„Wir erhalten viele Einzelbestellungen aus Buchhandlungen, die Infrastruktur ist da weit besser als frustrierte Kunden und hämische Presse vermuten lassen.“ – SteglitzMind stellt Steffen Ille vom Verlag Ille & Riemer vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Ich freue mich sehr, dass Steffen Ille vom Verlag Ille & Riemer heute dabei ist. Vorgeschlagen hatte das Barbara Miklaw, die für den Mirabilis Verlag verantwortlich zeichnet.

Wann ging’s mit dem Verlag los?

Der Verlag existiert seit Herbst 2001 und besteht aus vier Gesellschaftern. Verlagssitz ist Leipzig, weiterer Publikationsort ist Weißenfels. Unser erstes Buch erschien 2002, »Freygeist«, die wissenschaftliche Neuedition des Erstlings von Joachim Wilhelm von Brawe.

Die Programmschwerpunkte?

Steffen Ille © Literaturkreis Novalis e.V.

Steffen Ille © Literaturkreis Novalis e.V.

Unsere programmatischen Schwerpunkte liegen bei Regionalia und bei geisteswissenschaftlichen Titeln. Zusätzlich publizieren wir gelegentlich belletristische Titel. Lieferbar sind derzeit 27 Titel, davon 10 auch digital. Aktuell erscheinen unsere Titel in der Regel auch parallel als eBook.

Ihre persönlichen Highlights waren?

Die größten Highlights waren aus meiner Sicht die psychiatriehistorische Arbeit »Irre irren nicht« (2010), Lothar Strucks Handke-Studie »Der mit seinem Jugoslawien« (2012) und mein erstes Hörbuch »Gruß nach vorn«  mit Tucholsky-Texten (2011). Das nächste Highlight, auf das ich mich besonders freue, ist das zum 125. Geburtstag geplante Tucholsky-Lesebuch »Die Zeit schreit nach Satire«, herausgegeben von der Kurt Tucholsky-Gesellschaft.

Warum musste es in diesen Zeiten unbedingt ein Verlag sein?

2001 ist ja schon ein paar Tage her. Da waren die Zeiten ja ganz andere 😉

Es war sicher ein Konglomerat von Gründen. Ich war bereits damals als Buchhändler tätig und merkte sehr bald, dass unter der 5000er-Auflagen-Marke der Großverlage reichlich Platz für einige Texte war, die es einfach verdient hatten, gedruckt zu werden. Zum anderen spielte natürlich auch persönliche Eitelkeit eine Rolle – meine eigenen schriftstellerischen Fähigkeiten würden für gloria aeterna wohl nicht reichen, aber wenn nicht Goethe, dann kann man ja immer noch Cotta sein…

Als mein Freund Jörg Riemer mit Brawes Drama auftauchte, für das er und Frank Fischer keinen Verlag fanden, obwohl es sich um ein literaturhistorisch wichtiges Werk handelte, war dies der entscheidende Impuls, nicht länger nur den Gedanken daran mit mir herumzutragen, sondern die Sache einfach mal zu starten. Wir waren vier junge Studenten, die ein paar tausend Mark zusammentaten, um zu schauen, wie weit wir damit wohl kämen. Nunja, bis hierher hat es gereicht.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Verleger zu sein macht mir einfach einen Riesenspaß.

Was hat sich infolge der Digitalisierung in Ihrer Arbeits-/Vorgehensweise verändert?

Genau genommen war die Digitalisierung der entscheidende Grund, den Verlag überhaupt gründen zu können. Ohne Digitaldruck und Internet wäre es nicht möglich gewesen, mit so wenigen Mitteln zu starten. Geändert hat sich auf Herstellerseite nur, dass wir eben nicht nur drucken, sondern auch eBooks erstellen. Wirklich massiven Einfluss hatte daher eher die Weiterentwicklung der Kommunikation. Gelegentlich muss ich mir das immer mal wieder in Erinnerung rufen: 2001 waren schon Mobiltelefone keineswegs allgemeiner Standard. Mit Internet-Anschluss war man noch Avantgarde, der Buchhandel arbeitete noch flächendeckend mit Buchlaufkarten und bestellte per FAX – ohne email-Adresse konnte man 2001 problemlos als Verlag arbeiten, ohne Faxgerät nicht. Inzwischen ist es eher andersherum (aber noch 2009 erhielt ich ernsthaft eine Bestellung per Bücherzettel!).

