„Der Begriff ‚Leseland‘ müsste neu aufgerollt werden.“ Gespräche mit ehemaligen Volksbuchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Entwicklung des DDR-Buchhandels und dessen Strukturwandel infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Nachdem uns Heike Wenige und Holger Brandstädt einiges haben wissen lassen, teilt nun Maritta Tanzer ihre Erinnerungen. Sie kam 1961 als Lehrling zum volkseigenen Buchhandel und ist bis zu ihrem Renteneintritt im Jahr 2007 eine Buchhändlerin aus Leidenschaft geblieben.

Frau Tanzer, im ersten Teil unseres Gespräches (den man hier nachlesen kann) haben wir u.a. auch darüber gesprochen, welche Titel im Sortiment häufig gefehlt haben. Was ging bei Ihnen wie „geschnitten Brot“?

Doppelbödige Texte. Sozialistische Gegenwartsliteratur, die versteckte Kritik übte, die ging „wie geschnitten Brot“, auch „unter dem Ladentisch“ weg. Hermann Kants „Aula“, Christa Wolf, Brigitte Reimann, K.H. Jacobs, die Strittmatters, um hier nur einige gängige Autoren aus meinen Anfangsjahren im Buchhandel zu nennen. Unvergesslich bleibt mir die Leipziger Herbst-Buchmesse im Jahr 1965. Vor dem ehemaligen Buchmessehaus am Alten Markt habe ich gemeinsam mit Erik Neutsch dessen Neuerscheinung „Spur der Steine“ verkauft. Etwa 200 Exemplare (natürlich mit Autogramm) gingen binnen kurzer Zeit weg. Das wäre heute ein Traumergebnis – und das mit Literatur, die im Zuge des Bitterfelder Weges entstanden ist.

War das alles nur „unter dem Ladentisch“ zu haben?

Kants „Aula“, 1965 erschienen, war anfangs sehr gefragt, später aber fast immer im Sortiment vorrätig. Auch Strittmatters Bücher gab es nicht nur unter dem Ladentisch – doppelbödig und aufregend war von ihm eigentlich doch nur „Ole Bienkopp“, erstmals 1963 erschienen. Doppelbödig war Christa Wolf. Nehmen wir beispielsweise ihren 1976 erschienenen Titel “Kindheitsmuster“, in dem der ganz normale Alltag im Nationalsozialismus ein Thema war. Erstmals in der DDR-Literatur war das ein Thema. Oder ihre „Kassandra” aus dem Jahr 1983 – die ersten Auflagen von diesem Buch gab es tatsächlich nur unter dem Ladentisch. Meine eigene “Kassandra”-Ausgabe hat eingeklebte Streifen. – Ich hatte mir die geschwärzten Stellen besorgt, abgeschrieben und in meine DDR-Ausgabe eingeklebt. Doppelbödige Texte, die sehr gefragt waren, gab es allerdings nicht nur bei der deutschen, sondern in der Perestroika-Zeit eher noch bei der sowjetischen Literatur. Da waren auch die Kinos zur “Woche des sowjetischen Films” rammelvoll. Daniil Granins „Sie nannten ihn Ur“ bekam man 1988 nur unter dem Ladentisch.

Sie haben ganze Passagen aus Büchern abgeschrieben?

Ich habe vieles abgeschrieben, ganze Bücher. Biermanns “Drahtharfe”, 1965 bei Wagenbach in West-Berlin erschienen, habe ich komplett in einer Nacht kopiert, weil ich das Buch am nächsten Tag an eine Ausstellerin aus der BRD zurückgeben musste.

Welche Möglichkeiten haben Sie darüber hinaus genutzt, um an Bücher zu kommen, die der Zensur zum Opfer gefallen waren?

Maritta Tanzer bei der Inventur © privat

Maritta Tanzer bei der Inventur (nach der Wende) © privat

1963 war bei „Volk und Welt“ erstmals Jewtuschenko erschienen – ein Gedichtband. Mir ist es mit Jewgeni Jewtuschenko ähnlich ergangen wie mit Wolf Biermann. Ich fand seine Texte faszinierend aufmüpfig. Wegen dem darin enthaltenen Gedicht „Babi Jar“, in dem Jewtuschenko dem Massenmord an Kiewer Juden im Jahr 1941 gedenkt, wurde der Titel einige Tage später eingezogen und auch aus den Bibliotheken entfernt. Leider waren die zwei, drei Exemplare, die wir von der Auslieferung erhalten hatten, bereits am ersten Tag verkauft. Ich hatte das Buch, aus welchen Gründen auch immer, leider verpennt. Zum Glück hatte ich damals eine Freundin an der Theaterhochschule, die es aus der dortigen Bibliothek ausgeliehen hatte, bevor es aus dem Bestand entfernt wurde. Es ging “verloren“ und musste deshalb von meiner Freundin bezahlt werden. Bis heute steht es mit Bibliotheksstemmpel in meinem Bücherschrank. Anderenfalls wäre es sicher eingestampft worden.

Wie lief das mit Titeln aus dem sogenannten nicht-sozialistischen Ausland?

Die Devisen, die nötig gewesen wären, um Rechte von westlichen Verlagen zu bekommen, waren ja mehr als beschränkt. Viele Kinderbücher und moderne Autoren konnten auch aus diesem Grund nicht oder nur in geringen Auflagen erscheinen. „Pippi Langstrumpf“ erschien in der DDR einmal in einer kleinen Taschenbuchausgabe. Wir erhielten sie so gekürzt, dass es gerade einmal für die Kinderbibliothek und die eigenen Kollegen mit Kindern oder Enkeln gereicht hat. Ähnlich war es zum Beispiel mit Büchern von Erich Kästner.

Wie sind Sie dennoch an Bücher von West-Verlagen gekommen?

In den Internationalen Buchhandlungen ließen sich manchmal Autoren aufstöbern, deren Rechte westliche Verlage innehatten. Der Sowjetunion war, wie Sie vielleicht wissen, das Copyright ziemlich wurscht. Über diesen Umweg konnte man an Titel in deutscher Sprache gelangen (meist lediglich mit einem russischsprachigen Vorwort versehen), die in der DDR nie erschienen wären. Ich besitze zum Beispiel Ausgaben von Remarque. Dessen Roman „Im Westen nichts Neues“ wurde im Original in der DDR ja erst 1989 veröffentlicht.

Entdeckergeist und Erfindungsreichtum waren demnach vom Buchhändler im starken Maße gefragt?

Wenn ich von mir und meinen langjährigen Kolleginnen ausgehe: Wir hatten immer viel Freude daran, lesbare Bücher für unsere Kunden aufzustöbern. Viele dieser Bücher, die vor der Wende oft, leider nicht immer, im Laden standen, sind heute vom Markt verschwunden. Diese Kostbarkeiten haben wir über die Jahre gehegt und immer wieder gerne verkauft. Eines davon ist heute noch mein Lieblingsbuch, nämlich „Der Fremde von Barra“ vom kanadischen Autor Fred Bodsworth. Die deutsche Übersetzung ist 1965 im Aufbau Verlag erschienen und leider nur noch antiquarisch erhältlich.

Der Bestand an lieferbaren Titeln war so übersichtlich, dass wir ausreichend Zeit für die Suche nach besonderen Büchern hatten. Und da gab es, wie heute auch, einige Entdeckungen zu machen, die man dem Kunden gerne vermittelte. Das war immer sehr schön für uns, wenn sich Kunden beraten lassen wollten. Neben den von ihnen angesprochenen Ladenhütern, gab es durchaus Nischenprodukte. Zum Beispiel aus dem LDPD-Verlag „Buchverlag Der Morgen“, die wir gern empfohlen haben. Wie viele andere DDR-Verlage existiert dieser Verlag heute auch nicht mehr.

Was ging nur mäßig über die Ladentheke?

Natürlich standen Bücher zur Geschichte der Arbeiterbewegung (Gotsche, Bredel und andere Namen), aber auch geförderte, mittelmäßige Autoren, die alle schon in der x-ten Auflage erschienen waren, wie Blei im Regal. Das betraf in erster Linie die Bücher aus dem Mitteldeutschen Verlag. Wir mussten Buchlaufkarten führen, um die Titel im Blick zu behalten und den Verkauf nachzuweisen. Abgesehen von einem gewissen Grundsortiment aus dem Dietz-Verlag hatten wir die Regale übrigens nie voller unverkäuflicher Literatur. Dabei halfen auch die Buchlaufkarten. Meiner Erinnerung nach gab es eher Zeiten, wo wir mangels Masse viele Bücher frontal gestellt haben.

