Benja Krik und Ostap Bender. Odessa: die Stadt der Literatur (1)

Bis zu meinem Besuch in Odessa im Juli 2017 wusste ich über die Literatur, die in dieser Region entstanden ist, so gut wie nichts. Umso erstaunter war ich, wie reich die Hafenstadt am Schwarzen Meer auch in dieser Hinsicht ist. Allenthalben trifft man auf Spuren, die Schriftsteller hinterlassen haben. Namen, die literarisch Gebildete womöglich schon einmal gehört haben, aber sicher nicht dem Gebiet der heutigen Ukraine zuordnen dürften. – Aus Gründen, die ich hier etwas näher ausführe.

Installation „Zwölf Stühle“ © Sabine Münch

Zeugnis vom reichen literarischen Erbe Odessas legt nicht zuletzt das 1984 dort eröffnete Literaturmuseum ab. Mehr als 300 Autoren, werden präsentiert: Persönliche Gegenstände, Manuskripte, Briefe, Originalausgaben sowie Schreibutensilien- und sogar Salonmöbel. Im sogenannten Goldenen Saal, der mit kristallenen Lüstern und prunkvollen Wandornamenten geschmückt ist, traf sich um 1900 die literarisch-künstlerische Gesellschaft der Hafenstadt. Im Garten des Museums befinden sich Skulpturen, die Figuren aus den Werken verschiedener Schriftsteller darstellen. Das Literaturmuseum residiert in einem prachtvollen Bau im historischen Stadtzentrum, der Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut wurde. Besuchen kann man es in der Lanscheronowskaja ul. 2 immer Donnerstag bis Sonntag zwischen 10.00 Uhr und 18.00 Uhr.

 

„Es geschah, es geschah in Odessa!“, heißt es überschwänglich in Wladimir Majakoskis frühem Gedichtzyklus „Wolke in Hose“ (1915). Das ist nicht die einzige Hymne, die Künstler auf die Stadt am Schwarzen Meer gesungen haben. Geprägt vom liberalem Geist und mediterranem Klima hat die Hafenstadt – neben den literarischen Zentren Lviv (früher: Lemberg) und Ivano-Frankivsk (früher: Stanislaw)viele Autoren hervorgebracht. Und selbstverständlich viele angezogen. Ihre Werke haben das Bild von Odessa geprägt.

Ich bin auf Autoren gestoßen, die die Umstände der Zeit gebrochen haben, aber auch auf solche, die widerstanden oder einfach Glück gehabt haben. Auf Dissidenten, Kriegsgefallene und Opfer der stalinistischen Säuberungen.

Und so ist eine kleine Reihe über die Kinder und Besucher einer Stadt entstanden, die von den Einheimischen liebevoll „Mama Odessa“ genannt wird. Keine Kurz-Biographien im klassischen Sinn, die Leben und Werk würdigen. Sondern mal längere, mal kürzere Skizzen, die herausstellen möchten, welchen Bezug die Porträtierten jeweils zu Odessa hatten. Eine, wie ich meine, bunte Sammlung, die manchen auch überraschen könnte.

Skizziert werden „Großväter“ der modernen jiddischen Literatur. Autoren, die unfreiwillig in Odessa gelandet sind. Schriftsteller, die politisch nicht erwünscht waren. Es werden Namen genannt, die die Zeitläufte getilgt haben, und Werke erwähnt, die wiederzuentdecken wären. Und nicht zuletzt kommen Autoren in der Reihe vor, die bis heute gerühmt werden. – Den Anfang machen drei in Odessa geborene Schriftsteller, die literarische Kultfiguren geschaffen haben.

 

Unvergessen: Benja Krik und Ostap Bender

So man überhaupt einen Schriftsteller mit Odessa in Verbindung bringt, dann dürfte das Isaak Babel (1894 – 1940) sein. Er wuchs im jüdischen Moldawanka-Viertel in bescheidenen Verhältnissen auf. Dem Treiben im Viertel, das nahe beim Hafen gelegen damals ein Umschlagplatz für Gaunereien und Schmuggelware gewesen ist, hat er in seinem Erzählzyklus „Geschichten aus Odessa“ (1921-1924) ein literarisches Denkmal gesetzt. Die vier Geschichten über die Unterwelt im Judenviertel vor und während der russischen Revolution, über zynische Tagediebe, fromme Rabbiner und den Gauner Benja Krik, der zum König der Unterwelt aufsteigt, brachten ihm frühen Ruhm ein und haben Odessa einen Platz in der Literaturgeschichtsschreibung gesichert.[1]

Im ersten Weltkrieg hat er an der rumänischen Front gekämpft, 1920 nahm er in einem Kosakenheer als Kriegsberichterstatter am Russisch-Polnischen Krieg teil. Seine Erfahrungen verarbeitete er in seiner berühmten Sammlung „Die Reiterarmee“. 1926 erschienen, gelang ihm damit zwar endgültig der literarische Durchbruch, Ende der 1930er sollte ihn seine unverblümt wahrheitsgetreue Berichterstattung über den grausamen Krieg allerdings den Hals kosten. Babel wurde im Mai 1939 wegen angeblicher Spionage verhaftet, sämtliche seiner Manuskripte, Skizzen und Briefe beschlagnahmt und größtenteils vernichtet. Er wurde zum Tode verurteilt und am 27. Januar 1940 erschossen.

Isaak Babel © Encyclopædia Britannica, Inc.

