„Eine Darstellung einstmals bedeutender Ereignisse“ von B. Claus DeFuyard

Nach Adlon. Ein Trostschreiben von Ubiquiste, Auszügen aus Die Siechendienerin von Enzor Fadar oder den kritischen Anmerkungen von B. Claus DeFuyard zu apostrophierten Keimlingen der deutschen Gegenwartsliteratur und orakelnden Samenhändlern im Feuilleton (Die Gewächshaus-Generation) präsentiert SteglitzMind heute abermals einen Beitrag aus dem KULTURFLÜCHTER. Ganz von ungefähr kommt das nicht. Seit längerem begleite ich das literarisch ambitionierte Projekt mit Biss, das sich Un-Periodikum nennt, weshalb ich die Rubrik „Der Kulturflüchter auf SteglitzMind“ einrichtete, in der in loser Folge Beiträge und Textauszüge aus dem Un-Periodikum vorgestellt werden.

Heute –  (recht-) frühzeitig zum heißen Herbst – der entideologisierte Ferdinand Lassalle, dem sich neben B. Claus DeFuyard („Wir wissen jetzt schon, dass die bevorstehenden Wahlen nicht halb so amüsant verlaufen werden … haben wir das verdient?“) auch die Berliner Künstlerin Susanne Haun angenommen hat. – Ich sage beiden danke.

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Nachrufe auf Ferdinand Lassalle …

die können sich sehen lassen; bissig-polemisch, mitunter oberflächlich, rassistisch, nicht wenige ließen ein gutes Haar an ihm. Heinrich Heine nannte ihn, obwohl befreundet, einen ‚furchtbaren Bösewicht‘; und Karl Marx ließ sich zu Schimpfereien hinreißen, es reichte vom ‚jüdischen Nigger‘ bis zur ‚geilen Brunst dieses Idealisten‘. Lassalles deutsch-nationale Gesinnung und sein Eintreten für den deutschen Einheitsstaat war Marx suspekt – also ein wirklicher Unhold nach Ansicht einiger, für andere wiederum ein ‚Wohltäter und Erlöser‘. Sophie Gräfin von Hatzfeldt: ‚Ein ganzer Mann aus einem Guss … dass ihn groß in großen Dingen machte‘. Sie war seine fürsorgliche Freundin.

Der Gründer der deutschen Arbeiterbewegung bleibt den Erben in nicht angenehmer Erinnerung. Lassalle, ein Arbeiterführer des 19.Jahrhunderts, deutscher Jude, Objekt ungezählter Biographien und politischer Analysen. Er befand sich im Sommer 1857 auf dem Höhepunkt seines politischen Einflusses. Er entsprach in keinem der entworfenen Klischees dem Bild eines Arbeiterführers und tat selbst nicht wenig, um die gängigen Vorurteile gegen ihn zu nähren.

Mein Sinnbild von Lassalle © Zeichnung von Susanne Haun

Mein Sinnbild von Lassalle © Zeichnung von Susanne Haun

Die im Folgenden vorliegende Erzählung ist kein Versuch, den Auseinandersetzungen um Lassalle weitere hinzuzufügen. Es betrifft vor allem sein privates Leben und seine Vorstellung einer ’national-sozialen‘ Revolution gegen die Marx’sche Internationale, sein von ihm selbst so bezeichneter ‚Hunger nach Frauen‘ und auch die physische Last, die seine fortschreitende Krankheit (Syphilis) mit sich brachte; und Bernhard Becker, 1868 in seinen »Enthüllungen«, benannte – ‚Seine mädchenhafte Eitelkeit … der fadesten Schmeichelei zugänglich … bis hin zum unbeugsamen Eigensinn gesteigerten herrischen Wesen … seine Genußsucht in Beziehung auf Frauen … verwundbare Stellen an dem sonst so gut gewappneten Mann.‘

Nach Georg Brandes, 1888, »Ferdinand Lassalle« ein ‚Verächter der öffentlichen Meinung … ausgeprägter Geistesaristokrat und Sozial- Demokrat … größere Gegensätze als diese … hegt (man) nicht ungestraft in seinem Gemüt.’

Hans-Jochen Vogel, ehemaliger SPD-Vorsitzender, würdigte zum 125. Todestag das ‚Mindestmaß‘ der Verdienste Ferdinand Lassalles: ‚Seine historische Leistung war eine politische, nämlich die Lösung der Arbeiterbewegung aus ihrer Abhängigkeit vom liberalen Bürgertum durch Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins.’ (Leipzig, 23. Mai 1863)

Heute, 150 Jahre später, mutet der unverhohlene Hinweis einiger Autoren – auch im Zusammenhang mit der Historie und Deutschlands vermutlich heißesten Herbst 2013 – auf eine ’mögliche’ Kanzlerschaft eines SPD-Kandidaten’ eher seltsam an. Als wäre die Lassalle’sche Geschichte auf einmal eine doch gut überdachte Folge übereinstimmender Momente gewesen – denn mehr muss man über Ferdinand Lassalle nicht erfahren und darüber hinaus mit ihm nichts zu tun haben. Das Mindeste ist das Äußerste. Basta.

