Steglitz fragt bei Michael Meisheit nach (Teil 2)

„Die Frage nach der Verfügbarkeit in der Buchhandlung oder danach, ob es ‚Soap‘ auch fürs iPad gibt, tut jedes Mal weh …“

In diesem Beitrag erfahren wir u.a., weshalb Michael Meisheit mit eBook und der gedruckten Version von „Soap“ zweigleisig fährt, warum er auf den Platzhirschen Amazon setzt und welche Lehren er aus seinen bisherigen Erfahrungen als Selbstverleger zieht. Im ersten Teil des Gespräches berichtete er uns, wie er Chancen und Risiken bezüglich Selfpublishing einschätzt, warum er sich für CreateSpace entschieden, welche Erfahrungen er damit gemacht hat und wie er mit Vorurteilen gegen Autoren umgeht, die ihre Publikationen in Eigenregie auf den Markt bringen.

Mit einem eBook und einem gedruckten Buch fährst du zweigleisig. Warum das?

Man kann so ein Projekt nicht über das Internet aufziehen und dann das elektronische Buch außen vorlassen. Mir war immer klar, dass in meiner Zielgruppe die meisten Leute das sogenannte Holzbuch noch bevorzugen würden, aber rund um das eBook passieren ja noch viel aufregendere Dinge, was neue Weg angeht, also wollte ich das auf keinen Fall missen.

Glaubst du, dass dem eBook die Zukunft gehört?

Auf jeden Fall. Es wird Papier nicht komplett ersetzen, aber die Vorteile liegen auf der Hand. Neue Generationen werden dann auch die Nostalgie nicht mehr kennen, die viele von uns noch mit dem Umblättern verbinden. Wenn ich sehe, wie mein dreijähriger Sohn schon selbstverständlich zwischen iPhone-App-Geschichte und Buch zum Blättern wechselt, weiß ich, wie die Zukunft aussieht.

Wie hältst du es beim eBook mit dem Kopierschutz?

Da hab ich wie ein Schaf erst einmal den voreingestellten Kopierschutz gelassen wie er ist. Wobei ich mich mittlerweile durchaus frage, warum. Leider kann man es im Nachhinein nicht mehr ändern. Aber ich muss mich definitiv noch mehr mit dem Thema und den Möglichkeiten beschäftigen. Was ich auch daran merke, dass ich mich in der ganzen Urheberrechtsdiskussion oft auf der Seite von Kreativen, die vor allem Schutz und Sanktionen fordern, nicht so richtig wohl fühle. Auch hier reizen mich eher die neuen Möglichkeiten des Internets. Aber das ist eine andere Diskussion.

Wie schätzt du die Diskussionen um das Pricing beim E-Book generell ein?

Hier wird noch viel experimentiert. Im Moment wirkt es schon teilweise absurd, wenn man sich die Listen bei Amazon anschaut. Wenn die gleichlangen 99 Cent-Bücher neben Verlags-eBooks für 22,99 Euro stehen, merkt man, dass der Markt sich noch regulieren muss. Kurios ist allerdings, dass Beide es in die Topliste schaffen können …

Und wie bist du mit der Preisgestaltung bei eBook und Taschenbuch verfahren?

Michael Meisheit © Steven Mahner

Michael Meisheit © Steven Mahner

Ich hab meine potentiellen Leser in meinem Blog gefragt und sogar abstimmen lassen. Wie bei vielen anderen Fragen rund um die Veröffentlichung ja auch. Natürlich hatte ich eine grobe Vorstellung – das Taschenbuch sollte nicht über 10 Euro kosten, das eBook nicht für 99 Cent verramscht werden. Aber ich fand es sehr hilfreich, dass die Mehrheiten und Argumente im Blog meine Auffassung stützten. Beim Taschenbuch waren sich eh alle mehr oder weniger einig. Beim eBook gab es – wenig überraschend – die größere Bandbreite an Meinungen. Für mich war hier entscheidend, dass ich nicht zu weit vom Taschenbuch weg wollte. Allerdings bin ich mir bei den 4.99 noch nicht so ganz sicher, ob es die beste Wahl war. Daher habe ich heute eine Aktion gestartet und verkaufe nun für ein paar Tage das eBook für 2.99.

Selbstredend eine nette Geste an die Adresse der Leser unseres Gespräches … Warum ist „Soap“ derzeit lediglich beim Platzhirschen Amazon zu haben?

Das lag natürlich erst einmal an meinem Wunschpartner CreateSpace. Mit dem drängt sich das Kindle-Programm ja gleich als nächster Schritt auf, es sind nur wenige Klicks mehr. Und „lediglich“ bei Amazon zu sein, ist bei deren Marktposition ja nicht das Schlechteste. Allerdings soll es so nicht bleiben. Sobald ich die Zeit habe, mich durch das Dickicht von Formaten und möglichen Wegen zu kämpfen, werde ich zum einen andere eBook-Kanäle hinzunehmen und zum anderen auch das Taschenbuch auf neue Wege bringen.

Wo machst du beim Platzhirschen persönlich Nachteile aus?

Was mich überrascht hat, war, dass man erstaunlich wenige Analyse-Möglichkeiten für seinen Verkauf hat. Vielleicht bin ich durch Google-Analytics bei meinem Blog verwöhnt, wo man ja auch noch die Farbe der Unterwäsche seiner Seitenbesucher gemeldet bekommt. Aber dass es im Kindle-Programm noch nicht einmal eine Verkaufsaufstellung nach Tagen gibt, hat mich sehr verwundert. Ganz zu schweigen davon, dass es doch interessant wäre, wie viele Leute die Verkaufsseite des Buches besuchen, wo die herkommen usw. Technisch ist das alles möglich, Amazon lässt sich aber nicht in die Karten schauen. So hockt man viel zu viel da und rätselt, wieso, weshalb, warum.

Worauf sollte man besonders Acht geben, wenn man sich für diese Vertriebsschiene entscheidet?

