Wir sind Schreibsklaven! Oder: Die Seele und das Herz bitte an der Garderobe abgeben – auf der Bühne spielen die Verkaufszahlen

Der Blogpost „Statt Schriftsteller ist man Schreibmaschine“, in dem zwei Autorinnen über haarsträubende Erfahrungen mit Verlagen berichteten, treibt seit seinem Erscheinen im Juli vergangenen Jahres um. Immer wieder erreichen mich dazu Kommentare, Stellungnahmen und Erfahrungsberichte. So gestern von einer Autorin, die ungenannt bleiben möchte. – Ich danke ihr für einen Bericht, der unter die Haut geht.

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So, jetzt habe ich diese ganze Artikelserie gelesen und lange überlegt, ob ich auch was schreiben soll. Letztendlich bin ich zu der Auffassung gekommen, dass es wohl gut ist, wenn ich auch etwas dazu sage, damit die Zahl derer, die den Mund aufmachen ein bisschen größer wird.

Also ja: Hiermit reihe ich mich ebenfalls in die Liste der Autoren ein, die vorsichtshalber ihren Namen nicht nennen, denn im Großen und Ganzen kann ich alle Punkte bestätigen, die ich hier gelesen habe.

Ich selbst schreibe seit über 20 Jahren. Etwa 10 Jahre davon habe ich gebraucht, um gut schreiben zu lernen. Weitere 10 Jahre hat es gedauert, ehe ich das ganze Elend mit Bewerbungen und Ablehnungen überstanden hatte und mein erstes Buch von einem “echten” Verlag gedruckt wurde. Inzwischen sind es drei Verlage, zwei davon namhaft, einer nicht ganz so.

© Clipart GvP

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Der Erfolg, also das “Verlegt werden” an sich, ist in meinem Fall noch recht jung. Aber ich kann jetzt schon sagen, dass sich vieles daran falsch anfühlt. “Die Seele und das Herz bitte an der Garderobe abgeben – auf der Bühne spielen die Verkaufszahlen.” Dieses Motto spürt man schnell, wenn man die heilige Grenze zum Verlag erst einmal übertreten hat. Sicher, alle sind freundlich zu mir, alle lieben meine Bücher und wahrscheinlich meinen sie es wirklich so. Aber mein Herz und meine Seele habe ich längst verkauft. Für einen Dumpingpreis, denn leben kann ich bei Weitem nicht davon. Man könnte auch sagen, ein durchschnittlicher Verdiener verdient im Monat soviel wie ich im ganzen Jahr. Das Geld bringt also mein Mann in die Familie. Ich “verwirkliche nur mich selbst”. Mit dem kleinen Unterschied, dass ich selbst das nicht mehr tue, seitdem mir die Verlage sagen, was ich schreiben soll, wie lang es sein darf, für welche Zielgruppe ich es zurechtschustern muss und wann der Abgabetermin ist. Der Titel, das Cover und der Klappentext werden festgelegt, bevor das neueste Buch auch nur einen Satz lang ist, also zu einem Zeitpunkt, zu dem es nur aus einer Idee besteht, die ich in einem Exposé formuliert habe. So etwas ist wirklich, WIRKLICH unheimlich!!! Alles Mögliche könnte in der Zwischenzeit passieren. Was, wenn ich mit meinen Figuren nicht warm werde? Wenn die Geschichte nicht funktioniert? Wenn ich in eine Sackgasse laufe und das Buch nochmal umschreiben muss? Wenn ich einfach mal krank werde oder etwas anderes dazwischenkommt und deshalb der Zeitplan platzt? Wenn irgendwas davon passiert, dann müsste ich stümpern und tricksen und das Buch würde trotzdem gedruckt und ich bekomme die Dresche von den Lesern, weil “natürlich” der Autor verantwortlich für sein Buch ist.

Zum Glück vertraue ich mir und meinem Können. Ich weiß, dass ich dieses Buch schreiben kann, auch unter dem gegebenen Druck und in der vorgegebenen Zeit. Was das betrifft, bin ich also froh, dass ich zwanzig Jahre Vorlauf hatte, um mich und mein Können zu entwickeln. Ich habe inzwischen eine Routine, die ich jetzt dringend brauche, und zum Glück gehöre ich auch zu denen, bei denen die Ideen nur so hervorsprudeln.

Aber dennoch. Ich bin immer noch schockiert darüber, wie es hier (in der glitzernden Verlagswelt) läuft. Ich dachte immer, ein Buch müsste perfekt sein, die Figuren, die Sprache, die Atmosphäre. Ich habe Werke in meiner Schublade, an denen ich mit unendlicher Geduld geschrieben und gefeilt habe, die von zahlreichen Testlesern und anderen Autoren gegengelesen wurden, bis ich alle konstruktive Kritik in den Text eingearbeitet hatte. Aber solche Bücher werden jetzt nicht einmal geprüft, von keinem meiner Verlage. Und warum? Weil sie zufällig ein Thema behandeln, das auf dem Markt gerade gefloppt ist.

Also muss ich neue Bücher schreiben, für die ich wenig Zeit habe, so wenig Zeit, dass sie kaum ein Testleser zu Gesicht bekommt, bevor sie auch schon in den Druck müssen. Aber sie haben das richtige Thema, oder sagen wir mal, das Thema, von dem die Marketingabteilung glaubt, es könnte das richtige sein.

Ganz ehrlich, immer, wenn ich darüber nachdenke, kann ich spüren wie eine kleine Wunde in meinem Herz aufreißt und anfängt zu schmerzen. Ich musste mich und meine Seele verkaufen, um dabei zu sein. Und jetzt kämpfe ich Tag um Tag darum, sie zurückzubekommen. Ich tue alles dafür, mir die Geschichten zurückzuerobern und sie trotz all der Vorgaben und Beschränkungen wieder zu einem Teil von mir zu machen. Und ich bange und hoffe, darauf, dass sich meine Bücher irgendwann so gut verkaufen, dass ich wieder die Regeln bestimmen darf.

Aber im Moment stehe ich noch ganz unten in der Rangordnung. Selbst der Gang in den Buchladen ist meistens deprimierend. Meine Bücher müssen wohl irgendwo im B oder C-Programm laufen (auch wenn meine Lektorinnen immer davon schwärmen, wie gut mein Buch überall ankommt). Ich aber jedenfalls finde sie trotz namhafter Verlage meistens nicht, wenn ich in einen Buchladen komme. Oder ein einzelnes Exemplar steht einsam und verloren irgendwo im Regal, wo nur hartgesottene Fans nach ihm suchen werden. Manchmal hole ich solch ein einsames Buch heraus, trage es ein bisschen mit mir herum und lege es dann liebevoll und wie zufällig irgendwo auf den Tisch. Aber wahrscheinlich findet es die Buchhändlerin dann doch vor dem Leser und stellt es in seinen Regalplatz zurück.

Offensichtlich hat für mich also noch niemand einen Stapelplatz bei Thalia gekauft. Warum auch. Ich bin jung und neu am Markt. Ich muss mich erst einmal beweisen.

Und so organisiere ich bis jetzt auch noch viel zu viel selbst. Wenn ich eine Lesung halten will, muss ich mir selbst einen Ort suchen und das Publikum am besten gleich mitbringen, von einem Lesungshonorar mal ganz zu schweigen. Wenn ich ein bisschen Pressewirbel will, dann toure ich selbst durch das Internet, pflege meine Sozialforen und streichele meine Leser mit liebevollem Smalltalk. Tatsächlich sind das oftmals die besten Momente. Meinen Lesern bin ich manchmal am Nächsten, obwohl ich nur ein paar geschriebene Worte von ihnen habe, in denen sie ihre Leseeindrücke schildern. Ich bin also wirklich gerne “bei meinen Lesern”. Aber der Verkaufserfolg steigt wohl nur wenig durch diese 1:1 Zuwendung und meine neuesten Bücher werden dadurch auch nicht gerade schneller fertig.

Stattdessen geht fast die Hälfte der Zeit dafür drauf, alles selbst zu organisieren. Mir ist es noch nie so schwer gefallen, mich auf mein aktuelles Manuskript zu konzentrieren, weil die Tage ständig zwischen dem einen und dem anderen zerrissen werden. Wenn ich einen schlechten Tag habe, aktualisiere ich manchmal häufiger den Verkaufsrang bei Amazon, als ich beim Schreiben meines neuesten Werkes auf die Returntaste drücke. Nicht etwa deshalb, weil bei Amazon so viele Bücher über den Tisch gehen würden, nein, wohl eher deshalb, weil ich mir das so sehr wünsche.
Es ist also alles andere als eine heile Welt, die dort hinter den Verlagstüren herrscht. Und wir Autoren sind in dem “Geschäft” die ärmsten Säue von allen. Wir machen unseren Job ja gerne, hundert andere stehen Schlange, um unseren Platz einzunehmen, also muss man uns weder fair bezahlen, noch fair behandeln.