Lassalle’s Leben endete kolportageartig am 28. August 1864 in Genf. Er starb in einem Duell nicht für die Idee des Sozialismus, sondern aus gekränkter Eitelkeit. Es ging um eine Frau, als die Kugel das Organ traf, das seinem genervten Widersacher aus der rumänischen Walachei stammenden Janko Rakowicza … verhasst gewesen sein musste. Lassalle wurde nicht einmal vierzig Jahre alt. Seine letzten Zeilen: ‚Ich erkläre hiermit, dass ich selbst es bin, der seinem Leben ein Ende gemacht hat‘. Märchen und Legenden entstanden.

Die Deutsche Arbeiterbewegung, die Lassalle wie ein Monarch organisiert hatte, stockte. Sein Tod ist von vielen nicht geglaubt worden. Kläglicher Sektenstreit entstand.

Am 14. September 1864 fand er in Breslau, seiner Heimatstadt, seine letzte Ruhe. Sein Grab auf dem stark verwüsteten jüdischen Friedhof im heutigen Wroclaw, blieb unangetastet. Ab und zu legen Unbekannte Blumen nieder. Unglaublich. Der erste Führer der deutschen Arbeiterbewegung ist nicht vergessen. Aber erst 1875 entstand die radikale sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands und wurde durch ihren internationalen Anspruch – staatsfeindlich. Und das hier ist auch der Lassalle, das heißt, Geschichten aus seinem privaten Leben – erzählt auf eine eher moderne Art und Weise; es geht um seine letzten ’heroischen‘ Jahre.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere führte er ein aufregendes Leben, dramatisch verlief das eigene Schicksal, dramatisch sein politischer Weg. Alexander von Humboldt: „Ferdinand ist wie eine Kerze, die an zwei Enden knistert“ und der Philologe Friedrich August Böckh bemerkte: „Was für ein wildes Leben.“ Darin lag wohl ein Schaudern und weitaus mehr – Bewunderung.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts wirkte sich Fortschritt und technische Errungenschaften, die reiche Bildung des Bürgertums, die eine vorangegangene Generation auf den Weg gebracht hatte, aus. Die höfische Kultur befand sich auf dem Rückzug, während das Bürgertum zur führenden Schicht aufstieg.

Allerdings standen die wissenschaftlichen, philosophischen und literarischen Leistungen in einem krassen Verhältnis zu ihrem politischen Stellenwert. Die wahren Herrscher ließen die Bürger zwar jeden geistigen Gipfel erklimmen; den Anteil an der Macht und damit der gesellschaftlichen Verantwortung gewährte man ihnen nicht. So ist es geblieben. Die Folgen waren Mangel an Wirklichkeitssinn, Rückzug in die Resignation. Vor den städtischen Unterschichten, vor den Bauern im Elend schlossen die Bürger die Augen. Sie lebten für sich und ihren Interessen.

© Der Kulturflüchter

© Der Kulturflüchter

Ein Mann wie Ferdinand Lassalle erregte Aufsehen. Er setzte sein nicht unbeträchtliches Vermögen für seine politischen Ziele, für die Umsetzung seiner Ideale ein. Aus dem Blickwinkel derjenigen, denen die Konfrontation mit einem Lebemann und Sozialisten Bewunderung, aber auch Unverständnis auslöst: Vor dem Hintergrund einer sich überschlagenden industriellen Entwicklung gehörte Lassalle dennoch zu den Visionären, die Gerechtigkeit wollten und die nationale Einheit der Deutschen, im Gegensatz zu Marx und Engels. Ihm hat es Ärger und Verfolgung eingebracht.

In den »Gesammelte Reden und Schriften« schreibt Eduard Bernstein: ‚Er (Lassalle) nimmt bei oberflächlicher Bekanntschaft menschlich eher gegen sich ein. Fast alle … die ihn noch gehört und gesehen, erzählen mehr Ungünstiges als Günstiges über ihn. Sie hatten ihn eben nur halb kennen gelernt – seine gewiss großen Fehler gesehen, aber nicht seine größeren geistigen Eigenschaften erkannt und gewürdigt … aber wo es um den Menschen und sein Lebenswerk geht, da ist Gerechtigkeit ohne Liebe überhaupt keine Gerechtigkeit … auf die dieser Genius einen Anspruch hat.‘

Ein Lassalle passt heute in kein politisches Konzept. Man drängt uns förmlich einen ausgebufften Langweiler auf, dessen Kompetenz nur gruseln macht, wiederholt gebetsmühlenartig die zum Schlagwort geschrumpften Begriffe von Freiheit und Gerechtigkeit – als wären alle anderen dagegen – es reicht nur nicht über das grundsätzliche Einvernehmen hinaus, wenn seit 2000 Jahren Menschheitsgeschichte auch jedes, auf das vermeintlich Wohlergehen abgegebener Versprechen, am Ende doch gebrochen wurde.

