Warum ich nicht mehr in Buchhandlungen gehe. – Ein Gast- beitrag von Norbert W. Schlinkert

Im Rahmen der losen Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” hatte ich vorgeschlagen, dass Ihr Gastbeiträge beisteuern könntet. Schilderungen aus dem Buchhändleralltag oder, was auch immer… Erfahrungsberichte zum Beispiel: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen?

Nach der Polemik von Stefan Möller aka @Hedoniker Lieber stationärer Buchhandel, wir müssen reden!, die reichlich Wind machte, der Replik darauf von Lorenz Borsche, dem Brief des sterbenden Bildungsbürgers vom Krankenbett herab, dass kein Ausweg sei aus der Feder von Sandhofer, Gerrit van der Meers persönlichem Bericht Draußen vor der Tür. Als arbeitsloser Buchhändler nachts in einer fremden Stadt und Guido Rohms Abgesang Ein Ort für Elben steuert heute Norbert W. Schlinkert einen Beitrag bei.

Norbert, der auch als bildender Künstler unterwegs gewesen ist, veröffentlichte 2005 seine Studie „Wanderer in Absurdistan. Novalis, Nietzsche, Beckett, Bernhard und der ganze Rest“ (Königshausen & Neumann) und wurde 2009 mit seiner Studie „Das sich selbst erhellende Bewußtsein als poetisches Ich. Von Adam Bernd zu Karl Philipp Moritz, von Jean Paul zu Sören Kierkegaard“ promoviert; das Buch erschien Ende 2010 im Wehrhahn-Verlag. Für sein aktuelles, soeben beendetes Romanprojekt wurde ihm 2010 ein Aufenthaltsstipendium des Künstlerdorfes Schöppingen zugesprochen. – Kennengelernt haben wir uns, weil er sein literarisches Weblog Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen im Rahmen der Steglitzer Blogger-Interviewreihe auf Empfehlung von Phyllies Kiehl aka Miss TT vorgestellt hat. – Ich sage Norbert für seinen Gastbeitrag danke.

.

Vorsicht Buchhandel! Zu Risiken und Nebenwirkungen … Von Norbert W. Schlinkert

Mich sieht selten eine Buchhandlung in sich hineinspazieren. Dabei konnte ich mir bis Mitte der 1990er Jahre kaum Schöneres vorstellen (einiges natürlich schon), als in eine hineinzugehen und dort das Angebot auf mich wirken zu lassen. In meiner Jugend habe ich, in einer Kleinstadt im südöstlichen Ruhrgebiet mit kaum 50.000 Einwohnern, oft Stunden in der Buchhandlung verbracht und mich zum Beispiel entscheiden müssen und vor allen Dingen können, welche Dostojewski-Übersetzung von „Der Idiot“ ich kaufen soll – die Bücher standen im Regal. Mit ellenlangen Wunschlisten habe ich mit dem Rad Pilgerfahrten zu den Dortmunder Buchhandlungen unternommen und bin manchesmal nach Münster getrampt – alles der Bücher wegen, die ich in Augenschein nehmen, in die Hand nehmen wollte, die ich hineinlesend ergründen wollte. Zu Beginn meiner Zeit in Berlin fuhr ich noch von Prenzlauer Berg zu Kiepert am Ernst-Reuter-Platz, bis die sich entschlossen, alles bunt und lustig und kommunikativ zu machen, nur um pleite zu gehen. Alles vorbei!

"Bücher, die mit mir arbeiten" © Norbert W. Schlinkert

„Bücher, die mit mir arbeiten“ © Norbert W. Schlinkert

Nun, angesichts der Buchhändler:innen-Interviews auf SteglitzMind habe ich mich also gefragt, warum ich nicht mehr in Buchhandlungen gehe. Warum ich als Cineast kaum mehr ins Kino gehe, das weiß ich, aber warum nicht mehr zu den Büchern? Ganz einfach, sie sind nicht mehr dort, sie warten nicht mehr auf mich und die anderen Leser meines Schlages. Bin ich aus der Zeit gefallen? Liegt es an mir? Nicht etwa, dass es nicht vereinzelt gute Buchläden gäbe, aber da muss man schon Glück haben, dass sich einer in der Nähe befindet. Zugegeben, ich bin inzwischen eindeutig überqualifiziert und kann nicht erwarten, meine Interessen in einer jeden Buchhandlung berücksichtigt zu finden, es sei denn, es handele sich um eine sogenannte Universitätsbuchhandlung, aber auch da wäre ich inzwischen skeptisch angesichts der um sich gegriffenen Verschulungstendenzen an den Hochschulen, die mehr und mehr zu reinen Ausbildungsstätten für die Wirtschaft verrohen.

