LiteraturFutur 24. / 25. Mai 2013 Sieben visuelle Schlaglichter mit Bonus „Lobo-Protuberanz“

Himmel über Itzum

Himmel über Itzum/Hildesheim © GvP

LitFortune - das Britzel-Quiz

LitFortune – das Britzel-Quiz © GvP

FuturLight

FuturLight © GvP

Lobo-Protuberanzen

Lobo-Protuberanzen © GvP

LitTec

LitTec © GvP

Laura Klatt, Hauke Hückstedt (Ex-Bison-Raucher)

FuturTalk mit Laura Klatt und Hauke Hückstedt (Ex-Bison-Raucher) © GvP

castrum LiteraturFuturums

castrum LiteraturFuturums (Domäne Marienburg, Kulturcampus der Universität Hildesheim) © GvP

Noch mehr Antworten auf die Frage: Sind bibliophile Blogger Nostalgiker?

Am 24./25. Mai findet LiteraturFutur in Hildesheim statt – und auch ich bin dabei. Konzipiert wurde das Format von Studenten der dortigen Universität, die sich mit Kreativem Schreiben, Kulturjournalismus und Kulturwissenschaften beschäftigen. Diskutiert wird über die Zukunft der Literatur und neue Formen der Literaturvermittlung unter digitalen Bedingungen. Gemeinsam mit eingeladenen Autorinnen und Autoren, Literaturvermittlern, Experten aus Verlagen und Agenturen wollen sie während der Veranstaltung versuchen, einige vorläufige Antworten zu finden.

© Litfutur Hildesheim 24./25 Mai 2013

© Litfutur Hildesheim 24./25 Mai 2013

Im Vorfeld der Hildesheimer Zusammenkunft führte Lew Weisz ein Interview mit mir – ein Schnipsel aus meiner langen Rede findet sich hier.

Unter anderem wollte die sympathische Studentin von mir wissen, ob bibliophile Blogger Nostalgiker sind. Da ich das selber gerne wissen möchte, habe ich nicht lange gefackelt und jene um ein Statement dazu gebeten, die bei der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“ dabei sind.

Seitdem ich die Frage, deren Sinnhaftigkeit sich nicht unbedingt auf Anhieb erschließt, an Bloggerinnen und Blogger weitergereicht habe, zieht sie im Netz Kreise. So machte sich hier Jost Renner darüber so seine  speziellen Gedanken, Stefan Mesch steuerte SteglitzMind einen Essay bei und den Krimi-Depeschen war die Frage sogar eine Extra-Nostalgie-Ausgabe wert.

Heute folgen weitere Stellungnahmen von elf Bloggerinnen und Bloggern, für die ich Euch herzlich danke sage!

Wenn ich durch ein Antiquariat laufe, spüre ich die Nostalgie an meinem Mantel zupfen. Dort stehen die Bücher oft bis hoch an die Decke und verströmen ihren eigenen Geruch, an dem ich mich nicht satt schnuppern kann. Die Ausgaben sind meist älter als ich und zeigen mir mit ihren Seiten wie viele Jahre sie schon auf dem Buckel haben. Sie nehmen mich mit in ihre eigene Welt, eine Zeit, die vor mir da war und die ich gern betreten würde, damals, als es beispielsweise literarische Kreise wie die Gruppe 47 gab.

Bücher sind nicht nur Boten der Phantasie und Gedanken, sie reflektieren auch die Gegenwart, in der sie geschrieben werden. Genau betrachtet ist es nicht nur die Nostalgie, die alte Ausgaben in mir hervorrufen, sondern auch reine Neugier. Die ist es, die uns bibliophile Blogger zu den Büchern führt. Warum schlagen wir sonst Bücher auf? Die Nostalgie mag uns hier und da streifen, den einen berührt sie mehr, den anderen weniger, aber sie ist es nicht allein, die uns täglich über Bücher schreiben lässt. Simone Finkenwirth aka Klappentexterin

Ich kann mit solchen blinden Verallgemeinerungen nichts anfangen. Warum sollten bibliophile Blogger Nostalgiker sein? Klar, könnten sie sein. Genau wie Schrebergärtner oder Autobahndrängler. Ich sehe da schlicht keinen Zusammenhang, dafür aber ein sonderbares Klischee, das versucht, zwei Dinge gewaltsam zusammenzubringen. Stephan Waldscheidt mit Schriftzeit

