Mangel im Überfluss: „Von einer Auswahl kann niemals die Rede sein.“ Buchhandel in der DDR (Teil 4)

Womöglich habe ich mir mit dem Vorhaben, die Geschichte des DDR-Buchhandels auszuloten, zu viel vorgenommen? Je länger mich die Materie allerdings beschäftigt, desto mehr Fragen stellen sich, die nur diejenigen beantworten können, die dabei gewesen sind.

Trotzdem habe ich Mut zur Lücke: In fünf Folgen werde ich darlegen, was ich bisher zur Entwicklung des Buchhandels in der DDR (Teil 1 – 4) und nach der Wende (Teil 5) trotz spärlicher Quellen recherchiert habe. – Warum wage ich diese Skizze? Weil ich mir erhoffe, dass sich Zeitzeugen einfinden, die das eine und andere aus der eigenen Erfahrung zurechtrücken und/oder Lücken schließen.

Eine Zusammenstellung der verwendeten Quellen findet sich hier.

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Autokennzeichen der DDR © GvP

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Eigentlich hätten sich die Verantwortlichen in den staatlichen Leitungen, die den Literaturvertrieb kontrollierten, relativ früh bewusst sein müssen, dass sich der Buchhandel in generalis nicht auf Linie trimmen ließ. Nicht etwa, weil er in Opposition zum System gestanden hätte, sondern, weil sich Lesebedürfnisse nicht per Dekret steuern lassen. Dass die Partei dennoch bis 1989 am Versuch festhielt, dem Buchhandel eine Funktion als Transmissionsriemen ihres jeweiligen ideologischen Kurses zuzuschreiben, gehört mit zu den Paradoxien der DDR-Geschichte. Aus heutiger Sicht mag man über die systemimmanenten Widersprüche, die auch so manche kuriose Blüten trieben, gerne den Kopf schütteln. Allerdings darf man darüber nicht das menschliche Leid vergessen.

Wer in die Prozesse involviert war, dem dürfte bereits in den frühen Jahren der DDR klar gewesen sein, dass die Absatzschwierigkeiten und –krisen nicht jenen angelastet werden konnten, die die Literatur vertrieben. Eine deutliche Warnung etwa waren die ständig lauter werdenden Forderungen des Volksbuchhandels, in den Produktionsplänen die Lesebedürfnisse stärker zu berücksichtigen und solche Titel nachzudrucken, die bei den Kunden gefragt waren. Tatsächlich fehlte es bereits im ersten Halbjahr 1961 an nahezu allem: Kochbücher, der Duden oder leichte Unterhaltungsliteratur waren ebenso wenig greifbar wie Reiseführer zu Zielen, die für DDR-Bürger damals erreichbar waren. Dass ausgerechnet jene Bücher nicht vorrätig waren, auf deren Erbe sich die „Literaturgesellschaft“ offiziell berief, stieß so manchen vor den Kopf:

„Es fehlten Koch-, Back-, Camping- und Ehebücher, Ratgeber über Säuglingspflege, Handwerks- und Haushaltskniffe, Gartenpflege und Pilze, Konzert- und Opernführer, ein Auto-Atlas und ‚Wir schneidern selbst‘. Solche Titel waren meistens bereits vorm Erscheinen hoffnungslos ‚überzeichnet‘, wie der ‚Duden‘, von dem zwar immerhin 37.000 Stück gedruckt, aber 115.000 Exemplare bestellt waren. Es gab, wie beklagt wurde, zwar kein Buch über Usedom, aber zwei über Guinea und nicht weniger als 26 Titel über die Novemberevolution. Was Belletristik anging, so waren im ersten Halbjahr 1961 von 1.399 angekündigten Titeln 579 entweder nicht erschienen oder stark überzeichnet, während andere verlangte Bücher längst aus den Plänen gestrichen waren. […]. Besonderen Anklang finden bei der Bevölkerung Bücher von W. Busch (Busch-Album), Zille und Simmel. Viel verlangt werden Bücher, die sich in heiterer und besinnlicher Form mit den Umgangsformen im öffentlichen Leben beschäftigten, doch alle diese Bücher sind seit langem vergriffen. […]. Verlangt wurden Shakespeare, Balzac, Stendal, Hugo Dickens, Thackeray, Tolstoi, Turgenjew, Puschkin, Dostojewski, aber selten konnte ein Titel angeboten werden. Von einer Auswahl kann niemals die Rede sein. Sogar in der Volksbuchhandlung am Alexanderplatz, kurz vor dem Mauerbau ein Schaufenster von strategischer Bedeutung, starrten den zahlreichen Freunden des ‚Kritischen Realismus‘ nur noch leere Regale entgegen. Aus allen Kreisen der Bevölkerung werden namentlich Werke der Brüder Mann, von Feuchtwanger, Fontane, Storm, Hauptmann und v. Eichendorff verlangt, von den russischen Schriftstellern die von Dostojewski, Tschechow, Tolstoi und Gogol, und von französischen Schriftstellern die Titel von Balzac, Zola, Maupassant und Diderot. – Außerdem dem Buch ‚Der Untertan‘ von H. Mann kann in dieser Richtung keinen Wünschen entsprochen werden. […]. Von Seiten der Kundschaft wurde bemängelt, dass zwar die Urne des Dichters in die DDR überführt worden ist, die Presse, Rundfunk und Fernsehen diese Tatsache entsprechend publizieren, der Buchhandel jedoch keine Literatur von Heinrich Mann anbieten kann. […] Allgemein ist zu sagen, dass es gegenwärtig keine Titel eines Klassikers der Weltliteratur gibt. Besonders krass ist das bei Goethe und Schiller.“ (Zit. nach Barck/Langermann/Lokatis 1997, S. 165f.)

Sehr wohl wurde die Misere im Buchhandel, die ursächlich zu Lasten der Kulturpolitik ging, immer wieder offen thematisiert. Sowohl in informellen Gesprächen auf verantwortlichen Ebenen wie auch während der offiziellen Runden, die im Ministerium für Kultur, bei der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel oder in den sogenannten Literaturarbeitsgemeinschaften stattgefunden haben. Eine wichtige Quelle für die Recherche sind zweifelsohne die Jahresberichte der Zentralen Leitung des Volksbuchhandels, die ab 1959 regelmäßig angefertigt wurden. Anfangs mussten die Rechenschaftsberichte vor der Abteilung Finanzverwaltung und Parteibetriebe des ZK der SED, später dann vor der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel im Ministerium für Kultur vom amtierenden Hauptdirektor des Volksbuchhandels erläutert und verteidigt werden. Heinz Börner, Hauptdirektor ab 1983, berichtet, dass die Probleme im Laufe der Jahre in den Berichten immer offener und kritischer zur Sprache gekommen seien. Die Einflussmöglichkeiten dagegen, diese zu beheben, seien im Gegenzug immer geringer geworden.

Informationen über die Lesebedürfnisse kamen auch von den so genannten Testbuchhandlungen, die damals vorrangig von Fachbuch-Verlagen mit dem Ziel betrieben wurden, empirische Daten für die eigenen Planungen zu gewinnen. Intensive Buchmarktforschung betrieb die Zentrale Auslieferung LKG. Hier existierte eigens die Abteilung Bedarfs-/Buchmarktforschung, die die regelmäßigen Ergebnisse von Befragungen unter Kunden der Volksbuchhandlungen auswertete und dokumentierte. Ab 1965 unterstand sie direkt Georg Lindorf, dem damals frisch ernannten Finanzchef der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel. Um den Wünschen der Leser noch besser auf die Spur kommen zu können, organisierte LKG ab den späten 1970er sogar im großen Stil Umfragen unter der Bevölkerung. Wie das 1957 in Leipzig gegründete Institut für Marktforschung im Übrigen auch, das regelmäßige Erhebungen zum Lese- und Freizeitverhalten durchführte. – Die Ergebnisse flossen in die Jahresberichte der LKG ein, die an die Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel gingen. Ein Zitat aus dem Rechenschaftsbericht aus dem Jahr 1971 belegt, dass sich die Lage seit 1961 nicht entspannt hatte. An Nachschlagewerken, Klassikern und Unterhaltungsliteratur herrschte weiterhin Mangel.