Zu empfehlen ist, dass man sich als Autor bei „Author Central“ von Amazon anmeldet. Dann kann man nicht nur ausführlicher über sich berichten, sondern hat auch so etwas wie einen Ansprechpartner, der kurzfristig antwortet. Was bei Amazon normalerweise ja nicht so einfach ist. Denn der Laden ist und bleibt ein schwer durchschaubarer Riese. Ansonsten muss einem klar sein: Amazon ist auch nicht die Welt. Die Frage nach der Verfügbarkeit in der Buchhandlung oder danach, ob es „Soap“ auch fürs iPad gibt, tut jedes Mal weh …

Was hält dich ab, andere Vertriebspartner ins Boot zu holen?

Ehrlich gesagt bin ich noch etwas ratlos, wen ich wie hinzunehme. Alle eBook-Vertriebe haben einen oder mehrere Hinkefüße. Mal muss man auch den Vertrieb über Amazon abgeben und verdient entsprechend weniger. Mal braucht man eine (teure) ISBN für das eBook. Andere haben undurchsichtige Konditionen. Hier sammle ich noch Feedback von anderen Selfpublishern. Erfahrungsberichte sind jederzeit willkommen!

Was rätst du jenen, die Schritte in Richtung Selfpublishing planen?

Sie sollten Zeit mitbringen und Geduld. Zeit im Sinne von: Vieles dauert länger als geplant. Besonders wenn auch mal was schief geht. Oder wenn man viel zu lange in der Social-Media-Welt hängen bleibt. Geduld braucht man bis die eigenen Maßnahmen greifen. Selbst Leute, die begeistert gesagt haben, dass sie das Buch „sofort“ kaufen, trifft man manchmal Wochen später und hört „Ach ja, das Buch!“ Bei Pressekontakten und ähnlichem kann es auch ewig dauern, bis was passiert. Oder hoffnungsmachende Kontakte verlaufen plötzlich im Sande.

Frustrationen sind wohl inbegriffen …

Daher muss man Kontakt zu seiner inneren Rampensau aufnehmen. Wer die gar nicht besitzt, wird sich schwer tun – denn am Anfang gibt es niemanden, der einen irgendwo ins Gespräch bringt außer einem selbst. Das ist manchmal echt unangenehm, aber da muss man durch – sonst braucht man vielleicht doch einen Verlag. Allerdings ist hier Augenmaß notwendig. Ab wann nervt man? Auch wenn man selbst das Gefühl hat, das Buch ist der Mittelpunkt der Welt, für die da draußen ist es eins von buchstäblich Millionen. Es kann daher helfen, das Projekt eben nicht zum Mittelpunkt der eigenen Welt zu machen, sondern einfach auch mal was anderes zu schreiben bzw. sich mit echten Menschen zu beschäftigen.

Was sollte sich ein Selbstverleger abschminken?

Abschminken kann man sich, dass man mit der Geschichte wirklich reich wird. Selbst dass man in irgendeiner Form davon leben kann, ist wohl die Ausnahme. Wer mit dieser Erwartungshaltung da reingeht, kann nur verlieren. Besonders weil es nun schon eine ganze Weile eine Art Goldgräberstimmung gibt und sich entsprechend viele Leute mit ihren Goldpfannen am Amazonas und anderswo tummeln.

Es heißt ja, dass die Digitalisierung und der Umstand, dass Autoren nicht mehr auf Verlage angewiesen sind, erhebliche Folgen für den Buchmarkt und -handel haben werden. Wie schätzt du die weitere Entwicklung ein?

Ich gehöre zu denen, die glauben, dass der bisherige Buchmarkt und -handel in zehn Jahren völlig anders aussieht. Ich glaube nicht, dass Bereiche komplett verdrängt werden, es wird einfach diversifiziert. Es wird sicher weiterhin Verlage geben, aber es wird auch hochwertige Selbstverleger geben. Es wird für diese dann Organisationsformen geben mit Dienstleistern und Plattformen. Es wird verlegende Hobbyautoren geben usw. Vor allem denke ich auch, dass sich noch einiges zwischen den verschiedenen Medienformen tun wird. Also dass es neben dem Buch und dem eBook interaktive Erzählungen, netzbasierte Erzählungen, Verbindungen von Film, Spiel und Text usw. geben wird.

Kannst du dir vorstellen, dass Independent Publikationen den klassischen Gatekeepern à la longue den Rang ablaufen werden?

Ich kann es mir vorstellen, aber es kommt auch darauf an, wie klug die Verlage, Buchhandelsketten usw. mit der Situation umgehen, sprich ob sich darauf einstellen. Wer stur darauf pocht, dass doch nur ein Buch aus Papier das Wahre ist und der Verlag über allem steht, der wird es sicher irgendwann schwer haben. Spätestens wenn die Mehrzahl der Autoren anderswo bessere Konditionen, Hilfestellungen und vor allem Möglichkeiten bekommt, ihre Vision umzusetzen.

Was stößt dir bei den aktuellen Diskussionen rund um die Zukunft des Buches besonders negativ auf?

Wie bei den meisten Diskussionen, die bevorzugt in der Textform (Feuilleton-Artikel, Blogs oder gar Foren) geführt werden, wird oft zu verbissen und unfreundlich diskutiert. Ich hab nichts gegen eine Diskussion, in der es auch mal hoch hergeht. Aber man ist allerorts erstaunlich schnell mit persönlichen Angriffen, Unterstellungen und ähnlichem. Und gerade Autoren sollten doch in der Lage sein, sich in die Position des Gegenübers reinzuversetzen – wie entwickeln sie denn sonst Figuren? Abgesehen davon finde ich es schade, dass die Selfpublisher in vielen Bereichen noch die Kellerkinder sind, aber es liegt sicher an uns selbst, dies durch selbstbewusstes und professionelles Auftreten zu ändern.

Du experimentierst seit Jahren als Autor im Netz. Was meinst du, inwieweit verändert die Digitalisierung auch unser Verständnis von Literatur und Autorenschaft?

