SteglitzMind stellt Daniel Ludwig mit „Mein Lesesessel“ vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Heute lernen wir Daniel Ludwig etwas näher kennen, der Mein Lesesessel pflegt. Vorgeschlagen hatte das Markus Kolbeck von der Leipziger Bücherlei.

Dein Steckbrief in Stichworten …

Ein Bibliophile wie aus dem Lehrbuch. Leidenschaftlicher Bücherarchäologe und Leser von Werken, die längst vergessen sind. Sammler von alten Computern. Geschäftsführer einer GmbH für IT Consulting. Vater, Ehemann, Gärtner und Rennradler. Tee- und Weintrinker. Fernsehhasser. Fotograf. Liebhaber alter Ohrensessel.

Seit wann, warum und wo bloggst du?

Die ersten Gehversuche habe ich mit einem selbstgeschriebenen CMS namens Akeron gemacht. Irgendwann wurde mir die Wartung zu doof und der Server krachte natürlich ab. Ohne Backup. Über Joomla bin ich anschließend zum WordPress gekommen, welches auf einem der von mir betriebenen Server läuft. Dieser Blog läuft seit etwa Ende 2012. Ich blogge eigentlich nur deswegen, weil ich gern über Bücher und verbundene Themen rede. Leider gibt es nur wenige Menschen in meinem Umfeld, die auf der gleichen Wellenlänge sind wie ich, daher gebe ich meiner Redelust Auslauf, indem ich sie bloggen lasse.

Deine Themenschwerpunkte …

Bücher. Bücher. Bücher. Idealerweise solche, deren Autoren längst zur Staub zerfallen sind. Entdeckungen in Antiquariaten, an die sich niemand erinnert. Aber auch die Verbindung des Lesens mit gehobener Lebenskultur: welcher Wein passt zu welchem Buch? Kunst und Malerei mit Büchern als Sujet. Im Focus liegen auch Kuriositäten wie Bücher aus Menschenhaut, alte Bibliotheken und Menschen, die für Bücher gemordet haben.

Was treibt dich in der Literaturszene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Um ehrlich zu sein, nicht wirklich viel. Schon seit langem kümmere ich mich recht wenig darüber, was aktuell angesagt ist, sondern gehe meinen eigenen Weg. Literaturpresse, Foren und Blogs lese ich eigentlich nur, um mir paar neue Empfehlungen einzuhandeln, oder weil mir deren Still gefällt. Ich lese das, was mir gefällt. Der sogenannte Literaturbetrieb interessiert mich wenig.

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Der Blog entstammt meiner Lust zum Plaudern über Bücher. Ob es jemand tatsächlich liest (oder nicht) tut dem keinen Abbruch. Es ist natürlich schön, Lesezuschriften zu bekommen, aber auch ohne diese würde ich schreiben. Daher bleibt es eigentlich bei Facebookeinträgen und Twitter, was ich vor kurzem für mich entdeckt habe. Darüber hinaus poste ich hin und wieder in einzelnen Bücherforen oder kommentiere, wenn auch selten mangels Zeit, andere Blogs.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

Sich nicht so ernst nehmen. Niemand von uns hat ein Monopol für die Wahrheit. Nicht jeder, der mit unserer Meinung nicht übereinstimmt, ist gleich ein Teufel. Als Blogger sollte man sich häufig mehr Höflichkeit aneignen. Wenn sich schon jemand die Mühe macht, unseren Text zu lesen, sollte er etwas respektvoller behandelt werden, als so mancher es mit seinem Publikum tut. Auch dann, wenn man gerade einen stressigen Tag hinter sich hat oder der Kommentar nicht so positiv ausfällt: Höflichkeit ist das Gebot!