Es fehlten Nachauflagen von Wörterbüchern, darunter medizinische Wörterbücher. Die Auflagenhöhen von biologischen Bestimmungsbüchern sowie Titel von Titeln über Familie, Ehe, Lebensweise waren nicht ausreichend. Besonders unzureichend waren die Auflagen der Gartenbücher des Neumann-Verlages, der Koch- Back- und Haushaltsbücher vom Fachbuchverlag und vom Verlag für die Frau. Im Bereich der schöngeistigen Literatur fehlten über die ‚Bibliothek der Klassiker‘ hinaus ein Grundsortiment ständig lieferbarer Titel des deutschen kulturellen Erbes. […]. Nicht befriedigt wurde der Bedarf an utopischer und Kriminalliteratur sowie im historischen und humoristischen Genre. Bei der Kinderliteratur bestehen Lücken im Angebot für das Erstlesealter und in Titelzahl und Auflagenhöhe bei Kinderbuchreihen.“ (Zit. nach Löffler, o.J., S. 20.)

Ein Organ, das sich – wie Heinz Börner anmerkt – für die Belange der Sortimenter stark gemacht hat, soll die Fachzeitschrift „Der Volksbuchhändler“ gewesen sein. Sie wurde ab Dezember 1958 erst monatlich, später zwei Mal monatlich von der Zentrale Leitung des Volksbuchhandels herausgegeben. Über die Gründe, warum die Fachzeitschrift 1965 urplötzlich vom Markt verschwunden ist, mag man spekulieren. Da das Blatt damals bei den Branchenteilnehmern beliebter gewesen sein soll als das Leipziger „Börsenblatt“, kann man unterstellen, dass „Der Volksbuchhändler“ den Interessen der Branche mehr entsprach als das Organ vom Leipziger Börsenverein für den deutschen Buchhandel.

Obwohl der volkswirtschaftliche Schaden beträchtlich war, drangen die kritischen Stimmen oben nicht durch. Zwar wurden gelegentlich Auflagenhöhen korrigiert oder Nachauflagen gedruckt. Das grundsätzliche Problem allerdings, dass der Überproduktion vom politisch genehmen „Schwerpunkttiteln“, die nicht gekauft wurden, ein permanenter Mangel von nachgefragten Büchern gegenüberstand, wurde nie gelöst. Um den Bedarf befriedigen zu können, ging der Buchhandel früh dazu über, marktfähige Bücher in größeren Mengen vorzubestellen als am Point of Sale tatsächlich gebraucht wurden. Anfangs waren davon vorrangig Kinderbücher und Kalender betroffen, später nahezu alles, was man für lesenswert hielt. Damit wurde eine folgenschwere Entwicklung in Gang gesetzt, der man trotz verschiedener Versuche, diese wieder zu stoppen, bis zum Ende der DDR nicht mehr Herr werden sollte.

