Die unglaubliche und eigentlich unwahrscheinliche Geschichte der ersten West-Buchhandlung in der DDR

Ein Gastbeitrag von Theo Schäfer

Alles war anders als vorher – aber nachher war auch wieder alles anders

Als am Montag, dem 18. Dezember 1989 gegen 8 Uhr in der Früh eine fahle Wintersonne ihre ersten tastenden Strahlen vom östlichen Horizont nach Dresden sickern ließ, waren sie gerade noch stark genug, winzige Feuerblitze an den güldenen Flanken des Goldenen Reiters zu entfachen. Die Szene, die sich den Augen des seit Jahrhunderten nach Osten galoppierenden August des Starken darbot, war eigentlich gespenstisch. Neben dem Sockel seines Denkmals endete eine dunkelgraue, nahezu unbewegliche Kolonne von Menschen, die mehre hundert Meter lang in Dreier- und Viererreihen in die Straße der Befreiung hineindrängte. Das Ziel dieser nur leise in sich wogenden grauen Masse war der Eingang zu dem an diesem Tage eröffneten Club-Center des Bertelsmann Buchclubs.

Dass in diesem Menschen-Konvolut Leben herrschte, war vor allem daran abzulesen, dass der Atem aller hier Wartenden in der 16 Grad kalten Winterluft zu kurzlebigen Eisfähnchen erstarrte. Ich stand dieser Szenerie völlig hilflos gegenüber, wissend, wie klein unsere Buchhandlung war, ahnend, wie unendlich lang diese Menschen in der klirrenden Kälte auszuharren haben würden. Ein Kollege ließ sich mit dem Auto an der wartenden Menschenmenge entlang fahren, streckte seinen Kopf durch das geöffnete Schiebedach, forderte die Menschen mit Hilfe eines Megaphons dazu auf, angesichts der Kälte nach Hause zu gehen: „Wir sorgen dafür, dass Sie alle die gewünschten Bücher erhalten, morgen gegen 8 Uhr kommt schon die nächste Lieferung, da müssen Sie dann nicht mehr so lange warten!“

Kein einziger Mensch verließ die Warteschlange. Augenzeugen berichteten später, diese Warteschlange sei deutlich länger gewesen, als jene vor den ersten Visa-Schaltern für Westreisen. Übrigens war die Schlange am nächsten Tag nicht kürzer, am übernächsten Tag genauso wenig – sie war im wortwörtlichen Sinn zu einer stehenden Einrichtung der Straße der Befreiung geworden und blieb es auch bis zum endgültigen Ladenschluss zehn Tage später.

Am 9. November war die Mauer gefallen, nichts war mehr wie vorher. Dass fünf Wochen später in der Straße der Befreiung 36 ein komplett eingerichteter, moderner und schöner Buchladen seine Pforten öffnen konnte, hat natürlich eine Vorgeschichte, eine sehr kurze, sehr dramatische, sehr schöne Vorgeschichte.

Zwei Versionen leben in der Erinnerungen derer, die damals dabei gewesen sind: Die eine erzählt, dass der charaktervolle und angstfreie Dresdener Oberbürgermeister, ja, genau jener, der als erster mit den „Konterrevolutionären“ sprach und sie um einen runden Tisch versammelte, also Wolfgang Berghofer, den Vorstandvorsitzenden der Verlagsgruppe „Gruner & Jahr“, die zum Medienkonzern Bertelsmann gehörte und gehört, die Frage gestellt hat, ob es denn denkbar und möglich sei, für die Bürger Dresdens noch vor Weihnachten einen westlichen Buchladen zu eröffnen. Die andere Version erzählt, dass aus dem Druckmaschinen-Kombinat „Planeta“ in Dresden, zu dessen größten Kunden Bertelsmann gehörte, der entscheidende Tipp an den Rat der Stadt Dresden ergangen sei. Und dass daraufhin der stellvertretende Bürgermeister die Bertelsmänner zu einem vorweihnächtlichen Testverkauf eingeladen habe. Wahrscheinlich ist an beiden Versionen etwas dran.

Von nun an wurde es turbulent, kurz darauf wuchs aus der Turbulenz hechelnde Hektik: Am 4. Dezember beschloss die Geschäftsleitung des Bertelmann Clubs, noch vor den Festtagen einen kompletten Buchladen in Dresden zu eröffnen. In diesem Zusammenhang ist der Hinweis darauf dienlich, dass man damals in Dresden weder einen Nagel, noch einen Sack Gips oder gar ein Buchregal hätte kaufen können. Vorhanden waren zwei nackte, kahle Räume, von der Stadt zur Verfügung gestellt. Alles andere musste aus dem provinziellen ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück in die geschichtspralle Residenzstadt Dresden gekarrt werden. Und man nahm sich immerhin 14 Tage Zeit, um zu planen, die erforderliche Mannschaft zu definieren und zu informieren, Bücher, Mörtel, Nägel, Schrauben und Mobiliar zu organisieren, die erforderliche Bürokratie zu bewältigen, Werbematerialien inklusive Beitrittserklärungen zu drucken. Darf doch ein Buchclub die deutlich preisgünstigeren Lizenzausgaben ausschließlich an eingetragene Mitglieder verkaufen.

Alles schien wie am Schnürchen zu laufen. Zumindest was die DDR-Obrigkeit betraf – sie schien gar nicht vorhanden zu sein, offensichtlich war alles von höherer Stelle mit höchstem Wohlwollen gesegnet worden. Keiner fragte nach Genehmigungen, niemand interessierte sich für Beglaubigungen, keiner kümmerte sich um Berechtigungen. In der Straße der Befreiung war man – zum ersten Mal in der Geschichte dieser Straße mit dem so schönen Namen – von allem befreit!

Trotzdem gab es sehr dramatische Stunden, als unsere beiden Sattelschlepper bei Bad Hersfeld vom bundesrepublikanischen Zoll festgehalten worden: Ein bornierter und besonders blöder Beamter wollte überprüfen, ob die irgendwo in einem der beiden Sattelschlepper verstauten mehrere Jahre alten Registrierkassen nicht aufgrund des Technologietransfergesetzes Einreiseverbot bekommen müssten. Als ich dann im zuständigen Bonner Ministerium dem entsprechenden Ministerialdirigenten mitteilte, er werde am kommenden Tag in der BILD-Zeitung als „Deutschlands dümmster Beamter, der den Dresdener Brüdern und Schwestern die Weihnachtsfreude nicht gönnt“ auf der Titelseite prangen, kam das Signal für freie Fahrt sehr flott. Nobel war das nicht von mir, aber die Story war tatsächlich abgesprochen und kein Bluff. Jeder Journalist hätte im Wirbel des Ost-West-Freudentaumels damals mitgemacht. Und mich hat nie ein Gewissensbiss in diesem Kontext geplagt.

pixabay public domain

pixabay public domain

Von diesem 4. Dezember an war alles in Bewegung – nur August der Starke blieb ganz ruhig und unbewegt, galoppierte standhaft gen Osten, ganz so wie er es seit dem Jahre 1734 zu tun pflegt. Alle anderen Menschen an diesem Ort gaben sich den Tagwerken und ohne Pause den Nachtwerken hin. Als man begann, die Schaufenster zu dekorieren, wurden im Lager die Wände noch mit Gips geglättet und dann weiß gepinselt. Und am Sonntag, dem 17.12. war tatsächlich alles Fertig, auch die beteiligten Mitarbeiter. An den Schaufensterscheiben drückten sich viele Neugierige die Nasen platt, wurden natürlich eingelassen, bestaunten die 10.000 Bücher in den Regalen, unterschrieben die Beitrittserklärung und so verfügte der DDR-Club vor der Eröffnung bereits über 1200 Mitglieder – ein in der über 40jährigen Clubgeschichte einmaliger Vorgang.

Einmalig war auch das Interesse der Medien, und das war keineswegs den so besonders tüchtigen, wackeren und emsigen Club-Mitarbeitern zu danken. Begab es sich doch am nämlichen Tag, dass es Helmut Kohl gefiel, Dresden seinen allerhöchsten Besuch abzustatten. Diesem Umstand war es zu verdanken, dass 14 TV-Teams erschienen, von Radio- und Print-Journalisten ganz zu schweigen. Rundherum war alles eitel Wonne – nur die Leiterin der uns benachbarten volkseigenen Buchhandlung „Bücherstube Gutenberg“ war durch die Diskrepanz zwischen der eigenen Situation mit der entsetzlich mangelhaften Bücherversorgung, der absolut schleppenden Renovierung ihres total verstaubten Ladens und der auch für Wessis atemberaubenden Geschwindigkeit unseres Ladenprojekts so frustriert, dass sie ihre Bücherstube resigniert zusperrte. Für einige Journalisten ein gefundenes Fressen, um über uns herzuziehen, was uns nicht egal, sondern scheißegal war.