Die sozialen Netzwerke sind natürlich ein erheblicher Einflussfaktor. Dadurch ergeben sich einerseits viel mehr Möglichkeiten, gerade in der Öffentlichkeitsarbeit, gleichzeitig wird es aber auch aufwändiger, im schier endlosen Kommunikationsmeer nachhaltig aufzufallen

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

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Definiere »Die anderen«. Ich glaube nicht, dass wir so originell sind, dass unter den tausenden Verlagen der deutschen Publikationslandschaft keiner wäre, der wie wir arbeiten würde. Mein Anspruch ist es, eng mit meinen Autoren zusammenzuarbeiten – wir setzen kein Komma, mit dem ein Autor nicht einverstanden wäre (das klingt banal, ist es aber nicht, fragen Sie mal Random House-Autoren der zweiten oder dritten Reihe…). Vor allem aber sehe ich mich als der Ansprechpartner für »das Draußen«. All der ganze Kleinkram, der mit Distribution zu tun hat. Aber das ist ja auch Kernaufgabe eines Verlages.

Letztlich positionieren wir uns in den Nischen, in denen wir präsent sind. Zu Weißenfels publiziert sonst kaum jemand. Ein unvoreingenommener Blick auf Handkes Jugoslawien ist selten, DDR-Psychiatriegeschichte aus selbstkritischer Psychiatersicht ebenso. Wir bringen heraus, was uns begeistert, um andere dafür zu begeistern. Aber ist das wirklich anders als das, was die anderen machen? Ich habe Freunde und Bekannte in kleinen, mittleren und großen Verlagen – dass diese in ihrer täglichen Arbeit eine andere Motivation antreibt, kann ich guten Gewissens nicht behaupten.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Ich würde erst starten, wenn ich ein nennenswertes Programm habe und nicht einfach mit dem ersten Titel loslegen. Mit einem Einzeltitel in der Hand führen sich Gespräche mit Barsortimenten, Vertretern, Auslieferungen und Buchhändlern gar nicht so einfach…

Wie gewinnen Sie Autoren?

Vorrangig aus Netzwerken, seien sie nun aus dem Real Life oder dem Web. Der Satz »Ich habe einen Verlag« wirkt auch 2014 noch sehr anziehend. 😉 Da wir alle nur nebenberuflich als Verleger tätig sind, stoßen wir recht schnell an Kapazitätsgrenzen, weshalb Autorenakquise nicht gerade unsere Schwerpunkttätigkeit ist.

Unsere erste Anthologie »An. Sicht. Aus.« (2004) war als Unterstützung für eine Gruppe junger Hallescher Dichter, zu der einer meiner Freunde gehörte, gedacht – und immerhin ist Dirk Laucke, von dem eine Erzählung stammt, heute preisgekrönter Dramatiker. Und Frank Tillmann, seinerzeit ebenfalls Mitglied dort und mir selbst aus meiner Arbeit im Landesscchülerrat bekannt, erlebte mit seinem Buch »Teilen statt Zuteilen. John Rawls und die Begründung eines relativen Grundeinkommens« inzwischen seine dritte Auflage.

Jan-Uwe Fitz schrieb in seinem Blog vor vielen Jahren einmal, er habe an die Klinken aller Verlage erfolglos geputzt – worauf ich schrieb, dass meine nicht dabei war. Und nun erscheint eine kleine Fortsetzungsgeschichte „Der Unerträgliche“ bei uns. Lothar Struck, dessen Blog »Begleitschreiben« ich schon seit vielen Jahren schätze, kam zu uns durch Vermittlung von Frank Fischer, dem wir ja unser erstes Buch mit verdanken.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Für Dienstleister bewegen wir uns unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Es lohnt sich weder für uns noch für sie, professionell zusammenzuarbeiten. Wir liefern also selbst aus. Für den digitalen Vertrieb arbeiten wir mit libreka! (für eBooks) sowie claudio und TuneCore (für Hörbuchdownloads) zusammen.