Komme ich denn nun nicht mehr an meine Bücher? Doch, natürlich, und zwar wie viele andere Leser auch – ich bestelle sie selbst, oft antiquarisch, und lasse sie mir zu „meiner“ Packstation schicken, wo ich sie auf dem Rückweg vom Einkauf abhole. Eine Buchhandlung würde bei diesem Prozess nur stören. Selbstverständlich, das wäre ein Einwand: Ich könnte das Buch, wenn es sich um ein Neubuch handelt, das der Zwischenhändler auf Lager hat, auch auf der Website einer kleinen Buchhandlung bestellen. Warum tue ich das nicht? Nun, abgesehen davon, dass viele Buchhandlungen inzwischen ästhetisch höchst fragwürdig kunterbunt aussehen wie Kindertagesstätten, und sich auch nicht selten so anhören, habe ich mir zwei, drei Mal diese Blicke der Buchhändlerinnen angetan, die unverhohlen die Nachricht aussendeten, dass sie mich für einen Spinner halten, einen Menschen, der „schwierige“ Literatur liest und gar noch philosophische Bücher. Da fühlte ich mich fehl am Platze, ausgegrenzt und vertrieben. Entschuldigen Sie bitte meine Empfindlichkeit!

Warum machen eigentlich die Buch-Zwischenhändler keine Buchläden auf? Aus dem gleichen Grund, warum die Anbieter von Haushaltsgegenständen und Goldschürfausrüstungen nicht auf Goldsuche gehen. Das Gold wird nämlich immer weniger, je mehr danach suchen. Klar ist das kein gutes Beispiel für den Buchhandel, alle Beispiele hinken, weswegen man am besten das Original betrachtet. Doch was ist das Original? Meiner Ansicht nach ist das Original die immer noch sehr bunte Verlagslandschaft in Deutschland, getragen vor allem von viel, sehr viel aufopferungsvoller Arbeit der Autoren und Verlage und Lektoren und Übersetzer und geschützt von der Buchpreisbindung – fiele diese, so setzten sich auf dem Markt schnell die durch, die mit einer Ware handeln, die nur zufällig Buch heißt und nicht Banane.

Ich kann mich wie die meisten Menschen sehr gut ohne Buchhändler über Bücher informieren, die noch nicht beworbene kommende Massenware mal ausgenommen – warum also, die Frage wird nicht weniger, eine Buchhandlung aufsuchen? Ab und zu gucke ich bei einem Discount-Buchhändler nach preisreduzierten DVDs, manche kaufen da regelmäßig ihre Schokolade. Es scheint allerdings, wie ich neulich mitbekam, eine Kampagne des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zu geben, die alle Menschen zum Buchhändler ihres Vertrauens und zum Buch selbst führen soll. Drei Millionen Euro hat sich der Börsenverein das angeblich kosten lassen, an Geld scheint es denen ja nicht zu mangeln, wenn ich auch ein wenig daran zweifle, ob der Name der Kampagne gut gewählt ist, nämlich „Vorsicht Buch!“ Abgesehen davon, dass die meisten Menschen davon sicher noch nichts gehört haben, sollte es, angesichts der Realität, wohl eher heißen „Vorsicht Buchhandel!“ – zu Risiken und Nebenwirkungen …

© Norbert W. Schlinkert 2013

Steglitz stellt Norbert W. Schlinkert mit „Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen“ vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Dass wir heute Norbert mitsamt dessen Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen näher kennenlernen, hatte Phyllies Kiehl aka Miss TT vorgeschlagen, die Tainted Talents pflegt.

