„Es war wie Twitter ohne Internet.“ Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Entwicklung des DDR-Buchhandels und dessen Strukturwandel infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Nachdem uns Maritta Tanzer, Heike Wenige und Holger Brandstädt einiges haben wissen lassen, teilt nun Simone Zopf ihre Erinnerungen. Sie kam 1981 als Lehrling zum volkseigenen Buchhandel und blieb dem Beruf über 30 Jahre treu. – Zum vorangegangenen Gespräch geht es hier.

Mauerfall im November 1989, Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion im Juni 1990, deutsche Einheit am 3. Oktober 1990. Wie hast du diese turbulenten Monate erlebt?

Simone Zopf © privat

Simone Zopf © privat

Die Ereignisse überschlugen sich. Jeder Tag war Veränderung. Und der Roman ging weiter… Ohne Internet und Telefon erfuhren wir viele Ereignisse und Dinge beim täglichen Busfahren, in der Stadt, im Antiquariat. Es war wie Twitter ohne Internet. Alles musste neu entschieden werden. Krankenkasse, Versicherung, Mietverträge, Geld, Fahrkarten, Postleitzahlen, Schulformen, Arbeitsverhältnisse, Wohnorte … Die Entscheidungen mussten in dieser Zeit sehr rasch gefällt werden, da es insgesamt so viel zu tun gab. Die Umstände bestimmten das Tempo dieser Zeit. Alle waren damit beschäftigt, das sich verändernde Leben zu organisieren.

Der „ Tag der Deutschen Einheit“ am 3. Oktober 1990 war für mich persönlich ganz besonders feierlich. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hatte uns Kollegen und Kolleginnen zu einem Empfang auf der Frankfurter Buchmesse eingeladen. An diesem Tag bin ich Bundesbürgerin und bundesdeutsche Buchhändlerin zugleich geworden. Das war eine sehr schöne Geste vom Börsenverein. Danke!

Welche Hoffnungen hattest du für dein Land? Welches waren deine größten Sorgen?

Die Hoffnung war, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, was zu mir passt. Diese Hoffnung war größer als alle Sorgen.

Gibt es etwas, was du aus der DDR gerne in die BRD „rübergerettet“ hättest?

Über diese Frage habe ich lange und intensiv nachgedacht. Und die Antwort ist: nichts.

Im März 1990 wurde die Treuhandanstalt gegründet, deren Aufgabe es war, die volkseigenen Betriebe zu privatisieren. Im Zuge dessen wurde der Volksbuchhandel abgewickelt, die Buchbetriebe in den damals noch existierenden 15 Bezirken in Gesellschaften umgewandelt. Für euch war damals die „Thüringer Buchhandelsgesellschaft“ mit Sitz in Erfurt zuständig. Wie hast du die erste Phase der Privatisierung in deinem Betrieb erlebt?

Die Leiter der Buchhandlungen und Antiquariate konnten sich bei der Treuhand um den Kauf der Läden bewerben und haben diese in der Regel auch bekommen. Auch das Antiquariat Erfurt wurde so privatisiert. Wir haben weiterhin sehr gut zusammengearbeitet und von Tag zu Tag gemeinschaftlich das laufende Geschäft entschieden. Aus dem Bauch heraus. Wir hatten keine Ahnung. Und haben es trotzdem gemacht. Schließlich blieb uns ja nichts anders übrig.

Wie hast du auf die Entscheidung deiner damaligen Chefin reagiert, das Antiquariat 1991 in die Eigenständigkeit zu führen?

Das war grundsätzlich die richtige Entscheidung. Einige Investoren bzw. Investoren-Darsteller standen ja auch schon bereit … Uns wurde allerdings auch schnell klar, dass der Laden mit fünf Mitarbeitern so nicht zu halten war. Drei Kollegen, darunter auch ich, suchten und fanden neue Jobs in Erfurt. Das war ganz entspannt und freundschaftlich. Wir sind noch heute alle befreundet.

