Alles gut, Buchbranche? (Teil 2)

Trotz eines leichten Umsatzrückganges im vergangenen Jahr (minus 1,7 Prozent) gab sich die Branche auf der gerade zu Ende gegangenen Leipziger Buchmesse siegesgewiss. Nach Ansicht des Börsenvereins wurden die Herausforderungen des digitalen Wandels gemeistert. Die Branche sei „zukunftsfähiger denn je“, meinte Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis. Tatsächlich sind die heftigen Diskussionen, die bis vor einigen Monaten sogar eine breitere Öffentlichkeit bewegt haben, abgeebbt. Es ist ruhig geworden in der Branche. Vereinzelte Scharmützel noch, die sich eher um partikuläre Interessen drehen. Die Gemüter haben sich beruhigt; die Zeiten passé, zu denen eine Sau nach der anderen durch die Branche getrieben wurde.

Buch(s)baum © Zwickauer Literaturfrühling

Buch(s)baum © Zwickauer Literaturfrühling

Buchaffine Blogs. Davon versprechen sich die Verlage inzwischen eine Menge. Es ist noch nicht lange her, da mussten Buchblogger um Rezensionsexemplare betteln. Man schenkte ihnen keine Beachtung, vielfach wurden sie sogar belächelt. Irgendwann bekam man offensichtlich mit, dass im Netz 1 Prozent der Nutzer für über 50 Prozent des Traffics sorgen und Blogger „Influencer“ sind. Inzwischen wird die Buchszene im Netz regelrecht hofiert. Was freilich vornehmlich dem Umstand geschuldet ist, dass das Feuilleton abspeckt und Buchkritik immer marginaler wird. Der Buchhändler Thomas Calliebe bietet Bloggern in seinem Laden in Groß-Gerau Präsentationsflächen, Verlage stellen eigens Ansprechpartner ab, organisieren Blogger-Challenges und Bloggertreffen, auf den Buchmessen gibt es Bloggerlounges, die Verlagsgruppe Random House betreibt seit März 2015 ein eigenes Portal für Blogger. Auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse, die 800 Blogger besucht haben, fand erstmals eine Bloggerkonferenz statt; auch einige Kölner Verlage laden Buchblogger und Booktuber im Juni 2016 zu einer Konferenz. – Das aktuelle Trendthema „Blogger Relation“ scheinen derzeit viele für ein Heilsversprechen in der Art eines „Sesam öffne dich“ zu halten. Ein Hype, der voraussichtlich ebenso schnell vorübergeht wie schon andere zuvor.

Arriviert sind inzwischen auch die Self-Publisher, die sich professionalisiert und vernetzt haben, etwa in einem eigenen Verband. Inzwischen macht das Self-Publishing, vor kurzem in der Branche noch verhöhnt, das am schnellsten wachsende Segment der Buchbranche aus. Anzunehmen ist, dass in Kürze über diesen Weg mehr Titel auf den deutschen Markt kommen als über klassische Verlage. BoD etwa schätzt, dass im Jahr 2017 etwa 175.000 neue Titel von Selberverlegern erscheinen werden. Längst wird die Szene nicht mehr müde belächelt, sondern als Marktgröße und Konkurrenz wahrgenommen. Auf den Messen existieren eigene Ausstellungsbereiche; Dienstleister buhlen um die Autoren. Um den Markt wird immer raffinierter und härter gekämpft. Die Plattform epubli beispielsweise bietet bis 15. Juni 2016 Self-Publishern erstmals auch die kostenfreie Veröffentlichung einer Print-Publikation mit einer ISBN an.

Manche meinten ja, dass die Niedrigpreise der Self-Publisher die Preismodelle der klassischen Verlage ins Wanken bringen könnten. Das scheint nicht der Fall zu sein. Inzwischen denken do-it-yourself-Autoren vielmehr darüber nach, ihre Arbeit nicht mehr unter Wert verkaufen zu wollen. Die Verlage sehen hier Gefahren und Chancen. Längst halten sie nach erfolgreichen oder vielversprechenden Selbstverlegern Ausschau. Sie beteiligen sich an Communities wie etwa die Verlagsgruppe Bastei Lübbe, die sich die Mehrheit an Bookrix gesichert hat, oder sie bauen eigene Self-Publisher-Imprints auf. So beispielsweise die Verlagsgruppe Droemer Knaur, die ihre Plattform neobooks gezielt für die Manuskript-Auswahl nutzt, oder die Self-Publisher-Plattform Twentysix, eine junge Kooperation zwischen Random House und BoD.

Der Börsenverein des deutschen Buchhandels, der vielen nicht wendig genug erschien, reagierte ebenfalls auf die Herausforderungen. Eine Strukturreform, die auf den Berliner Buchtagen im Juni 2015 beschlossen wurde, soll schnellere Entscheidungswege, größere Transparenz, verbesserte Kommunikationsstrukturen und eine stärkere Partizipation aller Marktteilnehmer ermöglichen. Noch ist da allerdings reichlich Luft nach oben offen.

In der einst ebenso streitbaren wie umstrittenen Buchbranche ist still geworden. Verdächtig still? Für Schlagzeilen sorgten in jüngerer Zeit lediglich die Verlage, denen zwei Gesetzentwürfe contre coeur gingen. So die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes, dass Verwertungsgesellschaften wie VG Wort die Urheberpauschale nur an Autoren, nicht aber an Verlage ausschütten dürfen, was wiederum erhebliche Nachzahlungen zur Folge haben könnte. Und die vorgesehene Novellierung des Urheberrechts, die unter anderem für Urheber eine Ausstiegsoption nach fünf Jahren vorsah. Bislang konnte die Dauer individuell festgelegt werden und geschah das nicht, gilt eine Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Autors. Auch diese Aufreger scheinen inzwischen obsolet. Der Gesetzentwurf sieht die Fünfjahresfrist nicht mehr vor. Sie wurde durch ein „Recht zur anderweitigen Verwertung nach zehn Jahren“ ersetzt. Und was ist mit dem Gesetzentwurf über die Ausschüttungspraxis der Verwertungsgesellschaften? Das dürfte den Europäischen Gerichtshof abermals beschäftigen.

Manchmal wirft noch das altbekannte Schreckgespenst Amazon seine Schatten. Hin und wieder wird über den Kompetenz- und Geltungsverlust der Literaturkritik geklagt und die Buchhändler fordern höhere Preise für Bücher. Ansonsten regt man sich derzeit allenfalls noch über das Verbot von Plastiktüten und die 99-Cent-Preise auf. Letzteres Problemchen scheint sich von selbst zu regulieren, da immer mehr Verlage die Buchpreise runden. – Alles im Lot? Erlebt die Buchbranche derzeit einen zweiten Frühling? Oder sind die Zeiten allgemein für eine eher selbstgefällige Nabelschau zu stürmisch geworden? Hat die Branche tatsächlich keine Probleme mehr? Sind die Fronten wirklich geklärt? Fragen, die ich im Rahmen einer Gesprächsrunde mit der Autorin und Verlegerin Zoë Beck, dem Buchhändler Klaus Kowalke und dem Literaturkritiker Marc Reichwein beim Zwickauer Literaturfrühling am 23. April aufwerfen werde.

Ob sich die Menetekel für das Buch, Buchhandlungen und Verlage erfüllt haben, frage ich im ersten Teil des Beitrages „Alles gut, Buchbranche?“

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Alles gut, Buchbranche?

Erlebt die Buchbranche derzeit einen zweiten Frühling? Die heftigen Diskussionen, die sogar eine breitere Öffentlichkeit bewegt haben, sind abgeebbt. Es ist ruhig geworden in der Branche. Vereinzelte Scharmützel noch, die sich eher um partikuläre Interessen drehen. Die Gemüter haben sich beruhigt; die Zeiten passé, zu denen eine Sau nach der anderen durch die Branche getrieben wurde.

Buch(s)baum © Zwickauer Literaturfrühling

Buch(s)baum © Zwickauer Literaturfrühling

Digital oder analog? An den viel beschrieenen Tod des gedruckten Buches glaubt indes heute niemand mehr. Gedruckte und elektronische Bücher leben in friedlicher Koinzidenz. Selbst Bibliophile, die lange behaupteten, Print unverbrüchlich die Treue halten zu wollen, verkünden inzwischen stolz, eine Bibliothek in der Tasche zu tragen. Weiterhin wird gelesen. Kein einziges Menetekel hat sich erfüllt! Obwohl die Umsätze auf dem deutschen Buchmarkt im vergangenen Jahr erneut geschrumpft sind, bleibt die Zahl derjenigen, die gelegentlich zum Buch greifen, laut einer Studie des Börsenvereins stabil. Die Tolino-Allianz bietet dem Kindle die Stirn und geniallokal dem Internetriesen Amazon Paroli. Und: die TTIP-Verhandlungen wollen die Buchpreisbindung ausklammern, zudem wird die Preisbindung zukünftig auch für E-Books gelten. Umsatzsteuerrechtlich ziehen sie freilich (noch) nicht mit gedruckten Büchern gleich.

Sogar der totgesagte klassische Buchhandel erlebte eine Renaissance! Und wird für sein Engagement seit dem vergangenem Jahr noch dazu mit dem „Deutschen Buchhandlungspreis“ geehrt. Befürchtungen, das Sortiment sei nicht für notwendige Innovationen bereit, haben sich zerstreut. Fast jeder Buchladen verfügt heute über einen Online-Shop und hat auch E-Books im Angebot. Seine Scheuklappen bezüglich Self-Publishing scheint der Buchhandel ebenfalls abzulegen. Laut der „Self-Publishing-Studie 2016“, die BoD gestern vorlegte, haben 42 Prozent der befragten Buchhändler aktuell selbstverlegte Titel im Sortiment. Und jeder Dritte meint sogar, dass das Phänomen in Zukunft für das stationäre Sortiment noch an Bedeutung gewinnt.

Obwohl es immer wieder hieß, dass der Onlinehandel, und allen voraus Amazon, dem stationären Buchhandel den Garaus macht, wird nach wie vor jedes zweite Buch im Buchladen gekauft. Mit einem Anteil von gut 16 Prozent sind die Online-Händler nur der drittgrößte Konkurrent des stationären Sortiments. Die Probleme haben sich verlagert. Nicht Amazon, sondern die unerbittlichsten Widersacher sind aktuell die Verlage; jedes fünfte Buch wird von ihnen direkt verkauft. Noch vornehmlich an die Nebenmärkte; doch zunehmend gelangen auch die Endkunden (die Leser) ins Visier der Verlage.

Allen Unkenrufen zum Trotz haben die Verlage, obschon sie weiterhin unter Innovationszwang stehen, die digitalen Herausforderungen nicht komplett verschlafen. Sie führen elektronische Bücher im Programm, verzichten zunehmend auf einen harten Kopierschutz und lockern ihre Lizenzpolitik, was u.a. E-Book-Flatrates zugutekommt. Es ist en vogue, für die digitalen Titel eigene Segmente zu schaffen; derzeit vergeht kaum eine Woche, in der nicht ein neues Imprint aus der Taufe gehoben wird. Und das, obwohl der E-Book-Marktanteil langsamer wächst als von den Verfechtern prophezeit und der Kuchen dank Self-Publishing und vielen neuen Marktteilnehmern immer kleiner wird. Noch dazu ist das E-Book außerhalb des Internets medial kaum sichtbar, Rezensionen wie etwa in der Kolumne „E-Lektüre“ der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bleiben selten.

Heute kaum noch vorstellbar ist, dass die Verlage lange vor den neuen Kommunikationsmöglichkeiten zurückschreckten. Längst machen sie es sich zu Nutzen, dass sich die Leser Informationen auch digital besorgen; aus Blogs, Youtube, via Whatsapp, Snapchat, Instagram oder aus der Timeline diverser Social-Media-Kanäle. Beim größten Player präsent zu sein, ist heute beinahe schon ‚old school‘. Youtube und Twitter werden ebenfalls genutzt, zudem rücken Instagram, Pinterest und Snapchat in den Fokus. Wer es sich leisten kann, unterhält eine eigne Online-Abteilung oder zumindest einen Social-Media-Berater. Freilich sagen weder die Präsenz, noch die Anzahl der Follower oder Fans etwas über den Ertrag aus. Fakt ist, dass es immer schwieriger wird, mit Facebook-Seiten nennenswerte Reichweiten zu generieren. Möglicherweise hängt damit zusammen, warum Verlage wieder auf eigene Blogs setzen, die im Zuge des Social-Media-Hypes in den Hintergrund geraten waren.

Alles im Lot? Erlebt die Buchbranche derzeit einen zweiten Frühling? Oder sind die Zeiten allgemein für eine eher selbstgefällige Nabelschau zu stürmisch geworden? Hat die Branche tatsächlich keine Probleme mehr? Sind die Fronten wirklich geklärt? Fragen, die ich im Rahmen einer Gesprächsrunde mit der Autorin und Verlegerin Zoë Beck, dem Buchhändler Klaus Kowalke und dem Literaturkritiker Marc Reichwein beim Zwickauer Literaturfrühling am 23. April aufwerfen werde.

Schlaglichter auf Blogs, Self-Publishing und andere Vorzeichen, die einen zweiten Frühling der Buchbranche nahelegen, werfe ich an dieser Stelle.

Avantgarde oder Traditionalisten? Wie sich Buchhändler heute positionieren (Teil 3)

Nach immerhin 44 Beiträgen, die seit September 2013 im Rahmen der Gesprächsreihe SteglitzMind stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor zusammengekommen, schien die Zeit reif, etwas näher darzulegen, wie sich die befragten Sortimenter im Zuge der Digitalisierung aufstellen. Bewahrheiten sich Vorurteile, die vielfach kolportiert werden: Hinken sie den Entwicklungen hinterher? Ist ihnen das Netz fremd und Online-Shopping ein rotes Tuch? Haben Sie mit E-Books und Publikationen von Self Publishern nichts am Hut?

Ob und wie sich die Befragten im Netz engagieren und inwieweit E-Bücher bereits Einzug in ihre Läden gehalten haben, habe ich bereits dargelegt. Somit geht es heute im dritten Teil meines Resümees um die Frage:

  • Wäre das eine Option für Sie, auch Titel von Self Publishern anzubieten?

Verneint wird die Frage selten. Lediglich acht von 44 Gesprächsteilnehmern denken nicht daran, Titel von Self Publishern feil zu bieten. Ein Buchhändler führte an, den Markt nicht zu überschauen – Hand auf’s Herz: wer tut das schon? Andere begründeten ihre Abwehr damit, dass man der Bücherschwemme auf dem Markt sowieso nicht Herr werden könne und deshalb auf die Selektion durch Gatekeeper angewiesen sei, die sich bewährt habe.

Anna Jeller ©  Jacqueline Godany

Anna Jeller © Jacqueline Godany

Nein. Verlage leisten sehr viel, egal ob Groß, Mittel oder Klein. Diese Filterfunktion benötige ich in dem schieren Überangebot von Büchern. Verlagsprogramme schaffen Identität und stehen für Qualität, jeder Verlag hat seinen eigenen Ausdruck. Meint Klaus Kowalke von der Buchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V. in Chemnitz

Eher nicht. Die Produktionen der Verlage sind ohnehin unübersichtlich genug. Sagt Anna Jeller von der Wiener Buchhandlung Anna Jeller

Mir reichen schon die Bücher, die mir von den Verlagen angeboten werden. So Samy Wiltschek von der Kulturbuchhandlung Jastram in Ulm

Das Gros allerdings hat mit Self Publishern keine Berührungsängste. Wohl konnte ich mich bisweilen des Eindrucks nicht erwehren, dass man dabei vorrangig an Werke aus Independent Verlagen denkt, die im Buchmarkt ja durchaus ein gewisses Ansehen haben.

Das machen wir schon immer bei Pro qm. Im Eigenverlag herausgegebene Publikationen – aus dem In- und Ausland – in Form von Heften, Büchern, Zeitschriften, Platten, CDs und DVDs gehören bei uns zentral zum Sortiment, sofern sie sich thematisch mit unseren Fragestellungen überschneiden. Die Verwaltung ist  zugegebenermaßen etwas aufwändiger, aber manchmal kommen gerade die wertvollsten Kommentare zu einer Thematik aus den verwickeltsten Kanälen. Meint das Team von der Buchhandlung Pro qm in Berlin/Mitte

Maria Glusgold-Drews © privat

Maria Glusgold-Drews © privat

Ich biete sowieso schon Titel von Self Publishern an. Ich finde es enorm wichtig, eine Plattform zu haben, auf der man ausprobieren kann. Ich habe einige Titel am Lager, die in Kleinstauflagen produziert wurden und die durchaus auch verkauft werden. So Maria Glusgold-Drews vom Buchladen MaschaKascha – Schöne Bücher in Hannover

Ja – ich biete seit Beginn der Buchhandlung auch Publikationen von Self-Publishern an – diese können eine große Bereicherung sein, weil es viele besondere Publikationen gar nicht in einem Verlag gibt, sondern in sehr geringen Auflagen in Eigeninitiative erscheinen. Voraussetzung ist die qualitative Umsetzung des entsprechenden Themas. Sagt Lia Wolf von der Wiener Buchhandlung Lia Wolf

So Titel von Self Publishern ins Sortiment aufgenommen werden, dann im Kommissionsbezug. Chancen räumen die befragten Buchhändler am ehesten Titeln mit regionalen Bezügen und solchen Autoren ein, die im Umkreis der Buchhandlung leben und wirken. Ob die Bücher, die in Kommission genommen wurden, dann tatsächlich auch gekauft werden – das freilich steht auf einem anderen Blatt.

Beate Laufer-Johannis  © privat

Beate Laufer-Johannis © privat

Hm, ja, habe ich schon ab und zu gemacht. Es handelte sich dann um Autoren aus dem Ort. Da war es durchaus auch für andere interessant zu erfahren, was ihr Freund oder Nachbar zu sagen hatte. Auch wenn nicht immer die Qualität dem entsprach, was ich normalerweise empfehle. Es gibt aber immer wieder Überraschungen, eines dieser Bücher war sogar ein richtiger Renner. So Annaluise Erler von der Buchhandlung Findus im sächsischen Tharandt

Einige Titel haben wir im Laden, diese sind allerdings sorgfältig ausgesucht. Ich muss von dem Buch wirklich überzeugt sein und die Chemie zum Autor muss stimmen. Es ist sehr unterschiedlich, wie diese Titel ankommen. Bücher mit einem regionalen Bezug verkaufen sich da noch am besten. Sagt Beate Laufer-Johannes von der der BücherInsel in Frauenaurach

Christian Röhrl © privat

Christian Röhrl © privat

Ich verkaufe ja auch seit 25 Jahren Bücher von Eigenverlegern. Es sind vor allem regional gute Titel dabei. Generell denke ich aber, dass es Sinn macht, vor einer Veröffentlichung jemanden zu haben, der das Ganze lektoriert, korrigiert, bewirbt, veröffentlicht und einen wirtschaftlich sinnvollen (gebündelten) Vertrieb ermöglicht. – Kurz ich bevorzuge Verlage. Meint Christian Röhrl von der Buchhandlung Bücherwurm in Regensburg

Es kommt immer wieder vor, dass uns Eigenproduktionen angeboten werden, in der Regel von Menschen aus unserem näheren Buchhandlungsumfeld, sprich regionale Geschichten. Da bin ich immer offen und nehme sie in Kommission. Allerdings verkaufen sich solche Werke meist schlecht. Oft ist die sprachliche Qualität leider nicht besonders gut. Ein Lektorat/ Korrektorat ist sehr wichtig, das fehlt in der Regel. Sagt Trix Niederhauser aus der Schweiz von der Buchhandlung am Kronenplatz in Burgdorf/Emmental

lesende Buchhändlerin ©  Mila Becker

lesende Buchhändlerin © Mila Becker

Ich biete sie an. Allerdings nur, wenn sie mich wirklich überzeugen. Der Haken bei diesen ist, und ich höre schon den Aufschrei, man sieht es ihnen leider zu 90% an. Das Auge isst ja bekanntlich auch mit, und die meisten sehen vollkommen unprofessionell aus. Wenn man da dann nicht 100% hinter steht, liegen diese, wie in Blei gegossen. Meint Mila Becker von Mila Becker Buch & Präsent in Voerde

Gefragt ist Qualität, und zwar sowohl in inhaltlicher als auch in gestalterischer Hinsicht.

Es gibt kein grundsätzliches Argument dagegen – und keines dafür. Die beiden entscheidenden Argumente sind ausschließlich: 1. was  damit publiziert wird und 2. wie  es gemacht ist. So Clemens Bellut vom Heidelberger Buchladen Artes Liberales (diesen Beitrag könnt Ihr hier ab 6. März in Gänze lesen)

Warum denn nicht? Schließlich entscheidet die Qualität, die Form, der Inhalt. Wenn das stimmt, sehr gern. Sagt Susanne Dagen vom Buchhaus Loschwitz in Dresden

Doch der Anforderungen an Form und Inhalt nicht genug. Qualität allein reicht nicht, um das Herz von Buchhändlern zu gewinnen! Self Publisher punkten bei ihnen vorrangig dann, wenn die Publikation gedruckt vorliegt und der Titel zum Sortiment der Buchhandlung passt. Wünschenswert ist außerdem, dass das Marketing stimmt. Da die Befragten unisono berichten, dass Titel von Self Publishern besonders beratungsintensiv sind, sollte man nicht mit (sachlichen!) Informationen geizen, die auf die Belange des Buchhandels zugeschnitten sind. Von Lobhudeleien und Marktschreierei sei dringend abgeraten. Gut beraten ist außerdem, wer sich gewisse Kenntnisse über die buchhändlerische Praxis aneignet. Und – last but not the least – potentielle Handelspartner lassen sich nur dann überzeugen, wenn die Rabatte stimmen. Und genau hier scheint noch manches im Argen zu liegen.

Frau Bergmann © Hedwig Bergmann

Martina Bergmann © Hedwig Bergmann

Ich verkaufe auch Bücher von Self Publishern – wenn sie mir gefallen und wenn die Einkaufsbedingungen marktfähig sind. Deshalb verkaufe ich meistens keine Bücher von Self Publishern. Meint Martina Bergmann von der Buchhandlung Frau Bergmann in Borgholzhausen

Gedruckte Exemplare, wenn sie denn gut sind, auf jeden Fall. So Lutz Heimhalt von der gleichnamigen Buchhandlung in Hamburg

Barbara Roth  © Iris Roth

Barbara Roth © Iris Roth

Grundsätzlich kann ich mir diese Entwicklung gut vorstellen. Wichtig wäre dabei, dass wir uns über diese Titel auch vorab informieren und die Kunden dazu beraten könnten. Wünscht sich Barbara Roth von der Offenburger Buchhandlung Roth

Warum nicht, wenn die Qualität stimmt. Allerdings scheitert es oft an dieser Voraussetzung. Unser örtlicher Bestseller wurde von einer Marketingfrau zusammen mit einem alten Verlagsprofi gemacht, da stimmte alles. Auch die Kalkulation mit Buchhandelsrabatten. Oft hat man statt dessen aber den Eindruck, dass einige Produzenten glauben, Buchhändlers ausreichender Lohn sei die Ehre, ihre Produkte zu handeln. Wird von uns erwartet, Eitelkeiten zu finanzieren? Sagt Gustav Förster von der Wein-Lese-Handlung Förster in Ganderkesee

Thomas Calliebe  ©  Thomas Calliebe

Thomas Calliebe © Thomas Calliebe

Wir führen selbstverständlich Titel von Autoren aus unserer Region, auch Self Publisher – allerdings hat das nichts mit Umsatz oder gar Gewinn zu tun. Diese Titel sind mangels Marketing sehr beratungsintensiv und zudem nur mäßig rabattiert. Auf den gesamten Buchmarkt bezogen vertraue ich auf Bücher aus eingeführten Verlagen, weil ich mir hier in Bezug auf Inhalt, Form und Gestaltung sicher sein kann. So Thomas Calliebe von der Buchhandlung Calliebe in Groß-Gerau

Unbeliebtes Thema Self-Publisher. Grundsätzlich habe ich keine Einwände – vorausgesetzt die (Text-)Qualität stimmt. Ja, liebe Self-Publisher, auch Druck, Schriftbild, Papierqualität, Covergestaltung… beeinflussen die Kaufentscheidung! In der Praxis gibt’s jedoch jede Menge Ärger: fehlende Einträge im VLB und oft auch via Internet schlecht oder gar nicht zu bibliografieren. Fehlerhafte Rechnungsstellung, unorthodoxe Liefermethoden, fehlendes Wissen der Usancen im Buchhandel, nicht zu reden von Rechtschreibfehlern im oft genug miserablen Text. Und ja, es ist ja schön, wenn der Autor von seinem Werk begeistert ist, aber wir wollen auch unsere Kunden im Laden bedienen und nicht so gerne umständlichen Inhaltsangaben am Telefon lauschen. Meint Rosemarie Reif-Ruppert von der Gostenhofer Buchhandlung in Nürnberg

Beate und Mischa Klemm © lesen und lesen lassen

Beate und Mischa Klemm © lesen und lesen lassen

Also in unserem Laden gibt es genau ein Buch eines Self Publishers. Super Cover, super Titel, ansprechender Klappentext, günstiger Preis, bei unserem Großhändler einfach zu beziehen. Aber diese Dinge treffen leider nur ganz selten zusammen. Und dann ist es ja so, dass wir zweimal im Jahr etwa fünfzig Kilo Verlagsvorschauen durchsehen, Leseexemplare testen, mit Verlagsvertretern sprechen, auswählen, aussortieren … Wenn man das geschafft hat, klickt man einfach nicht mehr auf den Link zu einem „ganz tollen“ Buch. Sorry. Sagen Beate und Mischa Klemm von der Berliner Buchhandlung lesen und lesen lassen

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Zum “Best of: Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen” gelangt Ihr hier. Und falls sich wer die Frage stellen sollte, einmal Buchhändler, immer Buchhändler?, der wird hier fündig

Zu guter Letzt: Die Aussagen von 44 Buchhändlerinnen und Buchhändlern sind ebensowenig repräsentativ wie das Resümee, das ich ziehe.

Steglitz fragt bei Wilhelm Ruprecht Frieling aka @Prinz Rupi nach (Teil 2)

„Ich habe als überzeugter E-Booker mit der Welt von gestern gebrochen.“

Im ersten Teil unseres insgesamt dreiteiligen Interviews äußerte sich Wilhelm Ruprecht Frieling, im Social Web als »Prinz Rupi« bekannt, u.a. dazu, wie er die Entwicklungen im Zuge der Digitalisierung einschätzt und welche Zukunft er der Buchbranche prophezeit. Jetzt geht es um die Stichworte Self-Publishing und E-Book.

Welche Vorteile versprichst du dir vom Self-Publishing?

»Früher« war es schon aufregend, seine Buchkinder auf Papier zu sehen und dann im Laufe der Jahre die Entwicklung der Veröffentlichung zu erleben. Durch E-Books bekommt das Geschäft eine unglaubliche Dynamik. Meine Verkäufe haben sich verzehnfacht, verzwanzigfacht, und sie waren vorher schon nicht schlecht. Es ist alles wie in einem Bauchladen überschaubar, als Self-Publisher genieße ich die volle Kontrolle. Wenn ich müsste, könnte ich inzwischen sogar von meinen E-Book-Erlösen bescheiden leben, und das nach so kurzer Zeit … Kurz: Die E-Bookerei schenkt mir täglich Freude und neue Erkenntnisse.

Wo machst du beim Self Publishing besondere Risiken aus?

Pastell von Olaf Neumann  © W.R. Frieling

Pastell von Olaf Neumann © W. R. Frieling

Die größten Risiken sehe ich im Kontrollverlust. Es ist kinderleicht, etwas zu veröffentlichen und ein verdammt geiles Gefühl, im Handumdrehen dafür virtuelle Anerkennung zu kassieren. Das verleitet viele Autoren zum vorschnellen Veröffentlichen. Endlich können sie ihren Text mit einem einzigen Klick ans Licht der Welt bringen! Sie vermeiden, einen Text nochmals umzuschreiben, daran zu feilen, ihn zu bearbeiten oder überhaupt zu korrigieren. Sie unterschätzen dabei den Leser, denn ist der alles andere als doof. Wenn es kurz darauf negative Rezensionen hagelt und Verkaufserfolge ausbleiben, ist das Gejammer groß. Dabei ist doch der Name eines Autors für den Leser weitgehend verbrannt, wenn er einmal Müll geliefert hat. Bei dem Überangebot ist für eine zweite Chance kaum Platz.

Worauf sollten Autoren, die ihre Publikationen in die eigene Hand nehmen, besonders Acht haben?

Sie sollten sich so gut wie möglich auf die Erfordernisse des E-Book-Marktes einstellen und offen sein für jede Anregung und Kritik. Es gibt eine Reihe nützlicher Nachschlagewerke, die bei der Vorbereitung der Veröffentlichung helfen. Wichtig ist auch die Beantwortung der Frage, ob ein Korrektor oder Lektor hinzugezogen werden sollte. Es lohnt sich, in einen Profi zu investieren, denn das Ergebnis gewinnt in den allermeisten Fällen.

Deine Titel erscheinen inzwischen nahezu ausnahmslos als E-Book. Warum setzt du auf das elektronische Format?

Elektro- und Holzbücher sprechen vollkommen unterschiedliche Leserkreise an. Ich möchte beide bedienen. Darum gibt es meine älteren Bücher weiterhin auf Papier, sie wurden erst nachträglich digitalisiert, soweit ich Inhaber der Rechte bin. Die neueren Bücher werden nach und nach den umgekehrten Weg gehen und auch auf Papier erhältlich sein. Hörbücher mit brillanten Sprechern sind in Vorbereitung.

Nicole Sowade berichtete mir, dass man als »Nur«-E-Book-Autor mit Widerständen zu rechnen hat, und zwar vor allem seitens potenzieller Rezensenten. Wie siehst du das?

Self-Publisher mussten immer schon mit Ablehnung, Widerstand und Gegnern leben. Vor zwanzig Jahren argumentierte die FAZ noch, es käme »Ekelverdacht« auf, wenn Autoren ihre Werke selbst herausgeben. Nun beklagt DIE ZEIT die digitale Entwicklung und die Vorreiterrolle Amazons. Ignorieren können sie die Flut mittlerweile nicht mehr. Der Riesenerfolg von Jonas Winners »Berlin Gothic« zeigt, dass die Dämme brechen und selbst das konventionelle Feuilleton E-Books rezensiert, sobald sie einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht haben. Nika Lubitsch wurde soeben im STERN gefeiert …

Das ist aber wohl eher die Ausnahme, dass das Feuilleton …

Mir stellt sich die Frage, wem in der digitalen Szene an Rezensenten des klassischen Feuilletons überhaupt noch gelegen ist. Sind das vielleicht Autoren, die mit den Mitteln und Möglichkeiten von heute die Meinungsbildner von gestern ansprechen wollen? Sehen diese Menschen das E-Book eventuell nur als Vehikel, um von der alten Verlags- und Medienwelt angenommen zu werden? Ich habe als überzeugter E-Booker mit der Welt von gestern gebrochen und beantworte Deine Frage positiv, indem ich behaupte: Es gibt enorm viele Rezensenten; sie warten sogar schon auf uns!

Du meinst im Netz?

Ja. Viel interessanter als das abgestandene Feuilleton sind doch beispielsweise Besprechungen auf Blogs – und damit meine ich ganz bewusst nicht nur Buchblogs! Dort werden aufgeschlossene Leser direkt angesprochen. Da treffe ich meine Zielgruppen. Der Leser neuen Typs ist lediglich einen Klick weit vom besprochenen Buch entfernt, er kann es sofort lesen. Ich beobachte mein eigenes Verhalten wie das meiner Bekannten: Wir kaufen durch Anregungen in Social Communities und dank Empfehlungen von Freunden mehr Bücher denn je – und zwar meistens direkt bei Amazon. Den Empfehlungen von ZEIT, FAZ und SÜDDEUTSCHE sind wir letztmals vor gefühlten 150 Jahren gefolgt. Dabei möchte ich deren Artikel nicht missen, sie lesen sich gut, erreichen mich aber nicht mehr wirklich.

Heilversprechen sollte man sich von den unzähligen Buchblogs im Netz allerdings keine ausrechnen …

Rupi mit Skulptur von Knut van der Vinzburg  © W.R. Frieling

Rupi mit Skulptur von Knut van der Vinzburg © W. R. Frieling

Auf keinen Fall! Mit Literaturzeitschrift.de und dem zugehörigen Blog betreibe ich ja selbst eine der ältesten Rezensionsplattformen im Netz. Deshalb kann ich relativ gut beobachten, was darüber verkauft wird. Das gilt auch für LovelyBooks, Facebook, Twitter und die anderen Social-Media-Communities. Ich meine eher die »normalen« Blogs, in denen über Menschen, Themen und Schicksale berichtet wird, da sehe ich das eigentliche Potential.

Der große Vorteil der Blogosphäre ist, dass eine enge, bisweilen familiäre Bindung zwischen denjenigen, die Lesestoff empfehlen und ihren Lesern entsteht. Es ist doch so, dass eine stabile Fanbase von 500 Lesern, die garantiert jede Neuerscheinung eines Autors kaufen, schon mal eine vernünftige Ausgangsbasis sind; und das kann ich heutzutage mit gezielten Empfehlungen im virtuellen Raum locker erzielen. Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang daran, dass auch die gern zitierte amerikanische E-Book-Millionärin Amanda Hocking ausschließlich durch Blogs und Communities berühmt wurde.

Seit Start der Plattform erscheinen deine elektronischen Titel in der Kindle-Edition. Warum hier?

Amazon ist international der Vorreiter des Self-Publishings. Mit Kindle Desktop-Publishing stellt der Konzern interessierten Autoren ein mächtiges Werkzeug zur Verfügung, um ohne vorgeschalteten Zensor zu veröffentlichen. Minutengenaue Abrechnungen, jederzeitige Zugriffsmöglichkeit auf die eigenen Bücher und ein hilfsbereiter Kundendienst sind weitere Kriterien. Außerdem wird der wesentliche Umsatz im E-Book-Markt auf dem Amazonas generiert. Deshalb schreibe ich lieber neue Bücher, statt mich mit den Eigenheiten weiterer Plattformen zu befassen.

Worauf sollte man besonders achten, wenn man sich für Amazon entscheidet?

Danke für die Steilvorlage: Lies die aktuellste Version meines Buches »Kindle für Autoren oder: Wie veröffentliche ich ein Buch auf Amazon.de«. Da steht alles drin, was ein Autor beachten muss.

Ein paar Tipps werde ich dir hier schon noch entlocken … Wie verfährst du mit dem Kopierschutz?

Ich folge dem Vorbild der Musikindustrie und verzichte auf Kopierschutz. Digital Rights Management (DRM) reizt doch nur, den Schutz zu knacken. Das kann übrigens jeder Amateur mittels frei verfügbarer Programme. Schon aus diesem Grunde sind DRM-Systeme für Bücher ein Altherrenwitz. Der Schlüssel der Problematik liegt für mich im Buchpreis. Werden E-Book zu Wucherpreisen angeboten, dann lohnt der Aufwand, sie zu knacken und zu vervielfältigen. Bei E-Books zu vernünftigen Preisen kommt niemand auf die Idee.

Was hältst du generell von den Diskussionen rund um das Pricing beim E-Book?

Der Buchpreis ist als Marketing-Instrument abhängig vom Bekanntheitsgrad des Autors und von seinem Sujet. Durch meine Interviews mit erfolgreichen E-Bookern weiß ich, dass einige von ihnen mit Gratisaktionen starteten und darauf ihren wundervollen Erfolg gründen. Nika Lubitsch steht für diesen Weg.

Welchen Festpreis das E-Book letztlich haben sollte, hängt auch von den Intentionen des Autors ab. Will man mittelfristig davon leben? Dann kann sich jeder selbst ausrechnen, wie viele Bücher zu 99 Cent verkauft werden müssen, um auf den gleichen Erlös zu kommen, der beispielsweise bei € 2,99 beschieden ist: Etwa sechsmal so viel! Oder will man erst einmal bekannt werden und ein paar Jahre für seinen Namen und sein Programm werben? Dann zählt jedes verkaufte Buch und es geht darum, möglichst viele Exemplare abzusetzen. Dies wird durch möglichst niedrige Preise beflügelt.

In dem Zusammenhang sollten wir uns aber auch klar machen, dass vom überwiegenden Teil der rund aktuell 230.000 deutschen E-Book-Titel weniger als 100 Exemplare pro Jahr verkauft werden. Es gibt nur wenige hundert Autoren, die jährlich mehr als 10.000 Exemplare und eine Handvoll, die mehr als 100.000 Stück an den Leser bringen. Von amerikanischen Millionenumsätzen sind wir noch Lichtjahre entfernt. Daraus folgt: Die große Mehrheit der Self-Publisher muss in der derzeitigen Phase der Entwicklung darauf orientieren, größere Stückzahlen unter die Leute zu bringen.

Meinst du, dass dem E-Book die Zukunft gehört?

Dem Lesen gehört die Zukunft. Dabei ist es sekundär, ob Texte handgeschrieben auf Pergament, in gedruckten Büchern, Hörbüchern oder E-Books Brücken zum Wort schlagen.

Unübersehbar verdrängen Elektrobücher in greifbarer Zukunft einen Teil der bisherigen Papierbuchproduktion. Das gilt besonders für die Unterhaltungsliteratur. Es ist viel unkomplizierter, mit einem gut bestückten Reader durchs Leben zu reisen als ständig eine zentnerschwere Bibliothek zu schleppen. Bei Sachbüchern haben die Reader bereits das Rennen gewonnen. Die Möglichkeit der ständigen Aktualisierung von Inhalten ist dem herkömmlichen Auflagendruck himmelhoch überlegen.

Nun nenne mir bitte doch drei ultimative Tipps: Was macht einen erfolgreichen E-Book-Autoren aus?

Rupi mit Kurt Krömer beim Echo © W. R. Frieling

Rupi mit Kurt Krömer beim Echo © W. R. Frieling

Was ist Erfolg? – Rund 25.000 verkaufte Exemplare eines Titels brauchte es, um im ersten Kindle-Jahr 2011 einen der Spitzenplätze der Amazon-Jahres-Hitparade einzunehmen. Entsprechend viel verkaufte Kollege Matthias Matting, der erfolgreichste Kindle-Autor des Jahres 2011. Wer 10.000 verkaufte Einheiten aufweisen konnte, bewegte sich seinerzeit bereits in den oberen Etagen der Amazon-Verkaufscharts.

In 2012 sind die Zahlen bereits deutlich nach oben geschnellt. Es wurden inzwischen mehrere Millionen Kindle-Reader verkauft und eine entsprechend lesehungrige Leserschaft gewonnen. Jetzt sind mindestens 120.000 verkaufte Einheiten erforderlich, um zum Jahresende in die Top Ten zu kommen. Martina Gercke verkaufte allein im ersten Halbjahr 2012 via Amazon 100.000 Exemplare «Holunderküsschen« à € 2,99. Nika Lubitsch benötigt monatlich deutlich mehr als 20.000 Verkäufe, um die grauen Schatten zu verdrängen und sich auf Platz 1 der Bestsellerliste zu behaupten. Diese Zahlen sind der aktuelle Maßstab für die Definition von »Erfolg«.

Abermals umschiffst du konkrete Tipps!

Allzu gern würde ich Dir hier den Stein der Weisen auf den Tisch legen und nach allen Regeln der Kunst ausleuchten. Aber ich habe ihn (noch) nicht gefunden, und auch die anderen Erfolgsautoren die ich ausgequetscht habe, stehen teilweise ratlos vor ihrem eigenen Erfolg.

Aus meiner Sicht sind folgende Aspekte wichtig:

  1. Content rules. Thema, Inhalt und Aktualität dessen, was in einem Buch steht, sind immer noch das Nonplusultra im Buchgeschäft. Dabei sind Sachbuchautoren aufgrund der Aktualisierungsmöglichkeiten deutlich im Vorteil.
  2. Das Cover eines E-Books muss auch im Briefmarkenformat funktionieren und den potentiellen Lesern anspringen.
  3. Der Klappentext zu einem Buch muss klar und wahr sein. Er sollte den Leser in Bann ziehen und zwingen, das Buch ohne lange Bedenkzeit zu erwerben.
  4. Der behutsame Aufbau einer intelligenten und lebendigen Fanbase ist wichtig – damit meine ich allerdings keinesfalls jene stumpfen Claqueure, die loshüpfen und jede kritische Rezension als »nicht hilfreich« abstrafen, denn das schadet dem Autor langfristig.
  5. Jede Kritik, so hart sie auch treffen mag, ist positiv und hilfreich. Nichts ist schlimmer, als totgeschwiegen zu werden.

Zum Thema noch ein persönlicher Nachsatz: Man kann es nie allen recht machen, und wer von allen geliebt werden möchte, wird zum Arsch ohne Ohren.

Ein gar treffliches Bild, Rupi. – Welche Illusionen sollte sich ein E-Book-Autor abschminken?

Dass die Welt darauf wartet, dass gerade er/sie endlich sein Werk veröffentlicht und ihn/sie dafür entlohnt!

Im dritten und letzten Teil unseres Gesprächs, der am 21. Dezember erscheint, steht Rupi rund ums Buchmarketing Rede und Antwort.

Die Gesellschaft bekommt jene Bücher, die sie verdient. – Ein Gastbeitrag zum Thema Self Publishing von Richard K. Breuer

Der Beitrag, wie buchaffine Blogger zu Publikationen von Self Publishern stehen, trieb um. Kolportieren Blogger Vorurteile und Klischees? Wieso existieren Berührungsängste? Ist nur das Gold, wofür eingeführte Verlage stehen? Woher dieses Geschmäckle, das Selbstverlegtem anheftet? Braucht es ein Gütesiegel?

Aufgeworfen in den Kommentaren wurde allerdings auch die Frage, wie Indie-, Hybrid-Autoren und autonome Verleger mit Hürden und Vorbehalten umgehen. – Das wollte ich ein wenig genauer wissen. Nun freue ich mich sehr darüber, dass Richard K. Breuer, Eigenverleger, Autor und Blogger, seine Überlegungen zum Thema Self Publishing hier mit uns teilt. Seine Darlegungen eröffnen (in freier Übersetzung) ein Zitat von Neil Postman; es stammt aus dessen Eröffnungsrede zur Frankfurter Buchmesse 1984:

„Was Orwell fürchtete, war der Moment, wo Bücher verboten werden würden. Was Huxley fürchtete, war der Moment, wo es keinen Grund mehr geben würde, überhaupt Bücher zu verbieten, weil es niemanden mehr gäbe, der sie lesen hätte wollen.“ („What Orwell feared were those who would ban books. What Huxley feared was that there would be no reason to ban a book, for there would be no one who wanted to read one.“)

Nun aber zu Richard, dem ich herzlich danke sage!

Richard K. Breuer © Laurent Ziegler

„Es ist nicht leicht, einen Beitrag zum Thema Self Publishing zu schreiben. Nicht, weil ich nichts zu sagen hätte. Ganz im Gegenteil. Vielmehr deshalb, weil ich als Eigenverleger immer in den Verdacht gerate, mich und meine Bücher in den Vordergrund zu stellen. Es bleibt somit dem Leser an dieser Stelle überlassen, ob er den Beitrag als „Eigenwerbung“ abtut oder als Möglichkeit wahrnimmt, sich über die Gegebenheiten des Verlagswesens zu informieren. Freilich, ich bin kein Insider, eher ein Zaungast oder – wie man dem Eigenverleger gerne unterstellt – der Nichteingeladene einer fetzigen Party. Kommen wir gleich mal zu meinen Überlegungen. Sie sind freilich nicht vollständig, sollten aber als Diskussionsgrundlage dienlich sein.

*

Ein self publisher wird vor allem dann wahrgenommen,

wenn er den Zahlen- und Geldfetisch der Gesellschaft befriedigt,

wenn er es schafft, von den Mainstream-Medien akzeptiert zu werden,

wenn er bereits eine renommierte Marke ist (Celebrity-Cult),

wenn er bereit ist, viel Geld für Werbung und Marketing in die Hand zu nehmen,

wenn er Teil einer verschworenen Community ist,

wenn er den Schein aufrechterhält, mit seinen Büchern erfolgreich zu sein,

wenn er zum „Geheimtipp“ avanciert und es hip ist, „Außenseiterliteratur“ zu lesen.

.

Ein self publisher wird vor allem dann kommerziell erfolgreich sein können,

wenn er sich der Ratgeberliteratur zuwendet,

wenn er sich der Feel-good-Literatur zuwendet,

wenn er sich dem Sachbuchbereich zuwendet,

wenn er ein „herzeigbarer Selfmademan“ ist,

wenn er ein großes persönlich-familiäres Netzwerk um sich hat,

wenn er eine gesellschaftliche Nische bedient,

wenn er eine noch nicht ausgereizte Subkultur bedient,

wenn er den Schein aufrechterhält, in einem Bereich ein Experte/Meister zu sein,

wenn er bereit ist, den Wert eines Kleinwagens in sein Projekt zu investieren,

wenn er zumindest seinen Text einem Korrektorat angedeihen lässt,

wenn er den Umschlag nach professionellen Gesichtspunkten herstellt.

.

Ein self publisher wird kommerziell erfolglos sein,

wenn er sein Augenmerk nur auf den belletristischen Bereich legt,

wenn er den Fokus auf Qualität legt, die der gewöhnliche Leser nicht bemerken kann,

wenn er mit den Produkten von Verlagshäusern in Konkurrenz steht,

wenn er intensivst die Social Media Kanäle bespielt und dabei unpersönlich wird,

wenn er nicht den Schein aufrechterhalten kann, mit seinen Büchern erfolgreich zu sein,

wenn er stupide dem traditionellen Verlagswesen hinterherhechelt,

wenn er mit dem traditionellen Verlagswesen aneckt.

.

Ein self publisher wird innerlich erfolgreich sein,

wenn er einer „inneren Stimme“ folgt bzw. einen Musenkuss hatte,

wenn er das Maximum aus den Gegebenheiten herausholte,

wenn er neue Wege ausprobiert,

wenn er sich von äußeren Umwelteinflüssen nicht kleinkriegen lässt,

wenn er stetig dazulernt,

wenn er nicht aufgibt,

wenn er sein schlimmster Kritiker bleibt,

wenn er zumindest einen Leser gewinnen konnte,

wenn er sich nicht dem Geld- und Zahlenfetisch ausliefert.

*

Das traditionelle Verlagswesen, so lesen wir, kämpft ums Überleben und um Marktanteile. So mag es nicht verwundern, wenn die größten Verlags- und Medienhäuser fusionieren. In der zweiten Hälfte des Jahres 2013 soll Random House mit Penguin Books verschmelzen. Wenn man sich ansieht, welch internationales Medienkonglomerat die Muttergesellschaft von Random House ist, kann einem schon recht schwindlig werden, ob der Zahlen und Ziffern. Fakt ist aber, dass Self Publishing einer der am schnellsten wachsenden Sektoren im Verlagswesen ist. In den USA wurden 2010 etwa 133.000 Titel im Eigenverlag publiziert. Ein Jahr später waren es bereits 211.000 Titel. Es ist somit nur folgerichtig, dass die großen Verlagshäuser auf diesen Zug aufspringen und Self-Publishing-Portale übernehmen. Ob das am Ende gut oder schlecht für den Self Publishing Bereich ausgeht, ist nicht vorherzusehen. Die Geschichte lehrt uns, dass Konzerne eine Konkurrenz, die im Wachsen ist, übernehmen, um sie dann in ihrem Sinne zu formen. Beispielhaft sei hier die „General Motors streetcar conspiracy“ erwähnt.

Ein Bestseller wird gemacht und kostet einen Verlag viel Geld. Das wusste schon Italo Calvino, als er in den 1960ern Jahren nach New York eingeladen wurde und dort bemerkte, dass der amerikanische Verlag für sein neues Buch einen Werbeetat von gerade einmal 4.000 Dollar (nach heutigem Geldwert) veranschlagte. Calvino war entsetzt und meinte, dass man mindesten 4 Millionen Dollar locker machen müsste, um auf dem Markt etwas bewegen zu können. Deprimiert stellte er fest, dass sich die großen Verlage in den USA vorrangig um ihre Bestseller kümmern und ihnen gar nichts daran läge, ein Buch auf dem Markt „durchzusetzen“. [Quelle: Italo Calvino, Eremit in Paris, Autobiographische Blätter, München 2000, S. 34]

Wir sehen, ohne dass ich es wollte, bin ich bereits beim lieben Geld angelangt. Am Ende, das mag jetzt keine große Neuigkeit sein, dreht sich alles ums Geld. Auch wenn das Verlagswesen so tut, als würde es um die schöne Literatur gehen, Fakt bleibt, dass jedes Unternehmen gezwungen ist, profitabel zu sein – ansonsten würde es vom Markt verschwinden. Das Buch wird zum „Non-Food“-Produkt. Gewiss, manch kleine und mittlere Verlagshäuser sehen im Buch noch immer ein kulturelles Erbe, das erhalten werden soll. Es ist interessant zu beobachten, wie sich diese Verlage gegen Self Publisher abgrenzen und zur Wehr setzen, während sie von den Verlagskonzernen und dem Handel an die Wand gefahren werden. Die Frage, die ich mir hin und wieder stelle, scheint mir berechtigt: Worin liegt der Unterschied zwischen einem engagierten Kleinverlag, der eine Hand voll Mitarbeiter beschäftigt und einem Eigenverleger? Beiden ist gemein, dass sie dem „Produkt“ Buch eine sehr persönliche Note geben und voller Hingabe und Leidenschaft zu Werke gehen. Dass diese persönliche Note, diese Leidenschaft, im grauen Alltag des Wirtschaftslebens untergeht, wo am Ende des Tages die Kassa stimmen muss, dürfte hinlänglich bekannt sein.

Es ist weder der literarische Wert noch die Qualität des Produktes, die im Verlagswesen zählen, sondern die Quantität. Jetzt wird es persönlich. Wie oft werde ich gefragt, ob ich von meinen selbst verlegten Büchern leben könne. Wie oft werde ich gefragt, wie viele Bücher ich denn so in der Woche/im Monat/im Jahr/insgesamt verkaufe bzw. verkauft habe. Immer geht es zu aller erst um Zahlen. Meine Antworten bleiben vage und unbestimmt. Das hat den Grund, weil ich weiß, dass meine „Verkaufszahlen“ in den Ohren des Fragestellers immer zu gering sind. Ich weiß auch, dass ich dadurch im „Geschäftswert“ sinke. Würde ich also täglich tausende Stück meiner Bücher verkaufen, es würden sich eine Vielzahl an Medien- und Geschäftsleuten und Bewunderern einstellen. Ich glaube, dass dieser Zahlen- und Geldfetisch mit der Amerikanisierung des europäischen Kontinents zu tun hat. Es war ein Wiener Dichter, der in den 1830ern in die USA auswanderte, aber es keine zwei Jahre dort aushielt. Er stellte mit Abscheu fest, dass es dem geschäftigen Amerikaner nur um „Dollars ginge“. [Lenau’s Leben, Großentheils aus des Dichters eigenen Briefen von seinem Schwestermanne Anton X. Schurz. Erster Band. J. G. Cotta’scher Verlag, Stuttgart/Augsburg 1855, S. 196ff]

Aber was immer der Grund für diesen Zahlen- und Geldfetisch auch sein mag, er hat Besitz vom Menschen genommen. Das Verlagswesen und ihre „Produkte“ sind nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Frei nach dem Motto: Die Gesellschaft bekommt jene Bücher, die sie verdient.

Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass ein freiwilliges Zusammenspiel zwischen self-publishing-Autoren auf der einen Seite und „privaten Buchherstellern“ auf der anderen Seite entsteht. Mit anderen Worten, es würden sich Lektoren, Grafiker, Testleser, Marketing- und Medienleute finden, die in ihrer Freizeit gemeinsam Bücher herstellen und dabei dem kommerziellen Aspekt nur eine geringe Bedeutung beimessen. Es wäre demnach die Demokratisierung des Verlagswesens. Die Möglichkeiten dazu sind heutzutage längst gegeben, es braucht nur noch die Bereitschaft jedes Einzelnen, seinen Teil zu diesem Projekt beizutragen. Ich sage es deshalb, weil ich in den letzten Jahren bemerkt habe, wie einseitig und unausgewogen der Mainstream-Medien-Apparat und die großen Verlagshäuser die Welt „befruchten“. Von diesen dürfen sich die Bürger keine „zweite Aufklärung“ erhoffen. Deshalb schließe ich mit einem Zitat von Pulitzer-Preisträger und ehemaligen New York Times Korrespondenten Chris Hedges:

„Der Sinn von ‚Brot und Spiele‘ ist jener, wie Neil Postman in seinem Buch Amusing Ourselves to Death sagt, abzulenken, emotionale Energie auf das Absurde und Triviale und Spektakuläre zu lenken, während man rücksichtslos seiner Rechte beraubt wird. Ich habe mich gefragt: Hat Huxley recht oder hat Orwell recht? Es stellt sich heraus, dass sie beide recht haben.“ („The purpose of bread and circuses is, as Neil Postman said in his book Amusing Ourselves to Death, to distract, to divert emotional energy towards the absurd and the trivial and the spectacle while you are ruthlessly stripped of power. I used to wonder: Is Huxley right or is Orwell right? It turns out they’re both right“, übersetzt nach: David Barsamian, Interview with Chris Hedges, in: The Progressive Ausgabe August 2011, online abrufbar.“)

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Richard K. Breuer lebt und arbeitet in Wien. Wirtschaftlich geprägte Schulausbildung. Verschiedene Jobs im Banken- und Softwarebereich. Seit 2003 freiberuflicher Schriftsteller, Dramatiker, Drehbuchautor, Designer, Blogger und Verschwörungstheoretiker. Absolvent des zweisemestrigen Verleger-Semi­nars in Kooperation mit der Universität Wien bei Prof. Mazakarini. Verleger seit 2008.

Veröffentlichungen: Die Liebesnacht des Dichters Tiret (2008), Rotkäppchen 2069 (2008), Schwarzkopf (2009), Brouillé (2010), Madeleine (2012). Autor der Woche (ORF Radio NÖ). Die Krimikomödie Schwarzkopf wurde in der Leipziger Volkszeitung und Falter Buchbeilage besprochen. Das Magazin hörBücher vergab in der Ausgabe 4/11 für Schwarzkopf die höchste Benotung („grandios“).

Dr. Scherr vom Wiener Literaturhaus attestiert dem Eigenverlag im öster. Börsenblatt 1/10 eine „beeindruckende Professionalität“ und meint: „So mancher Kleinverleger könnte sich hier die eine oder andere Anregung in puncto Marketing holen.“ Für 2012 ist das kontroversielle Sachbuch „Con$piracy“, der Tagebuchroman „Der Fetisch des Erik van der Rohe“ und „Penly“ geplant. Die veröffentlichten Bücher sind im Fachhandel als Taschenbuch bzw. im E-Book-Format erhältlich. – Mehr zu ihm auf seiner Webseite.

„Mir kommt die Frage, ob ein Verlag mein Buch angenommen hätte, fast albern vor …“. Vorbehalte gegen Self Publishing

Wie stehen buchaffine Blogger zu Publikationen von Selbstverlegern? Da ich das etwas genauer wissen wollte, habe ich bei einigen nachgefragt, wie sie damit verfahren würden, wenn ihnen Self Publisher Titel zur Rezension anbieten. Die 15 Statements der Bloggerinnen und Blogger, die man hier nachlesen kann, wurden kontrovers diskutiert.

Mit Richard K. Breuer, Petra van Cronenburg, Peter J. Kraus, Matthias Matting, Michael Meisheit u.a. brachten sich auch Autoren und Verleger in die Diskussion ein, die unabhängige Wege gehen. Breuer, van Cronenburg, Kraus und Matting bereits seit längerem, Meisheit debütiert in diesen Tagen als Indie-Autor.

Ob Hybrid- oder Indie-Autor – die Kommentare setzen sich differenziert und selbstbewusst mit Vorbehalten gegen Self Publishing auseinander. Grund genug, wie ich meine, die Beiträge in Auszügen als eigenständigen Blogpost zu veröffentlichen.

Richard K. Breuer:

Ansonsten sei gesagt, dass ich ebenfalls eine gewisse Voreingenommenheit habe, wenn mir jemand “sein Buch” unter die Nase hält (wobei ich jetzt anmerken sollte, dass mich Mainstream-Verlagsbücher so gut wie gar nicht mehr interessieren), aber gleichzeitig gilt festzuhalten, dass es der Traum eines aufgeklärten Bürgertums war, dass jeder Mann seine Gedanken frei von Zensur publizieren durfte. Die Flut an qualitativ mäßigen und zum Teil unkorrigierten “literarischen” Texten sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Selbstverlag auch einen gesellschaftspolitischen Aspekt erfüllt. Gerade in diesen Zeiten müssen wir das Recht auf freie Meinungsäußerung in Sprache und Schrift hochhalten und dürfen diese nicht als selbstverständlich erachten.

Michael Meisheit:

Die Schere im Kopf!? © GvP

Heute [20.11.12] habe ich meinen ersten Roman bei Createspace als “Selfpublisher” hochgeladen. Und bin nach wie vor begeistert von meinen Erfahrungen in den letzten Tagen oder gar Wochen. Vielleicht ist mein Weg nicht der “normale” für einen Selbstverleger – ich habe viele Jahre Schreiberfahrungen als Drehbuchautor und auch eine ziemlich klar definierte Zielgruppe – aber mir kommt hier ein Aspekt doch deutlich zu kurz: Wenn man sich ewig in der Mühle von etablierten Monolithen befindet (in meinem Fall Sender …), ist es so befreiend und motivierend, sein Werk unabhängig, zügig und mit eigenem Risiko in die Welt zu setzen, dass mir die Frage, ob ein Verlag den Roman genommen hätte, fast albern vorkommt.

Peter J. Kraus:

Immer wieder taucht in der Diskussion die Annahme auf, dass “Selbstverleger” Trauerklöße sind, die “keinen Verleger gefunden haben”. Dem möchte ich widersprechen.
Meine ersten drei (Sach)bücher wurden 1996-1998 bei Chr. Links, Berlin, verlegt. Mein erster Krimi, “Geier”, kam 2003 bei Knaur, München, heraus. Zwei Lernkrimis, “Verdacht in Hollywood” und “Kleinstadt in Angst” wurden von Tosa, Wien, verlegt”, meine weiteren Bücher, “Joint Adventure” und “Cattolini Erbt”, erschienen bei Conte, Saarbrücken.

Ich war und bin mit allen Verlagen, mit denen ich die Ehre hatte, zufrieden. Links war großartig, bei Conte bleibe ich, weil wohlaufgehoben.

Und doch habe ich zwei Ebooks als Selbstverleger bei Kindle herausgebracht. Ein drittes folgt im Januar, Nummer vier und fünf sind für Sommer und Weihnachten 2013 geplant.

Warum? Weil beim fremdverlegten Buch mindestens eineinhalb Jahre, bis zu zwei Jahren vergehen, bis ich Geld sehe. Manuskript hin, Annahme/Vertrag dauerte nie länger als ein paar Wochen (ich lebe in den USA, was meist einen recht langen Postweg bedeutet), dann rollen die Verlagsräder, Vertreter geben ihren Senf, Lektoren lektorieren, Grafiker tun ihr Ding, Erscheinungstermin wird zwischen allen Beteiligten festgelegt, Kataloge gedruckt, Buch in den Laden, und dann warten alle, was sich tut. Abgerechnet wird gemeinhin im März des auf die Erscheinung folgenden Jahres – und jedes Jahr wiederholt sich die Abrechnung.

Wenn ich selbst für alles verantwortlich bin, schreibe ich wie immer – da ist kein Unterschied zwischen Verlag und SP – etwa drei bis vier Monate an den circa 300 Seiten. Korrektur, Lektorat, Cover, alles im Outsourcing. Sagen wir nochmal vier Wochen. Dann, fünf Monate nach Manuskriptbeginn, wird das Buch auf Kindle geladen und erscheint im Amazonangebot einen Tag später. Bezahlt wird jeweils zwei Monate nach Ende des Verkaufsmonats. Das heißt, ich kann acht Wochen nach dem Verkauf mein Verdientes ausgeben, habe dadurch einen sich monatlich wiederholenden Geldeingang, der mich in die Lage versetzt, nach Gusto über meine Zeit zu verfügen. Ich weiß täglich genau, was verkauft wurde, ich kann anhand von Lesermails und Amazon Rezensionen etwa absehen, was gefällt und was nicht und habe die Möglichkeit, mich danach zu richten — falls ich das will.

Ebook selbst verlegen, Papier dem Verlag überlassen: ich glaube, dass sich das für mich lohnt. Mal sehen, ob das auf Dauer zu machen ist. Wenn nicht, habe ich ja einen Verlag. Und wenn der nicht will, suche ich (und finde!) einen anderen.

Mir ist nur wichtig, festzustellen, dass Schablonen nicht immer zutreffen – jeder und jede hat andere Erfahrungen gemacht und daraus Konsequenzen gezogen. Wer Großverlage bevorzugt (und dazu gehörte ich nach einem Vierteljahrhundert im kalifornischen UKW-Rockradio als Programmgestalter/Moderator auch; geht halt nichts über major labels, wie man weiß), der schaut mit leichter Verachtung auf kleinere Verlage: wer bei einem kleinen Verlag gelandet ist, der sieht auf Selfpublishers herab. Der Selfpublisher hat nur Verachtung übrig für Menschen, die nur für die Schublade schreiben.

Meint man. Ist aber nicht so. Manche sicher, aber die meisten von uns haben gelernt, zu differenzieren. Sonst könnten wir keine Bücher schreiben, die allesamt vom Leben handeln.

Petra van Cronenburg:

Ich habe den Eindruck, dass viele, die nun wirklich vorurteilsbeladen Self Publishing von vornherein als Trash klassifizieren, sich einfach nicht wirklich auszukennen scheinen. Sonst hätte sich bereits herumgesprochen, wie viele “gestandene Verlagsautoren” inzwischen im Self Publishing sind, dass Literaturagenturen inzwischen für bestimmte Projekte sogar SP empfehlen, weil mehr dabei herumkommt oder der Kontakt zum Zielpublikum beim Autor enger ist.

Ja, klar, es gibt grausig schlecht gemachte Bücher, auch bei Verlagen. Aber ich habe in den letzten paar Monaten allein drei Self Publisher entdeckt, bei deren Talent ich mich frage, warum die noch kein Großverlag eingekauft hat. Die Antwort des größten Erzähltalents war verblüffend: Auf die Idee, sich groß zu bewerben, sei sie gar nicht erst gekommen – in der Zeit hätte sie ein ordentlich lektoriertes Buch herausgebracht. Solchen Leuten würde ich differenzierter denkende Rezensenten wünschen – die gehen allerdings auch nicht hausieren.

Was zu fehlen scheint, sind Feuilleton-Alternativen mit Durchschlagkraft, die wie im Ausland ein Buch nur nach seinen Inhalten und deren Qualität, nicht aber nach dessen Veröffentlichungsart beurteilen. Die New York Times geht da mit gutem Beispiel voran.

Matthias Matting:

Ich denke, die Reaktion der Blogger liegt zum Teil auch an der Fragestellung. “Self-Publisher”, das klingt wie ganz allein selbstgemacht. Wenn mir meine Kinder etwas selbst machen, freue ich mich. Ansonsten möchte ich ganz einfach ein professionelles Produkt. Und das kann es nicht geben, wenn der Autor alles selbst gemacht hat (Cover, Layout, Lektorat usw.). Also bezeichne ich mich selbst dann nicht als Self-Publisher, wenn ich ein Buch verlagsunabhängig herausbringe. Ich denke, ein Blogger kann ein professionell gemachtes Buch von Selbstgebasteltem unterscheiden, oft sogar schon daran, WIE er angesprochen wird. Ich habe auch bisher wirklich keine Ablehnung von Bloggern erlebt.

Lieber buchaffine Blogger, wie hältst du es mit Selbst-Verlegtem?

Statements zur Frage „Wie würdest du damit umgehen, wenn dir Self Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten“

Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass sich die klassischen Medien und das traditionelle Feuilleton nicht auf Publikationen von Self-Publishern einlassen. Und da Self Publisher vielfach eine starke Affinität zum Netz haben, bleibt ihnen meist gar nichts anderes übrig, als ihr Buchmarketing auf eben diese Kanäle zu konzentrieren. Ein eigenes Blog nebst Homepage gehören inzwischen zum Standard, bisweilen sogar ein Youtube-Kanal. Da wird getwittert, gegoogeltplust oder gepinterestet. Autorenforen und Communities sind ebenfalls ein Mittel zum Zweck. Neben Rezensionen auf Amazon, für die gegebenfalls auch Freunde und der Bekanntenkreis herhalten müssen, rückt die buchaffine Bloggerszene ins Visier, von der man sich Reichweite und Unterstützung bei der Vermarktung erhofft.

Doch wie stehen buchaffine Blogger zu Publikationen von Selbstverlegern? Da ich das etwas genauer wissen wollte, habe ich einige von ihnen um ein kurzes Statement dazu gebeten.– Der Form halber sei angemerkt, dass die Aussagen von 15 bibliophilen Bloggern selbstverständlich nicht repräsentativ sind und Schlussfolgerungen jedweder Art entsprechend fernliegen.

Wie würdest du damit umgehen, wenn dir Self Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten?

Das kommt gelegentlich vor. Bisher war jedoch noch nichts dabei, was mich angesprochen und zur weitergehenden Lektüre gereizt hat. – Klingt vielleicht ein bisschen arrogant, ist aber so. GregorKeuschnig, Begleitschreiben

Eine schwierige Frage. Wenn ich den Self Publisher persönlich kenne, ist es schwer, da ich befangen bin. Ich bin ein eher kritischer Leser und möchte eine mir bekannte Person nicht verletzen. Das könnte für mich zu einem Konflikt führen. Ich würde mir den Vorbehalt herausnehmen, keine Rezension zu schreiben, wenn ich mich dazu nicht in der Lage sehe (aus welchen Gründen auch immer). Diesen Vorbehalt hätte ich aber auch bei unbekannten Autoren. Ich hadere noch mit mir, wirkliche „Verrisse“ zu schreiben, dann schreibe ich lieber gar nichts. Auf der einen Seite steht viel Arbeit und Herzblut eines Autors dahinter, auf der anderen Seite hat er das auch an die Öffentlichkeit gebracht, müsste die Kritik also annehmen können. Schwer ist es doch meistens und ich habe die wirkliche Lösung noch nicht gefunden. Das fiel mir auf wissenschaftlicher Ebene leichter, irgendwie war damals das Werk näher als der Autor, ich merke da eine Verschiebung. Sandra Matteotti, Denkzeiten und Bücherwelten

Die Self Publisher sind diesbezüglich – verständlicherweise – wesentlich aktiver als klassische Verlage. Sprich: Mir werden öfter Bücher angeboten. Allerdings selten meinen Interessen entsprechend, weswegen ich meist ablehne. Das hat nichts mit der möglichen Qualität zu tun, mich interessieren bestimmte Genres einfach weniger als andere. Insgesamt suche ich mir am liebsten selbst meine Lektüre aus, da kommt schon genug zusammen. Und ich fühle mich freier, als wenn ich einen Stapel Bücher hätte, den ich eher lesen „muss“ als will. Petra Gust-Kazakos, Philea’s Blog

Ich gehe mit Titel von Self Publisher genauso um, wie mit Verlagen oder Agenturen, die mir Rezensionsexemplare anbieten. Es gibt für mich da keinen Unterschied! D.h. Wer dem „Durchleser“ per Mail oder auch per Post unverlangt ein Leseexemplar anbietet, wird sich zu hundert Prozent sofort in der Ablage P wie Papierkorb wiederfinden. Durchleserin, Durchleser’s Blog

Ignorieren. Christian Köllerer, Dr. Christian Köllerers Notizen

Es ist erst ein paar Mal passiert, dass ich Mails in meinem Posteingang vorgefunden habe, wo mir Self Publisher ihre Titel angeboten haben. Bis jetzt habe ich diese Angebote nicht angenommen. Nicht aus dem Grund, weil sie selbstverlegt sind, sondern weil mich die Titel oder auch der Inhalt nicht angesprochen haben. Meine Lesezeit ist begrenzt, so dass ich mir gerne ganz bewusst die Lektüre suche, die mich interessiert. Selfpublished Büchern stehe ich jedoch nicht grundsätzlich skeptisch gegenüber. Die Möglichkeit des Self Publishing wird auf lange Sicht sicherlich dazu führen, dass Texte und Autoren erfolgreich werden, die es sonst vielleicht nicht geschafft hätten. Ich glaube, dass das eine große Möglichkeit für viele Autoren sein kann, aber auch zu einem Problem werden kann, wenn Autoren und Autorinnen inflationär ihre Texte herausbringen können. Mara Giese, Buzzaldrins Bücher:

Wenn mich das Thema des Romans und die Leseprobe ansprechen würden, hätte ich nichts dagegen auch den Titel eines Self Publishers zu lesen. Kerstin Pistorius, Atalantes Historien

Rezensionswünsche lehne ich grundsätzlich ab, denn ich müsste alle zwei Tage ein ZUSÄTZLICHES Buch lesen, um allen Anfragen nachzukommen. Da spielt es keine Rolle, ob es sich um Bücher aus Verlagen, BoD oder eBooks im Selfpublishing handelt. Allerdings neige ich zu Skepsis gegenüber Büchern, die nicht die Verlagshürde genommen haben. Da entgehen mir gewiss Perlen, aber – Achtung Vorurteil! – noch weniger als bei den Verlagsprodukten. Dazu kommt, dass den Texten oft ein Lektorat fehlt und man deshalb über Stilblüten, Grammatik- und Orthografie-Fehler stolpert. – Allerdings werden auch einige Verlagslektorate immer nachlässiger. Dieter Wunderlich, Dieter Wunderlich: Buchtipps und Filmtipps

Ich arbeite ja in der Buchbranche, beobachte das Phänomen Self Publishing also aus beruflichem Interesse und sehe das Potential, das darin steckt. Daher müsste ich eigentlich sagen: Ich halte es mit selbstverlegten Büchern genauso wie mit den “traditionell” bzw. “professionell” verlegten, d.h. ich informiere mich umfassend über den Titel und entscheide dann, ob er in das Profil von SchöneSeiten passt. Doch die Wahrheit ist, dass ich auf ein solches Rezensionsangebot sehr skeptisch reagieren würde, um nicht zu sagen: Ich würde es vermutlich aus Prinzip ablehnen.

Wirklich begründen, warum ich so verfahren würde, begründen kann ich es nicht; es liegt wohl daran, dass es in meinem Kopf (noch!) eine Art Schranke gibt: Ich verbinde Self Publishing nicht mit Qualität und glaube nach wie vor an die Rolle der Verlage, sprich der Lektoren, der Hersteller, der Graphiker usw., denn wenn dem nicht so wäre, dann müsste ich dringend meinen Berufswunsch überdenken. Gleichzeitig bin ich mir aber sehr wohl darüber bewusst, dass auch die traditionellen Buchverlage schon längst keine Garantie mehr für Qualität sind. Ein Dilemma… Caterina, SchöneSeiten

Diesbezüglich kommen bei mir nur ganz seltene Angebote. Ich gehe damit ähnlich um wie mit allen anderen Angeboten: Falls das Buch mich interessiert, bitte ich nach Möglichkeit um ein eBook, weise allerdings darauf hin, dass ich mich nicht zur Rezension verpflichten mag. – Bislang habe ich auch kein Buch aus diesem Bereich besprochen, wenn ich mich recht erinnere. Marius Fränzel, Bonaventura

Wenn mir Selbstpublisher ihre Bücher anbieten würden, würde ich die genauso behandeln, wie jene von Großverlagen. Allerdings hat mir in all den Jahren nie ein Selbstpublisher ein Buch zur Besprechung geschickt. Ein Buch von einem Selbstpublisher würde mich besonders neugierig machen. Klausbernd Vollmar, kbvollmarblog

In der Regel stehe ich Selbstverlegtem, egal ob Print oder E-paper, was die Qualität betrifft, ziemlich skeptisch gegenüber. Das beträfe auch ein eigenes Werk. Allerdings ist der überwiegende Teil des Verlegten oft auch nicht besser und bloß marktgerecht herausgeputzt. Ich würde mich also nur damit befassen, wenn es mich vom Sprachniveau her anspricht und keinen allzu esoterischen Charakter hat. Sonst reagiere ich einfach nicht und eine dementsprechende Email landet als Werbung im elektronischen Papierkorb. Der Kopf hinter dem Buecherblogger 

Ich glaube, das ist mir noch nicht so oft untergekommen. Ab und an fragt ein Autor um eine Besprechung an, ob der jetzt aber nur „Werbung“ machen will oder Self Publisher ist, keine Ahnung, da ich meistens ablehne und mich nicht drum kümmere. Nicht aus Prinzip, aber ich habe so viel zu lesen, das reicht mir, da brauche ich nicht noch zusätzlichen Stoff. Ausnahmen mache ich allenfalls, wenn es ein Stoff ist der mich wirklich interessiert… Ist vielleicht ein-/zweimal vorgekommen bis jetzt.

In gewisser Weise stimme ich allerdings auch Caterina zu. Mag ein Vorurteil sein…. 😉 Bei einem Publikumsverlag gehe ich von einer gewissen Mindestqualität aus, weil da schon mal kritische Augen drüber gehuscht sind. Nichts finde ich ärgerlicher als einen Text, über den man sich ärgern muss, weil man über Ecken und Kanten stolpert.  Aber das mag, wie gesagt, ein Vorurteil sein, in beiden Richtungen… Flatter Satz, aus.gelesen

Ich habe einmal eine Anfrage erhalten, aber das Genre hat mir überhaupt nicht zugesagt und ich habe abgelehnt. Danach hat es noch einige unschöne Mails gegeben, weil ich mich vielleicht im Antwortschreiben falsch ausgedrückt habe. Das fand ich dann etwas weniger toll. Kurz und gut, gehe ich nicht anders mit einer Anfrage um, als von Verlagen. Das Thema müsste mich schon sehr interessieren, denn zu lesen habe ich wahrlich sonst noch genug. Buechermaniac, lesewelle

Da gilt die gleiche Antwort wie bei unverlangt angebotenen Rezensionsexemplaren oder Bitten um eine Besprechung: aus Prinzip würde ich ablehnen, da ich die Auswahl für meinen Blog selbst zusammenstelle und mich dabei neben den üblichen Quellen, aus denen ich meine Anregungen zur Lektüre oder zum Film- und Musikgenuss bekomme, auch auf Empfehlungen von Freunden, Bekannten oder Bloggern verlasse, auf deren Urteil ich vertrauen kann. Sofern ich jemanden persönlich gut kenne, der etwas geschrieben oder herausgegeben hat, mag das dann nochmal eine andere Sache sein: aber auch da würde ich nur rezensieren, wenn es mir gefällt und zu Jargsblog passt – oder aber schweigen. Jarg, Jargs Blog

Auch die 15 Blogger sind sich einig: Überzeugen müssen Self Publisher durch Qualität. Was es demnach dringend bräuchte, wäre eine Art Gütesiegel, das Lesern und Multiplikatoren hilft, Spreu vom Weizen zu trennen. Allerdings legen die Antworten auch nahe, dass hohe Qualitätsstandards nicht nur für die Publikation selbst gelten. Sie betreffen auch die Präsentation nach außen. Wofür freilich mehr als „nur“ ein zugkräftige Cover, ein gehaltvoller Klappentext und ggf. eine ansprechende Gestaltung der U4 (=Umschlagseite 4 beim gedruckten Buch) in die Waage fällt.

© M. v. Seydlitz

Was denn noch? Eine auf die Publikation exakt zugeschnittene Kommunikationsstrategie, deren einzelne Bausteine professionell erarbeitet sind. Die Statements führen nämlich deutlich vor Augen, dass man über Zielgruppen und potentielle Multiplikatoren möglichst genau Bescheid wissen sollte. Letzteres bedeutet wiederum, dass man sich im Vorfeld eingehend mit den Profilen und Interessengebieten von Blogger auseinandersetzt. Erst danach kann man überhaupt abwägen, ob und welche Blogs als Multiplikatoren in Frage kommen. Daran schließt sich eine weitere Hürde: Ein Rezensionsangebot in Form eines Anschreibens, aus dem deutlich hervorgeht, welche Alleinstellungsmerkmale, Besonderheiten und Qualitäten die Publikation hat und warum sie so gut zum Profil des Adressaten passt.

Dass der immense Aufwand kein Erfolgsgarant ist, sollte niemanden davon abhalten, sich die Mühe zu machen. Schließlich belegt das Stimmungsbild auch, dass Blogger Publikationen von Selbstverlegern zwar kritisch, aber nicht ablehnend gegenüber stehen.

Dieser Beitrag ist ein Nachtrag zur Gesprächsreihe mit bibliophilen Bloggern, wo die Fragestellung „Wie würdest du damit umgehen, wenn dir Self Publisher ihre Titel zur Rezension anbieten?“ bis zum 5. November nicht berücksichtigt wurde.

Zu weiteren 15 Stellungnahmen zu der Frage geht es hier

Steglitz fragt bei Patric Marino nach (Teil 2)

„Es gibt in der Schweiz einen Kleingeist, der verlässlich und treu, aber mit der Zeit langweilig und ermüdend ist …“

Der Berner Patric Marino fiel mir auf, weil er mit „Nonno spricht“ ein literarisches Debüt hingelegt hat, von dem Nachwuchsautoren eigentlich nur träumen können. Hoppla, dachte ich mir, welche Kräfte haben da gewirkt?

Deshalb habe ich den 22-Jährigen im ersten Teil unseres Gesprächs u.a. danach befragt, wie er zu seinem Verlag fand, was er anderen jungen Autoren rät und wie ihm der frühe Ruhm bekommen ist. – Heute erfahren wir von ihm, wie man in der Schweiz die Entwicklungen infolge der Digitalisierung einschätzt, welchen Stellenwert das eBook dort hat, ob Self-Publishing angesagt ist und inwieweit Social Media-Marketingmaßnahmen auch für Schweizer Autoren inzwischen ein Gebot der Stunde sind.

Was treibt dich im Schweizer Literaturbetrieb besonders um?

Patric Marino © Textkiosk / T. Schlup

Egal, wohin es mich im Literaturbetrieb treibt, an welches Festival, welche Lesung, welches Apéro – ich treffe immer die gleichen Leute, Autoren wie Zuhörer. Ich schlage die Zeitung auf und lese eine Kolumne vom Herrn Schriftsteller, ich mache das Radio an und höre ein Gespräch mit dem gleichen Herrn Schriftsteller. Es gibt in der Schweiz einen Kleingeist, der verlässlich und treu, aber mit der Zeit langweilig und ermüdend ist, und manchmal fürchte ich, auch zu einem solchen Geist zu werden.

Wo verortest du im Vergleich zum deutschen Betrieb besondere Unterschiede?

Für mich ist das schwer zu vergleichen, da ich den deutschen Literaturbetrieb kaum kenne. In der Schweiz sind Autoren und Literaturvermittler eine Familie, man kennt sich. In Deutschland kann ich mir das so nicht vorstellen. Diese Überschaubarkeit gilt nicht nur für Bekanntschaften, sondern auch für die Bekanntheit. Die Schweiz ist ein kleiner Markt, um wieder dieses Bild aufzunehmen, und jede Woche stehen da die gleichen Händler mit ihren Ständen an vorgemerkten Plätzen und mit abgesprochenen Preisen.

Welchen Stellenwert hat das eBook bei euch?

In einer großen Buchhandlung in Bern steht, dass eBooks weg gingen wie warme Brötchen und sie deshalb ausverkauft seien, doch ich sehe selten bis nie jemanden mit einem eBook. Vielleicht trauen sich die Leute nicht, sich im öffentlichen Raum mit ihrem E-Reader zu zeigen. Das zeigt, wie tief der Stellenwert bei uns ist.

Wie hältst du es persönlich mit dem eBook?

Ich lese kein eBook. Wenn einer zwei fette Krimis pro Woche liest und sie dann in die Tonne schmeißt, soll er sie besser als eBook lesen. Ich bin ein anderer Lesetyp, ich lese weniger, sinnlicher, und möchte auch mal eine Passage mit Bleistift unterstreichen.

Meinst du, dass dem eBook die Zukunft gehört?

So wie alle neuen Medien sich einen Platz geschaffen haben, wird sich auch das eBook einen Platz schaffen, aber neben dem Buch. Wer so liest wie ich, wird dies weiterhin mit Büchern machen, die er anfassen kann. Für Vielleser oder auch zum Lesen von Zeitschriften oder kürzeren Texten wird der E-Reader oder ein Tablet stärker zum Thema werden. Dazu muss es sich aber erst weiter verbreiten und die digitalen Texte deutlich billiger als die gedruckten sein. Das eBook darf nicht versuchen, das Buch zu ersetzen. Das wird es nie.

Hierzulande wenden sich Autoren immer öfter von den traditionellen Wegen ab, um Publikationen in Eigenregie zu verlegen. Ist diese Entwicklung in der Schweiz ebenfalls absehbar, womöglich bereits angesagt?

Es gibt auch in der Schweiz Bezahlverlage, Books on Demand oder im Eigenverlag herausgegebene Bücher. Ich selbst kenne keine Autoren, die das machen, weder persönlich noch durch Medienberichte, da selbst verlegte Bücher schlichtweg ignoriert werden. Neben den wenigen großen Verlagen gibt es viele Kleinverlage, die auch mal kleinere Werke von großen Schriftstellern herausgeben dürfen. In Eigenregie zu publizieren ist für etablierte Autoren aber unvorstellbar.

Wäre Self-Publishing für dich eine Option?

Nein. Wenn ich ein Buch an die Öffentlichkeit bringe, dann möchte ich, dass es im Buchhandel erhältlich ist und den Lesern vermittelt wird. Mit Self-Publishing wäre dies nicht möglich. Wenn ich hingegen ein Buch für meine Freunde und Familie schreiben würde, kann ich fünfzig Exemplare drucken und sie verschenken.

Wo machst du Chancen und Risiken aus?

Das Geschenkbuch könnte ich selbst gestalten und von Hand herstellen, aber damit sind wir bereits beim ersten Problem: Es gibt unglaublich viel Aufwand, der nicht mit dem Schreiben zu tun hat. Beitragsgesuche, Lektorat, Druckkosten, Pressearbeit, all diese Dinge muss man selbst machen oder bezahlen. Deshalb wird das bei selbst publizierten Büchern häufig nicht gemacht, was für ihre Qualität verheerend ist.

In Deutschland ist es inzwischen üblich, dass Verlagsautoren ihr Buchmarketing selbst in die Hand nehmen (müssen). Zeichnet sich diese Entwicklung auch in der Schweiz ab?

Ja, man hilft beim Marketing so viel wie möglich. Viele Medienanfragen richten sich nicht an den Verlag, sondern an den Autoren. Häufig bringen Autoren auch selbst Kontakte zu Kritikern oder Veranstaltern mit und nutzen diese für ihr Marketing. Der administrative Teil des Marketings sollte aber weiterhin vom Verlag erledigt werden, sodass sich der Autor auf den produktiven Teil, also auf Interviews, Lesungen oder Textbeiträge konzentrieren kann.

Was tust du für dein Buchmarketing?

Ich stelle mich deinen Fragen, gehe mit meinem Buch auf Lesetournee, nenne es unter sonstigen öffentlichen Texten oder bei Auftritten und beantworte die meisten Presseanfragen. Wenn wir bei Festivals auf unseren Schreibmaschinen Geschichten nach Wunsch schreiben, dann stelle ich immer einen Stapel Bücher auf, damit die Leute sehen, was wir sonst noch machen, und meistens gehe ich mit leeren Rucksack heim.

Social Media-Marketingmaßnahmen scheinen inzwischen für Autoren ein Gebot der Stunde. Wie stehst du dazu?

Ich finde es wichtig, auf verschiedenen Kanälen präsent und ansprechbar zu sein, gerade für jüngere Leser. Deshalb habe ich eine Homepage und bin bei Facebook. Ich nutze sie aber weder als Privatperson noch als Schriftsteller, sondern eher als Veranstalter, indem ich Medienberichte verlinke oder Veranstaltungen eintrage. Sonstige Werbung, Privatfotos oder Tagebücher mag ich dort nicht veröffentlichen.

Welche Chancen und Risiken verortest du im Social Web?

Die größte Chance liegt darin, dass ich direkt mein Publikum erreichen und mit ihm kommunizieren kann, und dass ich in meinen Beiträgen völlig frei bin. Darin sehe ich aber auch die Gefahr, dass man sich im Social Web verliert, dass ich auf Facebook mehr schreibe als in den achtzig Seiten meines Buches. Ich brauche Soziale Medien, damit die Leute mein Buch finden und lesen, nicht damit sie meine Beiträge anklicken. Darum habe ich aufgeschrieben, wie ich mit meinen Nonni Tomaten trockne, sonst hätte ich auch einfach meine Ferienfotos auf Facebook stellen können und fertig.

Ich danke dir, Patric, auch für den spannenden Einblick in den Schweizer Literaturbetrieb! Und wünsche deinem Erstling „Nonno spricht“ sehr, dass er auch hierzulande Leser und Anerkennung findet.

Es geht die Mär: Die Zukunft des Buches sei elektronisch …

Nun muss ich meinem Unmut doch Luft machen. Ich kann es nicht mehr hören. Das, was ich in den letzten Jahren immer öfter und während der weltgrößten Büchershow in den vergangenen Tagen aber- und abermals zu hören bekam: Nämlich, dass die Zukunft des Buches elektronisch sei.

So ein Quatsch! Das Buch ist ein Trägermedium. Und zwar für Inhalte oder neudeutsch: für Content. Diesbezüglich stellt sich ja auch keiner mehr hin, um (je nach Standpunkt) mit Verve oder mit Wehmut zu erklären, dass deren Zukunft elektronisch sei. Ein Hinterwäldler, würden wir von ihm denken, einer der die Entwicklung komplett verschlafen hat … Haben wir uns nicht schon lange daran gewöhnt, dass die Digitalisierung in Alltag, Freizeit und Beruf fest Fuß fasste? Schließlich gehen wir seit Jahren selbstverständlich mit digitalisierten Inhalten um, sei es wenn wir Musik hören, fotografieren, uns mit Freunden und Bekannten in sozialen Netzwerken austauschen oder auf dem Rechner bzw. Smartphone Meldungen, Kommentare oder Informationen lesen.

Längst ist auch das elektronische Buch auf dem Vormarsch. Und die Buchbranche, die sich lange gegen die Entwicklungen gesträubt hat, stellt die Weichen ebenfalls neu. So mancher Verlag wagt sich auf Neuland. Sorgen muss uns auch nicht, welche Rolle die Frankfurter Buchmesse spielen wird, wenn es im großen Stil zukünftig das nicht mehr gibt, was bislang zwischen Buchdeckeln gehandelt wurde. Eine Messe für’s Non-Book? Das ist sie doch längst. Ein Think Tank für Überlegungen, wie sich Geschäfte mit dem machen lassen, was nach dem Buch kommt? Auch das wurde in Frankfurt viel diskutiert.

Fest steht jedenfalls: Nach all‘ dem Wehklagen, Lamentieren und Beharren darauf, dass keine Abkehr vom Buch stattfände, setzt sich nunmehr auch bei den Hinterwäldlern die Einsicht durch, dass die Tage für das gedruckte Buch gezählt sind. Das lässt sich beispielsweise auch eindrucksvoll an der Außenwahrnehmung ablesen, die das Frankfurter Buchspektakel heuer hatte. Sehr viel weniger Lobgesang auf Bücher, Autoren und die Buchkultur als noch in früheren Jahren, dafür umso mehr Abgesang! Wehmütig-polemisch etwa bei Sibylle Berg, martialisch bei Malte Herweg, der sich eine Guillotine besorgte, um sich seiner Bibliothek zu entledigen, oder bissig wie bei Robin Detje und seinem eBuch-Selbstversuch.

Und auf der Messe selbst? Auch dort standen die Folgen der Digitalisierung im Fokus. Ihre Berührungsängste haben Verlage inzwischen verloren. Angst macht nun nicht mehr das eBuch, sondern die Entwicklungen beim Self-Publishing, die Verlage kannibalisieren, wie Ina Fuchshuber von neobooks in Frankfurt meinte. Unverblümt sprach Messedirektor Boos in seiner Eröffnungsrede davon, dass wir es mit der größten Umbruchsphase seit Einführung der Druckerpresse, einem „Urknall im Publishing“ zu tun hätten. Fast könnte man meinen, dass sich die Buchbranche Mitte Oktober 2012 zu digitalen Ufern aufmacht. Ginge da nicht diese Mär, dass die Zukunft des Buches eine digitale sei …

auf der langen Bank … © Gesine von Prittwitz

Ich mag mir jedenfalls kein X mehr für ein U vormachen lassen. Digitaler Content ist keine Zukunftsmusik, sondern schon lange Realität! Insofern ist man gut beraten, sich diesem zuzuwenden. Auch diesbezüglich setzte Frankfurt, wenn wohl auch nicht als Trendscout, unmissverständliche Zeichen. Ob davon allerdings Zugkraft genug ausgeht, um die Versäumnisse der vergangenen Jahre wettzumachen? Die Buchbranche hatte ja nicht nur die Digitalisierung zu weiten Teilen verschlafen. Vielfach verlor sie auch einen Bezug zu Inhalten und Ehrfurcht vor jenen, die Inhalte schaffen. Statt auf die Qualität von Büchern zu achten, wurde auf Mainstream und Quantität, d.h. massenhaften Verkauf gesetzt. Lässt sich das wieder gutmachen? Mit einer Buch-Marketingkampagne des Börsenvereins, die „laut, überraschend, involvierend und aktivierend“ geplant ist, sicher nicht. Und mit lautschreierischen Aktionen, karnevalistischen Aufzügen, sensationellen Aufmachern und hippen Social Media Maßnahmen, derer Frankfurt auch voll war, ebenfalls nicht.

Steglitz fragt bei Sonya Winterberg nach (Teil 2)

„Während man den Shitstorm in kaum einem anderen Land der Erde kennt, hat er in Deutschland eine Popularität erreicht, die mich fassungslos macht.“

In diesem Beitrag erfahren wir, was Sonya Winterberg für ihr Buchmarketing tut, welche Maßnahmen erfolgreich waren, welche floppten und wie sie sich als Autorin und Journalistin im Social Web einbringt. Im ersten Teil unseres Gespräches berichtete sie über ihre Erfahrungen mit Publikumsverlagen, wie sie die Entwicklung in Richtung Self Publishing einschätzt und was sie von den aktuellen Diskussionen über die Zukunft des Buches hält.

Was hältst du von der Entwicklung, dass Autoren immer mehr für ihr Buchmarketing selbst tun (müssen)?

Ich finde das wirklich bedauerlich. Eigentlich sollte jeder Verlag ja auch ein Interesse an der Vermarktung eines Buches haben und gemeinsam mit dem Autoren überlegen, wie er es am besten verkauft. Stattdessen muss man schon froh sein, wenn der Verlag Geld für eine Buchpremiere in die Hand nimmt und eine Pressemitteilung in Umlauf bringt. Ich kann verstehen, dass Etats für Werbung und Marketing immer geringer werden. Zugleich glaube ich, dass es für jedes Buch auch individuelle Wege gibt, ihm kostengünstig zu Aufmerksamkeit zu verhelfen. Doch das geht eben nicht mit dem Gießkannenprinzip, mit ein paar Plakaten hier und einer Anzeige dort. Ich würde zu gerne einmal ein halbes Jahr einem Verlag Ideen liefern, wie er sein Programm individuell und ohne erhebliche Mehrkosten besser platziert bekommt.

Trifft das auch auf dich als Autorin eines renommierten Publikumsverlages zu?

Leider mehr als die meisten vermuten. Es ist inzwischen gang und gäbe, dass der Verlag schon bei Vertragsabschluss deutlich macht, dass man sich dort über die Buchpremiere und den Versand von Rezensionsexemplaren hinaus nicht in der Lage sieht, das Buch zu vermarkten. „Da sind Sie dann auf sich gestellt“, sagte mir neulich die Programmleiterin eines etablierten Verlagshauses. Ich bin in solchen Situationen oft sprachlos. Beide Seiten, Autor und Verlag, haben doch ein Interesse an guten Verkaufszahlen.

Was unternimmst du für dein Buchmarketing selbst?

Momentan bin ich auf der Suche nach buch- bzw. projektunabhängiger Unterstützung, also jemandem, den man in den USA „Publicist“ nennen würde. Quasi ein Vermarkter, der Lesereisen organisiert und geeignete Wege beschreitet, die Themen zu denen ich arbeite, bekannt zu machen. Ich glaube, dass das auch viel mit dem Aufbau von längerfristigen Beziehungen zu tun hat – zu Redaktionen, Veranstaltern, Sendern usw. Alleine schaffe ich das kaum, da ich ja auch noch meine Arbeit mit Zeitzeugen, in den Archiven und Recherchereisen im In- und Ausland organisieren muss.

Und speziell für dein aktuelles Buch „Wir sind die Wolfskinder“?

Für das Wolfskinderbuch habe ich gemeinsam mit meiner Kollegin, der Fotografin Claudia Heinermann, eine Internetseite „Wir sind die Wolfskinder“ eingerichtet, die Material bereitstellt, die über das Buch hinausgehen.

Welche deiner Aktivitäten kamen besonders gut an, welche floppten?

Sonya Winterberg © Gina Gurgul

Grundsätzlich ist die Präsenz in den Medien das A und O. Interviews im Radio und Fernsehen sind ohne Frage hilfreich. Aber eben auch nicht um jeden Preis. Ich habe es zum Beispiel bereut, mit einer Zeitzeugin in einer Fernsehsendung gewesen zu sein, in der man, wie ich fand, ihrer Geschichte nicht wirklich gerecht wurde. Vielleicht auch gar nicht gerecht werden konnte. Traumatische Kriegserlebnisse zwischen zwei Promis in vierzehn Minuten erzählen und dann auch noch ein Happy Ending produzieren zu müssen, das mit seichtem Jazz auszuklingen hat, ist für mich befremdlich.

Unterstützt dich dein Verlag bei deinen Aktivitäten?

In der klassischen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit auf Nachfrage ja. Aber weil die Wolfskinder zum Beispiel ein historisches Thema behandeln, wird automatisch auf ein älteres Publikum gezielt, das neue Medien vermeintlich nicht nutzt. Nicht einmal die Fernsehtermine wurden auf Twitter und Facebook bekannt gegeben. Ich käme mir da als Bittstellerin vor, wenn ich das jedes Mal einfordern würde. Wie gesagt, es liegt ja eigentlich auch im Interesse des Verlages, den Verkauf anzukurbeln. Beim Verkauf der Wolfskinder zum Beispiel ist der Verlag zufrieden, während ich denke, dass da noch einiges mehr möglich gewesen wäre.

Meinst du, dass Autoren heutzutage im Social Web präsent sein müssen?

Ich denke nicht, dass sie es müssen, aber es hilft, wenn man es schafft, seine eigene „Marke“ zu etablieren. Selbst bin ich da auch noch am Ausprobieren. Ich merke, dass ich Schwierigkeiten habe, meine beruflichen und privaten Kontakte strikt zu trennen. Denn nicht alles, was ich privat meinen Freunden auf Facebook mitteile, möchte ich auch öffentlich machen. Zum Beispiel, was meine Kinder angeht. Die haben ein Recht auf ein geschütztes Privatleben und wollen nicht das, was wir als Familie erleben, in die Öffentlichkeit getragen wissen, auch wenn es häufig mit meiner Arbeit zu tun hat.

Was hält dich persönlich davon ab, das Social Web stärker für dein Buchmarketing zu nutzen?

Im Wesentlichen ist es eine Zeitfrage. Beim Schreiben habe ich in der Vergangenheit die sozialen Netzwerke als virtuellen Pausenraum genutzt. Arbeit braucht, finde ich, Kollegen. Als Autorin habe ich die natürlich meistens nicht präsent und da ist es schön, bei einem Kaffee vor dem Bildschirm sich kurz mit Kollegen austauschen zu können. Neben der Arbeit, dem Recherchieren und Schreiben, das häufig mehr als vierzig Stunden die Woche ausmacht, eher sechzig, habe ich eine Familie und zwei Kinder. Der Tag hat 24 Stunden und ich kann bei weitem nicht alles machen, was ich gerne machen würde.

Warum bist du nicht auf Plattformen wie Facebook oder Google+ zu finden?

Privat bin ich auf Facebook. Google+ war mir eins zu viel. Ansonsten hatte ich mich bislang nicht für „wichtig“ genug gehalten, dass ich zum Beispiel ein Autorenprofil angelegt hätte. Erst als mir neulich der Verlag die Anfrage eines Wikipedia-Autoren weiterleitete, der einen Eintrag über mich schreiben wollte, dachte ich daran, dass es vielleicht wirklich an der Zeit ist. Ich fände es einfach peinlich, eine Seite zu haben, die dann vielleicht nur von zehn Leuten gut gefunden wird. Dann lieber keine, oder?

Beruflich findet man mich auf Xing und LinkedIn. Seit neuestem bin ich auch bei Klout angemeldet, einem elektronischen Dienst zur Messung der Online-Reputation.

Bei Twitter bist du allerdings bereits seit Dezember 2008 aktiv …

Anfangs war ich dort privat, sogar mit einem geschützten Account, angemeldet. Ich bin zu Beginn immer eher ein „Lurker“, eine Beobachterin und schaue mir zunächst einmal in Ruhe an, wie ein neues Medium, eine neue Plattform funktioniert und was sie bringt. Journalistisch schätze ich an Twitter die Unmittelbarkeit, Ereignisse schnell zu veröffentlichen. Gerade in Krisengebieten hat es sich als Medium der Wahl bewährt, um kurze, aktuelle Meldungen abzusetzen, die Agenturen häufig erst Stunden später auf dem Ticker haben. Ich lese also weit mehr als ich selbst twittere. Darüber hinaus schätze ich die ungefilterte Meinungs- und Kulturvielfalt, die Vielsprachigkeit, in der Twitter funktioniert.

Du hast kürzlich auch im Rahmen einer Rotation Curation für @wearedresden getwittert …

Ja, genau. Das Konzept eines offiziellen Accounts für eine Stadt oder ein Land, das in einem rotierenden Verfahren unterschiedliche Menschen zu Wort kommen lässt, ist für mich tatsächlich eine qualitative Weiterentwicklung sozialer Netzwerke mit dem ausdrücklichen Ziel, Vielfalt sichtbar zu machen. Ich kann mir vorstellen, dass sich diese Idee auch für den Buchmarkt oder ausgewählte Themen nutzen ließe.

Warum nutzt du für Twitter ein Pseudonym?

Anfangs war ich mit meinem vollen Namen angemeldet. Was dazu führte, dass bei Suchmaschinen nicht mehr unbedingt meine Arbeit im Ranking vorn lag, sondern Tweets, die eher widerspiegelten, was ich gerade las oder welche aktuellen Ereignisse mich beschäftigten. Das störte mich. Jetzt fahre ich ganz gut mit @experimentdays und dem dazugehörigen Profil.

Worauf achtest du bei deiner Kommunikation via Twitter besonders?

Twittern ist eine Kommunikationsform im öffentlichen Raum, das heißt, ich verhalte mich so, wie ich es sonst auch mache, wenn andere Menschen zuhören. Ich äußere also durchaus meine persönliche Meinung, werde aber nicht zu privat und reagiere nicht so impulsiv wie vielleicht im Freundeskreis.

Siehst du zukünftig vor, dich stärker noch im Social Web zu engagieren?

Ich denke, wir stehen da noch ganz am Anfang. Der Hype, bevor Facebook an die Börse ging, und der nachfolgende rapide Verfall der Aktie zeigt meines Erachtens, dass es wie einst mit der New Economy noch lange nicht sicher ist, was bleiben wird. Ich will auch künftig nicht zu viel Zeit auf die Form verwenden, sondern vor allem inhaltlich arbeiten. Von daher glaube ich nicht, dass ich mich unbedingt stärker einbringen werde, aber vielleicht gezielter.

Was sollte man als Autor/in im Social Web unterlassen?

Da hat sicher jeder seine eigenen Prioritäten. Ich finde ja schon, dass man gelegentlich hitzig diskutieren oder auch provozieren darf. Leider führt das in Deutschland häufig zu ätzender Besserwisserei. Während man den Shitstorm in kaum einem anderen Land der Erde kennt, hat er in Deutschland eine Popularität erreicht, die mich fassungslos macht.

Wo verortest du Risiken?

Für Autoren, die zeitgeschichtlich oder politisch arbeiten, ist auch immer die Frage, wie öffentlich sie ihre Werte und politischen Ansichten machen, wenn sie weiterhin international reisen und arbeiten wollen. Mir selbst ist es bei der Einreise in die USA wiederholt so gegangen, dass ich diesbezüglich eingehend befragt wurde. Bei der Einreise nach Israel musste ich Beamten schon Zugang zu Google Mail und Facebook geben.

Vielleicht hat es mit den Themen zu tun, die mich beschäftigen, oder aber den historischen Erfahrungen meiner Familie. Die Informations- und Meinungsfreiheit, die uns das Internet bietet und die wir in Europa genießen, gilt es zu bewahren. Sie ist keineswegs selbstverständlich.

Danke, Sonya, für das interessante Gespräch mit einem gewichtigen Schlusswort.

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Wer mehr über Sonya Winterberg erfahren möchte, findet die Autorin hier im Netz:

http://sonyawinterberg.wordpress.com/

https://twitter.com/experimentdays

http://wolfskinder.fotoportfolios.com/

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Vorschläge, wer in der losen Interview-Reihe “Steglitz fragt … bei Autoren nach” auch zu Wort kommen könnte, nehme ich gerne entgegen. Mich interessiert: Wie gehen Autoren mit den Entwicklungen infolge der Digitalisierung um? Welche neuen Wege nutzen sie, wo sehen sie Chancen und Risiken?

Demnächst steht hier Ruprecht Frieling aka Prinz Rupi Rede und Antwort.