Wikipedia sagt zu Nostalgie unter anderem: „Nostalgikern wird oft Gegenwartsflucht vorgeworfen.“

So gesehen muss ich die Frage mit ja beantworten, denn mit dem Lesen von Büchern flüchte ich in eine andere Welt. Ansonsten sehe ich bibliophile Blogger nicht als Nostalgiker. Wenn viele auch zum altbewährten Notizbuch und zum Kugelschreiber greifen, um sich Notizen für einen Post zu machen, ist es danach das Internet, in dem die bibliophile Begeisterung verbreitet wird. Und da kann man wohl kaum von Nostalgikern reden. Buechermaniac von der lesewelle

Ob „bibliophile Blogger“ Nostalgiker sind, weiß ich nicht. Zum einen halte ich den Begriff für sehr heterogen (vor allem, wenn ich die Liste der von Dir vorgestellten Blogger sehe). Zum anderen weiß ich nicht, ab wann man ein Nostalgiker ist. Zu viele Etiketten – sorry. Gregor Keuschnig mit Begleitschreiben

Ich habe bei deiner Frage einfach definitorische Probleme. Was ist bibliophil und was ist nostalgisch? Letzteres bedeutet ja, grob gesprochen, vergangene Zeiten hochzuhalten und ihnen zu huldigen, indem man ihnen auch ein wenig nachtrauert. Und bibliophil kann eine eher kunstgewerbliche Annäherung an Literatur bedeuten (bibliophile Ausgaben…) oder generell eine Liebe zum Geschriebenen. Wenn ich für mich gelten lasse, Literatur zu lieben und durchaus auch solche vergangener Zeiten, bin ich ein „bibliophiler Nostalgiker“. Aber doch nur, um die Gegenwart besser verstehen und analysieren zu können. Ich bin Traditionalist, weil ich glaube, dass man Traditionen nur fortsetzen und manchmal auch überwinden kann, wenn man sie überhaupt kennt. Etwas, das z.B. den deutschen Krimi betreffend, völlig im Argen liegt. Mit Nostalgie hat das sehr wenig bis gar nichts zu tun. Mit Bibliophilie als kunstgewerblicher Impuls ebenso nicht. Aber wer nicht zurückschaut, schaut auch nicht nach vorne. Oder schaut nach vorne, aber ins Dunkel… Dieter Paul Rudolph mit Krimikultur: Archiv

Bibliophile Blogger Nostalgiker? Nein. Wir bloggen über EINE Form des Geschichtenerzählens, das selbst seit x000 Jahren existiert 😉 Bettina Schnerr-Laube mit Bleisatz

Du hast mich / uns gefragt – und ich versuche mal kurz zu antworten. Bzw. hm, wie soll ich es ausdrücken: so richtig verstehe ich die Frage ja nicht. Wieso sollten denn bibliophile Blogger überhaupt Nostalgiker sein? Sind Blogger nicht Menschen, die sich im Netz bewegen, eine bestimmte Affinität zum digitalen Medium haben, was ja eher auf eine Neigung zur Modernität, zur Zukunft und nicht zur Vergangenheit und Nostalgie hindeutet?

Meint Nostalgie dann eher die Tatsache, dass sie vermutlich noch gedruckte Bücher bevorzugen, obwohl sie sich im Netz bewegen? Oder eher das ihr Content, das sie bevorzugen, Langtexte sind? Und eben nicht kurze Gebrauchstexte aus dem Internet? So wie für viele Menschen heutzutage?

Oder zielt die Nostalgie darauf ab, dass man etwas mag, was immer weniger Leute mögen / tun? Hm, dann muss ich sagen, dass ich einer bin 😉 Aber tatsächlich nur in dem Sinne, dass mich tatsächlich fiktionaler Content sehr viel mehr reizt, sehr viel mehr gibt. Sachtexte sind zwar interessant, aber immer auch Arbeit. Wenn ich aus dem Alltag flüchten oder Spaß haben will, dann möchte ich Fiktion lesen. Nostalgisch in dem Sinne, dass ich es schön fand, in die Bücherei zu gehen. Und schön finde, mich mit Leuten darüber auszutauschen, was ich lese. Und das tun bibliophile Blogger nun im Internet. Aber ist das dann noch nostalgisch? Ist das nicht das Gegenteil davon?

