Steglitz stellt Guido Rohm mit „Guido Rohms gestammelte Notizen“ vor – und feiert den 50. Beitrag

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Als ich die Gespräche im September vergangenen Jahres an den Start brachte, war ich skeptisch, ob unser Atem für eine Reihe überhaupt reichen würde. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass wir es gemeinsam sogar zum einem runden Geburtstag bringen würden. Nun steht er an: Der 50. Beitrag, den Guido Rohm heute unorthodox krönt. Dass wir Guido näher kennenlernen sollten, der sonst anderenorts gestammelte Notizen bloggt, hatte Dieter Paul Rudolph vorgeschlagen, der das Krimikultur: Archiv pflegt.

___________________________________________________________________________________________________

Also ganz am Anfang, damit wir uns da recht verstehen, muss ich erst einmal eine Kleinigkeit loswerden. Ich bin und war zu keiner Zeit ein Bibliophiler, so eine Sauerei, die lasse ich mir nicht unterstellen. Am Ende liest das einer aus meiner Nachbarschaft, und dann heißt es: Da schau her, da kommt die bibliophile Drecksau! Daher muss ich mich gegen den Vorwurf, was mit Büchern zu haben, verwehren. Man wirft vielleicht mal sein Auge auf das eine oder andere Buch, aber immer mit ehrenwerten Absichten. So ein Bibliophiler, das ist ja kein Mensch mehr, der hat sein Lebensrecht verwirkt. Die Bücher, die können sich nicht wehren, drum muss man sie vor den Bibliophilen schützen, die sich auch im Netz rumtreiben, um sich dort illegal Books runterzuladen. Ein Ring von Bücherschändern ist das, mit denen kurzer Prozess gemacht werden sollte, wenn man mich fragt.

Dies nur zu Beginn, damit man mich hier nicht in einen Sack mit den ganzen anderen Bloggern steckt, die sich zur Bibliophilie ja vielleicht offen bekennen.

 © Guido Rohm

© Guido Rohm

Zunächst einmal ein paar Stichworte zu meiner Person: Geboren ca. 1970, Schriftsteller, Autor, Textproduzent, Stimmenimitator, GROSSBUCHSTABENJÄGER, Playmobil-Bauernhof-Besitzer, Hans-Dampf-in-allen-Gassen, Hans-guck-in-die-Luft, Hans I. Glock, Wedekind-Verächter. Ich wuchs in ärmlichen  Verhältnissen auf, besuchte mehrere Schulen, konnte mich aber nie zur direkten Unterrichtsteilnahme entschließen. Diverse Jobs in Afrika, Argentinien schlug ich aus. 2010 erschien mein erster Roman „Blut ist ein Fluss“ und katapultierte mich mit einem Schlag in die Bestsellerlisten von Andorra. Nach diesem überraschenden Megaerfolg zog ich mich in meine Fuldaer Villa zurück, aus der ich seitdem blogge und Bären schieße. Ich habe 17 Kinder und war zehnmal verheiratet. (Alles in meinem Blogtagebuch nachzulesen.)

Zum Bloggen: Ich blogge seit meiner Kindheit. Es fing mit kleinen gemeinen Notizen an, die ich meinen Schulkameraden in die Ranzen schmuggelte.

Später rutschte ich gehörig ab, wie das bei einer ordentlichen Drogenkarriere so sein muss.

Erst SMS, dann Mails, irgendwann bloggt man. Sagt sich: Ich komm da schon wieder von los!

Aber ehe man sich versieht, hat der soziale Abstieg begonnen. Man wäscht sich nicht mehr, sieht statt echter Menschen nur noch Avatars. Plötzlich hängt man bis zum Hals im Blogsumpf.

Ist der Computer kaputt, spricht man wildfremde Menschen am Bahnhof an, ob sie einen mal eben kurz an ihren Laptop … Sie wissen schon! Man ist nicht mehr man selbst. Man ist ein Wrack. Man ist geil nach der synthetischen Droge von WORDPRESS, nach Statistiken, nach Gefällt-mir-Daumen bei Facebook.