In den Jahren 1857 bis 1864 verzettelte Lassalle sich in Liebesaffären und mehr und mehr beeinflusste das auch seine Mission, zu der er sich berufen fühlte. Er war ein Sammler von Gemälden, Antiquitäten und schönen Frauen. Es ging über seine Kraft. Am Dämon Lassallescher Leidenschaft gemessen, macht sich der heutige Vorsitzende wie ein Biedermann aus. Er sammelt Asterix und Obelix und das sichert ihm schon Lob und Anerkennung, was er denen, die sein Engagement nicht teilen, gerne vorenthält.

Franz Mehring überlässt es in der »Geschichte der Deutschen Sozialdemokratie« den ’bürgerlichen Romanfabrikanten, sich  ihren Lassalle zurecht zu kneten‘. Da ist sicherlich Wahres dran.

© 2013 Der Kulturflüchter N° 6 (die Erzählung in Gänze wird gesondert publiziert)

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Das Un-Periodikum „Der Kulturflüchter“ erscheint im Zeitlichkeitverlag, Herausgeber ist B. Claus DeFuyard. Zum Blog des Kulturflüchters geht es hier

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ich sage danke und freue mich auf …

Als ich im Mai dieses Jahres SteglitzMind an den Start brachte, habe ich mir nicht träumen lassen, dass es so trefflich an Fahrt aufnehmen würde. Nahezu 1.200 Kommentare und reichlich viel Beifall in Form von „gefällt mir“ stehen wohl für sich.

Zu verdanken ist der Applaus letztendlich auch all jenen, die mir hier Rede und Antwort standen: den 35 Bloggern, die sich im Rahmen von „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“ seither präsentiert haben, und den acht Autoren, von denen ich in der losen Interviewreihe „Steglitz fragt bei …. nach“ u.a. wissen wollte, wie sie mit den Folgen der Digitalisierung umgehen und welche Chancen und Risiken sie damit verbinden. – Danke euch, dass ihr hier alle mittatet!

viel Schwein in 2013 © GvP

viel Schwein in 2013 © GvP

Den Autorinnen und Autoren:

Jando

Petra van Cronenburg

Petra Röder

Nicole Sowade

Jan-Uwe Fitz aka Vergraemer

Sonya Winterberg

Patric Marino

Wilhelm Ruprecht Frieling aka Prinz Rupi

und den Bloggerinnen und Bloggern:

Petra Gust-Kazakos

Sandra Matteotti

Mara Giese

Christian Köllerer

Marius Fränzel

Klausbernd Vollmar

Der Betreiber von Zeitspiegel

Selçuk Caydi

Flatter Satz

Benjamin Stein

Jarg

Dieter Wunderlich

Kerstin Pistorius

Durchleserin

Manuela Hofstätter

Gregor Keuschnig

Ada Textkrieg

Giesbert Damaschke

Harald Sack

Buechermaniac

Caterina

Dietmar Hillebrandt

Stefanie und Yvonne

Mareike Fallwickl

Jutta S. Piveckova

Anousch

Bücherliebhaberin

Svenja

Marcus Johanus

Simone Finkenwirth

Oliver Gassner

Hartmut Abendschein

Axel Hollmann

Ruth Justen

Dorota Federer

Nun bin ich freudiger Erwartung, was das nächste Jahr mit sich bringen wird. Zuvörderst bin ich auf den Beitrag von Ada Mitsou hier am 2. Januar gespannt, der die Blogger-Gesprächsreihe für 2013 an den Start bringt, und auf das Interview mit dem Lindenstraßen-Autoren und Self Publisher Michael Meisheit, den ich rund um sein Debüt „Soap“ befragen werde.

Voller Vorfreude auf das kommende Jahr bin ich auch deshalb, weil der „Kulturflüchter“ – ein literarisch ambitioniertes Projekt mit Biss, das ich seit zwei Jahren begleiten darf – in Bälde mit einem Blog durchstartet.  Lasst euch überraschen! – Achja, auf den Himmel über Steglitz bei picpack freue ich mich auch sehr …

Rutscht gut rüber!

Eure Gesine