Bereits am Montag traf sich die Club-Mannschaft mit 20 der damals 27 Dresdener Buchhändlern zu einem gründlichen, absolut amikalen Informations-Austausch. Vom ersten Tag an gab es unzählige freiwilligen Helfer, mit Hilfe der Dresdener Presse war es auch gelungen, die Menschen so zielgerichtet zu informieren, dass „nur“ noch mit zwei- bis vierstündigen Wartezeiten zu rechnen war. Das klingt aus heutiger Sicht völlig verrückt, aber zuvor gab es Menschen, die sich um 4 Uhr früh anstellten, um dann gegen Mittag mit den gewünschten Büchern nach Hause zu gehen.

Nach 10 Tagen wurde dieser „Probeverkauf“ beendet. Am 29. Dezember wurde die Tür um 13 Uhr gesperrt, an die noch Wartenden wurden als Trostpflaster die noch vorhandenen Straßenkarten und Reiseführer verschenkt, vorher noch dem 30.000 Clubmitglied mit Blumen und Sekt gratuliert, der Laden blitzblank geräumt und dann der Kassensturz zelebriert. Dazu muss darauf hingewiesen werden, dass wir alle Bücher zum Einheitspreis von 5 Ost-Mark verkauft haben. In der Kasse lagen 831.650 Ost-Mark. Die sofort auf ein Dresdener Bankkonto flossen, um dort auf den 1:1–Umtausch zu warten. Klar war bei uns eines: Diese Summe sollte ohne jeden Abzug den Dresdenern zugutekommen – in welcher Form auch immer.

In Rheda und Gütersloh begann man ungesäumt: Die Fundamente einer gesellschaftsrechtlich fundierten Firma mussten erstellt, urheberrechtliche Fragen geklärt, lager- und produktionstechnische Probleme gelöst und Standorte für Filialen gefunden werden. Innerhalb eines guten Jahres gab es zwischen Rostock und Suhl 21 Filialen und rund 1 Million Mitglieder der Firma „Deutscher Bücherbund“. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die unglaublich und fast unglaubwürdige Geschichte des ersten West-Buchladens in der DDR verdient aber noch eine Schluss-Pointe – nein, das ist mir viel zu wenig: Sie verdient ein Happy End, und just dieses vermag ich zu liefern: Als der 1:1 – Austausch DDR-Mark – DM über die Bühne gegangen war, erhielt der Dresdener Kreuzchor nach über 70 Jahren wieder eine eigene Orgel für – wenn ich mich recht erinnere – rund 275.000 DM. Der Rest des Geldes floss in Bibliotheks-Mobile, weil viele Vorstadt-Bibliotheken schließen mussten und in andere Projekte des Sozialfonds der Stadt.

Als ich viele Monate später zum ersten Mal die Engelsstimmen der Kruzianer mit der Begleitung „unserer“ Orgel hörte, rollten ein paar Freudentränen über meine Wangen – erstens weil sie wirklich himmlisch sangen und zweitens, weil ich unendlich dankbar dafür war, jene 10 magischen Tage in Dresden zum Teil miterlebt zu haben.

© Theo Schäfer

Theo Schäfer, Jahrgang 1942, Dr. phil., freier Journalist, Verlagslektor bei Hoffmann & Campe, Pressechef des ORF, Chefredakteur HÖRZU Österreich, Pressechef Bertelsmann AG, 1989 Mitglied der Geschäftsleitung des Bertelsmann Clubs, verantwortlich für Kultur- und Öffentlichkeitsarbeit

Die Situation der Druckereien. Ein Gastbeitrag zum Buchhandel in der DDR von André Gottwald

Druckereien © Uwe Kalkowski

Druckereien © Uwe Kalkowski

In der Beitragsfolge zum Buchhandel in der DDR wurde wiederholt auf die schwierige Lage bei der Beschaffung der Bücher hingewiesen. Ich möchte aus persönlicher Sicht meine Erfahrungen aus der DDR-Druckindustrie der 1980er Jahre schildern.

Leider bin ich nicht in der Lage, einen historischen Abriss zu liefern. Nachfolgende Anmerkungen resultieren nur aus meinen persönlichen Erfahrungen. Mir liegen leider keine Unterlagen vor und ich muss mich auf mein Gedächtnis verlassen. Ergänzungen und Korrekturen wären also sehr willkommen.

André Gottwald

_________________________________________________________________________________________________

Ich arbeitete in dieser Zeit (1980-1989) erst als Lehrling, dann als Drucker und schließlich als Ingenieur im Graphischen Großbetrieb Interdruck in Leipzig. Dieser Betrieb war meines Wissens der größte polygraphische Betrieb in der DDR (2.400 Mitarbeiter), aber wohl nicht der größte Buchhersteller. Die meisten Bücher dürften wohl im Karl-Marx-Werk Pößneck hergestellt worden sein. Diese Firma existiert übrigens heute noch als GGP Media Pößneck und gehört zur Bertelsmann-Gruppe. Interdruck entstand durch die Zusammenlegung vieler historischer Druckbetriebe und Bindereien in Leipzig: Oskar Brandstätter, C. Fikentscher, den Druckereien von Reclam und des Bibliographischen Instituts u.v.a.m. Im ganzen waren es über 30 Betriebstätten, in denen vom Möbeldekor für Spanplatten über Bücher bis zur Farbenherstellung (Keilitz Künstlerfarben) so ziemlich alles gefertigt wurde, was mit der Polygraphie im Zusammenhang stand. Wer die Fernsehserie „Soko Leipzig“ gesehen hat, kennt das Reclamgebäude in der Inselstraße 22 als Polizeirevier. Zu DDR-Zeiten war dort eine der Buchbindereien von Interduck untergebracht.

Andrés erster Arbeitsplatz bei Interdruck © André Gottwald

Andrés erster Arbeitsplatz bei Interdruck © André Gottwald

Zurück zur Situation in den achtziger Jahren: Die meisten Druckereien der DDR waren keine volkseigenen Betriebe, sondern in Parteibesitz. Das meint nicht nur die SED, sondern auch die sogenannten Blockparteien wie CDU oder LDPD. Die Organisationsform war die „Vereinigung organisationseigener Betriebe“, kurz VOB. Die größte davon war natürlich die der SED, die Zentrag, zu der auch Interdruck gehörte. Die Organisation in VOB statt VEB hatte neben der juristischen große praktische Bedeutung: bei Berichterstattung, Investitionen und Vergünstigungen für die Beschäftigten waren die Betriebe gegenüber normalen volkseigenen Betrieben vielfach privilegiert. Die technische Ausstattung der großen Druckbetriebe war gut bis sehr gut, allerdings der Gebäudebestand vielfach in schlechtem Zustand und vernachlässigt. Da der polygraphische Maschinenbau (Planeta [Bogenmaschinen], Plamag [Rollenmaschinen], Brehmer [Buchbindereimaschinen]) ein hohes Niveau hatte war die Ausstattung vielfach auf modernem Stand und gerade die Umstellung von Buchdruck auf Offsetdruck anfangs der achtziger Jahre ging in der DDR schneller vonstatten als in der Bundesrepublik.

Da zudem ein hoher Anteil der Druckleistungen exportiert wurde (ca. 20-30 %) gab es auch die finanzielle Möglichkeit, westliche Technik und Papier zu importieren. Bei Interdruck war z.B. Technik von Hell, Linotype, Kochsiek und Albert-Frankenthal zu finden. Trotzdem reichten die Kapazitäten für den Bedarf nie aus, da es viele Ersatz- aber wenige Erweiterungsinvestitionen gab, sprich: es wurden keine neuen Druckereien gebaut und die bestehenden nur sehr zögerlich erweitert. Es fehlte an Baukapazitäten. Die Kapazitätsauslastung der Druckereien war deshalb immens hoch. Maschinenstillstände wegen Materialmangels wie andernorts waren unbekannt. Die Maschinen liefen in drei Schichten und es war trotzdem immer zu wenig. Verlässliche Zahlen habe ich leider nicht, aber bei Interdruck wurden ungefähr pro Jahr 3.000 Titel mit einer Gesamtauflage von 50 Mio. Exemplaren produziert. Darunter aber ein hoher Anteil von Schulbüchern, hauptsächlich für den Export in die Sowjetunion. Die russische Lesefibel für die Unterstufe hatte z.B. eine Jahresauflage von 1 Mio. Exemplaren.