Buchlaufkarten – ein Mittel zur Kontrolle?

Mittels der Buchlaufkarten sollten diese Titel immer wieder nachbestellt werden und am Lager gehalten werden. In Leipzig kamen regelmäßig zwei Autoren in die Buchhandlung, um zu kontrollieren, dass ihre Bücher auch im Sortiment standen – Hildegard Maria Rauchfuss und Ferdinand May (der Vater von Gisela May). Die haben sich dann beim Verlag beschwert, wenn sie ihre Bücher nicht im nicht Sortiment gefunden haben.

Die Leipziger Buchhandlung „Am Neumarkt“ war zu Ihrer Zeit Testbuchhandlung des Staatsverlags. Erhoben wurden dort Daten für die Programm- und Auflagenplanung.

Ja, genau. Die Volksbuchhandlung „Buch und Kunst“ in Dresden, wo ich meine buchhändlerische Lehre absolviert habe, war sogar für zwei Verlage Testbuchhandlung: Für den Verlag Bauwesen und den Transpress-Verlag für Verkehrswesen. Übrigens hatten nur die Testbuchhandlungen das vollständige Sortiment des jeweiligen Verlages vorrätig zu halten. In Leipzig, in der Buchhandlung “Am Neumarkt“, waren es der Verlag Wirtschaft und der Staatsverlag. Später in Freiberg dann der Verlag für Grundstoffindustrie. Etliche Titel dieses Verlages werden heute antiquarisch gesucht, weil es nichts Besseres für bestimmte Spezialgebiete gibt.

Wie war das mit der Parteiliteratur?

Die Genossen, die in den Betrieben die unselige Parteiliteratur verkaufen mussten, waren schon bemitleidenswert. Denn irgendwann hatten ihre Mitgenossen weder die Lust, das Zeug zu lesen, noch den Willen, es zu bezahlen, auch wenn es sich nur um Pfennigbeiträge handelte. Die Bestände stauten sich dann in den Buchhandlungen, was den Warenbestand belastete.

Zu DDR-Zeiten war das Buch nicht nur eine begehrte Ware, sondern auch ein beliebtes Tauschobjekt…

Der Begriff „Leseland DDR“, mit dem sich der Staat gerne geschmückt hat, müsste für meine Begriffe neu aufgerollt werden. Viele Kunden haben rare Titel bestellt, ob sie die je gelesen haben, weiß ich nicht. Für viele (nicht alle) waren Bücher Statussymbole oder auch Geldanlagen als Ersatz für Dinge, die sie sowieso nicht kriegen konnten (wie etwa Reisen, Konfektion, Elektronik). Mangels anderer Alternativen waren Bücher natürlich auch Geschenkartikel. Für uns Buchhändler – auch nicht für alle – waren sie bisweilen auch Tauschobjekte. Ja, irgendwann benötigten auch unsere Kinder einen neuen Anorak oder Vitamine im Winter. Und nach Ladenschluss war das eben nicht mehr zu bekommen.

Meine Skizze wirft mehr Fragen auf als sie Antworten geben kann. Wo haben Sie besonders viele Fragezeichen gesetzt?

Einige Punkte habe ich ja bereits angeschnitten. Besonders aufgestoßen ist mir, dass die Skizze den Eindruck erweckt, als sei der Alltag des Buchhändlers in der DDR freudlos gewesen. Trotz der geringen Auswahl, die es gab, und trotz aller Widrigkeiten, die ich erlebt habe, hat der Beruf des Buchhändlers in der DDR Spaß gemacht. Wir haben beileibe nicht den ganzen Tag an Partei und Regierung gedacht. Ich meine, dass Sie das in Ihren Ausführungen zu verbissen sehen. Ein wichtiger Grund ist zudem, dass die Kollegen sich lange kannten, über viele Jahre hinweg (in der Akademischen Buchhandlung in Freiberg sogar bis heute) zusammengearbeitet haben und viele Schwierigkeiten auch mit Humor umschifften. Ich glaube, solche „Kollektive“, wie sie in der DDR gang und gäbe waren, sind heute rar. Ich sehe nicht, dass wir damals groß gelitten hätten.

Auf jeden Fall möchte ich Ihnen vermitteln, dass ich (wie viele meiner Kolleginnen) trotz aller Widrigkeiten mit Leib und Seele Buchhändler war. Wenn wir uns heute treffen, sprechen wir weniger über die Schwierigkeiten, sondern eher über sehr lustige Weihnachtsfeiern, Wanderungen, Betriebsausflüge, die es so heute nicht mehr gibt. Und die – auch wenn angeordnet gewesen war, darüber einen Artikel für das Brigadetagebuch zu verfassen – ungeheuer Spaß gemacht haben.

Gibt es etwas, was Sie aus dem DDR-Buchhandel gerne in die Bundesrepublik „rübergerettet“ hätten?

Maritta Tanzer beim Verkauf © privat

Maritta Tanzer beim Verkauf (nach der Wende) © privat

Während meiner Zeit in der „Akademischen Buchhandlung“ existierte ein System von monatlichen Ausstellungen, die in den jeweiligen Speiseräumen der Betriebe in und um Freiberg herum stattfanden. Jeder Kollege war für zwei Betriebe zuständig. Für die Ausstellungen wurde monatlich Literatur gesammelt. Nur so konnte möglich gemacht werden, dass die Beschäftigten in den Betrieben wenigstens begrenzt zu Büchern kamen, die sie im Laden nie gesehen hätten. Der Andrang in der Mittagspause war immer irre. Und die Hemmschwelle für viele, die nie eine Buchhandlung betreten hätten, war beseitigt.

Fächer, in denen Bücher gesammelt wurden, existierten bei uns auch für die sogenannten Vertriebsmitarbeiter, für die ich in der „Akademischen Buchhandlung“ verantwortlich gewesen bin. Wir hatten circa 70. Das waren literaturinteressierte Mitarbeiter in Betrieben, Schulen, Instituten und Bibliotheken, aber auch in den umliegenden Dörfern, die Bücher im Namen unserer Buchhandlung verkauften. Dafür bekamen sie eine Aufwandsentschädigung. Bei uns waren es zehn Prozent. – Ich weiß, dass all diese Dinge im heutigen Buchgeschäft weder praktikabel noch nützlich wären. Ich möchte Ihnen anhand dieser Beispiele lediglich einige Besonderheiten des DDR-Buchhandels vor Augen führen.

Was stößt Ihnen im Vergleich zur DDR beim heutigen Literaturbetrieb auf?

Die Titelflut mit unendlich viel Müll, die Fokussierung auf die Bestsellerlisten, die Rückgabe vom Hardcover nach nur sechs Monaten, die Unmengen von Remittenden, besonders im Taschenbuchbereich, empfinde ich aus ökonomischer Sicht ähnlich wie das Entsorgen der überflüssig gewordenen Literatur in den stillgelegten Braunkohletagebau Espenhain um die Wendezeit. Man braucht Zeit zur Sortimentspflege, d.h. längere Verweildauer belletristischer Titel im Sortiment, damit sich der Buchhändler vertraut machen kann mit dem, was er verkaufen will. Und die Riesenbuchhandlungen, deren Sortimente die Leute fast erschlagen, sind auch nicht das, was ich mir als Buchhändler mal erträumt habe.

Liebe Frau Tanzer, herzlichen Dank für diesen Einblick. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir im Gespräch blieben.

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Maritta Tanzer (geb. 1944) absolvierte zwischen 1961 und 1964 ihre buchhändlerische Lehre in der Volksbuchhandlung „Buch und Kunst“ in Dresden. Bis in die heutigen Tage wird ihr damaliger Chef, Hans Führer, von den Ehemaligen als Vaterfigur verehrt. 1964 wechselte sie nach Leipzig in die Volksbuchhandlung „Am Neumarkt“, die 1967 mit der „Hinrichs’sche Buchhandlung“ zusammengelegt wurde. Neben ihrer Tätigkeit als Lehrausbilderin war sie dort für die Belletristik und das Kinderbuch zuständig.