Meine Agentin fand dafür den treffendsten Begriff: Wir sind Schreibsklaven. Genau so fühle ich mich oft. Aber verflucht nochmal, ich mache meine Job so gerne, dass ich ihn trotzdem nicht aufgeben würde, dass ich das alles mitmache und lächele und nach außen hin den Schein wahre – und nur dann den Mund aufmache, wenn mein Name nicht darunter steht.

Manchmal denke ich, wir Autoren müssten mal streiken, alle auf einmal, die Kleinen und die Namhaften. Wir müssten uns alle verabreden und unsere neuesten Manuskripte einfach nicht pünktlich zum VÖ-Termin abliefern. Aber das Problem ist wohl, dass es auch unter uns zu viele Streikbrecher geben würde – und noch mehr Autoren, die nur darauf warten, dass mal ein Programmplatz freibleibt. Im Notfall würde sich auch noch eine Auslandslizenz finden, die man schnell ins Programm schieben kann.
Also muss ich mich wohl damit abfinden, dass ich nur eine Nummer auf dem Markt bin. Und alles, was ich hoffen kann, ist, dass sich die Qualität meiner Bücher irgendwann durchsetzt und mich zu einer größeren Nummer macht, bis ich irgendwann vielleicht tatsächlich Geld verdiene. Nur so viel wie man zum Leben braucht. Das würde mir ja schon reichen.

Tja, jetzt habe ich so viel geschrieben und frage mich gerade, was die Moral von der Geschichte ist. Im Grunde ganz klar: Wenn ihr es könnt, wenn ihr nur irgendwie die Möglichkeit habt, auf andere Weise glücklich zu werden, dann lasst die Finger vom Schreiben! Diese Welt mag glänzen, aber auch das Schlachtermesser glänzt, bevor es dem Schwein die Kehle aufschlitzt.
Doch wie auch immer. Ich für meinen Teil werde weiterkämpfen. Ich weiß schon lange, dass ich nur glücklich bin, wenn ich schreibe, also könnte ich es wohl nie sein lassen. Selbst wenn ich wollte 😉

Liebe Grüße
Eure Schreibsklavin!

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„Dabei will ich nur Bücher schreiben.“ ACR über Schreiben, Selfpublishing und den Literaturbetrieb

Der Blogpost „Statt Schriftsteller ist man Schreibmaschine“, in dem zwei Autorinnen über haarsträubende Erfahrungen mit Verlagen berichteten, treibt seit seinem Erscheinen im Juli vergangenen Jahres um. Immer wieder erreichen mich dazu Kommentare, Stellungnahmen und Erfahrungsberichte. So von Angela Charlotte Reichel, deren Erfahrungen ich hier teilen möchte. – Ich danke Charlotte für ihre Offenheit.

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„Durch den Artikel „Ein Herz für Kinder!? Oder: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch“ bin ich auf diesen Blog gekommen. Seitdem lese ich und finde viele Zusammenhänge – im Sinne von – es berührt, betrifft, geht (auch) mich etwas an. (Geht mich auch etwas an – trifft ebenso zu.)

Es ist – wie wenn ich die Wehrbrücke meiner Burg herunterlasse und erstmals ins Freie gehe … nach langer Zeit.

„Selbst schuld“, brummt meine innere Stimme, während ich kopfnickend: ‘Siehste!‘ denke und weiterlese und weiter lese. Da wird ausgesprochen/aufgeschrieben was ich schon lange vermute, denke, fühle und mich nicht traue, zu sagen.

Zwei Gründe für meine Zurückhaltung: Ich habe gedacht, ich bin zu unbekannt für eine Stimme und ganz nebenbei macht der „Markt der Etablierten“ (auf mich) pausenlos den Eindruck, unter ihm sei der Weisheit und des Erfolges Schatz bereits verteilt.

Nun finde ich hier zwar wieder zwei etablierte Schriftsteller(Innen), dass sie sich allerdings anonym halten, macht mir Mut.

Wenn also einen Namen haben, die „Stimme nimmt“, bin ich regelrecht beschenkt mit meiner Stimme „ohne Namen“.

Also sag‘ ich was!

Und damit beginnt es schwierig zu werden. Ich mag die „Verkaufsgeschichten“ nicht. Ich mag nicht diese Reißer: „Am eigenen Leib gespürt und nun der Welt mit auf den Weg gegeben!“

Und – weil ich sie nicht mag, scheue ich sie und prüfe in sensiblen Zeiten sogar jede meiner Zeilen, ob sich da irgendwo etwas hinter der Formulierung verbergen könnte, „was auszusehen schiene“ wie eine versteckte Werbemasche.

Dabei will ich nur Bücher schreiben.

Ganz stimmt das nicht. Ich will Romane schreiben.

Und auch das trifft es nicht, denn ich will immer besser werden. Ich will Literatur machen, anspruchsvoll und die Sprache als Instrument für: Leben beschreiben … Lebensbilder malen …

Wieso? Soweit ich zurückdenken kann… ich will schon immer Bücher schreiben … schon immer.

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Die dunkelsten Stunden meiner Kindheit habe ich auch deshalb überlebt, weil ich nachts unter der Bettdecke heimlich gelesen habe. Es gab nicht viele Kinderbücher, ich habe Erwachsenenbücher aus dem Regal meiner Eltern stibitzt und Hauptmann, Seghers, Mann und andere gelesen. Und mir kleinem Mädchen haben diese Bücher die Hoffnung mit ins Leben gegeben: „Manchmal ist es ganz schwer zu leben, aber es gibt auch gute Erwachsene; und es gibt sogar mutige Erwachsene; und es gibt zusätzlich auch gute und weise Erwachsene, und die, die das aufschreiben können, nützen der ganzen Welt.“

Und weil eben so ein kleines Kind nichts anderes hat als sich selbst, habe ich mir vorgenommen: „Wenn ich mal groß bin, schreibe ich auch solche Bücher.“ Ja, ich hatte schon als Kind eine recht erwachsene Sprache. Ich weiß nicht, ob es gut oder weniger gut ist, wenn ein Kind sich neue Worte selbst erklärt. Mir hat das nicht geschadet. Lesen prägt – es bildet nicht nur.

Nun wäre es ein Leichtes gewesen, Feder und Papier und losgelegt, sobald das Alter dafür erreicht gewesen ist.

Gehindert hat mich nicht nur meine Mutter, die in der Tatsache, mich zur Welt gebracht zu haben, das Recht an meinem Leben behauptete. Nein, intuitiv hatte ich wohl auch der Realität in der DDR zu leben, allerhand zugeordnet. Ich hätte es vielleicht zu einem anerkannten FDJ- Schreiber bringen können, aber was ich damals wollte und gekonnt hätte, kam im Sozialismus offiziell gar nicht vor. (Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen – ich bin kein Freiheitsheld gewesen, ich wollte nur schreiben, wie ich will.)

Schreiben. Es ist wie atmen können, wie fliegen, wie weinen, schreien, wie leben, sterben, wachsen, schmelzen, auferstehen, wie … alles was mich ausmacht. Demnach habe ich viele Jahre nur für die Schublade geschrieben.

Anfänglich heimlich. Meine Mutter suchte nach meinen Machwerken, zerriss sie … und mich. Sie hatte nichts gegen Schreiben, sie wollte nur nicht, dass ich es kann. Beinahe meine ich, sogar das Talent von ihr geerbt zu haben. Die Kämpfe, etwas zu nutzen oder zu verbannen, was aus oder von ihr kommt, habe ich hinter mir.

In meinen besten Jahren, also in denen die allgemein so genannt werden, kam die Wende. Die Mauer fiel und ich hatte gedacht, nun kommt meine Zeit, ich werde beginnen zu schreiben, ernsthaft zu schreiben. Da kamen – fast über Nacht – die „Wendebücher“.

Diese: „Mir sind 40 Jahre meines Lebens gestohlen worden“ Geschichten habe ich nicht erzählen wollen, zumal es dafür ausreichend viele „35Jährige“ gegeben hat. Jedoch waren die Verlage zu dieser Zeit darauf geeicht, endlich die Ostdeutschen ins Bild zu bekommen. Das wollten damals alle lesen oder es sollten damals alle lesen. Was weiß ich, wie diese Politik gemacht wird. Egal. Wenn wir aus dem Osten was ganz gut können, ist es warten und improvisieren.

Also warten; ich wartete auf „meine Zeit“.

Mit Mitte 50, an einem Donnerstagmorgen gegen 3 Uhr habe ich den ersten Satz meines ersten Romans geschrieben. Ich konnte nicht mehr warten, in mir brannte alles was geschrieben werden musste, wollte, sollte, konnte, durfte …

Durfte? Hach! Ich bestimme was ich schreibe! Punkt!