Ausgehend von der hohen Kapazitätsauslastung gab es immer einen sehr langen Planungsvorlauf. Es konnte sehr zum Leidwesen der Verlage durchaus sein, dass eine Neuerscheinung zwei Jahre auf freie Kapazitäten warten musste. Normal war, dass zum Ende eines Jahres das Folgejahr komplett verplant war. Das heißt, man konnte im Januar schon sehen was im Dezember gedruckt werden würde. Für die heutige Druckindustrie unvorstellbar. Heutzutage gibt es einen Planungsvorlauf von vielleicht zwei Monaten. Das Prozedere bei der Planung lief ungefähr wie folgt ab: im Ministerium für Kultur wurden die Mengen an verfügbarem Papier und Druckkapazität erfasst und auf die Verlage aufgeschlüsselt. Wie die Verteilung vonstattenging entzieht sich meiner Kenntnis. Ich weiß allerdings, dass es ein heftiges Tauziehen und Feilschen war. Auf jeden Fall waren der Dietz-Verlag (Parteiverlag der SED), der Militärverlag und der Verlag Volk und Wissen (Schulbücher) privilegiert. Der Verlag also beschloss nach erfolgter Druckgenehmigung, einen Titel erscheinen zu lassen. Ohne eine Druckgenehmigung, die in Form einer Art Urkunde vorlag, durfte keine Druckerei ein Buch produzieren. (Für Akzidenzen gab es eigene Regeln.)

Brigadeabend in der firmeneigenen Kegelbahn © André Gottwald

Brigadeabend in der firmeneigenen Kegelbahn © André Gottwald

Auf jedem Druckerzeugnis war aber die Nummer der produzierenden Druckerei zu vermerken. Die Nummer von Interdruck lautete III/18/97. (Sie können diese Nummer im Impressum eines von Interduck gedruckten Buches finden.) Die Auflagenhöhe richtete sich dabei nach dem zur Verfügung stehenden Papierkontingent. Die Aufteilung des Kontingents sorgte immer für lebhafte Diskussionen. Die Druckerei hatte dabei nur am Rande Mitspracherecht. Allerdings gab es da auch Möglichkeiten jenseits der Unmöglichkeiten. Jeder Druckereichef hatte natürlich Vorräte gehortet. Jeder Betrieb hatte Vorräte gehortet. Man konnte ja nie wissen, was man plötzlich brauchen würde. Allerdings hielt sich das alles in Grenzen, der grundlegende Mangel konnte nie behoben werden. Die Ursache dafür war die faktische Aushebelung des Preismechanismus zum Ausgleich von Angebot und Nachfrage und natürlich die fehlende konvertible Währung, so dass man sich nicht auf dem Weltmarkt bedienen konnte. Es gab in geringerem Umfang auch Papierimporte, vor allem aus Finnland. Nach welchen Maßgaben das erfolgte, ist mir unbekannt. Auf jeden Fall konnte das nicht der Verlag oder die Druckerei entscheiden, sondern nur die Zentrag bzw. die zuständige Abteilung im ZK der SED.

Nach Klärung der hochsensiblen Papierfrage kam die Zuweisung der Druckkapazität. Auch hier waren Verlag und Druckerei nicht frei in ihrer Entscheidung. Die Zuweisung erfolgte wohl hauptsächlich nach den technischen Möglichkeiten und nach einer gewissen regionalen Präferenz, also z.B. Leipziger Verlage zu Leipziger Druckereien. Ferner gab es politische Erwägungen. SED-Parteiliteratur wurde natürlich nur in SED-Parteibetrieben gedruckt. Bei Interdruck war es ein buntes Gemisch. Aufgrund der technischen Ausstattung wurde wenig Belletristik gedruckt. Der Hauptanteil entfiel auf Schul- und Sachbücher, Bildbände, Kochbücher und ähnliches im Vierfarbenbereich. Die hochwertige Belletristik wurde hauptsächlich bei Offizin Andersen Nexö in Leipzig gedruckt. Allgemeine Belletristik in Pößneck und Taschenbücher beim Graphischen Großbetrieb Völkerfreundschaft in Dresden. Der Betrieb Sachsendruck in Plauen hatte sich auf hochwertige Bildbände spezialisiert. Daneben gab es auch noch andere spezialisierte Betriebe wie H.F. Jütte für Kunstdrucke, den Diagrammdruck Quedlinburg und den Vordruckleitverlag in Spremberg und Freiberg für Formulare, Haack in Gotha für Landkarten usw. Neben den produktspezialisierten Druckereien gab es in jedem der 15 DDR-Bezirke und für die zentrale Zeitung „Neues Deutschland“ eine Zeitungsdruckerei. Diese Zeitungsdruckereien produzierten nebenbei immer auch andere Erzeugnisse. Die Druckerei des Neuen Deutschland zum Beispiel Zeitschriften, die Druckerei der Leipziger Volkszeitung hochwertige Broschuren. Vor 1989 dürfte mindestens ein Drittel der Diogenes-Taschenbücher aus Leipzig gekommen sein. Das hatte den angenehmen Nebeneffekt, dass in der Leipziger Mehringbuchhandlung ab und zu einige Diogenes-Taschenbücher auftauchten, die natürlich immer gleich wieder vergriffen waren.

die Broschüre zum Honecker-Besuch 1977

die Broschüre zum Honecker-Besuch bei Interdruck 1977

Nach Zuweisung der Papier- und Druckkapazität erfolgte die eigentliche Planung, in der Regel für das Folgejahr. Weniger privilegierte Verlage durften auch schon einmal länger warten. Vor allem die kleineren Verlage wie der Greifenverlag in Rudolstadt oder die christlichen Verlage waren davon betroffen, aber das hatte kein System. Sie rutschten einfach auf der Prioritätenliste nach hinten. Denn es gab privilegierte Buchkategorien. Die oberste und wichtigste Kategorie waren „Beschlusstitel“. Das heißt für die Produktion eines solchen Titels war ein Beschluss des Politbüros oder des ZK der SED gefasst worden. Der entsprechende Titel hatte dadurch höchste Priorität und wurde auf jeden Fall, zur Not durch Verschiebung anderer Titel, termingemäß produziert. Gegebenenfalls wurde das notwendige Papier importiert. Nach dem Besuch Honeckers bei Kohl 1987 wurde binnen einer Woche eine Broschüre mit einer Auflage von 150.000 Expl. auf Importpapier produziert. Unter dieser Praxis hatten natürlich die anderen Verlage durch Verschiebung ihrer Titel zu leiden.

Die nächstniedrige Kategorie war der devisenbringende „NSW-Export“ (NSW= nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet). Da die westlichen Verlage sich natürlich nicht dem DDR-Planungsschema unterordneten konnte es im Lauf des Jahres passieren, das ungeplante Titel hereinkamen. Da sie wegen der Devisen Priorität hatten, mussten die einheimischen Verlage wieder leiden. Exportiert wurde in verschiedene Länder. Bei Interdruck hauptsächlich in die Bundesrepublik (Springer Wissenschaft, Harri Deutsch, Dumont Reiseführer u.a.), die Niederlande (Meulenhoff) und Großbritannien (Thames & Hudson). Die nächste Kategorie war SW-Export (sozialistisches Wirtschaftsgebiet). Hier gilt das gleiche wie bei NSW-Export, nur eine Stufe niedriger. Zielländer waren hauptsächlich die Sowjetunion und Polen. Bei der nächsten Kategorie „Schönstes Buch“ konnten dann auch inländische Verlage profitieren. Bei Titeln dieser Kategorie handelte es sich um Anwärter auf die jährliche Ausstellung „Schönste Bücher aus aller Welt“ und die in größeren Abständen abgehaltene Internationale Buchkunst-Ausstellung. Die Titel wurden in Sachen Termintreue und Materialeinsatz bevorzugt behandelt. Typische Verlage für solche Titel waren E.A. Seemann, Edition Leipzig, Aufbau und der Henschel-Verlag. Ein Beispiel für ein solches Buch ist „Kunstmetropole Berlin 1918-1933“ vom Aufbau-Verlag. Ein schöner Text-/Bildband im seltenen Illustrationstiefdruck. Im Antiquariat ist es noch zu haben.

aus der Honecker-Broschüre © ADN-ZB

aus der Broschüre zum Honecker-Besuch © ADN-ZB

Die verschiedenen Kategorien wurden auf den Auftragsunterlagen vermerkt, so dass jeder Mitarbeiter um die Dringlichkeit wusste. Nach diesen vier Vorzugskategorien reihten sich alle anderen Titel ein. Diese normalen Titel waren aber immer die Leidtragenden bei den ständigen Engpässen, die sich durch die permanente hundertprozentige Kapazitätsauslastung ergaben. Dadurch entstanden auch immer wieder zum Teil langfristige Terminverzögerungen, denn der Planungsrahmen war immer der Monat. Eine Verschiebung eines Titels bedeutete nämlich in der Regel, dass er komplett neu eingeordnet werden musste. Das heißt, ein Titel der nicht bis zum 31. geliefert werden konnte rutschte nicht um ein oder zwei Tage nach hinten sondern um einen Monat oder auch zwei. Das führte natürlich zu viel Verdruss bei Verlagen und Buchhandel. Es war ein Problem, das bis zum Ende der DDR nicht bewältigt wurde.

