„Insgesamt ist mir auch der Buchmarkt zu unübersichtlich geworden.“ – SteglitzMind stellt Matthias Mehner von der Buchhandlung “Buchfinger“ vor

Sind Buchhändler tatsächlich die Verlierer der Digitalisierung? Wie gehen sie mit den Schreckensszenarien um? Wo sehen sie Risiken, wo Chancen und welche Weichen stellen sie, um zukunftsfähig zu bleiben? Wie halten sie es mit dem E-Book und wären Titel von Self Publishern für sie eine Option? Diese u.a. Aspekte beleuchtet seit Juli 2013 die Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor”, in der Interviewpartner in loser Folge standardisierte Fragen beantworten.

Heute lernen wir Matthias Mehner von der Berliner Buchhandlung „Buchfinger“ etwas näher kennen. – Wie es zur Gründung der Buchhandlung im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick kam, darüber hat der „Freitag“ im April 2004 berichtet.

Eine Skizze vom Laden …

Matthias Mehner © Mario Zschocke

Matthias Mehner © Mario Zschocke

Seit mehr als 50 Jahren befindet sich an der Plesser- /Ecke Kiefholzstraße ein Buchladen. Seine Eröffnung fiel zeitnah mit der renommierten Einrichtung auf der damaligen Stalinallee, nämlich der Karl-Marx-Buchhandlung, zusammen. Genau wie die Verkaufsräume im heutigen Berlin-Mitte wurde auch das Interieur in Treptow vom Ladenbau Zwickau gestaltet und behielt bis heute sein unverwechselbare Aussehen, das durch seine funktionale Raumgestaltung, Material und Farbe beeindruckt. Bis zum Mauerfall wurde der Laden vom Volksbuchhandel betrieben, danach – bis Ende der 1990er Jahre – trug die Buchhandlung den Namen des damaligen Inhabers Michael Herbst. Ab 2003 führt Matthias Mehner, ein ehemaliger Mitarbeiter der bereits erwähnten Karl-Marx-Buchhandlung, das Geschäft in alleiniger Regie mit dem extravaganten Beititel „Buchfinger“ weiter – eine Hommage an den bis zu seinem Tod im Kiez lebenden Grafiker und Cartoonisten Manfred Bofinger (1941 – 2006). Die seit zwei Jahren geplante Übergabe an einen neuen Betreiber scheiterte zuletzt, sodass dieser demnächst an einem anderen Ort im Alt-Treptower Kiez eine neue Buchhandlung eröffnen wird.

Würden Sie sich unter heutigen Bedingungen abermals für diesen Beruf entscheiden?

Nein, rückblickend betrachtet war es ein Fehler seinerzeit den Schritt vom Angestellten in die Selbständigkeit gemacht zu haben. Da habe ich mich eher von Kunden treiben lassen, die auf “ihre“ geliebte Buchhandlung nicht verzichten wollten, in eine Rolle begeben, die ich nie ausfüllen konnte. Seit mehr als zehn Jahren war kein Urlaub mehr drin. Ich stehe im Laden von Montag bis Samstag. Und stehe ich dann am Bankschalter und vor mir zahlt der vietnamesische Blumenhändler seine Einnahmen ein, dann frage ich mich, für was ich mir das eigentlich alles antue.

Was hat sich in den vergangenen Jahren in Ihrem beruflichen Alltag verändert?

Eigentlich nicht viel. Die meisten Kunden kommen seit jeher mit konkreten Bestellwünschen in den Laden, die ich zumeist bis zum nächsten Tag über den Schnelldienst erfüllen kann. Umsatzrückgänge oder -einbrüche konnte ich so nicht verzeichnen, aber auch keinen Zugewinn. In den letzten Jahren hat sich die Anwohnerstruktur verändert, das merkt man natürlich im Laden. Da sind viele junge Leute hierher gezogen, die eine ganz andere Erwartungshaltung haben, Autoren nachfragen, von denen ich noch nie gehört habe. Insgesamt ist mir auch der Buchmarkt zu unübersichtlich geworden.

Die Devise heißt ja: Buchhandel go online! Was unternehmen Sie in dieser Richtung?

Ich persönlich nichts. In der Vergangenheit gab es immer wieder Versuche von Kunden, eine Internetpräsenz aufzubauen aber das verlief sich dann stets, weil man die ja auch betreuen muss und dafür fehlt mir die Bereitschaft und das Verständnis. Aktuell gibt es eine Seite unter dem Namen “Buchhandlung Treptow“ die nicht identisch mit dem “Buchfinger“ ist, obwohl sie auf das Ladengeschäft in der Plesser Straße verweist. Alle dort vorgestellten Bücher können natürlich über den Schnelldienst, soweit vorrätig, geordert werden.

Das Sterben der Buchläden ist allgegenwärtig. Wo verorten Sie für Ihre Buchhandlung die größten Gefahren?

Zuvorderst im Steigen der Ladenmiete, wenn das passiert, dann müsste ich sofort aufhören. Natürlich auch in der Konkurrenz von Online-Händlern aber auch durch andere Buchhandlungen. Viele von den neuen Anwohnern ziehen wohl “modernere“ Buchhandlungen in Kreuzberg und Neukölln der meinigen vor, oder sie lesen E-Books.

Wie halten Sie es mit dem E-Book?

Ich persönlich habe keins, ich bin kein Technikmensch. Vom Hörensagen bekomme ich aber schon mit, dass das wohl ein Thema ist. Mein Vertrieb KNV meint aber, dass sich die nächsten zwei Jahre der stationäre Buchhandel darüber keine Gedanken machen braucht. Und wer weiß, ob ich in zwei Jahren noch am “Buchfingern“ bin.

Wäre das eine Option für Sie, auch Titel von Self Publishern anzubieten?

Ja, aber ob das meine Kunden annehmen würden…?

Wie verkauft man heutzutage Bücher?

Mit Freundlichkeit. Ich habe das Glück, dass hier über Jahrzehnte ein fester, verschworener Kundenstamm gewachsen ist, der trotz aller Verlockungen dem Laden treu blieb. Für Besonderes ist hier kein Platz, ich sehe das Geschäft eher als Bestellportal für die Anwohner. Viele meiner festen Kunden, und auch das Gros von Gelegenheitskäufern, wissen ja sehr genau, was sie wollen. Darüber hinaus bediene ich mit dem KNV – Warenabo auch die Nachfrage nach aktuellen Verkaufsschlagern. Ein ständig durch Schenkungen von Kunden aufgefrischter antiquarischer Bereich bietet Lesbares für kleines Geld. Der “Buchfinger“ ist eine Kiezbuchhandlung und bietet nicht nur Bücherfreunden einen Platz, sondern auch Plaudertaschen zu einem kleinen Schwatz. Bedingt durch die Nähe zur Bekenntniskirche bietet der Verkaufsraum in den Wintermonaten auch sozial Schwachen und Ausgegrenzten einen Haltepunkt, um im Warmen zu verschnaufen.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, die Ihnen Verlage erfüllen… Welche wären das?

Weniger ist manchmal mehr. Eine strengere Qualitätskontrolle und an die Adresse der (West-)Verlage, die sich mit Veröffentlichung zum Thema tragen, die Bitte, sich weniger einseitig mit unserer DDR-Geschichte auseinanderzusetzen.

Und was würden Sie sich vom Börsenverein für den deutschen Buchhandel wünschen?

Mehr Öffentlichkeit erzeugen für die Situation der kleinen Buchhandlungen.

Was treibt Sie in der literarischen Szene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Mit Szenen hatte ich nie etwas zu tun.

Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen?

Damit die Ladenkultur nicht ausstirbt.

Welche anderen Buchhandlungen empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Da fällt mir leider keine ein, weil es mir aus zeitlichen Gründen unmöglich ist, Kollegen über die Schulter zu schauen.

Danke sehr. Wünschen wir uns, dass der „Buchfinger“ unter Ihrer Regie in der Plesser Straße 1 noch lange existiert.

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Eine Übersicht über die Empfehlungen, die im Rahmen der Gesprächsreihe mit Buchhändler/innen seit Juli 2013 zusammengekommen sind, findet sich hier

Was sich die befragten Buchhändler/innen von Verlagen wünschen, das kann man hier nachlesen

Wie sie zum Börsenverein des deutschen Buchhandels stehen, darum geht es in diesem Summary zur Gesprächsreihe

Wer wissen will, wie sich Buchhändler/innen heute positionieren, wird hier fündig

Einige Antworten der intervieweten Buchhändler/innen auf die Frage, warum Kunden in Buchhandlungen gehen sollten, gibt es hier

Und dieses Summary zur Gesprächsreihe mit Sortimenter geht der Frage nach: Einmal Buchhändler. Immer Buchhändler?

Gut gemeint, reicht nicht. Was sich Buchhändler vom Börsenverein des deutschen Buchhandels wünschen

„Welchen Börsenverein braucht die Branche?“ – das wird die Zukunftskonferenz erörtern, die auf dem Frankfurter Mediacampus am 11. und 12. September stattfindet. Diese Themenstellung hatte ich auch schon im Rahmen meiner Gesprächsreihe mit Buchhändlern aufgegriffen. So liegt es nahe, die Aussagen im Vorfeld des Branchentreffens zusammenzufassen.

Auf meine Frage, was sich Sortimenter vom Börsenverein des deutschen Buchhandels wünschen, gaben 44 Befragte Auskunft. Generell keinen Änderungsbedarf erkennen nur zwei der Befragten. Wobei Susanne Martin (Schiller Buchhandlung in Stuttgart/Vaihingen) Versäumnisse in der Vergangenheit einräumt und Brigitte Gode (Gollenstein Buchhandlung in Blieskastel) offen darüber nachdenkt, ob sie aufgrund ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit im Börsenverein womöglich voreingenommen ist.

Brigitte Gode  © privat

Brigitte Gode © privat

Im Gegensatz zu vielen finde ich, dass unser Verband keinen sooo schlechten Job macht angesichts der Herausforderungen, denen er sich stellen muss und der Bandbreite der Mitglieder, die er vertreten soll. Meine Kritikpunkte liegen eher in der Vergangenheit, in der wichtige Entwicklungen einfach verschlafen wurden, aber darüber jetzt noch Tränen zu vergießen, hilft niemandem. Ein Verband ist auch immer nur so gut wie seine Mitglieder.

Ich bin selbst seit vielen Jahren im Ehrenamt engagiert und deshalb sicherlich voreingenommen. Es wird ja immer wieder unter Kollegen diskutiert, ob man den Börsenverein wirklich braucht und ob man sich den Beitrag nicht sparen könnte. Ich halte ihn für enorm wichtig, weil wir eine sehr sensible Branche sind und daher eine starke Branchenvertretung brauchen. Das kann nur der Börsenverein leisten.

Abgesehen von den beiden Statements, die dem Dachverband der Buchbranche eine zufriedenstellende Arbeit bescheinigen, äußerten alle anderen Verbesserungswünsche; darunter auch jene Vier, die nicht Mitglied sind. Ganz oben rangiert der Wunsch, dass sich der Börsenverein mit aller Kraft für die Buchpreisbindung und den reduzierten Mehrwertsteuersatz einsetzen soll. Sorgen macht in diesem Zusammenhang das Freihandelsabkommen. Gemeinsam ist außerdem das Anliegen, dass die Öffentlichkeitsarbeit forciert werden sollte. Es hapert an Aufklärung. Beklagt wird, dass der Verband die besonderen Leistungen des Buchhandels nicht herausstellt. Stichworte sind: Buchpreisbindung, Lieferzeiten und Onlineshops. Insbesondere mit Blick auf das Schreckgespenst Amazon werden hier erhebliche Versäumnisse angekreidet.

Ingo Herrmann & Heike Röminger  © Ingo Herrmann

Ingo Herrmann & Heike Röminger © Ingo Herrmann

Ich wünsche mir weniger Event und mehr Information; mich erschreckt immer wieder, wie wenig Kunden z. B. um die gesetzliche Buchpreisbindung in Deutschland wissen und darum, dass die (auch kostenlose!) Lieferung auf den nächsten Tag zwar etwas Besonderes ist (im Vergleich zum europäischen Ausland), aber keine Erfindung der Eingeborenen von Amazonien. – Mit diesem Wissen relativiert sich der „Vorteil“ der Bestellung bei Amazon doch erheblich. So Ingo Herrmann und Heike Röminger von der Buchhandlung Moby Dick in Berlin

Innovative Werbekampagnen, zum Beispiel wie wahnsinnig schnell der Buchhandel liefert! Nach 30 Jahren immer noch fast ein Geheimnis, obwohl es eines der dicksten Pfunde der Branche ist. Nur Apotheken sind schneller! Meinen Jessica Ebert und Katja Weber von der Berliner Buchhandlung ebertundweber

Was ich mir wünsche? Eine Werbe-Kampagne, für die Online-Präsenz und die schnellen Lieferungen des allgemeinen Buchhandels und für die Preisbindung. Sagt John Cohen von der Hamburger Buchhandlung cohen + dobernigg

Neben besseren Kundeninformationen erwartet man sich verstärkte Anstrengungen in Sachen Marketing und Werbung für das Buch und das Lesen. Und das, obwohl der Börsenverein mit „Vorsicht Buch!“ eine solche Kampagne gestartet hat. Freilich kommt die Initiative nicht bei allen gut an.

Margarete Haimberger © Margarete Haimberger

Margarete Haimberger © Margarete Haimberger

Die Aktion „Vorsicht Buch“ ist für uns eine große Enttäuschung. Meine Kundschaft versteht nicht, warum sie Angst vor einem Buch haben sollte… Sagt Heike Wenige vom Taschenbuchladen im sächsischen Freiberg

Sollten sie nochmal Werbung für das Buch machen, sollten sie dies bitte auf dem Niveau von Quentin Blake oder Tomi Ungerer tun, mit menschlichem Strich statt mit Photoshop-Glätte, mit Humor statt Funnyfunny. Wünscht sich Margarete Haimberger von der Schröersche Buchhandlung in Berlin

Für besonders einfallsreich hält man die Werbemaßnahmen, die der Börsenverein für das Buch betreibt, jedenfalls nicht. Gewünscht werden mehr Kreativität und Originalität sowie eine stärkere Einbeziehung der Buchhandlungen. Schlussendlich treffen auch die horrenden Kosten, die „Vorsicht Buch!“ verschlingt, einen Nerv.