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Den Fortgang dessen habe ich in meinem Blog unter: „Kommen Sie hierher! Kommen Sie ran! Hier bekommen Sie´s billiger als nebenan.“ (Teil 1 und Teil 2) angerissen. Dazu habe ich mich entschlossen, nachdem viele meiner Facebookfreunde mir zu meinem Gedichtband gratuliert und versichert hatten, sie laden es sich auf jeden Fall herunter, sobald ich eine Kostenlosaktion mache. Ich solle sie nur unbedingt ankündigen.

Gleichzeitig habe ich sofort so etwas wie schlechtes Gewissen entwickelt – was kümmert es die Welt, wie ich mich fühle, wenn fast jeder denkt, es gibt mich kostenlos? Bei der aktuellen Werbung im TV kann ich ja noch froh sein, nicht unter „schön billig“ eingestuft zu werden. Sollte ich nicht lieber in meiner „Burg“ bleiben und machen, was ich wirklich will – schreiben.

Und doch, immer mal wieder piekt es mich an. Es trifft mich, wenn wir Autoren – also viele von uns – wie Deppen in der Verlags- und Self Publishing Landschaft behandelt werden.

Erst vor ein paar Tagen hat mir in praxi der Administrator eines Forums erklärt, ich möge mich vom Acker machen und könne gerne wiederkommen, sofern mich ein namhafter Autorenverlag veröffentlicht, schließlich wäre dies allein die Garantie für Qualität.

Jene, auf enorm hohem Rosse reitende Dame (die gendertechnisch einwandfreie weibliche Bezeichnung für Admin kenne ich nicht und die, von der ich annehme, sie stimmt, klingt albern), hat das zwar konzilianter geschrieben, die Tonlage ist unverschämt hochtrabend gewesen.

Abgesehen davon, bin ich nur in diesem oben genannten Forum gelandet, weil mir Google eine Rezension angezeigt hat, die dort liegt und ich mich, ein bissel kindlich, gefreut habe und sie »in echt« sehen wollte.

Den Tenor der Allgemeinheit vertritt dieser Fachmann (oder nennt sich das Fachfrau?) jedoch ganz deutlich. Scharfer Wind, sogar aus den eigenen »selbst auch durchgeblasenen« Reihen, herrscht überall. Manches mutet wie der Versuch an, jeden vom Tellerrand zu jagen.

Diese Hatz lenkt mich von dem ab, was ich will und so zähle ich gern zu den Einzelgängern, die sich dem Becken der hohen Wellen nur selten nähern.

Meist bin ich stabil. Es ficht mich nicht an. Meinen Gewinn fahre ich durchs Schreiben ein. Das ist die Quelle meiner Lust am Leben. Zugegeben das Gelesenwerden ist das Salz in der Suppe, alles andere eher das im Kaffee.

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Was mich wundert? Wieso sich diese Zuschussverlage noch halten.

Was bieten sie heute Unersetzbares? Was können oder könnten wirklich nur sie? Was machen sie nicht, wofür sie sich aber bezahlen lassen?

Was ist so unersetzlich bemerkenswert an einem sogenannten namhaften Verlag? Ich muss jetzt einfach mal aussprechen, wie sehr mich erschüttert, dass sich die Häupter des Suhrkamp öffentlich versuchen gegen selbst errichtete Mauern zu schlagen.

Und bitte sage mir doch mal jemand, welcher Lektor heutzutage noch das ist, was – von mir aus altmodisch und althergebracht – aber eben wirklich fruchtbar ist? Niemand kann sich mehr um einen Autor kümmern, damit dessen Muse sich nicht abwende. Wie auch, die Butter fürs Brötchen und sei es noch so klein, will bezahlt sein.

Ergo: Das Wesentliche muss ohnehin vom Autor geleistet werden. Auf sich aufpassen. Bewahren, was er wirklich will. Sich vervollkommnen. Bin ich weltfremd, wenn ich denke, es muss mir beim Schreiben gut gehen, damit – was ich schreibe – gut ist?

Bestimmt wirklich Geld was wie wann geschrieben wird?

Ich kenne die Antwort – aber bitte, ich will das nicht wissen!

Mit dem Wissen soll ich erfolgreich das machen, was mich von keinem Unternehmer abhebt, Öffentlichkeitsarbeit, Werbung fürs eigene Produkt? Irgendwie kann ich das nicht.

Ich will es auch nicht, denn ich habe keine Chance. Und ich habe sie nicht, weil das Vorurteil der Unfähigkeit auf mir lastet, solange mich kein Verlag druckt.

Ist es nur Mundpropaganda oder nehmen Rezensenten tatsächlich Self Publisher „nicht in die Hand“? Ist es nur der Anflug eines arroganten Scheins oder lesen Journalisten wirklich keine entsprechenden Hinweise auf Neuveröffentlichungen von „namenlosen Alleinproduzenten“?

Ich bin nach meinem Ausflug in den Schein der Verlagswelt von ihr geheilt – oder abgestoßen, jedenfalls habe ich mich weder bei Rezensenten noch Journalisten in die Reihe geschummelt.

„Wer ohne mich lebt, lebt mit Verlust“, lache ich so manchem Tag ins Gesicht.

Es stellt sich (mir) an den restlichen Tagen die Frage, auf welche Weise unterscheiden wir uns – die, in einem renommierten Autorenverlag unter Vertrag stehenden Autoren, bei einem BoD, bei einem Fair, bei einem eBook, Self Publishing – generell?

Ich möchte wirklich nicht unbelehrbar gelten, deshalb behaupte ich nicht, sondern stelle anheim, es gibt keinen Unterschied. Unsere Werke müssen wir alle selber an die Leser bringen, ausgenommen jene, die sich in allerhand TV-Formaten tummeln oder einen solch‘  überzeugend leistungsstarken Namen haben, dass sie auf Vorbestellungslisten und in Werbekonsolen feste Plätze generieren.

Die Vermutung, renommierte Verlage schürften nun im Wildpark der Selbstverleger nach güldenem Einzelglanz, wird von Ereignissen, wie in der eBook Plagiatswelt erlebt, nicht unbedingt unterstützt.

Mir scheint eher, da stünden einige am Ufer und warteten auf nützliches Treibgut, welches nur noch herausgefischt und ins bereits vorhandene Boot gehoben werden muss.

Was also bitteschön, frage ich mich gelegentlich, macht die Überheblichkeit des Marktes aus, die den Autoren der renommierten Verlage mehr Können bescheinigen als so manchem Self Publisher?

Folgende Antworten kenne ich:

1. Finanzielle Sicherheit

2. Lektorat

3. Covererstellung

Diese Punkte sind für mich nicht relevant. Finanzielle Sicherheit haben die wenigsten Autoren durchs Schreiben, und ich bin nicht auf ein „Schreibeinkommen“ angewiesen. Einem Lektorat werde ich mein ganzes Leben lang nie wieder vertrauen und mein Cover mache ich sowieso immer selber.“

Mit freundlicher Genehmigung © Angela Charlotte Reichel, der ich an dieser Stelle – sie weiß, warum – auch gratulieren möchte

„Solche Windstöße sind gut, die Düsterheit der deutschen Buchhändelei aufzuklären.“ (Goethe)

B. Claus DeFuyard erinnert sich: an die Erlebnisse eines Autoren, der in den literarischen Betrieb auszogen war, um dort das Fürchten zu lernen. Aus seinen Erfahrungen mit Neppern, Schleppern, Literaturkritikern und Juroren zog er den Schluss: „Man muss sich um sich selber kümmern.“ Womit der Grundstein für den Zeitlichkeitverlag gelegt war. Hier erscheint u.a. das Un-Periodikum „Der Kulturflüchter“, aus dem ich in der Rubrik „Der Kulturflüchter auf SteglitzMind“ in loser Folge Beiträge und Textauszüge vorstelle.

Vom Uhu, Meisen und großen Leuchten. Erinnerungen von B. Claus DeFuyard. Von wem sonst?

Es gibt Geschichten, mit denen sich Verleger immer schwer getan haben. Dokumente des Alltäglichen sind zur Genüge auf dem Markt. Mehr war nicht erwünscht. Hier jedoch geht es um eine Geschichte, in der ein Unberufener in der Einfalt seines Denkens unter die Räder eines Bezahlverlages geriet. Das war einmal. Auf sich gestellt, hatte er keine andere Wahl. In einem „rezessiven Markt“ wäre die Lieferbarkeit eines „vorfinanzierten Buchbestands“ die einzige Lösung – behaupteten sie. Das äußerliche Blendwerk, mit dem etliche Verleger ihr Sammelsurium von Sinn und Unsinn bezeichnen. Vom Image eines Nepper-Schlepper-Autorenfängers in den Abgrund pauschaler Nichtachtung gestürzt, drohte dem Autor lebenslänglich. Quasi für falsches Parken.