_________________

Ich darf mich vorstellen, mich und mein Blog! Das freut mich! Ich darf Fragen beantworten. Das tue ich gerne, wirklich! So habe ich zum Beispiel auf meinem Blog, der zugleich natürlich Website ist und allerlei Literarisches und Künstlerisches beinhaltet, nur für mich allein und die Welt den berühmten Fragebogen nach Marcel Proust durchgeackert – auf die Frage nach meinem Lieblingsvogel habe ich „Donald Duck“ geantwortet, was ich vollkommen ernst meine. Man sieht schon, ich komme womöglich ins Schwadronieren, doch da ich das angeblich laut Miss TT so gut kann und eben deswegen hier von mir sprechen darf, sehe ich auch keinen Grund, mich zu beherrschen. Selbstredend werde ich also all die Fragen brav und wie gesagt gerne beantworten, den gleich zu Beginn geforderten Steckbrief aber hefte ich lieber ganz unten an, nicht damit sich die Leute bücken müssen, sondern allein deswegen, damit die Faktenlage nicht den Blick vernebelt, wo ich mich denn schon einmal vor Sie und Euch alle hinstelle. Immanuel Kant wählte, wenn ich das einmal kurz anmerken darf, als Motto für seine Kritik der reinen Vernunft übrigens noch das „De nobis ipsis silemus“, „Was uns selbst angeht, so schweigen wir“, er übernahm diesen Vorsatz von Francis Bacon, doch eben dies beherzigen naturgemäß die wenigsten Blogger (um dieses häßliche Wort einmal zu benutzen), selbst ich nicht. Nun aber zu den Fragen, denn schließlich handelt es sich um ein Interview.

Seit wann und warum ich blogge? Nun, meine Website gibt es seit September 2009, dort habe ich zunächst fortlaufende Monatsbriefe geschrieben, die mit dem Ende des jeweiligen Monats beendet und fix und fertig waren. Die Resonanz war, da sich ja niemand auf meiner Seite äußern konnte, mathematisch genau gleich Null. Mit der Bloggerei (um dieses häßliche Wort einmal zu benutzen) begann ich dann am 11. Oktober 2011. Wie war noch mal die Frage? Ach ja, warum tue ich mir und der Welt das an? Imgrunde, weil ich, und das ist die Wahrheit, literarisch und also künstlerisch arbeite und mich weder von einer Null, und sei sie kugelrund, noch von sonstigen Umständen davon abhalten lassen will, der Welt die Möglichkeit zu geben, mich und meine Arbeit zu entdecken, und natürlich ist das Schreiben in einem Blog eben auch die Sache selbst und nicht nur deren Darstellung, die ich übrigens lieber „Fabulieren“ schimpfe, wenn man mir denn schon mit Fremdwörtern kommt. Damit wäre die Frage wohl eigentlich beantwortet, ist sie aber nicht, denn ich möchte mich in Sachen literarisches Weblog auf den vielleicht größten deutschsprachigen Essayisten und Romancier berufen, nämlich Robert Musil, der ein kleines Bändchen selbst herausgab, betitelt mit Nachlaß zu Lebzeiten. Im Vorwort schrieb er, ich darf zitieren: „Warum Nachlaß? Warum zu Lebzeiten? Es gibt dichterische Hinterlassenschaften, die große Geschenke sind; aber in der Regel haben Nachlässe eine verdächtige Ähnlichkeit mit Ausverkäufen wegen Auflösung des Geschäfts und mit Billigergeben. (…): ich habe jedenfalls beschlossen, die Herausgabe des meinen zu verhindern, ehe es soweit kommt, daß ich das nicht mehr tun kann. Und das verläßlichste Mittel dazu ist, daß man ihn selbst bei Lebzeiten herausgibt; mag das nun jedem einleuchten oder nicht.“ Eben dies, das im besten Fall sofortige, vor dem eigenen Ableben stattfindende Veröffentlichen literarischer Ergüsse scheint mir also das Wesen literarischer Weblogs ganz wesentlich auszumachen, wie ich das auch in einem bescheidenen kurzen Essay, in der Kürze liegt die Würze, nicht wahr!, darlegte.

