„Heute ist vieles nicht mehr ganz so gut, wie man uns glauben machen möchte.“ – Ein Gespräch mit dem Verleger B. Claus DeFuyard

Verschiedentlich präsentierte SteglitzMind bereits Beiträge aus dem KULTURFLÜCHTER. Ganz von ungefähr kommt das nicht. Seit längerem begleite ich das literarisch ambitionierte Projekt mit Biss, das sich Un-Periodikum nennt und im Zeitlichkeitverlag erscheint. Anlässlich der neuen Web-Präsenz hatte ich Gelegenheit mit B. Claus DeFuyard, Gründer des Verlages und Herausgeber des Un-Periodikums „Der Kulturflüchter“, ein Gespräch zu führen.

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Die alten Fragen: Wer bin ich? Wer sind wir? Wer sind Sie?

Ich? Keine Ahnung. Fragen Sie das Orakel …

… oder neuerdings die Leser

Ach ja! Ich kenne mich nicht aus. – Sie etwa – mit sich selbst?

Nein – ich das unbekannte Wesen …

Andere wissen mehr über einen – da können wir wirklich gespannt sein …

Nur, das habe ich nicht gemeint: Ich wollte wissen, wer oder was der Zeitlichkeitverlag ist? Sie haben einen starken Bezug zur Vergangenheit – war denn früher alles besser?

Nee, wirklich nicht. Mit einer kleinen Einschränkung: Heute ist vieles nicht mehr ganz so gut, wie man uns glauben machen möchte. Zieht man Vergleiche heran: wie Fortschrittsgläubigkeit, das blinde Vertrauen allein in das Machbare, führt das heute zu merkwürdigen Verhaltensweisen – es bleibt dabei allerlei auf der Strecke …

Was meinen Sie? Sie sind doch kein Moralwächter?

Das überlasse ich den Fundamentalisten. Ich meine: Mir gehen schlechte Manieren schon auf den Geist. Mit Leuten, die sich nicht benehmen können, kann ich nichts anfangen. Und die Moral hat sich verflüchtigt, Anstand wird als vorgestrig angesehen, ist nicht clever. Klingt alles furchtbar lehrerhaft, ich weiß – es wird aber andauernd beschworen. Man weiß zwar um den Verlust: wie auch in punkto Gerechtigkeit – manche reden unentwegt davon in Ermangelung eines Programms. Als wäre der Rest der Welt gegen Gerechtigkeit. Als würden sie darauf Urheberrecht beanspruchen. Wir aber wissen inzwischen: Wo Gerechtigkeit ausgeübt wird, fällt eine Menge an Ungerechtigkeit an. Das Problem existiert seit mehreren tausend Jahren.

In einem der Bücher Ihres Verlages steht ein toller Spruch: „Ich kehre zurück, wenn der Fluss, der mich dahinreißt, sich gegen den Strom wendet.“

Das ist ein Zitat. Und das habe ich versprochen.

Also: Gegen den Mainstream?

Definitiv. Es ist meine – unsere – Überzeugung, dass wir schwere Fehler machen.

Mittlerweile glaubt ja jeder an alles, auch das, was unter keinen Umständen geglaubt werden sollte.

Gute Nachrichten sind selten geworden. Jede Postzustellung birgt Risiken. Die Politiker, die letztlich Verantwortung tragen, führen sich auf wie Teilnehmer im Dschungelcamp und deswegen werden sie auch immer wieder gewählt, weil sich anscheinend niemand sonst findet, der mit gutem Gewissens ein Arschloch sein möchte. Ein überaus Hochbezahltes, das muss der Neid zugestehen.

Die Generation 50 plus – für die Sie einstehen …

…sehr freundlich.

Finden Sie kein Gehör?