Man ist zu einem Junkie geworden!

Erwache ich am Morgen, überfällt mich das große Zittern. Ich schleife mich aus meinem Bett, dabei könnte ich als Bestsellerautor (Blut ist ein Fluss, Blutschneise, Die Sorgen der Killer) eigentlich beruhigt liegenbleiben. Mich drängt ja nichts. Aber trotzdem zwingt mich die Sucht vor den Bildschirm, um eine dieser wundervollen Szenen aus meinem Leben zu beschreiben, so als würde ich nur wirklich existieren, wenn ich es auch gepostet habe, wenn es in den weitläufigen Straßen des Netzes unterwegs ist.

Ist einer dieser wahnsinnig unterhaltsamen und genialen Artikel veröffentlicht, gebe ich es sofort bei Facebook und Twitter bekannt. Es ist, als würde ich einen Postreiter losschicken, der die Nachricht in die Welt tragen muss.

Ist das erledigt, ziehe ich mich mit einem E-Book zurück, hat das E-Book doch den Vorteil, dass man eine ganze Bibliothek in der Hand durch die Gegend tragen kann. Das lenkt mein Lesen ungemein, weil ich über die ersten drei Sätze erst gar nicht mehr herauskomme. Schon tippe ich zum nächsten Werk und denke mir: Nein, so ein dämlicher Satz aber auch, jetzt lieber mit einem anderen Roman weitermachen.

Auf diese Art habe ich im letzten Jahr 55.789 Sätze gelesen, aber keinen Roman mehr.

Das E-Book ist Klasse, gibt es solchen Hungerleidern wie meinem Kollegen Hans I. Glock doch die Möglichkeit, trotz dauernder Absagen der Verlage, etwas zu veröffentlichen. Und Glock und Konsorten wollen die Menschheit ja auch mal nerven dürfen.

Überhaupt – jetzt sind wir doch mal ehrlich, sind wir hier doch unter uns – wenn man in einen Self-Publisher-Roman hineinliest, kann einem schon schnell mal schlecht werden. Irgendwie müssen die meisten dieser Autoren im Deutschunterricht gepennt haben. Vielleicht waren sie aber auch zu wach. Die nehmen so eine Spannungskurve nicht nur ernst, weit gefehlt, die leben so eine Kurve regelrecht. Und dann diese Sucht nach Adverbien.

Hin und wieder, nehmen wir O.M. Gott oder meinen Freund Glock, findet sich auch eine Perle. Man muss man lange suchen, und Lebenszeit ist es ja auch, die man da vergeudet.

Jetzt habe ich eben noch mal nach dem Fragenkatalog geschaut. Zu Rezensionsexemplaren kann ich nicht viel sagen. Die bekomme ich schon, wenn ich eins anfordere, und ich würde auch das E-Book eines Self-Publishers besprechen, aber leider bzw. O.M. Gott sei Dank, rezensiere ich kaum noch. Dafür habe ich auch gar keine Zeit, weil ich ständig eine Neuigkeit aus meinem aufregenden Leben als Junkie und Bestsellerautor veröffentlichen muss. (Momentan arbeite ich deshalb auch an meiner Autobiografie mit dem Titel „Grünkohlextrakt – Leiden und Nöte eines Bestsellerautos“. Außerdem schreibe ich noch an einem Roman über einen realen deutschen Krimikritiker. Aber dazu will ich mich jetzt nicht äußern. Das würde dem Werk die Spannung rauben.)

Blogs, die ich empfehle: Ludgar Menke und Dieter Paul Rudolph, die hier schon vorgestellt wurden. Derjenige, der die Fragen, die ich mit meinem Text so großzügig überschrieb, als nächstes beantworten sollte, ist Jannis Plastargias mit seinem Blog SCHMERZWACH.