Nach Differenzen mit der Bezirksdirektion des Leipziger Volksbuchhandels kam sie 1968 als Referentin bei der Abteilung Buchmarktforschung beim Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel (LKG) unter. 1969 schloss sie ein vierjähriges Fernstudium an der 1957 gegründeten „Fachschule für Buchhändler“ in Leipzig-Leutzsch ab, die seit 1960 berufsbegleitende Fernstudiengänge möglich machte. Die Schule war damals im selben Gebäude wie die „Fachschule für Bibliothekare Erich Weinert“ untergebracht war, die Lehrpläne und Dozenten waren jedoch andere. Die Fusion zur „Fachschule für Bibliothekare und Buchhändler Erich Weinert“ erfolgte 1985. Die Abschlüsse wurden erst weit nach der Wende vom Kultusministerium als Fachhochschulabschluss anerkannt.

1972 Umzug nach Freiberg, wo Maritta Tanzer zunächst in der Hochschulbibliothek der Bergakademie arbeitete. 1978 wechselte sie zur „Akademischen Buchhandlung für Montanwissenschaften“, bei der sie bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 2007 für die Ausbildung der Lehrlinge, die Betreuung der Vertriebsmitarbeiter sowie für die Sortimente Belletristik und Kinderbuch verantwortlich war.

 

„Die Wahrheit liegt – wie bei der ganzen DDR-Geschichte – irgendwo dazwischen.“ Gespräche mit ehemaligen Volksbuchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Entwicklung des DDR-Buchhandels und dessen Strukturwandel infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Nachdem uns Heike Wenige und Holger Brandstädt einiges haben wissen lassen, teilt nun Maritta Tanzer ihre Erinnerungen. Sie kam 1961 als Lehrling zum volkseigenen Buchhandel und ist bis zu ihrem Renteneintritt im Jahr 2007 eine Buchhändlerin aus Leidenschaft geblieben.

Wie hat mein Versuch auf Sie gewirkt, die Geschichte des DDR-Buchhandels zu rekonstruieren?

Wie Sie richtig festgestellt haben, ist die Geschichte der DDR-Verlage wesentlich besser aufgearbeitet. Insofern ist das Vorhaben, die Geschichte des Buchhandels rekonstruieren zu wollen, lobenswert. Allerdings scheint mir, dass Sie die Entwicklungen zu theoretisch erfassen. Das heißt zu sehr aus dem Blickwinkel der Partei, respektive wie wir Buchhändler funktionieren sollten, nicht immer funktionieren wollten und schlussendlich doch funktioniert haben. Die Planerfüllung, die Einhaltung des vorgegebenen Warenbestandes, ein gutes Inventurergebnis lagen ja insofern in unserem Sinne, dass wir die Monatsprämien alle gut brauchen konnten. Also, die Wahrheit liegt – wie bei der ganzen DDR-Geschichte – irgendwo dazwischen. Mit pauschalen Urteilen kann ich mich nicht anfreunden.

Würden Sie meiner These zustimmen, dass die Buchhändler in der DDR mitunter recht eigensinnig gewesen sind?

Richtiger müsste es wohl heißen, dass die meistens Buchhändler nicht nur eigensinnig, sondern auch kreativ waren. Das waren sie, um die (ja, die restriktiven) Planaufgaben zu erfüllen. Aber nicht etwa, um dem Staat einen Gefallen zu tun, sondern um zur monatlichen Umsatzprämie zu kommen. Unsere Gehälter waren (und sind es auch nach der Wende noch) an der Untergrenze!

Mögen Sie das ein wenig ausführen?

Maritta Tanzer © privat

Maritta Tanzer © privat

Beispielsweise behaupten Sie in Ihrer Skizze, dass die Schaufensterauslagen der Buchhandlungen wegen fehlender Dekomaterialien zeitweilig leer geblieben seien. Gemüsegeschäfte und andere Läden, deren Fenster nicht gerade liebevoll gestaltet beziehungsweise leer waren, kenne ich aus der DDR. Im Buchhandel habe ich derartiges NIE erlebt. Um die Schaufenster aufzumöbeln, haben wir viele Deko-Elemente selbstgemacht. Aufgrund der vielen Mängel waren wir (wie jeder andere DDR-Bürger auch) im Beruf immer sehr einfallsreich und haben bei der Schaufenstergestaltung auch aus Nichts etwas gemacht. Das war übrigens bereits während der Lehrzeit ein Thema. Während meiner Lehre bei „Buch und Kunst“ in Dresden haben wir beispielsweise einmal eine größere Menge von „Klamanns Puppentheater“ erhalten, einem damals sehr begehrten und seinerzeit recht freizügigen Comic aus dem Eulenspiegel-Verlag. Wir haben das ganze Fenster von innen schwarz verklebt und nur ein Guckloch gelassen. Vor dem stauten sich die Passanten. Die Lehrlinge der Buchhandlung „Gutenberg“ haben sogar einmal im Schaufenster Theater gespielt …

In der Buchhandlung „Am Neumarkt“, die ich ab 1965 geleitet habe, gab es sechs kleine Schaufenster. Es fiel nicht immer leicht, die zu bestücken, aber Ideen waren immer da. Für das Kinderbuchfenster lieh ich vom Spielwarenladen nebenan Blickfänge aus und für das Messefenster in der „Hinrichs’schen“ Kunstgegenstände aus dem Grassi-Museum.

Meint das, dass man bei der Gestaltung der Schaufenster alle Freiheiten hatte?

Nicht ganz. Bei der Schaufenstergestaltung in Leipzig (besonders in der Innenstadt) und vorrangig zur Buchmesse war zu beachten, dass auch nur im Entferntesten politisch anstößige Bücher nicht ins Fenster kamen. Ich erinnere mich, dass 1968 am Morgen vor Eröffnung der Herbstmesse eine Kommission der Bezirksdirektion des Volksbuchhandels durch die Innenstadt lief, um die Auslagen in den Schaufenstern kritisch in Augenschein zu nehmen. Ich musste damals den Stadtplan Prag aus dem Fenster nehmen!!!

Heutzutage stellen Verlage den Buchhandlungen reichlich Dekomaterial zur Verfügung …

Von den DDR-Verlagen selbst kamen höchstens Plakate, die wir selbst aufgezogen haben. Was es von ihnen außerdem gab, waren nachbestellbare Schutzumschläge für die lieferbaren Titel. Dadurch sollte gewährleistet werden, dass die Bücher, die länger im Sortiment standen, nicht abgegriffen aussehen (Einschweißen war ja noch nicht üblich). Das ist ja heute nicht mehr nötig, weil die Hardcover höchstens solange im Sortiment stehen, bis das Taschenbuch erscheint. Ich frage mich manchmal, was aus den ganzen Remittenden wird!

Wo haben Sie Ihre buchhändlerische Lehre absolviert?

Die theoretische Ausbildung erfolgte an der „Deutschen Buchhändler-Lehranstalt“ in Leipzig. Wir waren dort internatsmäßig untergebracht und 4 x 4 Wochen im Jahr vor Ort. In der Schule existierten zu meiner Zeit übrigens noch getrennte Klassen für Volksbuchhändler und Privatbuchhändler. Die Dresdner Volksbuchhandlung „Buch und Kunst“, in der ich zwischen 1961 und 1964 gelernt habe, war mit über 20 Lehrlingen und je einem Lehrausbilder für jede Abteilung (Fachbuch, Belletristik, Bestellwesen, Werbung usw.) die Lehrbuchhandlung für den Bezirk Dresden. Alle vier Wochen wurde die Abteilung gewechselt und ab dem zweiten Lehrjahr erfolgte ebenfalls jeweils für vier Wochen eine Ausbildung in Spezialbuchhandlungen. Dazu gehörten das Antiquariat, das „Internationale Buch“, die zentrale Buchhaltung und für den naturwissenschaftlich-technischen Bereich die Buchhandlung der Technischen Universität Dresden.

Stichwort „ES Schneider“ …

Genau. Leiter der Buchhandlung der TU Dresden war der damals schon legendäre Walther Schneider – genannt „ES-Schneider“. Sein Verdienst war die „Einheitliche Systematik“, die er Ende der 1950er entwickelt hat, um für alle Volksbuchhandlungen eine einheitliche Sortierung zu ermöglichen. Das war für die Fachbuchhandlungen besonders wichtig. Bei der von ihnen in der Skizze erwähnten „Dresdner Kartei“ handelt es sich übrigens nicht um die „Einheitliche Systematik“, sondern die Bestellkartei, die LKG früh eingeführt hat. Die Titelkarten waren hier nach Verlagen geordnet, jeder Verlag hatte eine eigene Nummer. Es gab die Kartei für die laufenden Bestellungen (manchmal jahrelang) und eine „tote“ Kartei für alle Titelkarten, bei denen keine Bestellung lief. Im ersten Lehrjahr durften wir nur diese sortieren, um Titel kennenzulernen.