Holger Brandstädt © Roland Köhler

Holger Brandstädt © Roland Köhler

Ich wünsche mir, dass der Börsenverein in Zukunft gut gemeinte Werbeaktionen ein bisschen kostengünstiger und näher an der Realität in den Buchhandlungen konzipiert. So Beate Laufer-Johannes von der der BücherInsel in Frauenaurach

Macht noch viel mehr Werbung für das Buch & das Lesen – in allen Formen!!! Bespielt dabei verschiedene Kanäle! Bietet mehr lokale Aktionen an, die dann individuell von den Buchhandlungen genutzt und ergänzt werden können… Fordert Barbara Roth von der Offenburger Buchhandlung Roth

Aktionen wie „Vorsicht Buch“ und einiges, was da sonst gestalterisch aus Frankfurt auf die Branche losgelassen wurde (z.B. die Bücherstapelgutscheinhüllen), erschrecken mich ob ihrer Einfallslosigkeit. Auch Nachfragen heißt es dann immer reflexartig: ‚Ihren Kollegen gefällt es. ‘ Solche Aussagen bringen weder mich noch die Branche weiter. Meint Holger Brandstädt von der Friedrich-Wagner-Buchhandlung

Noch weiter gehen Sabine und Ute Gartmann, die in Osterholz-Scharmbek die schatulle betreiben. Sie fordern einen „Umbau der MVB“ (Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels). Und Clemens Bellut vom Heidelberger Buchladen artes liberales hält die Anstrengungen, die der Börsenverein in Sachen Werbung und Marketing unternimmt, sogar für gänzlich überflüssig:An mir könnte der Börsenverein schon eine Menge sparen, wenn er den unglaublichen Aufwand mit seinen Magazinen und Informationsblättern einschränken oder einstellen würde und auch den dazugehörigen ganzen Apparat der Werbewirtschaft, des Marketings, der Produktion und des Vertriebs dieser völlig überflüssigen Papiere…“

Ein anderes großes Thema, das die Befragten umtreibt, sind die Mitgliedsbeiträge, die für sozial unverträglich gehalten werden. Angemahnt wird mehr Beitragsgerechtigkeit.

Thomas Calliebe  ©  Thomas Calliebe

Thomas Calliebe © Thomas Calliebe

Es kann nicht angehen, dass die „Kleinen“ proportional viel mehr zahlen als die „Großen“. Sagt Gustav Förster von der Wein-Lese-Handlung Förster in Ganderkesee

Bei der Gestaltung des Mitgliedsbeitrages stehe ich auf dem Standpunkt, dass ein geringerer Umsatz bei den Sortimentern auch zu geringeren Mitgliedsbeiträgen führen muss. Da läuft im Verband derzeit eine Gegenbewegung, um das Gesamtbeitragsniveau nicht weiter absinken zu lassen. Erläutert Thomas Calliebe, Buchhandlung Calliebe in Groß-Gerau

Offenbar kommt den kleineren Buchhandlungen eine Mitgliedschaft generell zu teuer. Die Angebote, die der Verein offeriert, können sie sich selten leisten.

Kostengünstigere Seminare, denn der Kostendruck in einer Buchhandlung ist ohnehin schwierig, da wäre es wünschenswert, dass Seminare, die zweifelsohne wichtig sind, günstig (nicht kostenlos) angeboten würden. Meint Gaby Kellner von Barbaras Bücherstube in Moosburg

Schlussendlich stellt sich die Frage, ob der Verband genügend für seine Mitglieder tut. Hier ist Skepsis angebracht. Immerhin klagen die Umsatzschwächeren vielfach darüber, stiefmütterlich behandelt zu werden.

Nicole Jünger © privat

Nicole Jünger © privat

Das ist wie in der Politik: Je weiter man sich von der Basis entfernt, desto weniger bekommt man das „wahre Leben“ mit. Der Börsenverein sollte mehr auf die Probleme der kleinen Buchhandlungen bzw. Verlage eingehen. Sagt Sonja Lehmann vom Bücherwurm Borken im Nordhessischen

Die an sich guten Verbandsstrukturen werden von Interessengruppen aktiv gegen andere benutzt. Das stört mich sehr, und ich wünsche mir, dass die Verbandsangestellten sich von ihren (großen) Beitragszahlern weniger manipulieren lassen. So Martina Bergmann, Buchhandlung Frau Bergmann in Borgholzhausen

Naturgemäß wünsche auch ich mir eine Stärkung der Interessen der kleineren Mitglieder – da wo uns das Geld, der Einfluss, die Reichweite fehlt. Meint Nicole Jünger vom Buchladen am Neuen Markt in Meckenheim

Wo man mit seinen Sorgen, Wünschen und Interessen nicht ernst genommen werden, dort fühlt man sich auch nicht wohl.

Die Heerscharen „grau gekleideter Herren“ in Leipzig stoßen mich regelmäßig ab. Da fühle ich mich als Sortimenter weder wohl noch wahrgenommen. Sagt Holger Brandstädt von der Friedrich-Wagner-Buchhandlung in Ueckermünde

Offenbar hat sich inzwischen sogar eine Kluft zwischen „Oben“ und „Unten“ entwickelt; zwischen einer abgehoben und elitär agierenden Verbandsspitze nebst dem zugehörigen Apparat festangestellter Mitarbeiter einerseits und den „kleineren“ Einzelbuchhändlern andererseits.

Maria Glusgold-Drews © privat

Maria Glusgold-Drews © privat

Mitgliedernähe fällt mir ein. Wenn ich den Stand des Börsenvereins auf den Buchmessen sehe, fühle ich mich als Einzelbuchhändler ausgeschlossen in der Masse der schwarzen Anzüge. Und mit Nähe meine ich in allen Dingen: Transparenz, weniger elitäres Getue, Einsatz für den Buchhändler und die Preisbindung, bezahlbare Seminare… So Heike Wenige vom Taschenbuchladen im sächsischen Freiberg

Ich würde mir wünschen, dass der Landesverband aktiver auf die Mitglieder zuginge mit Aktionen und Ideen, und nicht nur Newsletter verschickte, die so unpersönlich aufgemacht sind. Fordert Maria Glusgold-Drews vom Buchladen MaschaKascha – Schöne Bücher in Hannover

Ginge es nach den Wünschen der 44 Befragten, dann würde der Börsenverein die Beiträge überdenken und sich stärker um die Belange der Umsatzschwächeren kümmern. Täte er dieses, dann wären ihm womöglich sogar neue Mitglieder gewiss.

Ich bin ganz bewusst kein Mitglied im Börsenverein. An Umsätze angepasste Mitgliedsbeiträge war ein Entscheidungskriterium bei mir, aber auch der Eindruck der fehlenden Nähe zur Basis. Bisher habe ich diese Entscheidung nicht bereut. Bettina Haenitsch von der Buchhandlung der buchladen in Seligenstadt

Beate und Mischa Klemm © lesen und lesen lassen

Beate und Mischa Klemm © lesen und lesen lassen

Was dem Verein ganz offensichtlich fehlt, ist Nähe zur Basis. Diese Anforderung fasst das Statement von Beate und Mischa Klemm, Buchhandlung lesen und lesen lassen, prägnant zusammen. Auf die Frage, was sie sich vom Börsenverein wünschen, antworteten die beiden Berliner Buchhändler: „Die einfache Frage: „‚Was würden Sie sich vom Börsenverein wünschen?‘ wäre schon mal ein guter Anfang.“

Weitreichender sind die Wünsche von Clemens Bellut, Heidelberger Buchladen artes liberales. Er fordert den Verband auch auf, sein Selbstverständnis zu überdenken: „Für diese Wunschliste reicht das (virtuelle) Papier hier nicht: Vielleicht am kürzesten zu sagen, dass der Börsenverein wirklich eine Vereinigung des BUCH handels werden sollte und nicht ein Instrument von Großunternehmen, die wahlweise Bücher, Schlüsselanhänger, Teddybären, Tassen u.a. vertreiben. Oder umgekehrt gesagt: die klare Selbstzuordnung, ob der Börsenverein für den Handel arbeiten will, der zufällig auch die Ware ‘Buch’ vertreibt, oder für die Bücher, ihre Autoren, ihre Verleger, ihre Setzer und Drucker, ihre Buchläden und ihre Leser arbeiten will, die nebenbei auch über Handelsbeziehungen verbunden sind.“

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Was sich die befragten Buchhändler/innen von Verlagen wünschen, das kann man hier nachlesen

 

Vergesst die kleinen Buchhändler nicht. Wünsch dir was! (Teil II)

So einiges kam auf die Frage „Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, die Ihnen Verlage erfüllen… welche wären das?“ zusammen, die Buchhändler im Rahmen meiner Reihe SteglitzMind stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor beantwortet haben. Während sich die Gesprächspartner bei der Frage, was man sich vom Börsenverein des deutschen Buchhandels erhoffe, eher zurück hielten, gab sich hier keiner bedeckt. Mancher holte weit aus. Schnell wurde mir deutlich, dass das Verhältnis zwischen verbreitendem und herstellendem Buchhandel nicht gänzlich ungetrübt ist. Wissen Verlage etwa das nicht zu schätzen, was Buchhändler leisten?

Welche Schritte Verlage einzuleiten hätten, um das unabhängige Sortiment zufriedener zu stimmen, thematisieren zwei Blogposts. Im ersten Teil habe ich die Wünsche an Programm und Marketing zusammengefasst; heute geht es um den Vertrieb, die Wettbewerbsbedingungen und anderes, was Buchhändlern bei der Zusammenarbeit mit Verlagen aufstößt.

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Auf den Umstand, dass Filialisten und Großbuchhändler ihren Einkauf zentral tätigen, haben sich die Verlage in den vergangenen Jahren eingestellt, indem sie den Innendienst ausgebaut und den Außendienst verkleinert bzw. gänzlich abgeschafft haben. Seither ist des Öfteren zu hören, dass freie Handelsvertreter, die zwei- oder teilweise sogar dreimal jährlich Buchhandlungen besuchen, um Novitäten vorzustellen und Bestellungen aufzunehmen, ein Auslaufmodell sind. Dass Verlage gänzlich auf Vertreter verzichten können, diese Ansicht teilen die Interviewpartner allerdings nicht. Vielmehr schlagen sie eine Bresche für kompetente Verlagsvertreter, die individuell und unabhängig beraten. Sie sind ein wesentliches Bindeglied zwischen Buchhandel und Verlag; nicht zuletzt, weil sie wichtige Informationen zu Neuerscheinungen vermitteln, die Vorschauen nicht bieten. Der verlagseigene Innendienst, namentlich die telefonische Betreuung durch Key Account Berater, punktet bei den 44 Gesprächsteilnehmern dagegen nicht.

Sabine und Ute Gartmann  © Jürgen Heuser

Sabine und Ute Gartmann © Jürgen Heuser

Wir arbeiten gern mit fitten Vertretern, haben keine Lust auf „Telefonbetreuung“. Sagen Sabine und Ute Gartmann von der Buchhandlung die schatulle in Osterholz-Scharmbek

„Man erhalte uns unsere Verlagsvertreter, die abseits der plakativen und austauschbaren Kurzbeschreibungen der Neuerscheinungen in den Verlagsvorschauen, glaubwürdige und auf meine Buchhandlung zutreffende Einschätzungen abgeben können.“ Wünscht sich Bettina Haenitsch von der Buchhandlung der buchladen in Seligenstadt

„Vertreter sind uns wichtig. Als Bindeglied zwischen Verlag und Buchhändler leisten diese eine wichtige und unersetzliche Arbeit. Den Verlagsvorschauen mit den unklaren Titelankündigungen wie „Ein neuer Irving“ oder „Der neue Weltbestseller“ und kein anständiger Text dazu kann man selten trauen. Und zum Vertreter sollte man so ein Verhältnis haben, dass die Kommunikation stimmt, der Vertreter den Laden kennt und unabhängig und individuell trotz Umsatzvorgaben seitens des Verlages beraten kann. Das kann telefonische Betreuung nicht leisten.“ So Heike Wenige vom Taschenbuchladen in Freiberg

Gar auf wenig Verständnis stößt, warum Verlage ihre Geschäfte über andere Vertriebsschienen als den Buchhandel abwickeln. Moniert werden Aktivitäten auf Nebenmärkten wie Supermärkten, Blumenläden oder Apotheken. Ein Dorn im Auge der Befragten ist der Direktvertrieb an Endkunden.

Holger Brandstädt © Roland Köhler

Holger Brandstädt © Roland Köhler

Ich wünsche mir, dass Verlage weniger die Nebenmärkte fördern und stattdessen dem Buchhandel ähnlich attraktive Angebote machen.“ Fordert Holger Brandstädt von der Friedrich-Wagner-Buchhandlung in Ueckermünde

„Dass die Verlage zu uns Buchhandlungen als Partner 100% stehen und somit alle Geschäfte über den Buchhandel abgewickelt werden und nicht die arbeitsintensiven abgeben, die leicht zu handelnden und lukrativen jedoch direkt über Verlag-Kunde laufen…“ Das möchte Barbara Roth von der Offenburger Buchhandlung Roth

„Wenn, wie die Verlage gerne betonen, der Buchhandel als Vertriebsweg so wichtig ist: Wieso gibt es dann Bücher in Supermärkten und wieso verkaufen sie, die laut über nicht rentable Einzellieferungen an die Buchhändler wettern, ihre Bücher direkt an Endkunden?“ Fragen Ingo Herrmann und Heike Röminger von der Berliner Buchhandlung Moby Dick

In diesem Kontext ist es wenig verwunderlich, dass die verlagseigenen Webshop-Lösungen ebenfalls im Kreuzfeuer der Kritik stehen. Besser beraten wären Verlage, wenn sie auf das stationäre Sortiment verlinken würden.

Bettina Heanitsch © privat

Bettina Heanitsch © privat

Mich stören tatsächlich auch die eigenen Shops auf den Homepages der Verlage. Warum wird hier nicht an den örtlichen Buchhandel verwiesen? Über die Zahlen im Direktvertrieb wird gar nicht gesprochen. Kein Wunder, dass der einzelne Sortimentsbuchhändler immer weniger Unterstützung durch die Verlage erfährt, warum sollte der Verlag das auch tun, wenn er es selber verkaufen kann und mehr verdient. Da kann man sich das auch leisten, ein Taschenbuch für 9,90 Euro versandkostenfrei zu liefern.“ So Heike Wenige vom Taschenbuchladen im sächsischen Freiberg

„Ab und an habe ich den Eindruck, der Buchhändler steht bei Verlagen als letzter in der Reihe. Warum eigene Shops auf den Verlagshomepages? Die Buchhändler lesen und setzen sich aktiv für die Bücher der Verlage ein – das ist nicht sehr unterstützend.“ Meint Bettina Haenitsch von der buchladen in Seligenstadt

Gar nicht gut kommt an, dass Verlage auf ihrer Webpräsenz auf die Bezugsmöglichkeit via Amazon verweisen. Und so mancher fragt sich, warum sie überhaupt mit einem Onliner kooperieren, der den Buchmarkt gnadenlos kannibalisiert, statt ihm die Stirn zu bieten.