Zwei Sachen verändern sich zurzeit aus meiner Sicht durch das Internet: Das Buch ist nicht mehr das Nonplusultra in der Literatur. Andere Textformen oder auch transmediale Erzählformen spielen eine immer größere Rolle. Gleichzeitig wird der Autor entmystifiziert. Er ist nicht mehr der Schreiber im Elfenbeinturm, sondern weilt über Blogs, Foren und interaktive Experimente mitten unter seinen Lesern. Das wird zunehmend selbstverständlich. Ich weiß noch, dass ich vor ca. 15 Jahren „Flamingo Rising“ von Larry Baker gelesen habe, in dessen Impressum eine E-Mail-Adresse stand. Weil mir das Buch gut gefiel, hab ich dort hingeschrieben und bin fast vom Stuhl gefallen, als der Autor mir postwendend persönlich antwortete. Wir haben dann ein bisschen hin- und hergemailt darüber, wie man sein Buch als Deutscher wahrnimmt. Und ich hab mir damals schon gedacht: Ja, wieso denn nicht immer so? Was kann einem besseres passieren, als sich mit den Lesern auszutauschen? Aber damals war das noch absolut ungewöhnlich.

Was hat dich bewogen, „Soap“ gemeinsam mit Blogbesuchern und Lesern auf die Beine zu stellen?

Vielleicht war besagtes Erlebnis mit Larry Baker schon der Grundstein für den Wunsch, mich mit den Lesern auszutauschen. Später wurde dann mein Prosa schreiben (im Gegensatz zum Drehbuch schreiben) sehr stark durch meine aktive Zeit in der Community jetzt.de geprägt ist. Dort konnte man mit kleinen Texten experimentieren – unter dem Stichwort „Tagebuch“ – und man hat über Kommentare sofort Feedback bekommen. Auch wenn das manchmal hart war, hat es mir gefallen und weitergeholfen.

Als Serienautor schreibst du ja auch im Team …

Hinzu kommt, dass ich es als Drehbuchautor natürlich gewohnt bin, dass zahlreiche Leute meine Arbeit – gerade in frühen Fassungen – auseinander nehmen. So war es für mich nur folgerichtig, einen Romantext in einem frühen Stadium herauszugeben, um von dem Feedback zu profitieren. Gleichzeitig wollte ich so eine Basis an Lesern schaffen, denn für klassische Werbung und PR-Arbeit würde ich keine Mittel haben. Womit ich nicht gerechnet hatte: WIE begeistert viele der Leser waren, dass sie mitwirken „durften“. Ich hab zahlreiche Danksagungen bekommen, dabei machten die Leute letztlich Arbeit für mich! Spätestens da war mir klar, dass diese Art von Zusammenarbeit ein vielfach ungehobener Schatz ist.

Wie waren deine diesbezüglichen Erfahrungen? Was hast du an der „interaktiven Arbeitsweise“ besonders geschätzt?

Für mich war die Zusammenarbeit durchweg positiv. Man muss natürlich ein paar „Fähigkeiten“ mit bringen: Man muss mit Kritik umgehen können. In der Lage sein, das Wichtige herauszufiltern. Vor allem muss man gerne kommunizieren, meint in dem Fall: Auch zuhören! Und letztlich muss man wissen, was man tut. Wenn man selbst zu unsicher ist, was die eigene Arbeit, den eigenen Text angeht, verzettelt man sich. Denn es gibt IMMER mehrere Meinungen, die gegensätzlichen sind sowieso überproportional vertreten. Wenn das aber einmal funktioniert, hat man irgendwann eine kleine bzw. wachsende Community, die man nicht nur jederzeit um Rat fragen kann, sondern die einen auch motiviert oder sogar aktiv unterstützt. Es haben schon mehrere Leute Tage (!) an Arbeit in mein Projekt investiert, einfach weil sie sich damit identifizieren, es gut finden. Da war ich manchmal wirklich gerührt!

Wo kommt Teamwork an seine Grenzen?

Ich weiß nicht, ob das auch mit mehreren Tausend Leuten funktioniert, was ich da mache. Aber das Problem möchte ich erst einmal haben. Im Moment „kenne“ ich noch alle sehr aktiven Leuten einzeln, aber natürlich hätte das auch irgendwann eine Grenze. Und wenn ich als Autor nicht mehr ab und zu auch mal direkt antworte oder eingehe auf jemanden, wären die Bindungen sicherlich nicht so eng. Aber dann müsste man eben andere Wege finden.

Welche Lehren ziehst du bislang aus deinem „Selbstversuch“? Was würdest du heute anders machen?

Für mich ist die wichtigste Lehre, dass ich das in Zukunft immer so machen möchte: Öffentlich und gemeinsam kreativ arbeiten. Denn für mich hat es fast nur positive Effekte gegeben. Ein wenig muss ich in manchem Bereichen noch die Balance finden: Wann nervt ein Thema, weil man es zu oft bringt? Wie viel „Werbung“ kann ich den Leuten zumuten? Macht die bei den ewig selben Leuten irgendwann überhaupt noch Sinn? Die Gefahr ist, dass man die Leser irgendwann als selbstverständlich nimmt, aber letztlich können die auch wahnsinnig schnell wieder verschwinden. Man muss eben bei so einem Projekt auch immer Entertainer sein oder zumindest neue, interessante Informationen liefern, sonst dreht sich das Karussell weiter …

Danke, Michael, dass du deine Erfahrungen mit uns teilst. Lunte gerochen hast du jedenfalls: Seit gestern gehst du abermals ein Projekt in Eigenregie an. Ein eBook mit ausgewählten Kurztexten die bei jetzt.de erschienen sind. Dafür suchst du Testleser. Glück auf dabei – und weiterhin Erfolg und Freude mit Soap.

Freundlicherweise stellte Michael mir einige Leseexemplare zur Verfügung. Wer sich für sein Debüt als Selfpublisher interessiert und “Soap” besprechen möchte, möge sich bei mir melden.