Ende der 1960er ging LKG dazu über, die marktfähigen Titel, die wissentlich überproportional häufig geordert wurden, nach einem speziellen Verteilerschlüssel an den Buchhandel auszuliefern. 69% erhielt der Volksbuchhandel. 24% gingen an den Buchvertrieb der Nationalen Volksarmee und die verbliebenen 7% an die privaten Buchhandlungen. Schon 1970 lieferte LKG nahezu 25% aller Titel gekürzt aus, im Bereich Belletristik/Kinderbuch waren fast 50% betroffen (Petry 2001, S. 105.) Da die Sortimenter jetzt dazu übergingen, ihre Bestellungen auf Grundlage der zu erwartenden Kürzungen zu kalkulieren, spitzte sich die Lage dramatisch zu. In den 1980ern Jahren wusste man sich schließlich nicht mehr anders zu helfen, als die Bestellungen administrativ zu kürzen. Von den Kürzungen ausgenommen waren: die Testbuchhandlungen der Verlage, der seit 1966 eigenständig geführte Buch- und Zeitschriftenvertrieb der Nationalen Volksarmee, die Bibliotheken, die Bücher, die für den Export bestimmt waren, sowie die Ostberliner Brecht-Buchhandlung in der Chausseestraße, die zu einem Mekka für begehrten Lesestoff wurde. – Fortan war der DDR-Buchmarkt zweigeteilt: in eine kleine, privilegierte Gruppe, die Bücher uneingeschränkt beziehen konnte, und das Gros jener, deren Bestellungen nur selten zufriedenstellend erfüllt wurden.

Die Entwicklungen schlugen sich auch in der „Ordnung für den Literaturvertrieb“ nieder. Hatte die Fassung von 1976 Kunden noch die Möglichkeit eingeräumt, Titel unverbindlich vormerken zu lassen, ließ die buchhändlerische DDR-Verkehrsordnung das ab 1981 nur noch in dem Fall zu, wenn die Buchhandlung sicherstellen konnte, dass die Titel auch geliefert wurden. Dass diese Regelung in der Praxis vielfach unterlaufen wurde, ist zu vermuten.

Aus den Fugen geriet der Buchmarkt vollends als den Verlagen die Handhabe eingeräumt wurde, Teile ihrer Auflagen für die Auslieferung an den Buchhandel bei LKG zu blockieren. Da die Verlage immer reger davon Gebrauch machten, Bücher für den Eigenbedarf oder den Export für sich zu reklamieren, verknappte sich gerade die Menge jener Titel zusehends, die nachgefragt wurden. Einem Bericht der LKG zufolge waren Ende 1987 in den Bereichen Belletristik, Kinder- und Jugendliteratur, Sport-, Freizeit- und Ratgeber 12% des gesamten lieferbaren Bestandes geblockt (Löffler, o.J., S. 21.) Zu Irritationen sowohl bei den Sortimentern wie bei den Kunden kam es häufig dann, wenn die Verlage bei LKG verfügten, die Blockierungen wieder aufzuheben, und plötzlich Titel im Buchhandel auftauchten, die offiziell längst als vergriffen galten.

Das Geschäftsgebaren der Verlage dürfte bei den Sortimentern auf ebenso wenig Verständnis gestoßen sein wie der Tatbestand, dass es insbesondere der Buchvertrieb der NVA als ungekürzter Bezieher gewesen ist, der gängige Waren in hohen Stückzahlen vom Markt abschöpfte und damit dem Volksbuchhandel den Umsatz streitig machte. Einige Beispiele, wie sich das Verhältnis zwischen Buchbestellung und Buchbezug im 1. Quartal 1989 ausnahm, bringt Dietrich Löffler. So waren etwa von Boccaccios „Decamerone“ 20.000 Exemplare gedruckt worden. Vom Volksbuchhandel vorbestellt waren 91.797 Ausgaben. Bei der Zentralen Auslieferung LKG angeliefert wurden 19.885 Bücher, durch den Verlag blockiert waren 10.000. An die circa 710 Volksbuchhandlungen gingen schließlich 5.108 Exemplare, an den Buchvertrieb der NVA mit seinen damals etwa 139 Verkaufsstellen 4.777 Exemplare. (Löffler, o.J., S. 23.)