Barbara Roth  © Iris Roth

Barbara Roth © Iris Roth

Dass die Verlage uns auf Ihre Homepages verlinken und listen und nicht als erstes (und meist auch noch ausschließlich) Amazon als Bezugsquelle anführen.“ Ärgert Barbara Roth von der Offenburger Buchhandlung Roth

„Verkauft eure Bücher nicht an Amazon! Würden sich drei, vier große Publikumsverlage trauen, ihre Titel nicht mehr über Amazon zu verkaufen, wäre der Ruf von Amazon bezüglich der allumfassenden Lieferfähigkeit schnell hin und der Kunde würde auch wieder mal woanders hinschauen.“ Fordern Jessica Ebert und Katja Weber von der Berliner Buchhandlung ebertundweber

Auf allgemeines Unverständnis stößt, warum sich Verlage nicht an den Kosten für Lesungen und Veranstaltungen beteiligen. Dass Buchhandlungen, die sich solcherart mit viel Herzblut und Engagement für Bücher einsetzen, mit Flyern oder Partieexemplaren abgespeist werden, sorgt für Unmut. Manchen ärgert in diesem Zusammenhang auch, dass Autoren zunehmend über spezialisierte Agenturen und nicht mehr direkt über den Verlag für Lesungen in der Buchhandlung gebucht werden können.

Torsten Meinicke © Buchladen Osterstraße

Torsten Meinicke © Buchladen Osterstraße

Übernahme eines Teils der Kosten bei Lesungen, denn schließlich machen wir mit unseren Lesungen Werbung für das jeweilige Buch.“ Das wünscht Torsten Meinicke vom Hamburger Buchladen Osterstraße

„Schafft ein Budget für Veranstaltungen, aus dem ihr kleinere Buchhandlungen unterstützen könnt. Und zwar mit mehr als nur Plakaten oder Partieexemplaren!“ Fordert Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung in Stuttgart/Vaihingen

Obwohl der Sortimentsbuchhandel trotz aller Umwälzungen ein wichtiger Umschlagsplatz für Bücher ist, scheinen Verlage auf die Belange kleinerer und mittlerer Buchhandlungen wenig Rücksicht zu nehmen. Für ihr Engagement sehen sich die Befragten regelrecht abgestraft. Sie wünschen sich mehr Entgegenkommen und Solidarität. Darüber hinaus sind ihre Forderungen so vielfältig wie das stationäre Sortiment bunt ist.

Annaluise Erler © Julius Erler

Annaluise Erler © Julius Erler

Vernünftige Konditionen auch für Kleinbestellungen. Ich möchte für mein Engagement per VLB (und nicht nur per BS-Katalog zu bibliografieren) nicht mit Minderrabatten und Versandkosten statt Portokosten „bestraft“ werden. Nachlieferungen grundsätzlich portofrei (das ist in jeder anderen Branche selbstverständlich!)“ Sagt Gustav Förster von der Wein-Lese-Handlung Förster in Ganderkesee

„Wir Buchhändler sind das Schaufenster für die Verlage. Falls wir die Produkte dann trotz Bemühungen doch mal nicht verkaufen können, möchten wir nicht auch noch mit Remi-Kosten bestraft werden.“ So Annaluise Erler von der Buchhandlung Findus in Tharandt

Beate Laufer-Johannis  © privat

Beate Laufer-Johannis © privat

„Ein höherer Rabatt ohne Riesenabnahmemengen würde uns das Leben sehr erleichtern. Nehmt auch uns „kleine Buchhandlungen“ ernst und unterstützt uns bei Aktionen.“ Wünscht sich Beate Laufer-Johannes von der der BücherInsel in Frauenaurach bei Erlangen

„Schnürt Pakete, die zu unserer Größe passen. Stellt uns auch bei kleineren Bestellmengen Werbematerial und Leseexemplare zur Verfügung. Wir, die Indis, sind diejenigen, die sich auch für die Bücher einsetzen, die nicht auf den Bestsellerlisten landen.“ So Brigitte Gode von der Gollenstein Buchhandlung in Blieskastel

„Schön wäre es, auf Sonderauslieferungen zu verzichten, die uns unnötig die Kosten in die Höhe treiben.“ Meinen Beate und Mischa Klemm mit der Buchhandlung lesen und lesen lassen

Allgemein sorgen die Konditionen für Verdrießlichkeit. Dass Verlage vor Ketten, Filialisten und Großabnehmern wie Amazon regelrecht katzbuckeln und ihnen nennenswerte Wettbewerbsvorteile einräumen, gereicht den Kleineren, die sich stärker anstrengen müssen, zum großen Ärgernis. Unisono werden ungerechte Konditionen und unfairer Wettbewerb beklagt, der auf Kosten des unabhängigen Sortiments geht. Entsprechend wünschen sie sich bessere Konditionen, geringere Versand- und Remissionskosten und Rabatte, die nicht nur auf die Absatzzahlen, sondern auch auf die Ladengröße abgestimmt sind.

Edda Braun © privat

Edda Braun © privat

Ich erwarte, dass die Verlage Konditionenforderungen von Amazon und Konsorten, die keine Wettbewerbsgerechtigkeit mehr ermöglichen, an unsere Realitäten angleichen. Die Preisbindung würde es ermöglichen und mit welchem Recht fordert die Krake 20 – 25% mehr Rabatt zzgl. Distributionskosten? Schließlich wickelt der traditionelle Buchhandel erheblich mehr Buchumsatz ab als Amazon.“ So Jörg Braunsdorf von der Berliner Tucholsky-Buchhandlung

„Bei der Konditionengestaltung nicht nur die ‚Großen‘ zu hofieren, sondern an unseren gemeinsamen Auftrag denken, für die Verbreitung und den Erhalt der Buches als Kulturgut und Bildungsmittels ersten Ranges zu sorgen.“ Wünscht sich Edda Braun von der Buchhandlung am Turm in Ochsenfurt

„Bessere Rabatte, die zugeschnitten sind nicht nur auf Absatzzahlen sondern auch auf die Ladengröße.“ Fordert Maria Glusgold-Drews vom Buchladen MaschaKascha – Schöne Bücher in Hannover

Hatte das Spartenpapier 1985 nicht festgeschrieben, das die drei Parteien des deutschen Buchhandels fair miteinander umgehen sollen? Und heißt es in der Orientierungshilfe des Börsenvereins für das Verhalten von Verlag, Sortiment und Zwischenbuchhandel nicht, dass Verlage bei ihrer Konditionengestaltung darauf Acht geben müssen, auch kleinere Sortimente wettbewerbsfähig zu halten? Ist der gemeinsame Konsens, der drei Sparten jahrzehntelang verband, inzwischen hinfällig geworden? Ja, beklagt Susanne Martin von der Stuttgarter Schiller Buchhandlung:

Susanne Martin © Silvie Brucklacher

Susanne Martin © Silvie Brucklacher

Ich bedauere sehr, dass der Branchenkonsens, Werte, die für alle Sparten über viele Jahrzehnte gegolten haben, in den letzten Jahren mehr oder weniger verloren gegangen ist. Ich bedauere das natürlich zum einen, weil der Sortimentsbuchhandel als schwächstes Glied das besonders zu spüren bekommt. Aber auch deshalb, weil ich glaube, dass das langfristig unserer Branche und ihrer Durchsetzungskraft (und damit letztlich dem Buch) sehr schaden wird und sie beliebig werden wird. Und das finde ich einfach schade.“

Bleibt an dieser Stelle ein Appell an die Adresse der Verlage: Zeigt euch solidarischer, nehmt Rücksicht auf die Belange der Kleineren und fokussiert nicht nur kurzsichtig jene, die eure Kasse klingeln lassen. Buchhändler wünschen sich eine partnerschaftliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Und nicht zuletzt: Sie vermissen Wertschätzung!

Simone Dalbert © privat

Simone Dalbert © privat

Es wäre schön, wenn man nicht als Bittsteller, sondern als Handelspartner mit gemeinsamem Interesse (Handel mit Kultur UND Ware, nämlich Buch) gesehen würde.“ Meint Ingo Herrmann und Heike Röminger von der Berliner Buchhandlung Moby Dick

„Nach der Buchmesse hat sich bei uns eine gewisse Frustration breit gemacht, was den Messebesuch betraf. Irgendwie hatten wir uns in den letzten Jahren an den Ständen der Verlage zunehmend als Störfaktor gefühlt, nicht als interessierten und möglicherweise sogar interessanten Partner der Verlage. Klar gilt das nicht für alle, wir hatten auch sehr nette Messegespräche, aber wenn mir gesagt wird, ich solle doch von zu Hause aus bestellen, man habe gerade keine Zeit zum Aufnehmen einer Bestellung, dann komme ich schon ins Grübeln…“ So Rosemarie Reif-Ruppert von der Gostenhofer Buchhandlung

„Vergesst die vielen kleinen Buchhändler nicht. Wir machen einzeln nicht den Umsatz einer großen Filialkette oder sogar eines Online-Riesen. Aber wollt ihr wirklich, dass die Kleinen mit der Nähe zum Kunden immer weniger werden?“ Fragt Simone Dalbert von der Würzburger Buchhandlung Schöningh

„Dass auch umgekehrt sie, wenn sie denn solcherart Bücher machen und herausbringen, in ein ähnlich ambitioniertes Verhältnis zu denjenigen Buchläden und Buchhändlern treten, wo sie ein solches Verhältnis zu ihren Büchern lebendig vorfinden können.“ Wünscht sich Clemens Bellut vom Heidelberger Buchladen artes liberales

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BTW: Die Fragestellungen der Gesprächsreihe will eine Veranstaltung erweitern und vertiefen, die in Berlin/Mitte am 3. Juni 2014 ab 19.00 Uhr in der Tucholsky-Buchhandlung stattfindet. Wir erwarten uns eine kontroverse Debatte, zu der Ihr herzlich eingeladen seid. Zur Diskussion beitragen werden u.a. Siegmund Ehrmann, MdB (Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien), Zoë Beck (Autorin und e-Book-Verlegerin CulturBooks), Lorenz Borsche (Vorstand der buchhändlerischen Genossenschaft eBuch), Boris Langendorf (freier Publizist), Daniel Leisegang (Autor von “Das Buch als Beute”) und Stefan Weidle (Verleger und Vorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung). – Der Eintritt ist frei.

Um Voranmeldung wird gebeten: kurt(klammeraffe)tucholsky(punkt)de

Wünsch dir was! Wie Verlage Buchhändler zufriedener stellen können (I)

Sollte sich der Osterhase befleißigen, all‘ jene Wünsche in einen Sack zu packen, die Buchhändler an Verlage richten, dann hätte er schwer zu schleppen. Ganz schön viel kam jedenfalls auf die Frage „Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, die Ihnen Verlage erfüllen… welche wären das?“ zusammen, die Buchhändler im Rahmen meiner Reihe SteglitzMind stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor beantwortet haben. Während sich die Gesprächspartner bei der Frage, was man sich vom Börsenverein des deutschen Buchhandels erhoffe, eher zurück hielten, gab sich hier keiner bedeckt. Mancher holte weit aus. Schnell wurde mir deutlich, dass das Verhältnis zwischen herstellendem und verbreitendem Buchhandel nicht gänzlich ungetrübt ist. Wissen Verlage etwa das nicht zu würdigen, was Buchhändler leisten?

Welche Schritte Verlage einzuleiten hätten, um Buchhändler zufriedener zu stimmen, darum geht es in den folgenden Blogposts. In diesem Teil fasse ich die Wünsche an Programm und Marketing zusammen; im zweiten Teil wird es vorrangig um Vertrieb und Wettbewerbsbedingungen gehen.

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Ganz oben auf der Liste steht ein Wunsch, der nicht nur aus dem Sortiment seit Jahren laut wird. Obwohl der Novitäten-Ausstoß in jüngerer Zeit etwas rückläufig ist, bleibt der Buchmarkt dennoch durch eine unverminderte Titelflut unüberschaubar. Das Verzeichnis lieferbarer Bücher (VLB) listet nahezu 1,4 Millionen Titel und jährlich kommen Unmengen hinzu. So buhlten 2012 – laut „Buch und Buchhandel in Zahlen“ – 91.100 Neuerscheinungen um Buchhändler und Leser. Diesen Bücherberg kann selbstverständlich kein Mensch bewältigen; selbst ein potentieller Vielleser nicht, der es hypothetisch auf vier Bücher wöchentlich bringt. Auch dieser schafft jährlich kaum mehr als 200 Bücher. Kurzum: Es drängeln sich zu viele auf dem Markt, sagen die Buchhändler, und fordern entsprechend von den Verlagen eine Drosselung der Produktion.

lesende Buchhändlerin ©  Mila Becker

lesende Buchhändlerin © Mila Becker

Sucht sorgfältiger aus, strafft die Programme. Das gäbe dem Buch eine größere Wertigkeit. Nicht alles, was gedruckt werden kann, muss auch gedruckt werden“. Sagt Brigitte Gode von der Gollenstein Buchhandlung in Blieskastel

„Stoppt die irrsinnige Masse an Neuerscheinungen. Es gibt nicht weniger Leser, es gibt zu viele Bücher. Gegen diese unendliche Flut, die produziert wird, kann weder der gutwilligste Buchhändler, noch der ambitionierte Leser ankommen. Nicht Masse, sondern Klasse wäre mal wieder angesagt!“ Findet Mila Becker von Mila Becker Buch & Präsent in Voerde

„Ratlosigkeit im Neuerscheinungsdschungel treibt um… Es wird uns so schwer gemacht, gute Belletristik zu finden – aber wir finden sie!“ Meint Heike Wenige vom Taschenbuchladen im sächsischen Freiberg

Da sich die befragten Sortimenter in der Pflicht sehen, Perlen aus dem Büchermeer zu fischen, gereicht ihnen ein unüberschaubarer Markt, den niemand bewältigen kann, zum doppelten Ärgernis. Perlen lassen sich in trüben Gewässern nur schwerlich auffinden. Aber nicht allein die Überproduktion wird kritisiert, sondern auch das Tempo, das Verlage beim Verlegen vorlegen. Bücher werden zu schnell und zu eilfertig verramscht und damit der Chance enthoben, sich auf dem Markt durchzusetzen. Moniert wird in diesem Zusammenhang ebenfalls, dass Verlage ihre Backlist vernachlässigen und dass die Fristen zwischen Hardcover- und Taschenbuchausgaben zu kurz sind.