Dafür gibt es keine Lobby hierzulande. Das hat letztlich zur Gründung des Zeitlichkeitverlages geführt – schwierig, schwierig, gebe ich zu. Unser Problem, oder das, wofür wir uns herumschlagen, ist auch nicht quasi per Gewerkschaft zu lösen. Es ist ein gesellschaftliches Phänomen: Älter werden. Und Alter überhaupt wird nur noch im Zusammenhang mit Alzheimer und Parkinson wahrgenommen. Bestenfalls ist der oder die Alte liebenswert, aber trottelig und natürlich auch unziemlich komisch.

(Er greift zum Glas Wasser) Meine Frau sagt, ich soll viel trinken. – In diesem Zusammenhang: Wenn ich daran denke, was Staat und Krankenkasse, die Steuer mit den Leuten machen, packt mich die Wut. Ich kann aber nicht allein auf die Straße gehen und mich lächerlich machen. Jungen Leuten würde es gut anstehen, sich auf die Seite der Alten zu schlagen, denn was wir heute sind, sind sie morgen – unausweichlich. Eine Zumutung, ich weiß.

Der Verlag verfolgt frische Spuren …

© Zeitlichkeitverlag

© Zeitlichkeitverlag

die werden tagtäglich frei Haus geliefert.

Also: wann ist man für den Zeitlichkeitverlag alt genug?

(lacht) Für alle und natürlich die tollen Ollen, die noch etwas zu sagen haben. Und es auch professionell ausdrücken können. Keine Schwätzer. Mit Biss und Lust auf Beute. Wir wollen uns ja nur auskotzen – zum Wohl des Landes.

Und woran knüpft der Name des Verlags „Zeitlichkeit“ an?

Puuh! Ihre Zeitlichkeit und die Meine – es drückt unverhohlen aus, dass mit der Zeit, die vermeintlich jedem zur Verfügung steht, sorgsam umgegangen werden sollte. Gelingt ja nicht immer, weiß ich – ein bisschen mehr, als die Teilnahme an einer Loveparade erfordert.

Verstehen Sie denn keinen Spaß?

Ich unterhalte mich ja mit Ihnen.

Nebenbei – sieht man von den drei Buchtiteln ab – erscheint im Zeitlichkeitverlag der Kulturflüchter – ein UnPeriodikum. Was versprechen Sie sich davon?

Das ist auch so eine unendliche Geschichte: Wir sammeln den Dreck auf – manchmal komisch und allzu oft tragisch. Das ist jetzt das sechste Heft, das wir anvisieren. Der Kulturflüchter präsentiert sich neuerdings zeitgemäß im Internet. In Echt sind die Ausgaben jeweils für 11,- Euro zu haben. Print On Demand.

(Er trinkt sein Glas Wasser leer) In seiner Gesamtheit betrachtet ist das ein durchaus beachtlicher, aber nicht immer einfacher Weg, der uns Freunde eingebracht hat und auch jene, die außer sich geraten, wenn sie nur den Namen Der Kulturflüchter hören.

Was ist ein Kulturflüchter?

Kulturflüchter sind eigentlich Pflanzen und Tiere, die sich in der epidemisch ausbreitenden Kulturlandschaft nicht behaupten können. Sie sind ’hemerophop’ – ein anderes Wort für ’kulturmeidend’. Damit sind im übertragenden Sinn die Menschen gemeint, denen vieles, was heutzutage unter dem Zeitgeist verstanden wird, zu schaffen macht. Sie emigrieren, schalten ab, ziehen sich zurück, rücken aus. Setzen sich ab. Flüchten. Noch was?

Gibt es da Vorbilder?

(überlegt) Vielleicht war Heinrich Heine einer. Robert Walser war sicherlich ein Kulturflüchter. Rainer Maria Rilke. Und die vielen Namenlosen, die einfach die Nase voll hatten und ausgewandert sind. Ihnen gilt mein Verständnis. Ich bin einer. So sehe ich das.

Insgesamt betrachtet ist es doch eine kleine – bescheidende – Erfolgsgeschichte und so nicht auf dem Markt vertreten. Das sprichwörtliche UnPeriodikum ist immer ausverkauft …

(lacht) Kunststück: Bei der Auflage.

Ein Kultstück. Ich habe gehört: Es gibt jemand – der oder die – hat für die Exemplare N° 1 bis N° 5 ganze 200 Euro überwiesen. Und hat sich die fünf Folgen über den Versand durch die umgangsfreundliche Deutsche Post nach Neuseeland schicken lassen. Stimmt das?

Klingt nach einem PR-Gag? Aber irgend so etwas war da – muss ich nachsehen.

Demnach ist der Kulturflüchter eine Wutschrift – bezieht Stellung?

Eine Fluchschrift – wir versuchen einfach gegen den Strich zu arbeiten. Wir müssen nichts erfinden. Zwischen Abscheu und Bewunderung, Blödsinn und Sinnvollem – für jeden ist das ja nicht bestimmt. Einige regt das furchtbar auf – die meisten unserer Leser aber sagen: Endlich mal eine andere Sichtweise. Wir sind noch nicht am Ende – es besteht Bedarf.

Was erwartet uns noch?

Wenn alles weitergeht, als wäre nichts geschehen – die Zuwachsphilosophie die einzige Antwort bleibt – dann werden mehr Leute aussteigen. Ich muss nicht unentwegt Spaß haben, unentwegt erreichbar sein, unentwegt zahlen müssen, unentwegt e-mailen, twittern, das ist schon manisch. Was will man uns denn noch einreden? Wir werden mit guten Absichten zugemüllt.

Sieht dieser merkwürdige Hahn, der die neue Webpräsenz ziert, deshalb so gerupft aus?

Das ist anzunehmen. Auf einem Biohof in den Mähdrescher geraten. Das ist symbolträchtig … Von Fürsorge gezeichnet, von Gerechtigkeit zermürbt, der Spaßgesellschaft hilflos ausgeliefert. Meine Sympathie gehört dem Viech. Passt zu uns.

Jetzt fehlt noch: Muss ich mich für das Gespräch bedanken?

(lacht) Lass den Quatsch.

(lacht) Gut! Wir brauchen aber noch einen starken Abgang. Famous last word!

Hallo Deutschland – alles wird gut!

„Solche Windstöße sind gut, die Düsterheit der deutschen Buchhändelei aufzuklären.“ (Goethe)

B. Claus DeFuyard erinnert sich: an die Erlebnisse eines Autoren, der in den literarischen Betrieb auszogen war, um dort das Fürchten zu lernen. Aus seinen Erfahrungen mit Neppern, Schleppern, Literaturkritikern und Juroren zog er den Schluss: „Man muss sich um sich selber kümmern.“ Womit der Grundstein für den Zeitlichkeitverlag gelegt war. Hier erscheint u.a. das Un-Periodikum „Der Kulturflüchter“, aus dem ich in der Rubrik „Der Kulturflüchter auf SteglitzMind“ in loser Folge Beiträge und Textauszüge vorstelle.

Vom Uhu, Meisen und großen Leuchten. Erinnerungen von B. Claus DeFuyard. Von wem sonst?

Es gibt Geschichten, mit denen sich Verleger immer schwer getan haben. Dokumente des Alltäglichen sind zur Genüge auf dem Markt. Mehr war nicht erwünscht. Hier jedoch geht es um eine Geschichte, in der ein Unberufener in der Einfalt seines Denkens unter die Räder eines Bezahlverlages geriet. Das war einmal. Auf sich gestellt, hatte er keine andere Wahl. In einem „rezessiven Markt“ wäre die Lieferbarkeit eines „vorfinanzierten Buchbestands“ die einzige Lösung – behaupteten sie. Das äußerliche Blendwerk, mit dem etliche Verleger ihr Sammelsurium von Sinn und Unsinn bezeichnen. Vom Image eines Nepper-Schlepper-Autorenfängers in den Abgrund pauschaler Nichtachtung gestürzt, drohte dem Autor lebenslänglich. Quasi für falsches Parken.

„Solche Windstöße sind gut, die Düsterheit der deutschen Buchhändelei aufzuklären.“, so der Jot Wolfi Goethe.

Eine Literaturkritikerin drückte sich in angeborener hochnotpeinlicher Zurechtweisung aus: „Ich fürchte“, schrieb sie, „das Buch kommt nicht in Frage, weil wir Bücher aus Bezahl- oder Zuschussverlagen nicht wahrnehmen.“ Man beachte demnach Gammelfleisch, pöbelnde Politiker, Dummheit an sichindes, nichts wahrzunehmen ist wahrlich der Höhepunkt schlaffer Inkompetenz. „Ihr Schreiben“, antwortete der gedemütigte Autor, „hat mich sehr getroffen. Ich bin nicht der Verleger, vor allem nicht der Verleger, wenn wir beide denselben meinen. Ich habe mit ihm nichts gemein. Ich bin nur verzweifelt.“

So besehen ist die Geschäftsphilosophie dieser Art von Verlegertätigkeit die reinste Rosstäuscherei, ein Hütchenspiel. Zum Mythos gehört, dass diese Spezies in ihrem verdammt Bisschenleben an anderen herumfummeln dürfen und ’Löcher in sie schlagen’. „Große Lichter sind die wahrlich nicht, nur große Leuchter. Sie handeln mit anderer Leute Meinungen.“ (Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbuch 1793)

irgendeinen Vogel hat jeder! Uhu oder Meise ... © Dierk Arnold / Der Kulturflüchter

irgendeinen Vogel hat jeder! Uhu oder Meise … © Dierk Arnold / Der Kulturflüchter

Auf dem Flohmarkt, wo früher mit rostigem Hausrat und Sperrmüll gehandelt wird, mit Resten von Goethe, Schiller und Schopenhauer, den Memoiren begnadeter Spaßmacher – beantwortete auch der Autor die Sinnfrage: „Man müsse sich um sich selber kümmern“, mit einem melancholischen Seitenblick auf Buch und Titel: ein Uhu vor einer alten Eiche, an deren Ästen Menschen hängen. „Der Uhu“, erklärt der Autor, „ist für den Unfug in den Köpfen des Menschen verantwortlich. Sag bloß“, so eine beiläufig Interessierte und staunte. „Der Mensch – ein Uhu? „Na ja – einen Vogel hat jeder“, antwortet der Autor, „alle hätscheln und tätscheln ihn – allein die Größe des Vogels hängt von der Bedeutung seines Besitzers ab – Meise oder Uhu.

Eine nicht sehr massenkompatible Geschichte und die meisten haben doch schon ein Buch. Und neuerdings das iPad – sie benötigen das Buch nicht. Die auf das aktuelle Geschehen reduzierte Nachrichtenprosa, macht Schreiben an sich schon zu einem Umweltdelikt.

Doch zurück zu damals: Ein Literaturkritiker – Mitglied einer Zunft, ein Wortrichter und der Kunst des Urteilens verpflichtet – dem der Namenlose sein Manuskript entgegen streckte, pflegte dann auch im Sinne einer buchstabendeutenden Zeichensetzung das Skript erst vom Moder und Staub zu befreien: „Der Text sei wie nicht sauber gespültes Geschirr …“, lautete die inquisitorische Metapher. Die einzige zulässige Rechtfertigung wäre: Autoren seien eben keine Menschen. Ringen mit ihren Visionen. Verzweifeln an der Buchmacherei. So kommt es, dass manche Autoren eine unglückliche Verrückung durchmachen, unablässig darüber nachdenken, in welcher Nische sie überdauern können, stets ums eigene Ich kreisen, zu dem oft nichts Ausreichendes zu vermelden ist, um sich vorbehaltlos darüber zu äußern.

Dennoch: Der Autor, dem Auditorium schließlich zum Fraß vorgeworfen, stand wie unter Hypnose. Er las. An der Stelle, als der Protagonist seiner Geschichte den Abhang herunter in ein schwarzes Loch plumpst, verabschiedete man den Autor vor laufender Kamera und trieb ihn derart öffentlich ab. „Ich sage Ihnen“, lächelte einer der Juroren, „was ich nicht sagen sollte, aber sagen muss – und nicht einmal weiß, ob jeder Mensch die Wahrheit verträgt, die natürlich nur meine Wahrheit ist: dem Urheber des soeben erledigten Textes, sollte das Handwerk gelegt werden. Er verbreitet Angst und Schrecken.“ Applaus. Gelächter.

Der Deuter der Autoren Not nennt Literatur Leben, das Leben Wahrheit, die Wahrheit Lüge, die Lüge Wirklichkeit und die macht sich über uns lustig. Er beschreibt die Veränderung des Verlagswesens, die in gewisser Hinsicht den Autoren am liebsten das Schreiben verbieten möchte. Und dann auf einmal das Internet. Dies irae – dies illa – der Tag des Zornes, die Antwort der Moderne auf das Weltgericht. Nur, wie es ausgeht, wissen wir noch nicht.

Der Autor erinnert sich: Gleichsam geteert und gefedert, beherrscht er seine Betroffenheit bis zum Grad der Selbstverleugnung. Er wurde verabschiedet, erhob sich – er, der vor der Lesung noch euphorisch verkündete, er habe vom Auditorium bis zum Podium dreißig Schritte gezählt und dafür ganze dreißig Jahre benötigt. Dann flüchtete er. Es blieb ihm, sich selbst zu subventionieren. Jetzt ist es soweit. Vom Regen in die Traufe.

Es obsiegte die Zierde der Literatur – eine liebliche Buchstabengestalt – für ihr Erstlingswerk: „Redundanz“. Die eigentliche und uneigentliche Bedeutung des Wortes ist: Überfluss – der Roman einer fiebrigen Spermatologin. Sie erhielt den Preis und ein illustres Blumengebinde. Die Literatur trieb Blüten. Und Blüten ihre Triebe. Mit viel buntem Staub an Ideen und Träumen. Es lebe der Uhu, der Urvogel in uns allen, der starke Vogel ohne Stimme, der immer nur seufzt. Es ist jedoch nicht das Ende der Geschichte.

Gerechtigkeit – Allerweltshure – Ankündigung mit Anspruch – nur, wer viel davon spricht, sorgt für das Scheitern von Gerechtigkeit. Wollen mal sehen … was aus uns noch werden kann, wenn die unsinnigen Gesetze weiterhin Beachtung finden. Spitzenkräfte auswandern. Ehrgeiz bestraft, Besitz verteufelt wird. Gott hat sich verlaufen. Das Sagen haben die Versprecher und Versager. Stillstand ist Fortschritt. Die Langsamen fressen die Schnellen.

Und jetzt wird das „Schreiben von Büchern ein kollektives Abenteuer: Das Publikum mischt mit.“ (Leser mach’s dir selbst, in: ZEIT ONLINE 31.01.2013)

© 2013 Der Kulturflüchter N° 1

Nachzulesen sind DeFuyards Erinnerungen „Vom Uhu, Meisen und großen Leuchten“ in: Der Kulturflüchter N° 1. Das Un-Periodikum erscheint im Zeitlichkeitverlag, Herausgeber ist B. Claus DeFuyard. “Der Kulturflüchter” präsentiert sich in Bälde auch mit einem Blog

Der Kulturflüchter auf SteglitzMind: „Die Siechendienerin“ von Enzo Fadar

Vergangene Woche präsentierte SteglitzMind mit „Adlon. Ein Trostschreiben“  von Ubiquiste erstmals einen Beitrag, der dem „KULTURFLÜCHTER“  entnommen ist. Ganz von ungefähr kommt das nicht. Seit längerem begleite ich das literarisch ambitionierte Projekt mit Biss, das sich Un-Periodikum nennt. Nun bin ich stolz darauf, die Rubrik „Der Kulturflüchter auf SteglitzMind“ eröffnen zu können. Darin werden in loser Folge Textauszüge aus dem Kulturflüchter vorgestellt.

Heute Aufzeichnungen einer Pflegerin, die Bezug auf eine Nachrichtensendung nehmen, die am vergangenen Wahlsonntag lief. Eine Anmerkung zum Autor: In einem Alter, das andere längst hinter sich gelassen hat.

Die Siechendienerin. Nach dem Tagebuch einer Pflegerin von Enzo Fadar

„Nur ein Tag im Leben (!) eines Menschen in einem Altenheim, auch heute, wie in alten Zeiten eher in einem Siechenhaus, einer ‚Einrichtung für die Aufnahme und Verpflegung von Todgeweihten‘, zumeist sehr liebenswerten Menschen, deren Schicksal einem das Herz erweicht. Keiner sucht sich sein Ende aus, wie bei einem Roulettespiel ist der Ausgang ungewiss. So, wie ich es erlebe, kann es Jeden treffen, mich und die von Nebenan.“

„Ich versorge in Schichtarbeit zehn Alte, folge einem strengen Zeitplan, jeder möchte sich mit mir unterhalten, aus Mangel an Pflegepersonal sind enge Beziehungen nahezu unmöglich und doch versuche ich die Arbeit so menschlich als möglich zu gestalten: Das fällt sehr schwer und es mag auch enttäuschen.“

Horst Wagner 2013  © Der Kulturflüchter / mit freundlicher Genehmigung »galerie for you« - Rostock

Horst Wagner 2013 © Der Kulturflüchter / mit freundlicher Genehmigung »galerie for you« – Rostock

„Es wird immer so viel von der Würde des Menschen gesprochen und gerade hier wäre diese erforderlich, sie einzufordern. Das einzige, was hier nicht stimmt, ist das Leben selbst, das sich nicht gerade von der besten Seite zeigt. Es ist rücksichtslos denen gegenüber, die hier ihre Tage verbringen, auf Greisenhöhe reduziert, ihr bisschen Leben im Zustand der Auflösung – involtio senibilis – dem alle organischen Wesen am Ende verfallen; das Augenmaß geht verloren, es ist abenteuerlich auf Schritt und Tritt und eine Zumutung noch im Fortgang gewisser vegetativer Verrichtungen. Es ist müßig, über Alter und Elend, einen langen Abschied, das Sterben zu philosophieren und mit meiner Erwartung ans Leben so furchtbar und hoffnungslos, was denen nichts bedeutet, die vergleichbar noch unbekümmert daherkommen. Vom Diesseits und etwas schon vom Jenseits, davon können auch nur die aussagen, die sich in der Grauzone im Übergang befinden. Niemand weiß es, ich kann auch nur ahnen, unter welchen Schmerzen und seelischer Verzweiflung sie leiden. Und das Tag für Tag. Solange sie leben.“

„Einige der Herrschaften (!) sind redselig, etliche kindisch, vielleicht auch schwachsinnig, während Herz und Leber sich verkleinern, die Nieren schrumpfen, die Haut dünner wird, die Gedanken sich im Kreis herum drehen – das Alter ist die Summe aller Störungen, die überhaupt noch denkbar sind. Darüber zu schreiben, ohne Schnörkel, nicht ohne Humor, ist mein Anliegen. Es ist hart und nichts für die im Dunst ihrer Wellness-Oase. Würde sieht in diesen vier Wänden anders aus, als ‚innerer Wert‘, eine ‚hoheitsvolle Haltung‘ oder ‚Ansehen‘, wie es in den Wörterbüchern erklärt wird, ist Würde hier nicht zu finden und daran ist auch nichts zu beschönigen.“

„Ich stehe um fünf Uhr morgens auf, mache mir eine Tasse Kaffee, frühstücken zu dieser Uhrzeit kann ich nicht … Dann gehe ich ins Bad, ziehe mich an und verlasse die Wohnung.“

„6:40 Uhr – Ich betrete das Zimmer von Frau Beate M., geboren in den Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts. ‚Guten Morgen!‘ Ich höre einen Seufzer, einen Luftschnapper. Ich wecke sie behutsam. Sie blinzelt, erkennt mich und strahlt. […].“

„Sonntag, den 20. Januar 2013. Warum ich mich an den Tag erinnere? Ja, die Politik und deren Verhalten am Tag der Wahl – dazu äußere ich mich nicht. Im Kalender steht: ‚Jeder Kaufmann macht einmal im Jahr Inventur. Er stellt seine Guthaben und Warenbestände den Verpflichtungen gegenüber und zieht Bilanz.‘ Wenn das so ist, verdienen die Leiden der mir zur Pflege anvertrauten Menschen meine ganze Aufmerksamkeit. In den abendlichen Nachrichten des Tages nämlich, während des Machtgeschubses um Ämter, Gerechtigkeit und Verantwortung, ist womöglich das VIDEO über Gewalt in einem deutschen Altenheim durch eine Pflegerin nicht weiter beachtet worden. Gleichzeitig ist mir jedoch aufgefallen, dass eine gewisse Frau Nahles zur gleichen Stunde öffentlich betont – habe ich richtig verstanden? – wer ‚ihresgleichen‘ wählt, sorge dafür, dass Menschen hierzulande keine Angst haben müssen – alt zu werden.

Das ist Quatsch, Allerwerteste. Darauf haben Sie und scheinbar auch der liebe Gott keinen Einfluss. Das Leben ist ein Würfelspiel, jeder Tag, wie Zufall und Schicksal. Man muss einfach Angst haben. Vor der Natur und, was diese mit einem anstellt, nämlich die Summe eigenen Vorlebens ausmacht und unsere Gene bewirken mögen. Sicher ist gar nichts. Wer alt wird – und das ist in unserem wohlgeordneten Land, in dem Fußballer mit Millionen aufgewogen werden, sicherlich nicht unbedingt eine Gnade – die begründete Angst, dass sich nur dann etwas ändert, wenn die Zustände in den Pflegeheimen – das System – zu einem Gesetz führt, ins Grundgesetz; die gerechte Bezahlung von Pflegekräften – an die Adresse der Herren und Damen in den Gewerkschaften gerichtet – so wie auch die charakterliche Eignung bei Pflegern eingefordert werden muss, als ginge es um eine verantwortliche Position in der Industrie – was eben dort in den Ausschreibungen als unerlässlich vorausgesetzt wird.

Da es später, oft unverhofft jeden und jede treffen kann, ebenso diejenigen, deren Angehörige sie mitunter derart im Stich lassen – zeugt es unverhohlen von einer Geisteshaltung – ohne Pathos -, die einfach nur dumm, kurzsichtig, phantasielos ist. Ein Symptom der Krise.

Richtig – solange die Arbeit der Pflegekräfte so minder angesehen ist, so gleichgültig und nebensächlich, keinen Wert darstellt und nur eine lästige Pflicht – allen, die placeboartig sich nicht genug darüber auslassen können – sei gesagt: genaues wollen Sie doch gar nicht wissen. Es scheint alles noch weit weg. Dass die Würde am Ende eine Phrase – einfach – unwürdig ist. Milde ausgedrückt.

© 2013 Der Kulturflüchter N° 5 (auszugsweise)

Der hier veröffentlichte Text ist ein stark gekürzter Auszug aus „Die Siechendienerin. Ein schonungsloser Bericht“ von Enzo Fadar und Magdalena Kopp, in: Der Kulturflüchter N° 5. Das Un-Periodikum erscheint im Zeitlichkeitverlag, Herausgeber ist B. Claus DeFuyard. „Der Kulturflüchter“ präsentiert sich in Bälde auch mit einem Blog