Wie würden Sie Ihre Lehrzeit im Rückblick bewerten?

Unsere Ausbildung empfinde ich heute noch als sehr gut. Vieles davon habe ich während meiner Zeit in Leipzig und Freiberg als Lehrausbilderin übernommen. Zur Ausbildung gehörte beispielsweise, dass wir monatlich eine längere schriftliche Buchbesprechung und ein kürzeres schriftliches “Verkaufsargument“ (also, wie wir das Buch dem Kunden empfehlen würden) abzuliefern hatten. Keine schlechte Sache, oder? Betriebswirtschaft wurde im Gegensatz zu heute damals eher klein geschrieben. Das war wohl auch nicht nötig, da es kaum Anreize gab, es anders zu machen als vorgegeben. Partien, Rabatte und ähnliches kannten wir nicht und die Handelsspanne betrug überall 27,5%. Diese ohne Taschenrechner auszurechnen war in der Lehrausbildung eine beliebte Aufgabe. Ich glaube, das können heute nur noch wenige im Kopf ausrechnen.

Und der literarische Kanon, der vermittelt wurde?

Geschichte und Literatur bestimmter Epochen (z.B. die Antike) kamen extrem kurz weg, dafür wurde die “Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung” ausführlich gelehrt. Wie überall kam es aber auch hier auf den entsprechenden Lehrer an. An der Fachschule hatten wir zwei tolle Literaturlehrer, die sich um den Lehrplan nicht allzu sehr kümmerten. Einer davon war der 2006 verstorbene Rolf Recknagel, der sich u.a. um die Traven-Forschung verdient gemacht hat.

Welche Bedeutung hatten die „Ordnung für den Literaturbetrieb“ und das „Statut für den Volksbuchhändler“ in Ihrem buchhändlerischen Alltag?

Das „Statut“ und andere Arbeitsanweisungen, die Sie als Pflichtlektüre für die Buchhändler ausweisen, standen in der Handbibliothek. Wir haben sie nicht gelesen, höchstens mal reingeschaut, wenn es irgendwelche Differenzen zu klären gab. Ebenso wenig von Bedeutung war die Betriebszeitung „Der Volksbuchhändler“, die von der Zentralen Leitung des Volksbuchhandels bis 1965 herausgegeben wurde. Das Organ bot keine Hilfestellung bei der praktischen Arbeit. Die Redaktion war übrigens in einem Gebäude in Leipzig am Gerichtsweg untergebracht. Das „Börsenblatt“ vom Leipziger Börsenverein hatte schon allein deshalb einen größeren Wirkungskreis, weil sämtliche Betriebe, Bibliotheken, Institute und auch Privatpersonen den beiliegenden Vorankündigungsdienst (VD) beziehen wollten. Das zog nach sich, dass bereits eine Woche nach Erscheinen des VD Bücher hoffnungslos überzeichnet waren.

Die utopischen Bestellmengen, die der Buchhandel orderte, um überhaupt mit gängigen Titeln beliefert zu werden, muten aus heutiger Sicht kurios an …

In der “Hinrichs’schen Buchhandlung“ in Leipzig hatten wir deshalb einmal ein irres Problem. Die höchste Spalte in den Bestellformularen war eine dreistellige, sprich: die bestellbare Höchstmenge lag bei 999 Exemplare. Unsere Bestellzahl bei Titeln, von denen wir annahmen, dass sie stark gekürzt geliefert werden, (wie zum Beispiel bei Kalendern) bewegte sich in der Regel zwischen 600 und 700. Woraufhin 7, 10 oder 20 Exemplare geliefert wurden. In diesem Rahmen haben wir 1967 auch das wunderschöne tschechische Kinderbuch “Die kleine Ameise Ferdinand“ von Ondrej Sekora bei LKG geordert. Vermutlich hatten die Tschechen gerade genug Papier- und Druckkapazitäten, jedenfalls kam die Bestellung bei uns nahezu ungekürzt an. Der Buchhandlungsleiter wollte an andere Buchhandlungen umlagern. Wir wehrten uns dagegen, weil das Weihnachtsgeschäft vor der Tür stand und der restliche Kinderbuchbestand in der “Hinrichs’schen“ damals nicht eben üppig war. Ich glaube, es gab keinen Kunden, der “Die kleine Ameise Ferdinand“ nicht mitgenommen hat. Der hohe Bestand war nach Weihnachten jedenfalls komplett verkauft. Obwohl wir eine super Arbeit geleistet hatten, gab es keine Umsatzprämie für uns. Es wurde damit argumentiert, dass der Warenbestand überschritten war.

Können Sie die These bestätigen, dass Titel im Vorankündigungsdienst nicht mehr angekündigt wurden, um Überzeichnungen zu vermeiden?

Meines Wissens stimmt das so nicht. Ich glaube, wir hätten uns das manchmal sogar gewünscht. Der Vorankündigungsdienst weckte Begehrlichkeiten …

Woran fehlte es Ihrer Erinnerung nach hauptsächlich?

Also Klassiker, wie Sie in der „Skizze zum DDR-Buchhandel“ schreiben, die fehlten nicht. Wir – und jede andere Buchhandlung auch, die ich kenne – hatten immer ein Klassik-Regal. Die Bibliothek der deutschen Klassiker (BdK) war zwar nie vollständig da und die zehnbändige Goethe-Ausgabe immer Mangelware. Aber irgendetwas war immer da. Ich weiß, sehr viele Titel gab es nicht in genügender Stückzahl und viele nur unter dem Ladentisch. Man brauchte einen langen Atem und einen guten Draht zum Buchhändler, um die BdK vollständig zu bekommen.

An welchen Titel mangelte es darüber hinaus?

Mangel bestand beispielsweise bei Lizenzausgaben in Belletristik, auch linientreuer Autoren wie etwa Jorge Amado oder B. Traven, und beim Kinderbuch. Zu niedrig waren die Auflagen bei Kochbüchern, Kalendern, Blumenbüchern oder Naturführern (nicht nur aus dem Neumann-Verlag Radebeul), weil hochwertiges Kunstdruckpapier in der DDR rar war. Ich erinnere mich noch, dass der Verlag Kunst während meiner Lehrzeit bei „Buch und Kunst“ eine Nachauflage von Fritz Löfflers reich bebilderten Band „Das alte Dresden“ angekündigt hatte – ein Titel, der lange vergriffen gewesen war. Viele, viele Dresdner waren damals bedürftig, unsere Kartei von Bestellzetteln „hochschwanger“. Die starke Nachfrage wurde bei der Zuteilung insoweit bedacht, als Dresdner Buchhandlungen von LKG mehr Exemplare erhalten haben als die Buchhandlungen in den anderen Bezirken. Was glauben Sie, wie viele wir abbekommen haben? Etwa 20 Stück!

Danke für heute, liebe Frau Tanzer, wir setzen unser Gespräch fort.

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Maritta Tanzer (geb. 1944) absolvierte zwischen 1961 und 1964 ihre buchhändlerische Lehre in der Volksbuchhandlung „Buch und Kunst“ in Dresden. Bis heute wird ihr damaliger Chef, Hans Führer, von den Ehemaligen als Vaterfigur verehrt. 1964 wechselte sie nach Leipzig in die Volksbuchhandlung „Am Neumarkt“, die 1967 mit der „Hinrichs’sche Buchhandlung“ zusammengelegt wurde. Neben ihrer Tätigkeit als Lehrausbilderin war sie dort für die Belletristik und das Kinderbuch zuständig.

Nach Differenzen mit der Bezirksdirektion des Leipziger Volksbuchhandels kam sie 1968 als Referentin bei der Abteilung Buchmarktforschung beim Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel (LKG) unter. 1969 schloss sie ein vierjähriges Fernstudium an der 1957 gegründeten „Fachschule für Buchhändler“ in Leipzig-Leutzsch ab, die seit 1960 berufsbegleitende Fernstudiengänge möglich machte. Die Schule war damals im selben Gebäude wie die „Fachschule für Bibliothekare Erich Weinert“ untergebracht war, die Lehrpläne und Dozenten waren jedoch andere. Die Fusion zur „Fachschule für Bibliothekare und Buchhändler Erich Weinert“ erfolgte 1985. Die Abschlüsse wurden erst weit nach der Wende vom Kultusministerium als Fachhochschulabschluss anerkannt.