Nostalgie leitet sich ab von den griechischen Wörtern νόστος, nóstos (Rückkehr, Heimkehr) und άλγος, álgos (Schmerz).

Das sagt Wikipedia. Als Blogger, der sein Blog „schmerzwach“ nennt, möchte ich kurz „ja“ sagen, ich bin Nostalgiker. Aber dann frage ich mich: was tut mir weh, wenn ich an Bücher oder die gegenwärtige Literatur denke? Nichts. Und wohin möchte ich zurückkehren? Ich finde alles ganz gut, wie es ist. Etwas unübersichtlich vielleicht. Aber war es früher besser? Nein. Ich denke nicht. Ich weiß nicht, ob ich die Frage damit beantwortet habe. Jannis Plastargias mit schmerzwach

Der Sinn der Frage erschließt sich mir aus dem Kontext nicht. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Deshalb meine Antwort: „Wieso?“. Peter Hetzler von Comickunst

Ich kann natürlich schwerlich für alle sprechen, aber ich selbst halte mich für einen Mix aus Nostalgie und neugieriger Aufgeschlossenheit.
Ich schau mir gern Neues an, weiß aber auch alte Dinge oder Ideen zu schätzen, wenn sie gut sind.
Bücher gehören eindeutig dazu.
Schrift ist eben mit der Entdeckung der (Messbarkeit der) Zeit die wichtigste Erfindung, die die Menschheit gemacht hat.
Alles andere ist im Zweifelsfall praktisch verzichtbar, weil die Zivilisation in der Schrift steckt. DocTotte mit Tottes kleines Literaturlexikon

Leider aber kann ich Deine Frage nicht beantworten, weil ich mich, wie ich bereits notierte, nicht als bibliophilen Blogger verstehe. Spannende Dinge ereignen sich in den Räumen des Schreibens, der Zeit, der Papiere, der Methoden, der Verbreitung von Gedanken und ihren Zeichen. Anbei ein kleiner particles-Text, – so wie ich das sehe. andreas louis seyerlein: particles

Was die Frage angeht, so finde ich sie viel zu allgemein. „Inwiefern?“ möchte ich da gern zurückfragen. Nostalgiker sind ja nicht einfach nur Leute, die ein Faible für alte oder altmodische Dinge und Tätigkeiten haben, sondern Menschen, die die Vergangenheit idealisieren und sich in einer „Früher-war-alles-besser-Attitüde“ nach ihr sehnen und am liebsten die Gegenwart fliehen würden. Ein typischer Vertreter wäre die Hauptfigur aus „Midnight in Paris“, doch selbst er entscheidet sich am Ende für die Gegenwart, weil er den ungesunden Aspekt einer übertriebenen Vergangenheitsverliebtheit erkennt.
Inwiefern sollten bibliophile BloggerInnen NostalgikerInnen sein? Weil sie in ihren Blogs versuchen, die Salonkultur mit modernen Mitteln zu beleben? Manche BloggerInnen können mit E-Books und entsprechenden Readern nichts anfangen – andere sind davon begeistert und äußern dies auch in ihren Blogbeiträgen. Einige haben ein Faible für altmodische Dinge wie Notizbücher oder Füller und doch nutzen sie fleißig WordPress, Twitter et al. Mit Sicherheit gibt es etliche, die schöne alte Dinge mögen, aber das macht sie nicht zu NostalgikerInnen oder Gegenwartsflüchtlingen. Auch die Lesevorlieben sind kein Kriterium: Von Besprechungen zeitgenössischer Literatur bis zu tatsächlich bibliophilen Ausgaben findet sich so ziemlich alles. Alle bibliophilen BloggerInnen über den Nostalgiekamm scheren zu wollen, halte ich daher für Unfug. Petra Gust-Kazakos mit Philea’s Blog

Stefan Mesch dreht eine Extrarunde: Sind bibliophile Blogger Nostalgiker?

Stefan Mesch war mir ein unbeschriebenes Blatt. Bis zu jenem Tag im November 2012 jedenfalls, an dem er in einem Gespräch mit Johannes Schneider vom Berliner Tagesspiegel einen Stein ins Rollen brachte, der die ‚bibliophile‘ Szene im Netz vor den Kopf stieß.