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In der losen Interview-Reihe “Steglitz fragt … bei Autoren nach” standen bereits Rede und Antwort:  Jando, Petra van Cronenburg, Petra Röder, Nicole Sowade aka Miss Januar, Jan-Uwe Fitz aka Vergraemer, die Sachbuch-Autorin Sonya Winterberg der Berner Shooting-Star Patric Marino und Wilhelm Ruprecht Frieling, im Social Web als Prinz Rupi bekannt. Stets geht es darum, wie die befragten Autoren die Entwicklungen infolge der Digitalisierung einschätzen, welche neuen Wege sie nutzen und wo sie Chancen und Risiken sehen.

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Steglitz fragt bei Michael Meisheit nach

„Letztlich helfen gegen die Vorurteile nur Geduld und Beharrlichkeit“

Michael Meisheit ist ein erprobter Autor, der seit 15 Jahren erfolgreich Drehbücher für die populäre Fernsehserie „Lindenstraße“ schreibt, die immer sonntags um 18:50 Uhr im Ersten läuft. Obwohl er als ihr Autor bekannt und im Mediengeschäft erfahren ist, entschied er sich, seinen Roman Soap in Eigenregie zu veröffentlichen. Soap, dachte ich bei mir als wir uns kennenlernten, so gar nicht meine Kragenweite …

© Michael Meisheit

stolz aufs Werk © Michael Meisheit

Dann hat mich die Geschichte vom Filmstudenten Lukas doch gepackt, dem die Chance geboten wird, bei einer populären Soap namens „Schöneberg“ als Autor einzusteigen. Er stolpert von einer Kuriosität zur nächsten, tritt von einem Fettnäpfchen ins andere, hangelt sich von Schlappe zu Schlappe und ahnt nicht, dass da einer im Hintergrund geschickt die Strippen zieht. Keine Frage, Meisheit kennt das Unterhaltungssujet aus dem FF.  Darüber hinaus beeindruckte mich die Genese des Debüts, die der Autor auf seinem Blog von Anbeginn dokumentiert hat. Nachdem ich mich eingehender mit der Entstehungsgeschichte des Romans und Meisheits Entschluss beschäftigt hatte, unter die Indie-Autoren zu gehen, habe mich gefragt, ob Soap nicht sogar auch ein Lehrstück für Selfpublisher ist. Nachzulesen ist das hier.

Seit Erscheinen des Romandebüts sind nunmehr sechs Wochen vergangenen. Mir scheint die Zeit reif, den frisch gebackenen Selbstverleger nach seinen Erfahrungen zu befragen. Heute möchte ich u.a. von ihm wissen, wie er Chancen und Risiken bezüglich Selfpublishing einschätzt, warum er sich für CreateSpace entschieden, welche Erfahrungen er damit gemacht hat und wie er mit Vorurteilen gegen Autoren umgeht, die ihre Publikationen in Eigenregie auf den Markt bringen.

Was hat dich bewogen, dein Debüt „Soap“ in Eigenregie durchzuziehen?

Seit längerem rede ich davon, dass das Internet für Kreative völlig neue Möglichkeiten eröffnet, die noch viel zu wenig genutzt werden. Die Stichworte sind Transmedia, Unabhängigkeit, Interaktivität, Arbeiten mit der „Crowd“. Im Sommer diesen Jahres war dann endlich etwas zeitlicher Freiraum in Sicht, so dass ich mir gesagt habe: Dann mach doch jetzt auch mal! Nun hatte ich ein altes Manuskript – „Soap“ – in den Untiefen meiner Word-Ordner schlummern. Ein vorhandener Text – den ich zweifelsohne liebte, aber nicht erst schreiben musste – war perfekt für einen ersten Gehversuch auf den neuen Wegen, fürs Ausprobieren, fürs Experimentieren.

Welche Vorteile hast du dir von deiner Entscheidung versprochen?

Die Vorteile waren diffus. Es ging vor allem um neue Erkenntnisse, um Dazulernen in jeglicher Hinsicht. Aber auch sehr viel darum, bei der kreativen Arbeit komplett mein eigener Herr sein zu können. Nach Jahren in den Mühlen der Unterhaltungsindustrie war die Aussicht auf ein Schaffen ohne Kompromisse, enge Rahmenbedingungen und kurzsichtige Gegenüber traumhaft.

Wie schätzt du die Entwicklung in Richtung Selfpublishing generell ein?

Ich finde sie großartig. Natürlich ist das für alle erst einmal unübersichtlich und verwirrend. Manchen macht es Angst, manche sind genervt. Aber ich kann mir für einen kreativen Menschen keine bessere Situation vorstellen, als am Anfang einer neuen, umwälzenden Entwicklung dabei zu sein. Es gibt noch keine ausgetretenen Pfade, keine Erbhöfe, kein „das haben wir schon immer so gemacht“. Natürlich wird das Rad nicht neu erfunden – ein Buch ist ein Buch – aber es kommen neue Formen, neue Mitspieler, neue Wege dazu. Für mich ist das erst einmal positiv.

Wo verortest du Risiken?

Ich sehe ein wenig die Gefahr, dass die Leser nicht richtig mitgenommen werden. Dass es in solch einer Umbruchphase Reibungsverluste gibt, ist naheliegend und wird sich nicht verhindern lassen. Aber wenn sich allgemein der Eindruck durchsetzt, Selfpublishing macht alles nur kompliziert, anstrengend und führt letztlich nicht zu interessanten Publikationen, dann wird man lange brauchen, um das in der breiten Öffentlichkeit wieder aufzubrechen. Die Flut von in jeglicher Hinsicht schlechten Texten und fehlende Mechanismen, um diese auszusortieren, ist ein Problem. Das teilweise aggressive und unlautere Auftreten einiger Selfpublisher ein weiteres. Es wird darauf ankommen, wie die Autoren-Gemeinschaft damit umgeht. Und darauf, dass Wege entstehen, durch die sich die Spreu vom Weizen trennt.

Wo machst du in diesem Kontext besondere Chancen aus?

