„Der Begriff ‚Leseland‘ müsste neu aufgerollt werden.“ Gespräche mit ehemaligen Volksbuchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Entwicklung des DDR-Buchhandels und dessen Strukturwandel infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Nachdem uns Heike Wenige und Holger Brandstädt einiges haben wissen lassen, teilt nun Maritta Tanzer ihre Erinnerungen. Sie kam 1961 als Lehrling zum volkseigenen Buchhandel und ist bis zu ihrem Renteneintritt im Jahr 2007 eine Buchhändlerin aus Leidenschaft geblieben.

Frau Tanzer, im ersten Teil unseres Gespräches (den man hier nachlesen kann) haben wir u.a. auch darüber gesprochen, welche Titel im Sortiment häufig gefehlt haben. Was ging bei Ihnen wie „geschnitten Brot“?

Doppelbödige Texte. Sozialistische Gegenwartsliteratur, die versteckte Kritik übte, die ging „wie geschnitten Brot“, auch „unter dem Ladentisch“ weg. Hermann Kants „Aula“, Christa Wolf, Brigitte Reimann, K.H. Jacobs, die Strittmatters, um hier nur einige gängige Autoren aus meinen Anfangsjahren im Buchhandel zu nennen. Unvergesslich bleibt mir die Leipziger Herbst-Buchmesse im Jahr 1965. Vor dem ehemaligen Buchmessehaus am Alten Markt habe ich gemeinsam mit Erik Neutsch dessen Neuerscheinung „Spur der Steine“ verkauft. Etwa 200 Exemplare (natürlich mit Autogramm) gingen binnen kurzer Zeit weg. Das wäre heute ein Traumergebnis – und das mit Literatur, die im Zuge des Bitterfelder Weges entstanden ist.

War das alles nur „unter dem Ladentisch“ zu haben?

Kants „Aula“, 1965 erschienen, war anfangs sehr gefragt, später aber fast immer im Sortiment vorrätig. Auch Strittmatters Bücher gab es nicht nur unter dem Ladentisch – doppelbödig und aufregend war von ihm eigentlich doch nur „Ole Bienkopp“, erstmals 1963 erschienen. Doppelbödig war Christa Wolf. Nehmen wir beispielsweise ihren 1976 erschienenen Titel “Kindheitsmuster“, in dem der ganz normale Alltag im Nationalsozialismus ein Thema war. Erstmals in der DDR-Literatur war das ein Thema. Oder ihre „Kassandra” aus dem Jahr 1983 – die ersten Auflagen von diesem Buch gab es tatsächlich nur unter dem Ladentisch. Meine eigene “Kassandra”-Ausgabe hat eingeklebte Streifen. – Ich hatte mir die geschwärzten Stellen besorgt, abgeschrieben und in meine DDR-Ausgabe eingeklebt. Doppelbödige Texte, die sehr gefragt waren, gab es allerdings nicht nur bei der deutschen, sondern in der Perestroika-Zeit eher noch bei der sowjetischen Literatur. Da waren auch die Kinos zur “Woche des sowjetischen Films” rammelvoll. Daniil Granins „Sie nannten ihn Ur“ bekam man 1988 nur unter dem Ladentisch.

Sie haben ganze Passagen aus Büchern abgeschrieben?

Ich habe vieles abgeschrieben, ganze Bücher. Biermanns “Drahtharfe”, 1965 bei Wagenbach in West-Berlin erschienen, habe ich komplett in einer Nacht kopiert, weil ich das Buch am nächsten Tag an eine Ausstellerin aus der BRD zurückgeben musste.

Welche Möglichkeiten haben Sie darüber hinaus genutzt, um an Bücher zu kommen, die der Zensur zum Opfer gefallen waren?

Maritta Tanzer bei der Inventur © privat

Maritta Tanzer bei der Inventur (nach der Wende) © privat

1963 war bei „Volk und Welt“ erstmals Jewtuschenko erschienen – ein Gedichtband. Mir ist es mit Jewgeni Jewtuschenko ähnlich ergangen wie mit Wolf Biermann. Ich fand seine Texte faszinierend aufmüpfig. Wegen dem darin enthaltenen Gedicht „Babi Jar“, in dem Jewtuschenko dem Massenmord an Kiewer Juden im Jahr 1941 gedenkt, wurde der Titel einige Tage später eingezogen und auch aus den Bibliotheken entfernt. Leider waren die zwei, drei Exemplare, die wir von der Auslieferung erhalten hatten, bereits am ersten Tag verkauft. Ich hatte das Buch, aus welchen Gründen auch immer, leider verpennt. Zum Glück hatte ich damals eine Freundin an der Theaterhochschule, die es aus der dortigen Bibliothek ausgeliehen hatte, bevor es aus dem Bestand entfernt wurde. Es ging “verloren“ und musste deshalb von meiner Freundin bezahlt werden. Bis heute steht es mit Bibliotheksstemmpel in meinem Bücherschrank. Anderenfalls wäre es sicher eingestampft worden.

Wie lief das mit Titeln aus dem sogenannten nicht-sozialistischen Ausland?

Die Devisen, die nötig gewesen wären, um Rechte von westlichen Verlagen zu bekommen, waren ja mehr als beschränkt. Viele Kinderbücher und moderne Autoren konnten auch aus diesem Grund nicht oder nur in geringen Auflagen erscheinen. „Pippi Langstrumpf“ erschien in der DDR einmal in einer kleinen Taschenbuchausgabe. Wir erhielten sie so gekürzt, dass es gerade einmal für die Kinderbibliothek und die eigenen Kollegen mit Kindern oder Enkeln gereicht hat. Ähnlich war es zum Beispiel mit Büchern von Erich Kästner.

Wie sind Sie dennoch an Bücher von West-Verlagen gekommen?

In den Internationalen Buchhandlungen ließen sich manchmal Autoren aufstöbern, deren Rechte westliche Verlage innehatten. Der Sowjetunion war, wie Sie vielleicht wissen, das Copyright ziemlich wurscht. Über diesen Umweg konnte man an Titel in deutscher Sprache gelangen (meist lediglich mit einem russischsprachigen Vorwort versehen), die in der DDR nie erschienen wären. Ich besitze zum Beispiel Ausgaben von Remarque. Dessen Roman „Im Westen nichts Neues“ wurde im Original in der DDR ja erst 1989 veröffentlicht.

Entdeckergeist und Erfindungsreichtum waren demnach vom Buchhändler im starken Maße gefragt?