Abermals auffällig wurde mir der bloggende Autor/Kritiker vor einigen Tagen, und zwar als auf SteglitzMind verlinkender Rekordhalter. Hier beziehe ich mich auf diesen Artikel in Stefans Blog.

Dass ich ihn nun eingeladen habe, sich ebenfalls zur Frage zu äußern, ob bibliophile Blogger Nostalgiker sind, hat ebenfalls einen speziellen Hintergrund. Nämlich diesen: Gestern hatten zu der besagten Frage von LiteraturFutur hier einige Bloggerinnen und Blogger Stellung bezogen. Statements, die Stefan für wischi waschi hielt, wie er baldigst in einem sozialen Netzwerk kundtat. – Jetzt, sagte ich mir, jetzt ist er dran! Und zu meiner Überraschung ließ er sich nicht lange bitten …

Nun freue mich, dass er prompt angebissen hat, und bin auf unsere persönliche Begegnung bei LiteraturFutur – neue Formen der Literaturvermittlung – in Hildesheim am 24./25. Mai doch sehr gespannt …

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Für Streber wie mich waren Bücher „wertvoll“, „richtig“, „gut“ – mein Leben lang:

Kindergärtnerinnen, Lehrer freuten sich, wie viel ich las.

Verkäufer, Schreibwarenhändler ließen mich für Stunden blättern, stöbern.

© Stefan Mesch

© Stefan Mesch

Meine Großeltern bezahlten Comics, Magazine.

Meine Mutter entschuldigte / erlaubte / ermöglichte jeden Tag, den ich mich hinter Büchern und Geschichten vergrub.

Sogar mein Vater hatte einen gewissen… Respekt: Er las in 50 Jahren keinen einzigen Roman. „Für sowas habe ich keine Zeit.“ Doch dass ich MEINE Zeit, so lange ich denken kann, mit Büchern „verschwende“, machte er mir nie zum Vorwurf.

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„Sind bibliophile Blogger Nostalgiker?“, fragt das Team der Hildesheimer Literatur- / Medien-Konferenz lit.futur Gesine von Prittwitz. Gestern leitete Gesine die Frage weiter, an eine größere Runde Blogger. Doch viele Statements erschienen mir mau, nichtssagend, unfertig:

Wären die Antworten weniger defensiv ausgefallen, wenn…

…stattdessen jeder Blogger persönlich gefragt worden wäre: „Bist DU Nostalgiker?“

…die Frage gedreht, gewendet worden wäre: „Bloggst du darüber, wie sich Lesen und Literatur verändern? Kuckst du nach vorne? Mit welchem Gefühl?“

Ich bin 30 Jahre alt. Ich las knapp 1.200 Romane, 700 Comics.

Ich schreibe über Bücher für ZEIT Online und den Tagesspiegel, bin auf Seite 300 meines ersten eigenen Romans, „Zimmer voller Freunde„, und durfte mir mein ganzes Leben lang sicher sein, dass jemand anerkennend nickt, sobald ich sage: „Gestern habe ich fünf, sechs Stunden lang gelesen.“

Lesen, sagte meine Welt fast 30 Jahre lang, ist wertvoll. Geschichten sind wichtig. Kultur stiftet Sinn. Literatur ist gut. Bücher sind ein Weg, die Welt zu verstehen. Lektüre „installiert neue Software in unserem Gehirn“:

Wenn ich viel Zeit damit verbringe, zu lesen, werde ich zu einer klugen, weisen, reifen, gebildeten, entfalteten, tugendhaften Person: Bücher bringen uns weiter. Bücher tun uns gut.

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Doch aller Kitsch, alle Streber-Arroganz beiseite: Bücher brauchen absurd viel Zeit – und Menschen, die ihr Leben so einrichten (können), dass sie Romane lesen können statt kurzer Artikel, Sachbücher (oder einfach nur pragmatisch, kurz die Radio- und TV-Nachrichten verfolgen), haben – keine Frage! – eigene Prioritäten. Ein besonderes… Gemüt.

Wenn ich schnelle FAKTEN will, sauberen Überblick, spröde ‚Wahrheit‘ oder Nutzen, Service, sind Dutzende anderer Medien / Formate schneller, dichter und effizienter.