1972 Umzug nach Freiberg, wo Maritta Tanzer zunächst in der Hochschulbibliothek der Bergakademie arbeitete. 1978 wechselte sie zur „Akademischen Buchhandlung für Montanwissenschaften“, bei der sie bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 2007 für die Ausbildung der Lehrlinge, die Betreuung der Vertriebsmitarbeiter sowie für die Sortimente Belletristik und Kinderbuch verantwortlich war.

„Ich sage mit Absicht nicht ‚Kunden‘ sondern ‚Leser‘.“ Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Das Vorhaben, das Wissen über den Buchhandel in der DDR aufzufrischen, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Im ersten Teil unseres Gesprächs erinnert sich Holger Brandstädt an die Jahre 1989/90. Anschließend haben wir über seine Erfahrungen nach der Privatisierung unterhalten und heute sprechen wir u.a. über die traditionsreiche „Friedrich-Wagner- Buchhandlung“ in Ueckermünde, die er seit 2001 führt.

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Die „Friedrich-Wagner-Buchhandlung“ in Ueckermünde, die Sie seit 2001 verantworten, hätten Sie von der Inhaberin bereits 1991 übernehmen können. Was hat Sie damals davon abgehalten, Johanna Wagners Angebot anzunehmen?

die Gründer der Buchhandlung Friedrich und Anna Wagner © privat

die Gründer der Buchhandlung Anna und Friedrich Wagner © privat

Oh ich habe das Angebot damals angenommen, konnte jedoch erst Jahre später anfangen. Bevor Johanna Wagner das zwangsverstaatlichte Haus, in dem sich die Buchhandlung befindet, rückübertragen bekam, hatte ein früherer Kollege die Buchhandlung von der Treuhand bereits gekauft. Nachdem ich das Haus erworben hatte, präsentierte er mir einen recht frischen Mietvertrag über zehn Jahre, den die Städtische Wohnungsgesellschaft während des Rückübertragungsverfahrens mit ihm abgeschlossen hatte. Rechtlich war das wohl nicht in Ordnung, doch eine Klage wäre langwierig gewesen und hätte wohl auch für schlechte Presse gesorgt. Also entschloss ich mich, den Vertrag hinzunehmen, garantierte dem damaligen Mieter die Laufzeit und signalisierte frühzeitig, dass diese nicht verlängert wird. Im Jahr 2001 war es dann endlich soweit. Der Kollege hatte den Laden Monate zuvor geschlossen und an anderer Stelle in der Stadt eine Buchhandlung eröffnet. Ohne Erfolg. – Die Tradition am alten Standort war zu wichtig, die Familie Wagner stand hinter mir, noch dazu stammt die Familie meines Vaters aus Ueckermünde und meine Großmutter war ihr Leben lang in der Buchhandlung tätig. Dazu kam, während der Kollege den Laden wie einen Bestellshop führte und keinerlei Veranstaltungen anbot, setzte ich auf Impulskäufe durch ein attraktives Sortiment und etablierte die Buchhandlung als lokales Kulturzentrum. Wichtig für mich war jedoch auch, dass dies nur eine Filiale des Kollegen war und ihm mit der Übernahme nicht die Existenz weg brach.

Johanna Wagner hat die „Friedrich-Wagner-Buchhandlung“ in der DDR bis 1981 in Eigenregie geführt. Dann wurde das traditionsreiche Geschäft vom Volksbuchhandel übernommen. Wissen Sie etwas über die Hintergründe?

Johanna Wagners Großvater Friedrich hat 1883 als Buchbinder in Ueckermünde angefangen, sein Sohn Johannes schuf dann die eigentliche Buchhandlung und Johanna Wagner oblag es, die Buchhandlung durch die DDR-Zeit zu führen. Sie schloss dafür einen Kommissionsvertrag mit dem Volksbuchhandel ab, der sie mit Büchern belieferte und ergänzte das Sortiment nach Wegfall der Buchbinderei und Druckerei durch Kunstgewerbe, das sie selbständig einkaufte. Mit dem Erreichen des Rentenalters stellte sich die Frage der Weiterführung. In der Familie Wagner gab es hierfür keinen Nachfolger. Die beiden Schwestern Wagner waren unverheiratet geblieben und der Bruder Frank Wagner hatte in Berlin die Tochter von Otto Grotewohl geehelicht, dem ersten Ministerpräsidenten der DDR. Wer wollte da schon unter der DDR-Mangelwirtschaft eine Buchhandlung im unsanierten Ueckermünder Altbau übernehmen? (Immerhin eine der Enkelinnen Frank Wagners ist heute eine angesehene Buchbindermeisterin in der Berliner Staatsbibliothek – die Familientradition wird also weitergetragen.)

Wie ging es nach der Übernahme durch den Volksbuchhandel mit der Buchhandlung weiter?

Johanna Wagner und Holger Brandstädt © privat

Johanna Wagner und Holger Brandstädt © privat

Der Volksbuchhandel war an der Lage der Buchhandlung direkt am Markt interessiert, die Räumlichkeiten waren größer als die der örtlichen Volksbuchhandlung und mit der Übernahme fiel die private Konkurrenz weg. Daher bot sich die Übernahme an. Die Mitarbeiter wurden wohl übernommen, die Geschäftsräume umfassend saniert und der Standort blieb erhalten. Johanna Wagner wohnte bis 2012 über der Buchhandlung. Heuer wird sie 94 Jahre und kommt immer noch regelmäßig vorbei, um einen neuen Krimi zu holen. Leider gibt es schon lange nichts Neues mehr von Pierre Mangan, die modernen Krimis sind ihr oft zu dick und zu brutal.

Würden Sie vom Literaturbetrieb, so wie Sie ihn in der DDR kennen gelernt haben, etwas auf den hiesigen Betrieb übertragen wollen?

Die Liebe zum Text, die Neugier auf Neues, die Verpflichtung dem Leser gegenüber. Und ich sage mit Absicht nicht ‚Kunden‘ sondern ‚Leser‘. Es gibt sie noch und das macht diesen Beruf so wunderbar.

Was stößt Ihnen im Vergleich zur DDR beim heutigen Buchmarkt auf? Was schätzen Sie besonders?

Ich schätze die Vielfalt, bin immer wieder entsetzt über die schiere Masse der Neuerscheinungen, hasse die Schnelllebigkeit des Marktes und bin in Hassliebe den Medien verbunden. Es gibt großartige Bücher, die dank der Medien entdeckt werden und ebenso großartige, die hoffnungslos untergehen, weil ihnen die öffentliche Wahrnehmung verwehrt bleibt. Es ist an uns, dem immer aufs Neue zu entgegnen, und es ist tröstlich zu wissen, dass überall in diesem Land unabhängige Buchhandlungen dem Einheitsbrei Paroli bieten.

Herzlichen Dank, dass Sie Ihre Erfahrungen mit uns geteilt haben.

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Der ausgebildete Koch Holger Brandstädt (geb. 1966) fing im September 1989 als ungelernte Kraft im „Internationalen Buch“ in der Spandauer Straße in Berlin/Mitte an. Eingestellt wurde er von Gerald Nußbaum, dem damaligen Direktor des Ostberliner Volksbuchhandels, der zu DDR-Zeiten unter dem Namen „Berliner Buchhandelsgesellschaft“ firmierte. 1989 gehörten circa 64 volkseigene Buchhandlungen zum Verbund.

Nußbaum trug sich bereits früh mit dem Gedanken, mit einem starken, westdeutschen Partner zu fusionieren. Nach Verhandlungen mit Thomas Grundmann von der Bouvier Buchhandelsgruppe in Bonn entstand im Juli 1990 die „Berliner Buchhandelsgesellschaft Bouvier und Nicolai“ GmbH (BBN), die sich die interessantesten Objekte der ehemaligen Hauptstadt der DDR sicherte. Unter den ehemaligen Renommierläden wie „Universitätsbuchhandlung“, „Kunstsalon unter den Linden“, war auch das „Internationale Buch“, wo Holger Brandstädt beschäftigt war. Er absolvierte 1990/91 in Bonn und Köln bei Bouvier diverse Praktika; zeitgleich machte er per Fernstudium seinen Abschluss als Buchhändler. Im August 1992 kam das Einsehen, dass sich die BBN überhoben hatte. Die vermeintlichen Filetstücke des Ostberliner Buchhandels hatten sich als nicht lukrativ genug erwiesen. Die meisten Buchhandlungen der BBN machten dicht; lediglich zwei konnten im Rahmen eines Management-Buy-Out an ehemalige Mitarbeiter verkauft werden.