Nach der Wende war der Hunger nach Lesestoff groß, der zu DDR-Zeiten verboten oder nur schwer zugänglich war. Die Geschäfte im Buchhandel florierten. Kannst du dich erinnern, was damals bei euch besonders stark nachgefragt wurde?

Alles, außer DDR-Literatur. Trotz der Unsicherheit der Zeit wurde noch viel Geld für Bücher ausgegeben. Einerseits haben wir im Antiquariat verstärkt Grafik verkauft und 1991 einen Laden speziell dafür (selbst) umgebaut. In diesen Jahren waren viele kaufkräftige und kaufwillige (West)-Deutsche in Thüringen unterwegs. Andererseits war zu bemerken, dass sich die Menschen der ehemaligen DDR von den in vielen Jahren gesammelten Schätzchen trennen mussten, um Startkapital für das neue private oder berufliche Leben zu haben.

Die Umstellung auf neue Wirtschafts- und Sozialstrukturen war sicherlich kein Zuckerschlecken. Was bereitete dir besonderes Kopfzerbrechen?

Ich musste und wollte mich neu orientieren. Die Wende habe ich als Chance verstanden und tue dies noch heute.

Hilfestellungen für Sortimenter kamen vom Börsenverein, den Barsortimenten und Verlagsauslieferungen. Konntest du davon profitieren? Wie waren deine Erfahrungen?

Für Dezember 1990 hatte ich mir in der Bibliothek in Aachen ein Praktikum organisiert, um zu sehen, ob mir die Arbeit in der Bibliothek gefallen könnte. Das war nicht der Fall. Als ich 1991 noch im Antiquariat arbeitete, hatte ich die Gelegenheit, an einem „Schnellkurs Westdeutscher Buchhandel“ teilzunehmen, den die Verlagsauslieferung KNO organisiert hat. Danke KNV! Danke Herr Voerster! Blieben mir noch die vielen guten Lehrbücher des westdeutschen Buchhandels, die jetzt auch für uns verfügbar waren. Daraus habe ich in kurzer Zeit sehr viel gelernt.

1992 wechseltest du zur Buchhandlung Peterknecht; ein traditionsreiches Haus, 1805 gegründet, seit 1935 im Besitz der Familie Peterknecht …

Das war eine sehr gute Zeit, da es endlich darum ging, Buchhändler zu sein und nicht mehr nur Buchverwalter. 1992 hatten sich die Verhältnisse und Strukturen schon etwas gefestigt in diesem neuen Land. Und doch fühlte sich noch alles neu an, vieles war möglich und noch so manches in Bewegung. Es waren schöne, spannende und aufregende Zeiten mit viel Gestaltungspotential.

Welche Standards, die der volkseigene Buchhandel gesetzt hat, würden deines Erachtens dem Buchhandel heute gut tun?

Hier bleibt mir als einzig Gutes: die fachlich-theoretische Ausbildung. Alle anderen Standards waren politische Korsetts, Nichtbuchhändlersein, Nichtservice, Mangelverwaltung, BWL-Vodoo. Zum Glück ist das überwunden und wer wünscht sich die DDR-Buchhandelszeiten zurück? – Ich auf keinen Fall.

Würdest du vom Literaturbetrieb, so wie du ihn in der DDR kennengelernt hast, etwas auf den hiesigen Betrieb übertragen wollen?

Ich könnte jetzt ganz einfach sagen: In der DDR gab es nicht so viele Bücher und das war gut so, weil das einzelne Buch noch mehr wertgeschätzt wurde. Erwuchs die Besonderheit des Buches aber nicht aus dem Fehlen und Mangel? Ich denke schon. Deshalb: Nein! Lieber ein paar Bücher zu viel, als nur eins zu wenig.

Warum hast du nach 30 Jahren dem Beruf des Buchhändlers den Rücken gekehrt?

Zeiten ändern sich. Ich habe als Buchhändlerin in 30 Jahren viel erlebt, gesehen und gearbeitet. Zeit weiterzugehen. Und Buchhändlerin bleibe ich in meinem Herzen immer.