In diesem Sinne möchte ich mich für das Gespräch bedanken, das nun aber leider gar keins war.

Das letzte Wort, allerdings, überlasse ich dir wohl nicht auch noch. Danke sehr für diesen Beitrag, der passend zum heutigen runden Geburstag so ganz anders daherkommt als gewohnt.

____________________________________________________________________________________________________

Zuletzt stellte sich Friederike Kenneweg mit Frintze vor. Ihr Wunsch-Interviewpartner war der Betreiber von DocTotte, der u.a. Tottes kleines Literaturlexikon pflegt. – Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier

Steglitz stellt Dieter Paul Rudolph mit „Krimikultur: Archiv“ vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Dass wir heute Dieter Paul Rudolph etwas näher kennenlernen, der das Krimikultur: Archiv pflegt, hatte Ludger Menke vorgeschlagen, der u.a. das Krimiblog verantwortet.

Dein Steckbrief in Stichworten …

Dieter Paul Rudolph, 1955 geboren, Alter bitte selbst ausrechnen; im Wahn der Jugend Germanistik studiert, später – siehe unten – die IT-Branche gerockt. Immer schon geschrieben, Prosa und Literaturwissenschaftliches; seit 2005 Blogger und Krimikritiker, seit 2008 zudem gedruckter Krimiautor, eine teuflische Kombination.

Seit wann, warum und wo bloggst du?

© Dieter Paul Rudolph

© Dieter Paul Rudolph

Ende des vorigen Jahrtausends – wir erinnern uns: Internetblase – habe ich meinen Horizont durch eine Ausbildung zum Multimedia-Entwickler erweitert, mit dem Schwerpunkt auf multimediale Lernanwendungen. Zur gleichen Zeit kam ich in Kontakt zu hinternet.de, einer der ersten und alterwürdigsten Internetillustrierten („Pop, Kultur und Pommes…“). Mein erstes Projekt war ein Fortsetzungskrimi mit dem Titel „Die Pfauenfeder“, daneben immer wieder Rezensionen von Rockmusikbüchern, vorzugsweise aus dem englischsprachigen Raum. Tja – und irgendwann trug man mir einen Blog an, das war im Februar 2005, um genau zu sein. Einen Krimiblog, den ich nach einem schönen Song von Elvis Costello „Watching the Detectives“ nannte und von dem ich damals nicht wusste, wie er sich entwickeln würde.

Nun, er hat sich prächtig entwickelt. Bis Ende 2012 habe ich fast täglich etwas gebloggt, Rezensionen, Satiren, Informationen, längliche Aufsätze… Parallel dazu entstand das „Krimikulturarchiv“, quasi als Sammelbecken wichtiger Arbeiten befreundeter Autoren. Anfang 2013 dachte ich mir, es sei nun an der Zeit, „Watching the Detectives“ Adieu zu sagen und meine Aktivitäten auf das „Krimikulturarchiv“ zu konzentrieren. Daneben gab und gibt es immer wieder andere, zumeist zeitlich begrenzte Blogprojekte, zuletzt der Endloskrimi „Das Edwin-Drood-Projekt“, immerhin 600 Folgen (ca. 1000 Normseiten) stark. Jeden Tag eine.

Und, warum …

Hm, warum ich blogge? Ich hab nix anderes gelernt… Nein, im Ernst: Weil es mir Spaß macht und einigen LeserInnen offensichtlich auch. Weil ich das Genre „Krimi“ nicht den „Krimimimis“ oder den professoral steifen Krimiverstehern überlassen möchte. Weil ich mit fortschreitendem Alter die Welt immer mehr als „schlechten Krimi“ wahrnehme…

Mir ist es von Anfang an auch darum gegangen, so etwas wie „Krimikultur“  zu unterstützen. Zum Beispiel durch das „Krimijahrbuch“, das zwischen 2006 und 2009 immerhin viermal erschienen ist, oder die Seite alte-krimis.de mit Faksimiles von Krimis aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Hier war Bloggen als PR-Motor äußerst hilfreich. – Und, ich gestehe es: Weil ich etwas zu verkaufen habe, nämlich meine eigenen Krimis. Wer ne Bude auf’m Markt hat, muss auch mal schreien (frei nach Arno Schmidt).

