Bibliodiversität – ein Newcomer in der Buchbranche

Seit der Leipziger Buchmesse macht in der Buchbranche einer neuer Begriff von sich reden: Bibliodiversität. Ein Neologismus, der für kulturelle Vielfalt – im engeren Sinn für literarische Vielstimmigkeit steht. Was bitte meint Bibliodiversität? Und was kann getan werden, um kulturelle Vielfalt zu erhalten? Müssen wir uns um sie sorgen? Und wenn ja warum?

Bibliodiversität wird Thema einer Gesprächsrunde am Vorabend der Buchtage Berlin sein, das die Autorin und Übersetzerin Doris Hermanns, die Autorin und Philosophin Ariadne von Schirach, Jörg Braunsdorf von der Tucholsky Buchhandlung und Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag bestreiten werden.

Der Eintritt ist frei. Ich lade Euch herzlich dazu sein.

Safe the date: 12. Juni 2017 um 19:00 Uhr in der Tucholsky Buchhandlung (Tucholskystr. 47 in Berlin/Mitte).

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Eingeführt hat den Begriff die Australierin Susan Hawthorne. Sie ist Autorin, Verlegerin und Feministin und engagiert sich in der „International Alliance of Independent Publisher“ – ein international agierendes Netzwerk von über 400 unabhängigen Verlagen mit Sitz in Paris. Noch sind keine deutschen Verlage dabei. 2014 veröffentlichte Hawthorne ihr Manifest für unabhängiges Publizieren „Bibliodiversität“, ein Plädoyer für „faire Bücher“, die dem seichten Mainstream trotzen. Das Manifest hat der Berliner Verbrecherverlag, von Doris Hermanns ins Deutsche übersetzt und mit einem Nachwort versehen, kürzlich herausgebracht.

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Der Begriff lehnt sich an den biologischen Fachbegriff Biodiversität an. Ohne Biodiversität – die Vielfalt der Ökosysteme, die Vielfalt der Arten und die genetische Vielheit innerhalb der Arten – ist Leben unmöglich. Tag für Tag gehen Teile dieser natürlichen Vielfalt verloren. Arten sterben aus, Lebensräume werden zerstört. Allein in Deutschland gelten ein Viertel aller Pflanzenarten und ein Drittel aller Tierarten in ihrem Bestand gefährdet.

Laut Susan Hawthorne droht der Bibliodiversität ein ähnliches Schicksal. Ihre Ausgangsthese: „So wie die Biodiversität ein Indiz für die Gesundheit des Ökosystems ist, kann der Zustand eines ökosozialen Systems an seiner Vielfältigkeit gemessen werden und der Zustand der Verlagswelt an ihrer Bibliodiversität.“ Gefahren drohen vorrangig durch a.) den Freihandel, b.) Player wie Amazon, Apple und Google, c.) internationale Konzentrationsprozesse und globale Vertriebsstrukturen, d.) die Art und Weise, wie Bücher vermarktet werden, und e.) den Trend, gängige Titel abzukupfern.

Das globale Publizieren, so Hawthorne, funktioniere genauso wie die moderne Landwirtschaft, die tonnenweise prächtig aussehende, aber geschmacklose Tomaten auf den Markt wirft. Nicht anders würden Großverlage und international aufgestellte Konzerne agieren, die profitgetrieben erfolgreiche Bücher kopieren (One-Size-fits-All-Produkte) und diese stapelweise an Buchhandelsketten ausliefern. „Buchverkauf in den Händen von Großunternehmen bedeutet, dass alle Buchhandlungen den gleichen Bestand in Läden verkaufen, die alle gleich aussehen.“

Durch diese Gleichmacherei entstünde eine Monokultur des Geistes, die ebenso zerstörerisch wirke wie die landwirtschaftliche Monokultur. „Wenn die soziale Umwelt von erkenntnistheoretischen Monokulturen – einzelne Stimmen, die alle das Gleiche sagen – überrollt wird, kommt es zu einem Verlust des dynamischen Gleichgewichts und diejenigen, die etwas Neues oder Anderes zu sagen haben, werden ignoriert.“

Als Spieler und Verteidiger der Bibliodiversität bringt die Australierin die unabhängigen Verlage ins Spiel. Sie sind diejenigen, die sich dem schleichenden kulturellen Verfall widersetzen. Hawthorne nennt sie „kleine grüne Pflanzen, die durch die Risse des Asphalts wachsen“. Ihre These: „Klein zu bleiben, macht es möglich, etwas Einzigartiges zu produzieren, einen Geschmack oder eine Farbe, die nicht industriell hergestellt werden kann.“ Schreiben und Verlegen gedeihen nach Hawthorne am besten in kleinen Unternehmen.

Susan Hawthorne schärft den Blick für die Ähnlichkeiten zwischen Agrar- und Verlagsindustrie. Keine Frage: sicherlich ist kulturelle Vielfalt für pluralistische und multikulturelle Gesellschaft essentiell. Manches aber scheint ein wenig überspitzt. Was bringt es den kleinen und unabhängigen Verlagen, wenn sie überhöht, um nicht zu sagen: glorifiziert werden? Nicht zu Unrecht hält ein Rezensent das Hawthornsche Manifest für ein Glaubensbekenntnis. Und genau dieser idealistische Glaube an die Potenz kleiner unabhängiger Verlage mag auch erklären, warum deren Probleme im Manifest nicht zur Sprache kommen. Dafür umso häufiger feministische Fragen.

Bibliodiversität im Gespräch © Sabine Münch

Was bringt uns die Bibliodiversität? Alter Wein in neuen Schläuchen? Überschätzt Hawthorne die Potenz der kleinen und unabhängigen Verlage? Sind tatsächlich nur sie diejenigen, die für kulturelle Vielfalt sorgen? Und sollte Bibliodiversität nicht viel eher ein Nebeneinander von großen und kleinen Verlagen meinen; einen Betrieb, der sowohl spezielle Interessen als auch den breiten Massengeschmack bedient?

Fragen, die ich in der Gesprächsrunde mit Doris Hermanns, Ariadne von Schirach, Jörg Braunsdorf und Jörg Sundermeier aufgreifen möchte. Am 12. Juni 2017 um 19:00 Uhr in der Tucholsky Buchhandlung (Tucholskystr. 47 in Berlin/Mitte). Der Eintritt ist frei.

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Wer sich auf die Gesprächsrunde vorbereiten mag, dem seien hier einige Thesen aus dem Manifest an die Hand gegeben:

  • Die Produzenten/innen von Bibliodiversität leben an den Rändern der Gesellschaft; sozial, politisch, oft auch geografisch und linguistisch. Sie bewegen sich an den schnell verändernden Außengrenzen des kulturellen Flusses, während Großverlage im seichten Mainstream paddeln.
  • Das Wilde und Unangepasste ist ein Merkmal von Bibliodiversität und für deren Existenz zentral.
  • Bibliodiversität basiert auf dem Respekt vor anderen; auf einem dynamischen Gleichgewicht der Gesellschaft, auf der Ablehnung von Monokultur, Pornografie, Rassismus, Sexismus, Homophobie, Diskriminierung – im schlimmsten Fall Hass.
  • Inhalt ist der Kern der Bibliodiversität und das Kerngeschäft der Unabhängigen.
  • Unabhängige Verlage kommen ihrer kulturellen, sozialen und ökologischen Verpflichtung nach. Sie haben das Gemeinwohl im Sinn und machen faire Geschäfte.
  • Unabhängige Verlage haben die Gabe, kulturelle Veränderungen vorherzusehen.
  • Da sie kleinere Auflagen produzieren und nur selten Remittenden zurücknehmen müssen, agieren sie umweltfreundlicher.
  • Unabhängigen Verlagen geht es nicht um Profit, sondern darum eine langlebige und kräftige literarische Kultur zu schaffen.
  • Unabhängige Verlage stellen Stereotype und die Vorstellung von Normalität in Frage.
  • Sie verweigern sich anpassender Gleichmacherei und widerstehen der Versuchung, Sprache für Mainstream-Leser annehmbarer zu machen.
  • Sie verschaffen den Außenseitern, den Stimmlosen und Marginalisierten Gehör und veröffentlichen die risikoreichen, die innovativen, die einfallsreichen Stimmen.

„Wir machen – gemessen an unserem Umsatz – großen Lärm, das hilft.“ – SteglitzMind stellt Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Ich freue mich, dass heute Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag Rede und Antwort steht. Vorgeschlagen hatte das Jasper Nicolaisen vom Berliner Verlag das Beben.

Eine Skizze vom Verlag…

Der Verbrecher Verlag existiert seit August 1995, er verlegt Sachbücher und Kunstbände, vor allem aber Belletristik in allen Ausformungen, also Theatertexte, Gedichte, Erzählungen, Romane. Lieferbar sind rund 200 Printtitel und rund 50 E-Books.

Ihre persönlichen Highlights?

Highlights als solche gibt es für mich nicht, da ich alle Titel in unserem Programm sehr aufregend finde. Aber sicherlich ist die größte Unternehmung in diesem Jahr der Start der „Das Büro“-Romanreihe bei uns, die Romane von J.J. Voskuil sind teilweise über 1000 Seiten stark. Das ist das größte Unterfangen bei uns seit der Herausgabe der Mühsam-Tagebücher.

Warum musste es unbedingt ein Verlag sein?

Jörg Sundermeier © Nane Dieh

Jörg Sundermeier © Nane Dieh

Weil ich das gut kann.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Wir sind ja per Zufall zu unserem Verlag gekommen, wie, das kann man hier nachlesen. Seitdem aber habe ich das ungeplante Kind sehr lieb gewonnen. Und es macht einfach Spaß, Bücher, von denen andere behaupten, dass sie toll sind, aber unverkäuflich, dann doch gut zu verkaufen. Das verschafft eine ungeheure Befriedigung.

Was hat sich infolge der Digitalisierung in Ihrer Arbeits-/Vorgehensweise verändert?

Wir planen jetzt immer auch eine E-Bookversion eines Textes mit. Aber das ist sicher nicht der letzte Schritt in Richtung Digitalisierung!

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Wir machen hochwertige Bücher, sowohl was den Inhalt als auch die Form angeht. Aber das machen einige andere Verlage auch. Wir denken aber nicht in Kategorien wie Konkurrenz, obschon wir selbstverständlich um Marktanteile ringen müssen. Wir kleineren Verlage halten allerdings in vielfacher Hinsicht zusammen, engagieren uns in der Kurt-Wolff-Stiftung und im Börsenverein. Das gemeinsame Auftreten ermöglicht es uns, genauso wahrgenommen zu werden wie Konzernverlage, das ist heute leider wichtig.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Ich würde es heute mit mehr Professionalität beginnen wollen. Obwohl – manchmal denke ich mit Sehnsucht an die Blauäugigkeit zurück, mit der wir damals gestartet sind.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Die Autorinnen und Autoren sprechen uns an (oder ihre Agenturen). Und auch wir gehen Autorinnen und Autoren an, wenn sie uns auffallen. Viele Bücher sind aber auch auf unseren Vorschlag hin zustande gekommen.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Klassisch. Wir machen – gemessen an unserem Umsatz – großen Lärm, das hilft.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

das Logo © Verbrecher Verlag

das Logo © Verbrecher Verlag

Nun ja, wir sind seit fast 20 Jahren da. Unsere Vertreterinnen und unser Vertreter treten vehement für ihre Verlage ein, sagen aber auch, wenn ihnen ein Buch nicht gefällt. Unsere Bücher gefallen ihnen offenkundig, das freut uns. Es hat allerdings rund zehn Jahre gedauert, bevor wir ernstgenommen wurden. Der Kurt-Wolff-Preis, der uns in diesem Jahr verliehen worden ist, hat nun aber zusätzlich nochmal Aufmerksamkeit für unser Programm gewonnen.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Man macht nicht gern mit, aber man kann – solange man über die Barsortimente vertreibt, eh nichts dagegen tun, dass man auch via Amazon verkauft wird. Wir sind aber generell eher Freunde des lokalen unabhängigen Buchhandels.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

Wir trommeln so laut wir können, haben dabei aber stets die Kosten im Blick. Klassische Anzeigen schalten wir nur selten.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Nicht alles, was der Börsenverein beschließt, gefällt mir, doch das Engagement im Verein ist wichtig. Wir sind Mitglied, ich bin im Landesverband Berlin-Brandenburg ehrenamtlich tätig, zur Zeit im Vorstand. Es macht großen Spaß.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Wir machen gute Bücher für gute Leserinnen und Leser. Auf unserem ersten Buch stand: „Ein Buch über Leute, die solche Bücher lesen.“ Ein gewisser Intellekt schadet nicht, finden wir, Neugierde ist wichtig, es darf auch mal kompliziert werden. Und wer Bücher von einem Verbrecher Verlag bestellt, hat sicher auch eine Prise Humor.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Die Programme vieler Verlage verflachen, weil der Renditedruck so hoch ist. Das kommt uns entgegen, da wir uns auch anspruchsvolle Texte und gute Ausstattung leisten können. Die Zukunft sieht also gut aus für uns.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Es ist bei uns immer so – wenn ein Programm nicht funktioniert und die Verkäufe einbrechen, dann wird es sofort schlimm, denn wir haben keine großen Geldreserven. Danach aber sieht es zur Zeit nicht aus.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Die Kollegialität.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Macht es. Erwartet alles. Lasst Euch enttäuschen. Macht weiter. Es kostet Nerven. Es lohnt sich.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Ich empfehle den AvivA Verlag, Berlin, den Milena Verlag, Wien, den Luftschacht Verlag, Wien, den Ventil Verlag, Mainz, den Weidle Verlag, Bonn, Voland & Quist, Leipzig und Dresden, und den Lilienfeld Verlag, Düsseldorf. Und viele andere empfehle ich auch noch, nämlich rundweg alle, die sich in dem Katalog der Kurt-Wolff- Stiftung „Es geht um das Buch“ präsentieren.

Herzlichen Dank für diesen Einblick, Jörg Sundermeier.

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

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