Meine Themenschwerpunkte?

Warum „schwer“? Ich denke, es ist eine besondere und im deutschen Sprachraum nach wie vor eher unterbelichtete Kunst, das Schwere leichter zu machen, als es eigentlich ist – und auch dafür ist ein Weblog gut geeignet, denke ich, denn die Schwere, die Seriösität des gedruckten Werkes fehlt ihm, wohingegen die Leichtigkeit des Gesprächs ihm zu eigen sein kann, so wie wir hier ja jetzt auch locker plaudern. Wenn man so will, ist auf die Kritik des Sokrates am Buch, am gedruckten Wort, daß nämlich ein Buch nicht antworten kann, während auf der Agora wirkliche Gespräche geführt werden können, endlich eine adäquate Antwort gefunden worden, daß nämlich heute beides im öffentlichen Raum möglich ist, das Gespräch und auch das festgeschriebene Wort. Auch einem Heraklit mit seinem „Panta rhei“, „alles fließt“, ist entgegenzuhalten, wie sehr er recht hat, wenngleich zu bedenken ist, daß eben das Fließende auch etwas zu tragen vermag. Aber ich will nicht philosophieren, das liegt mir nicht. Mein Thema jedenfalls ist die Literatur im engeren Sinne als Erzähltes und im weiteren Sinne als die Kunst, über die ich mir am meisten Gedanken mache und mit der ich emotional aber sowas von eng verbunden bin! Nächste Frage bitte!

Ich darf mich hier tatsächlich einschalten, ja!? Was treibt dich in der Literaturszene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Gute Frage, denn das (Her)Umtreiben ist ja das Wesen der Literatur, siehe Sokrates und Heraklit. Mich treibt im Moment um, erstens meinen Roman in Kürze (ein vielbesuchter Ort, scheint mir, einige verschlägt es auch nach Bälde) zu vollenden, wobei das „erstens“ Quatsch ist, denn das ist das Einzige, was mich im Moment wirklich umtreibt, schon seit ich damals (2010) den noch im Stadium der Frühreife steckenden Text während eines Aufenthaltstipendiums in Schöppingen entscheidend vorantrieb. Es handelt sich, und da mag der Eine oder die Andere all die ganzen Vorurteile mal beiseitelassen, um einen historischen Roman, der Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts verzeitigt ist; geschrieben ist er, wenn man so will, ganz im Sinne Alfred Döblins, der für den modernen Roman „Tatsachenphantasie“ forderte, was wohl auch ein Halldór Laxness so gesehen hat, wenn ich das mal anmerken darf. Jedenfalls muß das Ding raus in die Welt, auch in die des Literaturbetriebs!!! Nächste Frage, bitte.

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Vielleicht sollte ein Blogger eben dies unterlassen, nämlich sein Blog und seine Beiträge bekannt zu machen! Das wirkt so unbescheiden. Andererseits sind wir alle keine Bacons oder Kants, und ein bißchen trommeln schadet nicht, denn sonst kann man sich ja gleich den anonymen Bloggern anschließen. Ja, was tue ich also zum Bekanntwerden? Eigentlich tue ich nicht viel, wichtig aber war sicherlich, mich Litblogs.net angeschlossen zu haben, ich fragte bescheiden an und man bat mich herein, während ich ansonsten mit Klarnamen (und dementsprechender Verlinkung auf meine Seite) hier und da und auch mal recht ausführlich kommentiere, was natürlich Interesse zu wecken vermag.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Ein Blogger muß sich trauen und jedes Wegducken vermeiden, denn es ist wie beim Hindernislauf, meistens muß man über die Hindernisse hinweg, drunterher zu kriechen gildet meist nicht! Eigentliche Schwierigkeiten sehe ich nicht, Gefahren allerdings schon, denn wer sich offen äußert ist anonymen Drunterherkriechern auch schon mal ein willkommenes Angriffsziel, aber da können andere Blogger ganz andere Liedchen singen.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Da schließe ich mich ganz Alban Nikolai Herbst an, denn tatsächlich habe ich über das Bloggen und das dadurch angeregte Auftauchen im Schnittpunkt von Raum und Zeit Freundschaften schließen können, die ohne meine und der anderen Webpräsenz wohl nicht möglich gewesen wären, weil man einfach immer aneinander vorbei hätte laufen können – man stelle sich das vor, diese Lauferei!