Lia Wolf  © Oskar Schmidt

Lia Wolf © Oskar Schmidt

1. weniger Publizieren in 2. niedrigeren Auflagen was zu 3. weniger Verramschen führt und somit der dritte Wunsch sich von selbst erfüllt und für den Wunsch nach Backlistpflege frei bleibt.“ Sagt Lia Wolf von der Wiener Buchhandlung Lia Wolf

„Verramscht eure Bücher nicht so schnell! Die Bücher werden sehr, sehr schnell – manchmal innerhalb eines halben Jahres an moderne Antiquariate billig verhökert, so dass zeitgleich bei uns die „normale“ Ausgabe gehandelt wird – das ist sehr unschön…“ Meinen Jessica Ebert und Katja Weber von der Berliner Buchhandlung ebertundweber

Ebenfalls ihr Fett weg bekommen die Verlagsprogramme höchst selbst. Anstoß nehmen die Befragten vorrangig an Qualität und Uniformität des Angebots.

Mich treibt um, das es immer schwerer wird, Titel mit Substanz zu finden, die zu verkaufen Freude macht. Die Unzahl austauschbarer Massenware auch aus Häusern mit großer literarischer Tradition wie z.B. Aufbau, Ullstein, List deprimiert. Fragen Sie doch mal Verlage, was im vorletzten Herbst der Spitzentitel war?! Auch wenn Osburg, Liebeskind u.a. immer noch für Lichtblicke sorgen, dünnt sich das Angebot trotz hoher Novitäten-Anzahl doch zusehends aus.“ So Holger Brandstädt von der Friedrich-Wagner-Buchhandlung in Ueckermünde

Moniert werden allerdings nicht nur flache Inhalte, auch die Gestaltung der Bücher lässt in den Augen der Buchhändler vielfach zu wünschen übrig. Verbesserungen fordern sie bei der Titel- und Covergestaltung. Lieblose, uninspirierte Klappentexte kommen ebenso wenig an wie austauschbare und uniforme Cover. Zudem scheinen Verlage das Preis-/Leistungsverhältnis aus dem Auge verloren zu haben. Für Unmut sorgt außerdem, wenn Titel künstlich aufgeblasen werden. Und bisweilen wäre weniger ganz einfach mehr.

Margarete Haimberger © Margarete Haimberger

Margarete Haimberger © Margarete Haimberger

Ich wäre schon zufrieden, wenn auf jedem Umschlag ein paar Angaben zum Inhalt stehen würden und keine geheimnisvollen Sätze aus dem Buch. Es mag originell sein, aber die Kunden legen so ein Buch meist zurück.“ Sagt Trix Niederhauser aus der Schweiz von der Buchhandlung am Kronenplatz in Burgdorf/Emmental

„Reduziert die vielen austauschbaren Titel und blast Bücher nicht künstlich auf: in unsere Regale passt halt nur eine begrenzte Zahl von Titeln. Ein Buch mit den Ausmaßen eines Backsteins nimmt uns einfach zu viel Platz weg wenn man den Text auch – ohne Einbußen an guter Lesbarkeit – auf ein Drittel der Seiten unterbringen könnte. „Meint Rosemarie Reif-Ruppert von der Gostenhofer Buchhandlung in Nürnberg

„Übertreibt es nicht mit der Ausstattung, vertraut auf die Wirkung des Worts (und wenn es keine Wirkung hat, lasst es lieber ganz bleiben.“ Wünscht sich Margarete Haimberger mit ihrer Schröersche Buchhandlung in Berlin/Schöneberg

Rosi Reif-Ruppert © Rainer Kradisch

Rosemarie Reif-Ruppert © Rainer Kradisch

Ach, bitte: druckt ansprechende Texte auf die Buchrückseite!“ Fordern Beate und Mischa Klemm von der Berliner Buchhandlung lesen und lesen lassen

„Liebe Verlage, bitte macht Bücher nicht so billig! Wenn die Qualität stimmt, darf ein Taschenbuch auch 14,99 kosten und nicht nur 8.99. Achtet doch bitte wieder mehr auf das Preis-Leistungsverhältnis: für 800 Seiten mit schmucken Cover sind 10 € zu wenig, für 80 Seiten, auf schlechtes Papier gedruckt, sind € 12,90 zu viel.“ So Rosemarie Reif-Ruppert von der Nürnberger Gostenhofer Buchhandlung

Absolut NO GO ist das „Trittbrettfahrer-Syndrom“, was meint, dass Verlage das abkupfern, was auf dem Markt gut geht. Mogelpackungen verschaukeln Leser, in der Folge büßen Verlage langfristig Glaubwürdigkeit und Renommee ein.

Stefanie Dietz © Anette Hempfling

Stefanie Dietz © Anette Hempfling

Die zunehmende Produktion austauschbarer Titel und die zunehmende Uniformität des Angebotes mit der Gefahr, dass die Qualität immer mehr in den Hintergrund tritt. Tödlich für den Buchhandel ist die Devise „Fliegen irren nicht…“, also legen wir noch eins auf den großen Haufen drauf. Das andauernde „Für die Leser von…„ signalisiert doch nur „Abklatsch Nr. X“. Sagt Gustav Förster von der Wein-Lese-Handlung Förster in Ganderkesee

„Was mir am Programm der großen Publikumsverlage am meisten auf den Geist geht, ist das “Trittbrettfahrersyndrom”. Erfolgreiche Titel werden von anderen Verlagen kopiert, (indem etwa Themen geklaut werden, Cover ähnlich gestaltet), um den naiven Leser dazu zu bringen, Bücher zu kaufen, die den eigentlichen Erfolgstitel nur wiederkäuen. Durch dieses reine Interesse am schnellen Umsatz verlieren Verlage an Glaubwürdigkeit.“ Meint Stefanie Diez von der Berliner Buchhandlung Die Insel

Bedauert wird vielfach, dass etablierte (Publikums-) Verlage den Mut zum besonderen, zum ambitionierten Buch verloren haben. In diesem Zusammenhang kommen in der Gesprächsreihe die sogenannten Independent Verlage gut weg, die abseits des Mainstreams trotz schlechter gestellter Vertriebsmöglichkeiten mit innovativen Programmen und ungewöhnlichen Büchern überzeugen, die ansprechend gestaltet sind. Sie werden von den befragten Buchhändlern vielfach lobend erwähnt.

Hannah Wiesehöfer und Nina Wehner © die Buchkönigin

Hannah Wiesehöfer und Nina Wehner © die Buchkönigin

Sehr viele kleinere bis kleine, unabhängige Häuser wie z.B. der Secession Verlag, Binooki oder Kunstmann leisten wunderbare Arbeit und sind mit großer Hingabe bei der Sache, da gibt es rein gar nichts dazu zu wünschen!!!“ So Stefanie Diez von der Berliner Buchhandlung Die Insel

„Schön ist, dass auch im Literaturbetrieb immer noch neue Konzepte erdacht werden und funktionieren. Zum Beispiel der neue Berliner Verlag Metrolit – ein Projekt verschiedener Akteure des Literatur- und Medienbetriebs (Aufbau, Walde + Graf, Flux Fm). Sie haben ein innovatives Programm aufgestellt, das sich sowohl am Zeitgeist orientiert als auch auf klassisch verlegerische Arbeit setzt. Weiterhin ist es erfreulich zu sehen, dass auch kleine ambitionierte Projekte wie zum Beispiel der Binooki Verlag oder Kookbooks eine Chance haben, sich zu etablieren. Auch Ungewöhnliches oder scheinbar Abseitiges muss nicht konträr zu wirtschaftlicher Machbarkeit stehen, und trägt zu einer lebendigen literarischen Szene abseits des Mainstreams bei.“ Meinen Hannah Wiesehöfer und Nina Wehner von der Berliner Buchhandlung Die Buchkönigin

Nicht gut weg kommt das Marketing, mit dem Verlage gedenken, Buchhändler für ihre (Spitzen-)Titel einzunehmen. Dass Mittelmäßiges mit Superlativen hochgejubelt wird, verärgert den Buchhandel. Mit künstlich aufgeblähten Kampagnen für einzelne Titel, die mit aller Macht auf Bestseller-Listen gehievt werden sollen, hat er ebenso wenig am Hut. Und für marktschreierische Vorschauen, die den Handelspartner für dumm verkaufen wollen, haben Buchhändler schon überhaupt kein Verständnis.

Heike Wenige  © privat

Heike Wenige © privat

Es bringt mir nichts, einen umworbenen Bestseller einmal von hinten, von vorne, auf einem Stapel, in einen kunstvollen Aufbau oder sonst wie auf jeweils einer ganzen Seite abgebildet bestaunen zu können. Dagegen hätte ich gerne Vorschauen oder Leseproben, die Informationen über Text und Autor bieten. Ja, auch wie die Geschichte ausgeht und wer der Täter ist, darf gerne verraten werden…“ So Rosemarie Reif-Ruppert von der Nürnberger Gostenhofer Buchhandlung

„Verlagsvorschauen sollten mehr Arbeitsmittel sein und den Buchhändler nicht mit den üblichen Superlativen und mehrseitigen Einzeltitelankündigungen quälen, man hat doch auf der ersten Seite schon begriffen, wie wichtig das Buch für den Verlag sein könnte.“ Findet Heike Wenige vom Taschenbuchladen in Freiberg

Statt viel Gedöns und leeren Versprechungen („wir werben in…“) wünschen sich Buchhändler sachliche Informationen und Leseproben. Auf wenig Verständnis stößt, dass Verlage inzwischen mit Leseexemplaren geizen. Mancher kann sich durchaus vorstellen, auf die gedruckte Vorschau zu verzichten. Andere wiederum sprechen sich dafür aus, dass die Gelder, die für aufwändig gestaltete Vorschauen und Kataloge ausgegeben werden, sinnvoller fließen sollten.

Clemens Bellut © Laurenz Micke

Clemens Bellut © Laurenz Micke

Vor allem: Seid großzügig mit Leseexemplaren, denn unsere Kunden fordern unsere persönlichen Buchempfehlungen ein und dafür müssen wir lesen, lesen, lesen.“ Sagt Beate Laufer-Johannes von der der BücherInsel in Frauenaurach

„Wieder mehr Leseexemplare im Hinblick auf den Einkauf und natürlich den Verkauf. Was ich gelesen habe, kann ich in der Regel auch verkaufen.“ Meint Trix Niederhauser aus der Schweiz von der Buchhandlung am Kronenplatz in Burgdorf/Emmental

„Dass sie die Gelder, die in ihre oft unglaublich aufwendigen Kataloge und Präsentationen gehen, eher den Autoren, den Lektoren, den Setzern und den Buchhändlern zugute kommen lassen.“ Fordert Clemens Bellut vom Heidelberger Buchladen artes liberales

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BTW: Die Fragestellungen der Gesprächsreihe will eine Veranstaltung erweitern und vertiefen, die in Berlin/Mitte am 3. Juni 2014 ab 19.00 Uhr in der Tucholsky-Buchhandlung stattfindet. Wir erwarten uns eine kontroverse Debatte, zu der Ihr herzlich eingeladen seid. Zur Diskussion beitragen werden u.a. Siegmund Ehrmann, MdB (Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien), Zoë Beck (Autorin und e-Book-Verlegerin CulturBooks), Lorenz Borsche (Vorstand der buchhändlerischen Genossenschaft eBuch), Boris Langendorf (freier Publizist), Daniel Leisegang (Autor von „Das Buch als Beute“) und Stefan Weidle (Verleger und Vorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung). – Der Eintritt ist frei.

Um Voranmeldung wird gebeten: kurt(klammeraffe)tucholsky(punkt)de

 

„Bis auf wenige Ausnahmen hat doch keiner der großen Verlage mehr ein eigenes Profil.“ – SteglitzMind stellt Heike Wenige vom Freiberger „Taschenbuchladen“ vor

Sind Buchhändler tatsächlich die Verlierer der Digitalisierung? Wie gehen sie mit den Schreckensszenarien um? Wo sehen sie Risiken, wo Chancen und welche Weichen stellen sie, um zukunftsfähig zu bleiben? Wie halten sie es mit dem E-Book und wären Titel von Self Publishern für sie eine Option? Diese u.a. Aspekte will die Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” beleuchten, in der Interviewpartner in loser Folge standardisierte Fragen beantworten.

Welche Buchmenschen und Buchhandlungen wir zukünftig etwas näher kennenlernen, schlagen zum einen jene vor, die mir Rede und Antwort stehen. Darüber hinaus freue ich mich auf Empfehlungen von Euch, wer hier ebenfalls zu Wort kommen sollte. Und, bitte sehr, vermerkt Eure Vorschläge hier (nebst Link zur Buchhandlung); und nicht etwa auf diversen anderen Kanälen im Social Web. Danke sehr! Im Übrigen freue ich mich auch über Gastbeiträge: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen?

Heike Wenige vom Taschenbuchladen, der im sächsischen Freiberg ansässig ist, lief mir in einem angesagten sozialen Netzwerk über den Weg. Zu meiner Freude fackelte sie nicht lange, als ich sie bat, hier mitzutun.

Eine Skizze vom Laden …

Im November 1994 tatsächlich als Taschenbuchladen eröffnet, aber schon alsbald umstrukturiert  und die literarische Nische in Freiberg (Klein- aber Universitätsstadt) besetzt. Der Name ist geblieben, weil wir eine Institution in Freiberg sind und mittlerweile 1A-Lage.

Warum sind Sie Buchhändlerin geworden?

Ich wollte das mit 15 tatsächlich gerne werden. Damals sollte man sich schon festlegen. Lehrstellen waren rar. Und ich stamme auch aus einer Buchhändler- und Antiquarfamilie (also Großvater und die Großonkels), weswegen es in unserer Familie schon immer viele Bücher gab. Das prägt.

Würden Sie sich unter heutigen Bedingungen abermals für diesen Beruf entscheiden?

Schwere Frage, aber ich sage mal JA!

Was hat sich in den vergangenen Jahren in Ihrem beruflichen Alltag verändert?