Nach dem Zerfall der BBN ging Holger Brandstädt zur „Wohlthat’schen Buchhandlung“ GmbH, bei der er zuletzt als Filialleiter in Berlin/Friedrichshagen beschäftigt war. Im Oktober 2001 übernahm er in Ueckermünde die traditionsreiche „Friedrich-Wagner-Buchhandlung“.

„Der Buchhandel war eine jener Nischen, in der viele Unangepasste überwinterten.“ – Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Bedingungen des sozialistischen Literaturvertriebs und den Strukturwandel des ostdeutschen Buchhandels infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Einiges hat uns bereits Heike Wenige wissen lassen. Heute erinnert sich Holger Brandstädt an die Jahre 1989/90. Unsere nächsten beiden Gespräche werden sich um seine Erfahrungen infolge der Privatisierung des DDR-Buchhandels drehen.

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Was hat Sie von der Gastronomie in den Buchhandel getrieben?

Meine Großmutter war Buchhändlerin, ich wollte immer schon was mit Büchern machen. Leider war 1983 landesweit keine Lehrstelle für männliche Bewerber vorgesehen. 1989 war ich beruflich als Koch soweit gekommen, dass sich die Frage Studium, Meisterausbildung oder wechseln stellte. Der Wechsel kam dann gerade noch rechtzeitig, um in den Buchhandel einzusteigen, bevor dieser in die Wendewirren stürzte.

Wie haben Sie die letzten Monate im DDR-Buchhandel erlebt?

Kulturstaatsministerin Monika Grütters überreicht Holger Brandstädt den Deutschen Buchhandlungspreis 2015 © Bundesregierung/Orlowski

Kulturstaatsministerin Monika Grütters überreicht Holger Brandstädt den Deutschen Buchhandlungspreis 2015 © Bundesregierung/Orlowski

Im Sommer 1989 sind reihenweise Buchhändler in den Westen ausgereist, andere hatten einen Ausreiseantrag gestellt und so stand die Berliner Buchhandelsgesellschaft vor dem Problem, die Läden zu besetzen. Mir wurden vier Filialen zur Auswahl gestellt, verbunden mit der Bitte, ein paar Wochen im „Internationalen Buch“ auszuhelfen. Letztlich blieb ich dort. Die Buchhandlung war hell, groß, man musste weder heizen noch putzen, es gab jeden Tag neue Ware und das Publikum war international. Ich bekam eine Stelle in der Belletristik, in der damals neben einer Buchhändlerin noch ein Maurer, eine Melkerin und eine Bürofachfrau arbeiteten. Alles motivierte Seiteneinsteiger, die recht schnell selbstständig arbeiten konnten. Daran war gerade in kleinen Buchhandlungen nicht zu denken.

War Ihnen bewusst, dass der Volksbuchhandel ursprünglich eine erzieherische Funktion hatte und dementsprechend auch in der Pflicht stand, politisch genehme „Schwerpunkttitel“ zu vertreiben?

Natürlich gab es palettenweise Werke von Otto Gotsche & Co, die Buchhandlungen waren jedoch auch damals schon bestrebt, Umsätze zu erzielen. Dazu kam, dass der Buchhandel eine jener Nischen war, in der viele Unangepasste überwinterten. Da hatten die hohlen Parolen des SED-Regimes wenig Widerhall. Werke wie die „Ordnung für den Literaturbetrieb“ und das „Statut für den Volksbuchhändler“ sind mir nie untergekommen.

Inwieweit unterschied sich das Sortiment der Internationalen Buchhandlungen von dem der anderen volkseigenen Betriebe?

Das „Internationale Buch“ (IB) in Berlin/Mitte war eine der größten Buchhandlungen der DDR. Das Sortiment setzte sich aus deutsch- und fremdsprachigen Titeln zusammen. Da gab es Fachbücher auf Russisch und Böll auf Vietnamesisch (letztere mussten aus Angst vor Flöhen immer erst auf der Warenrampe in Quarantäne). Es gab Buchhändler aus der UdSSR, die Humboldt-Uni war nah und Westberlin ebenso, weshalb die Buchhandlung auch als Schaufenster der DDR dienen sollte. Alles war aus hellem Holz, großflächig verglast und großzügig angelegt. Viele Kunden kamen, um ihren Zwangsumtausch in Bücher anzulegen, und es gab eine Kasse an der zum Kurs 1:1 mit D-Mark bezahlt werden konnte. Das IB belieferte Bibliotheken und Botschaften. Die Amerikanische Botschaft schickte jedes Jahr kalifornischen Cabernet Sauvignon als Dankeschön – ein für unseren damaligen Geschmack fürchterlich saurer Wein. Und die russischen Kollegen gingen manchmal mittags rüber in die Botschaft Unter den Linden und holten aus der Kantine große Tüten mit noch warmen Gebäck.

Können Sie bestätigen, dass die Internationalen Buchhandlungen eine privilegierte Stellung hatten und aufgrund ihres Sortiments in der DDR besonders beliebt waren?

Ganz klar ja. Während viele Buchhandlungen einmal in der Woche beliefert wurden, traf im IB täglich neue Ware ein. Nur leider reichten die gelieferten Exemplare pro Titel oft nicht einmal aus, um alle Bibliotheken und Kollegenbestellungen zu erfüllen. Als ich im August 1989 anfing sollten die Erinnerungen von Pu Yi, Chinas letztem Kaiser, erscheinen. Der Bertolucci-Film war gerade wie ein Straßenfeger durchs Land gerollt und so war die Nachfrage riesig. Zweimal am Tag fragten manche Kunden, ob das Buch denn schon da sei. Als es kam (sieben Exemplare) knobelten wir dann aus, wer den Kunden sagt, dass es schon durch sei. Das war keine schöne Aufgabe. Vor der Buchhandlung stand immer eine lange Schlange. Denn auch hier galt: Kein Rundgang ohne Korb!

Mauerfall im November 1989, Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion im Juni 1990, deutsche Einheit am 3. Oktober 1990. Wie erinnern Sie sich an diese turbulenten Monate im Buchhandel?

Es ging alles wahnsinnig schnell und war viel zu komplex, um es hier in Kürze festzuhalten. Ich erinnere mich daran, dass wir am 4. November am Fenster standen und die Demonstration zum Alexanderplatz ziehen sahen. Erst nach Schichtschluss reihten wir uns ein. Und am 10. November wurde die Buchhandlung trotz durchgefeierter Nacht natürlich pünktlich geöffnet. Den 3. Oktober verbrachte ich in einem Pub an der Westküste Irlands und vor der Währungsunion stapelten sich im Tresor Kleingeldrollen, da dieses erstmal weiterhin im Umlauf war und zwar zum Kurs 1:1, was das Geschäftskapital stärkte. Die Frage, welchen Rabatt die Buchhandlung denn z.B. beim Aufbau Verlag bekam, war gar nicht so schnell zu beantworten und führte erstmal zu hektischen Aktivitäten der Einkaufsabteilung. Und die Frage, ob denn nun noch ausgeliefert wird, was bestellt war – das waren ja oft Mondzahlen (1000 Exemplare bestellt = 80 Stück geliefert) trieben uns plötzlich Schweißperlen auf die Stirn.

Nach der Wende war der Hunger nach Lesestoff groß, der zu DDR-Zeiten verboten oder nur schwer zugänglich war. Die Geschäfte im Buchhandel florierten. Können Sie sich erinnern, was damals besonders stark nachgefragt wurde?

Bahros „Alternative“ ebenso wie die Protokolle des Politbüros, Schriften von Basisdruck fallen mir als erstes ein. Später dann westlicher Mainstream von Wimschneider über Cardella, Tolkien und Fromm bis zur „Möwe Jonathan“. Viele Leser ergänzten ihre Sammlungen von Grass und Lenz bis Orwell mit einigen ausgewählten Titeln, dafür hatten wir KV-Kataloge; sprich: die Barsortimentskataloge von Köhler & Volkmar, damals fest gebunden und auf Papier gedruckt. Die Bestellungen gaben wir telefonisch auf, was oft am völlig überlasteten Telefonnetz scheiterte. Anfangs fuhren wir auch nach Westberlin, um Bestellungen direkt aufzugeben. Bei der VAH Jager war ich mal persönlich, die schauten ganz schön erstaunt drein ob dieses Bestellweges.

Um Westtiteln Platz zu machen, haben viele Buchhandlungen nach der Währungs- und Wirtschaftsunion ihre DDR-Bestände leer geräumt. Wie war das bei Ihnen?