„Solche Windstöße sind gut, die Düsterheit der deutschen Buchhändelei aufzuklären.“, so der Jot Wolfi Goethe.

Eine Literaturkritikerin drückte sich in angeborener hochnotpeinlicher Zurechtweisung aus: „Ich fürchte“, schrieb sie, „das Buch kommt nicht in Frage, weil wir Bücher aus Bezahl- oder Zuschussverlagen nicht wahrnehmen.“ Man beachte demnach Gammelfleisch, pöbelnde Politiker, Dummheit an sichindes, nichts wahrzunehmen ist wahrlich der Höhepunkt schlaffer Inkompetenz. „Ihr Schreiben“, antwortete der gedemütigte Autor, „hat mich sehr getroffen. Ich bin nicht der Verleger, vor allem nicht der Verleger, wenn wir beide denselben meinen. Ich habe mit ihm nichts gemein. Ich bin nur verzweifelt.“

So besehen ist die Geschäftsphilosophie dieser Art von Verlegertätigkeit die reinste Rosstäuscherei, ein Hütchenspiel. Zum Mythos gehört, dass diese Spezies in ihrem verdammt Bisschenleben an anderen herumfummeln dürfen und ’Löcher in sie schlagen’. „Große Lichter sind die wahrlich nicht, nur große Leuchter. Sie handeln mit anderer Leute Meinungen.“ (Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbuch 1793)

irgendeinen Vogel hat jeder! Uhu oder Meise ... © Dierk Arnold / Der Kulturflüchter

irgendeinen Vogel hat jeder! Uhu oder Meise … © Dierk Arnold / Der Kulturflüchter

Auf dem Flohmarkt, wo früher mit rostigem Hausrat und Sperrmüll gehandelt wird, mit Resten von Goethe, Schiller und Schopenhauer, den Memoiren begnadeter Spaßmacher – beantwortete auch der Autor die Sinnfrage: „Man müsse sich um sich selber kümmern“, mit einem melancholischen Seitenblick auf Buch und Titel: ein Uhu vor einer alten Eiche, an deren Ästen Menschen hängen. „Der Uhu“, erklärt der Autor, „ist für den Unfug in den Köpfen des Menschen verantwortlich. Sag bloß“, so eine beiläufig Interessierte und staunte. „Der Mensch – ein Uhu? „Na ja – einen Vogel hat jeder“, antwortet der Autor, „alle hätscheln und tätscheln ihn – allein die Größe des Vogels hängt von der Bedeutung seines Besitzers ab – Meise oder Uhu.

Eine nicht sehr massenkompatible Geschichte und die meisten haben doch schon ein Buch. Und neuerdings das iPad – sie benötigen das Buch nicht. Die auf das aktuelle Geschehen reduzierte Nachrichtenprosa, macht Schreiben an sich schon zu einem Umweltdelikt.

Doch zurück zu damals: Ein Literaturkritiker – Mitglied einer Zunft, ein Wortrichter und der Kunst des Urteilens verpflichtet – dem der Namenlose sein Manuskript entgegen streckte, pflegte dann auch im Sinne einer buchstabendeutenden Zeichensetzung das Skript erst vom Moder und Staub zu befreien: „Der Text sei wie nicht sauber gespültes Geschirr …“, lautete die inquisitorische Metapher. Die einzige zulässige Rechtfertigung wäre: Autoren seien eben keine Menschen. Ringen mit ihren Visionen. Verzweifeln an der Buchmacherei. So kommt es, dass manche Autoren eine unglückliche Verrückung durchmachen, unablässig darüber nachdenken, in welcher Nische sie überdauern können, stets ums eigene Ich kreisen, zu dem oft nichts Ausreichendes zu vermelden ist, um sich vorbehaltlos darüber zu äußern.

Dennoch: Der Autor, dem Auditorium schließlich zum Fraß vorgeworfen, stand wie unter Hypnose. Er las. An der Stelle, als der Protagonist seiner Geschichte den Abhang herunter in ein schwarzes Loch plumpst, verabschiedete man den Autor vor laufender Kamera und trieb ihn derart öffentlich ab. „Ich sage Ihnen“, lächelte einer der Juroren, „was ich nicht sagen sollte, aber sagen muss – und nicht einmal weiß, ob jeder Mensch die Wahrheit verträgt, die natürlich nur meine Wahrheit ist: dem Urheber des soeben erledigten Textes, sollte das Handwerk gelegt werden. Er verbreitet Angst und Schrecken.“ Applaus. Gelächter.

Der Deuter der Autoren Not nennt Literatur Leben, das Leben Wahrheit, die Wahrheit Lüge, die Lüge Wirklichkeit und die macht sich über uns lustig. Er beschreibt die Veränderung des Verlagswesens, die in gewisser Hinsicht den Autoren am liebsten das Schreiben verbieten möchte. Und dann auf einmal das Internet. Dies irae – dies illa – der Tag des Zornes, die Antwort der Moderne auf das Weltgericht. Nur, wie es ausgeht, wissen wir noch nicht.

Der Autor erinnert sich: Gleichsam geteert und gefedert, beherrscht er seine Betroffenheit bis zum Grad der Selbstverleugnung. Er wurde verabschiedet, erhob sich – er, der vor der Lesung noch euphorisch verkündete, er habe vom Auditorium bis zum Podium dreißig Schritte gezählt und dafür ganze dreißig Jahre benötigt. Dann flüchtete er. Es blieb ihm, sich selbst zu subventionieren. Jetzt ist es soweit. Vom Regen in die Traufe.

Es obsiegte die Zierde der Literatur – eine liebliche Buchstabengestalt – für ihr Erstlingswerk: „Redundanz“. Die eigentliche und uneigentliche Bedeutung des Wortes ist: Überfluss – der Roman einer fiebrigen Spermatologin. Sie erhielt den Preis und ein illustres Blumengebinde. Die Literatur trieb Blüten. Und Blüten ihre Triebe. Mit viel buntem Staub an Ideen und Träumen. Es lebe der Uhu, der Urvogel in uns allen, der starke Vogel ohne Stimme, der immer nur seufzt. Es ist jedoch nicht das Ende der Geschichte.

Gerechtigkeit – Allerweltshure – Ankündigung mit Anspruch – nur, wer viel davon spricht, sorgt für das Scheitern von Gerechtigkeit. Wollen mal sehen … was aus uns noch werden kann, wenn die unsinnigen Gesetze weiterhin Beachtung finden. Spitzenkräfte auswandern. Ehrgeiz bestraft, Besitz verteufelt wird. Gott hat sich verlaufen. Das Sagen haben die Versprecher und Versager. Stillstand ist Fortschritt. Die Langsamen fressen die Schnellen.

Und jetzt wird das „Schreiben von Büchern ein kollektives Abenteuer: Das Publikum mischt mit.“ (Leser mach’s dir selbst, in: ZEIT ONLINE 31.01.2013)

© 2013 Der Kulturflüchter N° 1

Nachzulesen sind DeFuyards Erinnerungen „Vom Uhu, Meisen und großen Leuchten“ in: Der Kulturflüchter N° 1. Das Un-Periodikum erscheint im Zeitlichkeitverlag, Herausgeber ist B. Claus DeFuyard. “Der Kulturflüchter” präsentiert sich in Bälde auch mit einem Blog

Der Kulturflüchter auf SteglitzMind: Die Gewächshaus-Generation von B. Claus DeFuyard

Nach „Adlon. Ein Trostschreiben“ von Ubiquiste und Auszügen aus „Die Siechendienerin“ von Enzor Fadar präsentiert SteglitzMind heute abermals einen Beitrag aus dem KULTURFLÜCHTER. Ganz von ungefähr kommt das nicht. Seit längerem begleite ich das literarisch ambitionierte Projekt mit Biss, das sich Un-Periodikum nennt. Deshalb richtete ich die Rubrik „Der Kulturflüchter auf SteglitzMind“ ein, in der in loser Folge auch zukünftig Beiträge und Textauszüge aus dem Un-Periodikum vorgestellt werden.

B. Claus DeFuyard ist Herausgeber des Kulturflüchters. Sein heutiger Beitrag beschäftigt sich mit jungem Gemüse – mit apostrophierten Keimlingen der deutschen Gegenwartsliteratur und orakelnden Samenhändlern im Feuilleton. Die Illustrationen dazu fertigte die Berliner Künstlerin Susanne Haun eigens an. Ich bin stolz darauf, die Zeichnungen an diesem Ort erstveröffentlichen zu dürfen und sage Susanne herzlich dafür danke!