Heike Wenige  © privat

Heike Wenige © privat

Nun, wir sind aufmerksamer geworden: Wir beobachten genauer, was im Laden passiert, was in all den Medien besprochen wird, wonach gefragt wird und werten schneller aus, ob es für unseren Laden relevant sein könnte. Seltsam auch, dass man im Gespräch wieder damit werben muss, dass man ein Buch von heute auf morgen besorgen kann – wir hielten das ja immerzu für selbstverständlich….

Die Devise heißt ja: Buchhandel go online! Was unternehmen Sie in dieser Richtung?

Wir haben seit 15 Jahren eine Internetseite mit eigenem Shop (damals noch mein „Hobby“) und fühlen uns den Anforderungen gut gewachsen. Mittlerweile ist es ein wichtiges Instrument und auch Facebook bringt uns tatsächlich wieder junge Menschen in den Laden.

Das Sterben der Buchläden ist allgegenwärtig. Wo verorten Sie für Ihre Buchhandlung die größten Gefahren?

Wenn wir so weiter arbeiten können, wie wir arbeiten, sehe ich keine Gefahr. Individualität und Service sind wichtig, und das pflegen wir jeden Tag. Wir sind Mitglied von Buy Local und tragen diese Botschaft wärmstens an unsere Kunden heran und haben damit Erfolg. Sogar die Kindereinrichtungen und Schulen, die wir unterstützen, haben diese Zusammenhänge mittlerweile erkannt und reagieren.

Wie halten Sie es mit dem E-Book?

Wir bieten Ebooks über unsere Internetseite an, bewerben dieses auch, verhalten uns aber ansonsten eher zurückhaltend. Ebook- Diskussionen führen wir selten. Aber wir sind aussagefähig, wenn sich jemand dafür interessiert.

Wäre das eine Option für Sie, auch Titel von Self Publishern anzubieten?

das Logo  © Taschenbuchladen

das Logo © Taschenbuchladen

Zumeist bekommen wir die Bücher regionaler Autoren angeboten und die haben auch Platz bei uns.

Wie verkauft man heutzutage Bücher?

Na, mit einem Lächeln im Gesicht und der eigenen Freude, genau das richtige für den Kunden gefunden zu haben bzw., dass der Kunde im Laden selbst das richtige gefunden hat. Das erfordert nicht nur Bücherkenntnis, sondern auch Menschenkenntnis. Wir bieten nichts Besonderes, außer die umfangreichen Serviceleistungen, die selbstverständlich sein sollten, auch, wenn meist nur 50 Cent  übrig bleiben. Unsere Erfahrungen bestätigen einfach, dass Bemühungen nachhaltig sind.

Und unsere Lokalzeitung hat mal geschrieben, dass wir „Autoren zum Anfassen“ bieten. Unsere zahlreichen großen und kleinen Lesungen im Jahr werden geschätzt und ich pflege sogar seit 6 Jahren einen Lyriksalon, zudem  mittlerweile 50 bis 60 Menschen kommen. Ja, um sich Lyrik anzuhören…

Im Gespräch zu bleiben ist sehr wichtig. Und das gelingt in einer Kleinstadt vielleicht sogar noch besser.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, die Ihnen Verlage erfüllen… Welche wären das?

Dürfen es auch mehr sein??

Aber ja, doch…

Gerade aktuell: Verlagsvorschauen sollten mehr Arbeitsmittel sein und den Buchhändler nicht mit den üblichen Superlativen und mehrseitigen Einzeltitelankündigungen quälen, man hat doch auf der ersten Seite schon begriffen, wie wichtig das Buch für den Verlag sein könnte.

Der Wunsch aller Buchhändler nach weniger Neuerscheinungen verhallt leider im Nichts. Dementsprechend austauschbar sind ja auch die Programme geworden. Bis auf wenige Ausnahmen hat doch keiner der großen Verlage mehr ein eigenes Profil. Erfolgreiche Titel werden nicht nur inhaltlich kopiert, die Buchcovergestaltung ist schon lange austauschbar und gleichförmig geworden.

hereinspaziert !  © Taschenbuchladen

hereinspaziert ! © Taschenbuchladen

Mich stören tatsächlich auch die eigenen Shops auf den Homepages der Verlage. Warum wird hier nicht an den örtlichen Buchhandel verwiesen? Über die Zahlen im Direktvertrieb wird gar nicht gesprochen. Kein Wunder, dass der einzelne Sortimentsbuchhändler immer weniger Unterstützung durch die Verlage erfährt, warum sollte der Verlag das auch tun, wenn er es selber verkaufen kann und mehr verdient. Da kann man sich das auch leisten, ein Taschenbuch für 9,90 Euro versandkostenfrei zu liefern.

Vertreter sind uns wichtig. Als Bindeglied zwischen Verlag und Buchhändler leisten diese eine wichtige und unersetzliche Arbeit. Den Verlagsvorschauen mit den unklaren Titelankündigungen wie „Ein neuer Irving“ oder „Der neue Weltbestseller“ und kein anständiger Text dazu kann man selten trauen. Und zum Vertreter sollte man so ein Verhältnis haben, dass die Kommunikation stimmt, der Vertreter den Laden kennt und unabhängig und individuell trotz Umsatzvorgaben seitens des Verlages beraten kann. Das kann telefonische Betreuung nicht leisten.

Und was würden Sie sich vom Börsenverein für den deutschen Buchhandel wünschen?

Mitgliedernähe fällt mir ein. Wenn ich den Stand es Börsenvereins auf den Buchmessen sehe, fühle ich mich als Einzelbuchhändler ausgeschlossen in der Masse der schwarzen Anzüge. Und mit Nähe meine ich in allen Dingen: Transparenz, weniger elitäres Getue, Einsatz für den Buchhändler und die Preisbindung, bezahlbare Seminare… Die Aktion „Vorsicht Buch“ ist für uns eine große Enttäuschung. Meine Kundschaft versteht nicht, warum sie Angst vor einem Buch haben sollte…

Was treibt Sie in der literarischen Szene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Ratlosigkeit im Neuerscheinungsdschungel… Es wird uns so schwer gemacht, gute Belletristik zu finden – aber wir finden sie!

Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen?

Profan gesagt, um ein Buch zu kaufen, was man vielleicht gar nicht suchte, es aber trotzdem großartig findet. Die Buchhandlung ist nicht nur geistiger Ort in einer Stadt, sondern auch Kommunikationspunkt, Wohlfühlort und kultureller Botschafter…

Welche anderen Buchhandlungen empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Da kenne ich welche, weiß aber nicht, ob die auch möchten… Zum Beispiel Holger Brandstädt von der Friedrich-Wagner-Buchhandlung in Ueckermünde oder Wenke Helmboldt von der Buchhandlung Universitas in Chemnitz.

Herzlichen Dank. Und womöglich fragen Sie einfach bei in Frage kommenden Kollegen nach, ob sie womöglich mögen wollen…

Mache ich…

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Fünf Fragen vom Börsenblatt für den deutschen Buchhandel zur Gesprächsreihe mit Buchhändler/innen beantworte ich hier

Zu Wort gekommen sind bislang:

Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung in Stuttgart/Vaihingen

Edda Braun mit ihrer Buchhandlung am Turm in Ochsenfurt

Samy Wiltschek von der Kulturbuchhandlung Jastram in Ulm

Margarete Haimberger mit ihrer Schröersche Buchhandlung in Berlin/Schöneberg

Sonja Lehmann vom Bücherwurm Borken im Nordhessischen

Martina Bergmann mit der Buchhandlung Frau Bergmann in Borgholzhausen

Thomas Calliebe mit seiner Buchhandlung Calliebe in Groß-Gerau

Mila Becker mit Mila Becker Buch & Präsent in Voerde

Trix Niederhauser aus der Schweiz von der Buchhandlung am Kronenplatz in Burgdorf/Emmental

Simone Dalbert von der der Buchhandlung Schöningh in Würzburg

Klaus Kowalke von der Stadtteilbuchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V. in Chemnitz

Beate Laufer-Johannes von der der BücherInsel in Frauenaurach bei Erlangen

Petra Hartlieb von der Wiener Buchhandlung Hartliebs Bücher

Nicole Jünger aka Kata Butterblume vom Buchladen am Neuen Markt in Meckenheim

Jörg Braunsdorf von der Berliner Tucholsky-Buchhandlung

Stefanie Diez und ihre Buchhandlung Die Insel im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg

Britta Beecken von der Berliner Buchkantine

„Was für uns von Interesse ist, bieten wir auch an.“ SteglitzMind stellt Britta Beecken von der Berliner „Buchkantine“ vor

Sind Buchhändler tatsächlich die Verlierer der Digitalisierung? Wie gehen sie mit den Schreckensszenarien um? Wo sehen sie Risiken, wo Chancen und welche Weichen stellen sie, um zukunftsfähig zu bleiben? Wie halten sie es mit dem E-Book und wären Titel von Self Publishern für sie eine Option? Diese u.a. Aspekte will die Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” beleuchten, in der Interviewpartner in loser Folge standardisierte Fragen beantworten.

Welche Buchmenschen und Buchhandlungen wir zukünftig etwas näher kennenlernen, schlagen zum einen jene vor, die mir Rede und Antwort stehen. Darüber hinaus freue ich mich auf Empfehlungen von Euch, wer hier ebenfalls zu Wort kommen sollte. Und, bitte sehr, vermerkt Eure Vorschläge hier (nebst Link zur Buchhandlung); und nicht etwa auf diversen anderen Kanälen im Social Web. Danke sehr! Im Übrigen freue ich mich auch über Gastbeiträge: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen?

Dass wir heute Britta Beecken von der Berliner Buchkantine etwas näher kennenlernen, die man in der Dortmunder Straße in Moabit findet, hatte der Herr @BerlinBEWOHNer vorgeschlagen.

Eine Skizze vom Laden …

Die Buchkantine besteht seit 2005 in Moabit. Zuerst auf cirka.160 m² und seit September 2011 auf cirka 320 m². Gastronomie und Buchhandel teilen sich die Räumlichkeiten und gehen ineinander über. Vor Ort haben wir etwa 8.000 Titel aus dem Bereich Belletristik, Kinderbuch und einige Sachbuchtitel.

Warum sind Sie Buchhändlerin geworden?

Diese Entscheidung ist bei der  Befragung zum Berufswunsch in der ersten Schulklasse gefallen. Danach kam ein anderer Beruf nicht mehr in Frage. Natürlich lese ich gerne aber ich verkaufe auch sehr gerne. Beides zu kombinieren ist mein Traumberuf. Bei uns im Laden bin ich auch für die Schaufensterdekoration verantwortlich und kann so eine weitere Leidenschaft ausleben.

Würden Sie sich unter heutigen Bedingungen abermals für diesen Beruf entscheiden?

Ich hatte entgegen aller Trends sehr viel Glück. Eine Bewerbung für die Ausbildung, eine Bewerbung für den Job. Diesen habe ich seit 8 Jahren. Natürlich ist im Fall der Buchkantine, das heißt durch die Kombination aus Gastronomie und Buchhandel, das Aufgabenfeld weiter und nicht nur klassisch buchhändlerisch. Aber spannend und vielseitig. Von daher würde ich mich auch heute noch für den Beruf entscheiden.

Was hat sich in den vergangenen Jahren in Ihrem beruflichen Alltag verändert?

Britta Beecken im Buchladen  © Buchkantine

Britta Beecken im Buchladen © Buchkantine

Die Kunden sind sehr gut informiert. Durch selbständige Recherche sind sie oft einen Schritt voraus. Die parallele Suche mit Internet und Warenwirtschaftssystem ist unumgänglich. In meinem Ausbildungsbetrieb hatten die Computer keinen Internetzugang. Völlig undenkbar heute ohne auskommen zu müssen. Viele Kunden kommen mit den ausgedruckten Suchergebnissen zu uns, um bei uns zu bestellen. Natürlich kommt es auch oft zu Missverständnissen, wenn z. B. der Großhändler einen Titel kurzfristig nicht am Lager hat und die Kunden sich dann wundern, warum wir nicht beim vermeintlich schnelleren Amazon bestellen, dessen Angaben zu Lieferzeit und Verfügbarkeit manchmal missverständlich sind. Aber mit einem bisschen Aufklärungsarbeit zeigen die Kunden dann meist Verständnis.

Die Devise heißt ja: Buchhandel go online! Was unternehmt Ihr in dieser Richtung?

Wir haben einen zeitgemäßen Internetauftritt. Auf unserer Homepage können Kunden den Onlineshop von Libri nutzen und sich die gewünschten Bücher in unseren Laden senden lassen. Die eigenständige Recherche ist also gegeben, der Weg in unsere Räume aber nicht verloren gegangen. Auch über Facebook kommunizieren wir regelmäßig und veröffentlichen z.B. Buchempfehlungen. Und bei Twitter sind wir neuerdings ebenfalls.

Das Sterben der Buchläden ist allgegenwärtig. Wo verorten Sie für Ihre Buchhandlung die größten Gefahren?

Trotz eigenem Onlineshop natürlich im Internetversand.

Wie halten Sie es mit dem E-Book?

Wir bieten das Bestellen von E-Books an. Unsere Ladenfläche ist aber nicht groß genug, um auch eine Auswahl an Lesegeräten bereit zu stellen. Dafür klaffen Beratungsintensität und Gewinn auch zu weit auseinander. Das Bestellen von E-Books wird allerdings kaum genutzt. Diese Abnehmer suchen nicht erst den Umweg über die Buchhandlung.

Wäre das eine Option für Sie, auch Titel von Self Publishern anzubieten?

Wir haben einige Titel von Self Publishern als Printversion im Laden. Was für uns von Interesse ist, bieten wir auch an.

Wie verkauft man heutzutage Bücher?

Da Bücher selbst im Supermarkt zu bekommen sind, muss der Verkaufsraum ansprechend sein. Nicht überladen, da durch sofortige Abrufbarkeit fast jeder Titel kurzfristig zu haben ist. Eher Klasse statt Masse. Wir bieten durch die Gastronomie auch noch die Möglichkeit zum Verweilen.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, die Ihnen Verlage erfüllen… Welche wären das?

1. Ebenfalls eher Klasse statt Masse.

2. Da bei Hörbüchern sehr schnell der Ladenpreis aufgehoben wird, ist es schwer Kunden zum Kauf beim Ursprünglichen Preis zu bewegen.

3. Das Angebot beim Erwerb der Printversion gleich die E-Book Variante mit zu erwerben sollte ausgebaut werden

Und was würden Sie sich vom Börsenverein für den deutschen Buchhandel wünschen?

Im Großen und Ganzen sind wir mit der Arbeit des Börsenvereins ganz zufrieden.