Sein Name wurde aus der sowjetischen Literaturgeschichte und Enzyklopädie gestrichen. Lange Zeit hieß es offiziell, dass er 1941 in einem sibirischen Arbeitslager unter ungeklärten Umständen verstorben sei. Erst Ende der 1980er erfuhr seine Witwe, Antonia Piroshkowa (1909 – 2010), die ganze Wahrheit über sein Schicksal. Zwar wurde Babel im Dezember 1954 posthum im Rahmen der kurzen „Tauwetter“-Periode nach Stalins Tod rehabilitiert, sein Werk konnte jedoch in der Sowjetunion – wie auch in der DDR – nur in Fassungen erscheinen, die der Zensor bereinigt hatte. Der vollständige unzensierte Text der „Reiterarmee“, den Peter Urban auf Grundlage der russischen Erstausgabe von 1926 übersetzt hat, erschien erstmals 1994 beim kleinen Berliner Verlag Friedenauer Presse. Dass Odessa Isaak Babel erst im September 2011 ein Denkmal gesetzt hat – und das auch nur, weil sich eine Bürgerinitiative dafür einsetzte und über Jahre hinweg Spendengelder gesammelt hat – macht sinnfällig, wie schwer man sich mit Freidenkern jüdischer Herkunft tat.

Vielfach gedenkt die Stadt hingegen dem literarischen Erbe des in Odessa geborenen Erfolgsduos Ilja Ilf alias Ilja Arnoldowitsch Fainsilberg (1897 – 1937) und Jewgeni Petrow alias Jewgeni Petrowitsch Katajew (1903 – 1942). Ob gemalt auf Hauswänden, als Mobiliar im beliebten Stadtpark an der Deribasywaska-Straße, wo ein Stuhl aus Bronze steht, oder als originelle Installation – allenthalben trifft man in der Hafenstadt auf Stühle. Sie erinnern an die populäre Gaunerkomödie „12 Stühle“, erstmals 1928 als Fortsetzungsroman erschienen und danach mehrfach im Buchformat aufgelegt.

Erzählt wird von den Wirren der jungen Sowjetrepublik. Eine adlige Dame gesteht auf dem Sterbebett sowohl einem orthodoxen Priester als auch ihrem Schwiegersohn, dass sie den Familienschmuck im Schätzwert von 70.000 Rubeln in das Polster einer ihrer zwölf Stühle eingenäht hat, um ihn vor den Revolutionären zu retten. Kaum ist die Frau verschieden, startet eine wilde Suche kreuz und quer durch die Sowjetunion. Und da der Schwiegersohn zwar nicht besonders clever, dafür aber umso raffgieriger ist, gesellt sich Ostap Bender, der „Große Kombinator“ aus der Gaunerwelt, an seine Seite.

Moser und Rühmann in „13 Stühle“

„Was kostet das Opium für das Volk?“. Mit dem Hochstapler Ostap Bender, dessen markige Sprüche alsbald in aller Munde gewesen sind, haben Ilf-Petrow eine Kultfigur geschaffen. Die „Zwölf Stühle“ wurden – zuerst in der Sowjetunion, dann im gesamten Ostblock -schnell bekannt. Dank mehrerer Verfilmungen, so etwa 1970 von Mel Brooks in Hollywood oder E.W. Emo mit Heinz Rühmann und Hans Moser, reüssierte der Stoff auch im Westen. Der Folgeroman „Das goldene Kalb oder die Jagd nach der Million“ aus dem Jahr 1931 avancierte ebenfalls zum Bestseller, die Autoren zu literarischen Stars. Als die Literaturzeitschrift „Literaturnaja Gazeta“ 1968 herausfinden wollte, welche Autoren besonders populär wären, standen Ilf und Petrow neben Alexej Tolstoj und Michail Scholochow und auf den ersten Rängen. Und die Bewunderung hielt an: 1982 wurde der neu entdeckte Kleinplanet nach dem Autorenduo „3668 IlfPetrow“ benannt.[2]

Kennengelernt hatte sich das Erfolgsduo aus Odessa in Moskau, wo beide für satirische Zeitungen gearbeitet haben. Bis zu Ilfs Tod 1937 verfassten sie ihre Bücher gemeinsam. 1933/34 reisten sie durch Europa. 1935/36 durch die USA, im Auftrag der „Prawda“ in einem mausgrauen Ford. Stalin höchstpersönlich, so wird gemunkelt, habe die Weisung für eine Reportage über das konkurrierende kapitalistische System gegeben. Die Reiseberichte erschienen zunächst in der „Prawda“, 1937 unter dem Titel „Das eingeschossige Amerika“ als Buch. Die deutsche Ausgabe kam 2011 auf den Markt. Und das Erstaunen war groß, wie frei von Propaganda Ilf und Petrow die Auftragsarbeit einst gemeistert haben.[3]

Nach Ilja Ilfs Tod fehlte Jewgeni Petrow offenbar der kongeniale Partner; er brachte nichts Größeres mehr zu Papier. Am Zweiten Weltkrieg nahm er als Kriegsberichterstatter teil. 1942 kam er bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.

 

Anmerkungen

[1] Gesammelte Erzählungen, darunter auch die Geschichten aus Odessa, liegen bei Hanser vor: Isaak Babel: Mein Taubenschlag, München 2014.

[2] Anders als andere, die in der Reihe skizziert werden,  sind die Bücher von Ilf-Petrow – vor allem dank schweizerischer und DDR-Initiativen – nach 1945 in zahlreichen Ausgaben erschienen. Zuletzt 2015 in der „Anderen Bibliothek“ der Erzählband „Kolokolamsk und andere unglaubliche Geschichten“, den Helmut Ettinger ins Deutsche übertragen hat.

[3] lja Ilf und Jewgeni Petrow: Das eingeschossige Amerika: Eine Reise mit Fotos von Ilja Ilf in Schwarz-Weiß und Briefen aus Amerika, aus dem Russischen von Helmut Ettinger, zwei Bände, Frankfurt a.M. 2011

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