Anders als es heute üblich ist, war Interdruck ein Kompletthersteller inklusiv der Satzherstellung und (Bild-) Lithographie (Begriff in der DDR: Reproduktion). Die Fertigung erfolgte ab Eingang des Maschinen- oder Handschriftmanuskripts und der Bildvorlagen bis zum fertigen Buch in einem Betrieb. Es war sogar möglich (und ist auch gemacht worden) vom Gemäldeoriginal zu reproduzieren. Die reine Fertigungszeit variierte je nach Schwierigkeit zwischen drei und sechs Monaten. Das ist deutlich mehr als heute möglich und üblich. Es lag vor allem daran, dass sehr intensiv Korrektur gelesen wurde. Es gab mehrere Korrekturgänge: 1. Hauskorrektur in der Setzerei, 2. Korrektur durch den Verlag und den Autor, 3. Ausführen der Korrekturen mit anschließender Hauskorrektur, 4. Gegenlesen durch Verlag/Autor und dann schließlich die Druckfreigabe (Imprimatur). Je nach Wunsch des Verlages gab es unter Umständen noch einen weiteren Korrekturgang. Das war besonders bei der Marx-Engels-Gesamtausgabe, der Bibliotheca Teubneriana (Sammlung von altsprachlichen Klassikern als Referenzausgaben) und beim Thesaurus Linguae Latinae der Fall. Gerade beim Thesaurus konnte die Fertigung eines Faszikels schon einmal gut und gern zwei Jahre dauern. Es dauerte ja alles sehr lange, weil die Korrekturabzüge immer per Post verschickt werden mussten und ehe das dann von der Setzerei zum Verlag, vom Verlag zum Autor und wieder zurück expediert wurde, gingen die Wochen ins Land.

Insgesamt lässt sich sagen, dass die Probleme der Druckindustrie die gleichen wie sonst im Lande waren: zu geringe Kapazität, zu geringe Investitionen und kein Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage wegen gesetzlich festgezurrter Preise. Denn die Preise für Druck- und Buchbinderleistungen waren amtlich festgelegt. Es gab eine Preisanordnung Nr. 334 des Amtes für Preise beim Ministerrat der DDR, nach der alle Leistungen abgerechnet wurden. Der Verlag hatte also nicht die Möglichkeit, einen günstigen Anbieter zu wählen, er bezahlte überall das gleiche. Die Preise wurden übrigens anhand der Produktparameter ohne Berücksichtigung der Fertigungskosten ermittelt. Das bedeutet, dass es für die Druckereien keinen wirtschaftlichen Zwang gab, effektiv zu arbeiten. Die Kosten waren nur eine statistische Größe. Stattdessen erfolgte der notwendige Leistungsdruck durch administrative Maßnahmen und ein ausgedehntes Berichtswesen. Die Produktivität der DDR-Druckindustrie war trotzdem sehr hoch. Sie lag geschätzt bei 80 % des Niveaus in der Bundesrepublik. Das konnte ich feststellen, als ich nach der Währungsunion anhand des Marktgeschehens unsere Preise vergleichen konnte. Allerdings war es verblüffend zu sehen, zu welchen Dumpingpreisen zu DDR-Zeiten die Druckleistungen verschleudert wurden. Ein Wert zum Vergleichen: eine Seite wissenschaftlicher Formelsatz oder altsprachlich gemischt, mit Fußnoten zu einem Preis von 8 DM. In der Bundesrepublik hätte eine solche Seite zwischen 20 und 30 DM gekostet.

die Betriebszeitung

die Betriebszeitung

Die Auslieferung der fertigen Bücher erfolgte entsprechend eines Verteilerschlüssels, der der Druckerei vom Verlag übermittelt wurde. Die Hauptlieferung ging immer an den LKG (Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel). Eine geringe Menge, 20 bis 30 Exemplare gingen an den Verlag als Beleg- und Autorenexemplare. Einen Direktvertrieb über die Verlage gab es in der Regel nicht. Manchmal gab es Teillieferungen an den Buch- und Zeitschriftenvertrieb der Nationalen Volksarmee oder den Zeitschriftenvertrieb der Post.

Die Auflagenhöhen waren sehr unterschiedlich. Das ging von 500 Expl. bei wissenschaftlichen Spezialtiteln bis zu Auflagen von 100.000 Expl. bei Dauerbrennern wie dem Duden, dem Autoatlas, „Rat für jeden Gartentag“ oder „Wir kochen gut“. Ein gutgehender Belletristiktitel wie Erwin Strittmatters „Wundertäter III“ hatte eine Startauflage von 50.000 Expl. Bei den politischen Ladenhütern vom Dietz-Verlag (Willi Stoph „Gesammelte Reden und Aufsätze“) waren die Auflagen in den achtziger Jahren stark zurückgefahren worden. Bei dem genannten Stoph (langjähriger Vorsitzender des Ministerrates der DDR) lag die Auflage nur bei 1.500 Expl. Gelesen hat das außer den bedauernswerten Mitarbeitern im Verlag und dem Setzer niemand. Was natürlich ständig lief waren die Nachauflagen der blauen Marx- und braunen Leninbände. Aber auch da hielten sich die Auflagen in Grenzen. Jeweils 2.000 bis 3.000 Expl. wurden bei Bedarf nachgedruckt.

Beim Ende der DDR waren die Druckereien abgesehen von der Bausubstanz in recht guter Verfassung. Weshalb es auch mit Neubauten auf der grünen Wiese für viele Druckereien nach der Währungsunion erst einmal weiterging. Dass die DDR-Druckindustrie (mit Ausnahme der Zeitungsdruckereien) mittlerweile trotzdem fast verschwunden ist, hat eher Ursachen in den allgemeinen Entwicklungen dieser Branche. Aber das ist ein Kapitel für sich.

© André Gottwald

Berliner Buchhändler und Attac starten Aktion gegen TTIP

Zum Start der EU-weiten Aktionswoche gegen die Freihandelsabkommen TTIP und Ceta und TISA konnte Attac Berlin zahlreiche Berliner Buchhandlungen für die bundesweite Kampagne Ich bin ein Handelshemmnis gewinnen. In den Schaufenstern informieren die teilnehmenden Buchhandlungen darüber, welche dramatischen Auswirkungen die Freihandelsabkommen auf den deutschen Buchmarkt haben würden.

Der Text auf den Plakten lautet: „Hier wollen wir Sie auch weiterhin über Neuerscheinungen – wie jetzt von der Frankfurter Buchmesse – informieren. Aber es droht Gefahr! Das Freihandelsabkommen TTIP zwischen der EU und den USA bedroht die Buchpreisbindung – und damit die Existenz Ihrer Lieblingsbuchhandlung in Ihrem Kiez. Ein irreparabler Schaden für AutorInnen, LeserInnen und den Buchhandel. Helfen Sie mit Ihrer Unterschrift in der bei uns ausliegenden Liste, TTIP und andere ‚Frei’handelsabkommen zu verhindern.“

Zur Aktion in Berlin einige Stimmen:

Günter Sölken von Attac-Berlin: „TTIP & Co. sind ja nicht nur auf den Abbau von Zöllen gerichtet, sondern mehr noch auf die Beseitigung sogenannter Handelshemmnisse und eins davon ist die deutsche Buchpreisbindung. Wenn sie fällt, werden sowohl der mittelständische Buchhandel als auch die Leserschaft dafür einen hohen Preis zahlen müssen.“

Handelshemmnis-Button

Logo © Attac

„Wenn die Buchpreisbindung fällt, wird sich das Buchhandelssterben weiter beschleunigen. Branchengiganten wie Amazon können dann eine Preisschlacht starten, bei der die Kiezbuchhandlungen und sogar die Ketten schwerlich mithalten können. Hier ist ein Verdrängungs- und Vernichtungsfeldzug zu befürchten. Selbst die Verlage werden betroffen sein, und so ist zu befürchten, dass die Vielfalt des literarischen Angebots leiden wird.“ So Jörg Braunsdorf, Inhaber der Tucholsky-Buchhandlung in Mitte.

„Bücher sind keine Ware, sondern Kulturgut“, sagt Astrid Westhoff, stellvertretende Landesbezirksleiterin Ver.di Berlin-Brandenburg.  Wenn kleine Buchhandlungen vom Markt verdrängt werden, fallen Arbeitsplätze weg. Kunden, die vor Ort auf Beratung angewiesen sind, finden nur noch Mainstream. Selbst öffentliche Bibliotheken werden womöglich ihre Buchbestellungen nach dem Vergaberecht ausschreiben müssen.“

„Mancher mag glauben, dass ein Wettbewerb über den Preis letztlich die Leser erfreuen müsste. Das ist leider ein Fehlschluss. Insgesamt sollte die Debatte um die Auswirkungen des TTIP-Abkommens die deutsche und europäische Kulturwirtschaft stärker fokussieren. Denn hier liegen die größten Gefahren!“, warnt Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats.