Wenn ich von mir und meinen langjährigen Kolleginnen ausgehe: Wir hatten immer viel Freude daran, lesbare Bücher für unsere Kunden aufzustöbern. Viele dieser Bücher, die vor der Wende oft, leider nicht immer, im Laden standen, sind heute vom Markt verschwunden. Diese Kostbarkeiten haben wir über die Jahre gehegt und immer wieder gerne verkauft. Eines davon ist heute noch mein Lieblingsbuch, nämlich „Der Fremde von Barra“ vom kanadischen Autor Fred Bodsworth. Die deutsche Übersetzung ist 1965 im Aufbau Verlag erschienen und leider nur noch antiquarisch erhältlich.

Der Bestand an lieferbaren Titeln war so übersichtlich, dass wir ausreichend Zeit für die Suche nach besonderen Büchern hatten. Und da gab es, wie heute auch, einige Entdeckungen zu machen, die man dem Kunden gerne vermittelte. Das war immer sehr schön für uns, wenn sich Kunden beraten lassen wollten. Neben den von ihnen angesprochenen Ladenhütern, gab es durchaus Nischenprodukte. Zum Beispiel aus dem LDPD-Verlag „Buchverlag Der Morgen“, die wir gern empfohlen haben. Wie viele andere DDR-Verlage existiert dieser Verlag heute auch nicht mehr.

Was ging nur mäßig über die Ladentheke?

Natürlich standen Bücher zur Geschichte der Arbeiterbewegung (Gotsche, Bredel und andere Namen), aber auch geförderte, mittelmäßige Autoren, die alle schon in der x-ten Auflage erschienen waren, wie Blei im Regal. Das betraf in erster Linie die Bücher aus dem Mitteldeutschen Verlag. Wir mussten Buchlaufkarten führen, um die Titel im Blick zu behalten und den Verkauf nachzuweisen. Abgesehen von einem gewissen Grundsortiment aus dem Dietz-Verlag hatten wir die Regale übrigens nie voller unverkäuflicher Literatur. Dabei halfen auch die Buchlaufkarten. Meiner Erinnerung nach gab es eher Zeiten, wo wir mangels Masse viele Bücher frontal gestellt haben.

Buchlaufkarten – ein Mittel zur Kontrolle?

Mittels der Buchlaufkarten sollten diese Titel immer wieder nachbestellt werden und am Lager gehalten werden. In Leipzig kamen regelmäßig zwei Autoren in die Buchhandlung, um zu kontrollieren, dass ihre Bücher auch im Sortiment standen – Hildegard Maria Rauchfuss und Ferdinand May (der Vater von Gisela May). Die haben sich dann beim Verlag beschwert, wenn sie ihre Bücher nicht im nicht Sortiment gefunden haben.

Die Leipziger Buchhandlung „Am Neumarkt“ war zu Ihrer Zeit Testbuchhandlung des Staatsverlags. Erhoben wurden dort Daten für die Programm- und Auflagenplanung.

Ja, genau. Die Volksbuchhandlung „Buch und Kunst“ in Dresden, wo ich meine buchhändlerische Lehre absolviert habe, war sogar für zwei Verlage Testbuchhandlung: Für den Verlag Bauwesen und den Transpress-Verlag für Verkehrswesen. Übrigens hatten nur die Testbuchhandlungen das vollständige Sortiment des jeweiligen Verlages vorrätig zu halten. In Leipzig, in der Buchhandlung “Am Neumarkt“, waren es der Verlag Wirtschaft und der Staatsverlag. Später in Freiberg dann der Verlag für Grundstoffindustrie. Etliche Titel dieses Verlages werden heute antiquarisch gesucht, weil es nichts Besseres für bestimmte Spezialgebiete gibt.

Wie war das mit der Parteiliteratur?

Die Genossen, die in den Betrieben die unselige Parteiliteratur verkaufen mussten, waren schon bemitleidenswert. Denn irgendwann hatten ihre Mitgenossen weder die Lust, das Zeug zu lesen, noch den Willen, es zu bezahlen, auch wenn es sich nur um Pfennigbeiträge handelte. Die Bestände stauten sich dann in den Buchhandlungen, was den Warenbestand belastete.

Zu DDR-Zeiten war das Buch nicht nur eine begehrte Ware, sondern auch ein beliebtes Tauschobjekt…

Der Begriff „Leseland DDR“, mit dem sich der Staat gerne geschmückt hat, müsste für meine Begriffe neu aufgerollt werden. Viele Kunden haben rare Titel bestellt, ob sie die je gelesen haben, weiß ich nicht. Für viele (nicht alle) waren Bücher Statussymbole oder auch Geldanlagen als Ersatz für Dinge, die sie sowieso nicht kriegen konnten (wie etwa Reisen, Konfektion, Elektronik). Mangels anderer Alternativen waren Bücher natürlich auch Geschenkartikel. Für uns Buchhändler – auch nicht für alle – waren sie bisweilen auch Tauschobjekte. Ja, irgendwann benötigten auch unsere Kinder einen neuen Anorak oder Vitamine im Winter. Und nach Ladenschluss war das eben nicht mehr zu bekommen.

Meine Skizze wirft mehr Fragen auf als sie Antworten geben kann. Wo haben Sie besonders viele Fragezeichen gesetzt?

Einige Punkte habe ich ja bereits angeschnitten. Besonders aufgestoßen ist mir, dass die Skizze den Eindruck erweckt, als sei der Alltag des Buchhändlers in der DDR freudlos gewesen. Trotz der geringen Auswahl, die es gab, und trotz aller Widrigkeiten, die ich erlebt habe, hat der Beruf des Buchhändlers in der DDR Spaß gemacht. Wir haben beileibe nicht den ganzen Tag an Partei und Regierung gedacht. Ich meine, dass Sie das in Ihren Ausführungen zu verbissen sehen. Ein wichtiger Grund ist zudem, dass die Kollegen sich lange kannten, über viele Jahre hinweg (in der Akademischen Buchhandlung in Freiberg sogar bis heute) zusammengearbeitet haben und viele Schwierigkeiten auch mit Humor umschifften. Ich glaube, solche „Kollektive“, wie sie in der DDR gang und gäbe waren, sind heute rar. Ich sehe nicht, dass wir damals groß gelitten hätten.

Auf jeden Fall möchte ich Ihnen vermitteln, dass ich (wie viele meiner Kolleginnen) trotz aller Widrigkeiten mit Leib und Seele Buchhändler war. Wenn wir uns heute treffen, sprechen wir weniger über die Schwierigkeiten, sondern eher über sehr lustige Weihnachtsfeiern, Wanderungen, Betriebsausflüge, die es so heute nicht mehr gibt. Und die – auch wenn angeordnet gewesen war, darüber einen Artikel für das Brigadetagebuch zu verfassen – ungeheuer Spaß gemacht haben.

Gibt es etwas, was Sie aus dem DDR-Buchhandel gerne in die Bundesrepublik „rübergerettet“ hätten?