John Updike, glaube ich, nannte Romane mal „Empathy Machines“: Sie saugen uns ein. Und muten uns zu, auch mal 400 Seiten Gedanken oder Figuren zu folgen, die nicht sofort Funken sprühen, Spaß machen, knallen und gefallen. Als Leser / Buchliebhaber braucht man eine Grund-Geduld, Toleranz und Offenheit.

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Ich glaube, das selbe Gemüt, die selben Tugenden (Grund-Geduld, Toleranz und Offenheit) helfen auch beim Bloggen: Wozu die eigenen Texte, Standpunkte völlig FREMDEN Menschen antragen? Wozu sich diskutieren lassen? Kritik aussetzen?

Für mich sind das das „nostalgische“ Werte:

Offenheit, sich auf Texte, Menschen, Standpunkte einlassen. Nicht-zielgerichtetes Denken. So weit verstehe ich die Frage: Sind bibliophile Blogger Nostalgiker? Sehr viele, bestimmt.

Denn Leser lesen „nostalgisch“. Und Literatur-Blogger bloggen „nostalgisch“.

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Die meisten „Nostalgiker“ aber, die ich kenne, sind anders: Sie wünschen sich Struktur, Netze, Sicherheit. Einen gleichförmigen Rhythmus. Und das bieten andere Formate VIEL stärker als Literatur (und Blogs):

Bei „Nostalgikern“ denke ich an starre Genre-Formate und Immer-das-selbe-Muster-Zeug wie „Monk“. An Sitcoms. An simple, feste Spiele. An Gartenbau. An Puzzles. An einen starken, verlässlichen, ordentlichen Rahmen, der vor Veränderungen und Zumutungen schützt.

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„Nostalgiker“ ist ein Reizwort. Und die Debatte ist für mich so wichtig / spannend, weil viele Blogger – in meinem Alter oder älter – in einer Welt aufwuchsen, die Bücher ähnlich lobte, feierte, fetischierte wie meine Lehrer und Eltern:

Bücher bringen Aufstieg, bessere Chancen. Bücher bringen Klassenmobilität.

Bücher bringen uns voran.

Ich bin nicht der einzige Roman-Streber, der über sein Bücherregal, seine Lese-Listen, seine Goodreads-Seite und seinen Terminkalender blickt und denkt: „Sehr gut. Ich habe Stunden mit etwas Sinn- und Wertvollem, Wichtigen verbracht.“

Ich bin nur nicht mehr sicher, ob das stimmt.

Ich bin nicht sicher, ob ich als Leser noch lange „punkten“ kann.

Romane fressen Zeit. Bücher fressen Platz. Leser sind Eigenbrötler, Träumer und Egoisten. Blogger sind selbstverliebt, in ihre Stimme und ihre beschränkte, eigene Perspektive.

Meine jüngeren, pragmatischeren, aggressiveren Freunde schauen auf mein Bücherregal und sehen: ein Grab für Zeit, Geld, Produktivität. Ich hätte die Welt bereisen können. Häuser bauen. Oder Geld verdienen, um mir den Bau von Häusern zu finanzieren.

Was habe ich in der Hand? Ein paar Lese-Erfahrungen. Erinnerungen an Bücher, vor 15 Jahren gelesen, deren Details schon längst wieder zerfallen.

Romane sind ein subjektives, sperriges, störrisches Medium. Eine umständliche Weise, meist „nutzlose“, schwammige Gefühle und Stimmungen zu vermitteln. Wer einen Partner sucht, um eine Familie zu gründen, freut sich über (Hobby-)Gärtner, Bastler, Köche.

Aber Leser… sind Schluffis. Waschlappen. Opfer. Trödler. Spinner. Egoisten.

Nostalgiker – die vielleicht gerade erst verstehen, dass etwas, für das Oma, Papa und der Kindergärtner großen Respekt, Bewunderung aufbrachten…

…immer weniger Achtung, Platz, Respekt findet. Heute.

Ich bin nicht sicher, ob – heute – Kinder gelobt werden, wenn sie sich 100, 200 Seiten lang in einem Buch versenken. Vielleicht verdienen sie mehr Lob, wenn sie abbrechen. Klug suchen. Effizient entscheiden. Sich zielgerichtet informieren.