__________________________________________________________________________________________

Informationen und Materialien zur Aktion „Ich in ein Handelshemmnis“ gibt es hier

Informationen des Deutschen Kulturrates zu den Freihandelsabkommen TTIP, CETA und TISA kann man hier tagesaktuell nachlesen

Zu einem Gespräch mit Jörg Braunsdorf von der Tucholsky-Buchhandlung geht es hier

 

 

 

Herr Braunsdorf, was meinen Sie, was wäre zu tun, damit der Buchhandel zukunftsfähig bleibt?

Zoë Beck, Lorenz Borsche, Boris Langendorf und Stefan Weidle standen mir im Vorfeld der Diskussionsrunde „Wie groß ist die Zukunft des Buches?“ dankenswerterweise hier Rede und Antwort. Nun kann man sich fragen, warum ich nicht auch beim Initiator der Veranstaltung, Jörg Braunsdorf, nachgehakt habe?

Hab‘ ich! Der Beitrag ist gestern in der Rubrik Das Sonntagsgespräch bei Buchmarkt online erschienen.

Logo © Tucholsky-Buchhandlung

Logo © Tucholsky-Buchhandlung

 

Die Gesprächsrunde, von der Jörg Braunsdorf sich auch Signale an die Politik und den Börsenverein für den deutschen Buchhandel erhofft, findet am Dienstag, den 3. Juni 2014, um 19.00 Uhr in der Tucholskystr. 47 in Berlin/Mitte in der Tucholsky-Buchhandlung statt. Der Eintritt ist frei, um Voranmeldung, entweder per E-Mail  [kurt(at)buchhandlung-tucholsky(dot)de] oder via Facebook, wird gebeten.

Gäste sind: Siegmund Ehrmann, MdB (Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien), Zoë Beck (Autorin und e-Book-Verlegerin CulturBooks), Lorenz Borsche (Vorstand der buchhändlerischen Genossenschaft eBuch), Boris Langendorf (freier Publizist), Daniel Leisegang (Politikwissenschaftler, Redakteur der Monatszeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“ und Autor von „Amazon. Das Buch als Beute”) und Stefan Weidle (Verleger und Vorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung).

„Wir sollten unser System nicht nur verteidigen, sondern es vielmehr offensiv propagieren!“ Im Gespräch mit Stefan Weidle

???????????????????????????????Wie groß ist die Zukunft des Buches?“ – so ist eine Diskussionsrunde überschrieben, mit der SteglitzMind indirekt verbandelt ist. Und zwar insofern als die Gespräche mit Buchhändlern/innen, die ich seit letztem Sommer führe, dafür Pate standen. In seinem Beitrag kündigte der Inhaber der Berliner Tucholsky-Buchhandlung Jörg Braunsdorf an, die Fragestellungen der Interviewreihe anderenorts vertiefen zu wollen. Seinen Worten folgen nun Taten. Die Diskussionsrunde, von der Braunsdorf sich auch Signale an die Politik und den Börsenverein für den deutschen Buchhandel erhofft, findet am Dienstag, den 3. Juni 2014, um 19.00 Uhr in der Tucholskystr. 47 in Berlin/Mitte in der Tucholsky-Buchhandlung  statt.

Gäste sind: Siegmund Ehrmann, MdB (Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien), Zoë Beck (Autorin und e-Book-Verlegerin CulturBooks), Lorenz Borsche (Vorstand der buchhändlerischen Genossenschaft eBuch), Boris Langendorf (freier Publizist), Daniel Leisegang (Politikwissenschaftler, Redakteur der Monatszeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“ und Autor von „Amazon. Das Buch als Beute”) und Stefan Weidle (Verleger und Vorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung).

Ich erwarte mir im Vorfeld der Berliner Buchtage, die übrigens Tags darauf beginnen, eine spannende Diskussion, zu der Ihr herzlich eingeladen seid. Der Eintritt ist frei, um Voranmeldung, entweder per E-Mail  [kurt(at)buchhandlung-tucholsky(dot)de] oder via Facebook, wird gebeten.

Als Appetizer gibt es auf SteglitzMind vorab Gespräche mit einigen Gästen, die das Podium bestreiten werden.

Heute – Stefan Weidle

„Es geht um das Buch“ – steht auf dem Best-of-Katalog der Kurt-Wolff-Stiftung und neuerdings auch auf knallroten Stofftaschen, die auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse erstmals am Stand der Stiftung zu haben waren. Die Assoziation liegt nahe, dass das Buch gefährdet ist. Wie sehr sorgen Sie sich darum?

Als wir den Slogan erfanden, das muß 2006 gewesen sein, hatten wir noch keine Gefährdung des Buches dabei im Blick. Es ging uns da eher um die Wurst, bzw. die Assoziation zu dieser. Freilich könnte man den Satz, wie Sie, heute anders verstehen, und ich sorge mich zwar nicht um das Buch, verfolge aber manche Entwicklung rund um das Buch mit Sorge, etwa die Wahrnehmung des Buches als bloßer Content, bei dem es egal ist, in welcher Form er rezipiert wird. Ein Buch ist ein Zusammenklang von mehreren Elementen: Die Wahrnehmung dafür tritt unseligerweise mehr und mehr in den Hintergrund.

Stefan Weidle  © Jürgen Eis

Stefan Weidle © Jürgen Eis

Offenbar ist Amazon ja nicht nur der größte Feind des Buchhandels. Für den Buchhändler scheint der Riese aus Seattle auch die einzige Gefahr zu sein? Ist das nicht zu eng gedacht?

Amazon ist nicht nur der Feind des Buchhandels. Amazon ist der Feind unserer gelebten Kultur, die doch zu einem großen Teil aus den Begegnungen in den Städten besteht, aus dem Flanieren. Wir binden uns durch unser gemeinsames Leben in Städten und Dörfern zusammen, betrachten einander und vergleichen. Nur wo wir zusammentreffen, sind wir das Volk (wer mag schon in verödeten Innenstädten demonstrieren, wo alle Schaufenster längst von selbst zerbrochen sind?). Wenn es Amazon und Konsorten gelingt, den Einzelhandel auszumanövrieren, dann ist das ein Ende für vieles, worauf wir uns gründen. Aber es ist ja nicht nur Amazon, es ist der Slogan der Nemesis: Geiz ist geil. Wenn wir auf andere Werte als Geld Wert legten, könnte man den Untergang noch aufhalten. Aber sobald heute drei Menschen irgendwo zusammenkommen, werden Preise verglichen. Der Preis hat längst den inneren Wert der Ware ersetzt. Etwas ist nicht den Nutzen wert, den es bringt, sondern den Betrag, den es gekostet hat. Also zu Ihrer Frage zurück: Der gesamte Online-Handel ist der Feind.

Die Angst ist groß, dass die Buchpreisbindung mit dem transatlantischen Freihandels­abkommen fallen könnte. Könnten denn freie Preise nicht sogar eine Belebung des Buchmarktes zur Folge haben?

Wenn die Preisbindung fällt, schließe ich drei Monate später meinen Verlag. Ich jogge zurzeit gelegentlich mit einem Briten, der mir in den wärmsten Farben schilderte, was in seinem Land nach Aufhebung der Preisbindung passiert ist. Die Bücher wurden sehr viel teurer, und die Buchhandlungen machten sich auf den Weg über die Wupper – auch wenn die nicht durch Großbritannien fließt. Nein, freie Preise sind keine Belebung, eher eine Betodung des Buchmarktes. Schauen Sie nach Israel, dort war der Buchmarkt wegen des Preiskampfes zweier Ketten so unter die Räder gekommen, dass der Staat die Autorenhonorare übernehmen musste. Um den Komplettzusammenbruch zu verhindern, hat man die Preisbindung eingeführt. Wir sollten unser System nicht nur verteidigen, sondern es vielmehr offensiv propagieren! Die Schweiz wird schon bald die Früchte ihres Wahnsinns ernten, denn der stationäre Buchhandel wird es kaum auf Dauer überleben, dass Amazon jedes deutschsprachige Buch (also auch Bücher aus Schweizer Verlagen) mit 20% Rabatt auf den Ladenpreis portofrei in die Schweiz liefert. Natürlich ein Verlustgeschäft für Amazon (geliefert wird von DHL – deren Rolle beim bösen Spiel wird überhaupt nie hinterfragt), aber es geht ja nicht um kurzfristigen Gewinn, sondern um den Aufbau einer Monopolstellung. Man könnte sich wehren: Was, wenn jeder Schweizer bei Amazon ein Reclam-Bändchen bestellt und es sofort zurückschickt? Auch die Schweizer wären das Volk, wenn sie es denn sein wollten.

