Klassiker der Weltliteratur. Odessa: Stadt der Literatur (7)

„Es geschah, es geschah in Odessa!“, heißt es überschwänglich in Wladimir Majakowskis frühem Gedichtzyklus „Wolke in Hose“ (1915). Das ist nicht die einzige Hymne, die Künstler auf die Stadt am Schwarzen Meer gesungen haben. Geprägt vom liberalen Geist und mediterranem Klima hat die Stadt – neben den literarischen Zentren Lviv (früher: Lemberg) und : Ivano-Frankivsk (früher: Stanislaw)viele Autoren hervorgebracht. Und selbstverständlich viele angezogen. Ihre Werke haben das Bild von Odessa geprägt.

Ich bin auf Autoren gestoßen, die die Umstände der Zeit gebrochen haben, aber auch auf solche, die widerstanden oder einfach Glück gehabt haben. Auf Dissidenten, Kriegsgefallene und Opfer der stalinistischen Säuberungen. Und so ist eine Reihe über die Kinder und Besucher einer Stadt entstanden, die von den Einheimischen liebevoll „Mama Odessa“ genannt wird. Keine Kurz-Biographien im klassischen Sinn, die Leben und Werk würdigen. Sondern mal längere, mal kürzere Skizzen, die herausstellen möchten, welchen Bezug die Porträtierten jeweils zu Odessa hatten. Eine, wie ich meine, bunte Sammlung, die manchen auch überraschen könnte.

Installation „Zwölf Stühle“ in Odessa © Sabine Münch

Den Anfang haben drei in Odessa geborene Schriftsteller gemacht, die literarische Kultfiguren geschaffen haben: Isaak Babel in seinen „Geschichten aus Odessa“ den Gauner Benja Krik und das Autorenduo Ilja Ilf und Jewgeni Petrow im Kultroman „Zwölf Stühle“ den Hochstapler Ostap Bender. Dann wurden einige „Großväter“ der modernen jiddischen Literatur und Autoren skizziert, die unfreiwillig in Odessa gelandet sind. Es folgten einige Schriftsteller, die politisch nicht genehm gewesen sind, einst berühmte Namen, die in Vergessenheit geraten sind, und schließlich einige literarische Entdeckungen. Heute stehen Klassiker an, die eng mit Odessa verbunden waren.

 

Zu den wirklich großen Namen zählt gewiss Nikolai Wassiljewitsch Gogol (1809 – 1852), der seine Werke auf Russisch verfasst hat, als junger Mann nach St. Petersburg gezogen war, später nach Moskau. Im Herzen aber ist er Ukrainer geblieben, wo er aufgewachsen und zweisprachig erzogen worden war. In Odessa verfasste er 1850/51 weite Teile seines berühmten Romans „Die toten Seelen“, einen Klassiker der Weltliteratur. Autographen von ihm sind im dortigen Literaturmuseum ausgestellt. Eine Büste befindet sich unweit jener berühmten Oper, die im neo-barocken Stil nach Entwürfen der Wiener Architekten Ferdinand Fellner und Hermann Helmer ab 1884 erbaut wurde und heute neben der Potemkinschen Treppe zu den Wahrzeichen der Stadt zählt.

Iwan Alexejewitsch Bunin (1870 – 1953) verschlug es erstmals 1895 in die Hafenstadt. Danach hat er Odessa häufig besucht. Er war als Autor von Weltrang zwar anerkannt, eine Breitenwirkung hat sein Werk aber indes bis heute nicht erzielt. 1933 bekam er als erster russischer Autor überhaupt und als erster Schriftsteller, der im Exil lebte, den Literaturnobelpreis. Als Sohn eines verarmten adligen Gutsbesitzers geboren, hatte er früh zu schreiben begonnen und sich alsbald mit Erzählungen einen Namen gemacht. Über ihn hat Maxim Gorki, der ihm zeitweilig nahestand, gesagt: „Nehmen Sie Bunin aus der russischen Literatur heraus und sie wird glanzlos, verliert ihren Regenbogenschein.“

Iwan Bunin © Wikipedia

Die revolutionären Ereignisse erlebte Bunin 1918 noch in Moskau, um sich dann nach Odessa zurückzuziehen. Nachdem die Bolschewisten die Hafenstadt im Frühjahr 1919 erobert hatten, rieten ihm Freunde zur Flucht. Diesen Ratschlag befolgte er. Mit dem letzten Schiff reiste er gemeinsam mit seiner Frau Wera Muromzewa 1920 aus Odessa über Konstantinopel nach Frankreich aus. Er lebte dort abwechselnd in Paris und in einem Dörfchen in der Provence. Bis zu seinem Tod im Jahr 1953.

Die russische Revolution hat Bunin nicht nur als brutale Zerstörung der Tradition, sondern auch der Umgangsformen erfahren – als eine „Orgie des Todes“ im Namen einer „lichten Zukunft“, bei dem das Volk letzten Endes „vom Regen in die Traufe kommt“. Entsetzt hat er die einsetzende Verwahrlosung der Sprache, die großspurigen Lügen und das schwülstige Pathos aufgezeichnet. Und mit großer Bitterkeit beobachtet, wie frühere Freunde, darunter Gorki und Majakowski, versuchten, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen.

Seine Tagebuchaufzeichnungen über die Ereignisse in Moskau 1918 und Odessa 1919 wurden erstmals 1925 unter dem Titel „Okajannye dni“ in einer Pariser Exilzeitschrift veröffentlicht. Auf Deutsch liegen sie in der Übersetzung von Dorothea Trottenberg seit Jahr 2005 vor, und zwar im Rahmen einer Bunin-Werkausgabe, welcher der Schweizer Verlag Dörlemann besorgt hat. Anlässlich des 100. Jahrestages der Russischen Revolution ist Ende September 2017 beim Verlag eine Sonderausgabe von „Verfluchte Tage. Ein Revolutionstagebuch“ erschienen.