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

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Ich bin ja selbst Buchhändler, kenne also die Schwierigkeiten, denen sich Buchhändler beim Einschätzen kleiner und kleinster Verlage gegenüber sehen. Man darf hier nie vergessen: Auch der Buchhändler muss Miete und Personal bezahlen. Da ist in der Regel Platz für Spezielles – aber es nicht genug Platz für das Spezielle aus 5000 Verlagen. Das ist nicht nur eine Frage von Ladenquadratmetern, sondern auch eine der Kunden. Der Anteil tatsächlich durch Beratung verkaufter Bücher ist weitaus geringer als angenommen (wer einen Follett lesen will, will einen Follett lesen…)

Fuß fassen im Sortiment bedeutet für Klein- und Kleinstverlage dann eben, Buchhändler zu finden, die sich für das eigene Programm begeistern lassen und es aus Überzeugung verkaufen. Aus Verlagssicht sind Buchhändler Kunden und die lassen sich genauso ungern gängeln wie alle Kunden. Wir versuchen dies durch persönliche Ansprache zu erreichen und zwar immer dann, wenn wir finden, dass unsere Titel auch zur Buchhandlung passen. Das klappt erwartungsgemäß bei Titeln mit regionalem Bezug sehr gut, bei anderen eher weniger (wer hat denn überhaupt geisteswissenschaftliche Fachliteratur am Lager…)

Ganz grundsätzlich aber funktioniert der deutschsprachige Buchhandel weiterhin sehr gut. Wir erhalten viele Einzelbestellungen aus Buchhandlungen, die Infrastruktur ist da weit besser als frustrierte Kunden und hämische Presse vermuten lassen.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Zu Amazon habe ich eine sehr weit ausgreifende Position, da Amazon aus verschiedensten Perspektiven zu betrachten ist, in der Bücher letztlich eine eher untergeordnete Rolle spielen. Daher nur kurz angerissen: Amazon ist kein Dämon, sondern ein global agierendes Unternehmen mit großen Plänen und vielen Ressourcen, das mit den Mitteln arbeitet, die einem Unternehmen in diesen Dimensionen eben zur Verfügung stehen. Die Kernfrage ist daher politischer Natur, und zwar dahingehend, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, in der solches Agieren möglich ist. Und das hat dann mit Buchhandel genauso viel zu tun wie mit Lebensmitteln, Energie und Wasser.

Aus Verlegersicht ist es aber ganz einfach: Amazon hat im Online-Buchhandel einen Marktanteil von geschätzt 80%. Unsere Titel müssen also dort verfügbar sein, Distribution ist nun einmal die Hauptaufgabe eines Verlages. Allerdings denke ich nicht eine Sekunde darüber nach, die Konditionen von Amazon zu akzeptieren. Ein Geschäft muss sich immer für beide Seiten lohnen, das tut es bei einem Händler, der mehr als die Hälfte des Ladenpreises haben möchte, einfach nicht. Unsere Titel gibt es also, soweit es Print-Titel betrifft, nur über den Marketplace. Unabhängig davon, sind wir aber auch zu klein, um von Amazon überhaupt ans Lager genommen zu werden, insofern habe ich also leicht reden, die CEOs von Hachette und Bonnier haben da möglicherweise eine andere Perspektive. Auf unserer Website verweisen wir vorrangig auf den Webshop von Lehmanns Media (wo ich, dies sei erwähnt, hauptberuflich arbeite) und verweisen zusätzlich auf buchhandel.de und amazon.de. Wahrscheinlich werden wir demnächst auch Links auf Libris mybookshop hinzunehmen, das scheint mir etwas kundenorientierter als das äußerst behäbige MVB-Portal.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