B. Claus DeFuyard: Die Gewächshaus-Generation

Es gehört dazu Mut, eher noch Risiko, in einem funktionellem Glashaus das Bild junger Genies zu entwerfen, die mal eben begonnen haben auf allen Vieren der Schriftstellerei Werkspuren zu hinterlassen, von denen gemunkelt, nein, gemutmaßt wird, sie würden „unsere literarische Landschaft verändern“. Wir wissen nicht, was den Creativen der ZEIT vorschwebte, Deutschlands jüngste Autorengeneration für das Titelblatt der Literaturbeilage zur Buchmesse 2012 zu einem Fototermin in einem Gewächshaus, einem Treibhaus, zu versammeln und zu einem Werkstattgespräch über die deutsche Gegenwartsliteratur zu laden. Das ist augenblicklich ein Unterfangen, vielleicht vergleichbar mit der Entdeckung Amerikas seinerzeit, ohne einen Schimmer gehabt zu haben, was da am Ende herauskommt.

Blatt 1 Gewächshaus-Generation © Susanne Haun

Blatt 1 Gewächshaus-Generation © Susanne Haun

Der am 22. Januar 2013 von 3sat ausgestrahlte Beitrag Literarische Ich-AG – Kulturvermarktung im Internet weckt Erinnerung an den Früchtegroßhandel im nachhaltig aufgespießten Gewächshaus-Artikel und will zwischen der im schlimmsten Fall als „notwendiges Übel“, andernfalls „als Goldgrube“ bezeichneten „neuen, digitalen Welt“ eine Mission erkennen, um die „Masse zu überzeugen“. Nach wie vor erwächst zwischen der ‚Gewächshausgeneration‘ und dem fundamentalistisch anmutenden Bekenntnis zum Digitalen der Unterschied zwischen zwei Glaubensrichtungen und eine davon, das ist voraus zu sehen, wird der Verwilderung anheimfallen. Es wird sich für die Autoren nichts ändern. Die einen sind ‚in‘, die anderen bleiben ‚out‘ (s. Kulturflüchter N° 4).

Der Vorteil eines Gewächshauses liegt in der künstlich erzeugten Wachstumsperiode, die es möglich macht, zu jeder Zeit im Jahr Gemüse und Früchte, Kräuter und Blumen zu ernten. Wäre eine Orangerie als Motiv nicht geeigneter gewesen? Wo Zitronenbäume, Bananen und Pomeranzen gedeihen. Auch der Botanische Garten, mit seiner bewunderten Flora und mitunter wundersamen Schmetterlingen, die wiederum, wem das Gleichnis gefällt, in ihrem Vorleben doch nur Raupen waren. Soviel Sinnbildnerei trägt man dem Leser an, bei Ansicht des Titels: um diese zu entziffern. Die Allegorie ist nicht zu übersehen. Das hat es noch nie gegeben – ohne sich zu ereifern, Missvergnügen über das Glück anderer zu empfinden, da ein Funke des Bedauerns mitschwingt, der vorerst weniger den so gnadenlos Belobigten gilt, als der Inszenierung, zu der, einer defätistischen Neigung zufolge, unweigerlich gewisse Assoziationen führen.

Und was sonst einem zur Einrichtung und Pflege winteranfälligen Gemüses einfällt – Gurken und Tomaten. Zarte Sprösslinge erst, die – wenn überhaupt – nur außen und in gemäßigtem Klima gedeihen und in eben einem solchen Gewächshaus vor Wind und strenger Witterung geschützt werden müssen. Nur, wer möchte gerne eine Tomate sein? Oder eine Gurke? Ein Früchtchen?

Ja, „Da wächst was nach.“  Klar, nur kräftig gießen und düngen. Einzigartig ist der großzügige Vorschuss, den man den Keimlingen seitens des Früchtemarktes aufdrängt: angesichts der weit verbreiteten Legasthenie – es steht ja in der Zeitung. Ergo: Stimmt’s.

Eine feierliche Beschwörung, dass etwas so sei – zum Erfolg verdammt – ohne eine Ahnung, was der Auslöser für den Auftritt sein könnte. „ICH werde zurückkehren …“, griff der freundliche Rezensent und Makler ein spärliches Zitat auf und mit Wortgebilden hart an der Satire, es „klingt nach festem Willen und nach innerer Stärke“ und mutmaßte: bei den „Figuren, die in diesen Romanen eine Rolle spielen … ziemlich jung … fällt jede Bewegung dramatisch aus, sie führt ins Leben hinein oder: an ihm vorbei …“ Klar. Entweder oder. Und so gerieren sich die orakelnden Samenhändler – die Gewächshausgeneration als ‚literarische Herostraten‘ zu feiern. Diese aber sind unschuldig. Sie „… und die Poesie des Nüchternen sind nichts gegen die Poesie des Rasenden“ – aus der Mottenkiste des Plato im Dialog mit Phaidros – und womöglich ist es ihnen unangenehm als Gruppe vereinnahmt zu werden.

FrüchteschwangerBlatt 2 Gewächshaus-Generation © Susanne Haun

Früchteschwanger
Blatt 2 Gewächshaus-Generation © Susanne Haun

Es erinnert an einen Satz: „Der Gegenwartsautor tritt als Gruppe auf.“ Iris Radisch DIE ZEIT Aha! (s. Kulturflüchter N°1) – Als Pool, als Quintett, als Fraktion. „Einsam sein ist Scheiße, so ein Betroffener. Es herrscht Fraktionszwang. Man muss sich von jeder Autorenherrlichkeit frei machen“. ( SZ Nr.139/2000) Die armen Dinger – und zwei männliche Wesen als Draufgabe – als verabreichte man ihnen ein Aphrodisiakum, in Sorge, wie denn die über sie verhängte Weissagung auch erfüllt werden könne? Es ist ein Wagnis, innerhalb der gläsernen Wände eines Gewächshauses die Bedeutung jugendlicher Dichterseelen zu beschwören, als sei hier der Jahrgang für die Exorbitanz der Betrachtung maßgebend. Jungsein allein genügt ja nicht. Altsein schon gar nicht. Und die dazwischen liegen, gerade mal eben dem Gewächshaus entnommen, plaudern munter drauf los, wie es ist, wenn man so ist, man sich fühlt im Leben. Gegenwärtig ziemlich grauenvoll. „Und davon lohnt es sich zu erzählen.“ Von der Wahrheit, jeder Verheißung, der guten Absicht – nach uferloser Zeit, vielleicht im Jahr 2022 –  wir werden nicht mehr da sein – aber schauen Sie mal, inwieweit die derart in Szene gesetzten Dreißiger sich „verändert haben“ und der Hoffnung entgegen kommen.

© 2013 Der Kulturflüchter N° 4

Das Un-Periodikum erscheint im Zeitlichkeitverlag und wird von B. Claus DeFuyard herausgegeben. – “Der Kulturflüchter” präsentiert sich in Bälde auch mit einem Blog

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„Die Zeichnung ist für mich wie ein zusätzliches Sinnesorgan. Wenn ich lese, entstehen Bilder in meinem Kopf, die ich in Tuschezeichnungen umsetze,“ so die Berliner Künstlerin Susanne Haun.  – In Berlin sind Werke von ihr derzeit hier zu sehen:

Der Sommer trifft auf weiß – Zeichnungen von Susanne Haun, Gemälde von Conny Niehoff (23. Januar – 3. März, Alte Bahnhofshalle Berlin/Friedenau, Bahnhofstr. 4d, 12159 Berlin)

Dämone – Zeichnungen und Leinwände von Susanne Haun, Lyrik von Diarmuid Johnson (29. Januar – 7. März, Irische Botschaft Berlin, Jägerstr. 51, 10117 Berlin)

In eigener Sache: Ein Interview bei litaffin

Für SteglitzMind habe ich in den vergangenen Monaten zahlreiche Gespräche mit Autoren und buchaffinen Bloggern geführt. Den Spieß umgedreht hat jetzt Anne Stukenborg, die mich für litaffin befragte, das Blog des Masterstudiengangs Angewandte Literaturwissenschaft der FU Berlin.

Was genau steckt hinter deiner Interviewreihe mit bibliophilen Bloggern und wie kam es dazu?

In deinen Interviews spielen auch die Entwicklungen im Literaturbetrieb eine Rolle. Gibt es bei den Bloggern einen gemeinsamen Nenner zum Thema E-Books und Selfpublishing?

Wie nimmst du persönlich die Digitalisierung des Buchmarktes wahr?

Welche Potenziale siehst du in der Literaturbloggerszene?

Können Blogs als Multiplikatoren (auch) für Selfpublisher dienen, was Vermarktung, Rezensionen usw. betrifft?

Wie stellst du dir die Zukunft des Buches und seiner digitalen Geschwister vor?

littaffin.

Wer sich für meine Antworten interessiert, kann diese hier nachlesen. – Ich sage Anne und litaffin danke für das Gespräch.

