Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben nannte man so etwas früher. – Ein Gastbeitrag von Gregor Keuschnig

Im Rahmen der losen Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” hatte ich vorgeschlagen, dass Ihr Gastbeiträge beisteuern könntet. Schilderungen aus dem Buchhändleralltag oder, was auch immer… Erfahrungsberichte zum Beispiel: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen? Nach der Polemik von Stefan Möller aka @Hedoniker „Lieber stationärer Buchhandel, wir müssen reden!“, die reichlich Wind machte, der Replik darauf von Lorenz Borsche und dem Brief des sterbenden Bildungsbürgers vom Krankenbett herab, dass kein Ausweg sei aus der Feder des Herrn Sandhofer, steuert heute Gregor Keuschnig einen Beitrag bei. Ich sage dem Verfasser danke und verhehle meine Freude nicht, dass die Gastbeiträge auf SteglitzMind vielfach und allerorts diskutiert werden. – So soll es sein.

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Wo ist der Mehrwert? Ein Gastbeitrag von Gregor Keuschnig

Da sage noch einmal einer, Fernsehen bewege heute nichts mehr. Die Amazon-Dokumentation Anfang des Jahres rückte die Unterbringungs- und Arbeitsbedingungen (nicht unbedingt die gezahlten Löhne) der saisonal bei Amazon beschäftigten in den Fokus. Plötzlich hatten die Medien nicht nur einen Buhmann entdeckt, sondern auch den Buchhandel. Derzeit ist es trendy, Amazon zu prügeln. Journalisten arbeiten sich mit Büchern an der „Datenkrake“ ab – die man dann wie selbstverständlich bei Amazon kaufen kann. In der FAZ beschwerte sich eine Studentin, die bei Amazon Aushilfsarbeiten verrichtet hatte, das ihr das Essen in der Kantine nicht geschmeckt habe.

Längst wird der alltägliche Einkauf von Gütern zu einer moralischen Aktion aufgeblasen. Alle kaufen nur noch „Bio“ (ohne genau zu definieren, was es bedeutet) und wollen „faire“ Preise bezahlen. Somit wird die Illusion erzeugt, aufgrund des Preises ein besserer Mensch werden zu können. Was bei Billigkleidung vielleicht noch funktioniert (wenn auch nur als Camouflage, denn auch teure Handelsmarken lassen in Bangladesh, Indien oder China produzieren), scheint bei Büchern nicht möglich. Es gibt hier streng genommen keinen Preiswettbewerb. Es herrscht Buchpreisbindung. Der Markt sortiert sich aufgrund dessen, was man Kundendienst nennt.

Der Lobbyverband der Buchhändler hat seine neue Chance entdeckt. Der Leser soll, damit er (sie) sich besser fühlt, im „stationären Buchhandel“ einkaufen. (Alleine das Wort klingt schon, als sei da jemand in ein Krankenhaus eingeliefert worden und benötige dringend Hilfe.) Oft genug wird das dann ein Laden jener Buchhandelsketten sein, die, was dezent verschwiegen wird, mit dem Knechten der Verleger angefangen und die Büchertische in den letzten Jahren mit leicht gängiger, kommerzieller Scheißhausliteratur vollgestopft haben. Die rüden Methoden mit denen vor einigen Jahren die Verlage gepiesackt wurden, sind jedoch scheinbar vergessen (aber nicht unbedingt abgestellt). Damals wurde auch der Konzentrationsprozess noch wortreich beklagt und schon 2007 das Totenlied für die kleinen Buchhandlungen, die der Markt- und Übermacht der Thalias, Hugendubels und wie auch immer nicht gewachsen seien, angestimmt.

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Es ist also noch gar nicht so lange her, dass diese vermeintlichen Heuschrecken des Buchhandels, die sich nun über Amazon beklagen, selber in der Kritik standen. Jetzt werben sie mit ihrem individuellen System der Kundenberatung. Dabei braucht man sich nur ihre Webseiten anzusehen, um den Wind zu erahnen, der dort weht. Wenn diese Leute ihre Buchempfehlungen tatsächlich ernst meinen, möchte ich von ihnen nicht einmal ignoriert werden. Der Begriff der Rezension, bei Amazon von allzu vielen Teilnehmern pervertiert, fristet hier auch nur noch ein erbärmliches Dasein: Es gibt fünf oder sechs Zeilen. Der potentielle Leser will ja angeblich nicht überfordert werden. (Und da habe ich schon Ambitionierteres auf Amazon gelesen.)

Aber wenn es gegen Amazon geht, werden neue Allianzen geschmiedet. Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben nannte man so etwas früher. Und das jetzt ausgerechnet diese Konzerne ein E-Book-Lesegerät mit entsprechender moralischer Aufladung gegen den „Moloch“ Amazon anbieten, ist an Dreistigkeit nicht zu überbieten.  Es könnte im Übrigen ein ökonomisches Desaster werden. Ich denke an den sogenannten „Formatkrieg“ der Videorekordersysteme der 1970er/80er-Jahre und die Hybris von Grundig und Philips, den weltweit agierenden Platzhirschen mit einem eigenen Format die Stirn bieten zu wollen. (Das Ergebnis ist bekannt.)

Die Wortmeldungen hier auf SteglitzMind zeigen, dass es noch eine gute Buchhandlungsdichte unabhängiger Läden gibt – mindestens in den Städten oder Speckgürteln. Aber auch hier ist das Mitschwimmen im Strom nötig. Und man mache sich nichts vor: Literatur, die nicht bereits auf Seite 8 irgendwie „authentisch“ oder „spannend“ daherkommt, wird inzwischen sowohl von großen Teilen der Kritik als auch vom Publikum als „elitär“ angesehen und mit spitzen Fingern ins Regal zurückgestellt. Das hat auch damit zu tun, dass der Literaturbegriff längst auf Elke-Heidenreich-Niveau heruntergekommen ist. Ihr debiler „Lesen!“-Missionarismus, der „süffige“ und „gut zu lesende“ Bücher abfordert wird mehr oder weniger bereitwillig von der Branche nachgeplappert. Als sei der bloße Lesekonsum schon per se richtig. Hinzu kommt auch noch, dass der Egalitarismuswahn Einzug gehalten hat. Das lustig-freche Bekenntnis man brauche keinen Verlag mehr und publiziere jetzt auf eigenen Wegen, zeigt in diese Richtung. Dass man damit eine Seifenkiste mit einem Mittelklasse-PKW vergleicht, stört kaum noch jemand.

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Ich kenne sehr kleine Verlage, die mit viel Enthusiasmus einige Bücher herausgebracht haben und nun abseits von den Buchhandelsketten versuchen, diese in ausgewählten, freien Buchhandlungen zu vermarkten. Unnötig zu sagen, wie schwierig das ist, denn in den gängigen Multiplikatoren werden solche Titel kaum behandelt. Der Buchhändler müsste also den Kunden darauf aufmerksam machen. Das wiederum bedingt, dass er es gelesen haben muss. Dafür würde aber Zeit benötigt, die dann für ein Buch aus dem Hanser- oder Suhrkamp-Paket fehlt. Dabei ist nicht einmal schlimm, dass der Händler diese Bücher nicht möchte. Man kann das ja vielleicht noch verstehen. Aber er kann noch nicht einmal auf sie hinweisen – weil er von ihrer Existenz gar nichts weiß. Der Amazon-Algorithmus kennt aber kein „Nicht-Kennen“. Natürlich ist er auch nach kommerziellen Kriterien programmiert. Aber die Möglichkeit, dass man auf Bücher kleinerer Verlage, die ein auch noch so williger und interessierter Buchhändler gar nicht alle kennen kann, aufmerksam wird, ist dort eben gegeben. Ich kenne durchaus Kleinverleger, die diesen Algorithmus begrüßen und hierüber – trotz unverschämter Rabattierungen – ihr Geschäft ausgedehnt haben. Derzeit ist es aber mehr en vogue ins gegenteilige Horn zu blasen, sich wortreich und kurzzeitig publikumswirksam am Ende jedoch folgenlos von Amazon zu verabschieden.

Da gibt es ja noch die persönliche Beratung. Das ist gut und schön. Ich erinnere mich noch an die frühen 1990er Jahre, die Buchhandlung Boltze in Mönchengladbach, auf der Hindenburgstraße. Holzregale; ein dezenter Tisch mit Neuerscheinungen. Samstags gegen 11 Uhr traf die Chefin ein; eine schon etwas ältere Dame, mit Stil und Hochfrisur. Die Angestellten wussten schnell, welche Bücher ich mochte und eventuell mögen konnte. Dennoch nahm ich das Angebot einer Beratung fast nie an. „Ich schaue nur“, war mein Standardsatz (und ist es geblieben), weil es mir immer noch peinlich ist, den Enthusiasmus eines Lesers, der auch zufällig Buchhändler ist, abzulehnen (Nicht-Kauf) oder ihm aus Mitleid nachzugeben (Kauf).

Ja, das waren noch Zeiten. Wo man in Ruhe stöbern konnte, ohne von Plakaten des neuesten Bestsellerdrecks belästigt zu werden. Auch heute noch gibt es solche Refugien und unter den Buchhändlern tatsächliche Leser. Das ist sehr schön. Aber wer kann schon bei der Fülle der Neuerscheinungen (wobei Quantität mit Qualität nicht zu verwechseln ist) auch nur annähernd einen Überblick behalten? Wer kann mir etwas zu aktuellen literaturwissenschaftlichen Büchern zu einem bestimmten Thema sagen? In den Computer schauen kann ich selber. Wer dann der Branche was Gutes tun will, benutzt die häufig genug angebotenen Leseproben und kann dann in der Buchhandlung seines Vertrauens das Buch bestellen.

Wer um 1960 herum geboren ist, hat das Sterben der Tante-Emma-Läden miterlebt. Mit großem Pompöse drangen große, sogenannte Supermärkte in die Städte (und später noch größere außerhalb von ihnen) ein. Sie waren sogar billiger – anfangs. Kaufvorgänge wurden rationalisiert, einzelne Handgriffe muss nun der Kunde selber vornehmen. Das Schwätzchen im Laden, das persönliche Momentum, blieb auf der Strecke. Und längst gibt es Projekte, dass man den Bezahlvorgang demnächst ohne Personal abwickeln soll. Insgeheim passt diese zunehmende Anonymisierung durchaus in die Zeit: Lebensmittel werden heute in Eile angeschafft, lieblos in den Wagen geworfen. Man stellt sich in einer Schlange an. Und wenn dann eine ältere Dame mit dem Kassierer ein bisschen länger spricht, scharren die Kunden mit ihren Wägelchen und brüllen ihr „Ich komme später“ in das Mobiltelefon.  Eine solche Strukturveränderung wie weiland der Lebensmittelhandel macht die Buchbranche seit Jahren durch – und zwar schon deutlich vor Amazon. Dessen steriles Konzept ist aber sowohl für den gelegentlichen Buchkäufer als auch für den Feuilletonleser offensichtlich attraktiver. Die Frage, die man sich viel zu wenig stellt, lautet: Warum eigentlich?

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Wenn die Beratung, wie man überall lesen kann, derart wichtig und gut ist – warum wird sie dann immer weniger in Anspruch genommen? Der Hauptgrund: Der potentielle Leser ist heute deutlich informierter als noch vor vielen Jahren. Er (Sie) hat längst einiges über das Buch gelesen oder gehört. Das ist zunächst etwas Gutes. Der Buchhandel muss darauf eingehen. Wer jemand mit einem festen Buchwunsch in den Laden kommt, könnte/müsste auf andere Bücher hingewiesen werden können. Und zwar kompetent und jenseits gängiger Beststeller-Listen. Und warum nicht Veranstaltungen mit Leseproben verschiedenster Neuerscheinungen anbieten und dabei auf Rezensionen eingehen? Und bitte auch „umstrittene“ Sachen aufnehmen und nicht immer diesen Rosarot-Infantilismus, der bei den „Buchenthusiasten“ wie eine ansteckende Krankheit zu grassieren scheint, wenn man sich entsprechende Foren ansieht. Warum nicht Leserzirkel einrichten, die zu bestimmten Zeiten öffentlich über Leseerfahrungen reden? (Das funktioniert online schlecht, aber vielleicht „im richtigen Leben“.) Raffiniert konstruierte Webseiten könnten diese Maßnahmen unterstützen und das „Ein-Click“-Kaufen schlichtweg kopieren. Es ist erwiesen, dass virtuelle Käufe schneller getätigt werden, als mit Büchern über zwei Stockwerke zur Kasse zu gehen.