Als Medium bevorzuge ich WordPress. Kostet nix, geht einfach, nette Statistiken.

Deine Themenschwerpunkte …

Hm, Krimis? Gar nicht so leicht zu beantworten. Ich habe mir wie schon erwähnt angewöhnt, die Merkwürdigkeiten der Welt grundsätzlich jeweils als „Krimi“ zu lesen. Die Barmherzigkeitskultur, die man uns übergestülpt hat und für die alle gefälligst dankbar sein sollen, die unverfrorene Umverteilung von unten nach oben (von „Bankenkrise“ über „Tafeln“ bis „Aufstocker“), die kleinen Lügen des Alltags… alle Dinge eben, die ich „schlechte Krimis“ oder „true crime“ nenne und die ich neben den literarischen Erzeugnissen ebenfalls thematisiere.

Was treibt dich in der Literaturszene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Zwei Dinge, die ich mit Interesse verfolge und die eigentlich zusammenhängen: die Entwicklung des E-Books und die sogenannten „Indies“ oder Selbstverleger. Da ich ebenfalls dazugehöre (was nicht heißt, dass ich nicht auch bei Verlagen veröffentliche), betrifft es mich auch direkt. Vor allem die allmähliche Konturierung des „Marktes“, das Trennen von Spreu und Weizen, der Aufbau von Strukturen, Autorenkooperativen und so weiter. Auch hier habe ich mir erlaubt, mich einzumischen und mit KollegInnen die Reihe „Schundheft!“ gestartet. Kleine, schmierige Genreheftchen als Print- und E-Book, in denen man mal so richtig die Unterhaltungssau rauslassen kann, ohne vorher sein Gehirn entkernt haben zu müssen.

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Ach, eigentlich nur über Facebook. Ansonsten bin ich so arrogant zu behaupten, dass mich die Leute, für die ich schreibe, seit 2005 eigentlich kennen sollten. Twitter ist nichts für mich, das lasse ich lieber.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

Mach was du willst, aber bitte schön auf eigenes Risiko. Provoziere ruhig gewisse Leute (eine Spezialität von mir anscheinend…), aber brich nicht in Tränen aus, wenn du selbst angegangen wirst. Nicke nicht alles ab, nur weil es alle abnicken. Tue niemandem vorsätzlich weh, aber rechne damit, dass du jemandem wehtun musst. Ich verstehe es, wenn mich AutorInnen, deren Bücher ich negativ bespreche, „hassen“. Aber meistens lobe ich und versuche, für gute Bücher möglichst viele gute Leser zu begeistern. Ach ja, ganz wichtig: Nimm die Sache ernst, aber nicht unbedingt dich selbst.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Konkrete Schwierigkeiten gibt es natürlich immer. Als ich mit dem Bloggen anfing, galt diese Zunft als ein Sammelbecken für Leute, die „zu schlecht für die Zeitung“ waren (ein ähnliches Phänomen erleben wir gerade auch mit den Selbstverlegern), Dilettanten eben. Dieses Misstrauen zwischen den „Profis“ in den Zeitungsredaktionen und den Bloggern gibt es wohl noch immer, der Konflikt hat sich aber abgekühlt – nicht zuletzt, weil die Blogverächter von gestern längst die Blogger von heute geworden sind. Oder es wenigstens versuchen.

Man kann das als Blogger stoisch hinnehmen, was allerdings nicht meine Art ist. Allgemein hat die „Streitkultur“ nachgelassen, die Diskussionen werden weniger, oft äußert man sich nur noch via Facebook, indem man einen Artikel „liked“. Finde ich schade. Im nichtdigitalen Leben bin ich durchaus harmoniesüchtig; die Wohlfühlatmosphäre in gewissen Blogs und das bisweilen Belanglos-Private („Bin gerade aufgestanden und muss gleich aufs Klo“) bei Facebook ist aber nicht mein Ding.