Maritta Tanzer beim Verkauf © privat

Maritta Tanzer beim Verkauf (nach der Wende) © privat

Während meiner Zeit in der „Akademischen Buchhandlung“ existierte ein System von monatlichen Ausstellungen, die in den jeweiligen Speiseräumen der Betriebe in und um Freiberg herum stattfanden. Jeder Kollege war für zwei Betriebe zuständig. Für die Ausstellungen wurde monatlich Literatur gesammelt. Nur so konnte möglich gemacht werden, dass die Beschäftigten in den Betrieben wenigstens begrenzt zu Büchern kamen, die sie im Laden nie gesehen hätten. Der Andrang in der Mittagspause war immer irre. Und die Hemmschwelle für viele, die nie eine Buchhandlung betreten hätten, war beseitigt.

Fächer, in denen Bücher gesammelt wurden, existierten bei uns auch für die sogenannten Vertriebsmitarbeiter, für die ich in der „Akademischen Buchhandlung“ verantwortlich gewesen bin. Wir hatten circa 70. Das waren literaturinteressierte Mitarbeiter in Betrieben, Schulen, Instituten und Bibliotheken, aber auch in den umliegenden Dörfern, die Bücher im Namen unserer Buchhandlung verkauften. Dafür bekamen sie eine Aufwandsentschädigung. Bei uns waren es zehn Prozent. – Ich weiß, dass all diese Dinge im heutigen Buchgeschäft weder praktikabel noch nützlich wären. Ich möchte Ihnen anhand dieser Beispiele lediglich einige Besonderheiten des DDR-Buchhandels vor Augen führen.

Was stößt Ihnen im Vergleich zur DDR beim heutigen Literaturbetrieb auf?

Die Titelflut mit unendlich viel Müll, die Fokussierung auf die Bestsellerlisten, die Rückgabe vom Hardcover nach nur sechs Monaten, die Unmengen von Remittenden, besonders im Taschenbuchbereich, empfinde ich aus ökonomischer Sicht ähnlich wie das Entsorgen der überflüssig gewordenen Literatur in den stillgelegten Braunkohletagebau Espenhain um die Wendezeit. Man braucht Zeit zur Sortimentspflege, d.h. längere Verweildauer belletristischer Titel im Sortiment, damit sich der Buchhändler vertraut machen kann mit dem, was er verkaufen will. Und die Riesenbuchhandlungen, deren Sortimente die Leute fast erschlagen, sind auch nicht das, was ich mir als Buchhändler mal erträumt habe.

Liebe Frau Tanzer, herzlichen Dank für diesen Einblick. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir im Gespräch blieben.

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Maritta Tanzer (geb. 1944) absolvierte zwischen 1961 und 1964 ihre buchhändlerische Lehre in der Volksbuchhandlung „Buch und Kunst“ in Dresden. Bis in die heutigen Tage wird ihr damaliger Chef, Hans Führer, von den Ehemaligen als Vaterfigur verehrt. 1964 wechselte sie nach Leipzig in die Volksbuchhandlung „Am Neumarkt“, die 1967 mit der „Hinrichs’sche Buchhandlung“ zusammengelegt wurde. Neben ihrer Tätigkeit als Lehrausbilderin war sie dort für die Belletristik und das Kinderbuch zuständig.

Nach Differenzen mit der Bezirksdirektion des Leipziger Volksbuchhandels kam sie 1968 als Referentin bei der Abteilung Buchmarktforschung beim Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel (LKG) unter. 1969 schloss sie ein vierjähriges Fernstudium an der 1957 gegründeten „Fachschule für Buchhändler“ in Leipzig-Leutzsch ab, die seit 1960 berufsbegleitende Fernstudiengänge möglich machte. Die Schule war damals im selben Gebäude wie die „Fachschule für Bibliothekare Erich Weinert“ untergebracht war, die Lehrpläne und Dozenten waren jedoch andere. Die Fusion zur „Fachschule für Bibliothekare und Buchhändler Erich Weinert“ erfolgte 1985. Die Abschlüsse wurden erst weit nach der Wende vom Kultusministerium als Fachhochschulabschluss anerkannt.

1972 Umzug nach Freiberg, wo Maritta Tanzer zunächst in der Hochschulbibliothek der Bergakademie arbeitete. 1978 wechselte sie zur „Akademischen Buchhandlung für Montanwissenschaften“, bei der sie bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 2007 für die Ausbildung der Lehrlinge, die Betreuung der Vertriebsmitarbeiter sowie für die Sortimente Belletristik und Kinderbuch verantwortlich war.

 

„Ich sage mit Absicht nicht ‚Kunden‘ sondern ‚Leser‘.“ Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Das Vorhaben, das Wissen über den Buchhandel in der DDR aufzufrischen, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Im ersten Teil unseres Gesprächs erinnert sich Holger Brandstädt an die Jahre 1989/90. Anschließend haben wir über seine Erfahrungen nach der Privatisierung unterhalten und heute sprechen wir u.a. über die traditionsreiche „Friedrich-Wagner- Buchhandlung“ in Ueckermünde, die er seit 2001 führt.

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Die „Friedrich-Wagner-Buchhandlung“ in Ueckermünde, die Sie seit 2001 verantworten, hätten Sie von der Inhaberin bereits 1991 übernehmen können. Was hat Sie damals davon abgehalten, Johanna Wagners Angebot anzunehmen?

die Gründer der Buchhandlung Friedrich und Anna Wagner © privat

die Gründer der Buchhandlung Anna und Friedrich Wagner © privat

Oh ich habe das Angebot damals angenommen, konnte jedoch erst Jahre später anfangen. Bevor Johanna Wagner das zwangsverstaatlichte Haus, in dem sich die Buchhandlung befindet, rückübertragen bekam, hatte ein früherer Kollege die Buchhandlung von der Treuhand bereits gekauft. Nachdem ich das Haus erworben hatte, präsentierte er mir einen recht frischen Mietvertrag über zehn Jahre, den die Städtische Wohnungsgesellschaft während des Rückübertragungsverfahrens mit ihm abgeschlossen hatte. Rechtlich war das wohl nicht in Ordnung, doch eine Klage wäre langwierig gewesen und hätte wohl auch für schlechte Presse gesorgt. Also entschloss ich mich, den Vertrag hinzunehmen, garantierte dem damaligen Mieter die Laufzeit und signalisierte frühzeitig, dass diese nicht verlängert wird. Im Jahr 2001 war es dann endlich soweit. Der Kollege hatte den Laden Monate zuvor geschlossen und an anderer Stelle in der Stadt eine Buchhandlung eröffnet. Ohne Erfolg. – Die Tradition am alten Standort war zu wichtig, die Familie Wagner stand hinter mir, noch dazu stammt die Familie meines Vaters aus Ueckermünde und meine Großmutter war ihr Leben lang in der Buchhandlung tätig. Dazu kam, während der Kollege den Laden wie einen Bestellshop führte und keinerlei Veranstaltungen anbot, setzte ich auf Impulskäufe durch ein attraktives Sortiment und etablierte die Buchhandlung als lokales Kulturzentrum. Wichtig für mich war jedoch auch, dass dies nur eine Filiale des Kollegen war und ihm mit der Übernahme nicht die Existenz weg brach.