Der Buchhandel muss dem Kunden einen Mehrwert bieten. Das macht man nicht, in dem man überall die gleichen Bücher auslegt, nur damit der übliche Pawlowsche Reflex des Lesefutterknechts befriedigt wird, der seine zwei Bücher pro Jahr kauft, weil ihm diese von den üblichen Verdächtigen in Funk und Fernsehen wie das sprichwörtliche Sauerbier angepriesen worden sind. Das macht man auch nicht, in dem man Bücher wie sakrale Gegenstände überhöht. Das Gegenteil müsste passieren: Nicht das Bücherlesen ist exotisch, sondern das Nichtlesen. Ich kenne Leute – und nicht nur aus sogenannten „bildungsfernen“ Schichten – die sich damit rühmen, nicht zu lesen. Lesen gilt auch als elitär, weil es von denen, die davon leben, elitär gemacht wurde.

Um nicht in falschen Verdacht zu geraten, setzt man für Nichtleser immer häufiger einen „Disclaimer“: Nein, das ist kein Plädoyer für Amazon. Oder gar gegen den Buchhandel. Die Welt ist komplizierter als „Amazon  = böse“ und „Buchhandel = gut“. Gut gemeinte Ratschläge, sich mehrmals zum Buchhändler zu begeben, um seine Bücher dann irgendwann einmal in Händen zu halten, sind von der bräsigen Arroganz des Ignoranten. Leute, die derart argumentieren, werden hinweggefegt werden von der Realität. Und das ist vermutlich auch gut so.

© Gregor Keuschnig

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„Seien wir froh, dass es überhaupt noch Buchhändler gibt.“ – Eine Replik von Lorenz Borsche auf die Polemik von Stefan Möller

Mit seiner Polemik Lieber stationärer Buchhandel, wir müssen reden! sorgte Stefan Möller für reichlich viel Aufsehen. Heute antwortet ihm Lorenz Borsche von der buchhändlerischen Genossenschaft eBuch:

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Heutzutage machen drei Pointen und eine Lüge einen Schriftsteller. (Lichtenberg, Sudelbücher)

Lieber Stefan Möller: Du musst laufen!

Eine kleine, viel zu lange Gegenpolemik (nota bene: „Polemik“, gr. feindselig: scharfer Meinungsstreit)

[Ironie ON] Kann das sein, lieber Stefan, daß auf dem Schild, daß Du zeigst das U eigentlich hätte ein A sein sollen? Ja, wir sind alle faul geworden. Und das sieht man uns an. Wir lesen halt gerne, und das tut man nicht im Laufen, sondern im Sitzen. Da ist es doch toll, wenn man nur noch bis zu Türe gehen muss, wo der Paketbote demütigst wartet, statt die Treppen runter auf die Straße bis zur Buchhandlung. Und das spart doch auch Zeit – Zeit in der man *lesen* kann.

Naja, und weil wir faul geworden sind, aber nicht weniger genusssüchtig, müssen wir uns dann ein Schild vor den Bauch halten mit der Aufschrift WAMPE. Um zu zeigen, dass wir wenigstens noch selbstironisch sind.

Das, lieber Stefan erklärt doch auch, warum wir bei amazon kaufen – denn einen anderen Grund gibt’s ja nicht. Oh, Du meinst, weil Dein Buchhändler den Titel „Die Vergebung“ aus dem Matthes & Seitz Verlag nicht vorrätig im Regal stehen hat? Naja, weißt Du, der Titel rangiert auf Platz 330.000, da wäre selbst ein Dussmann überfordert.

Aber denk mal, lieber Stefan, nicht nur amazon hat den Titel auf Lager, nein, Dein Buchhändler kann ihn auch über Nacht besorgen – von seinem Großhändler. Voraussetzung ist natürlich, Du bestellst ihn vor 17 oder 18 Uhr – dann liegt er aber schon morgens um 9 oder 10 zur Abholung um die Ecke bereit. Gib zu, schneller ist auch UPS oder Hermes nicht bei Dir. Und wenn Du nicht zuhause bist, dauert’s noch einen Tag länger, weil der Paketbote wiederkommen muss. Und der CO2-Fussabdruck Deines Büchleins wird noch größer.
Aber um das zu vermeiden, da müsste man ja laufen, zur Buchhandlung laufen, nicht wahr? Das wäre zwar gut gegen die Wampe und gut für den Buchhändler, beißt sich aber leider mit unserer Bequemlichkeit. Und wir wissen doch: nicht der Krieg ist der Vater aller Dinge, sondern Mutter Faulheit! [Ironie OFF]

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Spaß beiseite. Schön, dass sich unter den in den Kommentaren genannten ‚guten‘ Buchhandlungen mindestens zwei befinden, die Mitglieder einer aktiven Genossenschaft sind, die sich zum Ziel gesetzt hat, das Überleben genau der kleinen, feinen Buchläden zu ermöglichen, die wir alle gerne sehen. Die auch mal ein ungewöhnliches Buch im Regal haben. Auch wenn sie natürlich von den Brot & Butter-Büchern der oberen 5.000 Ränge leben müssen.

Genau dazu haben diese Genossenschaftler einen Trick zum Geschäftsmodell gemacht, aber da muss man dem verehrten Buchkäufer und Kunden mal was erklären dürfen: Wenn der Buchhändler bei einem Verlag einkaufen will, wird er mit gar schrecklich schlechten Konditionen bestraft, falls er nicht wenigstens ein ganzes Paket voller Bücher kauft, sagen wir um 250-300 Euro oder so.

Er muss aber damit rechnen, dass neun von zehn Büchern eines Verlage wie Matthes & Seitz (und derer gibt es 15.000!) auch nach einem Jahr noch im Regal einstauben – so schön diese Bücher auch sind, sie gehören eindeutig zum „long-tail“. Und man glaubt ja kaum, wie lang der ist. Damit kann der Buchhändler weder die Miete bezahlen, noch seine Angestellten (ich weiß, dass Du das auch weißt, sag’s aber trotzdem, denn: soo funktioniert es eben wirtschaftlich leider nicht).

Aber wenn er doch ein oder zwei schöne Bücher von M & S einzeln fürs Regal einkaufen und später auch aktiv verkaufen wollte, dann müsste er es beim Großhändler bestellen. Das tut er ja auch, wenn er für Dich was besorgen soll, was er nicht da hat. Die Konditionen des Großhändlers allerdings erlauben es nicht, sich mit solcher Ware das Regal zu füllen. Also: Einzelstücke beim kleinen Verlag? Zu teuer fürs Regal. Sanmmel-Pakete beim kleinen Verlag – unökonomisch, weil sie im Regal verstauben. Einzelstücke beim Großhändler? Auch zu teuer fürs Regal. Zwickmühle? Keine Chance für Titel kleiner, feiner Verlage?

Die Genossenschaftler machen das so: Sie haben ein eigenes Zentrallager, das residiert beim Großhändler, da stecken die umsatzstärksten Titel drin, und was sie dort nicht vorhalten, zum Beispiel eben jene Long-Tail-Matthes-&-Seitz Bücher, die legt der Großhändler ihnen dazu noch in die Wanne. Und weil sie über die zentrale Übernacht-Logistik fast alles abwickeln, kaufen sie insgesamt zu guten Konditionen, mit denen man seine Regale befüllen kann, auch mit außergewöhnlichen Büchern, die man einzeln vom Verlag nie hätte wirtschaftlich beziehen können.

Und sie betreiben auch Webshops, in denen man bequem einkaufen kann, über Nacht, wie oben beschrieben und am liebsten natürlich zur Abholung im Laden – wenn es dort nicht ohnehin schon im Regal steht, was man in einigen von deren Webshops sogar sehen kann. „Buch sofort“ quasi, ohne zweimal hinlaufen zu müssen. Schon seit 1999 übrigens.

Aber *einmal* hinlaufen, das muss man schon – es sei denn, man klickt auf Versand. Dann ist wieder der Paketbote dran, also auch nicht anders als bei amazon. Trotzdem ist der ökonomische Druck so groß, dass sich literarisch höchstwertige Buchhandlungen einfach nicht mehr rechnen. Ohne einen großen Anteil von Mainstream können die Buchhändler auch keine Schätzchen mehr pflegen – und die zu pflegen ist wirklich teuer geworden.

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Aber warum ist das alles so gekommen?

Amazon hat alles richtig gemacht. Sensationelle Kundenbedienung, Super-Datenbank (ähm, aus dem Buchhandel gekauft, leider), von den Großhändlern den long-tail bedienen lassen, von den Marketplacern die Antiquaria, die Gebrauchten und auch die in Buchhandlungen ‚Mitgenommenen‘ (naja, die gibt’s eher öfter mal bei ebay), bei den E-Books einen für den Kunden supersimplen „closed shop“, also kapitalistisch gesehen alles richtig.

Dann kam noch der Konzern, der dachte, man könne mit Büchern eine genau so tolle Rendite erwirtschaften wie mit überteuerten Parfüms (was natürlich absoluter Schwachsinn ist) und deshalb erstmal die Republik mit viel zu großen Buchwarenhäusern überzogen hat, dann noch die katholische Kirche im Verein mit dem ersten Buchkaufhausbauer der Republik, also der gemeine Buchhändler, den Sie so lieben, hat es – so etwa ab 2000 – mit richtigen Haifischen zu tun bekommen.

Und wäre auf der Strecke geblieben, wäre wie das Tante-Emma-Lebensmittelgeschäft zwischen Aldi und Lidl zerrieben worden, wenn er nicht seiner liebenswerten, aber unökonomischen Skurrilität abgeschworen und begonnen hätte, kaufmännisch sauber zu kalkulieren und also möglichst viel leicht Verkäufliches zu verkaufen. Denn die Preise der Bücher sind, anders als die meisten glauben, gesunken, wenn man so fair ist die Inflation, die ja bei allen Kosten zuschlägt, zu berücksichtigen.

Während also Miete und Löhne steigen und sein relativer Umsatzanteil schon wegen der Konkurrenz durch Thalia und amazon gesunken ist, kann er das nicht mit steigenden Umsätzen aufgrund höherer Preise ausgleichen. Das ist die bittere Wahrheit. Von Dingen wie der Stromlinienförmigkeit des Publikumsgeschmacks, die von vielen großen Verlagen unterstützt statt im Sinne der Vielfalt konterkariert wird, will ich da gar nicht anfangen zu jammern. Denn auch die Verlage müssen rechnen.

Also: der Kettenbuchhandel hat mittlerweile einen Anteil von 30%, amazon einen von 20% – wo ist das alles hergekommen? Klar, es ist den kleinen Buchhandlungen flöten gegangen. Respektive: die sind flöten gegangen. Oder haben sich umgestellt. Weniger Lyrik, mehr Hera Lind.

Wenn Sie trotzdem ein buntes Bücher-Schaufenster in Ihrer Straße besser finden als noch eine Döner-Bude oder gar unschönen Leerstand, dann informieren Sie sich halt in Gottes Namen auf den Verlagswebsites Ihrer Wahl – und bestellen und kaufen Sie beim Buchhändler in Ihrer Nähe.

War die Welt früher besser? Aber klar, die Sommer waren heißer, die Winter kälter und Buchhandlungen gab’s en masse. Aber da gab es auch noch Schuhmacher und Bürstenbinder und Ankerwickeleien. Der Lebensstandard war bescheiden und Pakete sauteuer. Es gab kein Internet und Fachleute waren besser informiert als Laien. Und wir waren schlank. Seien wir froh, dass es überhaupt noch Buchhändler gibt.

Tempora mutantur – et nos in illies.