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Ich habe ein Buch recht ausführlich auf meiner Website rezensiert, eine durchaus wichtige Wiederentdeckung einer vergessenen Autorin. Ein weiteres Buch eben dieses guten kleinen Verlages liegt hier noch, verbunden mit der eher lockeren Erwartung, etwas darüber zu schreiben, was aber noch dauern kann, denn wie gesagt, mein Roman fordert mich. Eigentlich aber würde ich eher keine Rezensionen schreiben wollen, das ist nicht so ganz mein Ding und ich weiß auch nicht, ob die Welt Rezensionen wirklich braucht – aber das kann man ja auf der Agora mal diskutieren, wenn man denn unbedingt will.

Und wie würdest du damit umgehen, wenn dir Self-Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Ich würde es nicht tun, glaube ich, doch da das ohnehin niemand machen wird, sage ich noch einschränkend dazu, vielleicht täte ich es, käme nur, auch im Falle einer nicht so positiven Rezension, ordentlich Schotter dabei raus. Sicher aber wäre es besser, so ein Werk würde mir vorher gegen Knete zum Lektorieren vorgelegt, denn dann ist die Chance auf eine Win-Win-Situation sicher größer.

Und wie hältst du es mit dem E-Book?

Sagen wir mal so: ich beurteile seit Kindheitstagen nahezu alles nach ästhetischen Gesichtspunkten unter Einsatz aller Sinne, ich rieche etwa gute Zigarren oder Whiskys/Whiskeys ebenso gerne wie richtige Bücher, frische Ölbilder, noch warme Motorradmotoren, Wald und Wiese und … das führte jetzt zu weit, ich höre gerne wunderbare Musik, lausche dem Rauschen der Bäume, sehe gerne schöne Landschaften aller Art und so weiter und so weiter. Auch ein Text, bei dem sich mir Schönes auftut, ist eine ästhetische Offenbarung, und da ist es gleich, in welcher Form er daherkommt, aber eben, eigentlich, nur fast. Mir sind die E-Books und auch die anderen Lesedinger einfach zu häßlich und ja auch nach kurzem Gebrauch oft irgendwie unschön verdreckt, sollten aber parallel zum Buch durchaus ihren Platz haben, denn gewisse Vorteile liegen ja auf der Hand, wenn ich auch auf dem Bildschirm nicht blättern, sondern lesen will wie bei einer Schriftrolle, so wie das im Netz ja eigentlich (noch) üblich ist – vielleicht gibt es ja dafür bald so kleine Scrollrädchen an den E-Books, das fände ich stimmiger. (Oder gibt’s das schon?) Wichtig erscheint mir noch, und das finde ich sehr gut, daß das E-Book das Veröffentlichen von Texten wahrscheinlicher macht, die ansonsten etwa der „falschen“ Länge wegen nicht veröffentlicht würden.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Wer als nächstes hier zu Wort kommen soll, das war mir sofort klar, nämlich Andreas Wolf mit seinem Sichten und Ordnen , ein Blog, das ich sehr mag, weil dort Literatur unverkrampft und klar im besten Sinne des Wortes erscheint, mal als lesenswerte kleine Geschichte und mal gesprächsweise. Jetzt kann ich noch fünf Blogs empfehlen, oder? Oje. Auf meiner Website steht „Ich lese übrigens in den folgenden Blogs und empfehle sie ausdrücklich.“ Allesamt haben sich bei SteglitzMind bereits vorgestellt. Nämlich: Phyllies Kiehl aka Miss TT mit Tainted Talents, Alban Nikolai Herbst mit Die Dschungel. Anderswelt, Jutta S. Piveckova aka Melusine Barby mit Gleisbauarbeiten und Guido Rohm mit Guido Rohms gestammelte Notizen.

Sichten und Ordnen steht da natürlich auch noch. Jedenfalls bleibe ich bei diesen Empfehlungen und verweise einfach auf die Empfehlungen dieser Blogbetreiber:innen und möchte überhaupt sagen, daß das Selbersuchen oft lohnt. Sódele!

