Die Gesellschaft bekommt jene Bücher, die sie verdient. – Ein Gastbeitrag zum Thema Self Publishing von Richard K. Breuer

Der Beitrag, wie buchaffine Blogger zu Publikationen von Self Publishern stehen, trieb um. Kolportieren Blogger Vorurteile und Klischees? Wieso existieren Berührungsängste? Ist nur das Gold, wofür eingeführte Verlage stehen? Woher dieses Geschmäckle, das Selbstverlegtem anheftet? Braucht es ein Gütesiegel?

Aufgeworfen in den Kommentaren wurde allerdings auch die Frage, wie Indie-, Hybrid-Autoren und autonome Verleger mit Hürden und Vorbehalten umgehen. – Das wollte ich ein wenig genauer wissen. Nun freue ich mich sehr darüber, dass Richard K. Breuer, Eigenverleger, Autor und Blogger, seine Überlegungen zum Thema Self Publishing hier mit uns teilt. Seine Darlegungen eröffnen (in freier Übersetzung) ein Zitat von Neil Postman; es stammt aus dessen Eröffnungsrede zur Frankfurter Buchmesse 1984:

„Was Orwell fürchtete, war der Moment, wo Bücher verboten werden würden. Was Huxley fürchtete, war der Moment, wo es keinen Grund mehr geben würde, überhaupt Bücher zu verbieten, weil es niemanden mehr gäbe, der sie lesen hätte wollen.“ („What Orwell feared were those who would ban books. What Huxley feared was that there would be no reason to ban a book, for there would be no one who wanted to read one.“)

Nun aber zu Richard, dem ich herzlich danke sage!

Richard K. Breuer © Laurent Ziegler

„Es ist nicht leicht, einen Beitrag zum Thema Self Publishing zu schreiben. Nicht, weil ich nichts zu sagen hätte. Ganz im Gegenteil. Vielmehr deshalb, weil ich als Eigenverleger immer in den Verdacht gerate, mich und meine Bücher in den Vordergrund zu stellen. Es bleibt somit dem Leser an dieser Stelle überlassen, ob er den Beitrag als „Eigenwerbung“ abtut oder als Möglichkeit wahrnimmt, sich über die Gegebenheiten des Verlagswesens zu informieren. Freilich, ich bin kein Insider, eher ein Zaungast oder – wie man dem Eigenverleger gerne unterstellt – der Nichteingeladene einer fetzigen Party. Kommen wir gleich mal zu meinen Überlegungen. Sie sind freilich nicht vollständig, sollten aber als Diskussionsgrundlage dienlich sein.

*

Ein self publisher wird vor allem dann wahrgenommen,

wenn er den Zahlen- und Geldfetisch der Gesellschaft befriedigt,

wenn er es schafft, von den Mainstream-Medien akzeptiert zu werden,

wenn er bereits eine renommierte Marke ist (Celebrity-Cult),

wenn er bereit ist, viel Geld für Werbung und Marketing in die Hand zu nehmen,

wenn er Teil einer verschworenen Community ist,

wenn er den Schein aufrechterhält, mit seinen Büchern erfolgreich zu sein,

wenn er zum „Geheimtipp“ avanciert und es hip ist, „Außenseiterliteratur“ zu lesen.

.

Ein self publisher wird vor allem dann kommerziell erfolgreich sein können,

wenn er sich der Ratgeberliteratur zuwendet,

wenn er sich der Feel-good-Literatur zuwendet,

wenn er sich dem Sachbuchbereich zuwendet,

wenn er ein „herzeigbarer Selfmademan“ ist,

wenn er ein großes persönlich-familiäres Netzwerk um sich hat,

wenn er eine gesellschaftliche Nische bedient,

wenn er eine noch nicht ausgereizte Subkultur bedient,

wenn er den Schein aufrechterhält, in einem Bereich ein Experte/Meister zu sein,

wenn er bereit ist, den Wert eines Kleinwagens in sein Projekt zu investieren,

wenn er zumindest seinen Text einem Korrektorat angedeihen lässt,

wenn er den Umschlag nach professionellen Gesichtspunkten herstellt.

.

Ein self publisher wird kommerziell erfolglos sein,

wenn er sein Augenmerk nur auf den belletristischen Bereich legt,

wenn er den Fokus auf Qualität legt, die der gewöhnliche Leser nicht bemerken kann,

wenn er mit den Produkten von Verlagshäusern in Konkurrenz steht,

wenn er intensivst die Social Media Kanäle bespielt und dabei unpersönlich wird,

wenn er nicht den Schein aufrechterhalten kann, mit seinen Büchern erfolgreich zu sein,

wenn er stupide dem traditionellen Verlagswesen hinterherhechelt,

wenn er mit dem traditionellen Verlagswesen aneckt.

.

Ein self publisher wird innerlich erfolgreich sein,

wenn er einer „inneren Stimme“ folgt bzw. einen Musenkuss hatte,

wenn er das Maximum aus den Gegebenheiten herausholte,

wenn er neue Wege ausprobiert,

wenn er sich von äußeren Umwelteinflüssen nicht kleinkriegen lässt,

wenn er stetig dazulernt,

wenn er nicht aufgibt,

wenn er sein schlimmster Kritiker bleibt,

wenn er zumindest einen Leser gewinnen konnte,

wenn er sich nicht dem Geld- und Zahlenfetisch ausliefert.

*

Das traditionelle Verlagswesen, so lesen wir, kämpft ums Überleben und um Marktanteile. So mag es nicht verwundern, wenn die größten Verlags- und Medienhäuser fusionieren. In der zweiten Hälfte des Jahres 2013 soll Random House mit Penguin Books verschmelzen. Wenn man sich ansieht, welch internationales Medienkonglomerat die Muttergesellschaft von Random House ist, kann einem schon recht schwindlig werden, ob der Zahlen und Ziffern. Fakt ist aber, dass Self Publishing einer der am schnellsten wachsenden Sektoren im Verlagswesen ist. In den USA wurden 2010 etwa 133.000 Titel im Eigenverlag publiziert. Ein Jahr später waren es bereits 211.000 Titel. Es ist somit nur folgerichtig, dass die großen Verlagshäuser auf diesen Zug aufspringen und Self-Publishing-Portale übernehmen. Ob das am Ende gut oder schlecht für den Self Publishing Bereich ausgeht, ist nicht vorherzusehen. Die Geschichte lehrt uns, dass Konzerne eine Konkurrenz, die im Wachsen ist, übernehmen, um sie dann in ihrem Sinne zu formen. Beispielhaft sei hier die „General Motors streetcar conspiracy“ erwähnt.

Ein Bestseller wird gemacht und kostet einen Verlag viel Geld. Das wusste schon Italo Calvino, als er in den 1960ern Jahren nach New York eingeladen wurde und dort bemerkte, dass der amerikanische Verlag für sein neues Buch einen Werbeetat von gerade einmal 4.000 Dollar (nach heutigem Geldwert) veranschlagte. Calvino war entsetzt und meinte, dass man mindesten 4 Millionen Dollar locker machen müsste, um auf dem Markt etwas bewegen zu können. Deprimiert stellte er fest, dass sich die großen Verlage in den USA vorrangig um ihre Bestseller kümmern und ihnen gar nichts daran läge, ein Buch auf dem Markt „durchzusetzen“. [Quelle: Italo Calvino, Eremit in Paris, Autobiographische Blätter, München 2000, S. 34]

Wir sehen, ohne dass ich es wollte, bin ich bereits beim lieben Geld angelangt. Am Ende, das mag jetzt keine große Neuigkeit sein, dreht sich alles ums Geld. Auch wenn das Verlagswesen so tut, als würde es um die schöne Literatur gehen, Fakt bleibt, dass jedes Unternehmen gezwungen ist, profitabel zu sein – ansonsten würde es vom Markt verschwinden. Das Buch wird zum „Non-Food“-Produkt. Gewiss, manch kleine und mittlere Verlagshäuser sehen im Buch noch immer ein kulturelles Erbe, das erhalten werden soll. Es ist interessant zu beobachten, wie sich diese Verlage gegen Self Publisher abgrenzen und zur Wehr setzen, während sie von den Verlagskonzernen und dem Handel an die Wand gefahren werden. Die Frage, die ich mir hin und wieder stelle, scheint mir berechtigt: Worin liegt der Unterschied zwischen einem engagierten Kleinverlag, der eine Hand voll Mitarbeiter beschäftigt und einem Eigenverleger? Beiden ist gemein, dass sie dem „Produkt“ Buch eine sehr persönliche Note geben und voller Hingabe und Leidenschaft zu Werke gehen. Dass diese persönliche Note, diese Leidenschaft, im grauen Alltag des Wirtschaftslebens untergeht, wo am Ende des Tages die Kassa stimmen muss, dürfte hinlänglich bekannt sein.

Es ist weder der literarische Wert noch die Qualität des Produktes, die im Verlagswesen zählen, sondern die Quantität. Jetzt wird es persönlich. Wie oft werde ich gefragt, ob ich von meinen selbst verlegten Büchern leben könne. Wie oft werde ich gefragt, wie viele Bücher ich denn so in der Woche/im Monat/im Jahr/insgesamt verkaufe bzw. verkauft habe. Immer geht es zu aller erst um Zahlen. Meine Antworten bleiben vage und unbestimmt. Das hat den Grund, weil ich weiß, dass meine „Verkaufszahlen“ in den Ohren des Fragestellers immer zu gering sind. Ich weiß auch, dass ich dadurch im „Geschäftswert“ sinke. Würde ich also täglich tausende Stück meiner Bücher verkaufen, es würden sich eine Vielzahl an Medien- und Geschäftsleuten und Bewunderern einstellen. Ich glaube, dass dieser Zahlen- und Geldfetisch mit der Amerikanisierung des europäischen Kontinents zu tun hat. Es war ein Wiener Dichter, der in den 1830ern in die USA auswanderte, aber es keine zwei Jahre dort aushielt. Er stellte mit Abscheu fest, dass es dem geschäftigen Amerikaner nur um „Dollars ginge“. [Lenau’s Leben, Großentheils aus des Dichters eigenen Briefen von seinem Schwestermanne Anton X. Schurz. Erster Band. J. G. Cotta’scher Verlag, Stuttgart/Augsburg 1855, S. 196ff]

Aber was immer der Grund für diesen Zahlen- und Geldfetisch auch sein mag, er hat Besitz vom Menschen genommen. Das Verlagswesen und ihre „Produkte“ sind nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Frei nach dem Motto: Die Gesellschaft bekommt jene Bücher, die sie verdient.

Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass ein freiwilliges Zusammenspiel zwischen self-publishing-Autoren auf der einen Seite und „privaten Buchherstellern“ auf der anderen Seite entsteht. Mit anderen Worten, es würden sich Lektoren, Grafiker, Testleser, Marketing- und Medienleute finden, die in ihrer Freizeit gemeinsam Bücher herstellen und dabei dem kommerziellen Aspekt nur eine geringe Bedeutung beimessen. Es wäre demnach die Demokratisierung des Verlagswesens. Die Möglichkeiten dazu sind heutzutage längst gegeben, es braucht nur noch die Bereitschaft jedes Einzelnen, seinen Teil zu diesem Projekt beizutragen. Ich sage es deshalb, weil ich in den letzten Jahren bemerkt habe, wie einseitig und unausgewogen der Mainstream-Medien-Apparat und die großen Verlagshäuser die Welt „befruchten“. Von diesen dürfen sich die Bürger keine „zweite Aufklärung“ erhoffen. Deshalb schließe ich mit einem Zitat von Pulitzer-Preisträger und ehemaligen New York Times Korrespondenten Chris Hedges:

„Der Sinn von ‚Brot und Spiele‘ ist jener, wie Neil Postman in seinem Buch Amusing Ourselves to Death sagt, abzulenken, emotionale Energie auf das Absurde und Triviale und Spektakuläre zu lenken, während man rücksichtslos seiner Rechte beraubt wird. Ich habe mich gefragt: Hat Huxley recht oder hat Orwell recht? Es stellt sich heraus, dass sie beide recht haben.“ („The purpose of bread and circuses is, as Neil Postman said in his book Amusing Ourselves to Death, to distract, to divert emotional energy towards the absurd and the trivial and the spectacle while you are ruthlessly stripped of power. I used to wonder: Is Huxley right or is Orwell right? It turns out they’re both right“, übersetzt nach: David Barsamian, Interview with Chris Hedges, in: The Progressive Ausgabe August 2011, online abrufbar.“)

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Richard K. Breuer lebt und arbeitet in Wien. Wirtschaftlich geprägte Schulausbildung. Verschiedene Jobs im Banken- und Softwarebereich. Seit 2003 freiberuflicher Schriftsteller, Dramatiker, Drehbuchautor, Designer, Blogger und Verschwörungstheoretiker. Absolvent des zweisemestrigen Verleger-Semi­nars in Kooperation mit der Universität Wien bei Prof. Mazakarini. Verleger seit 2008.

Veröffentlichungen: Die Liebesnacht des Dichters Tiret (2008), Rotkäppchen 2069 (2008), Schwarzkopf (2009), Brouillé (2010), Madeleine (2012). Autor der Woche (ORF Radio NÖ). Die Krimikomödie Schwarzkopf wurde in der Leipziger Volkszeitung und Falter Buchbeilage besprochen. Das Magazin hörBücher vergab in der Ausgabe 4/11 für Schwarzkopf die höchste Benotung („grandios“).

Dr. Scherr vom Wiener Literaturhaus attestiert dem Eigenverlag im öster. Börsenblatt 1/10 eine „beeindruckende Professionalität“ und meint: „So mancher Kleinverleger könnte sich hier die eine oder andere Anregung in puncto Marketing holen.“ Für 2012 ist das kontroversielle Sachbuch „Con$piracy“, der Tagebuchroman „Der Fetisch des Erik van der Rohe“ und „Penly“ geplant. Die veröffentlichten Bücher sind im Fachhandel als Taschenbuch bzw. im E-Book-Format erhältlich. – Mehr zu ihm auf seiner Webseite.

„Mir kommt die Frage, ob ein Verlag mein Buch angenommen hätte, fast albern vor …“. Vorbehalte gegen Self Publishing

Wie stehen buchaffine Blogger zu Publikationen von Selbstverlegern? Da ich das etwas genauer wissen wollte, habe ich bei einigen nachgefragt, wie sie damit verfahren würden, wenn ihnen Self Publisher Titel zur Rezension anbieten. Die 15 Statements der Bloggerinnen und Blogger, die man hier nachlesen kann, wurden kontrovers diskutiert.

Mit Richard K. Breuer, Petra van Cronenburg, Peter J. Kraus, Matthias Matting, Michael Meisheit u.a. brachten sich auch Autoren und Verleger in die Diskussion ein, die unabhängige Wege gehen. Breuer, van Cronenburg, Kraus und Matting bereits seit längerem, Meisheit debütiert in diesen Tagen als Indie-Autor.

Ob Hybrid- oder Indie-Autor – die Kommentare setzen sich differenziert und selbstbewusst mit Vorbehalten gegen Self Publishing auseinander. Grund genug, wie ich meine, die Beiträge in Auszügen als eigenständigen Blogpost zu veröffentlichen.

Richard K. Breuer:

Ansonsten sei gesagt, dass ich ebenfalls eine gewisse Voreingenommenheit habe, wenn mir jemand “sein Buch” unter die Nase hält (wobei ich jetzt anmerken sollte, dass mich Mainstream-Verlagsbücher so gut wie gar nicht mehr interessieren), aber gleichzeitig gilt festzuhalten, dass es der Traum eines aufgeklärten Bürgertums war, dass jeder Mann seine Gedanken frei von Zensur publizieren durfte. Die Flut an qualitativ mäßigen und zum Teil unkorrigierten “literarischen” Texten sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Selbstverlag auch einen gesellschaftspolitischen Aspekt erfüllt. Gerade in diesen Zeiten müssen wir das Recht auf freie Meinungsäußerung in Sprache und Schrift hochhalten und dürfen diese nicht als selbstverständlich erachten.

Michael Meisheit:

Die Schere im Kopf!? © GvP

Heute [20.11.12] habe ich meinen ersten Roman bei Createspace als “Selfpublisher” hochgeladen. Und bin nach wie vor begeistert von meinen Erfahrungen in den letzten Tagen oder gar Wochen. Vielleicht ist mein Weg nicht der “normale” für einen Selbstverleger – ich habe viele Jahre Schreiberfahrungen als Drehbuchautor und auch eine ziemlich klar definierte Zielgruppe – aber mir kommt hier ein Aspekt doch deutlich zu kurz: Wenn man sich ewig in der Mühle von etablierten Monolithen befindet (in meinem Fall Sender …), ist es so befreiend und motivierend, sein Werk unabhängig, zügig und mit eigenem Risiko in die Welt zu setzen, dass mir die Frage, ob ein Verlag den Roman genommen hätte, fast albern vorkommt.

Peter J. Kraus:

Immer wieder taucht in der Diskussion die Annahme auf, dass “Selbstverleger” Trauerklöße sind, die “keinen Verleger gefunden haben”. Dem möchte ich widersprechen.
Meine ersten drei (Sach)bücher wurden 1996-1998 bei Chr. Links, Berlin, verlegt. Mein erster Krimi, “Geier”, kam 2003 bei Knaur, München, heraus. Zwei Lernkrimis, “Verdacht in Hollywood” und “Kleinstadt in Angst” wurden von Tosa, Wien, verlegt”, meine weiteren Bücher, “Joint Adventure” und “Cattolini Erbt”, erschienen bei Conte, Saarbrücken.

Ich war und bin mit allen Verlagen, mit denen ich die Ehre hatte, zufrieden. Links war großartig, bei Conte bleibe ich, weil wohlaufgehoben.

Und doch habe ich zwei Ebooks als Selbstverleger bei Kindle herausgebracht. Ein drittes folgt im Januar, Nummer vier und fünf sind für Sommer und Weihnachten 2013 geplant.

Warum? Weil beim fremdverlegten Buch mindestens eineinhalb Jahre, bis zu zwei Jahren vergehen, bis ich Geld sehe. Manuskript hin, Annahme/Vertrag dauerte nie länger als ein paar Wochen (ich lebe in den USA, was meist einen recht langen Postweg bedeutet), dann rollen die Verlagsräder, Vertreter geben ihren Senf, Lektoren lektorieren, Grafiker tun ihr Ding, Erscheinungstermin wird zwischen allen Beteiligten festgelegt, Kataloge gedruckt, Buch in den Laden, und dann warten alle, was sich tut. Abgerechnet wird gemeinhin im März des auf die Erscheinung folgenden Jahres – und jedes Jahr wiederholt sich die Abrechnung.

Wenn ich selbst für alles verantwortlich bin, schreibe ich wie immer – da ist kein Unterschied zwischen Verlag und SP – etwa drei bis vier Monate an den circa 300 Seiten. Korrektur, Lektorat, Cover, alles im Outsourcing. Sagen wir nochmal vier Wochen. Dann, fünf Monate nach Manuskriptbeginn, wird das Buch auf Kindle geladen und erscheint im Amazonangebot einen Tag später. Bezahlt wird jeweils zwei Monate nach Ende des Verkaufsmonats. Das heißt, ich kann acht Wochen nach dem Verkauf mein Verdientes ausgeben, habe dadurch einen sich monatlich wiederholenden Geldeingang, der mich in die Lage versetzt, nach Gusto über meine Zeit zu verfügen. Ich weiß täglich genau, was verkauft wurde, ich kann anhand von Lesermails und Amazon Rezensionen etwa absehen, was gefällt und was nicht und habe die Möglichkeit, mich danach zu richten — falls ich das will.

Ebook selbst verlegen, Papier dem Verlag überlassen: ich glaube, dass sich das für mich lohnt. Mal sehen, ob das auf Dauer zu machen ist. Wenn nicht, habe ich ja einen Verlag. Und wenn der nicht will, suche ich (und finde!) einen anderen.

Mir ist nur wichtig, festzustellen, dass Schablonen nicht immer zutreffen – jeder und jede hat andere Erfahrungen gemacht und daraus Konsequenzen gezogen. Wer Großverlage bevorzugt (und dazu gehörte ich nach einem Vierteljahrhundert im kalifornischen UKW-Rockradio als Programmgestalter/Moderator auch; geht halt nichts über major labels, wie man weiß), der schaut mit leichter Verachtung auf kleinere Verlage: wer bei einem kleinen Verlag gelandet ist, der sieht auf Selfpublishers herab. Der Selfpublisher hat nur Verachtung übrig für Menschen, die nur für die Schublade schreiben.

Meint man. Ist aber nicht so. Manche sicher, aber die meisten von uns haben gelernt, zu differenzieren. Sonst könnten wir keine Bücher schreiben, die allesamt vom Leben handeln.

Petra van Cronenburg:

Ich habe den Eindruck, dass viele, die nun wirklich vorurteilsbeladen Self Publishing von vornherein als Trash klassifizieren, sich einfach nicht wirklich auszukennen scheinen. Sonst hätte sich bereits herumgesprochen, wie viele “gestandene Verlagsautoren” inzwischen im Self Publishing sind, dass Literaturagenturen inzwischen für bestimmte Projekte sogar SP empfehlen, weil mehr dabei herumkommt oder der Kontakt zum Zielpublikum beim Autor enger ist.

Ja, klar, es gibt grausig schlecht gemachte Bücher, auch bei Verlagen. Aber ich habe in den letzten paar Monaten allein drei Self Publisher entdeckt, bei deren Talent ich mich frage, warum die noch kein Großverlag eingekauft hat. Die Antwort des größten Erzähltalents war verblüffend: Auf die Idee, sich groß zu bewerben, sei sie gar nicht erst gekommen – in der Zeit hätte sie ein ordentlich lektoriertes Buch herausgebracht. Solchen Leuten würde ich differenzierter denkende Rezensenten wünschen – die gehen allerdings auch nicht hausieren.

Was zu fehlen scheint, sind Feuilleton-Alternativen mit Durchschlagkraft, die wie im Ausland ein Buch nur nach seinen Inhalten und deren Qualität, nicht aber nach dessen Veröffentlichungsart beurteilen. Die New York Times geht da mit gutem Beispiel voran.

Matthias Matting:

Ich denke, die Reaktion der Blogger liegt zum Teil auch an der Fragestellung. “Self-Publisher”, das klingt wie ganz allein selbstgemacht. Wenn mir meine Kinder etwas selbst machen, freue ich mich. Ansonsten möchte ich ganz einfach ein professionelles Produkt. Und das kann es nicht geben, wenn der Autor alles selbst gemacht hat (Cover, Layout, Lektorat usw.). Also bezeichne ich mich selbst dann nicht als Self-Publisher, wenn ich ein Buch verlagsunabhängig herausbringe. Ich denke, ein Blogger kann ein professionell gemachtes Buch von Selbstgebasteltem unterscheiden, oft sogar schon daran, WIE er angesprochen wird. Ich habe auch bisher wirklich keine Ablehnung von Bloggern erlebt.