In ihrer „Geschichte des Volksbuchhandels“ halten Börner/Härtner fest, dass der Volksbuchhandel als gekürzter Bezieher zwischen 1987 und 1989 selbst bei hohen Auflagen oftmals gänzlich leer ausgegangen sei. Diese Erfahrung teilt auch Heike Wenige. In ihrer Wirkungsstätte, der Freiberger „Akademischen Buchhandlung für Montanwissenschaften“, herrschte in den späten 1980er immer dann besonders große Aufregung, wenn die Paletten von LKG eintrafen: Was war dabei? Und Ines Günther, die ab 1982 in der Leipziger Universitätsbuchhandlung gearbeitet hat, erinnert sich: „Natürlich waren Koch-Gartenbücher, Auto-Reiseatlanten, Märchenbücher vom tschechischen Artiaverlag heiß begehrt und viel zu wenig. Wenn ‚Rat für jeden Gartentag‘ oder ‚Deine Gesundheit‘ angekündigt waren, dann wurden eben 500 Exemplare bestellt, um letzten Endes vielleicht 10 zu bekommen. So war es halt …“

Teil 5 „Vom Mangel zum Überfluss. Die Wende und der DDR-Buchhandel“ folgt kommende Woche. Die vorangegangenen Folgen kann man hier nachlesen

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Das ungelöste Verhältnis von Politik und Ökonomie. – Buchhandel in der DDR (Teil 1)

Womöglich habe ich mir mit dem Vorhaben, die Geschichte des DDR-Buchhandels auszuloten, zu viel vorgenommen? Je länger mich die Materie allerdings beschäftigt, desto mehr Fragen stellen sich, die nur diejenigen beantworten können, die dabei gewesen sind.

Trotzdem habe ich Mut zur Lücke: In fünf Folgen werde ich darlegen, was ich bisher zur Entwicklung des Buchhandels in der DDR (Teil 1 – 4) und nach der Wende (Teil 5) trotz spärlicher Quellen recherchiert habe. – Warum wage ich diese Skizze? Weil ich mir erhoffe, dass sich Zeitzeugen einfinden, die das eine und andere aus der eigenen Erfahrung zurechtrücken und/oder Lücken schließen.

Eine Zusammenstellung der verwendeten Quellen findet sich hier.

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Autokennzeichen der DDR © GvP

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Obwohl sich die Bedingungen im Kulturbetrieb im Zuge des Zentralisierungs- und Professionalisierungsprozesses in der Phase zwischen 1951 und 1965 zunehmend verschärften, ließen sich die Buchhändler nur mit Mühe vor den Karren der Politik spannen. Am buchhändlerischen Selbstverständnis konnte auch der flächenmäßige Ausbau und organisatorische Aufbau des Volksbuchhandels bis Ende der 1960er Jahre nicht rütteln, in dessen Verlauf die verbliebenen privaten Buchhandlungen zunehmend zurückgedrängt beziehungsweise in Gestalt von sogenannten Kommissionsbuchhandlungen vereinnahmt wurden. Ende 1952 gab es in der DDR 322 Volksbuchhandlungen, zirka 50 Gewerkschaftsbuchhandlungen und etwa 850 private Buchhandlungen (Petry 2001, S. 48.) Ab Mitte der 1960 gaben viele private Sortimenter auf. Wahrscheinlich ist, dass viele von ihnen dem wachsenden Druck nicht standhielten.

Viel weiß man über die schwierigen Umstände und prekären Verhältnisse, denen der private Buchhandel in der DDR unterlag, leider nicht. Dietrich Löffler (2011) berichtet, dass Buchhändler diskriminiert und in Einzelfällen sogar kriminalisiert wurden. Nach 1948 wurden ihnen Devisengeschäfte angelastet, später Wirtschaftsvergehen unterstellt, die auch mit Haftstrafen geahndet wurden. Wie zum Beispiel Anton Hiersemann, der 1951 zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt wurde und erst 1991 wieder rehabilitiert werden konnte.