Es besteht die ernsthafte Chance, dass großartige, unterhaltsame oder außergewöhnliche Publikationen entstehen, die nicht den Marktgesetzen gehorchen. Und es besteht die Chance, das kleine, besondere Texte, die vielleicht nur wenige Menschen ansprechen – aber diese umso mehr – das Licht der Welt erblicken. Kein anderes Medium als das Internet bringt spezielle Interessen so zusammen. Jeder kann etwas finden. Und es wird sich dann auch lohnen, „nur“ für eine paar Leute etwas zu schreiben.

Gegen Indie-Autor gibt es gewisse Vorbehalte. Wie gehst du damit um?

Im Moment amüsieren sie mich noch. Ja, was mache ich denn bloß, wenn mich dann doch mal ein „echter Verlag“ verlegen will? Denn das ist nach wie vor die häufigste Frage, die ich zu hören bekomme. Dass ich gerne und freiwillig diesen Weg gehe, erscheint vielen noch nicht denkbar. Auch dass man als Selfpublisher manchmal etwas herablassend in die Kategorie „schreibende Hausfrau“ eingeordnet wird – am Besten noch von Leuten, die „Harry Potter“ verschlungen haben – entbehrt auch nicht einer gewissen Komik. Aber dass einem dadurch bei klassischen Medien oder auch in bestimmten Internetbereichen der Weg versperrt bleibt, nervt schon. Letztlich helfen gegen die Vorurteile nur Geduld und Beharrlichkeit.

Warum hast du dich für den Weg über CreateSpace entschieden?

Cover Soap

Liebe, Intrigen, Verrat …

Das ist einfach: Es rechnete sich. CreateSpace hat mir mit Abstand das beste Angebot für mein Taschenbuch gemacht. Ich konnte es für 9.90 Euro verkaufen und mit mehr als zwei Euro enorm daran verdienen. Anderswo hätte ich mindestens 15 Euro, meist sogar noch mehr verlangen müssen – und hätte nicht einmal groß etwas daran verdient. Ohne CreateSpace hätte ich vielleicht erst einmal sogar nur ein eBook herausgegeben, denn mehr als 10 Euro wollte ich für „Soap“ nicht verlangen.

Wie waren deine Erfahrungen beim Prozedere?

Es hilft sicherlich, wenn man des Englischen mächtig ist. Dass die CreateSpace-Seite noch nicht auf Deutsch vorhanden ist, dürfte auch abschrecken. Nimmt man aber einen der vielen Ratgeber zur Hilfe und ist man in der Lage, Fragen in Foren beantwortet zu bekommen, ist das Ganze wirklich ein Kinderspiel.

Hattest du spezielle du Hürden zu nehmen?

Das Veröffentlichen mit CreateSpace selbst war wirklich kein Problem. Unterschätzt hatte ich eher den ganzen Prozess des „Setzens“. Also dass der Text auch nach inhaltlicher Ausarbeitung und mehrfachem Gegenlesen noch lange nicht fertig war – ich sag nur Schusterjungen und Hurenkinder. Dafür hatte ich definitiv zu wenig Zeit eingeplant, die aber CreateSpace locker rausholte, indem das Buch quasi über Nacht bei Amazon reingestellt wurde – und es nicht wie vielerorts angekündigt eine Woche dafür brauchte.

War der Support ausreichend?

Viel Support direkt von CreateSpace habe ich nicht benötigt. Die Website gab alles her, was ich brauchte – vor allem mit der exzellenten Vorschau. Allerdings weiß ich nicht, wie es ist, wenn man auf Probleme stößt und mal mit einem Menschen reden möchte. Kurios finde ich nach wie vor, dass meine Autorenexemplare nicht – wie die Verkaufsexemplare – von Amazon Leipzig kommen, sondern aus den USA. Dadurch hat man sehr unwägbare Lieferzeiten und unter Umständen Probleme mit dem Zoll. Daran muss CreateSpace für den deutschen Markt sicherlich noch etwas tun.

Bist du mit den Ergebnissen zufrieden?

Sehr. Für die geringen Kosten, die der Druck macht, und dafür, dass ich ohne direkte professionelle Begleitung alles zusammengebastelt habe, kann sich das fertige Buch wirklich sehen lassen. Die meisten Leute sehen keinen Unterschied zu einer Verlagspublikation. Das einzige Problem, auf das ich bisher gestoßen bin, sind mögliche Unterschiede zwischen den einzelnen Exemplaren. Ich hatte schon leichte Farbabweichungen beim Cover. Und einige Leute hatten eine extrem feste Bindung bei ihrem Buch. Man kann also nie sicher sein, dass das nächste Buch auch wieder so schön ist wie das letzte. Und die „amerikanischen“ Bücher haben etwas schöneres Papier – minimal dicker und „cremiger“. Das würde ich mir auch für die Leipziger Bücher wünsche.

In Teil 2 des Gesprächs erfahren wir u.a., weshalb Michael Meisheit mit eBook und der gedruckten Version von „Soap“ zweigleisig fährt, warum er auf den Platzhirschen Amazon setzt und welche Lehren er aus seinen bisherigen Erfahrungen als Selbstverleger zieht. – Freundlicherweise stellte Michael mir einige Leseexemplare zur Verfügung. Wer sich für das Debüt in Eigenregie interessiert und „Soap“ besprechen möchte, möge sich bei mir melden.

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In der losen Interview-Reihe “Steglitz fragt … bei Autoren nach” standen bereits Rede und Antwort:  Jando, Petra van Cronenburg, Petra Röder, Nicole Sowade aka Miss Januar, Jan-Uwe Fitz aka Vergraemer, die Sachbuch-Autorin Sonya Winterberg der Berner Shooting-Star Patric Marino und Wilhelm Ruprecht Frieling, im Social Web als Prinz Rupi bekannt. Stets geht es darum, wie die befragten Autoren die Entwicklungen infolge der Digitalisierung einschätzen, welche neuen Wege sie nutzen und wo sie Chancen und Risiken sehen.

„Soap“. Eine Seifenoper – oder ein Lehrstück über Selfpublishing?