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Die Zeit, ach, die leidige Zeit. Wieso hat ein Tag keine vierzig Stunden? Als Unternehmer, Familienvater und jemand mit vielen anderen Interessen fällt es häufig schwer, Zeit zu finden, um vernünftige Blogeinträge zu schreiben. Spätestens dann, wenn ein Release beim Kunden ansteht oder der Sohn krankt, wird es richtig schwer, Zeit zu finden, um überhaupt ein Buch in die Hand zu nehmen. Geschweige denn, darüber zu schreiben.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Als Blogger weniger. Aber ich betreibe noch eine zweite Seite, Computermuseum Lorsch, welche sich meiner zweiten Leidenschaft widmet: dem Sammeln von alten Computern. Da fand zufälligerweise tatsächlich ein Arbeitskollege diese Seite, rief mich an und schenkte mir einen Tandy Radio Shack 80 Model 1, den aller ersten Heimrechner, der fertig gebaut ausgeliefert wurde. Einfach so, damit er nicht verschrottet wird. Oh, selig sind die Glücklichen, die einen TRS 80 in ihren Regalen wissen!

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

der Lesesessel © Daniel Ludwig

der Lesesessel © Daniel Ludwig

Mein Blog ist schon etwas spezifisch, was mein angeht. Die meisten Autoren und Verlage, deren Bücher ich beschreibe, sind seit 50 Jahren tot. Da ist es schwer, von ihnen Rezensionsanfragen zu bekommen…

Grundsätzlich stehe ich dieser Praxis etwas skeptisch gegenüber. So manche Anfrage, die mich erreichte, scheint aus dem Schrottflinten-Bereich zu kommen: man schreibt einfach alle bekannten Blogs an, irgendeiner wird schon was Positives darüber schreiben. Wieso sollte ich ein Buch über die lesbische Liebe zweier Sekretärinnen beschreiben, die sich ihrer Neigung bewusst werden? Oder, als bekennender naturwissenschaftlich interessierter Hobbyforscher das neueste Esoterikbuch über die Wirkung von Erdstrahlen (Blödsinn)? Würde man sich nur wenig mit meinem Blog auseinandersetzen, wäre schnell klar, wie unpassend diese Themen für mich sind.

Darüber hinaus ist mir stets etwas unbehaglich zumute, zu rezensieren. Wenn mir schon jemand was schenkt, sehe ich mich verpflichtet, das Buch auch tatsächlich zu lesen, selbst dann, wenn es mich nicht interessiert. Meine angeborene Höflichkeit macht es mir ebenso schwer, dieses Buch anschließend negativ zu bewerten, während ich bei einem gekauften Exemplar keinerlei Hemmungen hätte und es verreißen würde. Es ist schon passiert, dass ich Rezensionsexemplare zurückgeschickt habe mit der Entschuldigung, es nicht beschreiben zu wollen, weil es zu grottenschlecht ist.

Bisher hat es übrigens kein Rezensionsexemplar in meine Top Ten geschafft…

Und wie würdest du damit umgehen, wenn dir Self-Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Warum nicht? Gefällt mir das Buch, beschreibe ich es gern. Ich mache keinen Unterschied zwischen Hemingway, Tolstoi und Frau Müller oder Herrn Schmidt. Gut und mit Leidenschaft geschrieben ist mir viel lieber als Stangenware. Ist es jedoch lausig und langweilig, geht es postwendend an den Autor zurück mit der Bitte, mich künftig davon zu verschonen.

Wie hältst du es mit dem E-Book?

Auf Geschäftsreisen und im Urlaub liebe ich meinen Kindle. Ist man mit einem Kind unterwegs oder hat eine Marathonwoche mit vielen Hotels und Konferenzen vor sich, lernt man schnell, jedes Kilo zu schätzen. Ich lese schnell. Früher war ich spätestens gegen Ende der ersten Urlaubswoche auf der Suche nach neuen Lesequellen, während die ausgelesenen Bücher im Hotel oder unter Mitreisenden sich breit machten. Seitdem ich den Kindle habe, begleitet er mich stets überall, randvoll gefüllt mit Klassikern und Thrillern. Die letzten lese ich sowieso nur einmal, so nehmen sie danach wenigstens keinen Platz in meinen Regalen und ich habe keine Mühe mehr damit, sie weiter zu verschenken.