gruss-nach-vorn-coverWas eben möglich ist und das hängt auch stark vom Titel ab. Meist sind unsere Titel so speziell, dass breitgestreutes Marketing praktisch nur aus Streuverlusten bestehen würde. Wir arbeiten daher, immer dann, wenn es sinnvoll ist, mit den ganz klassischen Mitteln: Mit Lesungen zum Beispiel, besonders natürlich bei »Leipzig liest«, das trotz seiner tausenden Veranstaltungen immer eine gute Gelegenheit ist. Wir beliefern die hübsche kleine App depeschen vom Mirabilis Verlag und arbeiten ansonsten mit Direktansprache bei in Frage kommenden Interessenten – was bei unserem Programm dann meist Bibliotheken sind.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Der Börsenverein ist ebenso wie seine Wirtschaftsunternehmen eine gute Sache. Gut deshalb, weil in der Welt, wie sie nun einmal ist, kein Weg an einem Branchenverband vorbeiführt. Auch wenn ich ihn mir häufig etwas beweglicher und innovativer wünschte. Aber für Bewegung und Innovation ist möglicherweise ein Verein auch nicht die richtige Lösung. Mitglied sind wir nicht, bei Beiträgen in Höhe eines Jahresgewinns ist das nicht drin.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Ich habe als Buchhändler Nietzsche an Maurer verkauft und »Das Lavendelzimmer« an gestandene Anwälte. Dem Konstrukt »Zielgruppe« stehe ich daher etwas skeptisch gegenüber. Ich mache Bücher für die, die sie interessieren – ausgehend von der Grundannahme, dass Bücher, die ich interessant finde, auch noch ein paar andere Menschen interessieren könnten. Wir bringen von Anbeginn Titel zu Weißenfels – so konstant ist dort sonst niemand unterwegs. Das ist keine große Nische, aber ein dankbares und treues Publikum. Achja, und wir können uns wohl noch immer der führende Brawe-Verlag weltweit nennen. 😉

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Im wissenschaftlichen Fachbuch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Strategie der Big Player außerhalb der Zeitschriften noch lange gut geht. Wissenschaftler wollen gelesen werden. Dieses Einsperren von Inhalten zu irrsinnigen Preisen kann nicht die Zukunft sein. Derzeit versuche ich die Kapazitäten und Ressourcen zu schaffen, um hier sinnvolle Open-Access-Alternativen anbieten zu können. So zwei, drei Monographien-Reihen aus dem universitären Feld wären schon eine feine Sache.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Ille  Riemer_LogoDie Buchbranche wird sich massiv verändern. Die, von mir befürwortete, Buchpreisbindung wirkt hier verzögernd, aber es ist klar, dass die Zahl der Buchhandlungen weiter sinken wird. Dafür gibt es verschiedene Gründe, die keineswegs alle hausgemacht sind. Ein ausgedünntes Buchhandelsnetz bedroht direkt und indirekt unsere Vertriebswege. Letztlich ist es aber so: Von unserem Verlag hängt keine Existenz ab und alles andere wird sich finden.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Den Mut zum Außergewöhnlichen, Seltsamen und Verrückten – und den irrsinnigen Glauben daran, damit auch noch durchzukommen. Vor allem aber schätze ich die Begeisterungsfähigkeit, die eben Bücher entstehen lassen, weil es jemand will – und erst zweitrangig, ob es dafür einen Markt, einen Trend oder eine Zielgruppe gibt.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Verleger sein ist eine Ausdauersportart. Zum Ausdauersport gehört eine gewisse Leidensfähigkeit. Egal, was dubiose Quellen erzählen: Fürs schnelle Geld ist dies die falsche Branche. Wem das klar ist, dem rate ich dringend, sich mit der Branche und ihren Spielregeln zu beschäftigen. Wer nämlich weiß, wie die Branche tickt, wird es leichter haben. Also: Informieren, informieren, informieren – das Netz bietet dazu wunderbare Möglichkeiten. Das spart Nerven, Zeit und Geld. Und so ein Bramann im Regal kann nicht schaden.