Beste Grüße

Lorenz Borsche

P.S.: Das Zitat hat ein Zufallsgenerator gesetzt, ehrlich. Ich fand’s aber ganz passend, gejammert wurde zu allen Zeiten, *das* sagt es mir 🙂

© Lorenz Borsche

„Nehmt auch uns ‚kleine Buchhandlungen‘ ernst.“ SteglitzMind stellt Beate Laufer-Johannes von der „BücherInsel“ vor

Sind Buchhändler tatsächlich die Verlierer der Digitalisierung? Wie gehen sie mit den Schreckensszenarien um? Wo sehen sie Risiken, wo Chancen und welche Weichen stellen sie, um zukunftsfähig zu bleiben? Wie halten sie es mit dem E-Book und wären Titel von Self Publishern für sie eine Option? Diese u.a. Aspekte will die Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” beleuchten, in der Interviewpartner in loser Folge standardisierte Fragen beantworten.

Welche Buchmenschen und Buchhandlungen wir zukünftig etwas näher kennenlernen, schlagen zum einen jene vor, die mir Rede und Antwort stehen. Darüber hinaus freue ich mich auf Empfehlungen von Euch, wer hier ebenfalls zu Wort kommen sollte. Und, bitte sehr, vermerkt Eure Vorschläge hier (nebst Link zur Buchhandlung); und nicht etwa auf diversen anderen Kanälen im Social Web. Danke sehr! Im Übrigen freue ich mich auch über Gastbeiträge: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen? Vielleicht mag ja wer zur Polemik „Lieber stationärer Buchhandel, wir müssen reden!“ von Stefan Möller aka @Hedoniker Stellung beziehen?

Beate Laufer-Johannes von der BücherInsel in Frauenaurach bei Erlangen konnte bereits mehrere Empfehlungen von Kolleginnen auf sich vereinen. Dass sie hier zu Wort kommen sollte, hatten sich Edda Braun, Trix Niederhauser und Simone Dalbert gewünscht. Ich freue mich, dass sie der Einladung gefolgt ist.

Eine Skizze vom Laden …

Die BücherInsel ist eine Stadtteilbuchhandlung im Westen von Erlangen im Vorort Frauenaurach. Vor fünfzehn Jahren habe ich die Buchhandlung eröffnet, ich fand es immer schon schade, dass in Erlangen alle Buchhandlungen in der Innenstadt liegen. Wir bieten ein umfassendes Sortiment auf einer Fläche von 80 m², unsere Schwerpunkte liegen auf den Bereichen Kinder-Jugendbuch und Belletristik. Unser Team besteht aus mir und drei Teilzeitkräften, alle mit einem unterschiedlichen Lesegeschmack.

Warum bist du Buchhändlerin geworden?

Beate Laufer-Johannes  © privat

Beate Laufer-Johannes © privat

Eigentlich habe ich meine Leidenschaft zum Beruf gemacht, ich war schon immer absolut fasziniert von Büchern und den Welten, die sich durch sie eröffnen. Ich habe in Erlangen Theaterwissenschaften studiert und mich nach dem Magister um meine beiden Kinder gekümmert. Die Idee einer Buchhandlung spukte immer wieder in meinem Kopf herum und irgendwann hat es dann einfach gepasst: Die Zeit war reif, die Bedingungen gut, im Zentrum von Frauenaurach wurde neu gebaut und wir mieteten das komplette Haus. Im Erdgeschoss befindet sich die Buchhandlung, die beiden Etagen darüber sind unser Familienreich.

Würdest du dich unter heutigen Bedingungen abermals für diesen Beruf entscheiden?

Eine schwierige Frage. Auf der einen Seite bin ich immer noch mit Leib und Seele Buchhändlerin, lese unentwegt und berate meine Kunden gerne. Auf der anderen Seite steht das veränderte Einkaufsverhalten, es gibt immer mehr Kunden, die ins Internet abwandern. Angst macht mir das keine, aber ich muss doch meine finanziellen Rahmenbedingungen sehr genau im Auge behalten.

Was hat sich in den vergangenen Jahren in deinem beruflichen Alltag verändert?

Die Möglichkeiten zur Recherche und die Bestellwege sind einfacher und schneller geworden. Im Gegensatz zu den Anfangsjahren besorgen wir jetzt auch immer öfter antiquarische Bücher.

Die Devise heißt ja: Buchhandel go online! Was unternimmst du in dieser Richtung?

Wir haben seit einigen Jahren eine Website, allerdings noch keinen Onlineshop. Das liegt zum einen daran, dass ich noch keine optimale Lösung gefunden habe, wird aber zum anderen auch von internetaffinen Kunden gar nicht unbedingt gewünscht. Sie bestellen lieber per Mail und erhalten dann auch ihre Benachrichtigungen über die Lieferbarkeit eines Titels auf diesem Weg. Darüber hinaus bin ich auf Twitter und Facebook unterwegs und pflege damit den virtuellen Smalltalk mit Freunden, Kollegen, Verlagen und Kunden.

Das Sterben der Buchläden ist allgegenwärtig. Wo verortest du für deine Buchhandlung die größten Gefahren?

Die größte Gefahr würde von einem völligen Rückzug des Einkaufens vor Ort ausgehen. Aber da bin ich ganz optimistisch: So wie unsere Kunden den örtlichen Bauernladen und seine regionalen Produkte schätzen, so schätzen sie auch unsere persönliche Vorauswahl im Laden und unsere Empfehlungen. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob sich meine Einschätzung bestätigt – es bleibt spannend.

Wie hältst du es mit dem E-Book?

Kinderbuch-Ecke  © BücherInsel Frauenaurach

Kinderbuch-Ecke © BücherInsel Frauenaurach

Wir sind libreka angeschlossen, dort bestellen bereits einige Kunden ihre E-Books. Außerdem bieten wir die E-Book-Cards an, die nach anfänglichen Anlaufschwierigkeiten so langsam an Fahrt gewinnen. Noch sind die Umsätze marginal, aber in diesem Bereich zählt für mich im Moment mehr der Servicegedanke.

Wäre das eine Option für dich, auch Titel von Self Publishern anzubieten?

Einige Titel haben wir im Laden, diese sind allerdings sorgfältig ausgesucht. Ich muss von dem Buch wirklich überzeugt sein und die Chemie zum Autor muss stimmen. Es ist sehr unterschiedlich, wie diese Titel ankommen. Bücher mit einem regionalen Bezug verkaufen sich da noch am besten.

Wie verkauft man heutzutage Bücher?

Unser Erfolgsrezept: Wir lesen viel, schreiben unsere ganz persönlichen Empfehlungen und erzählen auch gerne darüber. Darüber hinaus stellen wir zweimal im Jahr Buchempfehlungshefte zusammen, die wir bei Abendveranstaltungen präsentieren: Im Sommer bei einem Glas Wein und Knabbereien im Garten hinter der BücherInsel, im Winter machen wir es uns im Laden gemütlich mit selbstgebackenen Plätzchen. Damit sind wir so erfolgreich, dass wir auch auswärts gastieren, zum Beispiel im Gemeindetreff in einem benachbarten Stadtteil. Außerdem betreue ich die Büchertische bei Lesungen im E-Werk, einem Kulturzentrum in Erlangen, lade Autoren ein und kooperiere schon mal mit einer benachbarten Weinstube.

Wenn du drei Wünsche frei hättest, die dir Verlage erfüllen… Welche wären das?

Ein höherer Rabatt ohne Riesenabnahmemengen würde uns das Leben sehr erleichtern. Nehmt auch uns „kleine Buchhandlungen“ ernst und unterstützt uns bei Aktionen. Vor allem: Seid großzügig mit Leseexemplaren, denn unsere Kunden fordern unsere persönlichen Buchempfehlungen ein und dafür müssen wir lesen, lesen, lesen.

Und was würdest du dir vom Börsenverein für den deutschen Buchhandel wünschen?

Ich wünsche mir, dass der Börsenverein in Zukunft gut gemeinte Werbeaktionen ein bisschen kostengünstiger und näher an der Realität in den Buchhandlungen konzipiert.

Was treibt dich in der literarischen Szene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Ich freue mich momentan sehr auf das Poetenfest in Erlangen, das Ende August stattfindet! Die vier Tage sind immer voll gefüllt mit Lesungen und Interviews, dazu das schöne Ambiente des Erlanger Schloßgartens, das ist jedes Jahr ein Ereignis.

Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen?

Buchhandlungen sind so vieles: wichtige Tankstellen für Lesefutter und unvermutete Entdeckungen, Rettungsanker für Geburtstagseinladungen und Stöberplätze für Kinder, Jugendliche und Junggebliebene. Nicht zuletzt sind sie unglaublich wichtig für das soziale Miteinander im Ort. Oft kommt es vor, dass sich bei uns Leute zufällig treffen und ausgiebig miteinander reden.

Welche anderen Buchhandlungen empfiehlst du? Und wer sollte in dieser Gesprächsreihe möglichst auch zu Wort kommen?

Da habe ich einige Empfehlungen, doch die betreffenden Personen sind ja hier bereits zu Wort gekommen, wie beispielsweise Susanne Martin, Edda Braun und Sonja Lehmann. Ich würde mich sehr über ein Gespräch mit Bettina Haenitsch aus Seligenstadt (Der Buchladen) freuen: Sie hat letztes Jahr neu eröffnet, ein ausgesprochen schöner Laden mit einem tollen Sortiment.

Danke, Beate. Fein, dass du dabei bist. Mit dir haben wir jetzt ein bereits ein Dutzend publizierter Beiträge beisammen.

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Fünf Fragen vom Börsenblatt für den deutschen Buchhandel zur Gesprächsreihe mit Buchhändler/innen beantworte ich hier

Zu Wort gekommen sind bislang:

Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung in Stuttgart/Vaihingen

Edda Braun mit ihrer Buchhandlung am Turm in Ochsenfurt

Samy Wiltschek von der Kulturbuchhandlung Jastram in Ulm

Margarete Haimberger mit ihrer Schröersche Buchhandlung in Berlin/Schöneberg

Sonja Lehmann vom Bücherwurm Borken im Nordhessischen

Martina Bergmann mit der Buchhandlung Frau Bergmann in Borgholzhausen

Thomas Calliebe mit seiner Buchhandlung Calliebe in Groß-Gerau

Mila Becker mit Milas Buchladen in Voerde

Trix Niederhauser aus der Schweiz von der Buchhandlung am Kronenplatz in Burgdorf/Emmental

Simone Dalbert von der der Buchhandlung Schöningh in Würzburg

Klaus Kowalke von der Stadtteilbuchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V. in Chemnitz

Brief des sterbenden Bildungsbürgers vom Krankenbett herab, dass kein Ausweg sei

Lieber stationärer Buchhandel!

Ich schreibe Dir diesen Brief sozusagen von Krankenbett zu Krankenbett. Wenn wir ehrlich sind zu uns selber: von Sterbebett zu Sterbebett. Denn wir liegen beide im Sterben. Dem eignet eine gewisse romantische Schönheit, denn wir sind zusammen gross geworden und werden nun zusammen sterben.

Es gab eine Zeit, da gab es Dich nicht und da gab es mich nicht. Der Verleger war zugleich der Drucker und der Händler seiner Bücher. Zur Buchmesse reiste er, um mit andern Druckern-Verlegern-Händlern seine Produkte zu tauschen. Autoren hatten an so einer Messe so wenig verloren, wie das Publikum. Das bestand aus ein paar Gelehrten, und war kaum der Rede wert. Dann wurden wir beide geboren: Du, indem die heilige Dreieinigkeit Drucker-Verleger-Händler sich aufspaltete als Reaktion darauf, dass ich, der Leser-Käufer, immer immer mehr lesen wollte, weil ich ja unterdessen längst nicht mehr nur Gelehrter war, und weil ich immer weniger Verständnis dafür zeigte, dass der Drucker-Verleger-Händler mühsam Produkte eines Kollegen bestellen musste, ja eventuell erst von der nächsten Messe in einem Jahr mitbringen konnte.