Nix mit sódele! Es fehlt noch dein Steckbrief…

Ach ja, hatte ich vollkommen vergessen. Okay, ich versuch’s. Voilà!

Steckbrief:

Geboren wurde Norbert W. Schlinkert in Schwerte im wunderbaren Jahr 1964; er vollbrachte in jungen Jahren eine Tischlerlehre und holte sich wenige Jahre darauf das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, studierte wiederum Jahre später Kulturwissenschaft / Ästhetik und Theaterwissenschaft / Kulturelle Kommunikation an der Humboldt-Universität zu Berlin, veröffentlichte 2005 seine Studie Wanderer in Absurdistan. Novalis, Nietzsche, Beckett, Bernhard und der ganze Rest (Königshausen & Neumann) und wurde 2009 mit seiner Studie Das sich selbst erhellende Bewußtsein als poetisches Ich. Von Adam Bernd zu Karl Philipp Moritz, von Jean Paul zu Sören Kierkegaard promoviert; das Buch erschien Ende 2010 im Wehrhahn-Verlag. Hier und da kam es zu kleineren literarischen Veröffentlichungen, etwa story banal (1998) oder Das Wannenbad (Kurzgeschichte; in: SIC, Zeitschrift für Literatur Nr. 4, 2009). Im Jahr 2010 wurde ihm für sein Romanprojekt ein Aufenthaltsstipendium des Künstlerdorfes Schöppingen zugesprochen. Seit Oktober 2011 ist sein literarisches Weblog Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen auf Sendung und Empfang gestellt.

So, da stecke ich also! Ich würde aber noch gerne, da ich ja auch lange intensiv als bildender Künstler unterwegs war, ein kleines Objekt präsentieren, das sozusagen am Schnittpunkt meiner Interessen und Leidenschaften entstanden ist und bis heute eines meiner liebsten Kunstwerke darstellt. Es heißt schlicht Poesie, und so sieht es aus.

Poesie, 1996, 20 x 30 x 10 cm, Holz, Papier, Streichholzschachteln, © Norbert W. Schlinkert

Poesie, 1996, 20 x 30 x 10 cm, Holz, Papier, Streichholzschachteln, © Norbert W. Schlinkert

____________________________________________________________________________________________________

Wer auf Norberts Roman neugierig geworden ist, kann sich hier kundig machen.

Zuletzt stellte sich Sophia Mandelbaum mit Ze Zurrealism itzelf vor. Ihr Wunsch-Interviewpartner war Stefan Mensch. – Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier

Steglitz stellt Miss TT mit „Tainted Talents“ vor

Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber wiederum eingeladen werden, sich den Fragen zu stellen. Das ist Ziel der losen Interview-Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“, deren Intentionen ich anderenorts detaillierter erläutert habe.

Tainted Talents ist ein Blog unter jenen Zehn, die im bisherigen Verlauf der Gesprächsreihe zwar mehrfach Lob auf sich vereinen konnten, aber noch keine Gelegenheit erhalten haben, sich vorzustellen. Anlässlich der 50. Folge von „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“ habe ich diese Bloggerinnen und Blogger eingeladen, hier mitzutun. – Ich freue mich sehr, dass sich Miss TT heute vorstellt und sage für ihren Beitrag nebst Zeichnungen: danke sehr, danke vielmals …

________________________________________________________________________________________________

Miss TT ist konziliant, bequemlichkeitsheischend und offen vergrübelt. Sie zeichnet oft kleine Tiere und Pikantes, meistens in Tusche, und nur, wenn etwas weder Tier noch pikant ist, verwendet sie Buchstaben. Deswegen gibt es Tage, an denen kein Text entsteht, weil, in diese beiden Kategorien lässt sich doch sehr vieles fassen.

Sie lehrt auch. Ihre Schreibworkshops sind berüchtigt, werden aber dennoch (oder gerade deswegen) seit Jahren immer wieder von Sinnstiftungen gebucht, vermutlich, um welchen zu.