Johanna Wagner hat die „Friedrich-Wagner-Buchhandlung“ in der DDR bis 1981 in Eigenregie geführt. Dann wurde das traditionsreiche Geschäft vom Volksbuchhandel übernommen. Wissen Sie etwas über die Hintergründe?

Johanna Wagners Großvater Friedrich hat 1883 als Buchbinder in Ueckermünde angefangen, sein Sohn Johannes schuf dann die eigentliche Buchhandlung und Johanna Wagner oblag es, die Buchhandlung durch die DDR-Zeit zu führen. Sie schloss dafür einen Kommissionsvertrag mit dem Volksbuchhandel ab, der sie mit Büchern belieferte und ergänzte das Sortiment nach Wegfall der Buchbinderei und Druckerei durch Kunstgewerbe, das sie selbständig einkaufte. Mit dem Erreichen des Rentenalters stellte sich die Frage der Weiterführung. In der Familie Wagner gab es hierfür keinen Nachfolger. Die beiden Schwestern Wagner waren unverheiratet geblieben und der Bruder Frank Wagner hatte in Berlin die Tochter von Otto Grotewohl geehelicht, dem ersten Ministerpräsidenten der DDR. Wer wollte da schon unter der DDR-Mangelwirtschaft eine Buchhandlung im unsanierten Ueckermünder Altbau übernehmen? (Immerhin eine der Enkelinnen Frank Wagners ist heute eine angesehene Buchbindermeisterin in der Berliner Staatsbibliothek – die Familientradition wird also weitergetragen.)

Wie ging es nach der Übernahme durch den Volksbuchhandel mit der Buchhandlung weiter?

Johanna Wagner und Holger Brandstädt © privat

Johanna Wagner und Holger Brandstädt © privat

Der Volksbuchhandel war an der Lage der Buchhandlung direkt am Markt interessiert, die Räumlichkeiten waren größer als die der örtlichen Volksbuchhandlung und mit der Übernahme fiel die private Konkurrenz weg. Daher bot sich die Übernahme an. Die Mitarbeiter wurden wohl übernommen, die Geschäftsräume umfassend saniert und der Standort blieb erhalten. Johanna Wagner wohnte bis 2012 über der Buchhandlung. Heuer wird sie 94 Jahre und kommt immer noch regelmäßig vorbei, um einen neuen Krimi zu holen. Leider gibt es schon lange nichts Neues mehr von Pierre Mangan, die modernen Krimis sind ihr oft zu dick und zu brutal.

Würden Sie vom Literaturbetrieb, so wie Sie ihn in der DDR kennen gelernt haben, etwas auf den hiesigen Betrieb übertragen wollen?

Die Liebe zum Text, die Neugier auf Neues, die Verpflichtung dem Leser gegenüber. Und ich sage mit Absicht nicht ‚Kunden‘ sondern ‚Leser‘. Es gibt sie noch und das macht diesen Beruf so wunderbar.

Was stößt Ihnen im Vergleich zur DDR beim heutigen Buchmarkt auf? Was schätzen Sie besonders?

Ich schätze die Vielfalt, bin immer wieder entsetzt über die schiere Masse der Neuerscheinungen, hasse die Schnelllebigkeit des Marktes und bin in Hassliebe den Medien verbunden. Es gibt großartige Bücher, die dank der Medien entdeckt werden und ebenso großartige, die hoffnungslos untergehen, weil ihnen die öffentliche Wahrnehmung verwehrt bleibt. Es ist an uns, dem immer aufs Neue zu entgegnen, und es ist tröstlich zu wissen, dass überall in diesem Land unabhängige Buchhandlungen dem Einheitsbrei Paroli bieten.

Herzlichen Dank, dass Sie Ihre Erfahrungen mit uns geteilt haben.

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Der ausgebildete Koch Holger Brandstädt (geb. 1966) fing im September 1989 als ungelernte Kraft im „Internationalen Buch“ in der Spandauer Straße in Berlin/Mitte an. Eingestellt wurde er von Gerald Nußbaum, dem damaligen Direktor des Ostberliner Volksbuchhandels, der zu DDR-Zeiten unter dem Namen „Berliner Buchhandelsgesellschaft“ firmierte. 1989 gehörten circa 64 volkseigene Buchhandlungen zum Verbund.

Nußbaum trug sich bereits früh mit dem Gedanken, mit einem starken, westdeutschen Partner zu fusionieren. Nach Verhandlungen mit Thomas Grundmann von der Bouvier Buchhandelsgruppe in Bonn entstand im Juli 1990 die „Berliner Buchhandelsgesellschaft Bouvier und Nicolai“ GmbH (BBN), die sich die interessantesten Objekte der ehemaligen Hauptstadt der DDR sicherte. Unter den ehemaligen Renommierläden wie „Universitätsbuchhandlung“, „Kunstsalon unter den Linden“, war auch das „Internationale Buch“, wo Holger Brandstädt beschäftigt war. Er absolvierte 1990/91 in Bonn und Köln bei Bouvier diverse Praktika; zeitgleich machte er per Fernstudium seinen Abschluss als Buchhändler. Im August 1992 kam das Einsehen, dass sich die BBN überhoben hatte. Die vermeintlichen Filetstücke des Ostberliner Buchhandels hatten sich als nicht lukrativ genug erwiesen. Die meisten Buchhandlungen der BBN machten dicht; lediglich zwei konnten im Rahmen eines Management-Buy-Out an ehemalige Mitarbeiter verkauft werden.

Nach dem Zerfall der BBN ging Holger Brandstädt zur „Wohlthat’schen Buchhandlung“ GmbH, bei der er zuletzt als Filialleiter in Berlin/Friedrichshagen beschäftigt war. Im Oktober 2001 übernahm er in Ueckermünde die traditionsreiche „Friedrich-Wagner-Buchhandlung“.

„Der Weg Berlins zur Metropole dauerte doch länger als gedacht.“ Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Bedingungen des sozialistischen Literaturvertriebs und den Strukturwandel des ostdeutschen Buchhandels infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Einiges hat uns bereits Heike Wenige wissen lassen. Im ersten Teil unseres Gesprächs erinnert sich Holger Brandstädt an die Jahre 1989/90. Heute geht es um seine Erfahrungen infolge der Privatisierung des ostdeutschen Buchhandels und im letzten Teil werden wir u.a. über die wechselhafte Geschichte der „Friedrich-Wagner-Buchhandlung“ in Ueckermünde sprechen, die Holger Brandstädt 2001 übernommen hat.

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Neben anderen Filetstücken übernahm die „Berliner Buchhandelsgesellschaft Bouvier und Nicolai“ GmbH (BBN) im Juli 1990 das „Internationale Buch“. Welche Folgen hatte das?

Es kam westdeutsches Kapital in den Betrieb, dazu Know How. Die Pressesprecherin der BBN war Monika Grütters, jetzt Kulturstaatsministerin. Thomas Grundmann aus Bonn und Sönke Christiansen aus Hamburg, dazu Dieter Beuermann von der Nicolaischen in Berlin, da konnte man sich schon gut aufgestellt fühlen. Es gaben sich reihenweise Autoren die Klinke in die Hand und mit viel PR wurde versucht, die BBN-Läden als Platzhirsch zu etablieren. Was auch gelang, denn zum Anfang wagte kaum ein großes Buchhandelsunternehmen den Sprung nach Ostberlin. Erst mit dem Bau neuer Einkaufcenter kamen Mitbewerber in die Stadt.

Waren die Arbeitsplätze nach der Übernahme garantiert?

Erstmal ja, aber mit den ersten Filialschließungen kam es auch zum Personalabbau. Ich denke schon, dass versucht wurde, die Leute möglichst lange woanders unterzubringen. Letztlich war das aber nicht zu halten. Ich selbst war ganz gut aufgestellt, da verliert sich der Blick für die Kollegen leider. Einige sind aber wohl auch durch Studium und andere neue Lebenssituationen ausgeschieden. Die Welt war plötzlich größer geworden, da brauchten sie die Nische nicht mehr.

Wie schätzen Sie im Nachhinein das Joint Venture der Berliner Buchhandelsgesellschaft mit Bouvier und Nicolai ein?

Es war ein spannender Versuch, der Ost und West zusammenführte. Ich sehe noch meinen Filialleiter an einer Karte erklären, wie unser Einzugsgebiet sich denn in Zukunft zusammensetzen würde. Allerdings brauchte es dann noch über 20 Jahre bis dieses Szenario Wirklichkeit wurde und die Bewohner der Stadt die nun unsichtbare Grenze überschritten. Leider hatte die Buchhandlung diese Zeit nicht.

1990/91 haben Sie in Bonn und Köln Praktika bei Bouvier gemacht. Wie waren Ihre Erfahrungen?

Holger Brandstädt vor seiner Friedrich-Wagner-Buchhandlung © privat

Holger Brandstädt vor seiner Buchhandlung © privat

Die BBN wollte Synergien nutzen und ihre Mitarbeiter intern fit machen. Ich wurde für einen Austausch vorgeschlagen und habe dann mehrfach Wochen in den Bouvier-Flagschiffen verbracht. Die „Universitätsbuchhandlung“ in Bonn war meine erste Station. Ich war damals erst ein paar Monate im Buchhandel, aus dem Osten und noch dazu ungelernt. Auf beiden Seiten war die Unsicherheit wohl recht groß, was da auf einen zukam. In Bonn stand zu dieser Zeit ein Leitungswechsel an, vom klassischen Buchhandel zu einem sich ausschließlich an betriebswirtschaftlichen Zahlen ausgerichteten Unternehmen. Das Gleiche habe ich ein paar Jahre später bei Wohltat erlebt. – In beiden Fällen wurden die Firmen von den Prokuristen an die Wand gefahren. Das war eine wichtige Lehre für mich: Es geht nur mit den Mitarbeitern und, klar, insgesamt muss es sich rechnen, einzelne Teile müssen jedoch nicht immer sofort Gewinn abwerfen. Manches braucht Zeit und bringt erst auf den zweiten Blick etwas.

Das „Buchhaus Gonski“, wo Sie ebenfalls gelernt haben, galt in den 1990ern als ein Meilenstein im Kölner Buchhandel …

Das „Buchhaus Gonski“ war dann noch mal ein ganz anders Konzept als die Bonner Unibuchhandlung mit ihrem angeschlossenen wissenschaftlichen Verlag und der Kunstabteilung. Gonski war ein Buchkaufhaus mit Rolltreppe und Café – nur leider war der Kölner Neumarkt von Großbuchhandlungen umstellt. Die Fläche war sehr personal intensiv und alles andere als optimal zugeschnitten. Beide Buchhandlungen einte ein riesiges Angebot, das aber auch viel Tapete beinhaltete. In Bonn stand Reclam Stuttgart 1x numerisch und 1x alphabetisch geordnet – komplett! Und dann gab es noch ein paar Regale, in denen die besser verkäuflichen Titel der RUB standen. Neu war für mich der EDV gestützte Zugriff auf ein eigenes Zentrallager und der Umgang der Kollegen untereinander. Private Kontakte unter Mitarbeitern waren von der Firmenleitung nicht gern gesehen. Da war es schon etwas Besonderes dem Ostimport die abendliche Kneipenszene zu zeigen. Im Osten interessierte das keinen und natürlich waren wir Buchhändler untereinander befreundet. Wie auch immer, es war eine spannende Zeit. Ich wurde von den Kollegen in Bonn und Köln gut aufgenommen und hab mich wacker geschlagen – eine Erfahrung, die mich beruflich sehr stärkte.

In dieser Zeit haben Sie ein Fernstudium absolviert. Wurden Sie dabei aus Fördertöpfen unterstützt?

Das Studium wurde vom Landesverband Baden Württemberg und dem Börsenverein gefördert und veranstaltet. Neben Lehrbriefen und Aufgaben gab es Seminare in Leipzig und Stuttgart, eine interne Abschlussprüfung und daran anschließend eine bei der IHK in Berlin. Der Fernunterricht war eine gezielte Fördermaßnahme für Seiteneinsteiger überwiegend aus den neuen Ländern.

Im August 1992 kam das Aus für die „Berliner Buchhandelsgesellschaft Bouvier und Nicolai“ (BBN). Welche Folgen hatte diese Zäsur für Ihren Betrieb?

Schon zuvor mussten erste Filialen geschlossen werden, weil Mietverträge gekündigt wurden. Das „Gute Buch“ am Alexanderplatz gehörte dazu und die „Buchhandlung Unter den Linden“. Deren Leiter übernahm das „Internationale Buch“, setzte überall seine Leute aus Schlüsselpositionen ein und ging dann trotzdem baden. Die Chemie in der Buchhandlung stimmte nicht mehr, die Umsätze blieben hinter den Erwartungen zurück und die westdeutschen Partner wollten wohl ihr Engagement nicht bis ins Ungewisse ausdehnen. Der Weg Berlins zur Metropole dauerte doch länger als gedacht. Zuerst wurden nach Sozialplan vor allem junge Mitarbeiter entlassen. Diese fanden dann häufig wieder eine Anstellung. Wer durch Protegé oder aus Altersgründen bleiben durfte, hatte es anschließend deutlich schwerer.

Nach dem Zerfall der BBN kamen Sie zur Wohlthat’schen Buchhandlung GmbH; eine Gruppe, die durch Zukäufe in Ostdeutschland nach 1990 stark wuchs, inzwischen aber nicht mehr existiert. Wie haben Sie die Expansion damals wahrgenommen?

Ich arbeitete zuerst für Wohlthats in Berlin/Marzahn, später dann in Berlin/Weissensee und zuletzt als Filialleiter in Berlin/Friedrichshagen. Während der ganzen Zeit war die Transformation vom Alt68er-Unternehmen zum ’normalen‘ Buchdiscounter in Bewegung. Dazu trugen die Zukäufe im Osten wesentlich bei. In diesen herrschte eine ganz andere, eher autoritär geprägte Unternehmenskultur. Es gab Filialen, die vom Personalchef geführt wurden, dem leider viel zu früh verstorbenen Klaus Roggenhausen, und welche, die der Prokurist Ojars Baumeister leitete. Beide standen für völlig unterschiedliche Konzepte in der Personalführung. Der Kampf der Firmenleitung gegen die Bildung eines Betriebsrates zeigte, wie fern die linken Ideale in den 1990ern schon waren. Mit dem Tod des Personalchefs setzte der Prokurist sich in der gesamten Firma durch.

Um sich am Markt halten zu können, setzte Wohltat zunehmend auf preiswerte Bücher und ein selbstbedienungsorientiertes Konzept? Wie sind Sie damit klar gekommen?

Ganz gut. Es gab tolle Reste exklusiv bei Wohlthats, jede Filiale kaufte eigenverantwortlich ein und gerade die Ostberliner Filialen waren in vielen Fällen eben doch Kiezbuchhandlungen für ihre Kunden. Da gingen Kalender für 49,- DM zum Originalpreis über den Ladentisch, das Sortiment war breit gefächert, das Maß an Eigenverantwortung zu meiner Zeit noch hoch. Nach meinem Weggang gab es dann immer mehr zentrale Regulierung, man sieht ja was daraus geworden ist. Letztlich gab es aber auch ein paar Punkte (Ladeneinrichtung / Veranstaltungen / Personalführung), die ich persönlich anders gestalten wollte und das ging nur über den Weg der Selbstständigkeit.

Wohltat wurde dann von Weltbild übernommen …

Letztlich blieb ein Scherbenhaufen unter Weltbildägide. Was für ein Hohn: die Firma, die ihr Geld mit Titeln wie „Sex und Folter in der Katholischen Kirche“ und den „Bakunin-Tagebücher“ gemacht hatte, die einen wesentlichen Teil der Auflage des „Heimlichen Auges“ von Konkursbuch und Erotikwälzer von Taschen vertrieb, verkaufte sich an ein Konglomerat aus Soldatenseelsorge und katholischen Diözesen. Erotik wurde sofort aus dem Angebot genommen. Mit Titeln wie „Wölfe im Eismeer“ und „Die deutschen Stukka-Asse“ hatte Weltbild leider deutlich weniger Berührungsängste. Die hätte es bei Wohltat nie gegeben. Ich erinnere mich an stundenlange Diskussionen, ob man den Leni Riefenstahl Band von Taschen denn nun anbieten solle oder nicht. Letztlich sprach sich die Mehrheit der Wohlthat-Filialleiter dagegen aus.

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Der ausgebildete Koch Holger Brandstädt (geb. 1966) fing im September 1989 als ungelernte Kraft im „Internationalen Buch“ in der Spandauer Straße in Berlin/Mitte an. Eingestellt wurde er von Gerald Nußbaum, dem damaligen Direktor des Ostberliner Volksbuchhandels, der zu DDR-Zeiten unter dem Namen „Berliner Buchhandelsgesellschaft“ firmierte. 1989 gehörten circa 64 volkseigene Buchhandlungen zum Verbund.

Nußbaum trug sich bereits früh mit dem Gedanken, mit einem starken, westdeutschen Partner zu fusionieren. Nach Verhandlungen mit Thomas Grundmann von der Bouvier Buchhandelsgruppe in Bonn entstand im Juli 1990 die „Berliner Buchhandelsgesellschaft Bouvier und Nicolai“ GmbH (BBN), die sich die interessantesten Objekte der ehemaligen Hauptstadt der DDR sicherte. Unter den ehemaligen Renommierläden wie „Universitätsbuchhandlung“, „Kunstsalon unter den Linden“, war auch das „Internationale Buch“, wo Holger Brandstädt beschäftigt war. Er absolvierte 1990/91 in Bonn und Köln bei Bouvier diverse Praktika; zeitgleich machte er per Fernstudium seinen Abschluss als Buchhändler. Im August 1992 kam das Einsehen, dass sich die BBN überhoben hatte. Die vermeintlichen Filetstücke des Ostberliner Buchhandels hatten sich als nicht lukrativ genug erwiesen. Die meisten Buchhandlungen der BBN machten dicht; lediglich zwei konnten im Rahmen eines Management-Buy-Out an ehemalige Mitarbeiter verkauft werden.

Nach dem Zerfall der BBN ging Holger Brandstädt zur „Wohlthat’schen Buchhandlung“ GmbH, bei der er zuletzt als Filialleiter in Berlin/Friedrichshagen beschäftigt war. Im Oktober 2001 übernahm er in Ueckermünde die traditionsreiche „Friedrich-Wagner-Buchhandlung“.

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Mein Dank gilt allen, mit denen ich mich bislang habe austauschen dürfen. Ich würde mich freuen, wenn sich weitere Zeitzeugen einfänden, um das eine und andere aus der eigenen Erfahrung zurechtzurücken und/oder Lücken zu schließen.

„Wie der Westbuchhandel funktioniert, das haben wir uns selbst erarbeitet.“ Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Das Vorhaben, das Wissen über den Buchhandel in der DDR aufzufrischen, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Heike Wenige erinnert sich heute an die Zeit nach dem Fall der Mauer. Im ersten Teil des Gesprächs haben wir uns über ihre Erfahrungen im volkseigenen Buchhandel ab 1986 unterhalten.

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Mauerfall im November 1989, Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion im Juni 1990, deutsche Einheit am 3. Oktober 1990. Wie erinnerst du dich an diese turbulenten Monate?

Heike Wenige © Marco Borrmann

Heike Wenige © Marco Borrmann

Emotional gesehen bekomme ich noch immer eine Gänsehaut, auch dann, wenn Fernsehbeiträge an die Ereignisse erinnern… Was ich genau gemacht habe, das weiß ich nicht mehr. Im Juni 1990 zur Währungsunion war ich in Berlin. Ich bin mit dem Fahrrad durch die nicht mehr geteilte Stadt gefahren – das war superspannend. Auch Roger Waters legendäres Konzert „ The Wall“ habe ich in Berlin am Potsdamer Platz erlebt. Den 3. Oktober feierten wir im Freundeskreis im Freiberger Studentenclub „berauschend“. Überhaupt war diese Zeit berauschend, unwirklich. Ein Leben zwischen Nichts und Allem, eine emotionale Überforderung. In der Buchhandlung begann zunächst eine eher traurige Zeit. Zu DDR-Zeiten wurde Geld ja in Bücher angelegt. Das Konsumverhalten änderte sich nach dem Mauerfall radikal. Die Möglichkeiten, Geld auszugeben, waren nun um ein Vielfaches größer und reizvoller.

Welche Hoffnungen hattest du für dein Land? Welches waren deine größten Sorgen?

Die Hoffnung war ein Leben in Demokratie. Mit Reise- und Meinungsfreiheit. Dass auch gewisse materielle Wünsche in Erfüllung gehen konnten. Die größte Sorge war der Ausverkauf der DDR, der ja ziemlich schnell gelungen ist. Es war traurig mitanzusehen, wie DDR-Produkte verschwanden und durch Westprodukte ersetzt wurden. Ja, auch im Buchhandel.

Im März 1990 wurde die Treuhandanstalt gegründet, deren Aufgabe es war, die volkseigenen Betriebe zu privatisieren. Im Zuge dessen wurde der Volksbuchhandel abgewickelt, die Buchbetriebe in den damals noch existierenden 15 Bezirken in Gesellschaften umgewandelt. Für Euch war damals die „Buch-Tour Buchhandels- und Reisevermittlungsgesellschaft“ mit Sitz in Karl-Marx-Stadt zuständig. Wie hast du die erste Phase der Privatisierung in deinem Betrieb erlebt?

Zugegebenermaßen mit Befremden. Wir sollten plötzlich auch noch Reisen verkaufen, da die „Buch-Tour“ zum 1. Juli 1990 eine Reisevermittlung mit ins Programm genommen hatte. Von der Abwicklung der GmbH selbst habe ich wenig mitbekommen. Hatte anderes im Kopf. Ich musste lernen, wie der Westbuchhandel funktioniert, der ja so anders funktionierte als der Ostbuchhandel. Von heute auf morgen war alles anders. Sämtliche Abläufe und Strukturen. – Das Wasser war nicht nur kalt, sondern auch tief.

Die „Buch-Tour Buchhandels- und Reisevermittlungsgesellschaft“ verschwand alsbald wieder vom Markt. Hatte die Auflösung Auswirkungen auf Euren Betrieb?

Glücklicherweise hatte unsere Leiterin beschlossen, die „Akademische Buchhandlung“ zu kaufen. – Eine Option, die nach Querelen zwischen der „Buch-Tour“ GmbH und der Treuhand Chemnitz infolge einer Intervention seitens des Börsenvereins ab März 1991 plötzlich für alle Buchhandlungen im Bezirk offen stand. Ich bekam einen neuen Arbeitsvertrag, den ich allerdings sogleich kündigte, um im darauffolgenden Jahr in die Chemnitzer Universitätsbuchhandlung zu wechseln, die meine Freundin Wenke Helmboldt übernommen hatte und bis heute leitet.

Wie kam Barbara Hackels Entscheidung, die Freiberger Fachbuchhandlung in die Selbstständigkeit zu führen, in Eurem Arbeitskollektiv an?

Das war eine kluge und gute Entscheidung von ihr. Welche Hoffnungen sie daran geknüpft hat, weiß ich nicht. Vermutlich hatte ihre Entscheidung auch damit zu tun, „frei“ sein zu wollen, was unter der „Buch-Tour“ GmbH mit ihrer damaligen Geschäftsführerin Monika Lang so nicht möglich gewesen wäre.

Das dürfte keine einfache Zeit für Euch gewesen sein …

Von den schwierigen Hintergründen habe ich damals so gut wie nichts mitbekommen. Die Probleme im Betrieb wurden nicht mehr wie zu DDR-Zeiten während der Frühstücksrunden besprochen.

Habt Ihr in dieser Phase Unterstützung von außen erhalten?

Finanzielle Unterstützungen gab es reichlich. Von der sächsischen Aufbaubank und den Fördermitteln konnte ich ja sogar noch 1994 profitieren, als ich mich selbständig gemacht habe. Auch das Arbeitsamt förderte damals noch in anderem Umfang als heute.

Nach der Wende war der Hunger nach Lesestoff groß, der zu DDR-Zeiten verboten oder nur schwer zugänglich war. Die Geschäfte im Buchhandel florierten. Kannst du dich erinnern, was damals bei Euch besonders stark nachgefragt wurde?

Ja natürlich, obwohl die Verunsicherung unter uns Sortimentsbuchhändlern immens war. Ich erinnere mich, dass ich damals mit der Belletristik-Verantwortlichen hart diskutiert habe, weil sie nicht bereit gewesen ist, beim Verlag fünf Exemplare von George Orwells „Farm der Tiere“ auf einen Schlag einzukaufen. Obwohl ich dafür nahezu täglich Bestellungen entgegennahm. Sie wurden dann über das Barsortiment abgewickelt. Belletristik wurde vorsichtig eingekauft, zumindest bei uns. Andere Buchhandlungen hielten das damals anders. Über so manches Schicksal im Zuge der Wende sprechen wir heute noch. Andere Warengruppen als Belletristik bedienten wir reichlich. Ich erinnere mich noch an Berge von Bussibär-Büchern, die ständig nachgeordert werden mussten. So mancher westdeutsche Verlag konnte sich am Ostbuchhandel sanieren. Pestalozzi zum Beispiel. Plötzlich lag der Laden mit Billigbüchern voll.

Magst du etwas über diese Wende-Schicksale sagen?

Da gibt es viel zu erzählen. Trauriges und Heiteres. Geschichten von Gewinnern und Verlieren, auch über Wichtigtuer und Beutelschneider – und natürlich viel über die Anpassungsschwierigkeiten, die wir hatten. Manche Buchhandlung hielt zum Beispiel in der Hoffnung, überhaupt bestückt zu werden, an der alten Gewohnheit fest, bei LKG höhere Stückzahlen zu ordern als gebraucht wurden. Das galt damals insbesondere für die Belletristik, die vielfach sehr großzügig geordert wurde. Vermessen wurden 200 Exemplare bestellt. Man blieb darauf sitzen. Für manchen Buchladen bedeutete das das Aus … Größenwahnsinnig war ein Buchhändler, der damals sehr populär gewesen ist. Er lud Verlagsvertreter zu einem Flug mit dem Hubschrauber ein. Die Maschine stürzte ab und riss alle Insassen in den Tod.

Um Westtiteln Platz zu machen, haben viele Buchhandlungen nach der Währungs- und Wirtschaftsunion ihre DDR-Bestände leer geräumt. Wie war das bei Euch?

Meiner Erinnerung nach haben wir ebenfalls ausgeräumt und umgeräumt. Unser Lagerkeller war voll. Das wurde dann abgewickelt. Auf welchem Weg weiß ich nicht.

Die Umstellung auf neue Wirtschafts- und Sozialstrukturen war sicherlich kein Zuckerschlecken. Was bereitete dir besonderes Kopfzerbrechen?

Die Sozialstrukturen änderten sich langsam, fast unmerklich. Man wuchs in die „schöne, neue Welt“ hinein. Alte Freunde gingen, neue Freunde kamen. Stasigeschichten wurden ein großes Thema … Gefühlt passierte jeden Tag etwas Neues, im Kleinen wie im Großen. Die Ereignisse rauschten vorbei. Es war kaum Zeit, alles wirklich zu verarbeiten beziehungsweise darüber nachdenken, um die Ereignisse und Entwicklungen einordnen zu können. Plötzlich hatte man auch existenzielle Sorgen. Beispielsweise wurde die private Miete zu einem bedeutenden Kostenfaktor. Damals wohnte ich illegal in einem Haus. Ich habe auch eine Menge von diesen miesen Immobilienschiebereien nach der Wende mitbekommen. – Das soziale Sicherheitsgefühl, dass jeder DDR-Bürger hatte, verschwand. Aber irgendwie war alles doch auch von einem großartigen Glücksgefühl getragen.

Hilfestellung für Sortimenter kam vom Börsenverein und vor allem von Barsortimenten und Verlagsauslieferungen. Konntet Ihr davon profitieren? Wie waren Eure Erfahrungen?

Wie schon gesagt, man wurde hineingeworfen und musste selbst schauen, wie es und was geht. Gelesen habe ich im Nachhinein, dass damals vom Börsenverein für die Sortimenter Hilfestellung gekommen sei. Ich selbst bekam davon nichts mit. Unterstützt wurden in der Hauptsache wohl die neuen Inhaber.

Wie der Westbuchhandel funktioniert, das haben wir uns selbst erarbeitet. Die Barsortimente waren dabei eine große Hilfe. Mit der Privatisierung kam KNO, die Koch, Neff & Oetinger Verlagsauslieferung, ins Haus. An die Stuttgarter habe ich durchweg positive Erinnerungen. Und zwar nicht nur wegen der Einladungen in die schwäbische Hauptstadt, die KNO damals an alle Volksbuchhändler aussprach.

Welche Standards, die der volkseigene Buchhandel gesetzt hat, würden deines Erachtens dem Buchhandel heute gut tun?

Schlicht gesagt- es ging damals um das Buch an sich! Um Inhalte. Wie man das bestmöglich präsentiert, das trieb uns damals um. Nicht etwa die besten Konditionen oder die günstigsten Bezugswege. Zu DDR-Zeiten brauchte man sich den Kopf nicht über Bestellbündelungen, Mindestbestellmengen, Verlagsauslieferungen, Vertreterkonditionen und vieles andere zu zerbrechen. Damals konnte man sich mit dem Produkt an sich beschäftigen. Das klappt im heutigen Buchhändleralltag nicht mehr so leicht.

Würdest du vom Literaturbetrieb, so wie du ihn in der DDR kennengelernt hast, etwas auf den hiesigen Betrieb übertragen wollen?

Ja in erster Linie – das Buch als Kulturgut! Dann muss es diesem Anspruch allerdings auch gerecht werden. Und die Diskussionen über Bücher, die damals auf einem anderen Niveau geführt wurden, würden uns auch gut tun. „Zwischen den Zeilen lesen können“ – diese Fähigkeit scheint überflüssig geworden zu sein. Es geht fast ausschließlich um die Befindlichkeiten des Rezensenten, die an einem Buch festgemacht werden. Das langweilt mich über die Maßen.

Was stößt dir im Vergleich zur DDR beim heutigen Buchmarkt auf? Was schätzt du besonders?

Ich habe die Wahl, was ich in meinem Sortiment führe. Obwohl auch das nicht immer einfach ist. Im Gegensatz zu den DDR-Zeiten muss der selbständige Buchhändler wirtschaftlicher denken und sich dabei in einem gewissen Maß auch „verbiegen“. Eine Gratwanderung, die ich im Griff habe. Über zu viel Buch mag ich hier gar nicht klagen, klage ich nicht mehr. Das scheint ein unlösbares Problem zu sein …

Im September 2015 wird der Deutsche Buchhandlungspreis erstmals vergeben. Dein Taschenbuchladen ist unter den Nominierten. Meinst du, dass deine Erfahrungen aus dem volkseigenen Buchhandel auch Teil deines Erfolgskonzeptes sind?

Nein. – Das Engagement kommt aus meiner/unserer ureigenen Liebe zum guten gedruckten Wort und dem Bedürfnis, dies allen Interessierten weiterzugeben.

Würdest du dich heute erneut für den Beruf des Buchhändlers entscheiden?

Ja!

Heike, tausend Dank. Ich denke, das Thema wird uns beide weiterhin umtreiben.

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Heike Wenige (geb. 1969) wurde nach einer buchhändlerischen Lehre 1986 – 1988 von ihrem Ausbildungsbetrieb, der „Akademischen Buchhandlung für Montanwissenschaften“ in Freiberg, übernommen. Nach der Vereinigung führte Barbara Hackel, die den Buchladen seit 1972 leitete, den ehemals volkseigenen Betrieb in die Selbstständigkeit. 1992 wechselte Heike Wenige von dort nach Chemnitz in den Buchladen einer Freundin. 1994 kehrte sie nach Freiberg zurück, wo sie im November ihren Taschenbuchladen eröffnete.

Ich würde mich freuen, wenn sich weitere Zeitzeugen einfänden, um das eine und andere aus der eigenen Erfahrung zurechtzurücken und/oder Lücken zu schließen.