"Goethe's Werke. Erste illustrite Ausgabe, mit erläuternden Einleitungen", Berlin, G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung 1874 - Foto (c) Gesine von Prittwitz

Goethe’s Werke. Erste illustrite Ausgabe, Berlin, G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung 1874 © GvP

Noch vor 100 Jahren war der Besitz von Büchern nicht selbstverständlich, sondern ein Statussymbol. Wer Wert auf sich und seine Stellung in der Gesellschaft legte, hatte einen Bücherschrank vorzuweisen. Da drin standen dann Klassiker in repräsentativ gebundenen Ausgaben. Man musste diese Ausgaben nicht gelesen haben. Um sich im Small Talk unter Geschäftsfreunden darüber zu unterhalten, ob das „weite Feld“ nun von Stifter oder von Fontane stammte, und ob es nun ein „weites Feld“ der ein „zu weites Feld“ sei, genügte es ja, den Büchmann zu konsultieren. Darin fand man alle Klassikerzitate nachgewiesen. In den Auflagen nach den 1960ern findet sich im Büchmann nur noch Schrott. Aber unter Geschäftsfreunden wird ja auch nicht mehr über Stifter und Fontane diskutiert, und eine Bibliothek besitzen heute nur noch ein paar Freaks.

Heute zählt Effizienz, und Bücher sind nicht effizient. Seit Bologna (oder war es Modena?) ist eine breit gefächerte Bildung, zu deren Erwerb man sich Zeit lässt, obsolet. Selbst der Geisteswissenschafter wird durch sein Studium gepeitscht und lernt bestenfalls die feministische Rolle der Alice Schwarzer diskutieren oder Derrida’schen Nonsense nachplappern, aber nicht ein Gedicht von C. F. Meyer analysieren.

Der technische Fortschritt hat uns beiden dann den Rest gegeben. Ich rede nicht vom E-Book, das ist nur die letzte Ausblühung an einer längst modernden Holzwand. Ich rede auch nicht von Buchhandelsketten und jenem Handelsriesen, der sich (ich weiss nicht warum) nach einem riesigen Strom genannt hat. Auch das sind nur Blüten, die eine Pflanze produziert, wenn sie im Sterben liegt und hofft, wenigstens in ihren Früchten irgendwann einmal wieder auferstehen zu können. Mittlerweile sind einige dieser Blüten bereits am Verwelken und Früchte scheinen sie nicht zu tragen. Wir haben es seinerzeit beide nicht gemerkt, aber die tödliche Krankheit, an der wir nun sterben werden, haben wir uns mit der Erfindung der Rotationspresse zugezogen, und mit der Einführung der Klebebindung. Plötzlich wurden Bücher für jedermann erschwinglich. Der arrivierte Geschäftsmann musste sich andere Statussymbole suchen, und fand sie in seinem Automobil, in seiner Yacht und Ähnlichem. Das war der Anfang vom Ende; aber wir merkten es beide nicht.

Die unheilige Allianz von Käufer, der seine Ware so billig wie möglich zu kriegen wünscht, und Produzent, der des Käufers Wünsche erfüllen möchte oder dies wenigstens vorgibt, wird als erstes Dich, lieber Freund, töten, dann den Produzenten, dann mich. Ich höre immer wieder mantra-artig die Buchpreisbindung loben; ich habe keine Ahnung, was man sich davon verspricht. Die Preisbindung ist kein Palliativ, keine lebensverlängernde Massnahme. In Deutschland existiert sie nach wie vor. Dennoch faulen Deinem Körper immer mehr Teile ab. In der Schweiz existiert sie nicht mehr. Es geht dem Buchhandel deswegen nicht schlechter. Auch nicht besser.

A propos „besser“: Früher war nicht alles besser, keineswegs. Schon Goethe musste erleben, dass sein Schwager Vulpius mit seiner Schwarte „Rinaldo Rinaldini“ ein Mehrfaches an Auflagen erzielte, als er selber mit seinen Werken. Klassiker und/oder Lyriker „gingen“ schon immer schwer. Aber wenn ich heute in einer Buchhandlung den neuesten Andreas Brandhorst bestelle, und nicht mehr erlebe, dass die Buchhandlung gleich ein Exemplar für sich mitbestellt hat, das sie ins Regal stellt, finde ich es bedenklich. Es beunruhigt mich wirklich: Selbst Science Fiction, die nie elitär war, führt mittlerweile ein Schattendasein im deutschsprachigen Buchhandel und Verlagswesen. Wo sind die Zeiten, als Jeschke bei Heyne SF-Klassiker im Minutentakt ausstossen durfte? Und meine Buchhandlung die Hälfte eines nicht kleinen Raums voller Science Fiction damit füllte? Heute stehen gut versteckt ein oder zwei Regalmeter SF – oder was halt gerade dafür gilt.

Dafür ist heute der Autor kein Autor mehr, sondern eine Marke, ein Produkt. Und wie jedes Produkt von Zeit zu Zeit mit Werbung auf sich aufmerksam macht, jede Marke von Zeit zu Zeit Neuerungen auf den Markt bringt, von denen dann die meisten binnen Kurzem wieder verschwinden, so sondert unterdessen jeder Autor einmal im Jahr – pünktlich zur Messe, wenn’s geht – einen neuen Roman ab. Ich bedaure ihn, habe mich aber mittlerweile von diesem, eigentlich unserm vierten, Bruder völlig losgesagt. Ich weiss, dass Du, Bruder Buchhandel, ebenso wie der Bruder Verlag krampfhaft an ihm festhaltet, ja ihn zu diesem Verhalten nachgerade zwingt, weil ihr glaubt, mich so bei der Stange und Euch so am Leben zu erhalten. Das ist ein Irrtum: Überfütterung erzeugt Brechreiz, nicht Wolllust. Und unsere Körper werden dadurch noch mehr geschwächt.

Die Ärzte versuchen, unsere Situation schön zu reden. Und manchmal fallen wir selber darauf hinein und reden uns die Situation selber schön. Wir halten für Medizin, was Placebo ist. Um zu vertuschen, wie billig heutzutage Bücher fabriziert sind, hat man den Begriff der „gebundenen Ausgabe“, die ursprünglich eine meinte mit Fadenheftung, über Bord geworfen zugunsten des amerikanisch und deshalb hip klingenden „Hardcover“. Ein Begriff, der versteckt, dass unter dem billigen Pappdeckel ebenso billige Klebebindung verwendet wird. Man zelebriert heute, „Indie“ zu sein, Indie-Autor und Indie-Verlag. „Indie“ – das klingt nach Freiheit und nach Abenteuer. Und wie die Zigaretten-Werbung kaschiert der Begriff einfach, dass wir uns schon lange den tödlichen Krebs zugezogen haben.

Wir waren einst drei Brüder, die ihren Lebensweg gemeinsam begonnen haben: Verleger, Händler, Leser. (Meinethalben auch vier, nehmen wir Bruder Autor wieder ins Boot.) Nun neigt sich dieser Zyklus seinem Ende zu. Wir wollen unserm Tod tapfer entgegen gehen und nicht jammern. Und nicht gegenseitig übereinander her fallen.

In Liebe

Dein Bruder, der Bildungsbürger

(Nach Diktat zur Reanimation auf die Intensivstation verlegt.)

© Herr Sandhofer, einer der beiden Köpfe, die hinter litteratur.ch stecken

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Im Rahmen der losen Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” hatte ich vorgeschlagen, dass Ihr Gastbeiträge beisteuern könntet. Schilderungen aus dem Buchhändleralltag oder, was auch immer… Erfahrungsberichte zum Beispiel: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen? Den Anfang bestritt Stefan Möller aka @Hedoniker mit seiner Polemik „Lieber stationärer Buchhandel, wir müssen reden!“, die reichlich Wind machte.

„Wir setzen auf ‚Buch pur‘“. SteglitzMind stellt Klaus Kowalke von der Buchhandlung Lessing und Kompanie vor

Sind Buchhändler tatsächlich die Verlierer der Digitalisierung? Wie gehen sie mit den Schreckensszenarien um? Wo sehen sie Risiken, wo Chancen und welche Weichen stellen sie, um zukunftsfähig zu bleiben? Wie halten sie es mit dem E-Book und wären Titel von Self Publishern für sie eine Option? Diese u.a. Aspekte will die Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” beleuchten, in der Interviewpartner in loser Folge standardisierte Fragen beantworten.

Welche Buchmenschen und Buchhandlungen wir zukünftig etwas näher kennenlernen, schlagen zum einen jene vor, die mir Rede und Antwort stehen. Darüber hinaus freue ich mich auf Empfehlungen von Euch, wer hier ebenfalls zu Wort kommen sollte. Und, bitte sehr, vermerkt Eure Vorschläge hier (nebst Link zur Buchhandlung); und nicht etwa auf diversen anderen Kanälen im Social Web. Danke sehr! Im Übrigen freue ich mich auch über Gastbeiträge: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen? Vielleicht mag ja wer zur Polemik „Lieber stationärer Buchhandel, wir müssen reden!“ von Stefan Möller aka @Hedoniker Stellung beziehen?

Barbara Miklaw, die 2012 ihren Mirabilis Verlag gegründet hat, schlug vor, dass wir Klaus Kowalke von der Stadtteilbuchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V., die in Chemnitz ansässig ist, näher kennenlernen sollten. Ich sage Barbara danke für die Empfehlung, und freue mich sehr, dass Klaus Kowalke der Einladung gefolgt ist.

Eine Skizze vom Laden…

einladend © Lessing und Kompanie

einladend © Lessing und Kompanie

Unsere Buchhandlung befindet sich im Stadtteil Kaßberg in Chemnitz. Die Buchhandlung wurde am 28. März 2008 als „wirtschaftlicher Geschäftsbetrieb“ des gemeinnützigen Vereins „Lessing und Kompanie Literatur e. V.“ gegründet. Die gemeinnützige Buchhandlung sieht ihren Schwerpunkt in der Literatur. Angrenzende Themen wie Biographien, Geschichte, Philosophie, Essayistik, Kunst, Musik und Sachbücher runden das Profil ab. Ausgesuchte Koch-, Garten- und Reisebücher bereichern das Programm. Eine große Säule bildet die Kinder- und Jugendbuchabteilung, auch hier findet man das anspruchsvolle Buch.

Warum sind Sie Buchhändler geworden?

Aus Liebe zum Buch!

Würden Sie sich unter heutigen Bedingungen abermals für diesen Beruf entscheiden?

Jetzt erst recht!

Was hat sich in den vergangenen Jahren in Ihrem beruflichen Alltag verändert?

In den letzten fünf Jahren? Die Branche hat sich verändert, in unserer Buchhandlung hat sich in den letzten fünf Jahren nicht allzu viel verändert. Wir arbeiten an unseren Qualitätsvorstellungen einer „perfekten“ Literaturhandlung…

Die Devise heißt ja: Buchhandel go online! Was unternehmen Sie in dieser Richtung?

Wir setzen auf „Buch pur“:  „Buch Pur“ meint: kein Webshop, kein E-Book-Verkauf (obwohl über die Barsortimente möglich), kein Non-Book-Firlefanz, kein Geschenkkram, lediglich Postkarten, DVDs und Hörbücher, ggfs. Spiele. Dafür Bücher, gute Bücher, Bücher die wertvoll sind, Bücher die gut aussehen, Bücher die wichtig sind, Bücher die lehrreich sind, Bücher die Spaß machen, Bücher, Bücher, Bücher aber kein vordergründiger Mainstream und Boulevard, nein, richtige Bücher. Was, das klingt „Ewig gestrig“? Nun, vielleicht ist es ja das Alleinstellungsmerkmal der Zukunft? Und im Netz? Wo tummeln sich zur Zeit die Leute am meisten? Bei Facebook. Hier kommunizieren wir mit Kunden und Freunden zwanglos und freundschaftlich über die privaten wie geschäftlichen Accounts.

Das Sterben der Buchläden ist allgegenwärtig. Wo verorten Sie für Ihre Buchhandlung die größten Gefahren?

Im Onlinehandel mit all seinen Begleiterscheinungen, Stichwort tote Innenstädte.

Wie halten Sie es mit dem E-Book?

Siehe „Buch pur“.

Wäre das eine Option für Sie, auch Titel von Self Publishern anzubieten?