„Blitzlicht haben wir genug im Literaturbetrieb.“ Engagiert und couragiert – die Verlegerin Lisette Buchholz

Nachrichten aus der Buchbranche, die mir zur Freude gereichen, sind selten geworden. Heute Nachmittag kam eine: Lisette Buchholz, die ihren persona Verlag seit nahezu 30 Jahren pflegt, wird ausgezeichnet! Und zwar für „ihre begeisterte Entdeckerlust mit höchsten Ansprüchen an Qualität und einem bewundernswerten Durchhaltevermögen“ abermals mit dem baden-württembergischen „Landespreis für literarisch ambitionierte kleinere Verlage“.

Gegründet hat Lisette den Mannheimer Verlag am 1. November 1983. Erstling im Verlagsprogramm war der Exilroman „Manja“ von Anna Gmeyner (1938 bei Querido in Amsterdam erschienen). Die Publikation hatte der legendäre Fritz Landshoff der Jung-Verlegerin persönlich ans Herz gelegt. Zu Ausgrabungen und Entdeckungen aus der Zeit des Exils kamen im Laufe der Jahre verwandte Titel und Sujets.

Kontinuierlich erschien in Mannheim alljährlich ein kleines, feines Programm mit Buchpreziosen für anspruchsvolle Liebhaber und Kenner. In Juni letzten Jahres allerdings erhielt ich einen Brief, in dem Lisette den Freunden ihres Verlages erläuterte, warum sie 2011 erstmals seit 28 Jahren auf eine Neuerscheinung verzichtet. – Die heutige Auszeichnung veranlasst mich, an die bemerkenswerten Zeilen zu erinnern, in denen Lisette streng mit einem Literaturbetrieb und Buchmarkt ins Gericht geht, der sich auf Mainstream und Spektakel fokussiert:

Die Erde würde ohne uns Menschen auch ganz gut laufen, meinte der scharfzüngige Wolfgang Neuss. Und manchmal denke ich, das gilt auch für den Literaturbetrieb, der Literatur eigentlich gar nicht braucht. Die Puzzleteilchen der Branche lassen sich gewinnbringend zu immer neuen Mustern zusammensetzen, ohne dass wirklich Neues nötig wäre. Festivals, Preiskarusselle, Interviews, Hit- und Hotlisten, Talkshows, Starfotos von Schriftstellern und Schriftstellerinnen, die sich für Hochglanzmagazine eignen, mit den passenden Homestorys – das reicht, um den Betrieb am Laufen zu halten.

Nachdenken? Nachsinnen? Einen Schritt beiseitetreten? Das Feld räumen? Aufräumen? Von wegen. Das Leben, zumal das literarische, ist eine Achterbahn.

Jeden Donnerstag, wenn ich das Börsenblatt aus dem Kasten ziehe, weiß ich schon, welche Gefühle mich erregen werden, wenn ich es durchblättere. Ist das noch meine Branche? Habe ich einen Verlag gegründet, um dabei mitzutun? Ich sehe meine Autorinnen und Autoren vor mir – sie eignen sich zu alledem nicht. Diejenigen, die nicht mehr leben, schon gar nicht. Zu ernsthaft, zu selbstständig, zu wenig marktgerecht, waren bzw. sind sie nie an den richtigen Orten, um einschlägige Kontakte zu knüpfen. Alle Voraussetzungen für den Beruf des Adabeis fehlen ihnen. Manche leben im Ausland und sind in Deutschland schwer unterzubringen.

Lisette Buchholz mit ihrem Erstling „Manja“ © persona verlag

Die aggressive Vermarktung von Literatur mag über den Atlantik zu uns herübergeschwappt sein. Schon Vicky Baum wusste davon ein Lied zu singen. Trotzdem liebe ich die Literaturkritiker der New York Times. Man erfährt tatsächlich etwas über die besprochenen Bücher und deren Verfasser und relativ wenig über die Scribenten der Rezension. Hierzulande überwuchert die Kritik oft die Produktion. Und so erfreulich die Existenz zahlreicher Literaturpreise und -stipendien ist, zeitigen sie so etwas wie eine Förderliteratur, deren gemeinsames Merkmal …  nun, lassen wir das.

Ich werde den Verdacht nicht los, dass der blutige Aderlass von 1933 Gräben hinterließ, die immer noch spürbar sind. Ermordung und Vertreibung töteten auch eine Tradition kritisch gepflegter Sprache. Die Exilliteratur ist die letzte Tranche der deutschsprachigen Klassik. Stellen Sie sich Walter Benjamin oder Georg Hermann auf einem der heute üblichen Mega-Events vor. Sie würden nicht anreisen, glaube ich, obwohl Heinrich Mann es zu seinen schönsten Vorlese-Erlebnissen zählte, in einem großen Berliner Kaufhaus während der Geschäftszeit aufzutreten. Immerhin gibt es auch bei toten Autoren jener Epoche unverhoffte, durchaus erfolgreiche Wiederbelebungsversuche. Der Impuls dazu geht oft von einem anderen Land aus, so geschehen bei „Alone in Berlin“ von Fallada.

Es ist nicht nur die Qualität der heute gepushten, übermorgen vergessenen Bestseller, die mich vor den Kopf schlägt, sondern auch die schiere Quantität. Würden sich alle Verlage auf drei Titel im Jahr beschränken, könnten wie diese Produktion zur Kenntnis nehmen. Aber so? Muss es denn so viel sein? Verdauen wir Kaviar und Sahne in Kiloportionen? Oder nur dünne Suppen und Pommes?

Mein verlegerisches Über-Ich quält mich mit Vorwürfen. Tatsache ist, dass ich in diesem Jahr keinen neuen Titel verlege. Es gibt eine Produktionspause. Nicht nur Geldsorgen haben diesen Entschluss befördert. Ich habe keinen Titel gefunden, bei dem es gekribbelt hätte. Und kribbeln muss es. Wenn schon keine Aussichten bestehen, mit einer Neuerscheinung, einer übersetzten zumal, in absehbarer Zeit schwarze Zahlen zu erreichen, muss es wenigstens ein Buch sein, für das mein Herz schlägt. Apropos Lizenzen: Auch dieser Markt wuchert. Es grenzt an Wahnsinn, was manche Agenturen verlangen. Aber wenn man bedenkt, dass bei marktkonformen Titeln lukrative Zweit- und Drittvermarktungen winken, sind diese Preise leider gerechtfertigt. TV-Filme, Serien, Kinofilme, Unterlizenzen aller Art sowie das ganze Merchandising: Benjamins Deutsche Menschen als Plüschgestalten, Jettchen Gebert als Anziehpuppe oder virtuelle Person im interaktiven Spiel.

Die Zunahme von Graphic Novels deutet darauf hin, dass eine gewisse Übersättigung am allzu Bunten eingetreten ist. Gothic- und Fantasytitel dagegen verlangen knallige Cover und die entsprechende Werbung. Auch die Vorschauen werden immer opulenter und erinnern an Lifestyle-Werbeprospekte. Seit Jahren haben wir uns an die Heerscharen von Manga-Kostümierten auf den Buchmessen gewöhnt. Ein urliterarisches Erlebnis. Laut Statistik ist allerdings der Marktanteil dessen, was wir Literatur nennen, am Buchverkauf verschwindend gering. Überhaupt Messen: Warum dürfen wir nicht verkaufen? Angesichts einer Buchhändlerin, die mir allen Ernstes erklärt, wenn sie einen Titel bei amazon nicht findet, sei der nicht lieferbar? VLB – ein Fremdwort. Auf die Idee, beim Verlag nachzufragen, ist sie nicht gekommen. Dazu fällt mir nichts mehr ein. Da hilft nur noch schottischer Whisky.

Die Backlist war früher der Kronschatz der Verlage, unser Rückgrat. Heute bricht sie uns in Form der Lagerkosten das Genick, denn so gut wie niemand möchte ein altes Buch bestellen. Alt, das bedeutet: keine Neuerscheinung. Neu heißt: ein bis drei Monate alt. Auch in den Feuilletons gilt ein Titel als alt, wenn er in der vorangegangenen Saison erschienen ist. Erst gab es leider keinen Platz, ihn vorzustellen, dann ist er zu alt. Was der Buchhandel liebt, heißt „Schnelldreher“. Heute rein, morgen raus. Die Beziehung zwischen Kunst und Kommerz gehört zu den unerforschlichsten. Ich grüble viel darüber nach und komme zu keinem Ende. Die übliche Paartherapie greift hier nicht.

Ob das E-Book uns glücklich macht? Ich hege starke Bedenken, was passiert, wenn mir der Kindle in die Badewanne fällt. Oder sich beim Schmökern im Bett der Akku entleert. Da bleibt dann nur die Meditation über den leeren Bildschirm. Non-Books sind ohnehin der Renner!