Geschickt googeln:

Das mit den „Empathie-Maschinen“, merke ich gerade, hat John Updike nie gesagt. Es war Roger Ebert, der Filmkritiker (danke, Suchmaschine!). Und er sprach nicht über Romane. Sondern übers Kino. Ein Massenmedium, das heute noch Massen begeistert.

Bücher, Leser, bibliophile Blogger dagegen sind am Rand.

Beklatschen, loben, bewundern… tun wir uns nur noch selbst.

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BTW: Womöglich war Stefan mit seinem Urteil etwas voreilig? Wie angekündigt, erscheinen in den kommenden Tagen hier weitere Statements von Bloggerinnen und Bloggern zur Frage „Sind bibliophile Blogger Nostalgiker?“

Sind bibliophile Blogger Nostalgiker?

Am 24./25. Mai findet LiteraturFutur in Hildesheim statt – und auch ich bin dabei. Konzipiert wurde das Format von Studenten der dortigen Universität, die sich mit Kreativem Schreiben, Kulturjournalismus und Kulturwissenschaften beschäftigen. Diskutiert wird über die Zukunft der Literatur und neue Formen der Literaturvermittlung unter digitalen Bedingungen. Gemeinsam mit eingeladenen Autorinnen und Autoren, Literaturvermittlern, Experten aus Verlagen und Agenturen wollen sie während der Veranstaltung versuchen, einige vorläufige Antworten zu finden.

© Litfutur Hildesheim 24./25 Mai 2013

© Litfutur Hildesheim 24./25 Mai 2013

Im Vorfeld der Hildesheimer Zusammenkunft führte Lew Weisz ein Interview mit mir – ein Schnipsel aus meiner langen Rede findet sich hier.

Unter anderem wollte die sympathische Studentin von mir wissen, ob bibliophile Blogger Nostalgiker sind. Da ich das selber gerne wissen möchte, habe ich nicht lange gefackelt und jene um ein Statement dazu gebeten, die bei der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“ dabei sind.

Danke, dass Ihr mir mit Euren Antworten auf eine wahrlich elementare Frage einmal wieder auf die Sprünge geholfen habt! Eure Darlegungen sind so vielfältig wie die ‚bibliophile‘ Szene im Netz, was genau genommen nicht wirklich überrascht. Im Vorfeld von LiteraturFutur stelle ich sie (nebst den teilweise kritischen Anmerkungen zu der Frage selbst) hier in Fortsetzungen vor:

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Ich meine, die Frage ergibt keinen Sinn. Sind bibliophile Blogger Atheisten? (Ich kenne welche.) Sind veganische Blogger bibliophil? (Ich kenne welche.) Sind katholische Priester Blogger? (Es wird welche geben, ich kenne keine.) Nur katholische Priester, die bibliophil sind, möchte ich mir nicht vorstellen … sandhofer, der mit gemeinsam mit Herrn scheichsbeutel litteratur.ch betreut

Wie immer bei solchen Fragen lässt sich das nicht generalisieren. Es sind schließlich sehr viele bibliophile Blogger ganz vorne mit dabei, wenn es um Diskussionen zum E-Book geht, um die Veränderung der Verlagslandschaft, Self-Publishing (und die Vorzüge davon) und so weiter. Das scheint mir wenig nostalgisch, eher realistisch-pragmatisch und vorwärts gewandt. Und schließlich sind es Blogger – als richtige Nostalgiker würden sie wohl Leserbriefe schreiben oder sich allein in einer Literatur-Diskussions-Runde jeden Montag bei Kerzenschein treffen, um über Bücher zu reden.

Was mich persönlich betrifft: ich bin in Bezug auf bestimmte Bücher schon etwas nostalgisch. Das ist so wie die frühen Erinnerungen an den Geschmack von bestimmten Süßigkeiten – so gab es auch gewisse Bücher, Bilderbücher o.ä., die eine unwiederbringliche zauberhafte Stimmung mit sich brachten. Zum Teil bin ich immer noch auf der Suche nach diesen Büchern – und zugleich will man sie ja gar nicht wiederfinden, weil es zweifellos eine Enttäuschung sein würde, die Bilder wieder zu sehen, die Story zu lesen und festzustellen – oh nein, das ist oberflächlicher Mist.