Nein. Verlage leisten sehr viel, egal ob Groß, Mittel oder Klein. Diese Filterfunktion benötige ich in dem schieren Überangebot von Büchern. Verlagsprogramme schaffen Identität und stehen für Qualität, jeder Verlag hat seinen eigenen Ausdruck.

Wie verkauft man heutzutage Bücher?

der Buchladen © Lessing und Kompanie

der Buchladen © Lessing und Kompanie

Mit Geduld und Spucke (wegen des Erzählens). Bücher zu empfehlen macht am meisten Spaß. Und was ist schöner als seine Begeisterung zu teilen? – Was ist das Besondere? In unserem Geschäft findet man literarische Bücher, Außenseiter… dies ist heutzutage schon etwas Besonderes.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, die Ihnen Verlage erfüllen… Welche wären das?

1. Die Preise müssen steigen, vergesst die 20-Euro-Hürde.

2. Die Grund- und Reiserabatte des Sortiments sollten nicht schlechter gestellt sein als die für Onlinehändler.

3. Behaltet eure Verlagsvertreter!

Und was würden Sie sich vom Börsenverein für den Deutschen Buchhandel wünschen?

1. Kämpfen für die Buchpreisbindung!

2. Kämpfen für die Buchpreisbindung!

3. Kämpfen für die Buchpreisbindung!

Was treibt Sie in der literarischen Szene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Spontan fällt mir die Problematik des Hauses Suhrkamp ein, dies treibt mich schon um…

Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen?

Wo soll man sonst seine Bücher kaufen – ein Leben ohne Buchhandlung ist wie ein Leben ohne Bierkneipe (wahlweise ohne Weinlokal).

Welche anderen Buchhandlungen empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Susanne Dagen, Buchhaus Loschwitz

Danke vielmals, Klaus Kowalke. Lessing und Kompanie findet Ihr im Netz, wie bereits erwähnt, bei Facebook.

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Fünf Fragen vom Börsenblatt für den deutschen Buchhandel zur Gesprächsreihe mit Buchhändler/innen beantworte ich hier

Zu Wort gekommen sind bislang:

Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung in Stuttgart/Vaihingen

Edda Braun mit ihrer Buchhandlung am Turm in Ochsenfurt

Samy Wiltschek von der Kulturbuchhandlung Jastram in Ulm

Margarete Haimberger mit ihrer Schröersche Buchhandlung in Berlin/Schöneberg

Sonja Lehmann vom Bücherwurm Borken im Nordhessischen

Martina Bergmann mit der Buchhandlung Frau Bergmann in Borgholzhausen

Thomas Calliebe mit seiner Buchhandlung Calliebe in Groß-Gerau

Mila Becker mit Milas Buchladen in Voerde

Trix Niederhauser aus der Schweiz von der Buchhandlung am Kronenplatz in Burgdorf/Emmental

Simone Dalbert von der der Buchhandlung Schöningh in Würzburg

„Lieber stationärer Buchhandel…“ – Ein Gastbeitrag von Stefan Möller aka @Hedoniker

Im Rahmen der losen Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” hatte ich vorgeschlagen, dass Ihr Gastbeiträge beisteuern könntet. Schilderungen aus dem Buchhändleralltag oder, was auch immer… Erfahrungsberichte zum Beispiel: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen? Den Anfang heute macht Stefan Möller mit einer Polemik, die Zündstoff birgt. Ich danke dem Verfasser und würde mich freuen, wenn sein Mittun hier Schule macht.

Stefan lebt und arbeitet als Texter in Hannover. Begegnet sind wir uns vor Jahren via Twitter, wo er die Timeline als @Hedoniker bereichert. Er bloggt über Bücher, die jeder nichtdoofe Mensch gelesen haben sollte, und schreibt für diverse Online-Magazine Rezensionen. Bei Facebook findet Ihr ihn selbstverständlich auch.

Lieber stationärer Buchhandel, wir müssen reden! Eine Polemik von Stefan Möller

Stefan Möller © BookFaces/Gute Aussichten

Stefan Möller © BookFaces/Gute Aussichten

Es war doch mal schön mit uns, viele, viele Jahre lang. Warum hast du aufgehört, dich für mich zu interessieren? Was habe ich falsch gemacht? Ich habe mir doch wirklich Mühe gegeben. Hab dich regelmäßig besucht und viele Stunden mit dir verbracht. Waren wir nicht ein perfektes Paar? Gut, das Vergnügen war natürlich erkauft, ganz billig war es nie, dich zu besuchen. Aber dafür hattest du auch viel zu bieten. Du hast mich immer wieder überrascht. Hast mir Dinge gezeigt, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gibt. Aber es waren immer Dinge, die mich erfreut haben. Ja natürlich, ich wusste, dass du mir nicht treu bist, dass du immer auch das Verlangen nach Gewöhnlichem befriedigt hast. Aber es war mir egal, solange ich das Gefühl hatte, dass du dir für mich immer etwas Besonderes überlegt hattest. Es war schön, damals, und deshalb bin ich auch immer wieder zu dir gegangen und habe dich nie betrogen. Weißt du noch, wie es war, als ich bei dir Warlam Schalamow kennengelernt habe? An genau der Stelle, wo jetzt die historischen Romane stehen? Wie ich aus den Auslagen deines Lyrikregals, das vor einiger Zeit der Romantic Fantasy weichen musste, den Band von Monika Rinck zog?? Es war okay, dass du immer schon andere mit Lind, Wanderhuren und Wanne-Eickel-Cottbus-Bottrop-Hintertupfing-Krimis zufriedengestellt hast, wirklich! Trotzdem blieb diese Spannung, das Knistern zwischen uns. Jetzt langweilst du mich nur noch. Und das verzeihe ich dir nicht. Ordinär bist du geworden, wo früher Schönheit zu finden war, ist jetzt nur noch billige Tünche, die alles, was an dir mal attraktiv war, verkleistert hat. Ab und zu schaue ich noch vorbei, in der Hoffnung, dass du dich wieder geändert hast. Aber meistens schickst du mich weg und sagst, ich solle am nächsten Tag wiederkommen. Ich will das nicht mehr. Ich habe auch keine Lust mehr, mir von dir immer wieder leere Versprechungen machen zu lassen. Du sagst, du weißt, was gut für mich ist und fragst dann doch nur noch „Wie schreibt man das?“

Lieber stationärer Buchhandel, du sagst mir, dass es dir nicht so gut geht, dass deine Geschäfte auch schon mal besser liefen. Dass deine Kunden immer öfter jemand anders attraktiv finden. Dass sie dir weglaufen, dass sie immer weniger gedruckte Bücher lesen. Das tut mir leid. Und auch wieder nicht. Denn du bist selbst schuld. Hast dich darauf verlassen, dass man dir treu bleibt und dir immer weniger Mühe gegeben.

Liebe Buchhandlung Storm in Bremen, liebe Connewitzer Verlagsbuchhandlung in Leipzig, liebe Litera in Hannover – ihr seid immer noch schön, habt nichts an Attraktivität eingebüßt, euch gelten diese Zeilen nicht. Wärt ihr bei mir in der Nähe, ich würde diese Zeilen nicht schreiben. Ihr aber, die ihr 150 Exemplare von „Fifty shades of grey“, aber nicht einen Titel von Matthes & Seitz vorrätig habt; ihr, die ihr es eine tolle Idee fandet, immer weniger verschiedene Titel auf Lager zu haben, weil der ganze Plunder, den ihr Non-Book nennt und dessen Produktionsbedingungen euch weit weniger interessieren als die Arbeitsbedingungen bei Amazon, Platz braucht, ihr, die ihr mir jetzt mit Sicherheit sagen werdet, dass ihr euch nach dem Bedarf richten müsst und deshalb auf leicht Verkäufliches setzt, weil sich Gedichte schließlich nicht verkaufen (auch wenn diese Entwicklung, nach allem, was man so hört, ja auch nur so mittel funktioniert) – denkt einfach mal drüber nach. Denn ein so außergewöhnlicher Kunde bin ich nicht, es gibt viele von meiner Sorte. Menschen, die unter Literatur nicht Dan Brown verstehen, die Coelho nicht philosophisch finden; Menschen, die in einer Buchhandlung keine Schokolade kaufen wollen.

Derweilen bestelle ich im Internet, bei den Verlagen selbst, weil mir kein vernünftiger Grund einfällt, zweimal in einen Laden zu gehen, um ein Buch zu kaufen. Mit dem Paketauslieferer bin ich übrigens schon seit Langem per du.

Vielleicht wird es ja eines Tages wieder Zuneigung. Man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben.

Dein

Stefan Möller

© Stefan Möller

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Wie nicht anders zu erwarten, regte Stefans Gastbeitrag vielfältige Diskussionen an. Nicht allein hier, sondern auf vielen anderen Kanälen im social Web. Eine Replik könnt Ihr auch auf Sophies Blog Literaturen lesen

„In den Köpfen der Menschen sind der Onlinehandel und der stationäre Handel oft durch eine dicke Mauer getrennt.“ SteglitzMind stellt Simone Dalbert von der Buchhandlung Schöningh vor

Sind Buchhändler tatsächlich die Verlierer der Digitalisierung? Wie gehen sie mit den Schreckensszenarien um? Wo sehen sie Risiken, wo Chancen und welche Weichen stellen sie, um zukunftsfähig zu bleiben? Wie halten sie es mit dem E-Book und wären Titel von Self Publishern für sie eine Option? Diese u.a. Aspekte will die Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” beleuchten, in der Interviewpartner in loser Folge standardisierte Fragen beantworten.

Welche Buchmenschen und Buchhandlungen wir zukünftig etwas näher kennenlernen, schlagen zum einen jene vor, die mir Rede und Antwort stehen. Darüber hinaus freue ich mich auf Empfehlungen von Euch, wer hier ebenfalls zu Wort kommen sollte. Und, bitte sehr, vermerkt Eure Vorschläge hier (nebst Link zur Buchhandlung); und nicht etwa auf diversen anderen Kanälen im Social Web. Danke sehr! Im Übrigen freue ich mich auch über Gastbeiträge: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen?

Wolfgang Walz aka @WileyVCH hatte empfohlen, dass wir mehr von Simone Dalbert und der Buchhandlung Schöningh in Würzburg erfahren sollten. Nun freue ich mich sehr, dass Simone der Einladung gefolgt ist und sage danke.

Eine Skizze vom Laden…

Die erste Filiale der Buchhandlung Schöningh ist schon seit 1902 am Franziskanerplatz in Würzburg ansässig, gleich neben der juristischen Fakultät der Universität, daher auch mit juristischen und zusätzlich pädagogischem Hauptsortiment. Mit den Jahren kamen Filialen dazu, eine weitere Fachbuchfiliale befindet sich auf dem Campus in Würzburg, mit natur- und geisteswissenschaftlichem Sortiment, drei weitere Filialen in Unterfranken sind belletristisch ausgerichtet.

Warum bist du Buchhändlerin geworden?

Zum einen war da natürlich die Liebe zu den Büchern, die keinem Buchhändler fehlen sollte. Genauso wichtig war mir aber, dass ich gerne mit Menschen zu tun haben wollte. Dass mir auch das Kaufmännische liegt, was im Geschäft meist gegenüber der Arbeit mit dem Medium Buch noch überwiegt, hat den Beruf rundum zu meinem Traumberuf werden lassen.

Würdest du dich unter heutigen Bedingungen abermals für diesen Beruf entscheiden?

Simone Dalbert © privat

Simone Dalbert © privat

Wahrscheinlich nicht, weil die Zukunftsaussichten nicht wirklich rosig sind. Wie es mit dem Buchhandel in zehn oder zwanzig Jahren aussehen wird, weiß niemand. Aber einfacher wird es nicht für die kleinen unabhängigen Buchhandlungen. Man braucht heute noch mehr Idealismus, um diesen Beruf zu erlernen, als ich damals vor zehn Jahren. Wenn man realistisch ist und sich nicht von einem Traumbild des Berufs Buchhändler verführen lässt.

Was hat sich in den vergangenen Jahren in deinem beruflichen Alltag verändert?

Da ich erst vor zehn Jahren die Ausbildung begann, kenne ich die Bibliographie mit Katalogen und ähnliches auch nur aus den Berichten meiner Kollegen. Aber auch in den letzten zehn Jahren ist die Welt eines Buchhändlers noch weiter digitalisiert worden. Der Online-Handel wird immer wichtiger, E-Books sind immer mehr ein Thema auch in unserem Berufsalltag. Wir müssen nicht mehr nur im Laden präsent sein, unsere Kunden suchen uns auch in den sozialen Medien und allgemein im Internet.

Die Devise heißt ja: Buchhandel go online! Was unternehmen Ihr in dieser Richtung?

Wir haben schon seit vielen Jahren einen Online-Shop, den wir gerade mal wieder komplett überarbeitet haben. Um unseren Kunden die Möglichkeit zu bieten, auch bei uns online einzukaufen. Natürlich verschicken wir versandkostenfrei, oder bieten die Selbstabholung in einer unserer Filialen an. Meistens ist das Buch schon am nächsten Tag dort, wenn es nicht sogar vorrätig war und sofort verfügbar ist. Schneller ist kein reiner Online-Versender.

Außerdem sind wir auf Facebook aktiv und haben einen Twitter-Account. Wobei Facebook im Vordergrund steht, hier ist die Interaktion mit den „Fans“ einfacher.

Das Sterben der Buchläden ist allgegenwärtig. Wo verortest du für Eure Buchhandlung die größten Gefahren?

In der Zunahme der Online-Bestellungen und der Tatsache, dass vielen unserer Kunden gar nicht bewusst ist, dass sie das auch bei uns tun könnten. Machen wir einen Kunden darauf aufmerksam, ist er oft ganz erstaunt. In den Köpfen der Menschen sind der Online- und der stationäre Handel oft durch eine dicke Mauer getrennt. Sie denken gar nicht daran, dass die Buchhandlung um die Ecke auch eine Internetseite haben könnte, wahrscheinlich sogar mit einem Shop. Wenn sie sich dessen erst mal bewusst wurden, nutzen sie oft gerne die Möglichkeit, auch bei uns online zu shoppen.

Wie haltet Ihr es es mit dem E-Book?

Am Franziskanerplatz © Buchhandlung Schöningh

Am Franziskanerplatz © Buchhandlung Schöningh

Wir verkaufen E-Books sowohl im Online-Shop als auch direkt im Laden, dort gibt es auch die E-Book Cards und natürlich E-Book Reader. Auch wenn wir damit weniger Rohertrag erwirtschaften, wegen der höheren Mehrwertsteuer von 19% und der geringeren Rabatte, ist es ein Service, den wir unseren Kunden anbieten möchten. Wer gerne E-Books lesen möchte, sollte die auch bei uns bekommen können, nicht nur bei Amazon. Denn wer dort seine E-Books kauft, kauft schnell auch die gedruckten Bücher dort und ist für uns ein verlorener Kunde.

Wäre das eine Option für Euch, auch Titel von Self Publishern anzubieten?

Wenn es ein Autor aus der Region ist oder der Titel einen regionalen Bezug hat, durchaus. Aber Regalplatz kostet uns Geld und die Auswahl viel Zeit. Wir können nicht jeden angebotenen Titel lesen um die Perlen im großen Meer der Self Publisher zu finden. Daher haben die es in einer Buchhandlung oft schwerer als andere Titel, die vorher durch die Prüfung eines Verlages gingen, dort korrigiert und lektoriert wurden.

Wie verkauft man heutzutage Bücher?

Neben dem, was Buchhändler schon lange leisten, wie die Beratung und das Finden der ganz besonderen Bücher, Bestellungen über Nacht und Recherche nach scheinbar unauffindbaren Titeln, müssen wir heute noch viel mehr nebenher leisten. Mehr Veranstaltungen wie Lesungen oder Buchpräsentationen bieten, auf mehr anderen Wegen erreichbar und mehr in Medien präsent sein.

In Würzburg haben sich vier unabhängige Buchhandlungen zu der regionalen Buy Local Initiative „Lass den Klick in Deiner Stadt“ zusammen getan. Weil wir zu viert Aktionen verwirklichen können, die einzelne Buchhandlungen neben der alltäglichen Arbeit weder zeitlich noch finanziell stemmen könnten. Und um bei unseren Kunden gemeinsam das Bewusstsein dafür zu wecken, dass auch online einkaufen regional geschehen kann und sollte, so man in Zukunft keine uniforme Innenstadt voller Ketten haben möchte. Hiermit sind wir auch bei Facebook vertreten.

Wenn du drei Wünsche frei hättest, die dir Verlage erfüllen… Welche wären das?

Kleine Leser  © Buchhandlung Schöningh

Kleine Leser © Buchhandlung Schöningh

E-Books ohne hartes DRM. Damit werden nur ehrliche Leser und Buchhändler gequält. Wasserzeichen wären vollkommen ausreichend, um die ehrlichen Nutzer vom unerlaubten Verbreiten abzuschrecken. Alle anderen kümmert auch das harte DRM nicht.

Die Anzahl der Neuerscheinungen einschränken. Müssen es wirklich 80.000 im Jahr sein? Ohne mir ein Urteil darüber anmaßen zu wollen, was jemand liest, das kann nicht alles lesenswert sein.

Vergesst die vielen kleinen Buchhändler nicht. Wir machen einzeln nicht den Umsatz einer großen Filialkette oder sogar eines Online-Riesen. Aber wollt ihr wirklich, dass die Kleinen mit der Nähe zum Kunden immer weniger werden?

Und was würdest du dir vom Börsenverein für den deutschen Buchhandel wünschen?

Dass die Metadatenbank mit den zahlreichen Zusatzinhalten, die sie momentan planen, tatsächlich und möglichst schnell verwirklicht wird, da sie auch für Buchhändler ein großartiges Werkzeug wäre.

Was treibt dich in der literarischen Szene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Die vielen Diskussionen zum Umgang der Buchhändler mit der digitalen Welt. Viele verschließen sich ihr noch immer komplett, hoffen anscheinend, dass sie vorüber ziehen möge. Andere probieren aus, wagen neue Wege und versuchen, den Richtigen in eine erfolgreiche Zukunft zu finden. Welcher das ist, weiß niemand von uns. Aber einfach weitermachen wie bisher, empfinde ich als den falschen Weg.

Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen?

Damit sie auch weiterhin von Buchhändlern mit einem freundlichen Lächeln empfangen werden können, persönliche Buchtipps bekommen und in angenehmer Atmosphäre in Büchern stöbern können, Titel entdecken, die ihnen ein Algorithmus niemals vorgeschlagen hätte. Es sind viele Kleinigkeiten, die die Persönlichkeit einer Buchhandlung ausmachen. Hat zum Beispiel ein Computer schon einmal verhindert, dass ein Ehepaar sich gegenseitig das gleiche Buch unter den Weihnachtsbaum legt? Ohne dass die Betroffenen es mitbekommen hätten?

Welche anderen Buchhandlungen empfiehlst du? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Ich würde gerne Stephanie Kaiser von Köndgen hier lesen. Beate Laufer-Johannes von der Bücherinsel in Frauenaurach hast Du schon in der Reihe, oder? Wie sieht es mit Herrn Robert Stöppel von Stöppel aus? Nummer drei wäre Herr Jan Hoffmann von Buchhandlung Hoffmann in Eutin.

Danke, Simone, schön dass du dabei bist. Und dann gibt es ja auch dein Blog Papiergeflüster unter anderem mit Geschichten aus dem Buchhändlerleben, die du neuerdings auch als E-Book und gedruckt herausgebracht hast…

Die Buchhandlung Schöningh findet man hier im Netz: Die Homepage für Belletristik, die Homepage für das Fachbuch-Sortiment, bei Facebook und bei Twitter.

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Zu Wort gekommen sind bislang:

Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung in Stuttgart/Vaihingen

Edda Braun mit ihrer Buchhandlung am Turm in Ochsenfurt

Samy Wiltschek von der Kulturbuchhandlung Jastram in Ulm

Margarete Haimberger mit ihrer Schröersche Buchhandlung in Berlin/Schöneberg

Sonja Lehmann vom Bücherwurm Borken im Nordhessischen

Martina Bergmann mit der Buchhandlung Frau Bergmann in Borgholzhausen

Thomas Calliebe mit seiner Buchhandlung Calliebe in Groß-Gerau

Mila Becker mit Milas Buchladen in Voerde

Trix Niederhauser aus der Schweiz von der  Buchhandlung am Kronenplatz in Burgdorf/Emmental



„Was ich gelesen habe, kann ich in der Regel auch verkaufen.“ SteglitzMind stellt Trix Niederhauser von der Buchhandlung am Kronenplatz vor

Sind Buchhändler tatsächlich die Verlierer der Digitalisierung? Wie gehen sie mit den Schreckensszenarien um? Wo sehen sie Risiken, wo Chancen und welche Weichen stellen sie, um zukunftsfähig zu bleiben? Wie halten sie es mit dem E-Book und wären Titel von Self Publishern für sie eine Option? Diese u.a. Aspekte will die Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” beleuchten, in der Interviewpartner in loser Folge standardisierte Fragen beantworten.

Welche Buchmenschen und Buchhandlungen wir zukünftig etwas näher kennenlernen, schlagen zum einen jene vor, die mir Rede und Antwort stehen. Darüber hinaus freue ich mich auf Empfehlungen von Euch, wer hier ebenfalls zu Wort kommen sollte. Und, bitte sehr, vermerkt Eure Vorschläge hier (nebst Link zur Buchhandlung); und nicht etwa auf diversen anderen Kanälen im Social Web. Danke sehr! Im Übrigen freue ich mich auch über Gastbeiträge: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen?

Trix Niederhauser habe ich gebeten, hier mit zu tun. Sie hatte sich verschiedentlich zum Beitrag von Edda Braun geäußert; unter anderem dahingehend: „Die Bezahlung mag einer Verkäuferin gleich kommen – aber es ist nach wie vor (für mich) ein absoluter Traumberuf, wenn man in einer kleinen Buchhandlung arbeiten kann, mit den meisten Kunden per Du ist, um Rat oder eine ehrliche Meinung gefragt wird und es wichtig ist, wenn man sich mit den Neuerscheinungen auseinandersetzt – eigentlich was man früher unter Buchhändlerin verstanden hat. Ich habe dieses Glück.“

Nun freue ich mich, dass wir heute mehr über eine Buchhändlerin aus der Schweiz und die Buchhandlung am Kronenplatz in Burgdorf/Emmental erfahren dürfen, und sage Trix herzlich danke.

Eine Skizze vom Laden…

Die Buchhandlung am Kronenplatz steht in Burgdorf (Emmental, Schweiz) und wurde 1831 gegründet, damals unter dem Namen Langlois. 2009 haben wir uns mit der ebenfalls ortsansässigen Buchhandlung Volare zusammen geschlossen und uns in Buchhandlung am Kronenplatz umbenannt. Allerdings wird nach wie vor von Langlois gesprochen, wenn jemand die Buchhandlung meint.

Wir führen alle Gebiete, sind etwas spezialisiert auf Krimis, da wir die Buchhandlung der Burgdorfer Krimitage, dem größten Krimifestival in der Schweiz sind.

Warum sind Sie Buchhändlerin geworden?

Aus Liebe zu den Büchern – ist wohl die Standartantwort, aber stimmt natürlich. Mit zehn Jahren war mir klar, dass es für mich nur einen Beruf gibt: Buchhändlerin. Zum Glück hat es geklappt und ich bin nach wie vor mit Leib und Seele dabei.

Würden Sie sich unter heutigen Bedingungen abermals für diesen Beruf entscheiden?

die glückliche Buchhändlerin © Trix Niederhauser

die glückliche Buchhändlerin © Trix Niederhauser

Ich arbeite hier unter den denkbar besten Voraussetzungen (ich bin Geschäftsführerin und habe völlig freie Hand), weiß aber auch, dass dies ein Privileg ist. Wenn ich mir den Buchhandel mit den Buchketten anschaue, würde ich es mir heute sicher gut überlegen, und mich vermutlich wieder für diesen Beruf entscheiden, in der Hoffnung, erneut eine Anstellung in einer kleinen, unabhängigen Buchhandlung zu finden (man ist in diesem Alter ja noch etwas naiv und denkt, dass man alles schaffen kann).

Was hat sich in den vergangenen Jahren in Ihrem beruflichen Alltag verändert?

Es sind vor allem die technischen Errungenschaften, wie der Buchkatalog auf CD-ROM, das Bestellwesen, Internet. Was neu dazu kommt: Da wir in der Schweiz keine Buchpreisbindung mehr haben, müssen wir für Firmen/ Schulen Offerten schreiben und gehen dadurch bis an den Rand der Möglichkeiten (die Marge wird bis zum Geht-nicht-mehr gedrückt), eine Entwicklung, die mir nicht gefällt.

Die Devise heißt ja: Buchhandel go online! Was unternehmen Sie in dieser Richtung?

Natürlich haben auch wir eine Homepage mit Buchkatalog, inkl. der Möglichkeit E-books herunterzuladen und wir sind auf Facebook vertreten, wobei die meisten Liker aus Deutschland sind und von daher als Kunden leider nicht in Frage kommen, trotzdem freue ich mich darüber.

Das Sterben der Buchläden ist allgegenwärtig. Wo verorten Sie für Ihre Buchhandlung die größten Gefahren?

Sicher sind Internetshops nicht zu unterschätzen, gerade weil wir keine Buchpreisbindung haben und es Anbieter gibt, die auf jeden Ladenpreis 20% geben, damit können wir schlichtweg nicht konkurrieren.

Wie halten Sie es mit dem E-Book?

Wir bieten in unserem Shop natürlich E-books an, haben diese auch etwas beworben, allerdings scheint sich unsere Kundschaft bisher fast nur für „richtige“ Bücher zu interessieren.

Mir ist viel mehr daran gelegen, die Kunden im Laden zu haben, an den E-books verdient man viel zu wenig (und mich braucht es dazu eigentlich gar nicht), ich betrachte sie als netten Zusatz.

Wäre das eine Option für Sie, auch Titel von Self Publishern anzubieten?

Es kommt immer wieder vor, dass uns Eigenproduktionen angeboten werden, in der Regel von Menschen aus unserem näheren Buchhandlungsumfeld, sprich regionale Geschichten. Da bin ich immer offen und nehme sie in Kommission. Allerdings verkaufen sich solche Werke meist schlecht. Oft ist die sprachliche Qualität leider nicht besonders gut. Ein Lektorat/ Korrektorat ist sehr wichtig, das fehlt in der Regel.

Wie verkauft man heutzutage Bücher?

der Buchladen ©  Trix Niederhauser

der Buchladen © Trix Niederhauser

Mit Persönlichkeit, Großzügigkeit und einem guten Service. Das heißt, ich lese so viel wie möglich, kaufe meiner Kundschaft entsprechend ein, was nach 20 Jahren am gleichen Ort machbar ist, versuche für jeden das richtige Buch zu finden, mit wenig Angaben einen Titel suchen (ich lasse nicht so schnell locker), bringe auch oft nach Ladenschluss ein Buch vorbei, öffne die Ladentür, auch wenn eigentlich noch nicht offen wäre. Mit dem größten Teil der Kundschaft bin ich per Du, das schafft eine sehr persönliche Atmosphäre, man nimmt am Leben seiner Kunden ein bisschen teil.

Alle paar Monate packe ich ein paar Kisten Bücher und fahre damit ins Seniorenheim, wo ich einen Nachmittag lang eine Buchhandlung führe und in der Regel schon freudig erwartet werde. Zudem machen wir hier den Vorverkauf für diverse Theater, wenn irgendwo ein Büchertisch gewünscht wird, fahre ich hin, auch wenn dies oft nicht lukrativ ist. Ich bin im Organisationskomitee der Burgdorfer Krimitage, organisiere da sämtliche Lesungen und führe abends nach Ladenschluss während dem 10-tägigen Festival eine kleine Krimibuchhandlung in der Krimikneipe und eile mit den Büchern von Veranstaltung zu Veranstaltung.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, die Ihnen Verlage erfüllen… Welche wären das?

Ich wäre schon zufrieden, wenn auf jedem Umschlag ein paar Angaben zum Inhalt stehen würden und keine geheimnisvollen Sätze aus dem Buch. Es mag originell sein, aber die Kunden legen so ein Buch meist zurück.

Wieder mehr Leseexemplare im Hinblick auf den Einkauf und natürlich den Verkauf. Was ich gelesen habe, kann ich in der Regel auch verkaufen.

Manchmal wäre weniger mehr. Die Bücherflut ist gewaltig und Perlen gehen manchmal unter.

Was treibt Sie in der literarischen Szene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Am ehesten noch der Preiskampf, allerdings lasse ich mir deswegen keine grauen Haare wachsen und freue mich über die vielen interessanten Bücher, die Perlen, die immer wieder ausgegraben werden.

Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen?

Weil die Atmosphäre einfach schön ist, man über Bücher diskutieren und sie in die Hände nehmen kann, zudem erhält man gute Tipps fern der Bestsellerliste und auf die Person abgestimmt. Außerdem haben wir hier immer viel zu lachen und wir hören zu, auch wenn es nicht um Bücher geht.

Welche anderen Buchhandlungen empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

In der Schweiz wäre sicher Marianne Sax (Bücherladen Marianne Sax) eine interessante Buchhändlerin und in Deutschland gibt es Beate Laufer-Johannes von der Bücherinsel in Frauenaurach, die mit Leib und Seele unserem Beruf nachgeht.

Danke vielmals!

Die Schweizer Buchhandlung am Kronenplatz findet Ihr im Netz: Die Homepage, die Präsenz bei Facebook und das Krimifestival, das Lieblingsfestival der Buchhandlung.

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Zu Wort gekommen sind bislang:

Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung in Stuttgart/Vaihingen

Edda Braun mit ihrer Buchhandlung am Turm in Ochsenfurt

Samy Wiltschek von der Kulturbuchhandlung Jastram in Ulm

Margarete Haimberger mit ihrer Schröersche Buchhandlung in Berlin/Schöneberg

Sonja Lehmann vom Bücherwurm Borken im Nordhessischen

Martina Bergmann mit der Buchhandlung Frau Bergmann in Borgholzhausen

Thomas Calliebe mit seiner Buchhandlung Calliebe in Groß-Gerau

Mila Becker mit Milas Buchladen in Voerde

„Ich glaube das Jammertal ist langsam durchschritten.“ SteglitzMind stellt Mila Becker von „Mila Becker Buch & Präsent““ vor

Sind Buchhändler tatsächlich die Verlierer der Digitalisierung? Wie gehen sie mit den Schreckensszenarien um? Wo sehen sie Risiken, wo Chancen und welche Weichen stellen sie, um zukunftsfähig zu bleiben? Wie halten sie es mit dem E-Book und wären Titel von Self Publishern für sie eine Option? Diese u.a. Aspekte will die Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” beleuchten, in der Interviewpartner in loser Folge standardisierte Fragen beantworten.

Dass wir heute Mila Becker mit Mila Becker Buch & Präsent näher kennenlernen sollten, der in Voerde ansässig ist, hatte Eva Hehemann vorgeschlagen, und zwar folgendermaßen: „Mila Becker in Voerde sagt, ihre Kund_innen kämen mit ausgedruckten Amazon-Bestellzetteln zu ihr, damit sie ihnen die gewünschten Bücher beschaffen kann. Das ist wohl buy local in Perfektion.“

Ich freue sehr mich, dass Mila dabei ist, und sage ihr herzlich danke – auch für die netten Telofonate…

Eine Skizze vom Laden …

In Voerde-Friedrichsfeld seit September 1996. Belletristik, Kinder- und Jugendbuch.

lesende Buchhändlerin ©  Mila Becker

lesende Buchhändlerin © Mila Becker

Warum bist du Buchhändlerin geworden?

Reiner Zufall. Ich wurde sechs Wochen vor meinem Examen gefragt, ob ich nicht eine Buchhandlung übernehmen wolle. Und ich habe ja gesagt.

Würdest du dich unter heutigen Bedingungen abermals für diesen Beruf entscheiden?

Ja. Ich glaube das Jammertal ist langsam durchschritten. Die ehemaligen Marktriesen bluten, das Internet ist etabliert und die unabhängigen Buchhandlungen, die bis jetzt durchgehalten haben, haben in meinen Augen auch eine reelle Chance ihren Platz zu behaupten.

Was hat sich in den vergangenen Jahren in deinem beruflichen Alltag verändert?

Die Kunden haben ja auch alle Internet und selbst die Senioren sind toll informiert. Da heißt es wacher zu sein und mehr Service anzubieten. Man darf sich kaum noch Schwächen leisten.

Die Devise heißt ja: Buchhandel go online! Was unternimmst du in dieser Richtung?

Eigener Internetauftritt, Facebook, Online-Bestellungen, Antiquariat, Suchaufträge…. Was man halt so macht!

Das Sterben der Buchläden ist allgegenwärtig. Wo verortest du für deine Buchhandlung die größten Gefahren?

Warum sprechen alle immer nur vom Sterben?? Thalia, Weltbild und Co. schwächeln gewaltig. Diese sind aber auch für einen Großteil des Sterbens verantwortlich gewesen. Vielleicht sollte man wieder mehr auf die Neueröffnungen blicken, statt nur auf dieser ewigen Dauerdepression herum zu reiten. Hätten die Verlage übrigens den unabhängigen Sortimentern die gleichen Konditionen gewährt, wie den Riesen, die sie letztendlich nur über den Tisch gezogen haben, hätten wir auch schon mehr Spaß im Buchhändleralltag gehabt!

Wie hältst du es mit dem E-Book?

Buch & Präsent ©  Mila Becker

ein schönes Heim © Milas Buchladen

Bieten wir natürlich an, ebenso die Reader. Für den Urlaub und als Arbeitserleichterung haben sie durchaus ihren Platz und ihre Berechtigung. Ich habe auch so ein Ding. Nutze es aber nur im Notfall. Ich will richtige Bücher! Und ich biete allen gerne ein schönes Heim und möchte sie auch um mich haben. Ich finde das Getöse, welches um die E-Books gemacht wird, vollkommen übertrieben.

Wäre das eine Option für dich, auch Titel von Self Publishern anzubieten?

Ich biete sie an. Allerdings nur , wenn sie mich wirklich überzeugen. Der  Haken bei diesen ist, und ich höre schon den Aufschrei, man sieht es ihnen leider zu 90% an. Das Auge isst ja bekanntlich auch mit, und die meisten sehen vollkommen unprofessionell aus. Wenn man da dann nicht 100% hinter steht, liegen diese, wie in Blei gegossen.

Wie verkauft man heutzutage Bücher?

Mit Spaß, Herzblut, Neugier, Wissen und Optimismus und einem schönen Ambiente. Ein bisschen Schnickschnack macht den Laden gemütlicher und lockt noch zusätzliche Käufer hinein.

Wenn du drei Wünsche frei hättest, die Verlage erfüllen… Welche wären das?

Die gleichen Konditionen, die auch Thalia und Konsorten haben, und Autorensponsering.

Bei Carlsen wäre mein Wunsch ganz konkret! Ich möchte meinen Herrn Branding zurück!!

Stopt die irrsinnige Masse an Neuerscheinungen. Es gibt nicht weniger Leser, es gibt zu viele Bücher. Gegen diese unendliche Flut, die produziert wird, kann weder der gutwilligste Buchhändler, noch der ambitionierte Leser ankommen. Nicht Masse, sondern Klasse wäre mal wieder angesagt!

Und was würdest du dir vom Börsenverein für den deutschen Buchhandel wünschen?

voller Preziosen © Mila Becker

voller Preziosen © Milas Buchladen

Sozial verträglichere Mitgliedsbeiträge. Die Seminarsangebote sind ebenfalls zu teuer.

Was treibt dich in der literarischen Szene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Bin gerade mitten in der Organisation. Wenn die Ergebnisse stehen, werden sie hier zu finden sein.

Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen?

Weil es sonst irgendwann keine mehr gibt. Im Gegensatz zum normalen Einzelhandel haben wir ja auch die Preisbindung, man hat also keinen Preisvorteil, wenn man im Internet bestellt, so schnell sind wir allemal und es ist einfach persönlicher. Es kommt auch nicht zu so fatalen Fehlern wie bei Amazon, das sich ein Schriftsteller wie Andreas Séché direkt neben den Shades of Grey wieder findet!

Welche anderen Buchhandlungen empfiehlst du? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Buchhandlung Taube in Marbach und die beiden Schmitz-Buchhandlungen in Essen-Werden!

Danke, Mila. Und ich bin äußerst gespannt, was dich momentan im Literaturbetrieb besonders umtreibt. Ich hoffe ja, wir lesen darüber dann tatsächlich auch hier…

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Zu Wort gekommen sind bislang: Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung in Stuttgart/Vaihingen, Edda Braun mit ihrer Buchhandlung am Turm in Ochsenfurt, Samy Wiltschek von der Kulturbuchhandlung Jastram in Ulm, Margarete Haimberger mit ihrer Schröersche Buchhandlung in Berlin/Schöneberg, Sonja Lehmann vom Bücherwurm Borken im Nordhessischen, Martina Bergmann mit der Buchhandlung Frau Bergmann in Borgholzhausen und Thomas Calliebe mit der Buchhandlung Calliebe in Groß-Gerau.

Welche Buchmenschen und Buchhandlungen wir zukünftig etwas näher kennenlernen, schlagen zum einen jene vor, die mir Rede und Antwort stehen. Darüber hinaus freue ich mich auf Empfehlungen von Euch, wer hier ebenfalls zu Wort kommen sollte. Und, bitte sehr, vermerkt Eure Vorschläge hier (nebst Link zur Buchhandlung); und nicht etwa auf diversen anderen Kanälen im Social Web. Danke sehr!

„Ich sehe schon mittelfristig keine Perspektive für das Berufsbild.“ SteglitzMind stellt Thomas Calliebe von der Buchhandlung Calliebe vor

Sind Buchhändler tatsächlich die Verlierer der Digitalisierung? Wie gehen sie mit den Schreckensszenarien um? Wo sehen sie Risiken, wo Chancen und welche Weichen stellen sie, um zukunftsfähig zu bleiben? Wie halten sie es mit dem E-Book und wären Titel von Self Publishern für sie eine Option? Diese u.a. Aspekte will die Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” beleuchten, in der Interviewpartner in loser Folge standardisierte Fragen beantworten. – Etwas mehr zum Vorhaben hier.

Thomas Calliebe bekundete zum Start der Reihe, dass er auf die Beiträge gespannt sei. Da habe ich nicht lange gefackelt und ihn gebeten, hier mitzutun. Er sagte prompt zu und nun freue ich mich, dass wir heute etwas mehr über ihn und die Buchhandlung Calliebe erfahren dürfen, die in Groß-Gerau ansässig ist. – Ich sage Thomas danke!

Eine Skizze vom Laden…

1982 hat meine Mutter die 1976 gegründete Buchhandlung, mit allgemeinem Sortiment, gekauft. Bis 1998 firmierten wir unter Buch & Kunst, Meta Calliebe, dann habe ich die Buchhandlung von ihr übernommen. Sie arbeitet bis heute im Laden mit. Groß-Gerau ist eine Kreisstadt und Mittelzentrum, wir liegen mit unseren 60qm in einer 2b-Lage mit sehr guter Parkplatzanbindung, aber wenig Laufkundschaft. In gut erreichbarer Nähe liegen Darmstadt, Mainz, Wiesbaden und Frankfurt.

Warum sind Sie Buchhändler geworden?

Lesen war, wie könnte es anders sein, schon seit der Jugend meine Leidenschaft, was durch die Mitarbeit in der Buchhandlung und den Kontakt zu Büchern und Kunden noch verstärkt wurde. So war ich in der glücklichen Lage, mich beruflich an meiner Neigung zum Lesen orientieren zu können.

Würden Sie sich unter heutigen Bedingungen abermals für diesen Beruf entscheiden?

Nein, weil ich schon mittelfristig keine Perspektive für das Berufsbild sehe. Zu einschneidend sind die Veränderungen und Verwerfungen in der Branche.

Was hat sich in den vergangenen Jahren in Ihrem beruflichen Alltag verändert?

der Mann im Laden  ©  Thomas Calliebe

der Mann im Laden © Thomas Calliebe

Die Einführung der Warenwirtschaft light, zunächst über KNV, später dann Libri pro5 hat die Abläufe natürlich extrem verändert. Der Erkenntnisgewinn war von Anfang an enorm. Wir sind noch heute mitunter erstaunt, wie groß die Diskrepanz zwischen Bauchgefühl und harten Zahlen sein kann.

Der Service für die Kunden wurde erweitert, heute besorgen wir auch Musik-CDs, DVDs, Spiele, weit über das Angebot des Barsortiments hinaus und extrem knapp kalkuliert, um den Servicebereich abzurunden. Die Antiquariatssparte haben wir stark ausgebaut und kaufen seit einigen Jahren Bücher an, um sie über diverse Internet-Plattformen anzubieten. Das Rechnungskundengeschäft, hauptsächlich mit Schulen, wird ständig erweitert.

Bei Libri haben wir die „Themenwelten“ abonniert, was in Sachen Sortiment ein guter Zugewinn des Angebots darstellt. So haben wir einmal im Monat ein Thema, z.B. skandinavische Krimis, Design oder Kinderliteratur, die Bücher incl. Dekomaterial. Weiterhin arbeiten wir mit dem Regalmanager von Libri bei Hörbüchern und dem Thema Psychologie/Lebensberatung und sehen hier eine gute Sortimentserweiterung. Die Titel werden von Libri laufend durch neue ausgetauscht, dabei entstehen keine Remikosten.

Die Devise heißt ja: Buchhandel go online! Was unternehmen Sie in dieser Richtung?

Wir haben seit vielen Jahren unseren Webshop über die Anbindung von Libri. Zunächst war das eine ungeliebte Angelegenheit, weil die Rabatte nicht stimmten. Titel, die wir in Partiestärke im Laden hatten, wurden uns von den Kunden über den Onlineshop zu Minimalkonditionen ins Abholfach bestellt. Seit Libri die Rabatte angepasst hat, wird der Internetauftritt von uns stark umworben und gerne als Erweiterung unseres Gesamtangebotes genutzt.

Seit einem guten Jahr arbeite ich an der Facebookseite der Buchhandlung, was ich als sehr interessante und wirksame Präsentationsmöglichkeit für uns sehe. Die Fangemeinde und der Austausch auf der Seite wachsen ständig.

Das Sterben der Buchläden ist allgegenwärtig. Wo verorten Sie für Ihre Buchhandlung die größten Gefahren?

Durch unser starkes Rechnungskundengeschäft sehe ich die Gefahr durch die Digitalisierung bei den Schulbüchern und den Fortsetzungswerken für Steuerberatungen und Rechtsanwälte. Wir erleben bei Schulbuchbestellungen, dass bisher stark genutzte Bücher plötzlich nur noch „in digitaler Form“ lieferbar und damit für Buchhandlungen nicht mehr bestellbar sind. Bei den Fachbüros ist es eher eine Frage, wie bereit deren Inhaber sind, den digitalen Weg zu beschreiten, der dann auch ohne bzw. nur noch über wenige Fachbuchhandlungen stattfinden wird.

der Buchladen ©  Thomas Calliebe

der Buchladen © Thomas Calliebe

Wie halten Sie es mit dem E-Book?

Wir haben von Anfang an E-Book-Reader mit angeboten und stellen über den Shop natürlich auch Download-Möglichkeiten zur Verfügung. Ich sehe allerdings für uns hier keine Zukunft. Digital heißt Internet, das wird auch kein „buy local“ ändern. Es ist ein Widersinn, im Buchhandel mit Onlinegeschäften eine Ladenmiete erwirtschaften zu wollen.

Wäre das eine Option für Sie, auch Titel von Self Publishern anzubieten?

Wir führen selbstverständlich Titel von Autoren aus unserer Region, auch Self Publisher – allerdings hat das nichts mit Umsatz oder gar Gewinn zu tun. Diese Titel sind mangels Marketing sehr beratungsintensiv und zudem nur mäßig rabattiert. Auf den gesamten Buchmarkt bezogen vertraue ich auf Bücher aus eingeführten Verlagen, weil ich mir hier in Bezug auf Inhalt, Form und Gestaltung sicher sein kann.

Wie verkauft man heutzutage Bücher?

Eine unserer Stärken, von der selbstverständlichen individuellen Beratung einmal abgesehen, ist die Leseförderung in Kindergärten und Grundschulen. Dabei reicht das Spektrum von Veranstaltungen, Lesungen, Bücherspenden bis hin zu den Lesetüten- und Lesekofferaktionen mit den Verlagen Oetinger und Ravensburger.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, die Ihnen Verlage erfüllen… Welche wären das?

Da sind wir derzeit wunschlos glücklich. Die Verlage haben sich sehr gut auf den Wandel eingestellt und bieten auch für kleine Sortimentsbuchhandlungen attraktive Aktionen.

Und was würden Sie sich vom Börsenverein für den deutschen Buchhandel wünschen?

Der Börsenverein leistet gute Arbeit. Lediglich bei der Gestaltung des Mitgliedsbeitrages stehe ich auf dem Standpunkt, dass ein geringerer Umsatz bei den Sortimentern auch zu geringeren Mitgliedsbeiträgen führen muss. Da läuft im Verband derzeit eine Gegenbewegung, um das Gesamtbeitragsniveau nicht weiter absinken zu lassen.

Was treibt Sie in der literarischen Szene, dem Literaturbetrieb derzeit besonders um?

Ich sehe den ganzen Literaturbetrieb einem gigantischen Wandel unterworfen. Da sind die Autoren, die zwischen der Publikation in klassischen Buchverlagen und Online-Self-Publishing wählen können, die Rezension zwischen klassischem Feuilleton und Blog, die Publikation zwischen Print und Ebook, irgendwo dazwischen taumelt noch der Buchhandel, versucht Schritt zu halten und einen Weg zu finden.

Warum sollten Kunden in eine Buchhandlung gehen?

Weil sie in einer Buchhandlung vieles finden, was ihnen das Internet nicht bieten kann: Das Stöbern, das Reinlesen, das unnachahmliche Gefühl, ein gutes Buch in der Hand zu halten, die Gespräche, nicht zuletzt die Sozialkontakte, um nur ein paar Dinge zu nennen.

Welche anderen Buchhandlungen empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Das Lesecafé in Frankfurt am Main ist leider online nicht präsent. Als Gesprächspartnerin möchte ich Frau Bornhofen von der Buchhandlung Bornhofen in Gernsheim benennen.

Danke, Thomas, es war mir ein Vergnügen!

Die Buchhandlung von Thomas Calliebe findet Ihr hier im Netz: der Online-Shop, hier gibt es antiquarische Bücher und da geht es zur Facebook-Seite

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Zu Wort gekommen sind bislang: Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung in Stuttgart/Vaihingen, Edda Braun mit ihrer Buchhandlung am Turm in Ochsenfurt, Samy Wiltschek von der Kulturbuchhandlung Jastram in Ulm, Margarete Haimberger mit ihrer Schröersche Buchhandlung in Berlin/Schöneberg, Sonja Lehmann vom Bücherwurm Borken im Nordhessischen und Martina Bergmann mit der Buchhandlung Frau Bergmann in Borgholzhausen.

Welche Buchmenschen und Buchhandlungen wir zukünftig etwas näher kennenlernen, schlagen zum einen jene vor, die mir Rede und Antwort stehen. Darüber hinaus freue ich mich auf Empfehlungen von Euch, wer hier ebenfalls zu Wort kommen sollte. Und, bitte sehr, vermerkt Eure Vorschläge hier (nebst Link zur Buchhandlung); und nicht etwa auf diversen anderen Kanälen im Social Web. Danke sehr!