Zeit seiner Existenz musste der private Buchhandel immense Widerstände und Benachteiligungen in Kauf nehmen. Er wurde mit hohen Steuernachzahlungen belegt, seinen Wareneinkauf beeinträchtigten spezielle Auflagen, Bücher durften nur an Privatkunden verkauft werden. Die Übergabe des Ladens an Erben oder andere Interessierte war ihm lediglich in Ausnahmefällen gestattet, Banken gewährten keine oder nur unter extremen Auflagen Kredite. Etwas besser soll die Lage bei den christlichen Buchhandlungen gewesen sein, die weniger stark im Visier der Partei standen.

Ein konstituierendes Element für die umfassende Steuerung und Kontrolle der literarischen Infrastruktur war die Gründung der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel im Ministerium für Kultur im Jahr 1963. Die Zentralisierung des Literaturvertriebs forcierte schließlich die „Anordnung über das Statut des Volksbuchhandels“, die gut anderthalb Jahre nach Einrichtung der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel im August 1964 mit dem Ziel verabschiedet worden war, die Handlungsspielräume der Mitarbeiter im Buchhandel weiter zu beschneiden. Von weitreichender Bedeutung war außerdem das „Perspektivprogramm für die ideologische und kulturpolitische Arbeit auf dem Gebiet der Literatur, des Verlagswesens und der Literaturverbreitung“, das im Februar 1965 erlassen wurde.

Auf Grundlage des Perspektivprogramms wurde die „Ordnung für den Literaturvertrieb“ erarbeitet, die das „Zusammenwirken aller am Literaturvertrieb beteiligten Betriebe und Einrichtungen zum Nutzen der Bürger der DDR“ regeln sollte. Die Bestimmungen, die im Spätsommer 1969 verabschiedet wurden, lösten die „Buchhändlerische Verkehrsordnung“ ab, die zwar bislang offiziell nicht außer Kraft gesetzt, wohl aber durch gravierende strukturelle und organisatorische Maßnahmen ausgehebelt worden war. Im Juli 1976 wurde die „Ordnung für den Literaturvertrieb“ aktualisiert und 1981 abermals abgeändert. Diese Fassung blieb bis zum Ende der DDR gültig.

Dass Buchhändler mitunter recht eigensinnig sein können, das haben sie auch in der DDR bewiesen. Die Gesetze des Marktes, und hier vornehmlich das Prinzip von Angebot und Nachfrage, waren ihnen wohl stets näher als die zugedachten gesellschaftspolitischen Funktionen, nach denen der Buchhandel als eine „Institution zur Verbreitung der Ideologie“ galt, die mit „fortschrittlicher Literatur“ einen Beitrag zur „Erziehung der sozialistischen Persönlichkeit“ zu leisten hatte. Dass der politische Auftrag mit dem hergebrachten buchhändlerischen Selbstverständnis nicht konform ging, trieb den frisch bestallten Leiter des Volksbuchhandels, Fritz Brilla, 1956 in seinem Grundsatzartikel „Es geht um die Arbeit des Volksbuchhandels“ um: „Eine solche [fortschrittliche] Literatur zu vertreiben, ist nicht Vorgang krämerhaften Handelns, nicht ein Vorgang des Profits oder Gewinns wegen, nicht ein wirtschaftlicher Vorgang; eine solche Literatur zu vertreiben, ist eine politisch-gesellschaftliche Aufgabe, ist eine kulturpolitische Funktion.“ (zit. nach Löffler, 2011, S. 213f.)