Michael Meisheit ist ein erprobter Autor, der seit 15 Jahren erfolgreich Drehbücher für die populäre Fernsehserie „Lindenstraße“ schreibt, die immer sonntags um 18:50 Uhr im Ersten läuft. Deutschlands älteste Seifenoper hat eine Stammkundschaft von ca. 3 Millionen Zuschauern. Meisheit ist als ihr Autor bekannt und im Mediengeschäft entsprechend erfahren.

Spannend finde ich, dass der gut vernetzte Drehbuchautor trotz seiner Bekanntheit auch einer von denen ist, die ihre Bücher nicht auf herkömmlichen Wegen veröffentlichen. Wie viele andere  wog er Chancen und Risiken hinsichtlich Selfpublishing ab, um den Schluss zu ziehen, dass die Vorteile überwiegen. Mehr noch, er geht sogar einen Schritt weiter. In einem Kommentar bei SteglitzMind erklärte er unumwunden, dass ihm „die Frage, ob ein Verlag den Roman genommen hätte, fast albern vorkommt.“

Da ich dem näher auf den Grund gehen wollte, habe ich mich eingehender mit seinem Debüt als Indie-Autor beschäftigt. Ist seine Geschichte exemplarisch? Was prädestiniert ihn als Selfpublisher?

Coverentwurf (c) Henk Wyniger_2

Diese Idee wurde präferiert © Coverentwurf: Henk Wyniger

Für seine Entscheidung, seinen Roman mit dem Titel „Soap“ auf eigenen Wegen herauszubringen, sprechen meines Erachtens eine Reihe von Faktoren. Er ist ein eingeführter Autor. Bedingt durch seinen Job verfügt er über einige persönliche Kontakte zu Journalisten. Er experimentiert gerne und nutzt die neuen Möglichkeiten seit Jahren, die das Netz Autoren bietet. Er hat schon gebloggt als es hierzulande noch kaum einer tat, nämlich vor mehr als zehn Jahren auf jetzt.de. Mit seinem Projekt „Vanessa X“ startete er im August 2011 die erste deutsche Science-Fiction-Blog-Novela. Er hat außerdem ein professionelles Team im Rücken, das seine Projekte ehrenamtlich unterstützt, und – schlussendlich – existierte auf seinem Rechner seit zehn Jahren ein Ordner, in dem sich das Romanmanuskript befand.

Als Meisheit sich im Sommer dieses Jahres darauf besann, waren die technologischen Voraussetzungen für Eigenverleger gegeben und inzwischen relativ leicht handelbar. Die ersten deutschen Selfpublisher machten mit Erfolgen öffentlich von sich reden. Das spornt natürlich an, Titel aus eigener Kraft auf den Markt zu bringen. Erfolg versprechend war in seinem Fall in meinen Augen auch, dass „Soap“ eine klar umrissene und zudem reichweitenstarke Zielgruppe hat. Erzählt wird darin von einer fiktiven Fernsehserienproduktion namens „Schöneberg“, wo der junge Filmstudent Lukas als Serienautor eine Beschäftigung findet. Der Romantitel „Soap“ ist Programm. Nicht allein, weil die Erlebnisse des Helden wie eine Seifenoper daherkommen, auch die strukturellen Elemente spielen gekonnt mit Soap-Stilmitteln. Womit der unterhaltsam-spritzige Roman Fans der „Lindenstraße“, Liebhaber von Soap bzw. von Fernsehserienproduktionen und natürlich all jene anspricht, die sich für einen Blick hinter die Kulissen von Fernsehserien interessieren.  – Gleichwohl dürfte sich Meisheit bewusst gewesen sein, dass die Produzenten der „Lindenstraße“ seinen Alleingang mit „Soap“ nicht promoten würden.

Auch getrieben vom Impuls, dass Autoren sich ihr Publikum neu erschließen müssten, beschloss Meisheit, die Arbeit am Text, das Prozedere der Publikation und das sich anschließende Buch-Marketing öffentlich zu machen. Für seine Gehversuche als Indie-Autor nutzte er ab 14. Juli 2012 seinen Blog. Ebenso zum Einsatz kam sein Twitteraccount, das seit Mai 2009 existiert, und Facebook, wo für „Soap“ im Oktober 2012 eine Fanseite eingerichtet wurde. – Der Entscheidung, auf diese Kanäle zu setzen, kam sicherlich entgegen, dass sich „Lindenstraßen“-Fans und Soap-Liebhaber gerne in Foren und Netzwerken aufhalten. Bei Twitter hat die „Lindenstraße“ ein eigenes Account und Meisheits Blog besuchen Fans der Serie seit jeher gerne.

Das Cover kam auch nicht an  © Entwurf: Henk Wyniger

Dieses Cover fiel durch © Entwurf: Henk Wyniger

Von Anfang an war es sein Ziel, interessierte Leser aktiv in den Entstehungsprozess einzubinden. Deshalb veröffentlichte er nicht nur Kapitelauszüge und Posts über die Genese des  Projekts, er regte vielmehr fortlaufend Diskussionen an. So wurde etwa gemeinsam für den Protagonisten ein Name gesucht. Auch wurde mit ihnen darüber diskutiert, wie viel Sex bzw. nackte Haut sein dürfe oder ob eine auktoriale Erzählhaltung („Klugscheißer“) durch den Roman trüge. Testleser übernahmen Lektorat und Korrektorat. Ohne das Team hätte „Soap“ heute beispielsweise einen völlig anderen Umschlag. Das Cover, das Meisheit und sein Illustrator Henk Wyniger präferiert haben, fiel bei der Abstimmung glatt durch.