Simone, herzlichen Dank. Wir bleiben im Gespräch!

___________________________________________________________________________________________

Nach dem Abschluss der Polytechnischen Oberschule (POS) absolvierte Simone Zopf (geb. 1965) zwischen 1981 und 1983 ihre buchhändlerische Lehre in Halle/Saale bei „Das Gute Buch“, der größten Volksbuchhandelsfiliale im Bezirk Halle. Nach der Übernahme durch ihren Ausbildungsbetrieb war sie dort für die Sortimente Fachbuch und Gesellschaftswissenschaften zuständig. Umzug nach Erfurt, wo sie ab 1988 im „Antiquariat des Volksbuchhandels“ tätig war. Die Leiterin des Antiquariats, das damals fünf Mitarbeiter hatte, wagte nach der Wende den Schritt in die Selbstständigkeit.

1992 kam Simone Zopf zu „Peterknecht“. Dort war sie 20 Jahre lang beschäftigt; zunächst für das Fachbuch verantwortlich, in späteren Jahren dann für Belletristik und als 1. Sortimenterin. Im Sommer 2012 holte ein junger Berufskollege die erfahrene Buchhändlerin in seine Buchhandlung „Die Eule“ nach Weimar. Nach 30 Berufsjahren brauchte Simone Zopf dann frischen Wind; nach ersten Erfahrungen als Verlagsvertreterin in 2015 möchte sie zukünftig hier anknüpfen.

Zum ersten Teil des Gespräches geht es hier

Advertisements

„Ich sage mit Absicht nicht ‚Kunden‘ sondern ‚Leser‘.“ Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Das Vorhaben, das Wissen über den Buchhandel in der DDR aufzufrischen, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Im ersten Teil unseres Gesprächs erinnert sich Holger Brandstädt an die Jahre 1989/90. Anschließend haben wir über seine Erfahrungen nach der Privatisierung unterhalten und heute sprechen wir u.a. über die traditionsreiche „Friedrich-Wagner- Buchhandlung“ in Ueckermünde, die er seit 2001 führt.

___________________________________________________________________________________________

Die „Friedrich-Wagner-Buchhandlung“ in Ueckermünde, die Sie seit 2001 verantworten, hätten Sie von der Inhaberin bereits 1991 übernehmen können. Was hat Sie damals davon abgehalten, Johanna Wagners Angebot anzunehmen?

die Gründer der Buchhandlung Friedrich und Anna Wagner © privat

die Gründer der Buchhandlung Anna und Friedrich Wagner © privat

Oh ich habe das Angebot damals angenommen, konnte jedoch erst Jahre später anfangen. Bevor Johanna Wagner das zwangsverstaatlichte Haus, in dem sich die Buchhandlung befindet, rückübertragen bekam, hatte ein früherer Kollege die Buchhandlung von der Treuhand bereits gekauft. Nachdem ich das Haus erworben hatte, präsentierte er mir einen recht frischen Mietvertrag über zehn Jahre, den die Städtische Wohnungsgesellschaft während des Rückübertragungsverfahrens mit ihm abgeschlossen hatte. Rechtlich war das wohl nicht in Ordnung, doch eine Klage wäre langwierig gewesen und hätte wohl auch für schlechte Presse gesorgt. Also entschloss ich mich, den Vertrag hinzunehmen, garantierte dem damaligen Mieter die Laufzeit und signalisierte frühzeitig, dass diese nicht verlängert wird. Im Jahr 2001 war es dann endlich soweit. Der Kollege hatte den Laden Monate zuvor geschlossen und an anderer Stelle in der Stadt eine Buchhandlung eröffnet. Ohne Erfolg. – Die Tradition am alten Standort war zu wichtig, die Familie Wagner stand hinter mir, noch dazu stammt die Familie meines Vaters aus Ueckermünde und meine Großmutter war ihr Leben lang in der Buchhandlung tätig. Dazu kam, während der Kollege den Laden wie einen Bestellshop führte und keinerlei Veranstaltungen anbot, setzte ich auf Impulskäufe durch ein attraktives Sortiment und etablierte die Buchhandlung als lokales Kulturzentrum. Wichtig für mich war jedoch auch, dass dies nur eine Filiale des Kollegen war und ihm mit der Übernahme nicht die Existenz weg brach.

Johanna Wagner hat die „Friedrich-Wagner-Buchhandlung“ in der DDR bis 1981 in Eigenregie geführt. Dann wurde das traditionsreiche Geschäft vom Volksbuchhandel übernommen. Wissen Sie etwas über die Hintergründe?

Johanna Wagners Großvater Friedrich hat 1883 als Buchbinder in Ueckermünde angefangen, sein Sohn Johannes schuf dann die eigentliche Buchhandlung und Johanna Wagner oblag es, die Buchhandlung durch die DDR-Zeit zu führen. Sie schloss dafür einen Kommissionsvertrag mit dem Volksbuchhandel ab, der sie mit Büchern belieferte und ergänzte das Sortiment nach Wegfall der Buchbinderei und Druckerei durch Kunstgewerbe, das sie selbständig einkaufte. Mit dem Erreichen des Rentenalters stellte sich die Frage der Weiterführung. In der Familie Wagner gab es hierfür keinen Nachfolger. Die beiden Schwestern Wagner waren unverheiratet geblieben und der Bruder Frank Wagner hatte in Berlin die Tochter von Otto Grotewohl geehelicht, dem ersten Ministerpräsidenten der DDR. Wer wollte da schon unter der DDR-Mangelwirtschaft eine Buchhandlung im unsanierten Ueckermünder Altbau übernehmen? (Immerhin eine der Enkelinnen Frank Wagners ist heute eine angesehene Buchbindermeisterin in der Berliner Staatsbibliothek – die Familientradition wird also weitergetragen.)

Wie ging es nach der Übernahme durch den Volksbuchhandel mit der Buchhandlung weiter?

Johanna Wagner und Holger Brandstädt © privat

Johanna Wagner und Holger Brandstädt © privat

Der Volksbuchhandel war an der Lage der Buchhandlung direkt am Markt interessiert, die Räumlichkeiten waren größer als die der örtlichen Volksbuchhandlung und mit der Übernahme fiel die private Konkurrenz weg. Daher bot sich die Übernahme an. Die Mitarbeiter wurden wohl übernommen, die Geschäftsräume umfassend saniert und der Standort blieb erhalten. Johanna Wagner wohnte bis 2012 über der Buchhandlung. Heuer wird sie 94 Jahre und kommt immer noch regelmäßig vorbei, um einen neuen Krimi zu holen. Leider gibt es schon lange nichts Neues mehr von Pierre Mangan, die modernen Krimis sind ihr oft zu dick und zu brutal.

Würden Sie vom Literaturbetrieb, so wie Sie ihn in der DDR kennen gelernt haben, etwas auf den hiesigen Betrieb übertragen wollen?

Die Liebe zum Text, die Neugier auf Neues, die Verpflichtung dem Leser gegenüber. Und ich sage mit Absicht nicht ‚Kunden‘ sondern ‚Leser‘. Es gibt sie noch und das macht diesen Beruf so wunderbar.

Was stößt Ihnen im Vergleich zur DDR beim heutigen Buchmarkt auf? Was schätzen Sie besonders?

Ich schätze die Vielfalt, bin immer wieder entsetzt über die schiere Masse der Neuerscheinungen, hasse die Schnelllebigkeit des Marktes und bin in Hassliebe den Medien verbunden. Es gibt großartige Bücher, die dank der Medien entdeckt werden und ebenso großartige, die hoffnungslos untergehen, weil ihnen die öffentliche Wahrnehmung verwehrt bleibt. Es ist an uns, dem immer aufs Neue zu entgegnen, und es ist tröstlich zu wissen, dass überall in diesem Land unabhängige Buchhandlungen dem Einheitsbrei Paroli bieten.

Herzlichen Dank, dass Sie Ihre Erfahrungen mit uns geteilt haben.

___________________________________________________________________________________________

Der ausgebildete Koch Holger Brandstädt (geb. 1966) fing im September 1989 als ungelernte Kraft im „Internationalen Buch“ in der Spandauer Straße in Berlin/Mitte an. Eingestellt wurde er von Gerald Nußbaum, dem damaligen Direktor des Ostberliner Volksbuchhandels, der zu DDR-Zeiten unter dem Namen „Berliner Buchhandelsgesellschaft“ firmierte. 1989 gehörten circa 64 volkseigene Buchhandlungen zum Verbund.

Nußbaum trug sich bereits früh mit dem Gedanken, mit einem starken, westdeutschen Partner zu fusionieren. Nach Verhandlungen mit Thomas Grundmann von der Bouvier Buchhandelsgruppe in Bonn entstand im Juli 1990 die „Berliner Buchhandelsgesellschaft Bouvier und Nicolai“ GmbH (BBN), die sich die interessantesten Objekte der ehemaligen Hauptstadt der DDR sicherte. Unter den ehemaligen Renommierläden wie „Universitätsbuchhandlung“, „Kunstsalon unter den Linden“, war auch das „Internationale Buch“, wo Holger Brandstädt beschäftigt war. Er absolvierte 1990/91 in Bonn und Köln bei Bouvier diverse Praktika; zeitgleich machte er per Fernstudium seinen Abschluss als Buchhändler. Im August 1992 kam das Einsehen, dass sich die BBN überhoben hatte. Die vermeintlichen Filetstücke des Ostberliner Buchhandels hatten sich als nicht lukrativ genug erwiesen. Die meisten Buchhandlungen der BBN machten dicht; lediglich zwei konnten im Rahmen eines Management-Buy-Out an ehemalige Mitarbeiter verkauft werden.

Nach dem Zerfall der BBN ging Holger Brandstädt zur „Wohlthat’schen Buchhandlung“ GmbH, bei der er zuletzt als Filialleiter in Berlin/Friedrichshagen beschäftigt war. Im Oktober 2001 übernahm er in Ueckermünde die traditionsreiche „Friedrich-Wagner-Buchhandlung“.

„Der Weg Berlins zur Metropole dauerte doch länger als gedacht.“ Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Bedingungen des sozialistischen Literaturvertriebs und den Strukturwandel des ostdeutschen Buchhandels infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Einiges hat uns bereits Heike Wenige wissen lassen. Im ersten Teil unseres Gesprächs erinnert sich Holger Brandstädt an die Jahre 1989/90. Heute geht es um seine Erfahrungen infolge der Privatisierung des ostdeutschen Buchhandels und im letzten Teil werden wir u.a. über die wechselhafte Geschichte der „Friedrich-Wagner-Buchhandlung“ in Ueckermünde sprechen, die Holger Brandstädt 2001 übernommen hat.

___________________________________________________________________________________________

Neben anderen Filetstücken übernahm die „Berliner Buchhandelsgesellschaft Bouvier und Nicolai“ GmbH (BBN) im Juli 1990 das „Internationale Buch“. Welche Folgen hatte das?

Es kam westdeutsches Kapital in den Betrieb, dazu Know How. Die Pressesprecherin der BBN war Monika Grütters, jetzt Kulturstaatsministerin. Thomas Grundmann aus Bonn und Sönke Christiansen aus Hamburg, dazu Dieter Beuermann von der Nicolaischen in Berlin, da konnte man sich schon gut aufgestellt fühlen. Es gaben sich reihenweise Autoren die Klinke in die Hand und mit viel PR wurde versucht, die BBN-Läden als Platzhirsch zu etablieren. Was auch gelang, denn zum Anfang wagte kaum ein großes Buchhandelsunternehmen den Sprung nach Ostberlin. Erst mit dem Bau neuer Einkaufcenter kamen Mitbewerber in die Stadt.