Was treibt Sie in der literarischen Szene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Dass bei Gesprächen mit Kollegen aus Buchhandel oder Verlagen immer mehr die Angst um Jobverluste im Vordergrund steht.

Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen?

Weil man die Vielseitigkeit und Schönheit von Büchern nur so erleben kann. Die Entdeckung von Büchern, auf die man sonst niemals gekommen wäre. Besonders im persönlichen Gespräch mit uns.

Welche anderen Buchhandlungen empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Lesen und lesen lassen in Berlin/ Friedrichshain und ebenfalls in diesem Berliner Bezirk ansässig der Kinderbuch- und Spielzeugladen Libelle.

Herzlichen Dank. BTW: Lesen und lesen lassen hatte Samy Wiltschek von der Ulmer Kulturbuchhandlung Jastram ja auch schon ins Spiel gebracht…

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Fünf Fragen vom Börsenblatt für den deutschen Buchhandel zur Gesprächsreihe mit Buchhändler/innen beantworte ich hier

Zu Wort gekommen sind bislang:

Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung in Stuttgart/Vaihingen

Edda Braun mit ihrer Buchhandlung am Turm in Ochsenfurt

Samy Wiltschek von der Kulturbuchhandlung Jastram in Ulm

Margarete Haimberger mit ihrer Schröersche Buchhandlung in Berlin/Schöneberg

Sonja Lehmann vom Bücherwurm Borken im Nordhessischen

Martina Bergmann mit der Buchhandlung Frau Bergmann in Borgholzhausen

Thomas Calliebe mit seiner Buchhandlung Calliebe in Groß-Gerau

Mila Becker mit Mila Becker Buch & Präsent in Voerde

Trix Niederhauser aus der Schweiz von der Buchhandlung am Kronenplatz in Burgdorf/Emmental

Simone Dalbert von der der Buchhandlung Schöningh in Würzburg

Klaus Kowalke von der Stadtteilbuchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V. in Chemnitz

Beate Laufer-Johannes von der der BücherInsel in Frauenaurach bei Erlangen

Petra Hartlieb von der Wiener Buchhandlung Hartliebs Bücher

Nicole Jünger aka Kata Butterblume vom Buchladen am Neuen Markt in Meckenheim

Jörg Braunsdorf von der Berliner Tucholsky-Buchhandlung

Stefanie Diez und ihre Buchhandlung Die Insel im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg

„Die Berliner hängen an ihren angestammten Kiezläden.“ SteglitzMind stellt Stefanie Diez von der Buchhandlung „Die Insel“ vor

Sind Buchhändler tatsächlich die Verlierer der Digitalisierung? Wie gehen sie mit den Schreckensszenarien um? Wo sehen sie Risiken, wo Chancen und welche Weichen stellen sie, um zukunftsfähig zu bleiben? Wie halten sie es mit dem E-Book und wären Titel von Self Publishern für sie eine Option? Diese u.a. Aspekte will die Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” beleuchten, in der Interviewpartner in loser Folge standardisierte Fragen beantworten.

Welche Buchmenschen und Buchhandlungen wir zukünftig etwas näher kennenlernen, schlagen zum einen jene vor, die mir Rede und Antwort stehen. Darüber hinaus freue ich mich auf Empfehlungen von Euch, wer hier ebenfalls zu Wort kommen sollte. Und, bitte sehr, vermerkt Eure Vorschläge hier (nebst Link zur Buchhandlung); und nicht etwa auf diversen anderen Kanälen im Social Web. Danke sehr! Im Übrigen freue ich mich auch über Gastbeiträge: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen?

Heute lernen wir Stefanie Diez und ihre Buchhandlung Die Insel näher kennen, die in Berlin/Prenzlauer Berg ansässig ist. Vorgeschlagen hatte das die Brunnenwaechterin.

Eine Skizze vom Laden…

Stefanie Dietz © Anette Hempfling

Stefanie Dietz © Anette Hempfling

Die Buchhandlung Die Insel ist ein im und mit dem Bötzowkiez im Wandel der Zeiten gewachsener Ort für Literatur. Sie befindet sich in der Greifswalderstr. 41, existierte seit den 50er Jahren als Volksbuchhandlung und firmierte unter dem Namen ‚Thomas Münzer Buchhandlung‘. Hauptsächlich aus dieser Zeit stammt das charakteristische Mobiliar des Ladens. 1990 war die Buchhandlung eine der ersten Privatisierungen der Branche in Ostberlin. Von den damaligen Inhabern erhielt sie angesichts des ‚Meeres‘ neu entstehender Videotheken den Namen ‚Die Insel‘. Januar 2011 habe ich den Laden übernommen.

Schwerpunkte: U.a. inspirierende, anspruchsvolle Belletristik, Sachbuch, Bilder- , Kinder- und Jugendbücher (Augenmerk auf gute Sprache, hochwertige Illustrationen, originelle und einfallsreiche Inhalte), Graphic Novels, Berlin- und Prenzlauer Berg-Spezifisches, Reiseführer, bibliophile Leckerbissen. AUSSCHLAGGEBEND ist die Auswahl, die Matthias Holliger, Juliane Felsmann und ich aus diesen Warengruppen treffen. Wir bieten nur das an, was uns selbst von Herzen überzeugt, sowie die Titel, die unser Lesepublikum begeistern, von denen wir also wissen, dass sie hier im Kiez gefragt sind.

Warum sind Sie Buchhändlerin geworden?

Ich bin Theaterwissenschaftlerin mit Magisterabschluss und – motiviert durch die recht schnell erworbene Erkenntnis, dass ich am Theater nicht glücklich werde – folgerichtig in die Buchhändlerausbildung hineingestolpert.

Würden Sie sich unter heutigen Bedingungen abermals für diesen Beruf entscheiden?

Im Nachhinein stellt sich für mich vielmehr die generelle Frage, ob es nicht auch eine ökonomisch aussichtsreichere Alternative zu Geisteswissenschaft und Kulturbetrieb gegeben hätte. Andererseits ist man eben einfach durch seine Neigungen und Interessen bestimmt; wenn man ihnen grundlegend zuwiderhandelt, muss man sich dreißig und mehr Jahre in Zusammenhängen bewegen, die nicht die eigenen sind. Insofern: Ja, ich würde wahrscheinlich wieder einen ähnlichen Weg gehen. Wobei mich zum Beispiel Radiojournalismus auch sehr interessiert – oder noch besser: Ich würde wahnsinnig gerne mal einen Film synchronisieren.

Was hat sich in den vergangenen Jahren in Ihrem beruflichen Alltag verändert?

Ich bin seit 2002 im Buchhandel. Seitdem hat sich die Branche hinsichtlich der Serviceleistung und der Vertriebskanäle breiter aufgestellt: Die Besorgung antiquarischer Titel ist mittlerweile weitgehend selbstverständlich; kostenfreier Buchversand innerhalb Deutschlands wird jedem Buchhändler durch das Bespiel der großen Internetversandhäuser nahegelegt. Eine Vielzahl der Kollegen verfügt über eine Internetpräsenz mit Webshop, über den auch E-Books heruntergeladen werden können. Buchhändler sind in den Social Media wie Facebook und Twitter aktiv. Lesungen dagegen wurden schon immer veranstaltet und auch die Besorgung von ausländischen Titeln gehört zum traditionellen Serviceangebot des deutschen Buchhandels.

Die Devise heißt ja: Buchhandel go online! Was unternehmen Sie in dieser Richtung?

Der Buchladen © privat

Der Buchladen © privat

Unser Internetauftritt wurde Anfang 2012 zu einem Webshop mit E-Book-Katalog (über 300.000 Titel) ausgeweitet. Vorher hatten wir bereits 450.000 Print-Titel im Angebot. Unsere Kunden können auf der Website nach Büchern stöbern, diese bestellen, hinterher im Laden abholen oder sich zuschicken lassen.

Der neue Webshop bietet darüber hinaus frisch gestaltet viele Literaturtipps, Buchtrailer, Wissenswertes zum E-Book, Schmökerempfehlungen unseres Leseclubs Die Leseexemplare (bestehend aus 7-17-Jährigen) und natürlich auf den großen Bannern Informationen über unsere Veranstaltungen und Aktivitäten. Reinschauen lohnt sich!!!

Das Sterben der Buchläden ist allgegenwärtig. Wo verorten Sie für Ihre Buchhandlung die größten Gefahren?

Sich von der zum Teil leider in den großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen verbreiteten Stimmung anstecken zu lassen. Im Moment sterben vor allem die Großflächen, weil sie für den Buchhandel nie geeignet waren. Jeder kleine Buchladen dagegen ist in seinen Chancen und Risiken individuell zu beurteilen. Solange man einen guten Standort hat und aufrichtig Lust, mit seinem Laden und seinen Kunden zu leben; solange man bereit ist, auch notwendige Veränderungen bewusst einzuleiten, sehe ich – zumindest in der näheren Zukunft – keine Gefahr. Die Berliner hängen an ihren angestammten Kiezläden und trauern, wenn diese aufgegeben werden. Aber wer Buchhandel macht, sollte Lebensfreude ausstrahlen! Das Buch ist ein Wunderding – etwas Schöneres kann man nicht verkaufen. Wer das nicht mehr sieht und nur noch Frust empfindet, für den ist es Zeit, die Bühne zu verlassen und sich eine neue Einnahmequelle zu suchen. Eine Kollegin hat mal gesagt, wer Buchhandel gemacht hat, der ist mit allen Wassern gewaschen, der kann sowieso alles. Eine ehemalige Kollegin etwa fährt Gabelstapler bei der Bundeswehr.

Wie halten Sie es mit dem E-Book?

Über unseren Webshop vertreiben wir über 300.000 E-Book-Titel im epub- und pdf-Format. Die Bezahlung ist über paypal oder (nicht als Erstkunde) über offene Rechnung möglich. Darüber hinaus kann man in der Insel die E-Reader iriver HD WIFI, Sony PRS-T2 und das pocketbook 622 touch kaufen. Diese E-Reader haben wir immer vorrätig. Der iriver ist ein reines Lesegerät mit Internetzugang nur für den Buchkauf. Er weist einen hervorragenden Kontrast auf und ist sehr gut für ältere Menschen geeignet, die Texte besser in Großdruck lesen können. Sony Reader sowie pocketbook touch sind Reader mit vielfältigen Funktionen und Internetzugang. Sie wurden vor kurzem von der Stiftung Warentest mit „gut“ bewertet (und liegen damit gleichauf mit den Kindle-Modellen).

E-Book-Kunden sind allerdings meistens „glitschige“ Kunden: Sie besitzen eine geringe Komplikationstoleranz und entgleiten einem ganz schnell wieder – wenn sie an einer Anlaufstelle nicht genau das bekommen, was sie wollen, gehen sie woanders hin. Man kann sie leider meist nur halten, wenn man sie bereits persönlich kennt.

Wäre das eine Option für Sie, auch Titel von Self Publishern anzubieten?

Schon immer bieten wir Self Publishern die Möglichkeit, ihre im Eigen- oder Kleinstverlag gedruckten Titel auf Kommissionsbasis bei uns im Laden auszulegen. Die Bandbreite reicht von einem Bildband über Sofia bis zu einer Veröffentlichung über den Umgang mit Demenzkranken.

In unseren Titelkatalogen der Großhändler Libri und KNV finden sich darüber hinaus sehr viele „book on demand“ bzw. „print on demand“-Titel von Self Publishern, die wir jederzeit gerne auf Wunsch unserer Kunden bestellen.

Self Publishing im E-Book-Bereich wird meines Wissens nach bislang nur von Amazon angeboten. Selbstverständlich könnten als Einzelunternehmen geführte Buchhandlungen niemals die elektronische Infrastruktur dafür bereitstellen. Finden diese Veröffentlichungen aber Eingang in die Titelkataloge jenseits von Amazon, etwa auch in denjenigen von KNV/Ciando, den wir nutzen, dann bieten wir diese E-Books natürlich an. Der eine oder andere Self Publisher macht ja durch seinen Erfolg auf sich aufmerksam und landet daraufhin bei einem der traditionellen Publikumsverlage. Grundsätzlich aber wird Amazon mit allen Mitteln versuchen, sein Self Publishing-Monopol im E-Book-Bereich aufrechtzuhalten, d.h. u.a. durch die Vorgabe des amazon-eigenen Mobipocket-Formates dem Leser ohne Kindle den Zugang verwehren.

Wie verkauft man heutzutage Bücher?

lesen, lesen, lesen... © privat

lesen, lesen, lesen… © privat

Heutzutage muss man sehr aufpassen, dass man angesichts des Wunsches, sich durch verschiedenste Aktivitäten gegenüber den Kollegen abzuheben sowie sich nah am Puls der Zeit zu bewegen, nicht die eigentliche, zentrale Aufgabe des Buchhändlers aus den Augen verliert: Sich ständige beste und umfassendste Kenntnis des geliebten Gegenstandes zu verschaffen. Also lesen, lesen, lesen und Literatur vergleichen, einordnen, beurteilen, das Feuilleton sichten. Die Flutwelle der Neuerscheinungen enthält viel Müll und tote Fische. Unsere Klientel ist gebildet und möchte in uns Gesprächspartner auf dem gleichen Niveau antreffen. Was den Kunden in den großen Ketten am meisten fehlt, sind nicht „besondere Aktionen“, sondern der klassische Buchhändler, der ihnen mit Rat und Tat, Ideen und Erfahrung beim Bucherwerb zur Seite steht.
Die soziale Grundlage dabei ist die Offenheit für das Gespräch mit den Kunden, die Neugier auf Menschen und ihre Interessen, gepaart mit einer guten Portion Witz und Einfühlungsvermögen!

Natürlich veranstalten wir besondere Lesungen und Verlagsabende, nehmen an Kiezfesten teil. So gab es bei uns schon u.a. eine Weinprobe und einen Schreibwettbewerb für Jugendliche gemeinsam mit der Büchergilde Gutenberg. Jeden Samstag lesen wir im „Lesezirkus“ in Folgen Klassiker der Kinderliteratur für 5-8-Jährige vor, mit einem Lesezirkusausweis können die Kinder Stempel sammeln und erhalten bei zehn gesammelten Stempeln eine Überraschung. Unser Leseclub „Die Leseexemplare“ für 7-17-Jährige spült uns immer neue Rezensionen von Neuerscheinungen im Bereich Kinder- und Jugendbuch an den Inselstrand, die auf unserer Website nachgelesen werden können. Monatlich wechselnde Themenschaufenster für Kinder und Erwachsene verleihen der Insel Anziehungskraft. All das muss in Leichtigkeit nebenbei geschehen, was nicht immer einfach ist!