Von den günstigen Startbedingungen einmal abgesehen, scheint mir Michael Meisheit in mancherlei Hinsicht prototypisch für eine neue Selbstverlegergeneration zu sein. Sie sind zumeist internetaffin und schlagen auch deshalb selbstbewusst innovative Wege ein, weil sie von den Möglichkeiten fasziniert sind, die das Internet Autoren bietet. Ein schmales Budget machen sie durch originelle Ideen und innovative Wege wett. Dass sie dem klassischen Verlagswesen absagen, hat vielfach auch mit einschlägigen Erfahrungen zu tun. So auch bei Michael Meisheit, dessen Roman vor zehn Jahren einer Literaturagentin zwar zu Gefallen war, weil der Stil überzeugte, das Soap-Sujet allerdings nicht. Medienthemen, so deren Ansage, würden im Roman nicht funktionieren. – Ein Stachel im Fleisch?

Allerdings beschränkt sich der „Selbstversuch“, wie Meisheit sein „Soap“-Projekt nennt, nicht nur auf den Publikationsweg. Nebenbei stellt der Indie-Autor damit auch herkömmliche Produktions- bzw. Schreibprozesse in Frage. Seit seinem Versuch mit dem Blogroman „Vanessa X“ experimentiert er im Netz mit Erzählformen, -arten und -haltungen. „Vanessa X ist ein erster Versuch, durch Links und auch durch die Interaktion mit Social-Media-Plattformen eine fiktive Welt zu schaffen, die über einen bloßen Text hinausgeht“, wie er im Oktober 2011 in einem Gespräch mit der Klappentexterin u.a. ausführte. – Seiner Entscheidung für eine interaktive Arbeitsweise im Schulterschluss mit Blogbesuchern, Fans, Followern und Lesern, mag freilich auch entgegengekommen sein, dass Serienautoren im Team schreiben. Mit tradierten Vorstellungen vom Künstler, der sein Werk im Alleingang und in Abgeschiedenheit verfasst, haben diese Autoren wohl eher nichts gemein.

Schön finde ich, dass Michael Meisheit sein Debüt als Indie-Autor auf seinem Blog von Anfang an dokumentiert hat. So kann man dort nicht nur die Genese des Romans bis zum Erscheinen als Print und eBook verfolgen. Auch das „Auf und Ab“ ist dort festgehalten: Welche Publikationsformen und -plattformen eignen sich, was dürfen Taschenbuch und eBook kosten, ist das Ende stimmig? Regelrecht mitfiebern muss man beim Blogpost vom 20. November, in dem nachzulesen ist, wie Meisheit sein Buch bei Amazons Tochterunternehmen CreateSpace hochlädt. Umso größer ist die Erleichterung, als er sein gedrucktes Buch endlich in Händen hält. Das Bild, das er am 23. November postet, zeigt einen rundum zufriedenen Selfpublisher, der seinen Erstling stolz präsentiert.

Ich freue mich sehr, dass Michael Meisheit hier demnächst Rede und Antwort steht. Dann werden wir u.a. von ihm erfahren, was er fürs Buchmarketing tut und wie sich der Alleingang mit „Soap“ rechnet.

„Mir kommt die Frage, ob ein Verlag mein Buch angenommen hätte, fast albern vor …“. Vorbehalte gegen Self Publishing

Wie stehen buchaffine Blogger zu Publikationen von Selbstverlegern? Da ich das etwas genauer wissen wollte, habe ich bei einigen nachgefragt, wie sie damit verfahren würden, wenn ihnen Self Publisher Titel zur Rezension anbieten. Die 15 Statements der Bloggerinnen und Blogger, die man hier nachlesen kann, wurden kontrovers diskutiert.

Mit Richard K. Breuer, Petra van Cronenburg, Peter J. Kraus, Matthias Matting, Michael Meisheit u.a. brachten sich auch Autoren und Verleger in die Diskussion ein, die unabhängige Wege gehen. Breuer, van Cronenburg, Kraus und Matting bereits seit längerem, Meisheit debütiert in diesen Tagen als Indie-Autor.

Ob Hybrid- oder Indie-Autor – die Kommentare setzen sich differenziert und selbstbewusst mit Vorbehalten gegen Self Publishing auseinander. Grund genug, wie ich meine, die Beiträge in Auszügen als eigenständigen Blogpost zu veröffentlichen.

Richard K. Breuer:

Ansonsten sei gesagt, dass ich ebenfalls eine gewisse Voreingenommenheit habe, wenn mir jemand “sein Buch” unter die Nase hält (wobei ich jetzt anmerken sollte, dass mich Mainstream-Verlagsbücher so gut wie gar nicht mehr interessieren), aber gleichzeitig gilt festzuhalten, dass es der Traum eines aufgeklärten Bürgertums war, dass jeder Mann seine Gedanken frei von Zensur publizieren durfte. Die Flut an qualitativ mäßigen und zum Teil unkorrigierten “literarischen” Texten sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Selbstverlag auch einen gesellschaftspolitischen Aspekt erfüllt. Gerade in diesen Zeiten müssen wir das Recht auf freie Meinungsäußerung in Sprache und Schrift hochhalten und dürfen diese nicht als selbstverständlich erachten.

Michael Meisheit:

Die Schere im Kopf!? © GvP

Heute [20.11.12] habe ich meinen ersten Roman bei Createspace als “Selfpublisher” hochgeladen. Und bin nach wie vor begeistert von meinen Erfahrungen in den letzten Tagen oder gar Wochen. Vielleicht ist mein Weg nicht der “normale” für einen Selbstverleger – ich habe viele Jahre Schreiberfahrungen als Drehbuchautor und auch eine ziemlich klar definierte Zielgruppe – aber mir kommt hier ein Aspekt doch deutlich zu kurz: Wenn man sich ewig in der Mühle von etablierten Monolithen befindet (in meinem Fall Sender …), ist es so befreiend und motivierend, sein Werk unabhängig, zügig und mit eigenem Risiko in die Welt zu setzen, dass mir die Frage, ob ein Verlag den Roman genommen hätte, fast albern vorkommt.