Obschon die Manschetten immer enger gezogen und die Anforderungen höher geschraubt wurden, blieb der Buchhandel auf jenen Büchern sitzen, die er aus ideologischen Gründen massenhaft unters Volk hätte bringen sollen. Das galt insbesondere für die Klassiker des Marxismus-Leninismus, Schulungs- und Propagandamaterialien der Partei und die „sozialistische Gegenwartsliteratur“, deren Produktion und Verbreitung ab der ersten Bitterfelder Konferenz im April 1959 in der Hoffnung vorangetrieben wurde, eine genuine „sozialistische Nationalkultur“ aus der Taufe zu heben. Erhebliche Probleme beim Absatz, die den Buchhandel immer wieder ins Kreuzfeuer der Kritik brachten, hatten vor allem Publikationen aus dem parteieigenen Dietz-Verlag, der nach dem Zusammenschluss von KPD und SPD aus der Zusammenlegung der ihnen zugehörigen Verlage „Neuer Weg“ (KPD) sowie „Vorwärts“ und „Das Volk“ (SPD) im Juni 1946 entstanden war und der Abteilung Finanzverwaltung und Parteibetriebe im ZK der SED zugeordnet wurde.

An dem Umstand jedoch, dass jene Bücher wie Blei in den Läden lagen, deren Lektüre die Partei für notwendig erachtete, konnten weder eine „Ordnung für den Literaturvertrieb“, noch die verstärkten Anstrengungen der Funktionäre rütteln, Buchhändler auf die Funktion eines Transmissionsriemen für Agitprop einzuschwören. Trotz Verteilerpraktiken und einer oft restriktiven Warenbestandsplanung stiegen die Bestände an nicht absetzbarer Literatur im Volksbuchhandel kontinuierlich an. Wenn die ideologischen Traktate aus dem Verlag Volk und Wissen, dem Akademieverlag, dem Staatsverlag und dem Dietz-Verlag überhaupt über den Ladentisch gingen, dann wurden sie vielfach nicht bezahlt. Dass ausgerechnet die Literaturobleute der SED, deren Aufgabe es gewesen ist, die Grundeinheiten der Partei mit Schulungs- und Propagandamaterial zu versorgen, im Verlauf der Jahrzehnte beim Volksbuchhandel immense Schulden anhäuften, entbehrt sicher nicht einer gewissen Ironie. Laut Löffler (2011) beliefen sich deren Schulden jährlich allein auf circa 1 Million Ostmark. Dass die „Genossen“ zudem nicht gemahnt werden durften, sorgte unter den Buchhändlern ebenso sehr für Irritation wie der Umstand, dass deren Gesinnung doch nicht so vorbildhaft war wie propagiert wurde. In den Rechenschaftsberichten der Leitungen des Volksbuchhandels, die nach Rentabilität und Gewinn strebten, waren die unbezahlten Rechnungen der Literaturobleute jedenfalls ein immer währendes Thema.

Schlussendlich waren sämtliche Anstrengungen, den Buchhandel auf die politisch-ideologische Linie zu bringen, a priori zum Scheitern verurteilt. Schon deshalb, weil den Sortimentern die Nachfrage seitens ihrer Kundschaft zwangsläufig immer näher stand als Ansagen der Partei. Dieser systemimmanente Widerspruch, auf den die Politbürokratie gebetsmühlenartig mit dem Vorwurf reagierte, dass der Buchhandel „die Frage des Verhältnisses von Politik und Ökonomie zugunsten der Ökonomie verschoben“ habe, wurde bis zum Ende der DDR nicht aufgelöst. Selbst noch im Jahr 1986 fand die 4. Ökonomische Konferenz des Volksbuchhandels unter dem Motto „Kulturpolitik und Ökonomie – eine Einheit im buchhändlerischen Handeln“ statt.

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Buchhandel in der DDR (Teil 2) „Das richtige Buch zur richtigen Zeit in die richtigen Hände“ kann man hier nachlesen

Buchhändler gefragt! Wie haben Sie Bücher zu DDR-Zeiten verkauft?