Ansonsten? Ich musste einmal schleunigst ein paar Kommentare rausnehmen, die über Nacht gekommen waren und in denen konkrete Personen übelst beleidigt wurden. Außerdem durfte ich feststellen, dass man sich durchaus „Feinde“ machen kann, ohne es wirklich zu wollen und ohne jemals mit diesen Leuten in Kontakt gekommen zu sein. Die verfolgen einen dann getreulich und hinterlassen ihre Häufchen überall im Netz.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Allgemein: Ich habe über das Bloggen einige sehr nette und liebe Leute kennengelernt. „Normale“ LeserInnen, KritikerInnen und AutorInnen. Schöne und spannende E-Mail-Korrespondenzen haben sich entwickelt, man hat sich in Frankfurt auf der Buchmesse getroffen, sich gegenseitig geholfen und getröstet, konnte Tipps geben oder etwas vermitteln … so soll es sein.

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Es gibt eine Handvoll Verlage, die mich seit Jahren automatisch mit ihren Neuerscheinungen bestücken. Gottlob sind es Verlage, deren Bücher ich meistens gerne bespreche, kleinere Häuser wie Ariadne, Pendragon oder Pulp Master. Generell gilt aber: Selbst wenn ich ein Buch anfordere, bedeutet das nicht, dass ich es auch besprechen werde – und schon gar nicht garantiert positiv. Wenn mir ein Buch nichts zu sagen hat, habe ich auch nichts darüber zu sagen.

Und wie würdest du damit umgehen, wenn dir Selfpublisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Ich habe schon explizit darum gebeten, dass mir Selfpublisher ihre Titel zuschicken. Sie werden genauso behandelt wie Verlagsbücher.

Wie hältst du es mit dem E-Book?

Feine Sache. Als Leser mag ich die rasche Verfügbarkeit. Früher habe ich auf längeren Zugfahrten ein Buch mitgenommen und dann festgestellt, dass ich es eigentlich gar nicht lesen will. Heute habe ich meinen Reader dabei und suche mir etwas Passendes aus. Da ich keineswegs „bibliophil“ bin (ich schreibe auch schon mal mit Kugelschreiber Anmerkungen in teure Bücher – und ich meine jetzt nicht Bücher für 20 Euro!), interessiert mich das vielbeschworene „Haptische“ überhaupt nicht. Inhalt, that’s it!

Aber mit dem E-Book ist natürlich noch etwas anderes, vielleicht sogar Revolutionäres verbunden: Jeder kann heutzutage seine eigenen E-Books produzieren und auf Plattformen anbieten. Der Teufel in mir raunt gerade: Ja, genau das tut offensichtlich auch jeder! Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir am Anfang einer Umwälzung dieses ganzen pervertieren „Buch- und Literaturmarktes“ stehen. Die einzigen, die bisher in der Regel nicht von Büchern leben können, sind die Autoren. Was weniger an den Verlagen liegt, die den Autoren nicht mehr zahlen können, weil der größte Teil des Umsatzes von Groß- und Kleinhändlern abgeklemmt wird. Mag sein, dass die auch nicht anders können, aber „gesund“ finde ich das nicht. Durch Selbstvermarktung werden sich die Kräfteverhältnisse allmählich verschieben. Wer als Verlag nicht rechtzeitig die Zeichen der Zeit erkennt, wird scheitern. Es werden sich neue Formen von Kooperativen (ich darf noch einmal auf die „Schundhefte“ verweisen…) bilden, viele Buchhandlungen werden dichtmachen müssen (vor allem solche, die sowieso längst zu Gemischtwarenläden und Bestseller-Verkaufsstationen verkommen sind). Natürlich wird es nach wie vor eine Zweiteilung des Marktes geben: Hier die Bücherunmengen des Mainstream, dort die kleinen Auflagen der Widerspenstigen. Aber die neuen Formen bedeuten auch neue Chancen. Man muss sie nur nutzen – sonst bleibt alles wie es ist.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Oh je! Ich bin eigentlich ein Kreuz- und Querleser ohne wirkliche Stammblogs… Natürlich muss ich Ludger Menkes Krimiblog zu allererst nennen, weil er mich seit 2005 treu und brav begleitet. Und die fundierten Meinungen von Martin Compart zum Genre und überhaupt zum Verbrechen. Sehr informativ auch Die Webagentin. Als erfreuliches Beispiel dafür, dass selbst Printjournalisten prima bloggen können, seien die Blogs der „Stuttgarter Zeitung“ genannt.

