„Soap“. Eine Seifenoper – oder ein Lehrstück über Selfpublishing?

Michael Meisheit ist ein erprobter Autor, der seit 15 Jahren erfolgreich Drehbücher für die populäre Fernsehserie „Lindenstraße“ schreibt, die immer sonntags um 18:50 Uhr im Ersten läuft. Deutschlands älteste Seifenoper hat eine Stammkundschaft von ca. 3 Millionen Zuschauern. Meisheit ist als ihr Autor bekannt und im Mediengeschäft entsprechend erfahren.

Spannend finde ich, dass der gut vernetzte Drehbuchautor trotz seiner Bekanntheit auch einer von denen ist, die ihre Bücher nicht auf herkömmlichen Wegen veröffentlichen. Wie viele andere  wog er Chancen und Risiken hinsichtlich Selfpublishing ab, um den Schluss zu ziehen, dass die Vorteile überwiegen. Mehr noch, er geht sogar einen Schritt weiter. In einem Kommentar bei SteglitzMind erklärte er unumwunden, dass ihm „die Frage, ob ein Verlag den Roman genommen hätte, fast albern vorkommt.“

Da ich dem näher auf den Grund gehen wollte, habe ich mich eingehender mit seinem Debüt als Indie-Autor beschäftigt. Ist seine Geschichte exemplarisch? Was prädestiniert ihn als Selfpublisher?

Coverentwurf (c) Henk Wyniger_2

Diese Idee wurde präferiert © Coverentwurf: Henk Wyniger

Für seine Entscheidung, seinen Roman mit dem Titel „Soap“ auf eigenen Wegen herauszubringen, sprechen meines Erachtens eine Reihe von Faktoren. Er ist ein eingeführter Autor. Bedingt durch seinen Job verfügt er über einige persönliche Kontakte zu Journalisten. Er experimentiert gerne und nutzt die neuen Möglichkeiten seit Jahren, die das Netz Autoren bietet. Er hat schon gebloggt als es hierzulande noch kaum einer tat, nämlich vor mehr als zehn Jahren auf jetzt.de. Mit seinem Projekt „Vanessa X“ startete er im August 2011 die erste deutsche Science-Fiction-Blog-Novela. Er hat außerdem ein professionelles Team im Rücken, das seine Projekte ehrenamtlich unterstützt, und – schlussendlich – existierte auf seinem Rechner seit zehn Jahren ein Ordner, in dem sich das Romanmanuskript befand.

Als Meisheit sich im Sommer dieses Jahres darauf besann, waren die technologischen Voraussetzungen für Eigenverleger gegeben und inzwischen relativ leicht handelbar. Die ersten deutschen Selfpublisher machten mit Erfolgen öffentlich von sich reden. Das spornt natürlich an, Titel aus eigener Kraft auf den Markt zu bringen. Erfolg versprechend war in seinem Fall in meinen Augen auch, dass „Soap“ eine klar umrissene und zudem reichweitenstarke Zielgruppe hat. Erzählt wird darin von einer fiktiven Fernsehserienproduktion namens „Schöneberg“, wo der junge Filmstudent Lukas als Serienautor eine Beschäftigung findet. Der Romantitel „Soap“ ist Programm. Nicht allein, weil die Erlebnisse des Helden wie eine Seifenoper daherkommen, auch die strukturellen Elemente spielen gekonnt mit Soap-Stilmitteln. Womit der unterhaltsam-spritzige Roman Fans der „Lindenstraße“, Liebhaber von Soap bzw. von Fernsehserienproduktionen und natürlich all jene anspricht, die sich für einen Blick hinter die Kulissen von Fernsehserien interessieren.  – Gleichwohl dürfte sich Meisheit bewusst gewesen sein, dass die Produzenten der „Lindenstraße“ seinen Alleingang mit „Soap“ nicht promoten würden.

Auch getrieben vom Impuls, dass Autoren sich ihr Publikum neu erschließen müssten, beschloss Meisheit, die Arbeit am Text, das Prozedere der Publikation und das sich anschließende Buch-Marketing öffentlich zu machen. Für seine Gehversuche als Indie-Autor nutzte er ab 14. Juli 2012 seinen Blog. Ebenso zum Einsatz kam sein Twitteraccount, das seit Mai 2009 existiert, und Facebook, wo für „Soap“ im Oktober 2012 eine Fanseite eingerichtet wurde. – Der Entscheidung, auf diese Kanäle zu setzen, kam sicherlich entgegen, dass sich „Lindenstraßen“-Fans und Soap-Liebhaber gerne in Foren und Netzwerken aufhalten. Bei Twitter hat die „Lindenstraße“ ein eigenes Account und Meisheits Blog besuchen Fans der Serie seit jeher gerne.

Das Cover kam auch nicht an  © Entwurf: Henk Wyniger

Dieses Cover fiel durch © Entwurf: Henk Wyniger

Von Anfang an war es sein Ziel, interessierte Leser aktiv in den Entstehungsprozess einzubinden. Deshalb veröffentlichte er nicht nur Kapitelauszüge und Posts über die Genese des  Projekts, er regte vielmehr fortlaufend Diskussionen an. So wurde etwa gemeinsam für den Protagonisten ein Name gesucht. Auch wurde mit ihnen darüber diskutiert, wie viel Sex bzw. nackte Haut sein dürfe oder ob eine auktoriale Erzählhaltung („Klugscheißer“) durch den Roman trüge. Testleser übernahmen Lektorat und Korrektorat. Ohne das Team hätte „Soap“ heute beispielsweise einen völlig anderen Umschlag. Das Cover, das Meisheit und sein Illustrator Henk Wyniger präferiert haben, fiel bei der Abstimmung glatt durch.

Von den günstigen Startbedingungen einmal abgesehen, scheint mir Michael Meisheit in mancherlei Hinsicht prototypisch für eine neue Selbstverlegergeneration zu sein. Sie sind zumeist internetaffin und schlagen auch deshalb selbstbewusst innovative Wege ein, weil sie von den Möglichkeiten fasziniert sind, die das Internet Autoren bietet. Ein schmales Budget machen sie durch originelle Ideen und innovative Wege wett. Dass sie dem klassischen Verlagswesen absagen, hat vielfach auch mit einschlägigen Erfahrungen zu tun. So auch bei Michael Meisheit, dessen Roman vor zehn Jahren einer Literaturagentin zwar zu Gefallen war, weil der Stil überzeugte, das Soap-Sujet allerdings nicht. Medienthemen, so deren Ansage, würden im Roman nicht funktionieren. – Ein Stachel im Fleisch?

Allerdings beschränkt sich der „Selbstversuch“, wie Meisheit sein „Soap“-Projekt nennt, nicht nur auf den Publikationsweg. Nebenbei stellt der Indie-Autor damit auch herkömmliche Produktions- bzw. Schreibprozesse in Frage. Seit seinem Versuch mit dem Blogroman „Vanessa X“ experimentiert er im Netz mit Erzählformen, -arten und -haltungen. „Vanessa X ist ein erster Versuch, durch Links und auch durch die Interaktion mit Social-Media-Plattformen eine fiktive Welt zu schaffen, die über einen bloßen Text hinausgeht“, wie er im Oktober 2011 in einem Gespräch mit der Klappentexterin u.a. ausführte. – Seiner Entscheidung für eine interaktive Arbeitsweise im Schulterschluss mit Blogbesuchern, Fans, Followern und Lesern, mag freilich auch entgegengekommen sein, dass Serienautoren im Team schreiben. Mit tradierten Vorstellungen vom Künstler, der sein Werk im Alleingang und in Abgeschiedenheit verfasst, haben diese Autoren wohl eher nichts gemein.

Schön finde ich, dass Michael Meisheit sein Debüt als Indie-Autor auf seinem Blog von Anfang an dokumentiert hat. So kann man dort nicht nur die Genese des Romans bis zum Erscheinen als Print und eBook verfolgen. Auch das „Auf und Ab“ ist dort festgehalten: Welche Publikationsformen und -plattformen eignen sich, was dürfen Taschenbuch und eBook kosten, ist das Ende stimmig? Regelrecht mitfiebern muss man beim Blogpost vom 20. November, in dem nachzulesen ist, wie Meisheit sein Buch bei Amazons Tochterunternehmen CreateSpace hochlädt. Umso größer ist die Erleichterung, als er sein gedrucktes Buch endlich in Händen hält. Das Bild, das er am 23. November postet, zeigt einen rundum zufriedenen Selfpublisher, der seinen Erstling stolz präsentiert.

Ich freue mich sehr, dass Michael Meisheit hier demnächst Rede und Antwort steht. Dann werden wir u.a. von ihm erfahren, was er fürs Buchmarketing tut und wie sich der Alleingang mit „Soap“ rechnet.

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„Mir kommt die Frage, ob ein Verlag mein Buch angenommen hätte, fast albern vor …“. Vorbehalte gegen Self Publishing

Wie stehen buchaffine Blogger zu Publikationen von Selbstverlegern? Da ich das etwas genauer wissen wollte, habe ich bei einigen nachgefragt, wie sie damit verfahren würden, wenn ihnen Self Publisher Titel zur Rezension anbieten. Die 15 Statements der Bloggerinnen und Blogger, die man hier nachlesen kann, wurden kontrovers diskutiert.

Mit Richard K. Breuer, Petra van Cronenburg, Peter J. Kraus, Matthias Matting, Michael Meisheit u.a. brachten sich auch Autoren und Verleger in die Diskussion ein, die unabhängige Wege gehen. Breuer, van Cronenburg, Kraus und Matting bereits seit längerem, Meisheit debütiert in diesen Tagen als Indie-Autor.

Ob Hybrid- oder Indie-Autor – die Kommentare setzen sich differenziert und selbstbewusst mit Vorbehalten gegen Self Publishing auseinander. Grund genug, wie ich meine, die Beiträge in Auszügen als eigenständigen Blogpost zu veröffentlichen.

Richard K. Breuer:

Ansonsten sei gesagt, dass ich ebenfalls eine gewisse Voreingenommenheit habe, wenn mir jemand “sein Buch” unter die Nase hält (wobei ich jetzt anmerken sollte, dass mich Mainstream-Verlagsbücher so gut wie gar nicht mehr interessieren), aber gleichzeitig gilt festzuhalten, dass es der Traum eines aufgeklärten Bürgertums war, dass jeder Mann seine Gedanken frei von Zensur publizieren durfte. Die Flut an qualitativ mäßigen und zum Teil unkorrigierten “literarischen” Texten sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Selbstverlag auch einen gesellschaftspolitischen Aspekt erfüllt. Gerade in diesen Zeiten müssen wir das Recht auf freie Meinungsäußerung in Sprache und Schrift hochhalten und dürfen diese nicht als selbstverständlich erachten.

Michael Meisheit:

Die Schere im Kopf!? © GvP

Heute [20.11.12] habe ich meinen ersten Roman bei Createspace als “Selfpublisher” hochgeladen. Und bin nach wie vor begeistert von meinen Erfahrungen in den letzten Tagen oder gar Wochen. Vielleicht ist mein Weg nicht der “normale” für einen Selbstverleger – ich habe viele Jahre Schreiberfahrungen als Drehbuchautor und auch eine ziemlich klar definierte Zielgruppe – aber mir kommt hier ein Aspekt doch deutlich zu kurz: Wenn man sich ewig in der Mühle von etablierten Monolithen befindet (in meinem Fall Sender …), ist es so befreiend und motivierend, sein Werk unabhängig, zügig und mit eigenem Risiko in die Welt zu setzen, dass mir die Frage, ob ein Verlag den Roman genommen hätte, fast albern vorkommt.

Peter J. Kraus:

Immer wieder taucht in der Diskussion die Annahme auf, dass “Selbstverleger” Trauerklöße sind, die “keinen Verleger gefunden haben”. Dem möchte ich widersprechen.
Meine ersten drei (Sach)bücher wurden 1996-1998 bei Chr. Links, Berlin, verlegt. Mein erster Krimi, “Geier”, kam 2003 bei Knaur, München, heraus. Zwei Lernkrimis, “Verdacht in Hollywood” und “Kleinstadt in Angst” wurden von Tosa, Wien, verlegt”, meine weiteren Bücher, “Joint Adventure” und “Cattolini Erbt”, erschienen bei Conte, Saarbrücken.

Ich war und bin mit allen Verlagen, mit denen ich die Ehre hatte, zufrieden. Links war großartig, bei Conte bleibe ich, weil wohlaufgehoben.

Und doch habe ich zwei Ebooks als Selbstverleger bei Kindle herausgebracht. Ein drittes folgt im Januar, Nummer vier und fünf sind für Sommer und Weihnachten 2013 geplant.

Warum? Weil beim fremdverlegten Buch mindestens eineinhalb Jahre, bis zu zwei Jahren vergehen, bis ich Geld sehe. Manuskript hin, Annahme/Vertrag dauerte nie länger als ein paar Wochen (ich lebe in den USA, was meist einen recht langen Postweg bedeutet), dann rollen die Verlagsräder, Vertreter geben ihren Senf, Lektoren lektorieren, Grafiker tun ihr Ding, Erscheinungstermin wird zwischen allen Beteiligten festgelegt, Kataloge gedruckt, Buch in den Laden, und dann warten alle, was sich tut. Abgerechnet wird gemeinhin im März des auf die Erscheinung folgenden Jahres – und jedes Jahr wiederholt sich die Abrechnung.

Wenn ich selbst für alles verantwortlich bin, schreibe ich wie immer – da ist kein Unterschied zwischen Verlag und SP – etwa drei bis vier Monate an den circa 300 Seiten. Korrektur, Lektorat, Cover, alles im Outsourcing. Sagen wir nochmal vier Wochen. Dann, fünf Monate nach Manuskriptbeginn, wird das Buch auf Kindle geladen und erscheint im Amazonangebot einen Tag später. Bezahlt wird jeweils zwei Monate nach Ende des Verkaufsmonats. Das heißt, ich kann acht Wochen nach dem Verkauf mein Verdientes ausgeben, habe dadurch einen sich monatlich wiederholenden Geldeingang, der mich in die Lage versetzt, nach Gusto über meine Zeit zu verfügen. Ich weiß täglich genau, was verkauft wurde, ich kann anhand von Lesermails und Amazon Rezensionen etwa absehen, was gefällt und was nicht und habe die Möglichkeit, mich danach zu richten — falls ich das will.

Ebook selbst verlegen, Papier dem Verlag überlassen: ich glaube, dass sich das für mich lohnt. Mal sehen, ob das auf Dauer zu machen ist. Wenn nicht, habe ich ja einen Verlag. Und wenn der nicht will, suche ich (und finde!) einen anderen.

Mir ist nur wichtig, festzustellen, dass Schablonen nicht immer zutreffen – jeder und jede hat andere Erfahrungen gemacht und daraus Konsequenzen gezogen. Wer Großverlage bevorzugt (und dazu gehörte ich nach einem Vierteljahrhundert im kalifornischen UKW-Rockradio als Programmgestalter/Moderator auch; geht halt nichts über major labels, wie man weiß), der schaut mit leichter Verachtung auf kleinere Verlage: wer bei einem kleinen Verlag gelandet ist, der sieht auf Selfpublishers herab. Der Selfpublisher hat nur Verachtung übrig für Menschen, die nur für die Schublade schreiben.

Meint man. Ist aber nicht so. Manche sicher, aber die meisten von uns haben gelernt, zu differenzieren. Sonst könnten wir keine Bücher schreiben, die allesamt vom Leben handeln.

Petra van Cronenburg:

Ich habe den Eindruck, dass viele, die nun wirklich vorurteilsbeladen Self Publishing von vornherein als Trash klassifizieren, sich einfach nicht wirklich auszukennen scheinen. Sonst hätte sich bereits herumgesprochen, wie viele “gestandene Verlagsautoren” inzwischen im Self Publishing sind, dass Literaturagenturen inzwischen für bestimmte Projekte sogar SP empfehlen, weil mehr dabei herumkommt oder der Kontakt zum Zielpublikum beim Autor enger ist.

Ja, klar, es gibt grausig schlecht gemachte Bücher, auch bei Verlagen. Aber ich habe in den letzten paar Monaten allein drei Self Publisher entdeckt, bei deren Talent ich mich frage, warum die noch kein Großverlag eingekauft hat. Die Antwort des größten Erzähltalents war verblüffend: Auf die Idee, sich groß zu bewerben, sei sie gar nicht erst gekommen – in der Zeit hätte sie ein ordentlich lektoriertes Buch herausgebracht. Solchen Leuten würde ich differenzierter denkende Rezensenten wünschen – die gehen allerdings auch nicht hausieren.

Was zu fehlen scheint, sind Feuilleton-Alternativen mit Durchschlagkraft, die wie im Ausland ein Buch nur nach seinen Inhalten und deren Qualität, nicht aber nach dessen Veröffentlichungsart beurteilen. Die New York Times geht da mit gutem Beispiel voran.

Matthias Matting:

Ich denke, die Reaktion der Blogger liegt zum Teil auch an der Fragestellung. “Self-Publisher”, das klingt wie ganz allein selbstgemacht. Wenn mir meine Kinder etwas selbst machen, freue ich mich. Ansonsten möchte ich ganz einfach ein professionelles Produkt. Und das kann es nicht geben, wenn der Autor alles selbst gemacht hat (Cover, Layout, Lektorat usw.). Also bezeichne ich mich selbst dann nicht als Self-Publisher, wenn ich ein Buch verlagsunabhängig herausbringe. Ich denke, ein Blogger kann ein professionell gemachtes Buch von Selbstgebasteltem unterscheiden, oft sogar schon daran, WIE er angesprochen wird. Ich habe auch bisher wirklich keine Ablehnung von Bloggern erlebt.

Lieber buchaffine Blogger, wie hältst du es mit Selbst-Verlegtem?

Statements zur Frage „Wie würdest du damit umgehen, wenn dir Self Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten“

Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass sich die klassischen Medien und das traditionelle Feuilleton nicht auf Publikationen von Self-Publishern einlassen. Und da Self Publisher vielfach eine starke Affinität zum Netz haben, bleibt ihnen meist gar nichts anderes übrig, als ihr Buchmarketing auf eben diese Kanäle zu konzentrieren. Ein eigenes Blog nebst Homepage gehören inzwischen zum Standard, bisweilen sogar ein Youtube-Kanal. Da wird getwittert, gegoogeltplust oder gepinterestet. Autorenforen und Communities sind ebenfalls ein Mittel zum Zweck. Neben Rezensionen auf Amazon, für die gegebenfalls auch Freunde und der Bekanntenkreis herhalten müssen, rückt die buchaffine Bloggerszene ins Visier, von der man sich Reichweite und Unterstützung bei der Vermarktung erhofft.

Doch wie stehen buchaffine Blogger zu Publikationen von Selbstverlegern? Da ich das etwas genauer wissen wollte, habe ich einige von ihnen um ein kurzes Statement dazu gebeten.– Der Form halber sei angemerkt, dass die Aussagen von 15 bibliophilen Bloggern selbstverständlich nicht repräsentativ sind und Schlussfolgerungen jedweder Art entsprechend fernliegen.

Wie würdest du damit umgehen, wenn dir Self Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Das kommt gelegentlich vor. Bisher war jedoch noch nichts dabei, was mich angesprochen und zur weitergehenden Lektüre gereizt hat. – Klingt vielleicht ein bisschen arrogant, ist aber so. GregorKeuschnig, Begleitschreiben

Eine schwierige Frage. Wenn ich den Self Publisher persönlich kenne, ist es schwer, da ich befangen bin. Ich bin ein eher kritischer Leser und möchte eine mir bekannte Person nicht verletzen. Das könnte für mich zu einem Konflikt führen. Ich würde mir den Vorbehalt herausnehmen, keine Rezension zu schreiben, wenn ich mich dazu nicht in der Lage sehe (aus welchen Gründen auch immer). Diesen Vorbehalt hätte ich aber auch bei unbekannten Autoren. Ich hadere noch mit mir, wirkliche „Verrisse“ zu schreiben, dann schreibe ich lieber gar nichts. Auf der einen Seite steht viel Arbeit und Herzblut eines Autors dahinter, auf der anderen Seite hat er das auch an die Öffentlichkeit gebracht, müsste die Kritik also annehmen können. Schwer ist es doch meistens und ich habe die wirkliche Lösung noch nicht gefunden. Das fiel mir auf wissenschaftlicher Ebene leichter, irgendwie war damals das Werk näher als der Autor, ich merke da eine Verschiebung. Sandra Matteotti, Denkzeiten und Bücherwelten

Die Self Publisher sind diesbezüglich – verständlicherweise – wesentlich aktiver als klassische Verlage. Sprich: Mir werden öfter Bücher angeboten. Allerdings selten meinen Interessen entsprechend, weswegen ich meist ablehne. Das hat nichts mit der möglichen Qualität zu tun, mich interessieren bestimmte Genres einfach weniger als andere. Insgesamt suche ich mir am liebsten selbst meine Lektüre aus, da kommt schon genug zusammen. Und ich fühle mich freier, als wenn ich einen Stapel Bücher hätte, den ich eher lesen „muss“ als will. Petra Gust-Kazakos, Philea’s Blog

Ich gehe mit Titel von Self Publisher genauso um, wie mit Verlagen oder Agenturen, die mir Rezensionsexemplare anbieten. Es gibt für mich da keinen Unterschied! D.h. Wer dem „Durchleser“ per Mail oder auch per Post unverlangt ein Leseexemplar anbietet, wird sich zu hundert Prozent sofort in der Ablage P wie Papierkorb wiederfinden. Durchleserin, Durchleser’s Blog

Ignorieren. Christian Köllerer, Dr. Christian Köllerers Notizen

Es ist erst ein paar Mal passiert, dass ich Mails in meinem Posteingang vorgefunden habe, wo mir Self Publisher ihre Titel angeboten haben. Bis jetzt habe ich diese Angebote nicht angenommen. Nicht aus dem Grund, weil sie selbstverlegt sind, sondern weil mich die Titel oder auch der Inhalt nicht angesprochen haben. Meine Lesezeit ist begrenzt, so dass ich mir gerne ganz bewusst die Lektüre suche, die mich interessiert. Selfpublished Büchern stehe ich jedoch nicht grundsätzlich skeptisch gegenüber. Die Möglichkeit des Self Publishing wird auf lange Sicht sicherlich dazu führen, dass Texte und Autoren erfolgreich werden, die es sonst vielleicht nicht geschafft hätten. Ich glaube, dass das eine große Möglichkeit für viele Autoren sein kann, aber auch zu einem Problem werden kann, wenn Autoren und Autorinnen inflationär ihre Texte herausbringen können. Mara Giese, Buzzaldrins Bücher:

Wenn mich das Thema des Romans und die Leseprobe ansprechen würden, hätte ich nichts dagegen auch den Titel eines Self Publishers zu lesen. Kerstin Pistorius, Atalantes Historien

Rezensionswünsche lehne ich grundsätzlich ab, denn ich müsste alle zwei Tage ein ZUSÄTZLICHES Buch lesen, um allen Anfragen nachzukommen. Da spielt es keine Rolle, ob es sich um Bücher aus Verlagen, BoD oder eBooks im Selfpublishing handelt. Allerdings neige ich zu Skepsis gegenüber Büchern, die nicht die Verlagshürde genommen haben. Da entgehen mir gewiss Perlen, aber – Achtung Vorurteil! – noch weniger als bei den Verlagsprodukten. Dazu kommt, dass den Texten oft ein Lektorat fehlt und man deshalb über Stilblüten, Grammatik- und Orthografie-Fehler stolpert. – Allerdings werden auch einige Verlagslektorate immer nachlässiger. Dieter Wunderlich, Dieter Wunderlich: Buchtipps und Filmtipps

Ich arbeite ja in der Buchbranche, beobachte das Phänomen Self Publishing also aus beruflichem Interesse und sehe das Potential, das darin steckt. Daher müsste ich eigentlich sagen: Ich halte es mit selbstverlegten Büchern genauso wie mit den “traditionell” bzw. “professionell” verlegten, d.h. ich informiere mich umfassend über den Titel und entscheide dann, ob er in das Profil von SchöneSeiten passt. Doch die Wahrheit ist, dass ich auf ein solches Rezensionsangebot sehr skeptisch reagieren würde, um nicht zu sagen: Ich würde es vermutlich aus Prinzip ablehnen.

Wirklich begründen, warum ich so verfahren würde, begründen kann ich es nicht; es liegt wohl daran, dass es in meinem Kopf (noch!) eine Art Schranke gibt: Ich verbinde Self Publishing nicht mit Qualität und glaube nach wie vor an die Rolle der Verlage, sprich der Lektoren, der Hersteller, der Graphiker usw., denn wenn dem nicht so wäre, dann müsste ich dringend meinen Berufswunsch überdenken. Gleichzeitig bin ich mir aber sehr wohl darüber bewusst, dass auch die traditionellen Buchverlage schon längst keine Garantie mehr für Qualität sind. Ein Dilemma… Caterina, SchöneSeiten

Diesbezüglich kommen bei mir nur ganz seltene Angebote. Ich gehe damit ähnlich um wie mit allen anderen Angeboten: Falls das Buch mich interessiert, bitte ich nach Möglichkeit um ein eBook, weise allerdings darauf hin, dass ich mich nicht zur Rezension verpflichten mag. – Bislang habe ich auch kein Buch aus diesem Bereich besprochen, wenn ich mich recht erinnere. Marius Fränzel, Bonaventura

Wenn mir Selbstpublisher ihre Bücher anbieten würden, würde ich die genauso behandeln, wie jene von Großverlagen. Allerdings hat mir in all den Jahren nie ein Selbstpublisher ein Buch zur Besprechung geschickt. Ein Buch von einem Selbstpublisher würde mich besonders neugierig machen. Klausbernd Vollmar, kbvollmarblog

In der Regel stehe ich Selbstverlegtem, egal ob Print oder E-paper, was die Qualität betrifft, ziemlich skeptisch gegenüber. Das beträfe auch ein eigenes Werk. Allerdings ist der überwiegende Teil des Verlegten oft auch nicht besser und bloß marktgerecht herausgeputzt. Ich würde mich also nur damit befassen, wenn es mich vom Sprachniveau her anspricht und keinen allzu esoterischen Charakter hat. Sonst reagiere ich einfach nicht und eine dementsprechende Email landet als Werbung im elektronischen Papierkorb. Der Kopf hinter dem Buecherblogger 

Ich glaube, das ist mir noch nicht so oft untergekommen. Ab und an fragt ein Autor um eine Besprechung an, ob der jetzt aber nur „Werbung“ machen will oder Self Publisher ist, keine Ahnung, da ich meistens ablehne und mich nicht drum kümmere. Nicht aus Prinzip, aber ich habe so viel zu lesen, das reicht mir, da brauche ich nicht noch zusätzlichen Stoff. Ausnahmen mache ich allenfalls, wenn es ein Stoff ist der mich wirklich interessiert… Ist vielleicht ein-/zweimal vorgekommen bis jetzt.

In gewisser Weise stimme ich allerdings auch Caterina zu. Mag ein Vorurteil sein…. 😉 Bei einem Publikumsverlag gehe ich von einer gewissen Mindestqualität aus, weil da schon mal kritische Augen drüber gehuscht sind. Nichts finde ich ärgerlicher als einen Text, über den man sich ärgern muss, weil man über Ecken und Kanten stolpert.  Aber das mag, wie gesagt, ein Vorurteil sein, in beiden Richtungen… Flatter Satz, aus.gelesen

Ich habe einmal eine Anfrage erhalten, aber das Genre hat mir überhaupt nicht zugesagt und ich habe abgelehnt. Danach hat es noch einige unschöne Mails gegeben, weil ich mich vielleicht im Antwortschreiben falsch ausgedrückt habe. Das fand ich dann etwas weniger toll. Kurz und gut, gehe ich nicht anders mit einer Anfrage um, als von Verlagen. Das Thema müsste mich schon sehr interessieren, denn zu lesen habe ich wahrlich sonst noch genug. Buechermaniac, lesewelle

Da gilt die gleiche Antwort wie bei unverlangt angebotenen Rezensionsexemplaren oder Bitten um eine Besprechung: aus Prinzip würde ich ablehnen, da ich die Auswahl für meinen Blog selbst zusammenstelle und mich dabei neben den üblichen Quellen, aus denen ich meine Anregungen zur Lektüre oder zum Film- und Musikgenuss bekomme, auch auf Empfehlungen von Freunden, Bekannten oder Bloggern verlasse, auf deren Urteil ich vertrauen kann. Sofern ich jemanden persönlich gut kenne, der etwas geschrieben oder herausgegeben hat, mag das dann nochmal eine andere Sache sein: aber auch da würde ich nur rezensieren, wenn es mir gefällt und zu Jargsblog passt – oder aber schweigen. Jarg, Jargs Blog

Auch die 15 Blogger sind sich einig: Überzeugen müssen Self Publisher durch Qualität. Was es demnach dringend bräuchte, wäre eine Art Gütesiegel, das Lesern und Multiplikatoren hilft, Spreu vom Weizen zu trennen. Allerdings legen die Antworten auch nahe, dass hohe Qualitätsstandards nicht nur für die Publikation selbst gelten. Sie betreffen auch die Präsentation nach außen. Wofür freilich mehr als „nur“ ein zugkräftige Cover, ein gehaltvoller Klappentext und ggf. eine ansprechende Gestaltung der U4 (=Umschlagseite 4 beim gedruckten Buch) in die Waage fällt.

© M. v. Seydlitz

Was denn noch? Eine auf die Publikation exakt zugeschnittene Kommunikationsstrategie, deren einzelne Bausteine professionell erarbeitet sind. Die Statements führen nämlich deutlich vor Augen, dass man über Zielgruppen und potentielle Multiplikatoren möglichst genau Bescheid wissen sollte. Letzteres bedeutet wiederum, dass man sich im Vorfeld eingehend mit den Profilen und Interessengebieten von Blogger auseinandersetzt. Erst danach kann man überhaupt abwägen, ob und welche Blogs als Multiplikatoren in Frage kommen. Daran schließt sich eine weitere Hürde: Ein Rezensionsangebot in Form eines Anschreibens, aus dem deutlich hervorgeht, welche Alleinstellungsmerkmale, Besonderheiten und Qualitäten die Publikation hat und warum sie so gut zum Profil des Adressaten passt.

Dass der immense Aufwand kein Erfolgsgarant ist, sollte niemanden davon abhalten, sich die Mühe zu machen. Schließlich belegt das Stimmungsbild auch, dass Blogger Publikationen von Selbstverlegern zwar kritisch, aber nicht ablehnend gegenüber stehen.

Dieser Beitrag ist ein Nachtrag zur Gesprächsreihe mit bibliophilen Bloggern, wo die Fragestellung „Wie würdest du damit umgehen, wenn dir Self Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten?“ bis zum 5. November nicht berücksichtigt wurde.

Zu weiteren 15 Stellungnahmen zu der Frage geht es hier