mit seiner Buchhandlung Calliebe in Groß-Gerau

Mila Becker mit Milas Buchladen in Voerde

Trix Niederhauser aus der Schweiz von der Buchhandlung am Kronenplatz in Burgdorf/Emmental

Simone Dalbert von der der Buchhandlung Schöningh in Würzburg