Im Übrigen schätzt sie Klammern, den Einzelgang und Tainted Talents, ihr virtuelles Ateliertagebuch. Auftritte nur, wenn sie dafür bezahlt wird. Hat gehörig Respekt vor Verausgabung, meidet Live-Acts mit Kommunikationsjunkies, liebt Botenstofftrips, lebt dünnhäutig, verschwenderisch, stemmt Hanteln, umgibt sich mit Menschen, die gute Geräusche erfinden, schreibt auf Zettel. Am liebsten allein, manchmal mit Spezialisten. Gute Menschenkenntnis, von der niemand etwas hat, weil sie sich am liebsten vergräbt.

Wird nie unterschätzt, außer von sich selbst, von Selbst dafür aber ständig.

© Tainted Talents

© Tainted Talents / Phyllis Kiehl

Sie „bloggt“ nicht.

Stattdessen führt sie dieses Ateliertagebuch, irgendwer muss es ja tun, denn, man erfährt selten etwas von Künstler:innen, außer dem, was diese für blickdicht und imagefördernd halten. Solcherlei Masquerade läge Miss TT (natürlich) völlig fern, zumal sie fest glaubt, dass Schöpferische der Kür verpflichtet sind, sich mit der Welt zu vermischen. Da sie selbst starke Marktallergien pflegt, liegt es nur nah, diese Vermischung im Netz herbeizuführen: sie ist nicht vor Ort, sondern selbst einer. Auf TT versucht sie sich in durchaus zärtlich bebilderten Ablenkungsmanövern, geschnitzten Deckelchen für die Wucht des Tatsächlichen.

Tatsache ist, eine Weile geht so etwas gut. Doch irgendwann wird diese fehlende Übereinstimmung zwischen Selbstwahrnehmung und Außendarstellung zur Relativierungsfalle. Fällt sie in eine solche, wird sie mitunter, ohne Vorwarnung, verdammt deutlich.

© Tainted Talents

© Tainted Talents / Phyllis Kiehl

 „ – Themen?“

Kunstschaffen, Körper, Tiere. Hürden. Aufladungen. Trainingseinheiten, phy- und psychisch. Schreiben als Sprechersatz. Der weibliche Blick. Initiationsprozesse: ge- und misslingende. Anfänge. Settings. Handlungsanweisungen. Poetisierungen. Selbstbilder und Rollenspiele mit Einladungscharakter. Exzentrik und Akzente. (Wann kam eigentlich das Wort „freischaffend“ aus der Mode?)

Ihre eigenen Romane „Fat Mountain Scenes“ und „Fettberg“ gehören, obwohl ordentlich verlegt, weder Szenen noch Betrieben an. (Stattdessen ist, zum Beispiel, „Fettberg“ seit 2013 Schullektüre an einer hessischen Oberstufe. Ha! Ansonsten sind ihr Szenen schnuppe.)

Miss TT bevorzugt szeneunabhängige Minds und findet diese mehr auf benachbarten Netzrepräsentanzen als auf der Straße. Ist troy, lässt sich aber häufig verführen, vorzugsweise von Hochbegabten, Spinnern und Exzentrikern beiderlei Geschlechts. Um bei den weiblichen zu bleiben: Sie mag die spleenige >>> Sabine Scho, die merkwürdig assoziierende >>> Aimee Bender und den wütend präzisen Blick der >>> Melusine B. Sie mag n i c h t: Lagerbildung. Den Disput um die vermeintliche Nichtqualität von Netzliteratur, der meistens nur davon zeugt, wie stark die Kamele inzwischen überhand genommen haben, die durch kein Öhr mehr wollen.

© Tainted Talents

„auf das Scheiß Öhr“ © Tainted Talents / Phyllis Kiehl

Sie lässt regelmäßig von sich hören und sehen, würdigt Kommentare, spricht darüber, gerne auch mit ihren Seminarteilnehmer:innen, um diese locker zu machen. Ansonsten läuft es ähnlich wie im Offline: regelmäßig kommentierende Stammgäste (die mit der Zeit nicht selten zu Komplizen werden), dazu die Mehrheit schweigender Mitleser:innen, die nur das Wort ergreifen, wenn sie sich thematisch angesprochen fühlen. Blogroll? Keine. Miss TT stellt sich immer vor, wie enttäuschend es für diejenigen sein muss, die ihren Blog dort nicht wiederfinden. Tainted Talents hat sich über gezielte Erwähnungen von Mitblogger:innen verbreitet; einen höheren Bekanntheitsgrad würden weder Miss TT noch ihre übrigen Persönlichkeitsfacetten sonderlich gut aushalten.