Geräumt haben wir auch reichlich und aussortiert. Allerdings hatte das „Internationale Buch“ viel internationale Kundschaft, da waren die DDR-Bestände durchaus noch gefragt. Klemperes „LTI“ kostete bei Reclam Leipzig 2,50 Mark, die erste Nachwendeauflage dann circa 16 Mark. Das war schon ein Unterschied als der Staat zu jedem verkauften Buch nicht noch was drauflegte. Hatten wir zuvor 500 Stück geordert, stellte sich jetzt die Frage ob wir fünf nehmen sollten und ob diese einen Käufer finden würden. Wo früher die Abteilung Gesellschaftswissenschaft im Erdgeschoss gewesen war, wurde nun eine Taschenbuchabteilung eingerichtet, dazu Berlin-Literatur und es gab Neue Medien gleich im Kassenbereich. Die fremdsprachigen Titel wurden reduziert und das Fachbuch ausgebaut. Die unaussprechlichen russischen Originale zu verkaufen war wohl das schwierigste Unterfangen.

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Der ausgebildete Koch Holger Brandstädt (geb. 1966) fing im September 1989 als ungelernte Kraft im „Internationalen Buch“ in der Spandauer Straße in Berlin/Mitte an. Eingestellt wurde er von Gerald Nußbaum, dem damaligen Direktor des Ostberliner Volksbuchhandels, der zu DDR-Zeiten unter dem Namen „Berliner Buchhandelsgesellschaft“ firmierte. 1989 gehörten circa 64 volkseigene Buchhandlungen zum Verbund.

Nußbaum trug sich bereits früh mit dem Gedanken, mit einem starken, westdeutschen Partner zu fusionieren. Nach Verhandlungen mit Thomas Grundmann von der Bouvier Buchhandelsgruppe in Bonn entstand im Juli 1990 die „Berliner Buchhandelsgesellschaft Bouvier und Nicolai“ GmbH (BBN), die sich die interessantesten Objekte der ehemaligen Hauptstadt der DDR sicherte. Unter den ehemaligen Renommierläden wie „Universitätsbuchhandlung“, „Kunstsalon unter den Linden“, war auch das „Internationale Buch“, wo Holger Brandstädt beschäftigt war. Er absolvierte 1990/91 in Bonn und Köln bei Bouvier diverse Praktika; zeitgleich machte er per Fernstudium seinen Abschluss als Buchhändler. Im August 1992 kam das Einsehen, dass sich die BBN überhoben hatte. Die vermeintlichen Filetstücke des Ostberliner Buchhandels hatten sich als nicht lukrativ genug erwiesen. Die meisten Buchhandlungen der BBN machten dicht; lediglich zwei konnten im Rahmen eines Management-Buy-Out an ehemalige Mitarbeiter verkauft werden.

Nach dem Zerfall der BBN ging Holger Brandstädt zur „Wohlthat’schen Buchhandlung“ GmbH, bei der er zuletzt als Filialleiter in Berlin/Friedrichshagen beschäftigt war. Im Oktober 2001 übernahm er in Ueckermünde die traditionsreiche „Friedrich-Wagner-Buchhandlung“.

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Mein Dank gilt allen, mit denen ich mich bislang habe austauschen dürfen. Ich würde mich freuen, wenn sich weitere Zeitzeugen einfänden, um das eine und andere aus der eigenen Erfahrung zurechtzurücken und/oder Lücken zu schließen.

 

„Wie der Westbuchhandel funktioniert, das haben wir uns selbst erarbeitet.“ Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Das Vorhaben, das Wissen über den Buchhandel in der DDR aufzufrischen, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Heike Wenige erinnert sich heute an die Zeit nach dem Fall der Mauer. Im ersten Teil des Gesprächs haben wir uns über ihre Erfahrungen im volkseigenen Buchhandel ab 1986 unterhalten.

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Mauerfall im November 1989, Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion im Juni 1990, deutsche Einheit am 3. Oktober 1990. Wie erinnerst du dich an diese turbulenten Monate?

Heike Wenige © Marco Borrmann

Heike Wenige © Marco Borrmann

Emotional gesehen bekomme ich noch immer eine Gänsehaut, auch dann, wenn Fernsehbeiträge an die Ereignisse erinnern… Was ich genau gemacht habe, das weiß ich nicht mehr. Im Juni 1990 zur Währungsunion war ich in Berlin. Ich bin mit dem Fahrrad durch die nicht mehr geteilte Stadt gefahren – das war superspannend. Auch Roger Waters legendäres Konzert „ The Wall“ habe ich in Berlin am Potsdamer Platz erlebt. Den 3. Oktober feierten wir im Freundeskreis im Freiberger Studentenclub „berauschend“. Überhaupt war diese Zeit berauschend, unwirklich. Ein Leben zwischen Nichts und Allem, eine emotionale Überforderung. In der Buchhandlung begann zunächst eine eher traurige Zeit. Zu DDR-Zeiten wurde Geld ja in Bücher angelegt. Das Konsumverhalten änderte sich nach dem Mauerfall radikal. Die Möglichkeiten, Geld auszugeben, waren nun um ein Vielfaches größer und reizvoller.

Welche Hoffnungen hattest du für dein Land? Welches waren deine größten Sorgen?

Die Hoffnung war ein Leben in Demokratie. Mit Reise- und Meinungsfreiheit. Dass auch gewisse materielle Wünsche in Erfüllung gehen konnten. Die größte Sorge war der Ausverkauf der DDR, der ja ziemlich schnell gelungen ist. Es war traurig mitanzusehen, wie DDR-Produkte verschwanden und durch Westprodukte ersetzt wurden. Ja, auch im Buchhandel.

Im März 1990 wurde die Treuhandanstalt gegründet, deren Aufgabe es war, die volkseigenen Betriebe zu privatisieren. Im Zuge dessen wurde der Volksbuchhandel abgewickelt, die Buchbetriebe in den damals noch existierenden 15 Bezirken in Gesellschaften umgewandelt. Für Euch war damals die „Buch-Tour Buchhandels- und Reisevermittlungsgesellschaft“ mit Sitz in Karl-Marx-Stadt zuständig. Wie hast du die erste Phase der Privatisierung in deinem Betrieb erlebt?

Zugegebenermaßen mit Befremden. Wir sollten plötzlich auch noch Reisen verkaufen, da die „Buch-Tour“ zum 1. Juli 1990 eine Reisevermittlung mit ins Programm genommen hatte. Von der Abwicklung der GmbH selbst habe ich wenig mitbekommen. Hatte anderes im Kopf. Ich musste lernen, wie der Westbuchhandel funktioniert, der ja so anders funktionierte als der Ostbuchhandel. Von heute auf morgen war alles anders. Sämtliche Abläufe und Strukturen. – Das Wasser war nicht nur kalt, sondern auch tief.

Die „Buch-Tour Buchhandels- und Reisevermittlungsgesellschaft“ verschwand alsbald wieder vom Markt. Hatte die Auflösung Auswirkungen auf Euren Betrieb?

Glücklicherweise hatte unsere Leiterin beschlossen, die „Akademische Buchhandlung“ zu kaufen. – Eine Option, die nach Querelen zwischen der „Buch-Tour“ GmbH und der Treuhand Chemnitz infolge einer Intervention seitens des Börsenvereins ab März 1991 plötzlich für alle Buchhandlungen im Bezirk offen stand. Ich bekam einen neuen Arbeitsvertrag, den ich allerdings sogleich kündigte, um im darauffolgenden Jahr in die Chemnitzer Universitätsbuchhandlung zu wechseln, die meine Freundin Wenke Helmboldt übernommen hatte und bis heute leitet.

Wie kam Barbara Hackels Entscheidung, die Freiberger Fachbuchhandlung in die Selbstständigkeit zu führen, in Eurem Arbeitskollektiv an?

Das war eine kluge und gute Entscheidung von ihr. Welche Hoffnungen sie daran geknüpft hat, weiß ich nicht. Vermutlich hatte ihre Entscheidung auch damit zu tun, „frei“ sein zu wollen, was unter der „Buch-Tour“ GmbH mit ihrer damaligen Geschäftsführerin Monika Lang so nicht möglich gewesen wäre.

Das dürfte keine einfache Zeit für Euch gewesen sein …

Von den schwierigen Hintergründen habe ich damals so gut wie nichts mitbekommen. Die Probleme im Betrieb wurden nicht mehr wie zu DDR-Zeiten während der Frühstücksrunden besprochen.

Habt Ihr in dieser Phase Unterstützung von außen erhalten?