Aber das Stöckchen fliegt natürlich zum unglaublichen Guido Rohm, Deutschlands begabtestem Schund-, Blut- und Schmierautor seit O.M. Gott und Hans I. Glock, und seinen gestammelte Notizen!

Danke sehr! Und da ich bei den „Schundheften“- gefällt mir übrigens sehr – auf einen speziellen „Kampf der Geschlechter“ gestoßen bin, eine Anmerkung zum derzeitigen Genderverhältnis innerhalb dieser Gesprächsreihe: Mit deinem Beitrag zogen die Männer mit den Bloggerinnen wieder gleich auf. Aktuell steht es 24:24.

________________________________________________________________________________________________________

Zuletzt stellte sich Ludger Menke mit Krimiblog u.a. vor. Sein Wunsch-Interviewpartner war: dpr = siehe oben. – Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier

Steglitz stellt Bettina Schnerr-Laube mit „Bleisatz“ vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Dass wir etwas mehr über Bettina und ihr Blog Bleisatz erfahren sollte, hatten die Herren sandhofer und scheichsbeutel vorgeschlagen, die gemeinsam litteratur.ch betreiben.

Dein Steckbrief in Stichworten …

# Mutter, Fachjournalistin, Leseratte (in unterschiedlicher Reihenfolge)

# Badenerin, die seit Jahren in der Schweiz lebt und arbeitet

# Vielleserin, aber keine Allesleserin

Seit wann, warum und wo  bloggst du?

Seit 1999 treibe ich mich mit einer Website im Netz herum, aus der sich im Januar 2008 die auf Bücher fokussierte Website Bleisatz entwickelte. Bleisatz ist eine komplette Eigenentwicklung: Ich kümmere mich um die Inhalte, html und css, mein Mann erledigt die php-Programmierung, von der ich schlicht keinen Schimmer habe.

Deine Themenschwerpunkte …

© Bettina Schnerr-Laube

© Bettina Schnerr-Laube

Wie sandhofer schon anmerkte, kümmere ich mich besonders um Krimis. Sicher 60% meiner Lektüre fallen in dieses Genre. Seit einiger Zeit bin ich zusätzlich auf literarischer Weltreise und versuche, jedes Land dieser Welt mit je einem Buch zu besuchen. Ursprünglich sollten es „nur“ 25 Bücher werden, aber mich faszinieren die Neuentdeckungen inzwischen so sehr, dass sich die Idee verselbständigt hat. Irgendwo zwischen Land 70 und Land 80 stecke ich gerade.

Was treibt dich in der Literaturszene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Wirklich umtreiben tut mich wenig, da ich nicht im eigentlichen Literaturbetrieb drinstecke. Eher amüsiert beobachte ich allerdings Autoren, die über Leser und deren Meinungen herziehen (und davon kommt ja hin und wieder was hoch), weil die Autoren in der Regel sehr viel mehr über sich dabei verraten als – wie gemutmaßt – über die geschmähten Rezensenten.