Georg Hermann unterschied zwischen Büchern, die uns etwas geben, und solchen, die nur interessieren. Wann hast Du zuletzt ein Buch gelesen, dass Dir etwas gab? Du kannst es mehrfach lesen, Du wirst immer neue Seiten an ihm entdecken. War es bloß interessant, wirst Du es weiterverschenken oder ihm einen Platz auf einer Parkbank zuweisen.

Ich mache jetzt einen Spaziergang und denke über rätselhafte Gedichtzeilen von Josef Brodski nach. Sie beschäftigen mich übrigens schon eine ganze Weile. Man kann sie wie eine Murmel hin- und herwenden und immer leuchten sie bisschen anders. Mehr Leuchten wär schön. Licht, zumal Blitzlicht, haben wir ja genug im Literaturbetrieb.

Der Brief vom Juni 2011 © Lisette Buchholz, persona verlag

Ein Sturm im Wasserglas. Zum Sommertheater Steinfeld und Co

Vor gut zehn Jahren kam mir der Gedanke, dass Bücher unkonventionell inszeniert werden müssten. Was ich einst mit einem damaligen Stiefkind des Buchmarktes, nämlich dem Ratgeber vorhatte, ist heute quer durch alle Genres und Warengruppen gängige Praxis. Ohne Spektakel bzw. Kasperle- und Affentheater geht im Literaturbetrieb offensichtlich nichts mehr.

Das zumindest scheinen jene zu meinen, die sich mit der Frage beschäftigen, wie sich ein Buch an den Käufer bringen lässt. Dafür wird auf Teufel kommt raus und ungeachtet dessen, was zwischen den Buchdeckeln steht, geklimpert und getrommelt. Und zwar frei nach der Devise: Je schriller, desto besser! Und sollte sich einmal kein Aufhänger finden lassen, der zum Skandälchen taugt, dann kann man ja noch auf eine einstweilige Verfügung hoffen, die sich öffentlich ausschlachten lässt. In jedem Fall wissen sich die Verlage mit den sensationsgierigen Medien in einem Boot. Dass sich ein gutes Buch deshalb durchsetzt, weil es gut ist, daran scheint längst auch nicht mehr das seriöse Feuilleton zu glauben …

Das jedenfalls legt der jüngste Aufreger nahe, nämlich das Sommertheater, das derzeit rund um den Schwedenkrimi „Der Sturm“ veranstaltet wird. Mir führt der stilisierte Skandal, der sich an einem vermeintlichen Mord an einem Feuilletonchef entzündet hat, allerdings anderes vor Augen: Nämlich das Dilemma, in das sich der Literaturbetrieb mit seiner zwanghaften Haltung manövriert hat, möglichst viel Zirkus um Bücher zu veranstalten. Den Schaden davon tragen Autor(en), Verlag(e) und Feuilleton inzwischen zu gleichen Teilen.

Rekapitulieren wir kurz den Fall, d.h. die Vorab-Geschichte eines Krimis mit dem Titel „Der Sturm“ aus der Feder eines vermeintlichen Per Johansson, der am kommenden Donnerstag, den 23. August bei S. Fischer erscheint:

Kindsmord? Missbrauch? Viel Raum für Spekulationen ... Foto (c) Gesine von Prittwitz

Kindsmord? Missbrauch? Viel Raum für Spekulationen … Foto (c) Gesine von Prittwitz

Tatsächlich versuchte sich nicht Per Johansson, sondern der Kulturchef der Süddeutschen Zeitung Thomas Steinfeld, der bislang standesgemäß Sachbücher zu anspruchsvolleren Themen vorlegte, an einem literarischen Genre, das Intellektuellen offensichtlich nicht perfekt zu Gesicht steht. Und zwar nach allen Regeln der Handwerkkunst und gemeinsam mit einem Münchner Freund, der ein intimer Kenner der Materie sein soll, wie Steinfeld im Interview im Deutschlandradio am Samstagmorgen versicherte. Man habe lediglich ein Experiment gestartet, mit dem man herausfinden wollte, ob man befähigt sei, einen guten Krimi zu schreiben, so der Feuilletonchef der SZ über sein neues Buch.

Ins Gerede kam der Krimi von Steinfeld & Co allerdings nicht, weil das Experiment gelungen ist, sondern weil ein findiger Redakteur der WELT die Idee hatte, die Leiche zu sezieren. Nachdem sein Befund feststand, nämlich dass das Mordopfer der Feuilletonchef der FAZ, sprich: Frank Schirrmacher sei, begann in den Gazetten eine Hetzjagd. Und zwar nicht nach dem Mörder, sondern nach dem Autor, der seine Identität hinter dem Pseudonym Per Johansson verborgen hatte. Nachdem sich Thomas Steinfeld schließlich als Co-Autor des Krimis geoutet hatte, wurde wiederum der Verlag öffentlich angeprangert, weil er die Autorenschaft getarnt und einen deutschen Fall als Schwedenkrimi deklariert hatte.

So weit ist die Geschichte eigentlich reichlich banal. Ein Sturm im Wasserglas, der keinen Aufreger wert ist. Dass der Verlag für das Experiment des Feuilletonchefs ein Pseudonym aus der Taufe hob und aus dem Plot einen Schwedenkrimi machte, ist in der Branche üblich. Thomas Steinfelds Name ist unter Krimianhängern nicht zugkräftig genug (Feuilletonleser, so heißt es, bevorzugen andere Genres) und Schwedenkrimis sind en vogue. Dass der Verlag auf dieser Welle mitreiten wollte, ist ebenso legitim wie die Entscheidung für ein Pseudonym. Dumm gelaufen ist die Angelegenheit allerdings deshalb, weil der Fall dank kräftigen Zutuns sensationslüsterner Medien aus dem Ruder lief. Und das – ohne jegliches Mittun des Verlages, der sich von der Entwicklung überrascht sah und am Ende hilflos zurückruderte. Allerdings gilt auch hier: Die Geister, die ich rief …

Hätte man im Krimi des Feuilletonchefs der SZ keine Leiche ausgemacht, die dem Feuilletonchef der FAZ ähnlich sehen soll, dann wäre die Trickserei des Verlages mit Pseudonym und Mogelpackung „Schwedenkrimi“ vermutlich nie ans Licht gekommen. Aus strategischer Sicht ist der Fall jedenfalls gründlich misslungen. Wenn der Krimi Donnerstag dieser Woche in den Handel kommt, dann kräht im Medienwald kein Hahn mehr nach ihm. Dann treibt man dort längst die nächste Sau durchs Dorf. Und auch für Steinfeld & Co ist das Experiment nicht geglückt. Ob der Krimi etwas taugt, interessiert nach diesem Theater nicht einmal mehr Backstage. – Und die potenziellen Käufer und Leser? Die lassen sich ungerne ein X für ein U vormachen!

Und was bleibt vom Sturm im Wasserglas? Ein allseitiger Glaubwürdigkeitsverlust, aus dem die Beteiligten Lehren ziehen könnten. Und Frank Schirrmacher? Der ist quicklebendig und lacht sich vermutlich ins Fäustchen …

Zu Teil 2 geht es hier: Gezielte Irreführung? Ein Nachtrag zum Sommertheater um Steinfeld und Co

Versuch II: Warum kratzt man an der Aura Buch nicht? – Vier steile Thesen

Warum lasse ich von meinen Nachdenken über die Aura, die das Buch hat, nicht ab? Weil die Reaktionen auf mein Gespräch mit Kathrin Passig auch nahegelegt haben, dass wir uns schwer damit tun, mit eingewachsenen Denkmustern und idealistischen Vorstellungen zu brechen. Und weil diese Haltung in Zeiten des Umbruchs wenig konstruktiv ist, beschäftige ich mich auch in diesem Beitrag mit dem Buch, das zudem – Hand aufs Herz – eine bedrohte Publikationsform ist. Deshalb lohnt sich das Nachdenken über die Aura des Buches meiner Ansicht nach sogar doppelt. Hätte das Buch nämlich keine so große Bedeutung für uns, dann würden wir uns z.B. auch mit dem Gedanken leichter tun, dass das E-Book das gedruckte Buch womöglich bald ablöst.

Warum also schenken wir „dem“ Buch solche Hochachtung? Einband, Papier oder Aufmachung können es ja nicht sein. Blieben die Worte auf bedruckten Seiten, denen wir Respekt zollen. Doch: Worte und Buchstaben finden sich all‘ überall: Auf Yoghurtbechern, Plakatwänden, Verkehrsschildern, über Grabbeltischen oder auf Speisekarten. Auch diese bedürfen des Buches nicht.