Finanzielle Unterstützungen gab es reichlich. Von der sächsischen Aufbaubank und den Fördermitteln konnte ich ja sogar noch 1994 profitieren, als ich mich selbständig gemacht habe. Auch das Arbeitsamt förderte damals noch in anderem Umfang als heute.

Nach der Wende war der Hunger nach Lesestoff groß, der zu DDR-Zeiten verboten oder nur schwer zugänglich war. Die Geschäfte im Buchhandel florierten. Kannst du dich erinnern, was damals bei Euch besonders stark nachgefragt wurde?

Ja natürlich, obwohl die Verunsicherung unter uns Sortimentsbuchhändlern immens war. Ich erinnere mich, dass ich damals mit der Belletristik-Verantwortlichen hart diskutiert habe, weil sie nicht bereit gewesen ist, beim Verlag fünf Exemplare von George Orwells „Farm der Tiere“ auf einen Schlag einzukaufen. Obwohl ich dafür nahezu täglich Bestellungen entgegennahm. Sie wurden dann über das Barsortiment abgewickelt. Belletristik wurde vorsichtig eingekauft, zumindest bei uns. Andere Buchhandlungen hielten das damals anders. Über so manches Schicksal im Zuge der Wende sprechen wir heute noch. Andere Warengruppen als Belletristik bedienten wir reichlich. Ich erinnere mich noch an Berge von Bussibär-Büchern, die ständig nachgeordert werden mussten. So mancher westdeutsche Verlag konnte sich am Ostbuchhandel sanieren. Pestalozzi zum Beispiel. Plötzlich lag der Laden mit Billigbüchern voll.

Magst du etwas über diese Wende-Schicksale sagen?

Da gibt es viel zu erzählen. Trauriges und Heiteres. Geschichten von Gewinnern und Verlieren, auch über Wichtigtuer und Beutelschneider – und natürlich viel über die Anpassungsschwierigkeiten, die wir hatten. Manche Buchhandlung hielt zum Beispiel in der Hoffnung, überhaupt bestückt zu werden, an der alten Gewohnheit fest, bei LKG höhere Stückzahlen zu ordern als gebraucht wurden. Das galt damals insbesondere für die Belletristik, die vielfach sehr großzügig geordert wurde. Vermessen wurden 200 Exemplare bestellt. Man blieb darauf sitzen. Für manchen Buchladen bedeutete das das Aus … Größenwahnsinnig war ein Buchhändler, der damals sehr populär gewesen ist. Er lud Verlagsvertreter zu einem Flug mit dem Hubschrauber ein. Die Maschine stürzte ab und riss alle Insassen in den Tod.

Um Westtiteln Platz zu machen, haben viele Buchhandlungen nach der Währungs- und Wirtschaftsunion ihre DDR-Bestände leer geräumt. Wie war das bei Euch?

Meiner Erinnerung nach haben wir ebenfalls ausgeräumt und umgeräumt. Unser Lagerkeller war voll. Das wurde dann abgewickelt. Auf welchem Weg weiß ich nicht.

Die Umstellung auf neue Wirtschafts- und Sozialstrukturen war sicherlich kein Zuckerschlecken. Was bereitete dir besonderes Kopfzerbrechen?

Die Sozialstrukturen änderten sich langsam, fast unmerklich. Man wuchs in die „schöne, neue Welt“ hinein. Alte Freunde gingen, neue Freunde kamen. Stasigeschichten wurden ein großes Thema … Gefühlt passierte jeden Tag etwas Neues, im Kleinen wie im Großen. Die Ereignisse rauschten vorbei. Es war kaum Zeit, alles wirklich zu verarbeiten beziehungsweise darüber nachdenken, um die Ereignisse und Entwicklungen einordnen zu können. Plötzlich hatte man auch existenzielle Sorgen. Beispielsweise wurde die private Miete zu einem bedeutenden Kostenfaktor. Damals wohnte ich illegal in einem Haus. Ich habe auch eine Menge von diesen miesen Immobilienschiebereien nach der Wende mitbekommen. – Das soziale Sicherheitsgefühl, dass jeder DDR-Bürger hatte, verschwand. Aber irgendwie war alles doch auch von einem großartigen Glücksgefühl getragen.

Hilfestellung für Sortimenter kam vom Börsenverein und vor allem von Barsortimenten und Verlagsauslieferungen. Konntet Ihr davon profitieren? Wie waren Eure Erfahrungen?

Wie schon gesagt, man wurde hineingeworfen und musste selbst schauen, wie es und was geht. Gelesen habe ich im Nachhinein, dass damals vom Börsenverein für die Sortimenter Hilfestellung gekommen sei. Ich selbst bekam davon nichts mit. Unterstützt wurden in der Hauptsache wohl die neuen Inhaber.

Wie der Westbuchhandel funktioniert, das haben wir uns selbst erarbeitet. Die Barsortimente waren dabei eine große Hilfe. Mit der Privatisierung kam KNO, die Koch, Neff & Oetinger Verlagsauslieferung, ins Haus. An die Stuttgarter habe ich durchweg positive Erinnerungen. Und zwar nicht nur wegen der Einladungen in die schwäbische Hauptstadt, die KNO damals an alle Volksbuchhändler aussprach.

Welche Standards, die der volkseigene Buchhandel gesetzt hat, würden deines Erachtens dem Buchhandel heute gut tun?

Schlicht gesagt- es ging damals um das Buch an sich! Um Inhalte. Wie man das bestmöglich präsentiert, das trieb uns damals um. Nicht etwa die besten Konditionen oder die günstigsten Bezugswege. Zu DDR-Zeiten brauchte man sich den Kopf nicht über Bestellbündelungen, Mindestbestellmengen, Verlagsauslieferungen, Vertreterkonditionen und vieles andere zu zerbrechen. Damals konnte man sich mit dem Produkt an sich beschäftigen. Das klappt im heutigen Buchhändleralltag nicht mehr so leicht.

Würdest du vom Literaturbetrieb, so wie du ihn in der DDR kennengelernt hast, etwas auf den hiesigen Betrieb übertragen wollen?

Ja in erster Linie – das Buch als Kulturgut! Dann muss es diesem Anspruch allerdings auch gerecht werden. Und die Diskussionen über Bücher, die damals auf einem anderen Niveau geführt wurden, würden uns auch gut tun. „Zwischen den Zeilen lesen können“ – diese Fähigkeit scheint überflüssig geworden zu sein. Es geht fast ausschließlich um die Befindlichkeiten des Rezensenten, die an einem Buch festgemacht werden. Das langweilt mich über die Maßen.

Was stößt dir im Vergleich zur DDR beim heutigen Buchmarkt auf? Was schätzt du besonders?

Ich habe die Wahl, was ich in meinem Sortiment führe. Obwohl auch das nicht immer einfach ist. Im Gegensatz zu den DDR-Zeiten muss der selbständige Buchhändler wirtschaftlicher denken und sich dabei in einem gewissen Maß auch „verbiegen“. Eine Gratwanderung, die ich im Griff habe. Über zu viel Buch mag ich hier gar nicht klagen, klage ich nicht mehr. Das scheint ein unlösbares Problem zu sein …

Im September 2015 wird der Deutsche Buchhandlungspreis erstmals vergeben. Dein Taschenbuchladen ist unter den Nominierten. Meinst du, dass deine Erfahrungen aus dem volkseigenen Buchhandel auch Teil deines Erfolgskonzeptes sind?

Nein. – Das Engagement kommt aus meiner/unserer ureigenen Liebe zum guten gedruckten Wort und dem Bedürfnis, dies allen Interessierten weiterzugeben.

Würdest du dich heute erneut für den Beruf des Buchhändlers entscheiden?

Ja!

Heike, tausend Dank. Ich denke, das Thema wird uns beide weiterhin umtreiben.

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Heike Wenige (geb. 1969) wurde nach einer buchhändlerischen Lehre 1986 – 1988 von ihrem Ausbildungsbetrieb, der „Akademischen Buchhandlung für Montanwissenschaften“ in Freiberg, übernommen. Nach der Vereinigung führte Barbara Hackel, die den Buchladen seit 1972 leitete, den ehemals volkseigenen Betrieb in die Selbstständigkeit. 1992 wechselte Heike Wenige von dort nach Chemnitz in den Buchladen einer Freundin. 1994 kehrte sie nach Freiberg zurück, wo sie im November ihren Taschenbuchladen eröffnete.

Ich würde mich freuen, wenn sich weitere Zeitzeugen einfänden, um das eine und andere aus der eigenen Erfahrung zurechtzurücken und/oder Lücken zu schließen.