Die Liebe zum Medium Buch grundsätzlich nostalgisch einzuordnen, halte ich für Quatsch. Klar wird sich viel im Umgang mit Büchern, in der Herstellung etc. verändern – aber die Liebe gilt ja (zumindest bei mir) mehr den Geschichten, dem Prozess des Eintauchens in eine andere Welt – und klar gehört bislang für mich auch ein Buch mit papiernen Seiten dazu. Tatsächlich liebe ich aber mehr den Inhalt als das Außenrum, bin weniger an speziellem Einband und Sonderausgaben in Leder interessiert – und Geschichten und Gedanken, die bleiben, auch wenn die Form sich ändert. Friederike Kenneweg von frintze

Leider glaube ich inzwischen schon, dass bibliophile „Blogger“ Nostalgiker sind, sonst wären sie wohl auch mehr anerkannt und selbst großes Engagement wäre nicht immer nur ein Ehrenamt … Aber Nostalgie ist ja sehr beliebt und auch immer wieder im Kommen 🙂 Bianca Bianka Boyke von jungesbuch

NEIN! 😉 Christian Köllerer von Dr. Christian Köllerers Notizen

Wenn Blogger sich mit den Werken von Schriftstellern beschäftigen, können sie diese auf Papier oder als E-Book lesen. Bei den Postings macht das keinen Unterschied. Ob analoge Bücher bereits nostalgisch sind? Das ist Ansichtssache. Ich glaube es nicht, auch wenn es praktisch ist, auf Reisen nur einen Reader statt fünf Bücher mitnehmen zu müssen. (Übrigens habe ich die Zeitung als iPad-App abonniert, nicht zuletzt, weil damit eine Menge Papier gespart wird.) Die Blogger, die Bücher vorstellen, beschreiben gewöhnlich nicht Papierqualität, Einband, Vorsatz, Lesebändchen, sondern Inhalt und Form eines Romans. Ob sie schön gebundene Bücher lieben, spielt dabei kaum eine Rolle. Also ist auch die Frage nach der Nostalgie in diesem Zusammenhang irrelevant.

Oder ist hier mit Bibliophilie die Liebe zur Literatur gemeint? Eine Lehrerin erzählte mir, dass die Jungs in ihrer Realschule darauf achten, beim Betreten oder Verlassen der Schulbibliothek nicht gesehen zu werden, weil sie Lesen für uncool hielten. Sind die Schüler, die dennoch Bücher ausleihen, Nostalgiker? Vielleicht hat die Literatur in einer von Fernsehen (auch schon totgesagt), elektronischen Medien und Computerspielen geprägten Zeit nicht mehr das Ansehen wie vor 200 Jahren, aber ich bin überzeugt, dass es auch weiterhin Romane und Erzählungen geben wird. (Ob die dann auf Papier oder auf einem Bildschirm gelesen werden, ist unwichtig.) Es tauchen ja auch immer wieder Schriftstellerinnen und Schriftsteller auf, denen inhaltlich und/oder formal etwas Neues einfällt. Die Möglichkeiten der Literatur sind offenbar noch nicht ausgeschöpft. Elektronische Medien eröffnen sogar noch weitere, zum Beispiel können verschiedene Wendungen einer Romanhandlung angeboten werden. In meinen Augen sind Blogger, die sich mit Literatur beschäftigen, keine Nostalgiker, sondern Vermittler einer faszinierenden Kulturwelt. Dieter Wunderlich von Dieter Wunderlich: Buchtipps und Filmtipps

Interessante Frage. Heißt das, dass alle Bücherleser Nostalgiker sind? Oder sind bibliophile Blogger nicht genau das Gegenteil? Nämlich Avantgarde, die über das altertümliche Lesen im modernsten Kommunikationsmedium unterwegs sind? Brigitte Glaser, eine von den vier Autorinnen, die gemeinsam Die Seitenspinnerinnen betreuen

Als ‚bibliophiler Blogger‘ kann ich die Frage natürlich nur aus meiner ureigenen Perspektive beantworten, die sich mit Sicherheit nicht verallgemeinern lässt. Bin ich ein Nostalgiker?

Nein. Ich fühle kein „Heimweh“ nach einer „besseren Vergangenheit“. Ich fühle mich durchaus wohl in der Gegenwart, in der ich mit beiden Beinen fest verwurzelt stehe, und traure nicht vergangenen Zeiten nach.