Wenn es weder Worte, noch Papier oder Aufmachung wie hübsche Lesebändchen und glanzvolle Cover sind, die dem Buch Wertschätzung einbringen, was ist es dann? Die Frage leitet zu These I über, die eine Binsenweisheit ist. Wir schätzen nicht das Buch an sich, sondern das, was zwischen seinen Buchdeckeln zu lesen steht. Daraus folgert These II: Das Buch selbst ist lediglich ein Träger, ein Medium für Inhalte, die nicht notwendigerweise einen Deckel brauchen. – Ich gebe zu, die These ist verwegen. Sie macht nämlich nicht nur Diskussionen rund ums Buch obsolet, die von dessen Inhalt abstrahieren. Auch Trauerkundgebungen, die sich auf den Tod des gedruckten Buches, sprich: dem Buch als Publikationsform beziehen, wären mit einem bedingungslosen Bekenntnis zu Inhalten letztlich hinfällig.

Halten wir dennoch an These II fest. Wir verehren nicht das Buch an sich. Vielmehr schätzen wir an Büchern deren Inhalte. Damit stoßen wir auf These III: Egal, ob wir wissen wollen, wie Rosen am besten gedeihen, welche Aktie hoch im Kurs steht, wer anno dato hinter dem Deal an Kaisers Hof stand, wo sich Madame Belleroche jüngst liften ließ, ob wir Zerstreuung, gehobene Kost oder Lektüre suchen, die die grauen Zellen auf Trab bringt – Wert geschätzt wird die geistige Leistung, die in einem Buch steckt. Das heißt: Immer dann, wenn uns ein Buch gefällt, schleicht sich quasi durch die Hintertür die Schöpferkraft eines Wortakrobaten, Geschichtenerzählers, Ratgebers oder Experten ein, der Lesbares mit Nutz- oder Unterhaltungswert zu Papier gebracht hat.

"Goethe's Werke. Erste illustrite Ausgabe, mit erläuternden Einleitungen", Berlin, G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung 1874 - Foto (c) Gesine von PrittwitzDamit wären wir bei These IV angelangt: Der gute Ruf, von dem das Buch lebt, zehrt auch von tradierten Vorstellungen von einer geistigen Elite, die hoch- bzw. höherwertige Kulturgüter schafft. Und auch die Autoren im literarischen Betrieb lassen sich gerne von der Auffassung leiten, eine privilegierte Tätigkeit auszuüben. Neben dem individuellen Bedürfnis, sich auszudrücken und mitzuteilen, und der schwärmerischen Hoffnung auf öffentliche Anerkennung sind es vor allem altehrwürdige Ideale, die den Willen antreiben, ein Buch zu schreiben. Vielfach scheinen diese sogar gewichtiger zu sein als die Sorge um die Existenz. Anders lässt sich wohl kaum erklären, warum so mancher trotz mangelnder Einkünfte und wider besseres Wissen um die realen Bedingungen im Literaturbetrieb dem Buch-Schreiben heute treu bleibt.

Allerdings könnte es nicht schaden, genau das endlich zu hinterfragen: Einerseits die Vorstellungen, die wir von jenen haben, die Bücher schreiben, und das Selbst- und Rollenverständnis der Autoren im literarischen Betrieb andererseits. Hält unser allgemeines Verständnis von Autorenschaft den Realitäten noch stand? Setzen die Protagonisten des Literaturbetriebs nicht vielmehr auf ein Rollenverständnis, das nicht mehr zeitgemäß ist? Und legen die aktuellen Debatten um das Urheberrecht nicht sogar nahe, dass das heutige Selbstverständnis von Autorenschaft obsolet geworden ist?

In diese Richtung zielte Thierry Cherval, der in seinem Perlentaucher-Beitrag am 15. Mai bemängelte, dass sich Autoren nicht im Netz engagieren. Seine Kernthese deckt sich freilich nicht mit mit meinen Erfahrungen im deutschen Literatur-Netzbebetrieb. Seine Beobachtung mag für ein mangelndes netzpolitisches Engagement seitens der Autoren gelten und für betagtere Jahrgänge zutreffen, nicht aber für das Gros der (jüngeren) Autoren, die sich via Facebook, twitter & Co aktiv einbinden und vielfach eigene (Bücher-)Blogs pflegen. Lesenswert in diesem Zusammenhang (und darüberhinaus) ist das Zeit-Interview von Eva C. Schweitzer mit Margret Atwood vom 23. Mai. – Chervals Behauptung freilich, dass das Netz am Selbstbild des Autors kratzt, gießt erfreulich viel Wasser auf meine Mühlen:

Das Problem dieser Autoren mit dem Netz ist weniger, dass es ihre Einnahmen als dass es ihr Selbstbild als Autor in Frage stellt. […]. Als Autor auf dem bewährten Modell bestehen, heißt tatsächlich, sich nicht mit neuen Formen des Schreibens zu beschäftigen. […]. Der Autor als Künder, als isoliert schwebende und schillernde und von unten angestaunte Blase der Originalität […] wird im Netz relativiert: Er ist Teil eines unendlichen Dialogs.

Wohl frage ich an dieser Stelle, ob nicht auch andere Faktoren als nur die neuen Schreib- und Kommunikationsstile (die Ökonomie der Partizipation im Netz) am Selbstbild des Autors kratzen? Weiter als Thierry Cherval gehen Gerald Raunig und Felix Stadler in der Zeit vom 18. Mai, wenn sie in ihrem Beitrag zur Urheberrechts-Debatte auch auf die unzeitgemäße Entgegensetzung von materieller und immaterieller Leistung zu sprechen kommen:

Denn hier sieht sich eine Gruppe in ihrer Freiheit bedroht, einer Freiheit, die in der bürgerlichen Gesellschaft traditionell einer kleinen Zahl »geistig« Arbeitender zugestanden wurde. Diese Freiheit ist in der Tat infrage gestellt, aber nicht durch eine Krise des Urheberrechts oder gar durch eine unübersehbare Masse räuberischer KonsumentInnen, sondern weil das Kognitive, die Produktion von Wissen zur zentralen Ressource des Kapitalismus der Gegenwart geworden ist. […] Die Domäne des Kognitiven ist heute nicht mehr nur die privilegierte Erfahrung eines Häufleins von »Geistigen« – immaterielle, affektive und künstlerische Arbeit rückt vielmehr ins Zentrum der Verwertung und Ausbeutung. Während die Drecksarbeit und ihre Fabriken zunehmend in die Peripherien ausgelagert werden, setzt sich auch in den globalen Metropolen die Prekarisierung von Wissens- und Kulturarbeit durch. In den diffusen Fabriken des Wissens schuften die Kreativen, ihr Intellekt wird zerstreut und zugleich zur Kooperation angeregt. In diesem Setting gerinnen Kreativität und Wissen zur Ware, die wie materielle Waren gefertigt, fabriziert und gehandelt wird.

Tatsächlich leiden Aktionen wie „Wir sind die Urheber“ oder „Mein Kopf gehört mir“ auch daran, dass sie auf Vorstellungen rekurrieren, die wohl ins 19. und 20. Jahrhundert, nicht aber mehr ins 21. Jahrhundert passen. Angesichts der realen Gegebenheiten zeugen Selbstvergewisserungen à la „Mein Kopf gehört mir“ (nomen est omen) eher von Hilflosigkeit denn von Selbstbewusstsein. Mit derart appellativen oder gar moralisierenden Gesten, die ein wenig anrührend wirken, lassen sich technische Entwicklungen und damit einhergehende gesellschaftliche Umwälzungen nicht aufhalten. Vielmehr sollten wir uns viel stärker als bisher bewusst machen, dass Veränderungen nun einmal die ärgerliche Eigenschaft haben, an Denkmustern und Einstellungen zu rütteln, die uns lieb geworden sind. Das wehmütige Beharren auf „das war aber immer so“ nützt uns derzeit etwa genauso viel wie der trotzige Verweis „das ist jetzt aber so“.

Unbestritten ist, dass unsere Vorstellung von Autorenschaft im literarischen Betrieb nicht mehr zur Wirklichkeit passt; und zwar weder zum Medienwandel noch zu den tatsächlichen Bedingungen auf dem Buchmarkt. Fakt ist, dass das digitale Zeitalter einer geistigen Elite angestammte Alleinstellungsmerkmale streitig macht. So sind heute für alle nicht nur die Möglichkeiten zur Teilhabe gegeben, auch die Wege zur Produktion und Distribution sind freier zugänglich. Womöglich wird sich das überkommene (Selbst-)Bild des privilegierten Kulturschaffenden vor diesem Hintergrund absehbar sogar von selbst auflösen? Dass sich à la longue eine neue Elite herausschälen dürfte, das steht auf einem anderen Blatt. – Zu hoffen bleibt jedenfalls, dass sich die Bedingungen für Autoren im literarischen Betrieb dank der neuen Gegebenheiten verbessern und nicht noch weiter verschlechtern.