Selfpublishing ist in aller Mund; inzwischen satteln auch etablierte Verlage auf. Wie schätzen Sie das ein: Nur ein Hype oder ein langfristiger Trend, der den Buchmarkt umstülpt?

Ich beschäftige mich nicht damit. Wie gesagt, ist ein Buch für mich mehr als Content. Gut daran aber ist, dass die Bezahlverlage dadurch ihr Geschäft verlieren.

Neben Kleinstverlagen drängen zunehmend auch Labels von Selfpublishern auf den Markt, die den Käufer vermuten lassen, dass ein Verlag dahinter steht. Was halten Sie davon?

Ist mir noch nicht untergekommen. Aber: Niemand wird aus freien Stücken Selfpublisher. Man sucht doch immer zuerst einen Verlag. Und wenn jemand das Buch eines Selfpublishers für ein traditionell verlegtes Buch hält, ist das doch nur recht. Bücher sollen gelesen werden, egal auf welchem Weg sie in die Welt kommen. Wenn das Buch gut ist, spielt es keine Rolle, was auf dem Buchrücken steht.

Bei den Gesprächen mit Buchhändlern/innen für SteglitzMind konnte ich mich verschiedentlich nicht des Eindrucks erwehren, dass der Sortimenter bisweilen Publikationen aus Independent Verlagen und Titel von Selfpublishern in einen Topf wirft. Machen Sie ähnliche Erfahrungen? Und wenn ja, halten Sie das womöglich für problematisch?

Nein, diese Erfahrung habe ich noch nicht gemacht. Ich glaube nicht, daß Selfpublisher Buchhandelsvertreter und eine professionelle Auslieferung haben. Ein Sortimenter, der nicht jeden Morgen unmittelbar nach dem Aufstehen gegen seinen Schrank läuft und anschließend die Beule mit dem Klammerbeutel überpudert, kann das unterscheiden.

Die Zugehörigkeit zur Kurt-Wolff-Stiftung ist für Verlage ja quasi auch ein Gütezeichen. Das weckt natürlich Begehrlichkeiten. Verzeichnen Sie im Zuge der Entwicklung, dass immer mehr Kleinstverlage entstehen, verstärkt Anträge auf eine Mitgliedschaft?

Ja, wir bekommen mehr Anträge als früher. Was uns zeigt, dass wir gelegentlich auch mal was richtig gemacht haben. Wir haben eine Kriterienkatalog auf unsere Website gestellt, und wer alle diese Kriterien erfüllt, wird automatisch in den Freundeskreis der KWS aufgenommen. Bei der Aufnahme in den Katalog entscheidet das Kuratorium der Stiftung (dem kein Verleger angehört), wer dafür qualifiziert ist; und natürlich wird immer wieder rotiert, auf die Dauer wird jeder Verlag auch mal aussetzen müssen. Mehr als 65 Verlage können wir im Katalog nicht präsentieren.

Als Vorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung sprechen Sie sich schon länger für eine staatliche Förderung engagierter Buchhandlungen aus. Jetzt kündigte Kulturministerin Monika Grütters an, den unabhängigen Buchhandel finanziell unterstützen zu wollen. Was versprechen Sie sich davon?

Das muss ich präzisieren: Es geht nicht um eine staatliche Förderung, also um Subventionen. Es geht darum, Buchhandlungen, die sich als kulturell wichtiger Ort etabliert haben, dafür mit einer Prämie auszuzeichnen, also analog den Auszeichnungen für die Programmkinos. Kulturell wichtige Buchhandlungen sind solche, die das Gespräch über Kultur ermöglichen. Wenn nämlich über Kultur nicht mehr gesprochen wird, stirbt sie. In vielen kleineren Orten findet Kultur, bzw. eine Debatte über Kultur, allein in Buchhandlungen statt; das muss so bleiben und sich noch verstärken. Und eine »vielfältige Verlags- und Literaturszene«, zu deren Förderung die KWS angetreten ist, findet kaum in Buchhandelsketten statt, sondern im inhabergeführten unabhängigen Buchladen. Natürlich geht es auch darum, die flächendeckende Versorgung mit Literatur zu sichern. Ich verspreche mir davon, dass Buchhandlungen nicht mehr in erster Linie als Warenumschlagplätze angesehen werden, sondern als staatlich anerkannte kulturelle Einrichtungen; diese Buchhandlungen bekommen dann ein Label an die Tür oder das Fenster, das darauf hinweist. Diese Plakette können auch Buchhandlungen bekommen, die nicht unabhängig oder zu umsatzstark für eine Prämie sind, aber ein gutes Kulturprogramm anbieten.

Von der Gesprächsrunde in der Berliner Tucholsky-Buchhandlung, bei der Sie am 3. Juni ebenfalls Gast sind, erhofft sich der Veranstalter Jörg Braunsdorf ein Signal in Richtung Politik und Börsenverein. Wo sehen Sie in diesem Kontext besonderen Nachholbedarf?

In Richtung Politik erhoffe ich mir ein wachsendes Bewusstsein für die Wichtigkeit des Buchhandels für unsere Kultur (jenseits derer die Verrohung lauert). In Richtung Börsenverein habe ich wenig zu sagen, da ich mit diesem konstruktiv und vertrauensvoll bei der Gestaltung des Prämiensystems für den unabhängigen Buchhandel zusammenarbeite.

Wenn Sie drei Wünsche an den Buchhandel frei hätten. Welche wären das in Ihrer Funktion als Vorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung? Und welche für Ihren Weidle-Verlag, mit dem Sie sich seit über 20 Jahren vorrangig um die Exilliteratur verdient gemacht haben?

Als KWS: 1. Mehr Einsatz für unabhängige Verlage. 2. Kein eigenes Indie-Regal, wir wollen nicht die armen Verwandten sein. Wenn unsere Bücher neben den uniformen Konzernprodukten liegen, sieht man erst, wieviel individueller sie gemacht und gestaltet sind. 3. Permanente Präsentation unseres Katalogs »Es geht um das Buch«. Die Kunden nehmen ihn sehr gerne mit, er muss nur sichtbar zur Mitnahme ausliegen.

Als Weidle Verlag (der übrigens inzwischen viel mehr macht als Exilliteratur): 1. Termine mit unseren Vertreterinnen. 2. Mehr Bestellungen von Leseexemplaren (unsere Bücher verkaufen sich leichter, wenn man sich davon überzeugt hat, dass sie überzeugend sind). 3. Verkauf ausschließlich unserer Bücher in gewaltigen Stückzahlen.

Es scheint im Trend zu liegen, sich die Buchhandlung der Zukunft auszumalen. Wie sieht Ihre persönliche Vision aus?

Meine Vision ist schon Bonner Realität und heißt Buchhandlung Böttger. Dort finde ich immer wieder Titel aus Verlagen, die selbst ich nicht kannte. Und treffe Autoren, die aus Mangel an kommerziellem Potential anderswo gar nicht erst eingeladen werden. Letzte Woche etwa Alfred Goubran, einen Wiener Autor, der einen großartigen Roman, »Durch die Zeit in meinem Zimmer«, bei Braumüller publiziert hat. Hand aufs Herz, Ihr Buchhändler: Wer kennt den, und wer hätte ihn eingeladen?

Ich wünsche mir in erster Linie von einer Buchhandlung, dass der Buchhändler belesener ist als ich selbst und mir Tipps gibt, für die ich ihm immer dankbar sein werde. – S. Corinna Bille hätte ich ohne meinen Buchhändler vermutlich nicht entdeckt, ebenso wenig Giovanni Orelli, von dem ich inzwischen sogar ein Buch publiziert habe (das im Impressum ein Dankeschön an Alfred Böttger enthält). Das ist meine Buchhandlung der Gegenwart, und meine Buchhandlung der Zukunft wünsche ich mir ganz genau so. Und ich weiß, dass es hierzulande Buchhändler gibt, die sich in diese Richtung bewegen.

Vielen Dank, Herr Weidle. Ich freue mich auf unsere persönliche Begegnung am 3. Juni in der Tucholsky-Buchhandlung.

_________________________________________________________________________________________________

Am Sonntag, den 1. Juni,  könnt Ihr beim Buchmarkt ein Gespräch mit dem Initiator der Veranstaltung, Jörg Braunsdorf, lesen.