Waren die Arbeitsplätze nach der Übernahme garantiert?

Erstmal ja, aber mit den ersten Filialschließungen kam es auch zum Personalabbau. Ich denke schon, dass versucht wurde, die Leute möglichst lange woanders unterzubringen. Letztlich war das aber nicht zu halten. Ich selbst war ganz gut aufgestellt, da verliert sich der Blick für die Kollegen leider. Einige sind aber wohl auch durch Studium und andere neue Lebenssituationen ausgeschieden. Die Welt war plötzlich größer geworden, da brauchten sie die Nische nicht mehr.

Wie schätzen Sie im Nachhinein das Joint Venture der Berliner Buchhandelsgesellschaft mit Bouvier und Nicolai ein?

Es war ein spannender Versuch, der Ost und West zusammenführte. Ich sehe noch meinen Filialleiter an einer Karte erklären, wie unser Einzugsgebiet sich denn in Zukunft zusammensetzen würde. Allerdings brauchte es dann noch über 20 Jahre bis dieses Szenario Wirklichkeit wurde und die Bewohner der Stadt die nun unsichtbare Grenze überschritten. Leider hatte die Buchhandlung diese Zeit nicht.

1990/91 haben Sie in Bonn und Köln Praktika bei Bouvier gemacht. Wie waren Ihre Erfahrungen?

Holger Brandstädt vor seiner Friedrich-Wagner-Buchhandlung © privat

Holger Brandstädt vor seiner Buchhandlung © privat

Die BBN wollte Synergien nutzen und ihre Mitarbeiter intern fit machen. Ich wurde für einen Austausch vorgeschlagen und habe dann mehrfach Wochen in den Bouvier-Flagschiffen verbracht. Die „Universitätsbuchhandlung“ in Bonn war meine erste Station. Ich war damals erst ein paar Monate im Buchhandel, aus dem Osten und noch dazu ungelernt. Auf beiden Seiten war die Unsicherheit wohl recht groß, was da auf einen zukam. In Bonn stand zu dieser Zeit ein Leitungswechsel an, vom klassischen Buchhandel zu einem sich ausschließlich an betriebswirtschaftlichen Zahlen ausgerichteten Unternehmen. Das Gleiche habe ich ein paar Jahre später bei Wohltat erlebt. – In beiden Fällen wurden die Firmen von den Prokuristen an die Wand gefahren. Das war eine wichtige Lehre für mich: Es geht nur mit den Mitarbeitern und, klar, insgesamt muss es sich rechnen, einzelne Teile müssen jedoch nicht immer sofort Gewinn abwerfen. Manches braucht Zeit und bringt erst auf den zweiten Blick etwas.

Das „Buchhaus Gonski“, wo Sie ebenfalls gelernt haben, galt in den 1990ern als ein Meilenstein im Kölner Buchhandel …

Das „Buchhaus Gonski“ war dann noch mal ein ganz anders Konzept als die Bonner Unibuchhandlung mit ihrem angeschlossenen wissenschaftlichen Verlag und der Kunstabteilung. Gonski war ein Buchkaufhaus mit Rolltreppe und Café – nur leider war der Kölner Neumarkt von Großbuchhandlungen umstellt. Die Fläche war sehr personal intensiv und alles andere als optimal zugeschnitten. Beide Buchhandlungen einte ein riesiges Angebot, das aber auch viel Tapete beinhaltete. In Bonn stand Reclam Stuttgart 1x numerisch und 1x alphabetisch geordnet – komplett! Und dann gab es noch ein paar Regale, in denen die besser verkäuflichen Titel der RUB standen. Neu war für mich der EDV gestützte Zugriff auf ein eigenes Zentrallager und der Umgang der Kollegen untereinander. Private Kontakte unter Mitarbeitern waren von der Firmenleitung nicht gern gesehen. Da war es schon etwas Besonderes dem Ostimport die abendliche Kneipenszene zu zeigen. Im Osten interessierte das keinen und natürlich waren wir Buchhändler untereinander befreundet. Wie auch immer, es war eine spannende Zeit. Ich wurde von den Kollegen in Bonn und Köln gut aufgenommen und hab mich wacker geschlagen – eine Erfahrung, die mich beruflich sehr stärkte.

In dieser Zeit haben Sie ein Fernstudium absolviert. Wurden Sie dabei aus Fördertöpfen unterstützt?

Das Studium wurde vom Landesverband Baden Württemberg und dem Börsenverein gefördert und veranstaltet. Neben Lehrbriefen und Aufgaben gab es Seminare in Leipzig und Stuttgart, eine interne Abschlussprüfung und daran anschließend eine bei der IHK in Berlin. Der Fernunterricht war eine gezielte Fördermaßnahme für Seiteneinsteiger überwiegend aus den neuen Ländern.

Im August 1992 kam das Aus für die „Berliner Buchhandelsgesellschaft Bouvier und Nicolai“ (BBN). Welche Folgen hatte diese Zäsur für Ihren Betrieb?

Schon zuvor mussten erste Filialen geschlossen werden, weil Mietverträge gekündigt wurden. Das „Gute Buch“ am Alexanderplatz gehörte dazu und die „Buchhandlung Unter den Linden“. Deren Leiter übernahm das „Internationale Buch“, setzte überall seine Leute aus Schlüsselpositionen ein und ging dann trotzdem baden. Die Chemie in der Buchhandlung stimmte nicht mehr, die Umsätze blieben hinter den Erwartungen zurück und die westdeutschen Partner wollten wohl ihr Engagement nicht bis ins Ungewisse ausdehnen. Der Weg Berlins zur Metropole dauerte doch länger als gedacht. Zuerst wurden nach Sozialplan vor allem junge Mitarbeiter entlassen. Diese fanden dann häufig wieder eine Anstellung. Wer durch Protegé oder aus Altersgründen bleiben durfte, hatte es anschließend deutlich schwerer.

Nach dem Zerfall der BBN kamen Sie zur Wohlthat’schen Buchhandlung GmbH; eine Gruppe, die durch Zukäufe in Ostdeutschland nach 1990 stark wuchs, inzwischen aber nicht mehr existiert. Wie haben Sie die Expansion damals wahrgenommen?

Ich arbeitete zuerst für Wohlthats in Berlin/Marzahn, später dann in Berlin/Weissensee und zuletzt als Filialleiter in Berlin/Friedrichshagen. Während der ganzen Zeit war die Transformation vom Alt68er-Unternehmen zum ’normalen‘ Buchdiscounter in Bewegung. Dazu trugen die Zukäufe im Osten wesentlich bei. In diesen herrschte eine ganz andere, eher autoritär geprägte Unternehmenskultur. Es gab Filialen, die vom Personalchef geführt wurden, dem leider viel zu früh verstorbenen Klaus Roggenhausen, und welche, die der Prokurist Ojars Baumeister leitete. Beide standen für völlig unterschiedliche Konzepte in der Personalführung. Der Kampf der Firmenleitung gegen die Bildung eines Betriebsrates zeigte, wie fern die linken Ideale in den 1990ern schon waren. Mit dem Tod des Personalchefs setzte der Prokurist sich in der gesamten Firma durch.

Um sich am Markt halten zu können, setzte Wohltat zunehmend auf preiswerte Bücher und ein selbstbedienungsorientiertes Konzept? Wie sind Sie damit klar gekommen?

Ganz gut. Es gab tolle Reste exklusiv bei Wohlthats, jede Filiale kaufte eigenverantwortlich ein und gerade die Ostberliner Filialen waren in vielen Fällen eben doch Kiezbuchhandlungen für ihre Kunden. Da gingen Kalender für 49,- DM zum Originalpreis über den Ladentisch, das Sortiment war breit gefächert, das Maß an Eigenverantwortung zu meiner Zeit noch hoch. Nach meinem Weggang gab es dann immer mehr zentrale Regulierung, man sieht ja was daraus geworden ist. Letztlich gab es aber auch ein paar Punkte (Ladeneinrichtung / Veranstaltungen / Personalführung), die ich persönlich anders gestalten wollte und das ging nur über den Weg der Selbstständigkeit.

Wohltat wurde dann von Weltbild übernommen …

Letztlich blieb ein Scherbenhaufen unter Weltbildägide. Was für ein Hohn: die Firma, die ihr Geld mit Titeln wie „Sex und Folter in der Katholischen Kirche“ und den „Bakunin-Tagebücher“ gemacht hatte, die einen wesentlichen Teil der Auflage des „Heimlichen Auges“ von Konkursbuch und Erotikwälzer von Taschen vertrieb, verkaufte sich an ein Konglomerat aus Soldatenseelsorge und katholischen Diözesen. Erotik wurde sofort aus dem Angebot genommen. Mit Titeln wie „Wölfe im Eismeer“ und „Die deutschen Stukka-Asse“ hatte Weltbild leider deutlich weniger Berührungsängste. Die hätte es bei Wohltat nie gegeben. Ich erinnere mich an stundenlange Diskussionen, ob man den Leni Riefenstahl Band von Taschen denn nun anbieten solle oder nicht. Letztlich sprach sich die Mehrheit der Wohlthat-Filialleiter dagegen aus.

___________________________________________________________________________________________

Der ausgebildete Koch Holger Brandstädt (geb. 1966) fing im September 1989 als ungelernte Kraft im „Internationalen Buch“ in der Spandauer Straße in Berlin/Mitte an. Eingestellt wurde er von Gerald Nußbaum, dem damaligen Direktor des Ostberliner Volksbuchhandels, der zu DDR-Zeiten unter dem Namen „Berliner Buchhandelsgesellschaft“ firmierte. 1989 gehörten circa 64 volkseigene Buchhandlungen zum Verbund.

Nußbaum trug sich bereits früh mit dem Gedanken, mit einem starken, westdeutschen Partner zu fusionieren. Nach Verhandlungen mit Thomas Grundmann von der Bouvier Buchhandelsgruppe in Bonn entstand im Juli 1990 die „Berliner Buchhandelsgesellschaft Bouvier und Nicolai“ GmbH (BBN), die sich die interessantesten Objekte der ehemaligen Hauptstadt der DDR sicherte. Unter den ehemaligen Renommierläden wie „Universitätsbuchhandlung“, „Kunstsalon unter den Linden“, war auch das „Internationale Buch“, wo Holger Brandstädt beschäftigt war. Er absolvierte 1990/91 in Bonn und Köln bei Bouvier diverse Praktika; zeitgleich machte er per Fernstudium seinen Abschluss als Buchhändler. Im August 1992 kam das Einsehen, dass sich die BBN überhoben hatte. Die vermeintlichen Filetstücke des Ostberliner Buchhandels hatten sich als nicht lukrativ genug erwiesen. Die meisten Buchhandlungen der BBN machten dicht; lediglich zwei konnten im Rahmen eines Management-Buy-Out an ehemalige Mitarbeiter verkauft werden.

Nach dem Zerfall der BBN ging Holger Brandstädt zur „Wohlthat’schen Buchhandlung“ GmbH, bei der er zuletzt als Filialleiter in Berlin/Friedrichshagen beschäftigt war. Im Oktober 2001 übernahm er in Ueckermünde die traditionsreiche „Friedrich-Wagner-Buchhandlung“.

******************

Mein Dank gilt allen, mit denen ich mich bislang habe austauschen dürfen. Ich würde mich freuen, wenn sich weitere Zeitzeugen einfänden, um das eine und andere aus der eigenen Erfahrung zurechtzurücken und/oder Lücken zu schließen.