© Tainted Talents

„Die guten Stimmen kommen immer nur aus dem Off“ © Tainted Talents / Phyllis Kiehl

„- Tabus?“

Nichts sollte er sein lassen, der Blogger, und die Bloggerin schon gar nicht! Wer, wenn nicht unsereins, ist denn noch einigermaßen unchained? Miss TT plädiert für Aufladungen. (Ohne das selbst konstant gewährleisten zu können.)

© Tainted Talents

„solange sich das Ei nicht vom Arschloch löst, hilft alles Brüten nicht“ © Tainted Talents / Phyllis Kiehl

Es gibt keine Hürden beim Bloggen, die nicht alle anderen Selbstdenker:innen auch nehmen müssten: eigenwillige Formen finden, Kontinuität, individuelles Stehvermögen entwickeln, nichts allzu persönlich nehmen, was an Reaktionen zurückkommt. Vieles ist Projektion; auch die ausgewiesen authentischen Blogs werden von Gästen immer (und mit Recht!) zugunsten eigener Prozesse, Sehnsüchte und Befindlichkeiten instrumentalisiert – mitsamt der Person, die dahinter steht. Wer das weiß und gerade um seiner seltsamen, oft sehr positiven Energieübertragungen willen schätzt, kann sich der Öffentlichkeit getrost stellen. Nebenwirkungen, wie überall, nicht ausgeschlossen.

Das Schönste sind die schnellen Reaktionen der Anderen. Gleich gültig, ob positiv oder ablehnend: die Unmittelbarkeit. Ihre großartige Unvollständigkeit, das Fiebrige daran. Mit so vielen Variablen immer wieder neue Situationen zu bauen, Initiatorin zu sein.

Rezensionsexemplare bietet bislang niemand an, weil ich nicht rezensiere, das können andere besser. (Glaubt Miss TT. Ich selbst würde mir das durchaus zutrauen, habe aber, anders als sie, ein Unschärfeproblem. Das gilt ebenso für Titel, die mir von Self-Publishern angeboten würden.)

© Tainted Talents

© Tainted Talents / Phyllis Kiehl

Meine Mutter liebt E-Books, weil ihr Haus von Papierbüchern bereits überquillt und sie auf ihrem Reader die Schrift groß stellen kann; das reicht mir zunächst als E-xistenzberechtigung. Schade nur, dass das voyeuristische Element dabei verloren geht: Miss TT und ich gucken immer zuerst ins Bücherregal, wenn wir eine fremde Wohnung betreten.

Einige Empfehlungen zum Schluss: Viele unserer Inspirationsblogs haben wir bereits bei SteglitzMind erwähnt gefunden. Der Neugier, die bibliophile Grenzen überschreitet, seien folgende weitere ans Herz gelegt: Norbert W. Schlinkert mit seinen Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen. (Der meines Erachtens auch als weiterer Gesprächspartner geeignet wäre, weil er so gut schwadronieren kann.) Außerdem: Die zarte Iris mit ihren Blütenblättern, der Dichter Helmut Schulze mit Parallalie, die unverwechselbare Sophia Mandelbaum mit  Ze Zurrealism itzelf und der Insulaner Rittiner Gomez mit seinem Logbuch Isla Volante.

So. Habe fertig.

© Tainted Talents

© Tainted Talents / Phyllis Kiehl

___________________________________________________________________________________________________

Zuletzt stellte sich Bianka Boyke mit jungesbuch vor. Ihre Wunsch-Interviewpartnerinnen waren Evelyn mit Dreaming till Midnight und Filo mit Filos Bücheruniversum. – Eine Übersicht, wer bereits alles Rede und Antwort stand und welche Blogs in den jeweiligen Gesprächen empfohlen wurden, findet sich hier