Zum Gespräch mit Lorenz Borsche von eBuch geht es hier, Zoë Beck  steht mir im Zusammenhang mit der Diskussionsrunde „Wie groß ist die Zukunft des Buches?“ hier Rede und Antwort und zu den Antworten von Boris Langendorf geht es hier

 

„Der Buchhandel wird dieses Geschäft anders betreiben als früher, aber er wird es weiter tun.“ Im Gespräch mit Boris Langendorf

???????????????????????????????Wie groß ist die Zukunft des Buches?“ – so ist eine Diskussionsrunde überschrieben, mit der SteglitzMind indirekt verbandelt ist. Und zwar insofern als die Gespräche mit Buchhändlern/innen, die ich seit letztem Sommer führe, dafür Pate standen. In seinem Beitrag kündigte der Inhaber der Berliner Tucholsky-Buchhandlung Jörg Braunsdorf an, die Fragestellungen der Interviewreihe anderenorts vertiefen zu wollen. Seinen Worten folgen nun Taten. Die Diskussionsrunde, von der Braunsdorf sich auch Signale an die Politik und den Börsenverein für den deutschen Buchhandel erhofft, findet am Dienstag, den 3. Juni 2014, um 19.00 Uhr in der Tucholskystr. 47 in Berlin/Mitte in der Tucholsky-Buchhandlung  statt.

Gäste sind: Siegmund Ehrmann, MdB (Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien), Zoë Beck (Autorin und e-Book-Verlegerin CulturBooks), Lorenz Borsche (Vorstand der buchhändlerischen Genossenschaft eBuch), Boris Langendorf (freier Publizist), Daniel Leisegang (Politikwissenschaftler, Redakteur der Monatszeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“ und Autor von „Amazon. Das Buch als Beute”) und Stefan Weidle (Verleger und Vorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung).

Ich erwarte mir im Vorfeld der Berliner Buchtage, die übrigens Tags darauf beginnen, eine spannende Diskussion, zu der Ihr herzlich eingeladen seid. Der Eintritt ist frei, um Voranmeldung, entweder per E-Mail  [kurt(at)buchhandlung-tucholsky(dot)de] oder via Facebook, wird gebeten.

Als Appetizer gibt es auf SteglitzMind vorab Gespräche mit einigen Gästen, die das Podium bestreiten werden.

Heute – Boris Langendorf

Sie analysieren und kommentieren die Entwicklungen auf dem Buchmarkt seit fast vier Jahrzehnten. Anfangs beim Buchreport, dann für den eigenen buchhändlerischen Informationsdienst. Was trieb Sie in all den Jahren besonders um?

Boris Langendorf © privat

Boris Langendorf © privat

Die fast 25 Jahre bei „buchreport“ waren eine Zeit, in der ich einen spannenden Beruf und eine faszinierende Branche genoss. Zur Gründung von „Langendorfs Dienst“ kam es dann, weil ich die Tätigkeit des Chronisten mit einer echten Aufgabe tauschen wollte: dem unabhängigen Buchhandel zu helfen, im Wettbewerb besser zu bestehen.

Wie schätzen Sie die aktuellen Entwicklungen ein? Sorgen Sie sich um den Buchhandel? Etwa gar um das Kulturgut Buch?

Warum? Qualitative Information ist ein Grundbedürfnis, das wichtiger wurde und noch wichtiger wird. Den kompetenten Zugang zu dieser Information zu verschaffen dient diesem Grundbedürfnis, hat also ebenfalls Zukunft. Der Buchhandel wird dieses Geschäft anders betreiben als früher, aber er wird es weiter tun. Und das Medium Buch? Auch das entwickelt sich, aber warum sollte ich einem E-Buch von vornherein die Eigenschaft als „Kulturgut“ absprechen?

In den Debatten um die Zukunft der Buchhandlungen beruft man sich gerne auf drei große Bs: Bibliographieren, Beschaffen, Beraten. Bibliographieren und Beschaffen sind im Zeitalter des WWW keine große Kunst mehr. Und Beratung im Sinne von Buchempfehlungen findet man ebenfalls zu Hauf im Netz. Sind die buchhändlerischen Kernkompetenzen nicht längst old school?

Nein. Bibliografieren und Beschaffen kann der Buchhändler nicht mehr exklusiv, aber wenn er es anbietet, warum sollte der ungeübte Kunde das selbst machen? Und selbst wenn, schadet das niemandem. Denn die Beratung wird mit der wachsenden Flut nicht einschätzbarer Informationen für den Laien immer bedeutender. Buchempfehlungen von Lieschen Müller sind keine Beratung, sondern Teil des Informationsgestrüpps.

 Eine feste Rubrik in Langendorfs Dienst ist die „Leuchtturm“-Buchhandlung des Monats. Was bringt eine Buchhandlung zum Leuchten?

Ganz unterschiedlich, jede dieser inzwischen 140 Buchhandlungen ist anders. Gemeinsamer Nenner ist, dass diese Leuchttürme ihren zur Entmutigung neigenden Kollegen zeigen, dass auch heute ein guter und erfolgreicher Buchhandel unter den unterschiedlichsten Bedingungen möglich ist. Für das Publikum draußen und auch für die Berufswahl des Nachwuchses ist es ein Signal für Vielfalt und Nutzen des klassischen Sortimentsbuchhandels.

Amazon scheint ja nicht nur der größte Feind des Buchhandels zu sein. Vielmehr drängt sich inzwischen der Eindruck auf, als sei der Riese aus Seattle die einzige Gefahr für den hiesigen Buchhandel. Ist das nicht zu eng gedacht?

Das ist in der Tat zu eng gedacht. Technische und gesellschaftliche Entwicklungen haben den Umgang mit qualifizierten Informationen grundlegend verändert, und Amazon ist nicht mehr als ein Symptom dafür. Es gilt nicht vor immer neuen Feindbildern zu erstarren, sondern sich auf die Weiterentwicklung der Gesellschaft vorzubereiten, auf eine Zeit, aus deren Sicht Amazon eine Episode ist, wie es die Feindbilder Warenhaus, Buchclub, Nebenmarkt und Großfläche waren.

Amazon als Verleger: Die Bemühungen, mit dem Kindle und hauseigenen Publikationen im Sortiment Fuß zu fassen, scheiterten bislang weltweit. Jetzt wurde bekannt, dass der italienische Filialist Giunti in den Vertrieb einsteigt. Ist damit der Damm gebrochen?

Es ist wie immer: Die einen machen mit, die anderen nicht. Wenn Amazon am Verlegen nicht sowieso wieder die Lust verliert, wird dieser Teilnehmer einer von vielen am Markt sein, dessen Erfolg aber immer noch von der Akzeptanz des Publikums abhängt.

Die buchhändlerische Genossenschaft eBuch will Amazon mit einem Online-Shop die Stirn bieten, der für alle Händler und Verlage offen ist. Halten Sie solche Initiativen für einen Schritt in die richtige Richtung?

Ja. Der Zugang des unbefangenen Kunden zum Sortiment muss so leicht sein, wie er eigentlich gedanklich nahe liegt, und ohne dass sich jemand den Kopf über Adressen und Formate zerbrechen muss. Dann müssen Service und Kulanz noch auf Amazon-Niveau kommen. In diese Richtung sehe ich die eBuch-Initiative gehen. Wie weit? Man wird sehen.

Von der Gesprächsrunde in der Berliner Tucholsky-Buchhandlung, bei der Sie am 3. Juni ebenfalls Gast sind, erhofft sich der Veranstalter Jörg Braunsdorf Signale in Richtung Politik und Börsenverein. Wo sehen Sie in diesem Kontext besonderen Nachholbedarf.

Politik und Öffentlichkeit sollen den Sortimentsbuchhandel als eine leistungsfähige und selbstbewusste Wirtschaftsbranche wahrnehmen, die nicht nur den eigenen Beutel füllt, sondern ohne Subvention und ohne viel Gejammer eine wichtige Aufgabe im kulturellen Leben des Landes leistet. Der Börsenverein ist ja in der Öffentlichkeitsarbeit keineswegs untätig, könnte aber dieses Zeichen aus Berlin zum Anlass nehmen, branchenintern die Sparte verbreitender Buchhandel noch stärker zu gewichten, nicht aus Fürsorge, sondern zwecks Selbsterhalt.

Die Angst ist groß, dass die Buchpreisbindung mit dem transatlantischen Freihandels­abkommen fallen könnte. Könnten freie Preise nicht sogar eine Belebung des Buchmarktes zur Folge haben?

Die genannte Angst teile ich nicht. Wenn die Preisbindung fällt, dann wegen der Undiszipliniertheit von Marktteilnehmern, nicht aber wegen des Abkommens. Ihr Wegfall würde zu einer Belebung im Sinne einer Marktveränderung führen, nicht jedoch, wie die Beispiele anderer Länder gezeigt haben, zu einer Verbesserung des Angebots für die Kunden.

