Vorsicht Buchhandel! Zu Risiken und Nebenwirkungen. – Gerrit van der Meer antwortet Norbert W. Schlinkert

Gerrit van der Meer ist seit Mitte der 80er Jahre im Buchhandel tätig. Wir haben ihn auf SteglitzMind bereits dank seinem Aufruf in Sachen Freihandelsabkommen und dem persönlichen Beitrag Draußen vor der Tür. Als arbeitsloser Buchhändler nachts in einer fremden Stadt etwas kennengelernt. – Nun hat es sich Gerrit nicht nehmen lassen, Norbert W. Schlinkert zu antworten, der gestern hier ausführte, warum er in keine Buchhandlung mehr geht.

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Lieber Norbert W. Schlinkert!

Es gibt seit langem sein schönes altes Bilderbuch mit dem Titel: „Du hast angefangen! Nein, Du….“
Was dieses Buch mit Ihrem Aufsatz zu tun hat? Nun, man kann daraus lernen, warum plötzlich in der Buchhandlung der Handke und der Wondratschek fehlen.
Mitte der neunziger Jahre war die Buchhandelswelt noch in Ordnung. Der Buchhändler konnte es sich leisten, neben den Bestsellern und anderen kommerziell erfolgreichen Titeln, seine Marotten zu pflegen. In fast allen Buchhandlungen konnte man sie finden, die Dostojewskis, Bölls, Handkes und Wondratscheks usw. Daneben noch Lyrik und ausgefallene Bildbänder der Inneren Mongolei. Es war schön damals. Gelebt aber hat man als Buchhändler auch damals schon von der Masse. Die Wondratschekleser waren eine eher kleine Minderheit. Über die Umschlagsgeschwindigkeit japanischer Haikus brauchen wir erst gar nicht zu reden.

Und plötzlich, erst schleichend, dann immer schneller verschwanden die Kunden in die schönen neuen Buchpaläste und ein bisserl später in den unendlichen Weiten des WWW. Es ist doch viel bequemer, sich das Ganze direkt auf die Couch liefern zu lassen.

Natürlich ist der Kunde neugierig und die schöne neue Glitzerwelt war ja so viel „besser und schöner“. Also ging der Kunde. Aber wie es scheint, mit einem schlechten Gewissen. Denn plötzlich war die einstmals geliebte Buchhandlung nur noch ein aus der Zeit gefallener Ramschladen mit schlechter Auswahl und arrogantem unfähigem Personal. So konnte und kann man es zumindest in unzähligen Blogs nachlesen.

Heute, zehn Jahre später findet man als Buchhändler immer mehr Blogbeiträge in denen unsere alten Kunden genau diesen verstaubten, aus der Zeit gefallenen Buchhandlungen nachtrauern. Norbert Schlinkert ist jedoch ein Sonderfall. Er weiß genau, warum er als Cineast nicht mehr ins Kino geht. Er fürchtet die Blicke des Buchhändlers. Er fürchtet sich davor als Leser ausgefallener Literatur diskriminiert zu werden. Ein Cineast, der sich Filme nur noch auf preisreduzierten DVDs aus der Discountbuchhandlung ansieht ? Sorry, aber als Cineast kann ich das nicht nachvollziehen. Cineasten haben meist noch nicht einmal einen Fernseher. Zumindest die, die ich so kenne. Und gerade in Berlin gibt es hervorragende Programmkinos, die fast jeden Geschmack bedienen.

Angst vor den Blicken des Buchhändlers ? Jeder eingefleischte Buchhändler freut sich auf „schwierige Kunden“. Sie sind und waren das Salz in der Bestsellereinheitssuppe. Ich habe es als Buchhändler immer geliebt, wenn der Kunde mich fachlich herausgefordert hat. Damit kann ich als Buchhändler doch ziemlich einfach nachweisen, dass ein Algorithmus nicht in der Lage ist, den Kopf zu ersetzen.
Und ja, auch viele Buchhandlungen sind, zwangsläufig marktgerecht „bunt“ geworden. Wer 25% Umsatz verliert, weil die Kunden den Algorithmus und Lieschen Müllers Kundenmeinung so toll finden, muss einfach mit dem Strom schwimmen. Ob er will oder nicht. Das Marottenregal haben der Betriebsberater und die Hausbank längst über den Jordan geschickt. Ob das immer die richtige Entscheidung war, sei dahingestellt…

Womit wir wieder bei unserem Bilderbuch wären. Wer hat eigentlich damit angefangen? Schwer zu sagen. Das Kunden etwas „Neues“ ausprobieren wollen ist verständlich. Das die Welt sich dreht, unvermeidlich. Und das der Buchhandel sich noch immer in einem Anpassungsprozess befindet, ist eine Tatsache. Vieles wird probiert und manches funktioniert bereits. Anderes ist gescheitert. So scheinen Großbuchhandlungen mit hohem „Nonbookanteil“ und mangelhafter Beratung keine Zukunft zu haben. Ebenso wird vielen Kunden deutlich, dass der Algorithmus doch nicht die Ultima Ratio ist.
Gegen die Angst vor fremden Blicken kann ich als Buchhändler Herrn Schlinkert allerdings nicht schützen. Dieses Problem muss er alleine lösen.

© Gerrit van der Meer

Buchreihe3