Natürlich beschäftige ich mich aus Interesse heraus mit der Vergangenheit, und das bestimmt auch aus dem Grund, um meine so geliebte Literatur besser verstehen zu können.

Daher weiß ich natürlich, dass die Aussage „früher war alles viel besser“ stets mit Vorsicht zu genießen ist. Die Vergangenheit wird viel zu oft verklärt, insbesondere von denen, die sich nur an deren positive Seiten erinnern möchten – was ja durchaus in der Natur des Menschen liegt. Die Vergangenheit, die sich die „Nostalgiker“ wünschen, ist aber eher eine Art kuscheliges „Wohlfühl-Disneyland“ und hat nicht mit der Realität zu tun, sondern vielmehr mit einer Art Weltflucht, da man sich von der Moderne gehetzt, getrieben, verschreckt oder gar entmündigt sieht.

Die Liebe zu den Büchern entspringt keiner Nostalgie, sondern ist vielmehr einer ausgeprägten Neugier und der Befriedigung eines Bedürfnisses nach intellektueller Anregung und Unterhaltung geschuldet. Dass diese aber bei manchem zu einer „Weltflucht“ gerät, die auch in einer Nostalgie ausarten kann, ist durchaus möglich. Harald Sack mit Biblionomicon

Die Frage ist schwer, denn – Was kann eine sagen über „bibliophile Blogger“ im Allgemeinen. Ich zumindest traue mich nicht für oder über alle anderen Aussagen zu treffen. Deine Serie zeigt doch wunderbar, dass es den Typus des „bibliophilen Bloggers“ gar nicht gibt (zum Glück).

Für mich kann ich sagen: Ich bin nicht nostalgisch. Aber neige zur Sentimentalität. Zum Unterschied zwischen beiden habe ich mal was geschrieben.

Aber das ist natürlich nur meine Sicht auf diese beiden Worte und ihre Bedeutungsfelder. Ich neige nicht zum Fetischismus, d.h. mir bedeuten „Dinge“, die man anfassen kann, selten viel. Daher hänge ich auch nicht am gedruckten Buch. Aber ich lese gern und meistens ältere Literatur (18., 19., 20. Jahrhundert) und eher seltener Gegenwartsliteratur. Ist das ein Widerspruch? Ich weiß nicht. Aus meiner Perspektive verwirklichen sich durch das Internet (durchaus auch in Form eines Albtraums) Ideen und Utopien der Aufklärung (die „Republik der Gelehrten“, die „totale“ Kommunikation) und der modernen Avantgarden (die Abkehr vom Werkcharakter, serielle Produktionen, die „Löschung“ und „Überschreibung“). Ich schaue zurück in der Hoffnung, nach vorne springen zu können, über die Enttäuschungen hinweg, die Rückschritte und Ausfälle. Ohne Rückkehr aber zu einem Glauben an einen Sinn der Geschichte, noch allerdings auch an das Ende der Geschichte.

Manche Bibliophilen sind sicher nostalgisch. Sie selbst allerdings, glaube ich, begreifen sich eher als Melancholiker.

Ich teile weder die eine noch die andere Haltung.

Bibliophil bedeutet für mich heutzutage nicht mehr: die Liebe zum Buch, sondern: die Liebe zum geschriebenen Wort. Für das sehe ich eine große und vielfältige Zukunft. Für das gedruckte Buch jedoch nur eine Nischenexistenz. Jutta S. Piveckova aka Melusine Barby mit Gleisbauarbeiten

Klar doch sind wir bibliophilen Blogger Nostalgiker, und wir sind stolz darauf! Keine Kultur ohne Nostalgie. Immerhin steckt im Wort Nostalgie die Bedeutung von Rückkehr und Heimkehr. Für mich besitzt dieser Begriff gar keine pejorative Bedeutung sondern eher ein Lob. Aber du weißt ja, die Briten sind wohltuend traditionsbewusst. Klausbernd Vollmar mit kbvollmarblog

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Weitere Überlegungen, ob bibliophile Blogger Nostalgiker sind, könnt Ihr hier nach Pfingsten lesen. – Das Nachdenken über die Frage zog Kreise: So reflektieren KAINe Kolumne darüber, den Krimi-Depeschen war die Frage eine Extra-Nostalgie-Ausgabe wert und Stefan Mesch gab SteglitzMind die Ehre mit einem Essay dazu