Weltweit bekannt ist der Erzähler und Dramatiker Maxim Gorki (1868 – 1936). Den Stoff für seine ersten Erzählungen hat er in der Hafenstadt gefunden. Als junger, mittelloser Mann war er 1891 von dort zu einer viermonatigen Wanderung nach Tiflis aufgebrochen. Die Route führte am Nordufer des Schwarzen Meeres entlang. Begleitet hatte ihn ein Georgier namens Schakro, dem er im Hafen von Odessa begegnet war und der ihn auf dem endlos langen Fußmarsch dann nach Strich und Faden ausnutzen sollte.

Maxim Gorki © Encyclopedia Britannica

Das Zusammentreffen mit dem Georgier hat Gorki in der 1894 erschienenen Erzählung „Mein Weggefährte“ zum Anlass genommen, um die Arbeitsbedingungen im Hafen zu beschreiben. „Er [Schakro] war absolut unverständlich hier im Hafen, beim Pfeifen der Dampfschiffe und Lokomotiven, beim Rasseln der Ketten, bei den Schreien der Arbeiter, in diesem tollen und nervösen Getriebe des Hafens, das den Menschen von allen Seiten erfasst und seinen Verstand und seine Nerven abstumpft. Alle Menschen im Hafen waren von den riesenhaften Mechanismen geknechtet, die von ihnen die wachsamste Aufmerksamkeit und unermüdliche Arbeit erforderten; alle machten sich an den Dampfern und Eisenbahnwagen zu schaffen und waren mit dem Ausladen und Einladen beschäftigt. Alle waren erregt und ermüdet, alle liefen hin und her, schrien und fluchten im Staube und Schweiß, und mitten in diesem Arbeitsgetriebe spazierte langsam die seltsame Gestalt mit dem zu Tode gelangweilten Gesicht, gleichgültig gegen alles.“

Kolportiert wird, dass sich Gorki als Lastenträger im Hafen verdingt haben soll. Andere wiederum meinen, dass er den Stoff für seine berühmte Erzählung „Tschelkasch“ (1894) schlicht von einem Landstreicher übernommen habe. Wie auch immer. Mit dieser sozialkritischen Erzählung war ihm der literarische Durchbruch endgültig gelungen. Auch hier stellt der Hafen von Odessa den Rahmen dar, in dem Deklassierte und Kriminelle aufeinandertreffen. Grischka Tschelkasch, ein Landstreicher, zwingt einen Bauernburschen, ihn bei einem nächtlichen Diebeszug im Hafen zu unterstützen. Um den erbeuteten Ballen entbrennt ein Streit …

Auch Wladimir Majakowski (1893 – 1930) hat Odessa immer wieder gerne besucht. Er, die Ikone der künstlerischen Avantgarde, gefeierter Rezitator, Idol der Jugend, Frauenschwarm und nach seinem Freitod im Jahr 1930 von Stalin in den Status eines Vorzeige-Sowjetautors gehoben, war dem Charme der Hafenstadt verfallen gewesen.

1930 war einiges zusammengekommen; ein Tiefpunkt in seinem Leben. Gescheiterte Liebesbeziehungen mit Elli Jones, der er 1925 auf einer Lesereise durch die USA begegnet war, mit Tatjana Jakowlewa, um deren Hand er 1928 in Paris erfolglos angehalten hatte, und schließlich mit der 21-jährigen Schauspielerin Veronika Polonskaja, die 1930 die Kraft nicht aufbrachte, ihren Mann für Majakowski zu verlassen. Er war gesundheitlich angeschlagen, fürchtete, seine Stimme zu verlieren, und hatte immense Steuerschulden. Die Kulturbürokratie, die ihn einst als „Trommler der Revolution“ protegiert hatte, widmete ihm kaum noch Aufmerksamkeit. Längst hatte sie sich dem Proletkult verschrieben. Majakowskis Bühnenstück „Das Schwitzbad“, das den bürokratischen Alltag im Sowjetstaat vorführt, von Regisseur Wsewolod Meyerhold 1930 inszeniert, wurde zerrissen und musste nach wenigen Aufführungen vom Spielplan verschwinden.

Zu Lebzeiten hatte er noch gewisse literarische Freiheiten genießen dürfen. Erst nach seinem Tod wurde der Literaturbetrieb gleichgeschaltet. Per Dekret des Zentralkomitees der KPdSU war im April 1932 der Schriftstellerverband gegründet worden. Der Sozialistische Realismus wurde per Statut verbindlich. Aus Sorge um Majakowskis Nachlass wandte sich Lilija Brik, seine langjährige Geliebte, im November 1935 in einem persönlichen Brief an Stalin direkt. Dieser las ihn und notierte dann an den Rand des Schreibens: „Majakowski war, ist und wird der beste und talentierteste größte Dichter der sowjetischen Epoche bleiben“. Danach wurde auf Geheiß des Zentralkomitees sein Oeuvre neu verlegt, Plätze und Straßen nach Majakowski benannt und die Werke, die nun in Millionenauflagen gedruckt wurden, in den Schulen Pflichtlektüre. – Ein schönes Bonmot hierzu stammt von Boris Pasternak: „Man begann ihn als Pflicht einzuführen wie die Kartoffel unter Katharina.“

Übrigens hatte Majakowski 1914 Lilja Brik bei einem seiner Auftritte in Odessa kennengelernt und sich spontan in sie verliebt. Er soll damals aus dem noch unveröffentlichten Gedichtzyklus „Wolke in Hose“ rezitiert haben, in dem es heißt: „Es geschah, es geschah in Odessa.“ – Und so schließt sich der Kreis.

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