Daheim jedoch verschwindet der Kindle in der Schublade und staubt vor sich hin. Lesen daheim heißt für mich: Chesterfield Ohrensessel, Tasse Tee und ein Papierbuch.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Wie ich sehe, hast Du die meisten Blogs, welche ich gern lese, bereits aufgeführt? So viel bleibt da leider nicht mehr übrig. Aber ich versuche es dennoch. Wie wäre es mit dem Blog von Jarg? Ich mag sehr diese privaten Blogs, deren Autoren sich wenig darum kümmern, was gerade angesagt ist, sondern schreiben, was ihnen an der Seele liegt.)

Hatten wir…

Dann vielleicht Leopolds Leselampe – Geographie in Texten und Bildern. Empfehlen möchte ich außerdem die beiden ungewöhnlichen Tumblr-Blogs Lesestunde und The Bibliophile.

Danke sehr, Daniel. Ich freue mich, dass du dabei bist.

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Zuletzt stellte sich Markus Kolbeck mit der Leipziger Bücherlei vor. – Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier

 

 

 

 

 

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SteglitzMind stellt Markus Kolbeck mit „Leipziger Bücherlei“ vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

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Es ist inzwischen über ein Jahr her, dass Oliver Gassner, der das Blog Literaturwelt koordiniert, Markus Kolbeck mit Leipziger Bücherlei ins Spiel brachte. Umso mehr freue ich mich, dass heute wird, was so lange währte.

Dein Steckbrief in Stichworten …

Geburtenstarker Jahrgang 1966. Gelernter Koch, Abitur an einem besonderen Studienkolleg (Norbertinum) nachgeholt. Seit 1989 als examinierter Krankenpfleger im stationären Bereich. Leipziger durch und durch.

Seit wann, warum und wo bloggst du?

Markus Kolbeck @ privat

Markus Kolbeck @ privat

Seitdem ich im Internet bin, spielen dabei Bücher und Literatur eine zentrale Rolle. 1995 begann mein virtuelles Dasein wie bei einigen anderen hier interviewten Bloggern im und mit dem Usenet – in der Büchergruppe de.rec.buecher, der ich über viele Jahre treu blieb. Von Anfang an fand ich Gefallen daran, nicht nur zu diskutieren, sondern das Leben mit Büchern in seinen vielen Facetten auch zu vermitteln, andere zu den Plätzen im Netz zu führen, die auch ich gefunden habe. Daraus entstand auf Drängen anderer User im Juli 1996 meine Webseite „Bibliomaniac List“, die dem entsprach und katalogartig literarische Netzinhalte verlinkte und die später in „Leipziger Bücherlei“ (Wortbildung aus der hiesigen Spezialität „Leipziger Allerlei“ und „Bücher“) umbenannt wurde. Im April 2001 begann ich tagebuchartig zu schreiben, was wenig später als Weblog betitelt wurde. Nach vielen Versuchen mit Bloghostern (Antville, Twoday, Posterous, WordPress usw.) beschränke ich mich seit ein paar Jahren wieder darauf, mein Bücherleben allein durch die Webseite zu präsentieren.

Deine Themenschwerpunkte …

Der Fokus liegt eindeutig auf dem, was man als Lesefrüchte bezeichnen kann. Was mir inhaltlich und sprachlich auffällt und gefällt, was originell, beeindruckend oder skurril ist, wird gesammelt.
Da ich mich immer wieder gerne als Bibliomane geriere, spielen alle damit zusammenhängenden Aspekte nach wie vor eine Rolle. So werden Bilder, Texte und Videos verlinkt, welche die Bücherleidenschaft konkretisieren. Besonderes Augenmerk gilt dem Akt des Lesens und der Zukunft des Buches.