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, die Ihnen Verlage erfüllen… Welche wären das?

Sich endlich nicht länger auf Quantität, sondern auf Qualität zu konzentrieren. Ich bestelle Novitäten nach der Maßgabe, möglichst viel wegzulassen. Nur das, was ich auf keinen Fall weglassen kann, weil es WIRKLICH toll und wichtig ist, kommt in unser Sortiment.

Was mir am Programm der großen Publikumsverlage am meisten auf den Geist geht, ist das „Trittbrettfahrersyndrom“. Erfolgreiche Titel werden von anderen Verlagen kopiert, (indem etwa Themen geklaut werden, Cover ähnlich gestaltet), um den naiven Leser dazu zu bringen, Bücher zu kaufen, die den eigentlichen Erfolgstitel nur wiederkäuen. Durch dieses reine Interesse am schnellen Umsatz verlieren Verlage an Glaubwürdigkeit.

Sehr viele kleinere bis kleine, unabhängige Häuser wie z.B. der Secession Verlag, Binooki oder Kunstmann aber leisten wunderbare Arbeit und sind mit großer Hingabe bei der Sache, da gibt es rein gar nichts dazuzuwünschen!!!

Und was würden Sie sich vom Börsenverein für den deutschen Buchhandel wünschen?

Vom Börsenverein erwarte ich vor allem, dass er sich in Politik und Öffentlichkeit in jedem Moment mit voller Kraft für den Schutz der Buchpreisbindung und des reduzierten Mehrwertsteuersatzes für Bücher einsetzt. Beide sind die Grundlage für die abwechslungsreiche Buchhandelslandschaft in Deutschland.

Schön sind auch größere Veranstaltungen wie etwa in Berlin „Stadt Land Buch“, bei denen die gezahlten Beiträge in Form von finanzieller Unterstützung für Lesungen an die Mitglieder zurückfließen.

Was treibt Sie in der literarischen Szene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Wenn Akteure des Qualiätsverlagswesens zu Amazon wechseln, um dort zu lektorieren. Ich hoffe, das wird kein Trend, denn die hochwertige, sorgfältige, literaturbezogene Arbeit ist alles, was der unabhängige Buchhandel dem sich beschleunigenden Konzentrationsprozess entgegensetzen kann.

Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen?

Weil Buchhandlungen besondere Orte sind und es dort wie eh und je sehr viel zu entdecken gibt! Ein Buchladen ist ein lebendiger, kreativer Prozess, der sich zwischen den Repräsentanten des Geschäfts und seinem Publikum abspielt: Wir zünden den Funken in unseren Kunden und umgekehrt bekommen wir viele Anregungen zurück, die dann wieder in unser Sortiment einfließen. Als Gegenströmung der Wendung zum Digitalen gibt es eine große Anzahl hochwertiger, fantastisch gestalteter Veröffentlichungen mit wunderbarer Haptik, die berührt, aufgeschlagen und besessen werden wollen. Wer will diese Bücher schon auf Dauer immer nur durch einen nüchternen Klick kaufen, wenn er sie etwa abends in einem verheißungsvoll gestalteten Schaufenster entdecken und sich für den nächsten Tag als besonderes Zuckerl einen kleinen Ausflug in die Lieblings-Buchhandlung vornehmen kann?

Während einer persönlichen Krise – und bevor ich selbst im Buchhandel tätig war – bin ich in der Stadt, in der ich damals wohnte, täglich in eine der Buchhandlungen gegangen, habe dort gestöbert, gelesen und Bücher gekauft. Das strukturierte mein Leben und machte Sinn. In einer Buchhandlung verschwendet man nie Zeit.

Welche anderen Buchhandlungen empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Buchhandlung Anakoluth, Schönhauser Allee, Berlin: Sorgfältigste Auswahl. Die Internationale Kinderbuchhandlung Mundo Azul, Choriner Straße, Berlin: Feuerwerk der Bilderbücher. Und die Buchhandlung Vaternahm, An den Quellen, Wiesbaden: Koryphäe vor Ort.

Danke Stefanie. Und zu erwähnen wäre wohl noch, dass Sie auch Lesungen frei Haus liefern

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Fünf Fragen vom Börsenblatt für den deutschen Buchhandel zur Gesprächsreihe mit Buchhändler/innen beantworte ich hier

Zu Wort gekommen sind bislang:

Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung in Stuttgart/Vaihingen

Edda Braun mit ihrer Buchhandlung am Turm in Ochsenfurt

Samy Wiltschek von der Kulturbuchhandlung Jastram in Ulm

Margarete Haimberger mit ihrer Schröersche Buchhandlung in Berlin/Schöneberg

Sonja Lehmann vom Bücherwurm Borken im Nordhessischen

Martina Bergmann mit der Buchhandlung Frau Bergmann in Borgholzhausen

Thomas Calliebe mit seiner Buchhandlung Calliebe in Groß-Gerau

Mila Becker mit Mila Becker Buch & Präsent in Voerde

Trix Niederhauser aus der Schweiz von der Buchhandlung am Kronenplatz in Burgdorf/Emmental

Simone Dalbert von der der Buchhandlung Schöningh in Würzburg

Klaus Kowalke von der Stadtteilbuchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V. in Chemnitz

Beate Laufer-Johannes von der der BücherInsel in Frauenaurach bei Erlangen

Petra Hartlieb von der Wiener Buchhandlung Hartliebs Bücher

Nicole Jünger aka Kata Butterblume vom Buchladen am Neuen Markt in Meckenheim

Jörg Braunsdorf von der Berliner Tucholsky-Buchhandlung

Die Buchhandlung setzte ein Gesicht auf, als würde sie einer Kette angehören. – Ein Gastbeitrag von Guido Rohm

Im Rahmen der losen Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” hatte ich vorgeschlagen, dass Ihr Gastbeiträge beisteuern könntet. Schilderungen aus dem Buchhändleralltag oder, was auch immer… Erfahrungsberichte zum Beispiel: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen? Nach der Polemik von Stefan Möller aka @Hedoniker Lieber stationärer Buchhandel, wir müssen reden!, die reichlich Wind machte, der Replik darauf von Lorenz Borsche, dem Brief des sterbenden Bildungsbürgers vom Krankenbett herab, dass kein Ausweg sei aus der Feder von Sandhofer und Gerrit van der Meers persönlichem Bericht Draußen vor der Tür. Als arbeitsloser Buchhändler nachts in einer fremden Stadt steuerte heute Guido Rohm, Schriftsteller, Künstler und Blogger, einen Beitrag bei. – Ich sage dafür herzlich danke.

Was Guido schreibt, passt in keine Schublade. Für Untat, seine jüngste Veröffentlichung, bürstete er beispielsweise das Krimigenre gegen den Strich. Auch unsere erste Begegnung verlief unorthodox: Sein Beitrag im Rahmen der Gesprächsreihe Steglitz stellt bibliophile Blogger vor sprengte die Regeln. – Was kann man anderes von einem erwarten, der gestammelte Notizen bloggt?

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Ein Ort für Elben. Von Guido Rohm

Buchhandlungen, also die unabhängigen, die, die keiner Kette angehören, sind für mich als Autor schwer einzuschätzen. Bot einer meiner kleinen Verlage, bei denen ich veröffentliche, einer von ihnen an, eine Lesung zu veranstalten, drucksten sie meist herum. Man müsse sich das überlegen.

Sie sollten sich keine Sorgen machen, sagte einer meiner Verleger zu den Besitzern der Buchhandlungen. Er würde die Bücher mitbringen, den Wein. Die Bücher dürfe die Buchhandlung selbstverständlich verkaufen. Darum ginge es ja. Ein Geschäft, so konnte man denken, dass für beide Seiten lukrativ ist.

Ich kenne nicht alle Buchhandlungen in diesem Land, auch wenn ich das gerne tun würde. Wo hält man sich am liebsten auf? Wo halte ich mich am liebsten auf? Richtig, in einer mit Büchern vollgestopften Buchhandlung. Ein Ort, der mit Fantasie so vollgestopft ist, dass man jeden Moment damit rechnen muss, dass ein Elb um die Ecke gelaufen kommt.

Meine Lieblingsbuchhandlung, die ich früher hier in Fulda, wo ich wohne, hatte, war eine Buchhandlung, die alles das besaß, was ich erwartete, und vor allem das bot, was ich mir von einem solchen Ort erträumte: Hohe Bücherregale, so hoch, dass man zu den Gipfeln nur mit Hilfe einer Leiter stürmen konnte. Links und rechts der Eingangstür befanden sich zwei Regale, die mit lauter gelben Reclamheften bestückt waren. Eng an eng standen sie da, und ich musste jedes Mal, wenn jemand kam oder ging, einen Schritt in den Laden machen, um Platz für die- oder denjenigen zu machen. Es machte Mühe, die keine Mühe, sondern ein Riesenspaß war.

Das Finden der Bücher war ein Job, er war der, den man am liebsten bezahlt bekommen hätte. Nicht lange und ich kannte mich besser wie manche der Buchhändlerinnen aus. „Haben Sie was von Lem?“, fragte ein älterer Herr. Die Verkäuferin, deren Brille an eine Kette hing, zuckte mit den Schultern. Sie glaube nicht, sie müsse erst nachsehen. „Doch, doch!“, rief ich. „Hier ist er doch!“

Es war, als würde man die Nachmittage mit seinen besten Freunden, die alle längst tot waren, verbringen. Es war bizarr und schön zugleich.

Guido Rohm © Alfred Harth

Guido Rohm © Alfred Harth

Später, es ist ein paar Jahre her, verkaufte man den Laden. Es war für die ehemaligen Besitzer schwer geworden, zu überleben. Die großen Buchhandelsketten tauchten auf. Das Internet. Plötzlich wurde aus meiner Privatangelegenheit etwas, das keinen Spaß mehr machte, weil die Wände voller Suhrkamp-Bücher, und jene in denen meine geliebten Heyne-Science-Fiction-Romane untergebracht waren, von den Büchern, die die Ketten für wichtig hielten, verdrängt wurden.

Die Buchhandlung, in der ich mich so viele Jahre lang wohlgefühlt hatte, setzte nicht auf Individualismus oder darauf, eine gewissen Eigenständigkeit zu bewahren, sondern sie setzte ein Gesicht auf, als würde sie auch einer Kette angehören.

Und ohne dass sie es bemerkte, begann sie zu sterben, weil die Leute gar nicht wussten, warum sie die kleine Schwester einer großen Schwester aufsuchen sollten. Warum sollten sie sich mit einer Kopie zufrieden geben, wenn das Original, das natürlich auch nur eine Kopie zahlloser anderer Kopien war, alles das im Überfluss bot, was die kleine Schwester mit trauriger Hand reichte.

In dieser Zeit bemühte sich mein damaliger Verleger, aber auch meine Frau, die sich um solche Sachen wie Lesungen und Kritiker verwünschen kümmert, um eine Lesung in der Buchhandlung, die in meinen Kindheits- und Jugendtagen so etwas wie meine Heimat gewesen war.

Nein, man habe kein Interesse. Sie lehnten ab, obwohl ich kein Risiko darstellte, außer dem Risiko, nicht so bekannt zu sein, wie sie es sich erhofften.

Die kleine Schwester, so kam es mir vor, wollte wie die große sein, und das brach ihr schließlich das Genick. – Wie ich kürzlich las, wird die Buchhandlung schließen, auch wenn sie noch eine weitere, auf Kinderbücher und Krimskrams spezialisierte Filiale, die in einem Einkaufszentrum untergebracht ist, weiterbetreiben wird; immer in der Hoffnung, so zu werden, wie all die gleichaussehenden austauschbaren Filialen der Ketten.

Ich kenne, wie eingangs bereits geschrieben, nicht alle Buchhandlungen. Wie könnte ich sie auch alle kennen, es würde Zeit und Geld voraussetzen, dass ich nicht habe.

Überleben werden sie aber, da bin ich mir sicher, nur, wenn sie lernen, sich auf ihre Stärken zu besinnen. Wenn sie wieder zu jenen Trutzburgen werden, in denen die Leser sich vor den Massen an schlechten Büchern verstecken können, die wie eine Armee auf den Tischen der Ketten liegen.

Bücher sind etwas, in das man einkehrt, sie sind etwas, in dem man sich versteckt, in dem man kauert, um die schlechten Zeiten, die wir alle hin und wieder durchmachen, zu überstehen. Für mich war das so. Es ist ein alter wiederkehrender Traum im Winter vor dem Kamin in einem Sherlock Holmes zu schmökern.

Und wenn Bücher eine Rückkehr sind, sollten Buchhandlungen Orte sein, an denen die Zeit keine Chance hat.

Unbestechliche Plätze, die sich keiner Mode anpassen müssen, weil die Fantasie nie einer Mode unterworfen war. Weil sie seit allen Zeiten Hochkonjunktur hat.

© Guido Rohm

„An der Zerstörung der Wertschöpfungskette Buch arbeiten viele.“ – SteglitzMind stellt Jörg Braunsdorf von der Tucholsky-Buchhandlung vor

Sind Buchhändler tatsächlich die Verlierer der Digitalisierung? Wie gehen sie mit den Schreckensszenarien um? Wo sehen sie Risiken, wo Chancen und welche Weichen stellen sie, um zukunftsfähig zu bleiben? Wie halten sie es mit dem E-Book und wären Titel von Self Publishern für sie eine Option? Diese u.a. Aspekte will die Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” beleuchten, in der Interviewpartner in loser Folge standardisierte Fragen beantworten.

Welche Buchmenschen und Buchhandlungen wir zukünftig etwas näher kennenlernen, schlagen zum einen jene vor, die mir Rede und Antwort stehen. Darüber hinaus freue ich mich auf Empfehlungen von Euch, wer hier ebenfalls zu Wort kommen sollte. Und, bitte sehr, vermerkt Eure Vorschläge hier (nebst Link zur Buchhandlung); und nicht etwa auf diversen anderen Kanälen im Social Web. Danke sehr! Im Übrigen freue ich mich auch über Gastbeiträge: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen?

Barbara Miklaw, die 2012 ihren Mirabilis Verlag gegründet hat, hatte mir Jörg Braunsdorf von der Berliner Tucholsky-Buchhandlung ans Herz gelegt. Ich sage Barbara danke für die Empfehlung, und freue mich sehr, dass Jörg Braunsdorf meiner Einladung gefolgt ist.

Eine Skizze vom Laden …

Die Buchhandlung besteht seit drei Jahren, in Berlin-Mitte. Vorher führte ich acht Jahre eine Buchhandlung im Lichthof des Auswärtigen Amts. Die Schwerpunkte sind Belletristik, Kinder- und Jugendbuch, Berlin und die Durchführung von Veranstaltungen.

Warum sind Sie Buchhändler geworden?

für die Großen © Tucholsky-Buchhandlung

für die Großen © Tucholsky-Buchhandlung

Das war Zufall. In meiner Heimatstadt Wetzlar habe ich in einem Buchladenkollektiv mitgearbeitet und bin dabei geblieben.

Würden Sie sich unter heutigen Bedingungen abermals für diesen Beruf entscheiden?

Vor allem die Politik motivierte mich, Buchhändler zu werden. Jetzt nach über 30 Jahren buchhändlerischer Praxis finde ich den Beruf immer noch spannend. Wie ich mich als junger Mensch entscheiden würde …?

Was hat sich in den vergangenen Jahren in Ihrem beruflichen Alltag verändert?

Die Konkurrenz der Freizeitindustrie ist in den letzten Jahrzehnten um ein vielfaches gestiegen. Dabei ist das Buch das „langsamste Medium“, von der schriftstellerischen Arbeit, über die Herstellung bis hin zum Lesen (was die Faszination und den Sinn ausmacht). Die technischen Entwicklungen verändern die Branche enorm. Die Kunden nutzen die Breite der Wissensmedien, sind gut informiert.

Die Anforderungen sind auch in unserem Beruf gestiegen, was ihn interessant hält.

Die Devise heißt ja: Buchhandel go online! Was unternehmen Sie in dieser Richtung?

Wir nutzen unsere Internetseite zur Information, zur Bewerbung von Veranstaltungen und bieten einen Web-Shop zum Einkaufen an. Wir sind bei Facebook zu finden, bisher halbherzig. Über Online-Medienportale bewerben wir Veranstaltungstermine, Buchbesprechungen gelangen u.a. über Medienpartner ins Netz.

Das Sterben der Buchläden ist allgegenwärtig. Wo verorten Sie für Ihre Buchhandlung die größten Gefahren?

Der unabhängige Einzelhandel ist kreativ, die Konkurrenzsituation unterschiedlicher Plattformen setzte ich jetzt mal als bekannt voraus. Es gibt allerdings Faktoren, die wir kaum steuern können. Zum Beispiel die Mietkosten (hier ist der Gesetzgeber gefordert), die Prozesskosten, schärfere bis umverschämte Einkaufs- und Distributionskonditionen.

Weitere Punkte: Dienstleistungskosten, Finanzsektor als Partner (?), kulturelle Verarmung, Bildungsniveau, politische Regulierungswut, Einkaufsverhalten öffentlicher Dienstleister. Die Freizeitindustrie wächst, die (freie) Zeit der Menschen wird immer knapper. Hier stehen wir in einer Konkurrenzsituation, die sich weiterhin zuspitzen wird. – An der Zerstörung der Wertschöpfungskette Buch arbeiten viele…

Wie halten Sie es mit dem E-Book?

Ist bisher kaum ein Thema in der Buchhandlung. Über den Grossisten werden wir den Kauf von E-Books ermöglichen. Reader verkaufen wir keine. – Persönlich lese ich nur das echte Buch.

Wäre das eine Option für Sie, auch Titel von Self Publishern anzubieten?

Regional- und im Kommissionsbezug ja. Allerdings müssen Qualität und die Konditionen stimmen. Darüber hinaus ist der Filter Verlag begrüßenswert, wir müssen und werden uns, über die Zahl der Neuerscheinungen hinaus nicht mit jedem x-beliebigen Buch beschäftigen.

Wie verkauft man heutzutage Bücher?

Die Buchhandlung soll einladen, gemütlich sein, ein überschaubares, interessantes Programm anbieten, das Buchangebot und die Buchhändler müssen glaubwürdig sein. Beratungskompetenz ist klar. Die Veranstaltungen müssen den Ort repräsentieren. Service und Freundlichkeit sind unverzichtbar.

Der Buchhändler ist auch Kommunikator, da ich mich als politischen Buchhändler verstehe, gehört die kreative Kontroverse dazu.

Wir haben nichts gegen Bestellungen übers Netz. Soviel fürs erste.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, die Ihnen Verlage erfüllen… Welche wären das?

für die Kleinen © Tucholsky-Buchhandlung

für die Kleinen © Tucholsky-Buchhandlung

Viele, viele Verlage sind klasse Partner und ich hoffe, die Branche hat die Vision und die Kraft diesen Stil zu bewahren. Nicht Klasse ist, wenn wir von Verlagen jeder Größenordnung mit Konditionen beliefert werden, die keine Rendite mehr ermöglichen!

Ich erwarte, dass die Verlage Konditionenforderungen von Amazon und Konsorten, die keine Wettbewerbsgerechtigkeit mehr ermöglichen, an unsere Realitäten angleichen. Die Preisbindung würde es ermöglichen und mit welchem Recht fordert die Krake 20 – 25% mehr Rabatt zzgl. Distributionskosten. Schließlich wickelt der traditionelle Buchhandel erheblich mehr Buchumsatz ab als Amazon.

Buchhandlungen, Verlage, Grossisten und Auslieferungen sollten alles dafür tun, den flächendeckenden Standard der Buchbranche, der einmalig in der Welt ist und damit auch eine Vision für andere Länder sein kann, zu erhalten.

Und was würden Sie sich vom Börsenverein für den deutschen Buchhandel wünschen?

Rahmenbedingungen erhalten. Kompetenter Partner für die Mitglieder, die Politik und die Endkunden sein. Der Börsenverein muss sich entscheiden, für wen er da sein will – da kann man es nicht jedem recht machen.

Ich weiß, das ist sehr allgemein gehalten, damit biete ich immerhin Interpretationsspielraum, den wir vielleicht in einer anderen Runde einmal ausfüllen könnten.

Was treibt Sie in der literarischen Szene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Ich habe im letzten Jahr Buy local e.V. mitgegründet und wünsche mir ein stetes Wachstum des Vereins und seiner Anliegen. Es gibt im Rahmen der wirtschaftlichen, kulturellen und literarischen Debatte konkrete Punkte, die dem stationären Buchhandel kurzfristig helfen könnten. Zum Beispiel: Rabatte für Bibliotheken und öffentliche Schulbuchaufträge abschaffen.

Rabatte der Schulbuchverlage erhöhen.

Eine Gebührentabelle für Bestellungen verankern.

Programmbuchhandlungen fördern.

Kulturanbieter verpflichten, bei öffentlicher Mittelverwendung im Veranstaltungsbereich mit Buchhandlungen vor Ort zu kooperieren.

Buchhändler in literarische Jurys einbinden.

Soweit ein paar Punkte, auch hier gibt es sicher noch mehr.

Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen?

Zuallererst sollen Sie ihr Buch bekommen, direkt aus dem Lager, oder als Bestellung, portofrei und meist am nächsten Tag. Dann wünsche ich mir, dass die Kunden die geschäftliche, soziale und kulturelle Dynamik einer Buchhandlung schätzen und diese, wie bisher, in Anspruch nehmen und honorieren.

Die Welt ist viel mehr als ein Klick, oder um Ilma Rakusas Argumentation im Essay „Langsamer“ weiterzutragen, für die, „…das Lesen als eine der Hauptfiguren des Widerstandes gilt gegen das Diktat des ökonomisch argumentierenden Zeitgeistes; das Lesen, das als einzige Kunstform auf der Verweigerung von Tempo, Eile, Geschwindigkeit beharrt. „… „Es geht um ein Gegenprogramm zu Zeitmanagement, Zapping, Eventrausch und Trendhektik. Um ein Innehalten hier und jetzt.“ (in: Langsamer, 6. Auflage. 2012, Droschl Verlag)

Welche anderen Buchhandlungen empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Ulrike Waha-Helduser vom Buchladen Alte Lahnbrücke in Wetzlar und den Hamburger Buchladen Osterstraße, namentlich Torsten Meinicke.

Danke sehr, ich freue mich, dass auch Sie dabei sind.

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Fünf Fragen vom Börsenblatt für den deutschen Buchhandel zur Gesprächsreihe mit Buchhändler/innen beantworte ich hier

Zu Wort gekommen sind bislang:

Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung in Stuttgart/Vaihingen

Edda Braun mit ihrer Buchhandlung am Turm in Ochsenfurt

Samy Wiltschek von der Kulturbuchhandlung Jastram in Ulm

Margarete Haimberger mit ihrer Schröersche Buchhandlung in Berlin/Schöneberg

Sonja Lehmann vom Bücherwurm Borken im Nordhessischen

Martina Bergmann mit der Buchhandlung Frau Bergmann in Borgholzhausen

Thomas Calliebe mit seiner Buchhandlung Calliebe in Groß-Gerau

Mila Becker mit Mila Becker Buch & Präsent in Voerde

Trix Niederhauser aus der Schweiz von der Buchhandlung am Kronenplatz in Burgdorf/Emmental

Simone Dalbert von der der Buchhandlung Schöningh in Würzburg

Klaus Kowalke von der Stadtteilbuchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V. in Chemnitz

Beate Laufer-Johannes von der der BücherInsel in Frauenaurach bei Erlangen

Petra Hartlieb von der Wiener Buchhandlung Hartliebs Bücher

Nicole Jünger aka Kata Butterblume vom Buchladen am Neuen Markt in Meckenheim

Der Buchhändler – ein Luxusartikel?! Ein Gastbeitrag von Gerrit van der Meer

Im Rahmen der losen Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” hatte ich vorgeschlagen, dass Ihr Gastbeiträge beisteuern könntet. Schilderungen aus dem Buchhändleralltag oder, was auch immer… Erfahrungsberichte zum Beispiel: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen? Nach der Polemik von Stefan Möller aka @Hedoniker Lieber stationärer Buchhandel, wir müssen reden!, die reichlich Wind machte, der Replik darauf von Lorenz Borsche und dem Brief des sterbenden Bildungsbürgers vom Krankenbett herab, dass kein Ausweg sei aus der Feder des Herrn Sandhofer, steuert heute Gerrit van der Meer nach seinem Aufruf in Sachen Freihandelsabkommen abermals einen Beitrag bei.

Gerrit ist seit Mitte der 80er Jahre im Buchhandel tätig . Er hatte eine eigene literarische Buchhandlung inne, die er aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung am Standort 2006 schließen musste. Danach arbeitete er als Verlagsrepräsentant. Anfang 2013 übernahm er die Geschäftsführung einer Buchhandlung in der Pfalz. – Wir sind einander bei Facebook begegnet und ich fragte ihn kurzerhand, ob er nicht gelegentlich bei SteglitzMind Stellung beziehen möge… Er mochte und ich sage Gerrit danke!

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Draußen vor der Tür. Als arbeitsloser Buchhändler nachts in einer fremden Stadt

Abends gehe ich manchmal noch spät aus dem Haus und streife durch die Stadt.

Die leeren Straßen und die Ruhe der nächtlichen Fußgängerzonen lassen Raum, um Gedanken schweifen zu lassen. Oft bleibe ich dabei an den Schaufenstern der Buchhandlungen hängen.

Dort liegen sie, die Bücherschätze, deren Inhalte ich in der Regel bereits kenne. Manche davon habe ich geliebt, andere weniger, verkauft hab ich sie fast alle, das gehörte zum Geschäft.

Die kleine Literaturbuchhandlung hat ein Suhrkamp-Fenster als Solidaritätserklärung mit dem Verlag gestaltet.

Ich sehe viele wunderbare Bücher, an André Kaminskis „Nächstes Jahr in Jerusalem“, einem meiner Lieblinge, bleibt mein Blick hängen. Diesem Buch verdanke ich meinen Spitznamen. Als meine Frau es las, fesselte sie der Ausspruch des Helden, mit dem er sich seinem zukünftigen Schwiegervater vorstellte: „Ich bin eine Wolke in Hosen.“ Der Name blieb irgendwie an mir haften und ich trage ihn mit Stolz, auch wenn sich die Verträumtheit der frühen Jahre etwas gelegt hat.

Noch vor einigen Monaten habe ich dieses Buch einem Kunden empfohlen. Wir trafen uns auf einer Lesung mit Dieter Hildebrandt anlässlich der Verleihung der Hermann Sinsheimer Preises. Ich stand dort hinter dem Büchertisch. Wie es sich manchmal ergibt, war man sich mehr oder weniger sympathisch und kam ins Gespräch.

Über Gott und die Welt, die gelungene Lesung, Hermann Sinsheimer und den Simplizisimus und über jüdische Literatur in Deutschland.

Und so landet man irgendwann bei André Kaminski. Die ‚Wolke in Hosen‘ konnte den Kunden für das Buch begeistern und am nächsten Tag holte er den Titel in der Buchhandlung ab.

Leider nicht mehr bei mir. Die Buchhandlung, für die ich einige Monate als Geschäftsführer tätig gewesen war, war nicht mehr in der Lage, mein Gehalt zu bezahlen. Und einen Tag nach der Lesung reiste ich ab. André Kaminskis Buch war mein letztes verkauftes Buch als Buchhändler.

Collage © Gerrit van der Meer

Collage © Gerrit van der Meer

Seither schreibe ich Bewerbungen und bekomme Absagen wie diese:

Sehr geehrter Herr …

vielen Dank für Ihre Bewerbung.

Gerne hätten wir so einen erfahrenen Buchhändler wie Sie.

Es sprengt leider unsere finanziellen Möglichkeiten. Daher müssen wir Ihnen leider absagen.

Mit freundlichem Gruß

Filialleitung

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Absagen wie diese, stundenlanges suchen nach Stellenangeboten im Netz und der Tagespresse, und mehr oder weniger klug formulierte Absagen, prägen meinen Alltag. Von überqualifiziert, unpassend für ein junges Team bis hin zu dem ehrlichen, sorry, aber sie sind uns zu alt, ist alles dabei.

Was bleibt, ist leichte Frustration, die allerdings mit einem guten Buch schnell wieder vertreiben werden kann, und die Erkenntnis, dass ein Buchhändler zwar viel mit einem guten Rotwein gemein hat, aber das man sich dieses Luxusprodukt leider kaum noch leisten kann und will.

Und so suche ich weiter. Irgendwann wird sich schon wer finden, der sich einen guten Tropfen beziehungsweise einen Buchhändler noch leisten kann.

© Gerrit van der Meer