Ansonsten aber: Loslegen und Spaß haben. Nichts auf Marktanalysen geben – fast kein großer Erfolg, praktisch keine Welle wurde bisher wirklich vorhergesehen. Also verlegt das, was ihr richtig findet.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Die Liste könnte jetzt ziemlich lang werden, ich beschränke mich mal ganz willkürlich auf fünf Verlage. Frank Maleu und Marc Degens von SuKuLTuR, Mark Lehmstedt vom Lehmstedt Verlag, Leif Greinus und Sebastian Wolter von Voland & Quist, Claudia Gehrke von konkursbuch und Jonas Engelmann vom Ventil Verlag.

Herzlichen Dank, Steffen Ille, für diesen Einblick.

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

Verlag Ille & Riemer im Netz:

Die Verlagshomepage: http://www.ilri.de/

Facebook: https://www.facebook.com/pages/Verlag-Ille-Riemer-GbR/131539420201485

Google+: https://plus.google.com/+IlriDe/posts

Die lieferbaren Titel bei Lehmanns Media: http://bit.ly/illeriemer

 

Steglitz fragt bei Jan-Uwe Fitz aka @Vergraemer nach (Teil 2)

“Und weil sich mir der Sinn von Twitter so gar nicht erschloss, dachte ich mir: Das machste!“

In Teil 1 des Gespräches berichtete Jan-Uwe Fitz, wie er zu seiner ersten Veröffentlichung bei einem Publikumsverlag gekommen ist, welche Erfahrungen er in der Zusammenarbeit machte und warum er auch in Eigenregie publiziert. – Dieser Beitrag dreht sich um den Taubenvergrämer und um Twitter (wer hätte das gedacht?) und was Jan für seine Veröffentlichungen sonst noch macht …

Mit dem Taubenvergraemer ist dir ein schöner Wurf gelungen. Wie kam es dazu?

Hätte ich mir für dieses Interview einen ersten Satz wünschen dürfen, wäre es „Mit dem Taubenvergraemer ist dir ein schöner Wurf gelungen“ gewesen. Danke.

Gerne. Zur Sache, bitte …

Mitte der 2000er Jahre waren Berufsblogs en vogue. Zum Beispiel das Bestatterblog. Der Taubenvergrämer sollte eine Satire darauf sein: Ein Taubenvergrämer berichtet aus seinem Job. Nur eben kein echter, sondern ein eingebildeter Charakter. Ich habe mir damals vorgestellt, wie mein Leben als Taubenvergrämer verliefe? Und das aufgeschrieben.

Dass es ein Taubenvergrämer wurde und zum Beispiel kein Fliesenleger oder ein Chemiker, hängt mit der Schönheit des Wortes zusammen. Ich liebe das ä und das au. Beides zusammen in einem Beruf fand ich unwiderstehlich.

Der Erfolg kam schnell …

Nie im Leben hätte ich damit gerechnet, dass der Taubenvergrämer tatsächlich gelesen wird. Ich wollte lediglich mit dem Medium Blog experimentieren und war wahnsinnig aufgeregt, als anfangs immerhin vier fremde Menschen regelmäßig reinlasen.

Bloggen war für mich ähnlich wie eine Modelleisenbahn zu besitzen: einfach machen, verwerfen, und dann losfahren lassen. Doch dann wurde das dia-blog.de auf den Taubenvergraemer aufmerksam und erwähnte ihn in einem Radiointerview. Nun ging es immerhin schleppend voran. So schleppend, dass acht Jahre später, nämlich im Mai 2013, das Buch „Aus dem Leben eines Taubenvergrämers“ bei Ullstein erscheint.

Seit wann genau bist du im Social Web aktiv?

Das Blog habe ich 2005 ins Leben gerufen. Auf Twitter meldete ich mich 2008 an. Gründe gab es keine. Nur Neugier. Es war die geschätzte @lorettalametta, die mir damals befahl zu twittern. Und weil sich mir der Sinn von Twitter so gar nicht erschloss, dachte ich mir: Das machste.

Kannst du dir deine Popularität im Netz erklären?

Nein. Sie ist auch ziemlich relativ.

Bei dir war ja das Marketing vor dem Buch da. Oder, wie siehst du das?

Vielleicht. Nur dass ich nicht gewusst habe, dass es Marketing war. Ich habe halt ins Internet geschrieben. Dass das mal viele Leute lesen und daraus ein Buch werden würde, war nicht geplant. Wahrscheinlich kann man in Zeiten des Internets gar nicht mehr nicht Marketing machen …

Hat das Dumont-Marketing beim Erscheinen von „Entschuldigen Sie meine Störung“ auf deine Bekanntheit im Netz gesetzt?

Nicht, dass ich wüsste. Es war einmal angedacht, auf Facebook dafür etwas Remmidemmi zu veranstalten. Aber aus Angst vor dem virtuellen Lärm habe ich das lieber abgeblasen. Im Internet hat man keinerlei Kontrolle darüber, wer dabei ist. Das ist bei einer Live-Lesung anders.

Wie fühlt sich das für dich an, ein Netzpromi zu sein?

Ich habe generell eine Heidenangst vor den Usern. Deshalb twittere ich deutlich langweiliger und verquaster als früher, als ich noch anonym war. Nach jedem Tweet rechne ich mit virtueller Kloppe.

Denkst du, dass sich Follower beim Abverkauf eines Buches rechnen?

Keine Ahnung. Aber Twitter als Vertriebskanal ist auf keinen Fall zu unterschätzen. Und ich glaube schon, dass einige meiner Follower das Buch gekauft und weiterempfohlen haben.

Was hältst du von der Entwicklung, dass Autoren immer mehr für ihr Buchmarketing selbst tun müssen?

Das ist ein wahnsinniger Stress. Autoren sind nervlich nicht die Robustesten. Marketing aber erfordert vor allem eiserne Nerven. Für sich selbst zu werben ist die Hölle, vor allem wenn man unter Selbstzweifeln leidet. Was nicht so selten ist. Ich mache zwar immer mal wieder Werbung für mich, aber mit einem sehr, sehr schlechten Gefühl. Weil ich nicht so erzogen worden bin, aller Welt zu sagen: Ich bin so geil! Außerdem fürchte ich mich vor Entfolgungen und Tweets in der Art „Der Vergraemer ist ein Kommerzschwein!“

Da musst du wohl durch …

So kennt man Jan-Uwe Fitz aka Vergraemer bei Twitter & Co – (c) Jan-Uwe Fitz

Tja, was soll ich machen? Für ein Taschenbuch werben die Verlage nicht sonderlich, da bleibt die Aufgabe eben bei mir hängen. Schließlich würde ich gerne so viele Werke verkaufen, dass ich ein zweites Buch veröffentlichen darf. Zum Glück habe ich meinen Twitter- und meinen Facebook-Kanal. Allerdings kann ich jeden Autoren verstehen, der sich lieber zurückzieht, weil ihn die Öffentlichkeit, auch die virtuelle, überfordert. Ich bin extrem dankbar, wenn nette Menschen wie der Autor Matthias Sachau öffentlich ein Wort für mich einlegen. Vielleicht sollten sich Autoren gegenseitig mehr bewerben. Dem steht natürlich auch der Neid entgegen. Ich zum Beispiel gönne niemandem anderen außer mir selbst gute Verkaufszahlen.

Was machst du für dein Buchmarketing außerhalb Social Web?

Lesungen, die ich meist selbst organisiere. Die helfen meinem Buch gewaltig, nicht nur in kommerzieller Hinsicht. Das Buch funktioniert allein nicht automatisch. Es kommt aus dem Kontext Vergraemer. Und dazu gehören eben auch der Twitteraccount, das Blog und der Live-Gig. Wenn ich es auf Lesungen ironisch erkläre, haben die Leser einen besseren Zugang. Wer nur das Buch liest, bleibt schon mal mit einem „Hä?“ zurück.

Welche deiner Aktivitäten außerhalb Social Web kamen besonders gut an, welche floppten?

Ich hatte einige richtig erfolgreiche Lesungen, mit über 100 Zuschauern. Aber auch Flops mit nur vier Zuschauern. Das hängt stark von der Werbung ab. Wenn ich kräftig trommele, wird es normalerweise voll. Da ich aber Phasen habe, in denen ich mich nicht traue zu trommeln, gibt es auch Lesungen, von denen die Timeline nichts mitbekommt und dann logischerweise lieber aufs Stefan Mross-Konzert geht.

Hä? Was ist denn das für ein Highlight?

Mein persönliches Highlight war jedenfalls mein Auftritt bei Astro TV. Ich war der erste Dumont-Autor auf diesem Kanal. Darauf bilde ich mir wahnsinnig viel ein …

Welche Plattformen bevorzugst du im Social Web für dein Buchmarketing?

Buchmarketing ist übertrieben, ein viel zu großes Wort. Ich weise auf Twitter, Facebook und meinem Blog darauf hin, dass man mich auch klassisch lesen kann. Und mich auf diese Weise sogar finanziell unterstützt.

Setzt du für dein Buchmarketing auf eine Social-Media-Strategie?

Nein. Wenn ich planvoll vorgehe, vermassele ich es. Es kommt doch anders, als ich denke. Alles bei mir läuft spontan und chaotisch ab. Vielleicht ist das aber auch eine Strategie, wer weiß. Ich kann Dinge, die mir wichtig sind und mir am Herzen liegen, nicht logisch angehen. Dann hätte ich das Gefühl, sie zu entmenschlichen.

Worauf achtest du bei deiner Kommunikation im Social Web besonders?

Mich nicht zu ernst zu nehmen. Es sei denn, man bittet mich darum.

Welche deiner Aktivitäten im Social Web kamen besonders gut an, welche floppten?

Mein Twitter-Account ist recht erfolgreich. Mein Blog nicht.

Hast du Erfahrungen mit Kostenlos-Aktionen gesammelt?

Ich habe kürzlich mein E-Book „Der Unerträgliche“ kostenlos bereitgestellt und gebeten, mir die paar Cent per paypal zu überweisen. Die Downloads waren dreistellig, bezahlt haben 4 oder 5 Leute.

Social Media ist sehr zeitaufwändig. Wie sieht dein Pensum aus?

Ich bin immer online. Das ist Teil meines Charakters. Das Leben ist ja schließlich auch zeitaufwändig.

Kannst du dich ruhigen Gewissens ausloggen oder treibt es dich dann doch wieder zum Rechner bzw. dem Smartphone?

Zugegeben, ich bin onlinesüchtig. Aber es stört mich nicht. Ich habe dem Internet viel zu verdanken. Und da ist es das Mindeste, dass ich es nie allein lasse.

Wie regelst du Fragen der Erfolgskontrolle? Nutzt  du Tools?

Keine. Würde ich Erfolgstools nutzen, würde ich bekloppt. Ich schaue höchstens ab und zu mal auf Favstar nach, wie meine Tweets so ankommen. Zählt das als Erfolgstool? Und ich schaue auf NovelRank, wie mein Buch sich auf Amazon verkauft. Zurzeit bereitet mir das Sorgen, dass es im September noch niemand bestellt hat. Muss mal wieder twittern, dass ich eins geschrieben habe und dass mein neuster Coup „Der Unerträgliche“ neuerdings auch gedruckt vorliegt…

Was sollte man als Autor im Social Web unterlassen? Wo verortest du Risiken?

Keine Ahnung.

Ein trefflicher Schlusssatz, Jan. Ahnungslos entlässt du mich jedenfalls aus diesem Gespräch nicht. Vielen Dank dafür! Und Glück auf am 5. September bei „140 Sekunden“.

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Wer mehr über Jan-Uwe Fitz erfahren möchte, findet den Autoren und seine Bücher hier im Netz:

http://benefitz.de

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Vorschläge, wer in der losen Interview-Reihe “Steglitz fragt … bei Autoren nach” auch zu Wort kommen könnte, nehme ich gerne entgegen. Mich interessiert: Wie gehen Autoren mit den Entwicklungen infolge der Digitalisierung um? Welche neuen Wege nutzen sie, wo sehen sie Chancen und Risiken?

Demnächst steht hier die Sachbuch-Autorin Sonya Winterberg Rede und Antwort.