Seitdem Matthias Mehner, der ehemals im volkseigenen Buchhandel der DDR tätig gewesen ist, hier Rede und Antwort stand, trage ich mich mit dem Gedanken, auf SteglitzMind eine weitere Gesprächsreihe an den Start zu bringen, in der Buchhändler/innen aus der ehemaligen DDR zu Wort kommen: Wie sah der berufliche Alltag für sie in der DDR eigentlich aus? Wie haben sie die Wende und die Wiedervereinigung erlebt? Vor welchen Herausforderungen stehen sie heute?  Je intensiver ich mich mit diesen und anderen Fragen beschäftigte, desto stärker trieb mich das Anliegen um, Buchhändlerinnen und Buchhändler einzuladen, über ihre diesbezüglichen Erfahrungen und Erlebnissen zu berichten. – Und nun hoffe ich sehr, dass ich mich nicht nur in eine „fixe Idee“ verrannt habe …

Die lose Gesprächsreihe beginnt mit Ines Günther und Heike Wenige. Beide waren ab den 1980er im volkseigenen Buchhandel tätig. Ines Günther ist heute noch in jenem Betrieb in Leipzig beschäftigt ist, der sie 1982 nach ihrem Abschluss an der Fachschule für Buchhändler übernommen hatte. Für Heike ging es 1990 zunächst ebenfalls im alten Geschäft weiter. Dann wechselte sie in einen Buchladen nach Chemnitz, um schließlich 1994 im sächsischen Freiberg ihren eigenen Taschenbuchladen zu eröffnen.

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Doch bevor sie ihre Erfahrungen mit uns teilen, werde ich hier vorab in fünf Beiträgen skizzieren, wie die Bedingungen des sozialistischen Literaturvertriebs ausgesehen haben und welche Auswirkungen der Strukturwandel infolge der Privatisierung für die ostdeutsche Branche hatte. Das ist vermutlich ein waghalsiges Vorhaben, da die Entwicklungen des Buchhandels im Unterschied zum „Schicksal der DDR-Verlage“ (z.B. Christoph Links 2009) im Rahmen der zeithistorischen Forschungen noch kaum betrachtet wurden. Dietrich Löffler, der sich mit dem Funktions- und Strukturwandel des Buchhandels in der DDR beschäftigt hat, meint aufgrund der Quellenlage sogar, dass sich die Vorgänge heute nur noch über Berichte von ehemaligen Mitarbeitern rekonstruieren lassen.

Ich würde mich jedenfalls sehr freuen, wenn sich Zeitzeugen bereit erklären würden, das Vorhaben zu unterstützen. Vielleicht können wir ja gemeinsam einige Lücken füllen?

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Quellennachweise:

  • Simone Barck/Martina Langermann/Siegfried Lokatis: „Jedes Buch ein Abenteuer.“ Zensur-System und literarische Öffentlichkeit in der DDR bis Ende der sechziger Jahre, Berlin 1997
  • Irene Böhme, Die Buchhändlerin. Roman, Berlin 1999
  • Heinz Börner/Bernd Härtner: Im Leseland. Die Geschichte des Volksbuchhandels, Berlin 2012
  • Wolfgang Emmerich, Kleine Literaturgeschichte der DDR, Leipzig 1996
  • Nils Kahlefendt, Abschied vom Leseland? Die ostdeutsche Buchhandels- und Verlagslandschaft zwischen Ab- und Aufbruch, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 13/2000
  • Christoph Links: Das Schicksal der DDR-Verlage. Die Privatisierung und ihre Konsequenzen, Berlin 2009
  • Christoph Links: Was blieb vom Leseland?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 11/2009.
  • Dietrich Löffler, Buch und Lesen in der DDR. Ein literatursoziologischer Rückblick, Berlin 2011
  • Dietrich Löffler: Zwischen Literaturvertrieb und Buchmarkt. Der Buchmarkt der DDR seit den siebziger Jahren. Typoskript, Halle o.J.
  • Jürgen Petry: Das Monopol. Die Geschichte des Leipziger Kommissions- und Großbuchhandels LKG, Leipzig 2001
  • Joachim Walther/Gesine von Prittwitz: Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1996
  • Reinhard Wittmann, Geschichte des deutschen Buchhandels, München 1999

Zur ersten Folge „Das ungelöste Verhältnis von Politik und Ökonomie“ geht es hier