„Seien wir froh, dass es überhaupt noch Buchhändler gibt.“ – Eine Replik von Lorenz Borsche auf die Polemik von Stefan Möller

Mit seiner Polemik Lieber stationärer Buchhandel, wir müssen reden! sorgte Stefan Möller für reichlich viel Aufsehen. Heute antwortet ihm Lorenz Borsche von der buchhändlerischen Genossenschaft eBuch:

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Heutzutage machen drei Pointen und eine Lüge einen Schriftsteller. (Lichtenberg, Sudelbücher)

Lieber Stefan Möller: Du musst laufen!

Eine kleine, viel zu lange Gegenpolemik (nota bene: „Polemik“, gr. feindselig: scharfer Meinungsstreit)

[Ironie ON] Kann das sein, lieber Stefan, daß auf dem Schild, daß Du zeigst das U eigentlich hätte ein A sein sollen? Ja, wir sind alle faul geworden. Und das sieht man uns an. Wir lesen halt gerne, und das tut man nicht im Laufen, sondern im Sitzen. Da ist es doch toll, wenn man nur noch bis zu Türe gehen muss, wo der Paketbote demütigst wartet, statt die Treppen runter auf die Straße bis zur Buchhandlung. Und das spart doch auch Zeit – Zeit in der man *lesen* kann.

Naja, und weil wir faul geworden sind, aber nicht weniger genusssüchtig, müssen wir uns dann ein Schild vor den Bauch halten mit der Aufschrift WAMPE. Um zu zeigen, dass wir wenigstens noch selbstironisch sind.

Das, lieber Stefan erklärt doch auch, warum wir bei amazon kaufen – denn einen anderen Grund gibt’s ja nicht. Oh, Du meinst, weil Dein Buchhändler den Titel „Die Vergebung“ aus dem Matthes & Seitz Verlag nicht vorrätig im Regal stehen hat? Naja, weißt Du, der Titel rangiert auf Platz 330.000, da wäre selbst ein Dussmann überfordert.

Aber denk mal, lieber Stefan, nicht nur amazon hat den Titel auf Lager, nein, Dein Buchhändler kann ihn auch über Nacht besorgen – von seinem Großhändler. Voraussetzung ist natürlich, Du bestellst ihn vor 17 oder 18 Uhr – dann liegt er aber schon morgens um 9 oder 10 zur Abholung um die Ecke bereit. Gib zu, schneller ist auch UPS oder Hermes nicht bei Dir. Und wenn Du nicht zuhause bist, dauert’s noch einen Tag länger, weil der Paketbote wiederkommen muss. Und der CO2-Fussabdruck Deines Büchleins wird noch größer.
Aber um das zu vermeiden, da müsste man ja laufen, zur Buchhandlung laufen, nicht wahr? Das wäre zwar gut gegen die Wampe und gut für den Buchhändler, beißt sich aber leider mit unserer Bequemlichkeit. Und wir wissen doch: nicht der Krieg ist der Vater aller Dinge, sondern Mutter Faulheit! [Ironie OFF]

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Spaß beiseite. Schön, dass sich unter den in den Kommentaren genannten ‚guten‘ Buchhandlungen mindestens zwei befinden, die Mitglieder einer aktiven Genossenschaft sind, die sich zum Ziel gesetzt hat, das Überleben genau der kleinen, feinen Buchläden zu ermöglichen, die wir alle gerne sehen. Die auch mal ein ungewöhnliches Buch im Regal haben. Auch wenn sie natürlich von den Brot & Butter-Büchern der oberen 5.000 Ränge leben müssen.

Genau dazu haben diese Genossenschaftler einen Trick zum Geschäftsmodell gemacht, aber da muss man dem verehrten Buchkäufer und Kunden mal was erklären dürfen: Wenn der Buchhändler bei einem Verlag einkaufen will, wird er mit gar schrecklich schlechten Konditionen bestraft, falls er nicht wenigstens ein ganzes Paket voller Bücher kauft, sagen wir um 250-300 Euro oder so.

Er muss aber damit rechnen, dass neun von zehn Büchern eines Verlage wie Matthes & Seitz (und derer gibt es 15.000!) auch nach einem Jahr noch im Regal einstauben – so schön diese Bücher auch sind, sie gehören eindeutig zum „long-tail“. Und man glaubt ja kaum, wie lang der ist. Damit kann der Buchhändler weder die Miete bezahlen, noch seine Angestellten (ich weiß, dass Du das auch weißt, sag’s aber trotzdem, denn: soo funktioniert es eben wirtschaftlich leider nicht).

Aber wenn er doch ein oder zwei schöne Bücher von M & S einzeln fürs Regal einkaufen und später auch aktiv verkaufen wollte, dann müsste er es beim Großhändler bestellen. Das tut er ja auch, wenn er für Dich was besorgen soll, was er nicht da hat. Die Konditionen des Großhändlers allerdings erlauben es nicht, sich mit solcher Ware das Regal zu füllen. Also: Einzelstücke beim kleinen Verlag? Zu teuer fürs Regal. Sanmmel-Pakete beim kleinen Verlag – unökonomisch, weil sie im Regal verstauben. Einzelstücke beim Großhändler? Auch zu teuer fürs Regal. Zwickmühle? Keine Chance für Titel kleiner, feiner Verlage?

Die Genossenschaftler machen das so: Sie haben ein eigenes Zentrallager, das residiert beim Großhändler, da stecken die umsatzstärksten Titel drin, und was sie dort nicht vorhalten, zum Beispiel eben jene Long-Tail-Matthes-&-Seitz Bücher, die legt der Großhändler ihnen dazu noch in die Wanne. Und weil sie über die zentrale Übernacht-Logistik fast alles abwickeln, kaufen sie insgesamt zu guten Konditionen, mit denen man seine Regale befüllen kann, auch mit außergewöhnlichen Büchern, die man einzeln vom Verlag nie hätte wirtschaftlich beziehen können.

Und sie betreiben auch Webshops, in denen man bequem einkaufen kann, über Nacht, wie oben beschrieben und am liebsten natürlich zur Abholung im Laden – wenn es dort nicht ohnehin schon im Regal steht, was man in einigen von deren Webshops sogar sehen kann. „Buch sofort“ quasi, ohne zweimal hinlaufen zu müssen. Schon seit 1999 übrigens.

Aber *einmal* hinlaufen, das muss man schon – es sei denn, man klickt auf Versand. Dann ist wieder der Paketbote dran, also auch nicht anders als bei amazon. Trotzdem ist der ökonomische Druck so groß, dass sich literarisch höchstwertige Buchhandlungen einfach nicht mehr rechnen. Ohne einen großen Anteil von Mainstream können die Buchhändler auch keine Schätzchen mehr pflegen – und die zu pflegen ist wirklich teuer geworden.

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Aber warum ist das alles so gekommen?

Amazon hat alles richtig gemacht. Sensationelle Kundenbedienung, Super-Datenbank (ähm, aus dem Buchhandel gekauft, leider), von den Großhändlern den long-tail bedienen lassen, von den Marketplacern die Antiquaria, die Gebrauchten und auch die in Buchhandlungen ‚Mitgenommenen‘ (naja, die gibt’s eher öfter mal bei ebay), bei den E-Books einen für den Kunden supersimplen „closed shop“, also kapitalistisch gesehen alles richtig.

Dann kam noch der Konzern, der dachte, man könne mit Büchern eine genau so tolle Rendite erwirtschaften wie mit überteuerten Parfüms (was natürlich absoluter Schwachsinn ist) und deshalb erstmal die Republik mit viel zu großen Buchwarenhäusern überzogen hat, dann noch die katholische Kirche im Verein mit dem ersten Buchkaufhausbauer der Republik, also der gemeine Buchhändler, den Sie so lieben, hat es – so etwa ab 2000 – mit richtigen Haifischen zu tun bekommen.

Und wäre auf der Strecke geblieben, wäre wie das Tante-Emma-Lebensmittelgeschäft zwischen Aldi und Lidl zerrieben worden, wenn er nicht seiner liebenswerten, aber unökonomischen Skurrilität abgeschworen und begonnen hätte, kaufmännisch sauber zu kalkulieren und also möglichst viel leicht Verkäufliches zu verkaufen. Denn die Preise der Bücher sind, anders als die meisten glauben, gesunken, wenn man so fair ist die Inflation, die ja bei allen Kosten zuschlägt, zu berücksichtigen.

Während also Miete und Löhne steigen und sein relativer Umsatzanteil schon wegen der Konkurrenz durch Thalia und amazon gesunken ist, kann er das nicht mit steigenden Umsätzen aufgrund höherer Preise ausgleichen. Das ist die bittere Wahrheit. Von Dingen wie der Stromlinienförmigkeit des Publikumsgeschmacks, die von vielen großen Verlagen unterstützt statt im Sinne der Vielfalt konterkariert wird, will ich da gar nicht anfangen zu jammern. Denn auch die Verlage müssen rechnen.

Also: der Kettenbuchhandel hat mittlerweile einen Anteil von 30%, amazon einen von 20% – wo ist das alles hergekommen? Klar, es ist den kleinen Buchhandlungen flöten gegangen. Respektive: die sind flöten gegangen. Oder haben sich umgestellt. Weniger Lyrik, mehr Hera Lind.

Wenn Sie trotzdem ein buntes Bücher-Schaufenster in Ihrer Straße besser finden als noch eine Döner-Bude oder gar unschönen Leerstand, dann informieren Sie sich halt in Gottes Namen auf den Verlagswebsites Ihrer Wahl – und bestellen und kaufen Sie beim Buchhändler in Ihrer Nähe.

War die Welt früher besser? Aber klar, die Sommer waren heißer, die Winter kälter und Buchhandlungen gab’s en masse. Aber da gab es auch noch Schuhmacher und Bürstenbinder und Ankerwickeleien. Der Lebensstandard war bescheiden und Pakete sauteuer. Es gab kein Internet und Fachleute waren besser informiert als Laien. Und wir waren schlank. Seien wir froh, dass es überhaupt noch Buchhändler gibt.

Tempora mutantur – et nos in illies.

Beste Grüße

Lorenz Borsche

P.S.: Das Zitat hat ein Zufallsgenerator gesetzt, ehrlich. Ich fand’s aber ganz passend, gejammert wurde zu allen Zeiten, *das* sagt es mir 🙂

© Lorenz Borsche

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„Lieber stationärer Buchhandel…“ – Ein Gastbeitrag von Stefan Möller aka @Hedoniker

Im Rahmen der losen Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” hatte ich vorgeschlagen, dass Ihr Gastbeiträge beisteuern könntet. Schilderungen aus dem Buchhändleralltag oder, was auch immer… Erfahrungsberichte zum Beispiel: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen? Den Anfang heute macht Stefan Möller mit einer Polemik, die Zündstoff birgt. Ich danke dem Verfasser und würde mich freuen, wenn sein Mittun hier Schule macht.

Stefan lebt und arbeitet als Texter in Hannover. Begegnet sind wir uns vor Jahren via Twitter, wo er die Timeline als @Hedoniker bereichert. Er bloggt über Bücher, die jeder nichtdoofe Mensch gelesen haben sollte, und schreibt für diverse Online-Magazine Rezensionen. Bei Facebook findet Ihr ihn selbstverständlich auch.

Lieber stationärer Buchhandel, wir müssen reden! Eine Polemik von Stefan Möller

Stefan Möller © BookFaces/Gute Aussichten

Stefan Möller © BookFaces/Gute Aussichten

Es war doch mal schön mit uns, viele, viele Jahre lang. Warum hast du aufgehört, dich für mich zu interessieren? Was habe ich falsch gemacht? Ich habe mir doch wirklich Mühe gegeben. Hab dich regelmäßig besucht und viele Stunden mit dir verbracht. Waren wir nicht ein perfektes Paar? Gut, das Vergnügen war natürlich erkauft, ganz billig war es nie, dich zu besuchen. Aber dafür hattest du auch viel zu bieten. Du hast mich immer wieder überrascht. Hast mir Dinge gezeigt, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gibt. Aber es waren immer Dinge, die mich erfreut haben. Ja natürlich, ich wusste, dass du mir nicht treu bist, dass du immer auch das Verlangen nach Gewöhnlichem befriedigt hast. Aber es war mir egal, solange ich das Gefühl hatte, dass du dir für mich immer etwas Besonderes überlegt hattest. Es war schön, damals, und deshalb bin ich auch immer wieder zu dir gegangen und habe dich nie betrogen. Weißt du noch, wie es war, als ich bei dir Warlam Schalamow kennengelernt habe? An genau der Stelle, wo jetzt die historischen Romane stehen? Wie ich aus den Auslagen deines Lyrikregals, das vor einiger Zeit der Romantic Fantasy weichen musste, den Band von Monika Rinck zog?? Es war okay, dass du immer schon andere mit Lind, Wanderhuren und Wanne-Eickel-Cottbus-Bottrop-Hintertupfing-Krimis zufriedengestellt hast, wirklich! Trotzdem blieb diese Spannung, das Knistern zwischen uns. Jetzt langweilst du mich nur noch. Und das verzeihe ich dir nicht. Ordinär bist du geworden, wo früher Schönheit zu finden war, ist jetzt nur noch billige Tünche, die alles, was an dir mal attraktiv war, verkleistert hat. Ab und zu schaue ich noch vorbei, in der Hoffnung, dass du dich wieder geändert hast. Aber meistens schickst du mich weg und sagst, ich solle am nächsten Tag wiederkommen. Ich will das nicht mehr. Ich habe auch keine Lust mehr, mir von dir immer wieder leere Versprechungen machen zu lassen. Du sagst, du weißt, was gut für mich ist und fragst dann doch nur noch „Wie schreibt man das?“

Lieber stationärer Buchhandel, du sagst mir, dass es dir nicht so gut geht, dass deine Geschäfte auch schon mal besser liefen. Dass deine Kunden immer öfter jemand anders attraktiv finden. Dass sie dir weglaufen, dass sie immer weniger gedruckte Bücher lesen. Das tut mir leid. Und auch wieder nicht. Denn du bist selbst schuld. Hast dich darauf verlassen, dass man dir treu bleibt und dir immer weniger Mühe gegeben.

Liebe Buchhandlung Storm in Bremen, liebe Connewitzer Verlagsbuchhandlung in Leipzig, liebe Litera in Hannover – ihr seid immer noch schön, habt nichts an Attraktivität eingebüßt, euch gelten diese Zeilen nicht. Wärt ihr bei mir in der Nähe, ich würde diese Zeilen nicht schreiben. Ihr aber, die ihr 150 Exemplare von „Fifty shades of grey“, aber nicht einen Titel von Matthes & Seitz vorrätig habt; ihr, die ihr es eine tolle Idee fandet, immer weniger verschiedene Titel auf Lager zu haben, weil der ganze Plunder, den ihr Non-Book nennt und dessen Produktionsbedingungen euch weit weniger interessieren als die Arbeitsbedingungen bei Amazon, Platz braucht, ihr, die ihr mir jetzt mit Sicherheit sagen werdet, dass ihr euch nach dem Bedarf richten müsst und deshalb auf leicht Verkäufliches setzt, weil sich Gedichte schließlich nicht verkaufen (auch wenn diese Entwicklung, nach allem, was man so hört, ja auch nur so mittel funktioniert) – denkt einfach mal drüber nach. Denn ein so außergewöhnlicher Kunde bin ich nicht, es gibt viele von meiner Sorte. Menschen, die unter Literatur nicht Dan Brown verstehen, die Coelho nicht philosophisch finden; Menschen, die in einer Buchhandlung keine Schokolade kaufen wollen.

Derweilen bestelle ich im Internet, bei den Verlagen selbst, weil mir kein vernünftiger Grund einfällt, zweimal in einen Laden zu gehen, um ein Buch zu kaufen. Mit dem Paketauslieferer bin ich übrigens schon seit Langem per du.

Vielleicht wird es ja eines Tages wieder Zuneigung. Man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben.

Dein

Stefan Möller

© Stefan Möller

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Wie nicht anders zu erwarten, regte Stefans Gastbeitrag vielfältige Diskussionen an. Nicht allein hier, sondern auf vielen anderen Kanälen im social Web. Eine Replik könnt Ihr auch auf Sophies Blog Literaturen lesen