Was treibt dich in der Literaturszene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Mit dem Literaturbetrieb habe ich nichts zu tun. Hin und wieder hänge ich mich bei besonderen Aufregern mit hinein. Ich erinnere an die Debatten um Günter Grass, Martin Walser oder jüngst die durch Maxim Biller ausgelöste um Literatur von Autoren mit Migrationshintergrund.

Wie machst du das Blog und deine Beiträge bekannt?

Dies wechselt immer wieder. Mal durch Twitter, Facebook, mal durch das Klassikerforum.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

In seinem Blog sollte er natürlich tun und walten, wie er mag. Selbst das kleinste und spezialisierteste Blog wird seine treuen Leser finden, sofern man den großen Atem hat, einigermaßen durchhält und regelmäßig postet. Penetrante Eigenwerbung in fremden Gefilden ist ungut und unbedingt zu meiden.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Die deutsche Blogosphäre, so unken viele, habe ihren Zenit hinter sich. Umso hartnäckiger sollten Anfänger bleiben. Reichlich in anderen Blogs kommentieren, viel loben, dann knüpft man virtuelle Beziehungen, die oft über Jahre und Jahrzehnte halten.
Probleme entstanden für mich anfangs daraus, dass ein gewisses technisches Grundverständnis vonnöten ist, wenn man zum Beispiel ein eigenes CMS aufsetzen will, woran ich immer scheiterte. Auch die leidige Fragen der Archivierung oder Datenmigration, wenn man umziehen will. Technischer Schnickschnack, mit dem ich mich nicht belasten konnte und wollte.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Wenn man von Menschen, z.B. Schriftstellern, die man selbst bewundert und verehrt, wahrgenommen wird, wenn sich ein Austausch herstellt. Dass mich vor Jahren Florian Felix Weyh für das Erlanger Poetenfest zu einer Podiusmdiskussion zum Thema „Leseglück“ eingeladen hatte, freute mich sehr. „Geadelt“ wurden Oliver Gassner und ich bereits 1997, als wir von der Wochenzeitung der ZEIT und IBM im Rahmen des damals ausgelobten Internet-Literaturwettbewerbes für unser Bemühen ausgezeichnet worden waren, Literatur durch das Internet zu vermitteln.

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Davor bin ich glücklicherweise gänzlich verschont.

Und wie würdest du damit umgehen, wenn euch Self-Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Auch diesbezüglich habe ich als kleiner, mit Eigenarten behafteter Blogger Ruhe. Prominentere Literaturmenschen müssen hierbei sicher Grenzen setzen. Lebenszeit ist Lesezeit und bekanntlich begrenzt.

Wie hältst du es dem E-Book?

Die Gretchenfrage des Bibliomanen. Seit zwei Jahren lese ich viel auf dem Kindle, klinke Totes-Holz-Literatur jedoch nicht aus, sondern teile mich – je nach Angebot: Klassiker auf den Schirm, Neues eher auf Gutenbergs bewährte Art. All die Vorzüge, die dem guten alten Papierbuch immer wieder attestiert werden, genieße ich, halte sie aber nicht für schlagkräftig, wenn es darum geht, etwas zu seiner Zukunft zu orakeln.
Heute und in naher Zukunft Geborene werden selbstverständlich Texte elektronisch lesen.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Leider sind alle Blogger in meiner Blogroll schon befragt. Ein Pluspunkt für deinen Spürsinn und die gute Vernetzung der Litblogger untereinander. Ein großes Bedauern auch, dass Liisa mit ihrem Litblog pausiert. Sie bewunderte ich stets. Vielleicht lassen sich Cornelie Müller-Gödecke mit ihrem Avantart Lese-Buch oder Daniel Ludwig mit Mein Lesesessel oder Hanjo Iwanowitsch mit ats20.de Ein Blog zu einem Gespräch überreden?

Ich tue mein Bestes. Danke, dass du nun – endlich – auch dabei bist!

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Zuletzt stellte sich Vero Nefas mit Drei Groschen Poesie vor. – Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier