Alles gut, Buchbranche? Fragen an den Literaturkritiker Marc Reichwein

Von heute an bis zum 24. April  findet der Zwickauer Literaturfrühling statt, zu dem sechzehn Verlage mit einem vielfältigen Programm beitragen. Anlässlich des Welttages des Buches am 23. April wollen wir, die Autorin und Verlegerin Zoë Beck, der Buchhändler Klaus Kowalke und der Literaturkritiker Marc Reichwein, in einem gemeinsamen Gespräch die Risiken und Chancen der Buchbranche ausloten. „Alles gut, Buchbranche?

Nach dem mir Zoë Beck und Klaus Kowalke im Vorfeld des Literaturfrühlings freundlicherweise bereits Rede und Antwort standen, folgt heute der Literaturkritiker Marc Reichwein. Er arbeitet als Redakteur für die „Literarische Welt“.

Literaturkritiker … Wie ernst nehmen Sie das mit der Kritik?

Marc Reichwein © Martin Lengemann

Marc Reichwein © Martin Lengemann

Als Redakteur: Hoffentlich so ernst, dass sich unsere Leser, egal ob im Blatt, Netz oder bei Facebook, zu anregenden Büchern inspiriert und informiert fühlen dürfen. Als Schreiber: Hoffentlich nie so bierernst, dass es langweilig wird. Eine ideale Kritik sollte so beschaffen sein, dass man andere mit seiner Erzählung über ein Buch gewinnt. Meinungen publizieren kann heute jeder. Urteile nicht nur zu fällen, sondern argumentativ zu begründen, und das im besten Sinne einnehmend, ist die Kunst, der sich jede Kritik neu stellen muss.

Auf der Leipziger Buchmesse wurde auch über die Rolle der Literaturkritik diskutiert. Unter dem Titel „Die Buchbeschleuniger“. Klingt der Begriff nicht verdächtig danach, dass der Kritiker vornehmlich als Verkäufer gefragt ist?

Ich glaube, das mit der „Beschleunigung“ zielte eher auf die Kommunikation rund ums Buch und darauf, dass die Debatte sich durch soziale Netzwerke dynamisiert hat. Ein Feuilletonist der „Zeit“ muss nicht mehr bis donnerstags warten, um auf einen Kollegen vom „Spiegel“ zu reagieren, sondern kann dies zwischendurch bei Facebook oder Twitter tun. Im Übrigen ist Beschleunigung relativ: Schon in den Neunzigern wurde über die zu oberflächliche, schnelle Rezeption von Büchern geklagt, und dabei bezog man sich allein auf Print: Wenn alle Zeitungen ein wichtiges Buch gleichzeitig am Erscheinungstag besprechen, sei dieses Buch „durch“, bevor es im Bewusstsein der Leute überhaupt angekommen ist. Diese Schallplatte legte Sigrid Löffler oft auf.

Teilen Sie die Erfahrung, dass Zeitungsredaktionen auf Anzeigenkunden Rücksicht nehmen (müssen)?

Nein. Buchverlage – also die Anzeigenkunden, über die wir beim Feuilleton sprechen – schalten bestimmt keine Anzeigen, weil sie Meinungen von Literaturredaktionen beeinflussen wollen, sondern weil sie das Feuilleton als einen Bereich ansehen, auf dessen symbolische Meinungsführerschaft sie zielen, wenn sie in ihren Anzeigen Kritikerstimmen zitieren. Ich glaube, Zeitungen nehmen auf vieles bedenklicher Rücksicht als auf Anzeigenkunden: die Konkurrenz, die aktuelle Nachrichtenlage („Flüchtlingsbücher“), die Konjunktur von Themen, die Bebilderbarkeit von Buchthemen oder das Aussehen von Autorinnen und Autoren.

Wie kann man sich als Literaturkritiker behaupten, wenn der Raum im Feuilleton für Kritik immer kleiner wird und die Auflagen sinken?

Indem man seine Sache redaktionell und professionell betreibt. Im Handel mit Meinungen über Bücher ist es vielleicht ein bisschen so wie beim Einkaufen generell: Ein gutes Fachgeschäft wird Leuten, die Wert auf Geschmack legen und sich dabei beraten lassen wollen, immer mehr wert sein als eine Kette, die mit austauschbaren Filialen wahrscheinlich viel mehr Kunden erreicht, ohne sie zu bedienen. Soll jetzt nicht elitär klingen, aber Literaturkritik behauptet sich bestimmt nicht, wenn sie ihre Klasse aufgibt und nur der Masse hinterherrennt. Sie muss allerdings originell bleiben.

Wie sehen Sie das: Wandert die literarische Öffentlichkeit ins Digitale ab?

Ja und nein. Der Diskurs über Literatur wird immer digitaler, statt weniger Literaturzeitschriften oder Zeitungsfeuilletons gibt es beliebig Blogs und Kundenrezensionen. Die Literatur selbst, die nicht Selfpublishing oder Genreliteratur ist, findet zu 92 Prozent in gedruckten Büchern statt. Sehr viele Autoren sehen sich nach wie vor gern gedruckt, selbst innovative Kleinstverlage, die zunächst nur digital an den Start gingen, machen zum Teil physische Bücher.

Sie sind von der Blogosphäre zum Journalismus gekommen. Schreibt man für Print anders als für das Netz?

Nicht prinzipiell, eher in Nuancen: Wo ein Blog insiderischer sein kann und Anspielungen mit einem bloßen Link hinterlegen kann, muss man Bezüge im Print-Text oft erst expressis verbis herstellen. Blogger kennen keine Platzbeschränkungen. Sie haben manchmal Manierismen, zum Beispiel dieses Prinzip, mit durchgestrichenen Wörtern Formulierungen zu arbeiten, das vor einigen Jahren wie eine Seuche war.

Das Verdikt, die Digitalisierung zu verschlafen, beherrschte lange Zeit die Diskussionen. Inzwischen erweckt die Branche den Anschein, als sei alles im Lot. Wie sehen Sie das? Ist alles gut in der Buchbranche?

Ich glaube, niemand hat einen Trend verschlafen. Der Wandel ins Digitale ist doch – zumindest bei Büchern – offensichtlich eher eine Evolution als eine Revolution. Zu dieser Einsicht brachte mich vor einiger Zeit Mark Lehmstedt, der im Jahr 2000 für Directmedia digitalisierte und heute hochwürdig klassische Bücher verlegt.

Welche Themen brennen Ihnen auf den Nägeln? Und was würden Sie gerne in unserem Gespräch im Rahmen des Zwickauer Literaturfrühlings aufgreifen?

Aus Sicht des Journalisten und des Mediums Zeitung: Kann das Prinzip General-interest überleben? Wird Literaturberichterstattung eine Aufgabe der Mainstream-Medien bleiben und dort entsprechend Platz be- und erhalten, ganz gleich ob gedruckt oder digital? Oder wollen sich Leser doch lieber ganz nach Gusto in immer spezielleren Nischenmedien informieren?

Danke sehr, Marc Reichwein. Ich freue mich auf unser Wiedersehen in Zwickau.

Das Gespräch setzen wir am 23. April um 19.30 Uhr fort. Ort: KV Freunde Aktueller Kunst e.V. | Hölderlinstraße 4 | 08056 Zwickau

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Alles gut, Buchbranche? Fragen an den Buchhändler Klaus Kowalke

Vom 20. – 24. April 2016 findet zum zweiten Mal der Zwickauer Literaturfrühling statt, zu dem sechzehn Verlage mit einem vielfältigen Programm beitragen. Ich werde dort die Autorin und Verlegerin Zoë Beck, den Buchhändler Klaus Kowalke und den Literaturkritiker Marc Reichwein treffen. Anlässlich des Welttages des Buches am 23 April wollen wir in einem gemeinsamen Gespräch die Risiken und Chancen der Buchbranche ausloten. „Alles gut, Buchbranche?

Im Vorfeld des Literaturfrühlings in Zwickau stand mir freundlicherweise bereits Zoë Beck Rede und Antwort; nun Klaus Kowalke. Er betreibt in Chemnitz die Buchhandlung Lessing und Kompanie, eine der 108 Buchhandlungen, die für ihr Engagement im vergangenen Jahr mit dem „Deutschen Buchhandlungspreis“ ausgezeichnet wurden.

Allseits ist zu hören, dass der Buchhandel derzeit eine Renaissance erfährt. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Klaus Kowalke © Christoph Künne

Klaus Kowalke © Christoph Künne

Die Indiebookszene hat dem stationärem Sortiment imagemäßig sehr geholfen (oder war es umgekehrt?). Es gibt tatsächlich eine positive Grundstimmung in der Branche, die nehmen wir auch wahr. Es gibt eine Renaissance des schönen Buchs. Lesen ist cool. Die kleine (literarische) Buchhandlung ist cool.

Lange Zeit stand der Buchmarkt unter dem Verdikt, die Herausforderungen der Digitalisierung zu verschlafen. Inzwischen erweckt die Branche den Anschein, als sei alles im Lot …

Ich zitiere den Buchmarkt: „Im aktuellen BuchMarkt-Heft entzaubert Markus Klose ein paar digitale Mythen, die sich in den Köpfen mancher Digital Natives festgesetzt haben. Er belegt: „Die Buchbranche hat die Digitalisierung nicht verschlafen, sondern mit vorangetrieben.“ Diese Meinung teile ich. Im Lot? Ich weiß nicht, mich interessieren die technischen Fortschritte nicht. Die Auseinandersetzungen mit den Möglichkeiten der digitalen Zukunft des Buchmarkts müssen andere führen.

Wo verorten Sie derzeit die größten Risiken?

Nach wie vor im Onlinehandel, er betrifft alle Branchen. Die Umwälzungen die sich hier abzeichnen, lassen uns Abschied nehmen von belebten Innenstädten. Lassen uns aber auch Abschied nehmen von der Gewerbesteuerfinanzierung der Kommunen und Gemeinden. Ob Aktionen wie buy local hieran etwas ändern? Das ist eine globale Entwicklung, da bin ich skeptisch.

Was meinen Sie, wie wird sich der Buchmarkt in den kommenden Jahren entwickeln?

Die Branche wird schrumpfen. Vielleicht gesundschrumpfen. Das Buch wird es weiterhin geben. Grundsätzlich: positiv.

In unserem Gespräch im Juli 2013 haben Sie „Buch pur“ promotet. Damals waren weder das elektronische Buch, noch Publikationen von Self-Publishern eine Option für Ihre Buchhandlung „Lessing und Kompanie“. Halten Sie an dieser Linie fest?

Ja, unbedingt! Wir fahren sehr gut damit und bauen die Marken „Buch pur“ und „EinfachBuch“ weiter aus. Unsere Umsatzzuwächse resultieren hauptsächlich aus der intensiven Auseinandersetzung mit den Büchern der Schriftstellerinnen und Schriftsteller (und deren Verlagen).

Natürlich verkaufen wir 5-10 Ebooks im Jahr, wir haben auch 4-5 Titel von Selfpublishern im Programm. Es geht um Kundenwünsche bei den Ebooks und um die Relevanz bei den Selfpublishern. Aber das hinterlässt wirtschaftlich keine Fußspuren. Um nicht den Unmut der Selfpublisher heraufzubeschwören: Wir führen ein kleines hochliterarisches Sortiment in einem Wohngebiet ohne Laufkundschaft, d. h. unser Einkauf ist ohnehin geprägt von „zu viel“, was die Verlage anbieten (und wir auswählen müssen), und den Möglichkeiten, die unsere Stammkundschaft uns gibt bzw. erwartet und/oder wir ihr empfehlen können und wollen.

Der Aspekt der Filterfunktion Lektorat/Verlag darf nicht hoch genug eingeschätzt werden. Unsere Zeit ist begrenzt, wir müssen uns auf die Programmqualität der Verlage verlassen können. Und das Ganze muss sich unter wirtschaftlichen Bedingungen abspielen. Da spielt die Rolle der Bündelung der Auslieferungen eine Rolle, da spielen Bezugs- und Transportkosten eine Rolle, da spielen Vertretertermine eine Rolle. Gerade die nicht kleine Indiebookszene hat es geschafft, mit einigen Partnern einen professionellen Vertrieb aufzubauen, der es erlaubt wirtschaftlich einzukaufen. Mittlerweile kaufen wir für unser Sortimentsprogramm nur noch über Verlagsvertreter ein. Ein Sortimentsprogramm spiegelt genauso wie das Programm eines Verlages die Intention der Inhaber wider.

Was halten Sie von der Entwicklung, dass Verlage immer stärker auf den Direktverkauf setzen und die Leser fokussieren?

Wir beobachten das sehr genau. Falls Verlage als Partner für den Buchhandel wegfallen oder besser gesagt „wegfallen wollen“ so ergibt sich daraus nicht unmittelbar ein Problem: Es gibt eine Überproduktion im deutschsprachigen Buchmarkt, es ließen sich leicht andere Verlagspartner finden. Aber auf bestimmte Verlage möchten wir nur ungern verzichten. Also gibt es doch ein Dilemma.

Welche Themen brennen Ihnen auf den Nägeln? Und was würden Sie gerne in unserem Gespräch im Rahmen des Zwickauer Literaturfrühlings aufgreifen?

Das ist eine gute Frage! Ich möchte ja vor einem Literaturfrühlingspublikum nicht zu sehr Brancheninterna diskutieren als vielmehr die Frage, was bewegt die Leute: Spielt Kunst und Literatur in ihrem Leben überhaupt noch eine Rolle?

Danke sehr, Klaus Kowalke. Ich freue mich auf unser Wiedersehen in Zwickau.

Das Gespräch setzen wir am 23. April um 19.30 Uhr fort. Ort: KV Freunde Aktueller Kunst e.V. | Hölderlinstraße 4 | 08056 Zwickau