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Damit habe ich erst im Sommer 2010 angefangen. Ich wurde bei Facebook aktiv, später auch bei G+ und Twitter. Wie stark die Aktivität dort etwas für die Bekanntheit leistet, vermag ich allerdings nicht zu beurteilen. Auf allen drei Kanälen bin ich mittlerweile auch deshalb gerne unterwegs, weil ich viel für mich selbst dort entdecke.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

Nichts. Ich verstehe Blogs als Spiegel persönlicher Meinungen und Interessen, den jeder Blogger in einer frei wählbaren Form umsetzt. Per Bild, Video, mit Link, ohne Link, langem oder kurzem Text. Ein Leser wird grundsätzlich nach seinen eigenen Vorstellungen den einen oder anderen Blog lieber besuchen als einen anderen.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Die größte Aktivierungsenergie benötigt man vermutlich für den Blogstart. Technische Probleme sind dank vieler kostenfreier Angebote in der Regel aus dem Weg geräumt. Also bleibt nur eines: Anfangen (… und ein bisschen dranbleiben).

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Das war der Moment, als ich bei meinen ersten zaghaften Anfragen nach Rezensionsexemplaren ohne Zögern die Zusage von allen damals angeschriebenen Verlagen gleichzeitig erhielt. Es ging um ein kleines Argentinien-Special zur Buchmesse und ich hatte einen ganz erheblichen Anteil von Absagen eingerechnet.

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Zwei oder drei Verlage wissen gut um meine Schwerpunkte und fragen sehr gezielt an. Interessieren mich die Titel, sage ich abhängig von meinen Terminmöglichkeiten zu. Mit meinem Beruf und einer lebhaften Familie an der Seite sind zeitnahe Lektüren eine waghalsige Angelegenheit, sodass auch bei interessanten Krimis schon das ein oder andere Nein sein musste.

Und wie würdest du damit umgehen, wenn dir Selfpublisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Anfragen von Selfpublishern erhalte ich fast nie. Zugesagt habe ich in diesen Fällen auch noch nicht. Ein wenig Skepsis ist vorhanden, da meine bisherigen Versuche mit BoD und Eigenverlagen nicht alle begeisternd waren. Daher belasse ich es bei Selbstversuchen, die ich nach gusto einstreuen kann.

Wie hältst du es mit dem E-Book?

Ganz positiv, seit ich einen Reader habe und den erfolgreich ausprobiert habe. Ich werde jubeln, sobald eine einheitliche Regelung für Dateiformate gefunden ist, sodass ich alle Bücher bei allen Anbietern kaufen kann – wie bei mp3-files für Musik auch.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Da sandhofer schon so offen den Ball einer Krimibegeisterten zugeworfen hat, bleibe ich in diesem Genre. Erst vor kurzem habe ich Janet Rudolph mit ihrer Mystery Fanfare entdeckt, die offensichtlich gute Krimilisten zu bestimmten Themen zusammenstellt. Auch die Kriminalakte ist eine Anlaufstelle, zumal sich der Macher auch um Film und Verfilmungen kümmert.

Die zwei nächsten Blogs haben abgesehen vom Krimi noch eine weitere Gemeinsamkeit: Sie haben – jeder für sich – eigene grafische Stile entwickelt und dafür habe ich eine kleine Schwäche. Die Krimikiste bietet jede Rezension als Podcast an. Und den Krimiblog(ger)  möchte ich gerne als neuen Interviewpartner vorschlagen. Was mich an diesem Blog fasziniert ist, dass der Krimiblogger und ich meist recht wenig Überschnitt in der Lektüre haben: Genau das ist der Grund, warum ich dort immer neue Anregungen und Perspektiven entdecke.

Danke sehr, Bettina. Eine feine Idee zudem, dass wir etwas mehr über den Krimiblogger erfahren sollten.

________________________________________________________________________________________________________

Zuletzt stellten sich Anne-Kathrin und Jessica mit lesErLeben vor. Ihre Wunsch-Interviewpartnerinnen waren die Betreiberin von jungesbuch. – Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier