„Das System an sich war nicht verhandelbar.“ – Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Entwicklung des DDR-Buchhandels und dessen Strukturwandel infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Nachdem uns Maritta Tanzer, Heike Wenige und Holger Brandstädt einiges haben wissen lassen, teilt nun Simone Zopf ihre Erinnerungen. Sie kam 1981 als Lehrling zum volkseigenen Buchhandel und blieb dem Beruf über 30 Jahre treu. – Zum vorangegangenen Gespräch geht es hier.

Du hast deine Jahre bei „Das Gute Buch“ in Halle als „bleierne Zeit“ bezeichnet. Magst du das etwas näher ausführen?

Schwer zu beschreiben. Ich war jung, dynamisch, sehr interessiert. Die DDR, die Buchhandlung, das Leben allgemein war geprägt von Tristesse, Mangel, Verfall. Einerseits verfallende Städte, Umweltverschmutzung, Mangelwirtschaft – andererseits die offizielle Linie mit Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik, die allseits gebildete sozialistische Persönlichkeit, der „Klassenfeind“ etc. etc. Und dazwischen wir, die einfach nur jung waren und ihr Leben leben wollten, Bücher, Familie, Freunde, Urlaub, Party.

Die Stagnation dieser Zeit war völlig konträr zu meinen Vorstellungen von Leben und Arbeiten. Ich stand mit 18 Jahren als fertige Buchhändlerin in der Buchhandlung und hasste die Vorstellung, 45 Jahre so arbeiten zu müssen. Um mich dem täglichen Einerlei und der Langeweile zu entziehen, habe ich praktisch alles gemacht, was sich mir bot, um meine Zeit sinnvoll zu nutzen. So beispielsweise an der Telefonzentrale der Bezirksleitung, Arbeitszeitnachweise geführt, Posteingänge bearbeitet und einmal für drei Wochen als delegierte Aushilfe der Buchhandlung (sogenannte sozialistische Hilfe) in einem Betrieb für die Herstellung von Kohleanzünder gearbeitet. Das war ganz besonders interessant! Und anstrengend! Direkt in der Produktion mit ganz normalen, wirklich hart arbeitenden Menschen! Das war sozialistischer Realismus pur. Kannte ich sonst nur aus Büchern. Da waren die kulturpolitischen Aufgaben ganz weit weg. Dort habe ich etwas fürs Leben gelernt.

Aufgrund deiner Parteilosigkeit hat dein Betrieb dein Ziel vereitelt, ein Direktstudium an der „Fachschule für Bibliothekare und Buchhändler Erich Weinert“ in Leipzig aufzunehmen. Wie bist du mit dieser Entscheidung umgegangen?

Ich stand der Entscheidung der Kaderleitung machtlos gegenüber. Die Möglichkeit, zu kündigen und einfach zum Studium zu gehen, bestand nicht. Meine nächste Alternative, als Kulturbeauftragte zur Trasse in die Sowjetunion zu gehen, scheiterte ebenfalls genau an diesen Mechanismen. Das System an sich war nicht verhandelbar. – Glücklicherweise bin ich dann aus persönlichen Gründen nach Erfurt umgezogen und fand im Antiquariat des Volksbuchhandels meine Nische unter Gleichgesinnten. Und zum Glück kam dann 1989 die Wende.

Idealerweise waren leitende Stellen mit SED-Mitgliedern besetzt. Wie präsent war die Partei in deinem Betrieb?

Präsent. Einerseits haben wir uns immer beobachtet und kontrolliert gefühlt, andererseits haben wir als Buchhändler auch Tag für Tag unsere ganz normale Arbeit gemacht, waren Kollegen, hatten Spaß, haben gelesen. Normal eben. Schwer zu beschreiben.

Wie sah eure Zusammenarbeit mit der Bezirksdirektion des Volksbuchhandels aus, die ja im gleichen Gebäude untergebracht war wie „Das Gute Buch“?

Wir waren ja eine Bezirksstadt, standen als größte Buchhandlung  im besonderen Fokus der Bezirksleitung, allein schon aus der räumlichen Nähe. Im Großen und Ganzen haben wir versucht, Begegnungen aus dem Weg zu gehen

Antiquariate waren bei DDR-Bürgern beliebt, weil es dort vielfach mehr zu entdecken gab als in den herkömmlichen Buchläden. In Erfurt warst du ab 1988 im dortigen „Antiquariat des Volksbuchhandels“ beschäftigt. Was war hier anders als in Halle bei „Das Gute Buch“?

das Team im Antiquariat um 1992 © privat

das Team im Antiquariat um 1992 © privat

Wir waren Gleichgesinnte. Wir haben offen und ehrlich geredet, ohne Angst vor Partei und Staatssicherheit. Das war schon etwas Besonderes. Das Antiquariat bot uns einen geschützten Raum. Die äußeren politischen Umstände waren deshalb zwar nicht anders, sie ließen sich hier aber besser ausblenden. Diese Gemeinschaft war stärkend.

Der Umgang mit dem Buch und den Kunden war ein anderer. Wir haben täglich im Laden, in Privatwohnungen und auch ganze Bibliotheken angekauft, d.h. wir wussten nie, was es am nächsten Tag Neues gibt. Und die Kunden auch nicht. Das war jeden Tag eine Überraschung und ein bisschen wie Weihnachten. Meiner Vorstellung von einem guten Buchhändler, geprägt von Kundenservice, Offenheit, Toleranz und Rücksichtnahme, kam die tägliche Arbeit im Antiquariat so viel näher. Diese besondere Situation kenne ich auch von anderen Antiquariaten des Volksbuchhandels. Das waren Oasen für Buchhändler.

Kannst du bestätigen, dass die Antiquariate des Volksbuchhandels beschlagnahmte Bibliotheken, etwa von Republikflüchtigen, aufgekauft haben?

Ja, das kann ich für Erfurt. Beispielsweise konkret der Fall eines junges Mannes, der die DDR unerlaubt Richtung BRD verlassen hatte und dessen Besitz durch die Staatlichen Organe der DDR beschlagnahmt und veräußert wurde. Die Bücher bekamen wir zur Bewertung und in den Bestand. Die Mutter des jungen Mannes kam zu uns ins Antiquariat und bat um einige Bücher aus dem Bestand des Sohnes, bevor wir die Titel in den Laden stellen. Selbstverständlich gewährten wir ihr dies. Allerdings waren wir als staatliches Antiquariat verpflichtet, uns die Bücher bezahlen zu lassen.

Das Buch war zu DDR-Zeiten nicht nur eine begehrte Ware, sondern auch ein beliebtes Tauschobjekt. Hat das auch das Image des Buchhändlers beeinflusst?

Allerdings. Buchhändler war ein angesehener Beruf. Jemanden in einer Buchhandlung zu kennen, konnte von Vorteil sein. Deshalb kenne ich Buchhändler, die beim Kennenlernen neuer Leute andere Berufe angegeben haben, um nicht plötzlich viele neue „Freunde“ zu haben und ausgenutzt zu werden. Ich gab mich bisweilen als Zahnarzthelferin aus, bis mal jemand meine Meinung zu seinem Zahnstatus haben wollte.

Woran erinnerst du dich besonders in dieser Phase zwischen 1988 – 1989?

Das Publikum im Antiquariat war sehr anders als im ´normalen´ Buchhandel. Viele Sammler, Sucher, liebenswerte Spinner, Freaks, schräge Leute mit ganz speziellem Wissen und Können. Die Mischung der Leute und die allgemeine politische Luftveränderung führten zu interessanten Gesprächen. Manchmal fast wie in einer Parallelwelt. Oder wie in einem Roman. Ja, manchmal kommt es mir so vor, als wären wir damals alle Romanfiguren gewesen.

Hat dich die Wende überrascht?

Im Grunde ja. Oder auch nicht. Das etwas passiert, war klar. Aber wie, wo, in welchem Tempo und mit welchen Konsequenzen, war mir zu diesem Zeitpunkt nicht klar.

Über deine Erfahrungen nach dem Mauerfall sprechen wir in der kommenden Woche.

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Nach dem Abschluss der Polytechnischen Oberschule (POS) absolvierte Simone Zopf (geb. 1965) zwischen 1981 und 1983 ihre buchhändlerische Lehre in Halle/Saale bei „Das Gute Buch“, der größten Volksbuchhandelsfiliale im Bezirk Halle. Nach der Übernahme durch ihren Ausbildungsbetrieb war sie dort für die Sortimente Fachbuch und Gesellschaftswissenschaften zuständig. Umzug nach Erfurt, wo sie ab 1988 im „Antiquariat des Volksbuchhandels“ tätig war. Die Leiterin des Antiquariats, das damals fünf Mitarbeiter hatte, wagte nach der Wende den Schritt in die Selbstständigkeit.

1992 kam Simone Zopf zu „Peterknecht“. Dort war sie 20 Jahre lang beschäftigt; zunächst für das Fachbuch verantwortlich, in späteren Jahren dann für Belletristik und als 1. Sortimenterin. Im Sommer 2012 holte ein junger Berufskollege die erfahrene Buchhändlerin in seine Buchhandlung „Die Eule“ nach Weimar. Nach 30 Berufsjahren brauchte Simone Zopf dann frischen Wind; nach ersten Erfahrungen als Verlagsvertreterin in 2015 möchte sie zukünftig hier anknüpfen.

Zum ersten Teil des Gespräches geht es hier

„Entweder es gab das Buch – oder eben nicht.“ – Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Entwicklung des DDR-Buchhandels und dessen Strukturwandel infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Nachdem uns Maritta Tanzer, Heike Wenige und Holger Brandstädt einiges haben wissen lassen, teilt nun Simone Zopf ihre Erinnerungen. Sie kam 1981 als Lehrling zum volkseigenen Buchhandel und blieb dem Beruf über 30 Jahre treu. – Zum ersten Teil unseres Gesprächs geht es hier.

Nach der Lehrzeit wurdest du von „Das Gute Buch“ in Halle übernommen. War das dein Wunschbetrieb?

Nein. Am allerliebsten hätte ich schon damals im Antiquariat gearbeitet. Das Antiquariat Halle, unter der Leitung des sehr geschätzten Kollegen Herrn Wolff, war eine (gefühlte) Insel inmitten des real existierenden sozialistischen Buchhandels. Die alten Bücher und der schöne, alte Laden versprachen große Freiheit.

Als junge Buchhändlerin warst du für die Sortimente Fachbuch und Gesellschaftswissenschaften, und damit auch für die Parteiliteratur, zuständig. Waren solche Titel in den späten 1980er überhaupt noch gängig?

Simone Zopf © privat

Simone Zopf © privat

Was heißt gängig? Die waren einfach da. Die Parteiliteratur war für alle verpflichtend, die in der Partei oder parteinah waren. Sie wurde für das sogenannte Parteilehrjahr gebraucht. Auch Studenten mussten für diese Bücher ihr Geld ausgeben. Zum Beispiel: „ Bericht des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands an den X. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Berichterstatter Erich Honecker“. Davon wurden tausende Exemplare verkauft. Aber auch gelesen??

Manches in diesem Segment haben wir unter uns auch umgedichtet. Aus Friedrich Engels „ Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ wurde „Der Affe auf dem Weg zur Arbeit“. Erich Honecker Biografie „ Mein Leben“ hieß unter Buchhändlern auch schon mal „ Aus dem Leben eines Taugenichts“. – So ganz ernst genommen haben wir das alles nicht.

Obschon es immer schwieriger wurde, ideologische Traktate an den Mann und die Frau zu bringen, war Planerfüllung wichtig. Wie seid Ihr verfahren, wenn absehbar war, dass der Umsatz von Parteiliteratur nicht stimmte?

Nichts. Wie auch? Aktiv verkaufen war nicht. Vielleicht im Kundengespräch: „Ach übrigens gibt es jetzt so ´ne neue Broschüre zum Parteitag, tolles Vorwort und gute Argumente“. Nee, das hat niemand gemacht und niemand gewollt. Am Ende war es ja auch egal, ob der Umsatz gestimmt hat, oder nicht. Ging ja trotzdem weiter. Naja, zumindest bis 1989.

Welche Titel waren während deiner Zeit besonders schwer zu beschaffen und welche lagerten wie Blei?

Interessante Fragestellung. Weil: „schwer zu beschaffen“ impliziert ja, dass es möglich war, Titel zu besorgen. Abgesehen von einigen Fachbüchern war aber nichts zu beschaffen. Entweder es gab das Buch – oder eben nicht. Das, was es gab, wollte keiner und das, was die Kunden wirklich wollten, gab es nicht.

Bückware. Gingen in eurem Betrieb auch Bücher unter der Ladentheke weg? Erinnerst du dich noch daran, was besonders begehrt war?

Wo soll ich anfangen, wo aufhören? Immer Mangelware: Autoatlanten (es gab nur zwei: einen großen, einen kleinen), Gartenbücher, Bildbände (Edition Leipzig, Seemann), Belletristik westdeutscher Autoren, kritische ostdeutsche Autoren, Bilderbücher, Lexika, Wörterbücher, Reiseliteratur etc. etc. Es gab in der Buchhandlung einen sogenannten „Giftschrank“, in dem Exemplare der besonderen Art, weil selten und somit tauschbare (!) lagerten. Über diese verfügten die Abteilungsleiter/Buchhandelsleiter.

Wie haben die Kunden reagiert, wenn Wunschlektüre partout nicht lieferbar war?

Fatalistisch. Die Kunden kannten es nicht anders. Bitter, aber wahr. Dafür war die Freude umso größer und wirklich echt, wenn sie dann tatsächlich einmal ein Buch in die Hände bekamen, das sie schon so lange haben wollten. Dafür haben wir Buchhändler auch schon mal gesorgt. Viele Kunden kamen täglich, um nach dem gewünschten Buch nachzufragen. Oft gab es eben nur 1 – 3 Exemplare für die Buchhandlung. Und so war das Buch eben „durch“, d.h. vergriffen, wenn der Kunde dann am nächsten Tag kam. Da wir unsere Kunden gut kannten, haben wir bisweilen (unerlaubt) das Buch auf einen fiktiven Namen ins Abholfach gestellt und es dem Kunden dann gegeben. – Jetzt, wo ich darüber nachdenke, erscheint mir dieses Leben und dieses Arbeiten kaum mehr vorstellbar.

Wie lief das mit den Vorbestellungen?

Im „Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel“ gab es die Beilage „Vorankündigungsdienst für den Buchhandel“ (VD). Dieser enthielt die Anzeigen der Erst- und Nachauflagen sechs Wochen vor dem Erscheinungstermin der Titel. Das war praktisch das einzige Arbeitsmittel für Titelneuankündigungen und auch die einzige Informationsquelle für die Kunden. Wir haben ca. 20 Titel ausgewählt und an ein Brett gehangen.

Diese Titel konnten die Kunden dann tatsächlich bestellen. Bestellen hieß hier allerdings auch noch nicht bekommen. Bei reinen Fachbüchern war es vergleichsweise einfacher mit der Bestellung, hier war auch mal eine Nachbestellung möglich.

Zu den wirklich begehrten Büchern wie Autoatlanten, Garten- oder Eisenbahnbüchern gab es, wenn sie denn im VD angezeigt wurden, manchmal eine Vormerkerliste. Das funktionierte dann beispielsweise so: auf die Liste konnten ca. 30 bis 50 Kunden eingetragen werden. Das war noch keine Bestellung mit Anspruch auf Erhalt. Die Kunden wussten das, waren aber froh, schon einmal auf einer Liste zu stehen. Die Buchhandlung konnte die Titel nach Anzeige im VD bei LKG ordern. Die Bestellzahlen allerdings waren utopisch. Es wurden 1000 Exemplare bestellt. Davon wurden vielleicht 60 in die Buchhandlung geliefert. Von diesen kamen 10 in den „Giftschrank“, 20 waren für Kollegen, ebenso viele für die die ersten 20 Kunden auf der Liste und der Rest war für den Freiverkauf im Laden bestimmt, wenn es gut lief.

Dieses absurde Bestellverhalten führte dazu, dass eines schönen und wundersamen Tages von 999 bestellten Kochbüchern doch tatsächlich, warum auch immer, eine große Palette mit circa 600 Exemplaren in der Buchhandlung eintraf. Das Erstaunen und die Freude für uns und die Kunden war groß. So hatten wir doch mal einen Nachmittag und auch noch am folgenden Vormittag ein sehr begehrtes Kochbuch tatsächlich vorrätig.

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Nach dem Abschluss der Polytechnischen Oberschule (POS) absolvierte Simone Zopf (geb. 1965) zwischen 1981 und 1983 ihre buchhändlerische Lehre in Halle/Saale bei „Das Gute Buch“, der größten Volksbuchhandelsfiliale im Bezirk Halle. Nach der Übernahme durch ihren Ausbildungsbetrieb war sie dort für die Sortimente Fachbuch und Gesellschaftswissenschaften zuständig. Umzug nach Erfurt, wo sie ab 1988 im „Antiquariat des Volksbuchhandels“ tätig war. Die Leiterin des Antiquariats, das damals fünf Mitarbeiter hatte, wagte nach der Wende den Schritt in die Selbstständigkeit.

1992 kam Simone Zopf zu „Peterknecht“. Dort war sie 20 Jahre lang beschäftigt; zunächst für das Fachbuch verantwortlich, in späteren Jahren dann für Belletristik und als 1. Sortimenterin. Im Sommer 2012 holte ein junger Berufskollege die erfahrene Buchhändlerin in seine Buchhandlung „Die Eule“ nach Weimar. Nach 30 Berufsjahren brauchte Simone Zopf dann frischen Wind; nach ersten Erfahrungen als Verlagsvertreterin in 2015 möchte sie zukünftig hier anknüpfen.

„Wir Buchhändler haben im Grunde mit viel Aufwand den Mangel verwaltet.“ – Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Entwicklung des DDR-Buchhandels und dessen Strukturwandel infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Nachdem uns Maritta Tanzer, Heike Wenige und Holger Brandstädt einiges haben wissen lassen, teilt nun Simone Zopf ihre Erinnerungen. Sie kam 1981 als Lehrling zum volkseigenen Buchhandel und blieb dem Beruf über 30 Jahre treu.

Warum hast du dich für den Beruf des Buchhändlers entschieden?

Ich konnte lesen – das war schon einmal ein guter Anfang. Buchhändler war der einzige Beruf, den ich wirklich lernen wollte. Die Vorstellung der großen, offenen, vielfältigen Welt der Bücher und Schriftsteller hat mich fasziniert. In der Schule war ich eine der wenigen, die Literaturunterricht spannend fanden, fast ein Exot in meiner Klasse und so hoffte ich, in der Berufsausbildung Gleichgesinnte zu finden, denen Bücher so viel bedeuteten wie mir. An der Berufsschule für Buchhändler in Leipzig und auch in der Buchhandlung in Halle habe ich genau dies in einigen (wenigen) Lehrern, Kollegen und Mitschülern gefunden. Wir haben sehr viel gelesen, mit und für Bücher gelebt und diese wertgeschätzt.

Die Verlage und der Buchhandel gehörten zum kulturellen Bereich in der DDR, so wie Film, Theater, Kunst, Bibliotheken und Museen.

Selbstverständlich war es in der DDR nicht, dass man seinen Wunschberuf ergreifen konnte …

Nein, das war es nicht. Für meinen Jahrgang war genau eine Ausbildungsstelle als Buchhändler im zentral herausgegebenen Lehrstellenverzeichnis der Stadt Halle verzeichnet. Jeder Schüler erhielt in der 9. Klasse eine einzige Bewerberkarte und nur mit dieser konnte man sich auf genau eine Stelle bewerben.

War dir bewusst, dass dem Buchhandel eine erzieherische Funktion zugedacht war und er dementsprechend auch in der Pflicht stand, politisch genehme „Schwerpunkttitel“ zu vertreiben?

Nein, in diesem frühen Stadium nicht. Allerdings haben wir davon in unserer Ausbildung schnell und umfassend erfahren. Aber verinnerlicht? Eher nicht. Es gab in der DDR ein „Lehrbuch für Buchhändler“. Daraus konnte ich lernen, zum Beispiel dass „Die Triebkraft im kapitalistischen Verlagswesen und Buchhandel ist das Streben nach Profit“ während „In der sozialistischen Gesellschaf (es) Aufgabe des Verlagswesens und Buchhandels (ist), zur immer besseren Befriedigung der ständig wachsenden materiellen und kulturellen Bedürfnisse der Bevölkerung beizutragen“. Worthülsen angesichts der Realität in der DDR und der Arbeitswirklichkeit in den Buchhandlungen.

Wie sah denn die Wirklichkeit in der Buchhandlung aus?

LKG Umfrage Ende 1960er Jahre (1)

LKG Umfrage Ende 1960er Jahre (1)

Die Buchhandlung war alt, schlecht zu heizen, durch Umbauten im sozialistischen Stil verhunzt, z.B. Kassenhäuschen mit Glasscheibe wie in der Kaufhalle. Die Kunden durften nur mit einem am Eingang bereitstehendem Korb durch den Laden gehen (Anzahl limitiert), mussten die Bücher kaufen, die halt gerade da waren und dann die gekauften Bücher selbst einpacken (wenn Papier da war). Kundenservice Fehlanzeige. Tatsächlich war der Kunde nicht willkommen. Das war DDR Alltag.

Auf ungefähr 400 qm Verkaufsfläche kamen 40 Mitarbeiter (Laden, Büro, Hauptkasse, Hausmeister, Wareneingang, Abholfach, Parteileitung, Buchhandelsleiter….) Viele Mitarbeiter und doch wurde nicht genug gearbeitet. Und wir als Buchhändler haben im Grunde mit viel Aufwand den Mangel verwaltet.

Wie schätzt du deine Lehrzeit bei „Das Gute Buch“ im Rückblick ein?

Anfangs eröffnete sich mir tatsächlich eine neue, weite Welt. Ich lernte noch einige Kollegen aus der alten Buchhandelszeit kennen, vielleicht kann ich sie als bürgerlich bezeichnen, die waren irgendwie anders, nicht politisch durchdrungen, normal eben. Im Unterschied zu den jüngeren, politisch gebundenen Kollegen, die selbst schon die Stufen der politischen Erziehung durchlaufen hatten. Dazu kamen wir – Lehrlinge und sogenannte Jungfacharbeiter. Wir waren doch sehr anders (meinten wir jedenfalls damals) und haben versucht in diesen, für uns antiquierten Strukturen neue Wege zu finden. Aber vieles war so eng, so begrenzt, so unbeweglich. Andererseits waren wir irgendwie ganz normale Kollegen, haben gelacht, gestritten, gefeiert und ein bisschen gearbeitet 🙂

Gab es etwas, was dich als Lehrling besonders „genervt“ hat?

Die Arbeitszeit von 8,45 Stunden plus Pausen war in 2 Schichten eingeteilt. 7:00 Uhr bis 16:30 Uhr oder 9:00 Uhr bis 18:00 Uhr. Früh 7 Uhr (!) wurde mit Staubtuch, Wasser und Lappen alles durchgeputzt. Jeden Tag. Alle Regale. Im Alter von 16/17 Jahren empfand ich das als ziemlich sinnlos. Das ganze Land war dreckig und ich sollte um 7 Uhr morgens dagegen ankämpfen…

So habe ich sehr gern und oft meinen Dienst gegen die Spätschicht getauscht, oder einfach länger geschlafen. Natürlich gab es dann auch Ärger, aber who cares, niemand konnte entlassen werden in der DDR. Immerhin habe ich so meinen Ausbildern eine gute Gelegenheit verschafft, an mir im Sinne des Sozialismus erzieherisch tätig zu werden….

Wie bewertest du den theoretischen Unterricht an der Leipziger „Berufsschule für Buchhändler“ aus heutiger Sicht?

LKG Umfrage Ende 1960er Jahre (2)

LKG Umfrage Ende 1960er Jahre (2)

Das war eine inhaltlich sehr gute, fundierte, umfangreiche Ausbildung. Sehr besonders waren die Fächer „Literaturkunde“ und „Wissenschaft und Technik“. In Literatur wurden uns sehr gründlich Literaturkenntnisse aller Epochen vermittelt. Hauptaugenmerk lag allerdings auch hier auf der sozialistisch geprägten Literatur: sozialistischer Realismus, Bitterfelder Weg, Sowjetliteratur oder den bürgerlichen Schriftstellern, die ins ideologische Bild der DDR passten bzw. passend gemacht wurden wie zum Beispiel Arnold Zweig.

Das Fach „Wissenschaft und Technik“ unterrichtete eine sehr kluge, für uns allwissende Lehrerin. Hier ging es nur um Fakten. Basiswissen aus wirklich allen Fachgebieten. Medizin, Technik, Bergbau, Sprachen, Philosophie, Pädagogik, Chemie… Die ganze Bandbreite des Sortiments und das ganze praktisch unpolitisch. Eine Oase in der Ausbildungszeit. Die Tiefe und Breite dieses Unterrichts war genau die Art von Horizonterweiterung, die ich brauchte. Je mehr ich hörte, desto mehr wollte ich wissen und lesen und diskutieren und dabei sein. – Im Laufe des Buchhändlerjahre kam dann allerdings die Erkenntnis: Das Wissen eines Buchhändlers ist Fußballfeld groß, aber nur Spatentief. 😉

Welchen Anteil hatte die Staatsbürgerkunde im Rahmen deiner Ausbildung?

Kannten wir alles schon aus vier Schuljahren an der POS. Da war Staatsbürgerkunde auch schon langweilig. Es gab kein Entrinnen. Allerdings versuchten wir im Unterricht immer zu diskutieren. Die Klassenstruktur war recht durchmischt, kirchlich Gebundene, politisch Korrekte, Suchende, Zweifelnde und Gleichgültige, denen eine politisch linientreue Staatsbürgerkundelehrerin gegenüberstand. Die Diskussionen hörten an der Schultüre nicht auf. Hier prallten Welten aufeinander. Aber es war spannend.

Worauf wurde während deiner Ausbildung besonders großen Wert gelegt?

Die Ausbildung allgemein war schon darauf angelegt, aus uns nützliche Glieder der Gesellschaft zu schmieden. Egal, was gearbeitet wurde – Bücher verkaufen, Straßenbahn fahren, Häuser bauen – das waren offiziell nicht einfach nur Tätigkeiten, nein, alles wurde politisch überhöht und sollte immer ein Kampf für Frieden und Sozialismus sein. Ich hatte aber auch das Glück, noch auf einige ältere, erfahrene Buchhändler zu treffen, die mir weitab vom Politischen noch etwas vom ursprünglichem Beruf des Buchhändlers lehren konnten: Wissen, Zuhören, Belesenheit, Klugheit, Umgang mit Menschen, Integrität.

Schlussendlich haben wir unsere Arbeit getan. Die große Aufgabe – Sozialismus bla, bla – hat uns in der täglichen Arbeit nicht interessiert.

Was war während deiner Lehrzeit Pflichtlektüre?

Zwischen ungeliebten Ladenhütern (hohe Auflagen, praktisch immer in der Buchhandlung verfügbar) – Willi Bredel, Hans Marchwitza, Erik Neutsch – und begehrten Büchern (kleine Auflage, selten zu haben) – de Bruyn, Cibulka, Fritz Erpenbeck, Christa Wolf, Christoph Hein, Heiner Müller – gab es die breite Masse an Titeln, die so schlecht nicht war und in Ermangelung besserer Bücher gekauft wurde. Zwischen all diesen Titeln lag auch unsere Pflichtlektüre. Sehr viel Wert wurde auf Buchbesprechungen gelegt. Die haben wir sehr oft geschrieben. Manchmal nicht gern …

Spielten die „Ordnung für den Literaturbetrieb“ und das „Statut für den Volksbuchhändler“ noch eine Rolle?

Wenn es diese Ordnung gab, sollte ich davon während meiner Buchhändlerzeit gehört haben. Allerdings scheint es mich nicht nachhaltig beeindruckt zu haben, bzw. war es für die tägliche Arbeit nicht von Belang, sodass mir die Inhalte in Vergessenheit geraten sind. Während der täglichen Arbeit war es eben doch wichtiger, die Kartei ordentlich zu führen, ohne Differenzen an der Kasse zu arbeiten, Buchlaufkarten korrekt auszufüllen oder Bücher auf einer Palette so aufzubauen, dass sie nicht umfielen. Vielleicht stand das ja drin. Dann habe ich doch etwas daraus gelernt 😉

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Nach dem Abschluss der Polytechnischen Oberschule (POS) absolvierte Simone Zopf (geb. 1965) zwischen 1981 und 1983 ihre buchhändlerische Lehre in Halle/Saale bei „Das Gute Buch“, der größten Volksbuchhandelsfiliale im Bezirk Halle. Nach der Übernahme durch ihren Ausbildungsbetrieb war sie dort für die Sortimente Fachbuch und Gesellschaftswissenschaften zuständig. Umzug nach Erfurt, wo sie ab 1988 im „Antiquariat des Volksbuchhandels“ tätig war. Die Leiterin des Antiquariats, das damals fünf Mitarbeiter hatte, wagte nach der Wende den Schritt in die Selbstständigkeit.

1992 kam Simone Zopf zu „Peterknecht“. Dort war sie 20 Jahre lang beschäftigt; zunächst für das Fachbuch verantwortlich, in späteren Jahren dann für Belletristik und als 1. Sortimenterin. Im Sommer 2012 holte ein junger Berufskollege die erfahrene Buchhändlerin in seine Buchhandlung „Die Eule“ nach Weimar. Nach 30 Berufsjahren brauchte Simone Zopf dann frischen Wind; nach ersten Erfahrungen als Verlagsvertreterin in 2015 möchte sie zukünftig hier anknüpfen.

„Der Buchhandel war eine jener Nischen, in der viele Unangepasste überwinterten.“ – Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Bedingungen des sozialistischen Literaturvertriebs und den Strukturwandel des ostdeutschen Buchhandels infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Einiges hat uns bereits Heike Wenige wissen lassen. Heute erinnert sich Holger Brandstädt an die Jahre 1989/90. Unsere nächsten beiden Gespräche werden sich um seine Erfahrungen infolge der Privatisierung des DDR-Buchhandels drehen.

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Was hat Sie von der Gastronomie in den Buchhandel getrieben?

Meine Großmutter war Buchhändlerin, ich wollte immer schon was mit Büchern machen. Leider war 1983 landesweit keine Lehrstelle für männliche Bewerber vorgesehen. 1989 war ich beruflich als Koch soweit gekommen, dass sich die Frage Studium, Meisterausbildung oder wechseln stellte. Der Wechsel kam dann gerade noch rechtzeitig, um in den Buchhandel einzusteigen, bevor dieser in die Wendewirren stürzte.

Wie haben Sie die letzten Monate im DDR-Buchhandel erlebt?

Kulturstaatsministerin Monika Grütters überreicht Holger Brandstädt den Deutschen Buchhandlungspreis 2015 © Bundesregierung/Orlowski

Kulturstaatsministerin Monika Grütters überreicht Holger Brandstädt den Deutschen Buchhandlungspreis 2015 © Bundesregierung/Orlowski

Im Sommer 1989 sind reihenweise Buchhändler in den Westen ausgereist, andere hatten einen Ausreiseantrag gestellt und so stand die Berliner Buchhandelsgesellschaft vor dem Problem, die Läden zu besetzen. Mir wurden vier Filialen zur Auswahl gestellt, verbunden mit der Bitte, ein paar Wochen im „Internationalen Buch“ auszuhelfen. Letztlich blieb ich dort. Die Buchhandlung war hell, groß, man musste weder heizen noch putzen, es gab jeden Tag neue Ware und das Publikum war international. Ich bekam eine Stelle in der Belletristik, in der damals neben einer Buchhändlerin noch ein Maurer, eine Melkerin und eine Bürofachfrau arbeiteten. Alles motivierte Seiteneinsteiger, die recht schnell selbstständig arbeiten konnten. Daran war gerade in kleinen Buchhandlungen nicht zu denken.

War Ihnen bewusst, dass der Volksbuchhandel ursprünglich eine erzieherische Funktion hatte und dementsprechend auch in der Pflicht stand, politisch genehme „Schwerpunkttitel“ zu vertreiben?

Natürlich gab es palettenweise Werke von Otto Gotsche & Co, die Buchhandlungen waren jedoch auch damals schon bestrebt, Umsätze zu erzielen. Dazu kam, dass der Buchhandel eine jener Nischen war, in der viele Unangepasste überwinterten. Da hatten die hohlen Parolen des SED-Regimes wenig Widerhall. Werke wie die „Ordnung für den Literaturbetrieb“ und das „Statut für den Volksbuchhändler“ sind mir nie untergekommen.

Inwieweit unterschied sich das Sortiment der Internationalen Buchhandlungen von dem der anderen volkseigenen Betriebe?

Das „Internationale Buch“ (IB) in Berlin/Mitte war eine der größten Buchhandlungen der DDR. Das Sortiment setzte sich aus deutsch- und fremdsprachigen Titeln zusammen. Da gab es Fachbücher auf Russisch und Böll auf Vietnamesisch (letztere mussten aus Angst vor Flöhen immer erst auf der Warenrampe in Quarantäne). Es gab Buchhändler aus der UdSSR, die Humboldt-Uni war nah und Westberlin ebenso, weshalb die Buchhandlung auch als Schaufenster der DDR dienen sollte. Alles war aus hellem Holz, großflächig verglast und großzügig angelegt. Viele Kunden kamen, um ihren Zwangsumtausch in Bücher anzulegen, und es gab eine Kasse an der zum Kurs 1:1 mit D-Mark bezahlt werden konnte. Das IB belieferte Bibliotheken und Botschaften. Die Amerikanische Botschaft schickte jedes Jahr kalifornischen Cabernet Sauvignon als Dankeschön – ein für unseren damaligen Geschmack fürchterlich saurer Wein. Und die russischen Kollegen gingen manchmal mittags rüber in die Botschaft Unter den Linden und holten aus der Kantine große Tüten mit noch warmen Gebäck.

Können Sie bestätigen, dass die Internationalen Buchhandlungen eine privilegierte Stellung hatten und aufgrund ihres Sortiments in der DDR besonders beliebt waren?

Ganz klar ja. Während viele Buchhandlungen einmal in der Woche beliefert wurden, traf im IB täglich neue Ware ein. Nur leider reichten die gelieferten Exemplare pro Titel oft nicht einmal aus, um alle Bibliotheken und Kollegenbestellungen zu erfüllen. Als ich im August 1989 anfing sollten die Erinnerungen von Pu Yi, Chinas letztem Kaiser, erscheinen. Der Bertolucci-Film war gerade wie ein Straßenfeger durchs Land gerollt und so war die Nachfrage riesig. Zweimal am Tag fragten manche Kunden, ob das Buch denn schon da sei. Als es kam (sieben Exemplare) knobelten wir dann aus, wer den Kunden sagt, dass es schon durch sei. Das war keine schöne Aufgabe. Vor der Buchhandlung stand immer eine lange Schlange. Denn auch hier galt: Kein Rundgang ohne Korb!

Mauerfall im November 1989, Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion im Juni 1990, deutsche Einheit am 3. Oktober 1990. Wie erinnern Sie sich an diese turbulenten Monate im Buchhandel?

Es ging alles wahnsinnig schnell und war viel zu komplex, um es hier in Kürze festzuhalten. Ich erinnere mich daran, dass wir am 4. November am Fenster standen und die Demonstration zum Alexanderplatz ziehen sahen. Erst nach Schichtschluss reihten wir uns ein. Und am 10. November wurde die Buchhandlung trotz durchgefeierter Nacht natürlich pünktlich geöffnet. Den 3. Oktober verbrachte ich in einem Pub an der Westküste Irlands und vor der Währungsunion stapelten sich im Tresor Kleingeldrollen, da dieses erstmal weiterhin im Umlauf war und zwar zum Kurs 1:1, was das Geschäftskapital stärkte. Die Frage, welchen Rabatt die Buchhandlung denn z.B. beim Aufbau Verlag bekam, war gar nicht so schnell zu beantworten und führte erstmal zu hektischen Aktivitäten der Einkaufsabteilung. Und die Frage, ob denn nun noch ausgeliefert wird, was bestellt war – das waren ja oft Mondzahlen (1000 Exemplare bestellt = 80 Stück geliefert) trieben uns plötzlich Schweißperlen auf die Stirn.

Nach der Wende war der Hunger nach Lesestoff groß, der zu DDR-Zeiten verboten oder nur schwer zugänglich war. Die Geschäfte im Buchhandel florierten. Können Sie sich erinnern, was damals besonders stark nachgefragt wurde?

Bahros „Alternative“ ebenso wie die Protokolle des Politbüros, Schriften von Basisdruck fallen mir als erstes ein. Später dann westlicher Mainstream von Wimschneider über Cardella, Tolkien und Fromm bis zur „Möwe Jonathan“. Viele Leser ergänzten ihre Sammlungen von Grass und Lenz bis Orwell mit einigen ausgewählten Titeln, dafür hatten wir KV-Kataloge; sprich: die Barsortimentskataloge von Köhler & Volkmar, damals fest gebunden und auf Papier gedruckt. Die Bestellungen gaben wir telefonisch auf, was oft am völlig überlasteten Telefonnetz scheiterte. Anfangs fuhren wir auch nach Westberlin, um Bestellungen direkt aufzugeben. Bei der VAH Jager war ich mal persönlich, die schauten ganz schön erstaunt drein ob dieses Bestellweges.

Um Westtiteln Platz zu machen, haben viele Buchhandlungen nach der Währungs- und Wirtschaftsunion ihre DDR-Bestände leer geräumt. Wie war das bei Ihnen?

Geräumt haben wir auch reichlich und aussortiert. Allerdings hatte das „Internationale Buch“ viel internationale Kundschaft, da waren die DDR-Bestände durchaus noch gefragt. Klemperes „LTI“ kostete bei Reclam Leipzig 2,50 Mark, die erste Nachwendeauflage dann circa 16 Mark. Das war schon ein Unterschied als der Staat zu jedem verkauften Buch nicht noch was drauflegte. Hatten wir zuvor 500 Stück geordert, stellte sich jetzt die Frage ob wir fünf nehmen sollten und ob diese einen Käufer finden würden. Wo früher die Abteilung Gesellschaftswissenschaft im Erdgeschoss gewesen war, wurde nun eine Taschenbuchabteilung eingerichtet, dazu Berlin-Literatur und es gab Neue Medien gleich im Kassenbereich. Die fremdsprachigen Titel wurden reduziert und das Fachbuch ausgebaut. Die unaussprechlichen russischen Originale zu verkaufen war wohl das schwierigste Unterfangen.

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Der ausgebildete Koch Holger Brandstädt (geb. 1966) fing im September 1989 als ungelernte Kraft im „Internationalen Buch“ in der Spandauer Straße in Berlin/Mitte an. Eingestellt wurde er von Gerald Nußbaum, dem damaligen Direktor des Ostberliner Volksbuchhandels, der zu DDR-Zeiten unter dem Namen „Berliner Buchhandelsgesellschaft“ firmierte. 1989 gehörten circa 64 volkseigene Buchhandlungen zum Verbund.

Nußbaum trug sich bereits früh mit dem Gedanken, mit einem starken, westdeutschen Partner zu fusionieren. Nach Verhandlungen mit Thomas Grundmann von der Bouvier Buchhandelsgruppe in Bonn entstand im Juli 1990 die „Berliner Buchhandelsgesellschaft Bouvier und Nicolai“ GmbH (BBN), die sich die interessantesten Objekte der ehemaligen Hauptstadt der DDR sicherte. Unter den ehemaligen Renommierläden wie „Universitätsbuchhandlung“, „Kunstsalon unter den Linden“, war auch das „Internationale Buch“, wo Holger Brandstädt beschäftigt war. Er absolvierte 1990/91 in Bonn und Köln bei Bouvier diverse Praktika; zeitgleich machte er per Fernstudium seinen Abschluss als Buchhändler. Im August 1992 kam das Einsehen, dass sich die BBN überhoben hatte. Die vermeintlichen Filetstücke des Ostberliner Buchhandels hatten sich als nicht lukrativ genug erwiesen. Die meisten Buchhandlungen der BBN machten dicht; lediglich zwei konnten im Rahmen eines Management-Buy-Out an ehemalige Mitarbeiter verkauft werden.

Nach dem Zerfall der BBN ging Holger Brandstädt zur „Wohlthat’schen Buchhandlung“ GmbH, bei der er zuletzt als Filialleiter in Berlin/Friedrichshagen beschäftigt war. Im Oktober 2001 übernahm er in Ueckermünde die traditionsreiche „Friedrich-Wagner-Buchhandlung“.

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Mein Dank gilt allen, mit denen ich mich bislang habe austauschen dürfen. Ich würde mich freuen, wenn sich weitere Zeitzeugen einfänden, um das eine und andere aus der eigenen Erfahrung zurechtzurücken und/oder Lücken zu schließen.

 

„Wie der Westbuchhandel funktioniert, das haben wir uns selbst erarbeitet.“ Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Das Vorhaben, das Wissen über den Buchhandel in der DDR aufzufrischen, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Heike Wenige erinnert sich heute an die Zeit nach dem Fall der Mauer. Im ersten Teil des Gesprächs haben wir uns über ihre Erfahrungen im volkseigenen Buchhandel ab 1986 unterhalten.

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Mauerfall im November 1989, Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion im Juni 1990, deutsche Einheit am 3. Oktober 1990. Wie erinnerst du dich an diese turbulenten Monate?

Heike Wenige © Marco Borrmann

Heike Wenige © Marco Borrmann

Emotional gesehen bekomme ich noch immer eine Gänsehaut, auch dann, wenn Fernsehbeiträge an die Ereignisse erinnern… Was ich genau gemacht habe, das weiß ich nicht mehr. Im Juni 1990 zur Währungsunion war ich in Berlin. Ich bin mit dem Fahrrad durch die nicht mehr geteilte Stadt gefahren – das war superspannend. Auch Roger Waters legendäres Konzert „ The Wall“ habe ich in Berlin am Potsdamer Platz erlebt. Den 3. Oktober feierten wir im Freundeskreis im Freiberger Studentenclub „berauschend“. Überhaupt war diese Zeit berauschend, unwirklich. Ein Leben zwischen Nichts und Allem, eine emotionale Überforderung. In der Buchhandlung begann zunächst eine eher traurige Zeit. Zu DDR-Zeiten wurde Geld ja in Bücher angelegt. Das Konsumverhalten änderte sich nach dem Mauerfall radikal. Die Möglichkeiten, Geld auszugeben, waren nun um ein Vielfaches größer und reizvoller.

Welche Hoffnungen hattest du für dein Land? Welches waren deine größten Sorgen?

Die Hoffnung war ein Leben in Demokratie. Mit Reise- und Meinungsfreiheit. Dass auch gewisse materielle Wünsche in Erfüllung gehen konnten. Die größte Sorge war der Ausverkauf der DDR, der ja ziemlich schnell gelungen ist. Es war traurig mitanzusehen, wie DDR-Produkte verschwanden und durch Westprodukte ersetzt wurden. Ja, auch im Buchhandel.

Im März 1990 wurde die Treuhandanstalt gegründet, deren Aufgabe es war, die volkseigenen Betriebe zu privatisieren. Im Zuge dessen wurde der Volksbuchhandel abgewickelt, die Buchbetriebe in den damals noch existierenden 15 Bezirken in Gesellschaften umgewandelt. Für Euch war damals die „Buch-Tour Buchhandels- und Reisevermittlungsgesellschaft“ mit Sitz in Karl-Marx-Stadt zuständig. Wie hast du die erste Phase der Privatisierung in deinem Betrieb erlebt?

Zugegebenermaßen mit Befremden. Wir sollten plötzlich auch noch Reisen verkaufen, da die „Buch-Tour“ zum 1. Juli 1990 eine Reisevermittlung mit ins Programm genommen hatte. Von der Abwicklung der GmbH selbst habe ich wenig mitbekommen. Hatte anderes im Kopf. Ich musste lernen, wie der Westbuchhandel funktioniert, der ja so anders funktionierte als der Ostbuchhandel. Von heute auf morgen war alles anders. Sämtliche Abläufe und Strukturen. – Das Wasser war nicht nur kalt, sondern auch tief.

Die „Buch-Tour Buchhandels- und Reisevermittlungsgesellschaft“ verschwand alsbald wieder vom Markt. Hatte die Auflösung Auswirkungen auf Euren Betrieb?

Glücklicherweise hatte unsere Leiterin beschlossen, die „Akademische Buchhandlung“ zu kaufen. – Eine Option, die nach Querelen zwischen der „Buch-Tour“ GmbH und der Treuhand Chemnitz infolge einer Intervention seitens des Börsenvereins ab März 1991 plötzlich für alle Buchhandlungen im Bezirk offen stand. Ich bekam einen neuen Arbeitsvertrag, den ich allerdings sogleich kündigte, um im darauffolgenden Jahr in die Chemnitzer Universitätsbuchhandlung zu wechseln, die meine Freundin Wenke Helmboldt übernommen hatte und bis heute leitet.

Wie kam Barbara Hackels Entscheidung, die Freiberger Fachbuchhandlung in die Selbstständigkeit zu führen, in Eurem Arbeitskollektiv an?

Das war eine kluge und gute Entscheidung von ihr. Welche Hoffnungen sie daran geknüpft hat, weiß ich nicht. Vermutlich hatte ihre Entscheidung auch damit zu tun, „frei“ sein zu wollen, was unter der „Buch-Tour“ GmbH mit ihrer damaligen Geschäftsführerin Monika Lang so nicht möglich gewesen wäre.

Das dürfte keine einfache Zeit für Euch gewesen sein …

Von den schwierigen Hintergründen habe ich damals so gut wie nichts mitbekommen. Die Probleme im Betrieb wurden nicht mehr wie zu DDR-Zeiten während der Frühstücksrunden besprochen.

Habt Ihr in dieser Phase Unterstützung von außen erhalten?

Finanzielle Unterstützungen gab es reichlich. Von der sächsischen Aufbaubank und den Fördermitteln konnte ich ja sogar noch 1994 profitieren, als ich mich selbständig gemacht habe. Auch das Arbeitsamt förderte damals noch in anderem Umfang als heute.

Nach der Wende war der Hunger nach Lesestoff groß, der zu DDR-Zeiten verboten oder nur schwer zugänglich war. Die Geschäfte im Buchhandel florierten. Kannst du dich erinnern, was damals bei Euch besonders stark nachgefragt wurde?

Ja natürlich, obwohl die Verunsicherung unter uns Sortimentsbuchhändlern immens war. Ich erinnere mich, dass ich damals mit der Belletristik-Verantwortlichen hart diskutiert habe, weil sie nicht bereit gewesen ist, beim Verlag fünf Exemplare von George Orwells „Farm der Tiere“ auf einen Schlag einzukaufen. Obwohl ich dafür nahezu täglich Bestellungen entgegennahm. Sie wurden dann über das Barsortiment abgewickelt. Belletristik wurde vorsichtig eingekauft, zumindest bei uns. Andere Buchhandlungen hielten das damals anders. Über so manches Schicksal im Zuge der Wende sprechen wir heute noch. Andere Warengruppen als Belletristik bedienten wir reichlich. Ich erinnere mich noch an Berge von Bussibär-Büchern, die ständig nachgeordert werden mussten. So mancher westdeutsche Verlag konnte sich am Ostbuchhandel sanieren. Pestalozzi zum Beispiel. Plötzlich lag der Laden mit Billigbüchern voll.

Magst du etwas über diese Wende-Schicksale sagen?

Da gibt es viel zu erzählen. Trauriges und Heiteres. Geschichten von Gewinnern und Verlieren, auch über Wichtigtuer und Beutelschneider – und natürlich viel über die Anpassungsschwierigkeiten, die wir hatten. Manche Buchhandlung hielt zum Beispiel in der Hoffnung, überhaupt bestückt zu werden, an der alten Gewohnheit fest, bei LKG höhere Stückzahlen zu ordern als gebraucht wurden. Das galt damals insbesondere für die Belletristik, die vielfach sehr großzügig geordert wurde. Vermessen wurden 200 Exemplare bestellt. Man blieb darauf sitzen. Für manchen Buchladen bedeutete das das Aus … Größenwahnsinnig war ein Buchhändler, der damals sehr populär gewesen ist. Er lud Verlagsvertreter zu einem Flug mit dem Hubschrauber ein. Die Maschine stürzte ab und riss alle Insassen in den Tod.

Um Westtiteln Platz zu machen, haben viele Buchhandlungen nach der Währungs- und Wirtschaftsunion ihre DDR-Bestände leer geräumt. Wie war das bei Euch?

Meiner Erinnerung nach haben wir ebenfalls ausgeräumt und umgeräumt. Unser Lagerkeller war voll. Das wurde dann abgewickelt. Auf welchem Weg weiß ich nicht.

Die Umstellung auf neue Wirtschafts- und Sozialstrukturen war sicherlich kein Zuckerschlecken. Was bereitete dir besonderes Kopfzerbrechen?

Die Sozialstrukturen änderten sich langsam, fast unmerklich. Man wuchs in die „schöne, neue Welt“ hinein. Alte Freunde gingen, neue Freunde kamen. Stasigeschichten wurden ein großes Thema … Gefühlt passierte jeden Tag etwas Neues, im Kleinen wie im Großen. Die Ereignisse rauschten vorbei. Es war kaum Zeit, alles wirklich zu verarbeiten beziehungsweise darüber nachdenken, um die Ereignisse und Entwicklungen einordnen zu können. Plötzlich hatte man auch existenzielle Sorgen. Beispielsweise wurde die private Miete zu einem bedeutenden Kostenfaktor. Damals wohnte ich illegal in einem Haus. Ich habe auch eine Menge von diesen miesen Immobilienschiebereien nach der Wende mitbekommen. – Das soziale Sicherheitsgefühl, dass jeder DDR-Bürger hatte, verschwand. Aber irgendwie war alles doch auch von einem großartigen Glücksgefühl getragen.

Hilfestellung für Sortimenter kam vom Börsenverein und vor allem von Barsortimenten und Verlagsauslieferungen. Konntet Ihr davon profitieren? Wie waren Eure Erfahrungen?

Wie schon gesagt, man wurde hineingeworfen und musste selbst schauen, wie es und was geht. Gelesen habe ich im Nachhinein, dass damals vom Börsenverein für die Sortimenter Hilfestellung gekommen sei. Ich selbst bekam davon nichts mit. Unterstützt wurden in der Hauptsache wohl die neuen Inhaber.

Wie der Westbuchhandel funktioniert, das haben wir uns selbst erarbeitet. Die Barsortimente waren dabei eine große Hilfe. Mit der Privatisierung kam KNO, die Koch, Neff & Oetinger Verlagsauslieferung, ins Haus. An die Stuttgarter habe ich durchweg positive Erinnerungen. Und zwar nicht nur wegen der Einladungen in die schwäbische Hauptstadt, die KNO damals an alle Volksbuchhändler aussprach.

Welche Standards, die der volkseigene Buchhandel gesetzt hat, würden deines Erachtens dem Buchhandel heute gut tun?

Schlicht gesagt- es ging damals um das Buch an sich! Um Inhalte. Wie man das bestmöglich präsentiert, das trieb uns damals um. Nicht etwa die besten Konditionen oder die günstigsten Bezugswege. Zu DDR-Zeiten brauchte man sich den Kopf nicht über Bestellbündelungen, Mindestbestellmengen, Verlagsauslieferungen, Vertreterkonditionen und vieles andere zu zerbrechen. Damals konnte man sich mit dem Produkt an sich beschäftigen. Das klappt im heutigen Buchhändleralltag nicht mehr so leicht.

Würdest du vom Literaturbetrieb, so wie du ihn in der DDR kennengelernt hast, etwas auf den hiesigen Betrieb übertragen wollen?

Ja in erster Linie – das Buch als Kulturgut! Dann muss es diesem Anspruch allerdings auch gerecht werden. Und die Diskussionen über Bücher, die damals auf einem anderen Niveau geführt wurden, würden uns auch gut tun. „Zwischen den Zeilen lesen können“ – diese Fähigkeit scheint überflüssig geworden zu sein. Es geht fast ausschließlich um die Befindlichkeiten des Rezensenten, die an einem Buch festgemacht werden. Das langweilt mich über die Maßen.

Was stößt dir im Vergleich zur DDR beim heutigen Buchmarkt auf? Was schätzt du besonders?

Ich habe die Wahl, was ich in meinem Sortiment führe. Obwohl auch das nicht immer einfach ist. Im Gegensatz zu den DDR-Zeiten muss der selbständige Buchhändler wirtschaftlicher denken und sich dabei in einem gewissen Maß auch „verbiegen“. Eine Gratwanderung, die ich im Griff habe. Über zu viel Buch mag ich hier gar nicht klagen, klage ich nicht mehr. Das scheint ein unlösbares Problem zu sein …

Im September 2015 wird der Deutsche Buchhandlungspreis erstmals vergeben. Dein Taschenbuchladen ist unter den Nominierten. Meinst du, dass deine Erfahrungen aus dem volkseigenen Buchhandel auch Teil deines Erfolgskonzeptes sind?

Nein. – Das Engagement kommt aus meiner/unserer ureigenen Liebe zum guten gedruckten Wort und dem Bedürfnis, dies allen Interessierten weiterzugeben.

Würdest du dich heute erneut für den Beruf des Buchhändlers entscheiden?

Ja!

Heike, tausend Dank. Ich denke, das Thema wird uns beide weiterhin umtreiben.

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Heike Wenige (geb. 1969) wurde nach einer buchhändlerischen Lehre 1986 – 1988 von ihrem Ausbildungsbetrieb, der „Akademischen Buchhandlung für Montanwissenschaften“ in Freiberg, übernommen. Nach der Vereinigung führte Barbara Hackel, die den Buchladen seit 1972 leitete, den ehemals volkseigenen Betrieb in die Selbstständigkeit. 1992 wechselte Heike Wenige von dort nach Chemnitz in den Buchladen einer Freundin. 1994 kehrte sie nach Freiberg zurück, wo sie im November ihren Taschenbuchladen eröffnete.

Ich würde mich freuen, wenn sich weitere Zeitzeugen einfänden, um das eine und andere aus der eigenen Erfahrung zurechtzurücken und/oder Lücken zu schließen.

„Wir waren doch keine Dealer!“ Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Nach Sommerpause, Sommerflaute und Sommerhitze geht es hier mit dem Vorhaben weiter, auf den Buchhandel in der DDR zurückzuschauen. Im Unterschied zu den DDR-Verlagen fand er ja im Rahmen der zeithistorischen Forschung bislang wenig Beachtung. Dietrich Löffler, der sich mit dem Funktions- und Strukturwandel des Buchhandels der DDR beschäftigt hat, hält es aufgrund der Quellenlage sogar für möglich, dass sich die Vorgänge heute nur noch über Berichte von ehemaligen Mitarbeitern rekonstruieren lassen.

Meinen hier publizierten Versuch, die Bedingungen des sozialistischen Literaturvertriebs und den Strukturwandel des ostdeutschen Buchhandels infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Die besagte Skizze – auf magerer Quellenlage entstanden – mag hierbei vielleicht einige Denkanstöße bieten.

… ich wollte einfach Erinnerungen provozieren. Die meisten unserer Erinnerungen liegen ja versteckt und sind nicht willentlich heraufzubeschwören; es bedarf eines Anstoßes von außen, einer bestimmten Geste, eines bestimmten Wortes, eines bestimmten Bildes, um sie ins Bewusstsein heraufzuholen. (Franz Fühmann, Böhmen am Meer)

Mein Dank gilt allen, mit denen ich mich bislang habe austauschen dürfen. Ab sofort werde ich die Gespräche in loser Folge dokumentieren. Den Anfang macht die ehemalige Volksbuchhändlerin Heike Wenige, die sich zum Vorhaben selbst bereits zu Wort gemeldet hat. Heute erinnert sie sich an ihre Lehrjahre im volkseigenen Buchhandel ab 1986. Teil 2 unseres Gesprächs dreht sich um ihre Erfahrungen nach der Wende.

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Heike, warum wolltest du Buchhändlerin werden?

Das ist nach 27 Berufsjahren mittlerweile eine schwer zu beantwortende Frage… Damals wollte ich das wirklich sehr gerne. Ich komme aus einer Buchhändler- und Antiquariatsfamilie, das prägte die Liebe zum geschriebenen Wort, zum Buch.

Den praktischen Teil deiner Ausbildung hast du in der „Akademischen Buchhandlung für Montanwissenschaften“ im sächsischen Freiberg absolviert. War das dein Wunschbetrieb?

Den Ausbildungsbetrieb legte der Volksbuchhandel fest, da gab es nicht viel zu wünschen. Als jugendlicher Leser war ich eher in der anderen Buchhandlung meiner Stadt Stammgast, das war aber auch örtlich bedingt. Ich habe mich damals sehr über die Zusage gefreut. Lehrstellen im Buchhandel waren damals rar. Meiner Erinnerung nach gab es im gesamten Bezirk Karl-Marx-Stadt im Jahr 1986 nur zehn davon.

Wo bist du während deiner Lehre zur Schule gegangen?

Die theoretische Ausbildung fand in Leipzig an der Buchhändlerschule statt. Sie unterstand damals dem Direktor Härtling. Unsere Klasse besuchten Lehrlinge aus den Bezirken Karl-Marx-Stadt, Dresden und Leipzig. Genauso wie heute wurde im Block unterrichtet. Zu meiner Zeit ging es dort schon ziemlich liberal zu.

Was war in Leipzig anders als in deinem Ausbildungsbetrieb?

Heike Wenige © Marco Borrmann

Heike Wenige © Marco Borrmann

Die Zeit in Leipzig unterschied sich wesentlich von der praktischen Ausbildung in Freiberg. Man hatte sehr viel mehr freie Zeit zur Verfügung, da die Schule jeden Tag um ein Uhr aus war. Untergebracht waren wir in einer schönen, aber sehr baufälligen Villa in Gohlis. Wir lebten das typische Mädcheninternatsleben, wie viele andere auch. Aber Leipzig bot uns eben eine ganze Menge – vor allem Theater (wir bekamen die Eintrittskarten vergünstigt), Kino, Oper, Museen… Unsere „Ausgangszeiten“ wurden bis zur letzten Minute ausgeschöpft. Eine wunderbare Zeit!

Gab es etwas, woran du als Lehrling besonders Anstoß genommen hast?

Eigentlich nicht. Außer den Schließzeiten des Internats vielleicht, fällt mir nichts Schwerwiegendes ein. Die Lehrzeit fiel mir sehr leicht. Neben den geforderten Buchbesprechungen, Hausarbeiten und dem Lernen der Fachtermini musste ich nicht allzu viel machen.

Auf was wurde während deiner Ausbildung besonders großen Wert gelegt?

Etwas, was ich heute sehr vermisse – umfassende Allgemeinbildung, die uns hauptsächlich in der theoretischen Ausbildung vermittelt wurde. In der Praxis war es unter anderem auch sehr wichtig, dass man Autorenkenntnisse und literarisches Wissen hatte und sich bei den Verlagsprofilen auskannte. Es gab auch einen sozialistischen Berufswettbewerb unter den Lehrlingen. Dieser Wettbewerb wurde nach den Benotungen und der Anzahl der angefertigten Buchbesprechungen entschieden. So kam man vierteljährlich zu einer Prämie ohne viel Aufheben dafür machen zu müssen.

Welchen Anteil hatte die Staatsbürgerkunde im Rahmen deiner Ausbildung?

In der Praxis gar nicht. Und in der Theorie wurde eigentlich nur Stoff vermittelt, der aus der allgemeinbildenden Polytechnischen Oberschule sowieso schon bekannt war. Wie ich hier schon einmal gesagt habe: 1986 waren in der DDR andere politische Zeiten angebrochen.

Was war während deiner Lehrzeit buchhändlerische Pflichtlektüre?

Ich habe nachschauen müssen: Pflichtlektüre im Sinne einer Literaturliste gab es nicht. Man musste Buchbesprechungen machen und die waren gemischt aus eigens gewählter Lektüre und solchen Büchern, die der Lehrausbilder aus dem aktuellen Sortiment für wichtig hielt. Diese Titel wurden unter anderem dann auch den Mitarbeitern im Ausbildungsbetrieb vorgestellt. Es gab einen Leseplan, der dem Lehrling, dem Ausbilder und der Schule eine gewisse Auswahl vorschrieb, das wurde aber eher großzügig gehandelt. Man musste beispielsweise sich je eine Neuerscheinung aus der Verlagen Neues Leben, Mitteldeutscher Verlag, Aufbau Verlag, Hinstorff und Verlag Volk und Welt auswählen und besprechen.

Welche Bedeutung hatten die „Ordnung für den Literaturbetrieb“ und das „Statut für den Volksbuchhändler“ in deinem buchhändlerischen Alltag?

Nominell waren die beiden Verordnungen während meiner Ausbildung und der sich daran anschließenden Tätigkeit in der „Akademischen Buchhhandlung“ bis zur Wende sicherlich von Bedeutung. Aber dass ich bewusst danach gehandelt hätte, daran kann ich mich nicht erinnern. Die „Ordnung für den Literaturbetrieb“ zumindest wurde in der theoretischen und praktischen Ausbildung ausführlich behandelt. An das „Statut für den Volksbuchhändler“ kann ich mich überhaupt nicht erinnern.

Kannst du bestätigen, dass der Volksbuchhandel eine erzieherische Funktion hatte und dementsprechend auch in der Pflicht stand, politisch genehme „Schwerpunkttitel“ an den Mann und die Frau zu bringen?

Zu meiner Zeit galt das wahrlich nicht mehr.

Nach der bestandenen Lehre hat dich dein Ausbildungsbetrieb übernommen. Warst du mit dieser Entscheidung glücklich?

Ja sehr! Die „Akademische Buchhandlung“ in Freiberg  war (und ist) eine sehr angesehene Buchhandlung und die Mitarbeiter sind zum Teil Freunde geworden, mit denen man auch die Freizeit verbrachte. Die Übernahme des Marxismus-Leninismus-Sortimentes war natürlich nicht mein Wunsch. Das war wohl eher dem Umstand geschuldet, dass die dafür Verantwortliche, die Mitglied der Partei war, entlassen wurde.

Waren zu deiner Zeit Schriften des Marxismus-Leninismus überhaupt noch gefragt?

Ich habe gerade unser riesiges Lager im Keller vor Augen, das mit all den roten Bänden gefüllt war. Nach meiner Lehre wurde es allerdings wieder spannend (zumindest für meinen damaligen studentischen Freundeskreis), sich diese Literatur zuzulegen…

Wichtig war die Planerfüllung. Aber auch der Umsatz von Parteiliteratur und Importbuch musste stimmen. Wie wurde in eurem Betrieb verfahren, wenn absehbar war, dass der Plan nicht erfüllt werden konnte?

Ganz einfach – die Parteigenossen wurden angeschrieben, dass die zugeteilte Literatur doch bitte abzuholen sei. Das kam offenbar einer Parteirüge nahe… Und der sonstige Plan wurde recht ähnlich erfüllt. Man schrieb Rechnungen, etwa an die Adresse der diversen Vertriebsmitarbeiter, die im Namen unserer Buchhandlung in Betrieben und anderen Einrichtungen Bücher verkauften.

Idealerweise waren leitende Stellen mit SED-Mitgliedern besetzt. Wie präsent war die Partei in deinem Betrieb?

In unserem Kollektiv gab es lediglich eine Mitarbeiterin, die der SED angehörte – und das war ziemlich unsichtbar. Meiner Erinnerung nach verließ sie die Frühstücksrunde immer dann, wenn die politische Diskussion zu heftig oder Unmut zu laut geäußert wurden.

Wie sah eure Zusammenarbeit mit der Bezirksdirektion des Volksbuchhandels aus? Und wie mit der Zentralen Leitung des Volksbuchhandels?

Dazu kann ich nichts sagen. Unsere Buchhandlungsleiterin informierte nur regelmäßig über Gespräche.

Habt ihr als Mitarbeiter diese Funktionäre überhaupt jemals zu Gesicht bekommen?

In der Buchhandlung nicht, aber zu offiziellen Terminen für die Lehrlinge schon.

Welche Titel waren während deiner Zeit besonders schwer zu beschaffen und welche lagerten wie Blei?

Ach, das kann man gar nicht so einfach beantworten, eigentlich gar nicht im Detail. Zum Beispiel waren Bücher von Christa Wolf und von Christoph Hein gefragt. Dafür lagen andere zeitgenössische Autoren im Laden, zu denen ich keine Namen mehr parat habe. Die „Edition Neue Texte“ aus dem Mitteldeutschen Verlag fällt mir in diesem Zusammenhang ein. Wobei es da auch manche Entdeckung gab.

Bückware. Gingen in eurem Betrieb auch Bücher unter der Ladentheke weg? Erinnerst du dich noch daran, was besonders begehrt war?

Begehrt war alles, was nicht im Laden stand! Unsere Chefin hatte einen Schrank in ihrem Büro, wo die begehrten Schätze lagerten. Angefangen vom Kinderbuch über das Kochbuch bis hin zu populären Autoren und bibliophilen Ausgaben. Nicht zu vergessen Importware, etwa vom Diogenes Verlag, die ebenfalls ausschließlich von der Chefin höchstpersönlich verteilt wurde.

Wie haben eure Kunden reagiert, wenn Wunschlektüre partout nicht lieferbar war?

Man lebte in einer Mangelwirtschaft und war es gewöhnt, nicht alles zu bekommen, was man wollte.

Wie lief das mit den Vorbestellungen?

Davon hatten wir dicke Stapel in der Buchhandlung. Unparteiisch ging es bei der Verteilung nicht immer zu. Da hieß es beispielsweise „Das ist mein Zahnarzt“ und „Das ist mein Fernsehmechaniker“. Oder „Da bekommen wir Eintrittskarten für…“, aber auch „Die hat jetzt das dritte Kind bekommen – die sollten wir bedenken“ oder „Der braucht das für sein Studium“. In unserem Wareneingangskeller gab es häufig viel zu Lachen. Und manches Mal war man einfach überglücklich, wenn das Zettelchen bedacht wurde, auf dem der eigene Namen stand, obwohl der Stapel der gelieferten Vorbestellungen arg klein war. Einmal habe ich vorsichtig nach einem Märchenbuch nachgefragt. Dafür bekam ich im Schuhladen dann die dringend benötigten Winterstiefel…

Das Buch war nicht nur eine begehrte Ware, sondern auch ein beliebtes Tauschobjekt. Hat das auch das Image des Buchhändlers beeinflusst?

Der Buchhändler galt zu DDR-Zeiten als Intellektueller, als ein politisch aufgeschlossenes Mitglied der Gesellschaft. – Nein, wir waren doch keine Dealer!!

Woran erinnerst du dich besonders gerne in dieser Phase zwischen 1986 – 1989?

An den fast täglichen Wandel, an offene Worte, an verbotene Meetings und Demonstrationen, an Plakate malen, an ein Miteinander.

Hat dich die Wende überrascht?

Nein.

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Heike Wenige (geb. 1969) wurde nach einer buchhändlerischen Lehre 1986 – 1988 von ihrem Ausbildungsbetrieb, der „Akademischen Buchhandlung für Montanwissenschaften“ in Freiberg, übernommen. Nach der Vereinigung führte Barbara Hackel, die den Buchladen seit 1972 leitete, den ehemals volkseigenen Betrieb in die Selbstständigkeit. 1992 wechselte Heike Wenige von dort nach Chemnitz in den Buchladen einer Freundin. 1994 kehrte sie nach Freiberg zurück, wo sie im November ihren Taschenbuchladen eröffnete.

Ich würde mich freuen, wenn sich weitere Zeitzeugen einfänden, um das eine und andere aus der eigenen Erfahrung zurechtzurücken und/oder Lücken zu schließen.

Vom Mangel zum Überfluss. Die Wende und der DDR-Buchhandel

Womöglich habe ich mir mit dem Vorhaben, die Geschichte des DDR-Buchhandels auszuloten, zu viel vorgenommen? Je länger mich die Materie allerdings beschäftigt, desto mehr Fragen stellen sich, die nur diejenigen beantworten können, die dabei gewesen sind.

Trotzdem habe ich Mut zur Lücke: In fünf Folgen werde ich darlegen, was ich bisher zur Entwicklung des Buchhandels in der DDR (Teil 1 – 4) und nach der Wende (Teil 5) trotz spärlicher Quellen recherchiert habe. – Warum wage ich diese Skizze? Weil ich mir erhoffe, dass sich Zeitzeugen einfinden, die das eine und andere aus der eigenen Erfahrung zurechtrücken und/oder Lücken schließen.

Eine Zusammenstellung der verwendeten Quellen findet sich hier. Die vorangegangenen Folgen kann man hier nachlesen

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Autokennzeichen der DDR © GvP

Autokennzeichen der DDR © GvP

 

Nach dem Mauerfall ging es im volkseigenen Buchhandel offenbar heiß her. Am 10. Januar 1990 räumte die Zentrale Leitung auf einer Krisensitzung ein, die Kontrolle über die Betriebe des Volksbuchhandles verloren zu haben. Im März wurde den Mitarbeitern darauf die Möglichkeit eingeräumt, ihre Verträge fristlos zu kündigen. Gebrauch davon machten zahlreiche kleinere Kommissionsbuchhandlungen. Das waren ehemals privat betriebene Buchhandlungen, die, um ihr Überleben zu sichern, sich zu einer Zusammenarbeit mit dem Volksbuchhandel entschlossen hatten. Es kam schließlich zu einem Misstrauensantrag gegen den amtierenden Hauptdirektor Heinz Börner, der im Mai scheiterte.

Mit den Beschlüssen der Übergangsregierungen unter Hans Modrow und Lothar de Maizière, die volkseigenen Betriebe aufzulösen und eine „Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums“ einzusetzen, ging die Ära des zentralistisch gesteuerten DDR-Buchhandels zu Ende. Heinz Börner erhielt die kultusministerielle Weisung, den volkseigenen Buchhandel abzuwickeln. Im August wurden sowohl die „Ordnung für den Literaturvertrieb“ als auch das „Statut des Volksbuchhandels“ außer Kraft gesetzt. Die Buchbetriebe des Volksbuchhandels, die in den damals noch existierenden 15 Bezirken bestanden, wurden in Gesellschaften umgewandelt; in Ostberlin entstanden zwei. Kaum eine dieser Gesellschaften, die zumeist von den ehemaligen Bezirksdirektoren des Volksbuchhandels geleitet wurden, hielt sich aus eigener Kraft länger als ein Jahr am Markt.

  • Nordbuch, Rostock
  • Mecklenburgische Buchhandelsgesellschaft, Schwerin
  • Bücherfreund, Neubrandenburg (mit Sitz in Waren)
  • Kurmärkische Buchhandelsgesellschaft, Potsdam
  • Märkische Buchhandelsgesellschaft, Frankfurt/Oder
  • Lectio-Buchhandelsgesellschaft, Cottbus
  • Anhaltiner Buchhandlungen, Magdeburg
  • Hallesche Buchhandelsgesellschaft, Halle
  • Thüringer Buchhandelsgesellschaft, Erfurt
  • Ostthüringer Buchhandelsgesellschaft, Gera (mit Sitz in Jena)
  • Südthüringer Buchhandelsgesellschaft, Suhl
  • Buchhandelsgesellschaft Buch und Kunst, Dresden
  • Leipziger Buchhandelsgesellschaft, Leipzig
  • Buch-Tour Buchhandels- und Reisevermittlungsgesellschaft, Karl-Marx-Stadt
  • Berliner Buchhandelsgesellschaft, Berlin
  • Buchhandelsgesellschaft Ex litterae, Berlin

Der Eintrag zur Liquidation der Zentralen Leitung des Volksbuchhandels ins Handelsregister erfolgte am 4. Dezember 1990. Die letzten Unterlagen aus Börners Hand übernahm der bestellte Abwickler am 31. August 1991. Heute residiert im ehemaligen Leipziger Gebäude der Zentralen Leitung in der Friedrich-Ebert-Straße 25 eine Rechtsanwaltskanzlei. Heinz Börner wechselte zum LKG.

Ab sofort war nichts mehr wie es war. Dass das System nach der friedlichen Revolution in sich zusammenfallen sollte wie ein Kartenhaus, damit hatte auch im Buchhandel keiner gerechnet. Nach dem 1. Juli 1990, dem Tag der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion, räumten die Buchhändler Lager und Regale leer, um für die begehrten Westbücher Platz zu schaffen. Wie Heinz Börner berichtet, beliefen sich die Ausbuchungen im ersten Halbjahr 1990 auf einen Wert von rund 70 Millionen Ost-Mark, das soll 40% aller seit dem Jahr 1954 vom Volksbuchhandel ausgebuchten Bestände entsprochen haben. Die Gesamtsumme der Remittenden, die nach der Währungsunion bei LKG lagerten, bewegte sich im dreistelligen Millionenbereich der nach der Vereinigung geltenden Währung DM. (Petry 2001, S. 180.)

Einmal wieder platzte die Zentrale Auslieferung LKG aus allen Nähten. Das traf auch SERO, eine Abkürzung für das VEB Kombinat Sekundär-Rohstofferfassung, über das gewöhnlich makuliert wurde. Schließlich wusste man sich hier nicht mehr anders zu helfen, als Bücher, die die Geschichte vermeintlich eingeholt hatte, tonnenweise in die stillgelegten Teile des Braunkohletagebaus Espenhain zu kippen, wo sie unterpflügt wurden. Darunter befanden sich auch jene, die vor kurzer Zeit bei den DDR-Lesern noch stark nachgefragt worden waren. Nicht anders verfuhren die ostdeutschen Verlage, die nahezu ihre kompletten Bestände bei Recyclinghöfen ablieferten. Darin inbegriffen die Neuerscheinungen, die nach dem Wegfall der Zensur entstanden waren. – Eine besondere Rolle kommt in diesem Zusammenhang dem niedersächsischen Pastor Martin Weskott zu, der sich ab 1991 über 200-mal zu den Abfallhalden aufmachte, um die Bücher vor dem Vergessen zu retten. Im Büchermagazin in Katlenburg lagern heute über eine Million ausrangierter DDR-Titel aller nur denkbaren Genres.

Im Herbst 1990 hatte der volkseigene Buchhandel faktisch aufgehört zu existieren. Am 23. November 1990 wurde die „Leitlinie zur Bewertung von Buchhandlungen“ vom Vorstand der Treuhandanstalt verabschiedet, die nicht ohne Folgen bleiben sollte. Während die Anstalt unter Detlev-Karsten Rohwedder anfangs noch die Linie vertrat, möglichst viel von der kulturellen Substanz Ostdeutschlands erhalten zu wollen, verfolgte die CDU-Politikerin Birgit Breuel, die nach Rohwedders Ermordung dessen Amt übernahm, eine Politik der zügigen Verkäufe. Heute befinden sich nahezu sämtliche Großbetriebe des DDR-Volksbuchhandels in der Hand von westdeutschen Eigentümern. So auch der Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel LKG, der 1989 mit seinen damals 1.200 Mitarbeitern noch einen Umsatz von 1,2 Milliarden Ost-Mark gestemmt hat. Die Verlagsauslieferung, die im Zuge eines MBO Management-Buy-Out von Jürgen Petry und einer 60-köpfigen Mannschaft vor dem Aus gerettet wurde, gehört seit 2009 zu KNO VA, der Koch, Neff & Oettinger Verlagsauslieferung in Stuttgart.

Dass ein flächendeckendes Sterben kleinerer Sortimenter aufgehalten wurde, ist dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel zu danken. Große westdeutsche Filialisten begannen, den ostdeutschen Buchmarkt aufzurollen und sich Filetstücke zu sichern. Nachdem die Thurn & Taxis Beteiligungsgesellschaft die volkseigenen Buchhandlungen im Bezirk Dresden en bloc gekauft hatte (Buchhandelskette Buch und Kunst, die heute zu Thalia gehört), warnten die Vorsteher der Börsenvereine Frankfurt und Leipzig in einem gemeinsamen „Memorandum für mittelständische Strukturen im DDR-Buchhandel“ im Mai 1990 vor den Gefahren der Monopolisierung. In der Folge wurde die umstrittene „Leitlinie zur Bewertung von Buchhandlungen“ revidiert und mit der Treuhand der Deal ausgehandelt, dass Angestellten aus dem Volksbuchhandel bei allen Buchhandlungen im Wert unter einer Million DM ein Vorkaufsrecht in Anspruch nehmen konnten. Legt man die Zahlen zugrunde, die Börner/Härtner (2012) dokumentieren, kann man annehmen, dass von den 707 Objekten, die Ende 1989 zum Volksbuchhandel gehörten, immerhin knapp die Hälfte an ehemalige Mitarbeiter gegangen ist.

Die Umstellung von der sozialistischen Planwirtschaft auf die Marktwirtschaft verlangte von jedem Einzelnen enorme persönliche Anstrengungen ab – und das binnen kürzester Zeit. Zwar organisierten der Börsenverein, die Frankfurter Buchmesse, westdeutsche Verlage und Verlagsauslieferungen zum Zwecke der Markteingliederung für den ostdeutschen Buchhandel unterschiedliche Hilfs- und Patenschaftsprogramme, die sicher nicht alle frei von Eigennutz gewesen sind. Freilich waren die Versuche, den ostdeutschen Kollegen auf die Sprünge zu helfen, nicht mehr als der Tropfen auf den heißen Stein. Sie hatten den Boden unter den Füßen verloren, die Zukunft des Landes war ebenso ungewiss wie die persönliche Existenz. Würde die Marktwirtschaft dem ostdeutschen Buchhandel tatsächlich das versprochene Heil bringen?

Viele Buchhandlungen, die von ehemaligen Mitarbeitern aus dem Volksbuchhandel und dem Buchvertrieb der Nationalen Volksarmee mit großem Engagement weitergeführt wurden, existieren heute nicht mehr. Darunter auch prominente Namen. Die Leipziger Hinrichs´sche Sortimentsbuchhandlung schlidderte bereits im Herbst 1991 in die Liquidation – drei Monate zuvor hatten die Angestellten noch das 200-jährige Firmenjubiläum gefeiert. Die renommierte Brecht-Buchhandlung, die 1990 von zwei Mitarbeiterinnen übernommen worden war, musste im Juli 2003 ihr Aus vermelden. Die Karl-Marx-Buchhandlung am Alexanderplatz, zu DDR-Zeiten für Westberliner Studenten und Links-Intellektuelle ein Mekka, machte 2008 dicht.

Welches Schicksal widerfuhr privat geführten Sortimenten nach der Wende? Hier kann man nur mutmaßen. Nach Dietrich Löffler soll LKG im Jahr 1987 noch 203 private Buchhandlungen beliefert haben. (Löffler, o.J., S. 31). Zum Vergleich: Laut Jürgen Petry gehörten zum Jahresende 1970 immerhin noch 802 private Sortimenter zum Kundenkreis der LKG. (Petry 2001, S. 106.) – Sicherlich hat es nicht nur die Erfurter Buchhandlung Peterknecht geschafft, sich auch nach 1990 zu behaupten und am Markt neu zu positionieren …

In der kommenden Woche lesen wir hier einen Gastbeitrag von André Gottwald zur Situation der Druckereien in der DDR

Mangel im Überfluss: „Von einer Auswahl kann niemals die Rede sein.“ Buchhandel in der DDR (Teil 4)

Womöglich habe ich mir mit dem Vorhaben, die Geschichte des DDR-Buchhandels auszuloten, zu viel vorgenommen? Je länger mich die Materie allerdings beschäftigt, desto mehr Fragen stellen sich, die nur diejenigen beantworten können, die dabei gewesen sind.

Trotzdem habe ich Mut zur Lücke: In fünf Folgen werde ich darlegen, was ich bisher zur Entwicklung des Buchhandels in der DDR (Teil 1 – 4) und nach der Wende (Teil 5) trotz spärlicher Quellen recherchiert habe. – Warum wage ich diese Skizze? Weil ich mir erhoffe, dass sich Zeitzeugen einfinden, die das eine und andere aus der eigenen Erfahrung zurechtrücken und/oder Lücken schließen.

Eine Zusammenstellung der verwendeten Quellen findet sich hier.

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Autokennzeichen der DDR © GvP

Autokennzeichen der DDR © GvP

Eigentlich hätten sich die Verantwortlichen in den staatlichen Leitungen, die den Literaturvertrieb kontrollierten, relativ früh bewusst sein müssen, dass sich der Buchhandel in generalis nicht auf Linie trimmen ließ. Nicht etwa, weil er in Opposition zum System gestanden hätte, sondern, weil sich Lesebedürfnisse nicht per Dekret steuern lassen. Dass die Partei dennoch bis 1989 am Versuch festhielt, dem Buchhandel eine Funktion als Transmissionsriemen ihres jeweiligen ideologischen Kurses zuzuschreiben, gehört mit zu den Paradoxien der DDR-Geschichte. Aus heutiger Sicht mag man über die systemimmanenten Widersprüche, die auch so manche kuriose Blüten trieben, gerne den Kopf schütteln. Allerdings darf man darüber nicht das menschliche Leid vergessen.

Wer in die Prozesse involviert war, dem dürfte bereits in den frühen Jahren der DDR klar gewesen sein, dass die Absatzschwierigkeiten und –krisen nicht jenen angelastet werden konnten, die die Literatur vertrieben. Eine deutliche Warnung etwa waren die ständig lauter werdenden Forderungen des Volksbuchhandels, in den Produktionsplänen die Lesebedürfnisse stärker zu berücksichtigen und solche Titel nachzudrucken, die bei den Kunden gefragt waren. Tatsächlich fehlte es bereits im ersten Halbjahr 1961 an nahezu allem: Kochbücher, der Duden oder leichte Unterhaltungsliteratur waren ebenso wenig greifbar wie Reiseführer zu Zielen, die für DDR-Bürger damals erreichbar waren. Dass ausgerechnet jene Bücher nicht vorrätig waren, auf deren Erbe sich die „Literaturgesellschaft“ offiziell berief, stieß so manchen vor den Kopf:

„Es fehlten Koch-, Back-, Camping- und Ehebücher, Ratgeber über Säuglingspflege, Handwerks- und Haushaltskniffe, Gartenpflege und Pilze, Konzert- und Opernführer, ein Auto-Atlas und ‚Wir schneidern selbst‘. Solche Titel waren meistens bereits vorm Erscheinen hoffnungslos ‚überzeichnet‘, wie der ‚Duden‘, von dem zwar immerhin 37.000 Stück gedruckt, aber 115.000 Exemplare bestellt waren. Es gab, wie beklagt wurde, zwar kein Buch über Usedom, aber zwei über Guinea und nicht weniger als 26 Titel über die Novemberevolution. Was Belletristik anging, so waren im ersten Halbjahr 1961 von 1.399 angekündigten Titeln 579 entweder nicht erschienen oder stark überzeichnet, während andere verlangte Bücher längst aus den Plänen gestrichen waren. […]. Besonderen Anklang finden bei der Bevölkerung Bücher von W. Busch (Busch-Album), Zille und Simmel. Viel verlangt werden Bücher, die sich in heiterer und besinnlicher Form mit den Umgangsformen im öffentlichen Leben beschäftigten, doch alle diese Bücher sind seit langem vergriffen. […]. Verlangt wurden Shakespeare, Balzac, Stendal, Hugo Dickens, Thackeray, Tolstoi, Turgenjew, Puschkin, Dostojewski, aber selten konnte ein Titel angeboten werden. Von einer Auswahl kann niemals die Rede sein. Sogar in der Volksbuchhandlung am Alexanderplatz, kurz vor dem Mauerbau ein Schaufenster von strategischer Bedeutung, starrten den zahlreichen Freunden des ‚Kritischen Realismus‘ nur noch leere Regale entgegen. Aus allen Kreisen der Bevölkerung werden namentlich Werke der Brüder Mann, von Feuchtwanger, Fontane, Storm, Hauptmann und v. Eichendorff verlangt, von den russischen Schriftstellern die von Dostojewski, Tschechow, Tolstoi und Gogol, und von französischen Schriftstellern die Titel von Balzac, Zola, Maupassant und Diderot. – Außerdem dem Buch ‚Der Untertan‘ von H. Mann kann in dieser Richtung keinen Wünschen entsprochen werden. […]. Von Seiten der Kundschaft wurde bemängelt, dass zwar die Urne des Dichters in die DDR überführt worden ist, die Presse, Rundfunk und Fernsehen diese Tatsache entsprechend publizieren, der Buchhandel jedoch keine Literatur von Heinrich Mann anbieten kann. […] Allgemein ist zu sagen, dass es gegenwärtig keine Titel eines Klassikers der Weltliteratur gibt. Besonders krass ist das bei Goethe und Schiller.“ (Zit. nach Barck/Langermann/Lokatis 1997, S. 165f.)

Sehr wohl wurde die Misere im Buchhandel, die ursächlich zu Lasten der Kulturpolitik ging, immer wieder offen thematisiert. Sowohl in informellen Gesprächen auf verantwortlichen Ebenen wie auch während der offiziellen Runden, die im Ministerium für Kultur, bei der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel oder in den sogenannten Literaturarbeitsgemeinschaften stattgefunden haben. Eine wichtige Quelle für die Recherche sind zweifelsohne die Jahresberichte der Zentralen Leitung des Volksbuchhandels, die ab 1959 regelmäßig angefertigt wurden. Anfangs mussten die Rechenschaftsberichte vor der Abteilung Finanzverwaltung und Parteibetriebe des ZK der SED, später dann vor der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel im Ministerium für Kultur vom amtierenden Hauptdirektor des Volksbuchhandels erläutert und verteidigt werden. Heinz Börner, Hauptdirektor ab 1983, berichtet, dass die Probleme im Laufe der Jahre in den Berichten immer offener und kritischer zur Sprache gekommen seien. Die Einflussmöglichkeiten dagegen, diese zu beheben, seien im Gegenzug immer geringer geworden.

Informationen über die Lesebedürfnisse kamen auch von den so genannten Testbuchhandlungen, die damals vorrangig von Fachbuch-Verlagen mit dem Ziel betrieben wurden, empirische Daten für die eigenen Planungen zu gewinnen. Intensive Buchmarktforschung betrieb die Zentrale Auslieferung LKG. Hier existierte eigens die Abteilung Bedarfs-/Buchmarktforschung, die die regelmäßigen Ergebnisse von Befragungen unter Kunden der Volksbuchhandlungen auswertete und dokumentierte. Ab 1965 unterstand sie direkt Georg Lindorf, dem damals frisch ernannten Finanzchef der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel. Um den Wünschen der Leser noch besser auf die Spur kommen zu können, organisierte LKG ab den späten 1970er sogar im großen Stil Umfragen unter der Bevölkerung. Wie das 1957 in Leipzig gegründete Institut für Marktforschung im Übrigen auch, das regelmäßige Erhebungen zum Lese- und Freizeitverhalten durchführte. – Die Ergebnisse flossen in die Jahresberichte der LKG ein, die an die Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel gingen. Ein Zitat aus dem Rechenschaftsbericht aus dem Jahr 1971 belegt, dass sich die Lage seit 1961 nicht entspannt hatte. An Nachschlagewerken, Klassikern und Unterhaltungsliteratur herrschte weiterhin Mangel.

Es fehlten Nachauflagen von Wörterbüchern, darunter medizinische Wörterbücher. Die Auflagenhöhen von biologischen Bestimmungsbüchern sowie Titel von Titeln über Familie, Ehe, Lebensweise waren nicht ausreichend. Besonders unzureichend waren die Auflagen der Gartenbücher des Neumann-Verlages, der Koch- Back- und Haushaltsbücher vom Fachbuchverlag und vom Verlag für die Frau. Im Bereich der schöngeistigen Literatur fehlten über die ‚Bibliothek der Klassiker‘ hinaus ein Grundsortiment ständig lieferbarer Titel des deutschen kulturellen Erbes. […]. Nicht befriedigt wurde der Bedarf an utopischer und Kriminalliteratur sowie im historischen und humoristischen Genre. Bei der Kinderliteratur bestehen Lücken im Angebot für das Erstlesealter und in Titelzahl und Auflagenhöhe bei Kinderbuchreihen.“ (Zit. nach Löffler, o.J., S. 20.)

Ein Organ, das sich – wie Heinz Börner anmerkt – für die Belange der Sortimenter stark gemacht hat, soll die Fachzeitschrift „Der Volksbuchhändler“ gewesen sein. Sie wurde ab Dezember 1958 erst monatlich, später zwei Mal monatlich von der Zentrale Leitung des Volksbuchhandels herausgegeben. Über die Gründe, warum die Fachzeitschrift 1965 urplötzlich vom Markt verschwunden ist, mag man spekulieren. Da das Blatt damals bei den Branchenteilnehmern beliebter gewesen sein soll als das Leipziger „Börsenblatt“, kann man unterstellen, dass „Der Volksbuchhändler“ den Interessen der Branche mehr entsprach als das Organ vom Leipziger Börsenverein für den deutschen Buchhandel.

Obwohl der volkswirtschaftliche Schaden beträchtlich war, drangen die kritischen Stimmen oben nicht durch. Zwar wurden gelegentlich Auflagenhöhen korrigiert oder Nachauflagen gedruckt. Das grundsätzliche Problem allerdings, dass der Überproduktion vom politisch genehmen „Schwerpunkttiteln“, die nicht gekauft wurden, ein permanenter Mangel von nachgefragten Büchern gegenüberstand, wurde nie gelöst. Um den Bedarf befriedigen zu können, ging der Buchhandel früh dazu über, marktfähige Bücher in größeren Mengen vorzubestellen als am Point of Sale tatsächlich gebraucht wurden. Anfangs waren davon vorrangig Kinderbücher und Kalender betroffen, später nahezu alles, was man für lesenswert hielt. Damit wurde eine folgenschwere Entwicklung in Gang gesetzt, der man trotz verschiedener Versuche, diese wieder zu stoppen, bis zum Ende der DDR nicht mehr Herr werden sollte.

Ende der 1960er ging LKG dazu über, die marktfähigen Titel, die wissentlich überproportional häufig geordert wurden, nach einem speziellen Verteilerschlüssel an den Buchhandel auszuliefern. 69% erhielt der Volksbuchhandel. 24% gingen an den Buchvertrieb der Nationalen Volksarmee und die verbliebenen 7% an die privaten Buchhandlungen. Schon 1970 lieferte LKG nahezu 25% aller Titel gekürzt aus, im Bereich Belletristik/Kinderbuch waren fast 50% betroffen (Petry 2001, S. 105.) Da die Sortimenter jetzt dazu übergingen, ihre Bestellungen auf Grundlage der zu erwartenden Kürzungen zu kalkulieren, spitzte sich die Lage dramatisch zu. In den 1980ern Jahren wusste man sich schließlich nicht mehr anders zu helfen, als die Bestellungen administrativ zu kürzen. Von den Kürzungen ausgenommen waren: die Testbuchhandlungen der Verlage, der seit 1966 eigenständig geführte Buch- und Zeitschriftenvertrieb der Nationalen Volksarmee, die Bibliotheken, die Bücher, die für den Export bestimmt waren, sowie die Ostberliner Brecht-Buchhandlung in der Chausseestraße, die zu einem Mekka für begehrten Lesestoff wurde. – Fortan war der DDR-Buchmarkt zweigeteilt: in eine kleine, privilegierte Gruppe, die Bücher uneingeschränkt beziehen konnte, und das Gros jener, deren Bestellungen nur selten zufriedenstellend erfüllt wurden.

Die Entwicklungen schlugen sich auch in der „Ordnung für den Literaturvertrieb“ nieder. Hatte die Fassung von 1976 Kunden noch die Möglichkeit eingeräumt, Titel unverbindlich vormerken zu lassen, ließ die buchhändlerische DDR-Verkehrsordnung das ab 1981 nur noch in dem Fall zu, wenn die Buchhandlung sicherstellen konnte, dass die Titel auch geliefert wurden. Dass diese Regelung in der Praxis vielfach unterlaufen wurde, ist zu vermuten.

Aus den Fugen geriet der Buchmarkt vollends als den Verlagen die Handhabe eingeräumt wurde, Teile ihrer Auflagen für die Auslieferung an den Buchhandel bei LKG zu blockieren. Da die Verlage immer reger davon Gebrauch machten, Bücher für den Eigenbedarf oder den Export für sich zu reklamieren, verknappte sich gerade die Menge jener Titel zusehends, die nachgefragt wurden. Einem Bericht der LKG zufolge waren Ende 1987 in den Bereichen Belletristik, Kinder- und Jugendliteratur, Sport-, Freizeit- und Ratgeber 12% des gesamten lieferbaren Bestandes geblockt (Löffler, o.J., S. 21.) Zu Irritationen sowohl bei den Sortimentern wie bei den Kunden kam es häufig dann, wenn die Verlage bei LKG verfügten, die Blockierungen wieder aufzuheben, und plötzlich Titel im Buchhandel auftauchten, die offiziell längst als vergriffen galten.

Das Geschäftsgebaren der Verlage dürfte bei den Sortimentern auf ebenso wenig Verständnis gestoßen sein wie der Tatbestand, dass es insbesondere der Buchvertrieb der NVA als ungekürzter Bezieher gewesen ist, der gängige Waren in hohen Stückzahlen vom Markt abschöpfte und damit dem Volksbuchhandel den Umsatz streitig machte. Einige Beispiele, wie sich das Verhältnis zwischen Buchbestellung und Buchbezug im 1. Quartal 1989 ausnahm, bringt Dietrich Löffler. So waren etwa von Boccaccios „Decamerone“ 20.000 Exemplare gedruckt worden. Vom Volksbuchhandel vorbestellt waren 91.797 Ausgaben. Bei der Zentralen Auslieferung LKG angeliefert wurden 19.885 Bücher, durch den Verlag blockiert waren 10.000. An die circa 710 Volksbuchhandlungen gingen schließlich 5.108 Exemplare, an den Buchvertrieb der NVA mit seinen damals etwa 139 Verkaufsstellen 4.777 Exemplare. (Löffler, o.J., S. 23.)

In ihrer „Geschichte des Volksbuchhandels“ halten Börner/Härtner fest, dass der Volksbuchhandel als gekürzter Bezieher zwischen 1987 und 1989 selbst bei hohen Auflagen oftmals gänzlich leer ausgegangen sei. Diese Erfahrung teilt auch Heike Wenige. In ihrer Wirkungsstätte, der Freiberger „Akademischen Buchhandlung für Montanwissenschaften“, herrschte in den späten 1980er immer dann besonders große Aufregung, wenn die Paletten von LKG eintrafen: Was war dabei? Und Ines Günther, die ab 1982 in der Leipziger Universitätsbuchhandlung gearbeitet hat, erinnert sich: „Natürlich waren Koch-Gartenbücher, Auto-Reiseatlanten, Märchenbücher vom tschechischen Artiaverlag heiß begehrt und viel zu wenig. Wenn ‚Rat für jeden Gartentag‘ oder ‚Deine Gesundheit‘ angekündigt waren, dann wurden eben 500 Exemplare bestellt, um letzten Endes vielleicht 10 zu bekommen. So war es halt …“

Teil 5 „Vom Mangel zum Überfluss. Die Wende und der DDR-Buchhandel“ folgt kommende Woche. Die vorangegangenen Folgen kann man hier nachlesen

„Im Großhandel lagern alle meine Bücher …“ – Buchhandel in der DDR (Teil 3)

Womöglich habe ich mir mit dem Vorhaben, die Geschichte des DDR-Buchhandels auszuloten, zu viel vorgenommen? Je länger mich die Materie allerdings beschäftigt, desto mehr Fragen stellen sich, die nur diejenigen beantworten können, die dabei gewesen sind.

Trotzdem habe ich Mut zur Lücke: In fünf Folgen werde ich darlegen, was ich bisher zur Entwicklung des Buchhandels in der DDR (Teil 1 – 4) und nach der Wende (Teil 5) trotz spärlicher Quellen recherchiert habe. – Warum wage ich diese Skizze? Weil ich mir erhoffe, dass sich Zeitzeugen einfinden, die das eine und andere aus der eigenen Erfahrung zurechtrücken und/oder Lücken schließen.

Eine Zusammenstellung der verwendeten Quellen findet sich hier. Und wer die ersten Folgen nachlesen möchte, der wird hier fündig.

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Autokennzeichen der DDR © GvP

Autokennzeichen der DDR © GvP

Einfach hatte man es als Buchhändler in der DDR wahrlich nicht. Druck seitens der Partei, nicht die richtigen Bücher in angemessenen Mengen über die Ladentheke zu bringen, und Ansprüche seitens der Kundschaft, die ihren eigenen Kopf hatten und anderes lesen wollten als das, was die Partei für richtig hielt. Hinzu kamen andere Beschwernisse. So waren die Läden vielfach renovierungsbedürftig und die Einrichtungen veraltet oder nicht funktional. Nicht zuletzt fehlte es an ansprechenden Dekomaterialen für die Schaufenster. Zeitweilig sollen die Auslagen sogar gänzlich leer geblieben sein. Die Laune gehoben haben dürften auch die Schulungsunterlagen nicht, die im Volksbuchhandel ab den 1960ern zunehmend Pflichtlektüre wurden. Die „Ökonomik des Buchhandels“ (1962), „Literaturpropaganda im Schaufenster“ (1962), die „Ordnung für den Buchhandelsleiter“ (1965) oder die „Arbeitsanweisung für den Wareneingang und Warenausgang sowie für die Lagerhaltung“ (1968) – um nur einige Publikationen aus dieser Zeit zu nennen.

Unterkriegen ließen sich die Buchhändler freilich nicht – Mangel macht bekanntlich erfinderisch. Man behalf sich so gut es eben ging und versuchte auf trickreichen Wegen, die nicht immer ganz legal gewesen sein dürften, marktgängige Ware zu beschaffen. Einerseits über gute Beziehungen zu den Verlagen und zur LKG. Bisweilen aber sollen auf dem Transportweg von den Druckereien zur Auslieferung auch stapelweise Bücher verloren gegangen sein.

In die Kerbe, Buchhändler für den stockenden Absatz verantwortlich zu machen, haben offenbar auch Schriftsteller geschlagen. Von zwei solchen Fällen berichtet Heinz Börner, der letzte amtierende Hauptdirektor des Volksbuchhandels, in der „Geschichte des Volksbuchhandel“, die er 2012 gemeinsam mit Bernd Härtner veröffentlicht hat, der zu DDR-Zeiten ebenfalls leitende Funktionen im volkseigenen Buchhandel inne hatte. Die Beiden schreiben, dass Wolfgang Joho vor dem IV. Schriftstellerkongress im Jahr 1956 Buchhändlern unisono die Fähigkeit abgesprochen haben soll, „mit einer besonderen Ware zu handeln.“

Aufschlussreicher als die kurze Notiz über Wolfgang Joho, der zehn Jahre später ins Visier der Staatssicherheit geraten sollte, ist der andere Fall, den Börner/Härtner in ihrer „Geschichte des Volksbuchhandel“ erwähnen. Deutlich wird daran auch, wie problematisch zeitgeschichtliche Darstellungen sein können, die vornehmlich auf die eigenen Erfahrungen und Erinnerungen rekurrieren. So unerlässlich die „Geschichte des Volksbuchhandel“ sicherlich als Quelle für eine Rekonstruktion der Entwicklung des Buchhandels der DDR zwischen 1945 und 1990 auch ist, so sehr muss sie auch hinterfragt und kritisch „zwischen den Zeilen“ gelesen werden.

„Der bis dahin kaum bekannte Schriftsteller J.C. Schwarz hatte den vermeintlich ungenügenden Absatz seines Buches ‚Der neue Direktor‘ statt mit dessen Qualität mit den Verkaufsbemühungen des Volksbuchhandels erklärt, wieder mit dem Argument, der Volksbuchhandel setze sich nicht genügend für die Gegenwartsliteratur ein. Prompt kam das entsprechende Räderwerk ins Laufen, diesmal mit ganz großer Übersetzung. Auf dem 14. Plenum des ZK der SED [im November 1961] stellte Walter Ulbricht höchstpersönlich fest: ‚Das System des Buchvertriebs in der DDR ist unzulänglich und muss überprüft werden‘.“

Die Rede ist von Joachim Chaim Schwarz, der 1950 aus Palästina in die junge DDR gekommen war. Seit seiner Rückkehr hatte sich der überzeugte Sozialist mit Kräften um eine Mitgliedschaft in der SED bemüht, die ihm 1953 freilich unter anderem wegen seiner vermeintlichen Zugehörigkeit zu „zionistischen Kreisen“ verwehrt wurde. Schwarz, dessen literarisches Talent kein geringerer als der Schriftsteller Franz Fühmann förderte, galt in den frühen 1960ern längst als ein viel versprechender junger Autor. Für seine zahlreichen Reportagen, die zwischen 1953 und 1955 in der „Täglichen Rundschau“ erschienen waren, und die sieben Reportage-Romane, die zwischen 1955 und 1962 publiziert worden waren, hatte er viel Beachtung und Lob gefunden. Und für das Buch „Der neue Direktor“, auf das sich Börner/Härtner beziehen, war ihm – entsprechend der kulturpolitischen Linie des „Bitterfelder Weges“ – 1961 sogar der Literaturpreis des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes zugesprochen worden.

Schon drei Jahre darauf war der Traum von einer literarischen Karriere im Gefolge des Bitterfelder Weges für J. C. Schwarz allerdings wieder vorbei. Da das Konzept, die Kulturschaffenden durch einen Einsatz in der Produktion an die Partei und die werktätige Klasse zu binden, nicht aufgegangen war, wurde der kulturpolitische Kurs wieder korrigiert, den man im April 1959 auf der ersten „Bitterfelder Konferenz“ eingeschlagen hatte. Ende 1965 rückte man davon wieder ab. Die Folgen des Kurswechsels waren nicht nur für Schwarz, sondern auch für andere Künstler folgenreich, die sich vor den Bitterfelder Karren hatten spannen lassen. Schwarz wurde 1966 vorgeworfen, in seinen Büchern die Arbeiter- und Bauernklasse zu verhöhnen. Schlimmer konnte es damals nicht kommen! Unter dem Pseudonym Carl Jakob Danzinger veröffentlichte er zehn Jahre darauf seine Bücher vornehmlich in der Bundesrepublik. So 1976 den autobiografischen Roman „Die Partei hat immer Recht“, in dem er seine desillusionierenden Erfahrungen als Autor und als Sozialist beschreibt.

Die Biografie von J. C. Schwarz wirft auch Schlaglichter auf die Schwierigkeiten von Produktion und Distribution solcher Bücher, die lediglich mit der Intention gedruckt worden waren, der kulturpolitischen Linie schnellstmöglich Folge zu leisten. Für sein erstes Buch wurde J. C. Schwarz 1953 vom Mitteldeutschen Verlag verpflichtet, für den er in den nachfolgenden Jahren diverse Auftragsarbeiten verfasste, die mit heißer Nadel getrickt werden mussten. Dabei blieben seine ehrgeizigen literarischen Ambitionen auf der Strecke. Außerdem waren die Eingriffe seines Lektoren in das Manuskript so heftig, dass am Ende ein „Quatschbuch“ herausgekommen war, das keiner lesen, geschweige denn jemand kaufen wollte.

„Er [der Lektor] machte mit mir einen Vertrag und verpflichtete mich, das Buch druckfertig zu machen. Das bedeutete, dass ich es in den nächsten zwei Jahren bis 1955, dreimal umschreiben musste. Bei jeder Umarbeitung machte ein Stück des Wesentlichen einem Stück der Verpackung Platz, mit anderen Worten: das Buch entfernte sich von Umarbeitung zu Umarbeitung immer weiter von dem ursprünglichen Erlebnis und der ursprünglichen Absicht des Verfassers, es enthielt am Ende nichts mehr, das zum Lachen und Weinen Anlass bot. […]. Ein Quatschbuch entstand, es wurde von keinem ernstzunehmenden Menschen ernst genommen.“

Schwarzens Verlag sollte sich im Verlauf der 1960er zu einem wichtigen Haus für die junge DDR-Literatur entwickeln, die nach der Bitterfelder Konferenz in hoher Schlagzahl produziert wurde. Freilich stand die Bedeutung des Mitteldeutschen Verlages, die dem Haus gemäß den Kulturpolitiker für die Entwicklung einer „sozialistischen Nationalkultur“ zukommen sollte, niemals im Verhältnis zum Buchverkauf. Schon 1961 verzeichnete der Verlag Ausstände in Höhe von 1,657 Millionen Ostmark. Im darauffolgenden Sommer war der Bestand an unverkäuflichen Titeln bereits auf einen Wert von 2,2 Millionen angewachsen, der allein bei der LKG einlagerte. (Barck/Langermann/Lokatis 1997, S. 158.)

In solchen Situationen war es vornehmlich der vertreibende Buchhandel, der die wirtschaftlichen Risiken zu tragen beziehungsweise auszubaden hatte. Absatzkrisen waren aber auch für die betroffenen Autoren schmerzhaft, worüber J. C. Schwarz in seinem autobiografischen Roman „Die Partei hat immer Recht“ ebenfalls schreibt:

„Im Großhandel lagen alle meine Bücher und konnten nicht abgesetzt werden, man warf sie am Ende für fünfzig Pfennig das Stück auf den Markt, wo sie auf Wägelchen des Straßenhandels zusammen mit den unverkäuflichen und preisgeminderten Büchern anderer Autoren in der ‚Woche des Buches‘ dem Publikum angeboten wurden … Zuerst lache ich. Ich kaufe zehn meiner eigenen Bücher zum Spottpreis von fünf Mark. Dann gehe ich zur S-Bahn hinauf und lasse mich nach Treptow fahren. In der Ecke sitzend, meine billigen Bücher in der Tasche, rollen mir die Tränen übers Gesicht.“

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„Die Skizzen zum Buchhandel in der DDR zu lesen, war dann doch irgendwie schmerzhaft.“ – Ein erstes Gespräch mit der ehemaligen Volksbuchhändlerin Heike Wenige folgt kommende Woche

„Das richtige Buch zur richtigen Zeit in die richtigen Hände.“ – Buchhandel in der DDR (Teil 2)

Womöglich habe ich mir mit dem Vorhaben, die Geschichte des DDR-Buchhandels auszuloten, zu viel vorgenommen? Je länger mich die Materie allerdings beschäftigt, desto mehr Fragen stellen sich, die nur diejenigen beantworten können, die dabei gewesen sind.

Trotzdem habe ich Mut zur Lücke: In fünf Folgen werde ich darlegen, was ich bisher zur Entwicklung des Buchhandels in der DDR (Teil 1 – 4) und nach der Wende (Teil 5) trotz spärlicher Quellen recherchiert habe. – Warum wage ich diese Skizze? Weil ich mir erhoffe, dass sich Zeitzeugen einfinden, die das eine und andere aus der eigenen Erfahrung zurechtrücken und/oder Lücken schließen.

Eine Zusammenstellung der verwendeten Quellen findet sich hier.

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Autokennzeichen der DDR © GvP

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Gemessen wurde der DDR-Buchhandel daran, inwieweit er den Anforderungen nachkam, die gemäß den beschlossenen Jahresplänen in staatlichen Planungskennziffern festgelegt waren. Hauptkennziffer war der vorgegebene Warenumsatz. Um Anreize bei den Mitarbeitern zu schaffen, die Kennziffern der staatlichen Planung zu erfüllen, gab es ein Prämienmodell, welches die ohnehin nicht üppig bemessenen Bezüge aufbessern sollte. Außerdem konnten Volksbuchhändler Vergünstigungen wie etwa Preisnachlässe bei Besuchen von kulturellen Einrichtungen und Veranstaltungen in Anspruch nehmen. Angestellte hingegen, die in privatwirtschaftlich geführten Läden beschäftigt waren, durften lediglich die Hälfte des Tariflohnes erhalten, der für den volkseigenen Sektor vorgeschrieben war. Grundlage dafür war der sogenannte Gehaltsgruppenkatalog für den Volksbuchhandel, nach dem das Anfangsgehalt eines Sortimenters mit dem Berufsabschluss Buchhändler 350 Ostmark betrug.

Ein wichtiges Arbeitsmittel war die „Einheitliche Systematik“, die Anfang der 1960er eingeführt wurde. Erfunden hatte sie der Dresdner Buchhändler Schneider, genannt ES Schneider. Bestellt wurde seit 1949 auf einem einheitlichen Bestellzettel in DIN-A6 Format, ein Verlagsnummernsystem gab es seit 1952. An dem Verfahren, Titel handschriftlich zu bestellen, wurde bis zum Ende der DDR festgehalten.  Von den 707 existierenden Volksbuchhandlungen verfügte 1989 nicht eine einzige über einen Computer. Mit Ausnahme des Dietz-Verlages, für dessen Publikationen es je nach Buchhandelsgröße feste Bezugsstaffeln gab, konnten die jeweiligen Sortimente frei zusammengestellt werden. – Jedenfalls im Idealfall.

Bestellt wurden die Titel bei der zentralen Auslieferung Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel, kurz: LKG. Der 1946 gegründete Monopolist war verpflichtet, die Bestände aller DDR-Verlage ohne Zeitlimit kostenlos einzulagern. Bestellgrundlagen waren der seit 1948 alljährlich erscheinende Lagerkatalog der LKG und der Vorankündigungsdienst (VD), in dem die neuen Titel, meist mit kurzen Angaben zu Inhalt und Zielgruppen, sechs bis acht Wochen vor Erscheinen annotiert wurden. Dass die angekündigten Auslieferungstermine so gut wie nie eingehalten wurden, war ein offenes Geheimnis. Der Vorankündigungsdienst, den LKG seit 1952 herausgab, lag wöchentlich dem Leipziger Börsenblatt als Heft bei. Bei den Kunden besonders nachgefragt und entsprechend häufig vorbestellt waren immer Ratgeber, besonders aus dem Do-It-Yourself-Bereich, Sach- und Fachbücher sowie Kinderbücher und Kalender. Um „Überzeichnungen“ dieser marktgängigen Titel abzustellen, ließ man später im Vorankündigungsdienst solche Titel einfach aus, die erfahrungsgemäß ein besonders großes Echo finden würden.

Immer stand der DDR-Buchhandel vor dem Dilemma, dass seine Kundschaft gerade das nicht konsumieren wollte, was er ihr namens der Partei hätte schmackhaft machen sollen. Die politisch genehmen Titel, die in hoher Auflage produziert wurden, waren nicht loszuschlagen. Das jedoch, was weggegangen wäre wie geschnitten Brot, war zumeist nicht lieferbar. Dieses Missverhältnis zeitigte Kunden, die immer ungeduldiger nach Lesestoffen außerhalb des geltenden Kanons fragten und ihren Unmut bisweilen auch bei jenen abluden, die für die Misere nichts konnten – den Buchhändlern. Die wiederum kühlten ihr Mütchen an LKG, der für die Missstände ebenfalls nichts konnte.

Mit der Zeit stauten sich in den Läden Massen an unverkäuflichen Büchern, die laut Plan aber vorgehalten werden mussten. In der Folge, dass die Läden aus allen Nähten platzen, spitzte sich die Situation auch bei der LKG immer dramatischer zu. Dort wusste man sich ab den 1970ern gelegentlich nicht anders zu helfen, als die unverkäuflichen Bestände ins Freie auszulagern, wo sie in Ermangelung von Schutzplanen, die nirgends aufgetrieben werden konnten, auch Wind und Wetter ausgesetzt waren. Vergleichbares sollte sich auch nach der Wende ereignen, als der Buchhandel seine Regale für die begehrten West-Titel räumte. In der Not wurden tonnenweise Bücher in einen stillgelegten Tagebau gekippt. Darunter sogar solche Titel, die vor kurzer Zeit in der DDR noch heiß begehrt waren.

Der ehemalige Hauptdirektor des Volksbuchhandels, Heinz Börner, berichtet von Bemühungen, die unverkäuflichen Bücher in der DDR umzuverteilen. So wurde Mitte der 1950er Jahre auf dem Leipziger Messegelände eigens die Halle 9 angemietet, um Platz für Bestände zu schaffen, die aus allen Teilen der Republik zusammengekommen waren. Der Versuch, Bücher an den Mann zu bringen, die keiner haben wollte, missglückte allerdings gründlich, weil man die Bedingungen der damaligen Zeit aus dem Auge verloren hatte. Entweder fehlten Kraftfahrzeuge für die Beförderung der Bücher. Oder es mangelte an Benzin für die Transportwagen.

Dem nicht genug. Die Bezeichnung „Halle 9“ sollte zu einem Synonym für jene Missstände avancieren, die die sozialistische Planwirtschaft Mitte der 1950er hervorgebracht hatte. Der Umstand, dass sich derartige Halden an unverkäuflichen Titeln hatten bilden können, obwohl die Bücher doch nach Plan produziert worden waren, durfte nicht sein. Zumal es sich bei den unverkäuflichen Büchern vorrangig um Titel aus dem parteieigenen Dietz-Verlag handelte. Im Juli 1957 berief das Politbüro der SED eine Kommission, um die literaturverbreitenden Institutionen zu überprüfen und gegebenenfalls deren Arbeit zu optimieren. In den nachfolgenden zwei Jahren sollten sich eine ganze Reihe von Untersuchungsausschüssen und Parteibeschlüssen mit dem Ziel beschäftigen, Buchhändler von ihrer politisch-ideologischen Funktion zu überzeugen.

Die Folgen waren erheblich. Die Zentrale Verwaltung des Volksbuchhandels, die sich nach einigen Umstrukturierungen schließlich im Januar 1954 gebildet hatte, wurde nach nur vier Jahren wieder aufgelöst. Fritz Brilla (geb. 1907), der sich u.a. für die Koexistenz privater Buchhandlungen ausgesprochen hatte, verlor seinen Leitungsposten. Andere Mitarbeiter aus der Zentralen Verwaltung gingen 1958 offenbar nach Westdeutschland. Außerdem soll es zu einer Enteignungswelle gekommen sein.

Zum 1. Juli 1958 übernahm die sogenannte Zentrale Leitung die Aufgaben der bisherigen Zentralen Verwaltung. Bis zum Ende der DDR residierte sie – wie ehemals die Verwaltung auch – in der Friedrich-Ebert-Straße 25 in Leipzig. Allein die Umbenennung ist signifikant für die Konsolidierung eines Literaturvertriebs, der vollständig gelenkt und kontrolliert werden sollte, um die politischen Vorgaben zu erfüllen. Die Leitung übernahm Hellmuth Fischer (geb. 1916), der die Funktion 25 Jahre innehaben sollte. Ihm sollte Heinz Börner (geb. 1934) folgen, der ehemals Offizier bei den Seestreitkräften war.

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Buchhandel in der DDR (Teil 3) „Im Großhandel lagen alle meine Bücher …“ folgt kommende Woche