Peter J. Kraus:

Immer wieder taucht in der Diskussion die Annahme auf, dass “Selbstverleger” Trauerklöße sind, die “keinen Verleger gefunden haben”. Dem möchte ich widersprechen.
Meine ersten drei (Sach)bücher wurden 1996-1998 bei Chr. Links, Berlin, verlegt. Mein erster Krimi, “Geier”, kam 2003 bei Knaur, München, heraus. Zwei Lernkrimis, “Verdacht in Hollywood” und “Kleinstadt in Angst” wurden von Tosa, Wien, verlegt”, meine weiteren Bücher, “Joint Adventure” und “Cattolini Erbt”, erschienen bei Conte, Saarbrücken.

Ich war und bin mit allen Verlagen, mit denen ich die Ehre hatte, zufrieden. Links war großartig, bei Conte bleibe ich, weil wohlaufgehoben.

Und doch habe ich zwei Ebooks als Selbstverleger bei Kindle herausgebracht. Ein drittes folgt im Januar, Nummer vier und fünf sind für Sommer und Weihnachten 2013 geplant.

Warum? Weil beim fremdverlegten Buch mindestens eineinhalb Jahre, bis zu zwei Jahren vergehen, bis ich Geld sehe. Manuskript hin, Annahme/Vertrag dauerte nie länger als ein paar Wochen (ich lebe in den USA, was meist einen recht langen Postweg bedeutet), dann rollen die Verlagsräder, Vertreter geben ihren Senf, Lektoren lektorieren, Grafiker tun ihr Ding, Erscheinungstermin wird zwischen allen Beteiligten festgelegt, Kataloge gedruckt, Buch in den Laden, und dann warten alle, was sich tut. Abgerechnet wird gemeinhin im März des auf die Erscheinung folgenden Jahres – und jedes Jahr wiederholt sich die Abrechnung.

Wenn ich selbst für alles verantwortlich bin, schreibe ich wie immer – da ist kein Unterschied zwischen Verlag und SP – etwa drei bis vier Monate an den circa 300 Seiten. Korrektur, Lektorat, Cover, alles im Outsourcing. Sagen wir nochmal vier Wochen. Dann, fünf Monate nach Manuskriptbeginn, wird das Buch auf Kindle geladen und erscheint im Amazonangebot einen Tag später. Bezahlt wird jeweils zwei Monate nach Ende des Verkaufsmonats. Das heißt, ich kann acht Wochen nach dem Verkauf mein Verdientes ausgeben, habe dadurch einen sich monatlich wiederholenden Geldeingang, der mich in die Lage versetzt, nach Gusto über meine Zeit zu verfügen. Ich weiß täglich genau, was verkauft wurde, ich kann anhand von Lesermails und Amazon Rezensionen etwa absehen, was gefällt und was nicht und habe die Möglichkeit, mich danach zu richten — falls ich das will.

Ebook selbst verlegen, Papier dem Verlag überlassen: ich glaube, dass sich das für mich lohnt. Mal sehen, ob das auf Dauer zu machen ist. Wenn nicht, habe ich ja einen Verlag. Und wenn der nicht will, suche ich (und finde!) einen anderen.

Mir ist nur wichtig, festzustellen, dass Schablonen nicht immer zutreffen – jeder und jede hat andere Erfahrungen gemacht und daraus Konsequenzen gezogen. Wer Großverlage bevorzugt (und dazu gehörte ich nach einem Vierteljahrhundert im kalifornischen UKW-Rockradio als Programmgestalter/Moderator auch; geht halt nichts über major labels, wie man weiß), der schaut mit leichter Verachtung auf kleinere Verlage: wer bei einem kleinen Verlag gelandet ist, der sieht auf Selfpublishers herab. Der Selfpublisher hat nur Verachtung übrig für Menschen, die nur für die Schublade schreiben.

Meint man. Ist aber nicht so. Manche sicher, aber die meisten von uns haben gelernt, zu differenzieren. Sonst könnten wir keine Bücher schreiben, die allesamt vom Leben handeln.

Petra van Cronenburg:

Ich habe den Eindruck, dass viele, die nun wirklich vorurteilsbeladen Self Publishing von vornherein als Trash klassifizieren, sich einfach nicht wirklich auszukennen scheinen. Sonst hätte sich bereits herumgesprochen, wie viele “gestandene Verlagsautoren” inzwischen im Self Publishing sind, dass Literaturagenturen inzwischen für bestimmte Projekte sogar SP empfehlen, weil mehr dabei herumkommt oder der Kontakt zum Zielpublikum beim Autor enger ist.

Ja, klar, es gibt grausig schlecht gemachte Bücher, auch bei Verlagen. Aber ich habe in den letzten paar Monaten allein drei Self Publisher entdeckt, bei deren Talent ich mich frage, warum die noch kein Großverlag eingekauft hat. Die Antwort des größten Erzähltalents war verblüffend: Auf die Idee, sich groß zu bewerben, sei sie gar nicht erst gekommen – in der Zeit hätte sie ein ordentlich lektoriertes Buch herausgebracht. Solchen Leuten würde ich differenzierter denkende Rezensenten wünschen – die gehen allerdings auch nicht hausieren.

Was zu fehlen scheint, sind Feuilleton-Alternativen mit Durchschlagkraft, die wie im Ausland ein Buch nur nach seinen Inhalten und deren Qualität, nicht aber nach dessen Veröffentlichungsart beurteilen. Die New York Times geht da mit gutem Beispiel voran.

Matthias Matting:

Ich denke, die Reaktion der Blogger liegt zum Teil auch an der Fragestellung. “Self-Publisher”, das klingt wie ganz allein selbstgemacht. Wenn mir meine Kinder etwas selbst machen, freue ich mich. Ansonsten möchte ich ganz einfach ein professionelles Produkt. Und das kann es nicht geben, wenn der Autor alles selbst gemacht hat (Cover, Layout, Lektorat usw.). Also bezeichne ich mich selbst dann nicht als Self-Publisher, wenn ich ein Buch verlagsunabhängig herausbringe. Ich denke, ein Blogger kann ein professionell gemachtes Buch von Selbstgebasteltem unterscheiden, oft sogar schon daran, WIE er angesprochen wird. Ich habe auch bisher wirklich keine Ablehnung von Bloggern erlebt.