Es scheint im Trend zu liegen, sich die Buchhandlung der Zukunft auszumalen. Wie sieht Ihre persönliche Vision aus?

Die Buchhandlung der Zukunft ist selbstverständlich auf allen digitalen Kanälen voll vernetzt, und ihre Kunden wissen das. Sie bleibt aber als stationäres Geschäft ein Platz, an dem man sich gerne trifft, um gemeinsam mit der Buchhändlerin die Informationsbeschaffung zu einem guten Ergebnis zu bringen und darüber hinaus sich mit Niveau zu unterhalten und etwas Schönes zu erleben.

Danke, dass Sie sich Zeit für meine Fragen genommen haben. Ich denke mal, einige Aspekte werden am 3. Juni auch Thema sein.

_________________________________________________________________________________________________

Am Freitag geht’s an dieser Stelle weiter mit Stefan Weidle.

Zum Gespräch mit Lorenz Borsche von eBuch geht es hier und Zoë Beck  steht mir im Zusammenhang mit der Diskussionsrunde „Wie groß ist die Zukunft des Buches?“ hier Rede und Antwort

„Ein wichtiger Punkt ist die Gleichbehandlung von Buch und eBook. “ Im Gespräch mit Zoë Beck

???????????????????????????????Wie groß ist die Zukunft des Buches?“ – so ist eine Diskussionsrunde überschrieben, mit der SteglitzMind indirekt verbandelt ist. Und zwar insofern als die Gespräche mit Buchhändlern/innen, die ich seit letztem Sommer führe, dafür Pate standen. In seinem Beitrag kündigte der Inhaber der Berliner Tucholsky-Buchhandlung Jörg Braunsdorf an, die Fragestellungen der Interviewreihe anderenorts vertiefen zu wollen. Seinen Worten folgen nun Taten. Die Veranstaltung, von der sich Braunsdorf auch Signale an die Politik und den Börsenverein für den deutschen Buchhandel erhofft, findet am Dienstag, den 3. Juni 2014, um 19.00 Uhr in der Tucholskystr. 47 in Berlin/Mitte in der Tucholsky-Buchhandlung  statt.

Gäste sind: Siegmund Ehrmann, MdB (Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien), Zoë Beck (Autorin und e-Book-Verlegerin CulturBooks), Lorenz Borsche (Vorstand der buchhändlerischen Genossenschaft eBuch), Boris Langendorf (freier Publizist), Daniel Leisegang (Politikwissenschaftler, Redakteur der Monatszeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“ und Autor von „Amazon. Das Buch als Beute”) und Stefan Weidle (Verleger und Vorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung).

Ich erwarte mir im Vorfeld der Berliner Buchtage, die übrigens Tags darauf beginnen, eine spannende Diskussion, zu der Ihr herzlich eingeladen seid. Der Eintritt ist frei, um Voranmeldung, entweder per E-Mail  [kurt(at)buchhandlung-tucholsky(dot)de] oder via Facebook, wird gebeten.

Als Appetizer gibt es auf SteglitzMind vorab Gespräche mit einigen Gästen, die das Podium bestreiten werden.

Heute – Zoë Beck

Sorgst du dich um die Zukunft des Buches; womöglich sogar um das Kulturgut Buch?

Wir reden von dem Gegenstand „Buch“? Nein. Da mache ich mir keine Sorgen. Der hat an Faszination immer noch nicht verloren. Im Gegenteil glaube ich, dass schön gestaltete Bücher Zukunft haben werden. Was mit den Taschenbüchern passiert, merken wir ja schon: weniger Verkäufe zugunsten der eBooks.

Zoë Beck © Victoria Tomaschko

Zoë Beck © Victoria Tomaschko

Ihr seid vor gut sechs Monaten mit CulturBooks an den Start gegangen. Die Philosophie Eures Verlages für elektrische Bücher, die abseits des Mainstream liegen, könnte durchaus als Kampfansage verstanden werden…

Oder als Ausdruck offenen Wahns, schließlich wird einem ständig gesagt: Mit eBooks verdienst du nur Geld, wenn du Erotik und den ganzen Mainstream machst. Aber schon im Print wird doch hauptsächlich der ganze Mainstream gemacht, weil man auf der „sicheren Seite“ sein will. Da werden grandiose Texte aus absurden Gründen (Mixgenre/zu kurz/zu lang/zu Experiment/zu Nische) nicht gedruckt, da sagt man AutorInnen: toller Text, nur leider bekommen wir den nicht im Vertrieb durch, da sind tolle Texte vergriffen, weil sich der Nachdruck finanziell möglicherweise nicht lohnt. Wenn niemand das Risiko mehr eingehen will, die ganzen guten Sachen zu machen, wo kommen wir da hin? Dann müssen wir eben etwas für das Kulturgut „Großartige Texte“ machen. Deshalb haben wir CulturBooks gegründet. Irgendjemand muss ja.

Warum setzt Ihr ausschließlich auf digitale Bücher?

Wir sind selbst große Fans vom digitalen Lesen. Aus praktischen Gründen. Außerdem ist die Grundinvestition zwar nicht null, wie häufig geglaubt wird, aber natürlich niedriger als beim gedruckten Buch. Deshalb können wir mehr wagen. Tun wir ja auch. Wenn ein Text, den wir grandios finden, nur zweimal verkauft wird, haben wir keine 498 Restexemplare, die irgendwo verschimmeln. Im Gegenteil haben wir den Vorteil, dass wir diesen Text einfach so lange stur im Programm lassen können, bis er eines Tages vielleicht doch noch von hunderten, ja tausenden Menschen entdeckt wird. Wir sehen da eine Menge Vorteile.

E-Books sind im Sortiment inzwischen zwar angekommen, beliebt sind sie – vornehmlich aufgrund geringer Margen – beim Buchhändler allerdings nicht. Welche Erfahrungen habt Ihr bislang gemacht?

Da hilft tatsächlich nur: Überzeugungsarbeit mit viel Geduld. Mit allen reden und nach gemeinsamen Lösungen suchen, damit sich eben für die einzelnen Buchhandlungen der Aufwand rechnet. Damit sie ein Produkt bekommen, das für sie attraktiv ist. Wir bleiben dran. Es braucht Zeit, weil sich da noch alles – im Vertrieb, in der gesamten Denke sowieso – auf Strukturen stützt, die ja eigentlich für physische Bücher entwickelt wurden. Mit den Großhändlern und den großen Onlineanbietern ist es leichter in der Zusammenarbeit, klar. Da gibt es Exklusivaktionen und so weiter. Aber wir wollen ja eben besonders gern mit dem Sortiment arbeiten. Volker Oppmann will mit log.os auch eine Lösung bieten, die vorsieht, dass die Sortimentsbuchhandlungen eben deutlich mehr als jetzt beim Verkauf von eBooks bekommen und dass die Abläufe sehr viel einfacher und direkter werden.

Dass CulturBooks auch auf digitale Literatur setzt, „die aus verlagswirtschaftlichen Gründen out of print sind“, dürfte im Sortiment schwerlich für einen Freudentaumel sorgen…

Nun. Aber bei uns und bei denen, die auf die Neuauflagen gewartet haben. Und wie gesagt: So ein eBook nimmt ja nicht viel Platz weg, setzt keinen Staub an, ist stubenrein und liegt auch länger aus als nur sechs Wochen.

Wenn du als Autorin drei Wünsche an den Buchhandel frei hättest. Welche wären das? Und welche in deiner Funktion als Verlegerin?

Habt Freude an guten Texten, egal in welchem Format, und keine Angst vor der Zukunft. Macht das eBook zu eurem Produkt, denn ihr seid diejenigen, die Inhalte verkaufen, das kann niemand besser als ihr.

In der Schusslinie ganz vorne steht Amazon. Wie siehst du das: Gehen vom Riesen aus Seattle tatsächlich die größten Gefahren für den deutschen Buchmarkt aus?

Die größte Gefahr geht von denjenigen aus, die die Augen vor Entwicklungen verschließen, die sich gegen Realitäten verwehren, die nicht wahrhaben wollen, dass sich die Welt verändert. Dass es online „den Einen“ gibt, ist ein Phänomen, das wir nicht nur beim Buchhandel haben. Denken wir mal an eBay oder Google, die waren nicht von Anfang an da, die gab es irgendwann, und dann beherrschten sie den Markt auf eine Art, die viele von „Monopol“ sprechen lässt. Was streng genommen natürlich Unsinn ist, weil es Alternativen gibt. Wie auch immer, Amazon hat sich aus vielen Gründen durchgesetzt und ist Marktführer. Aus Konsumentensicht machen sie eine Menge richtig. Aus wirtschaftlicher Sicht tun sie das, was ein Konzern eben tut: Sie wollen Gewinne machen. Da kann man sich jetzt auf den Rücken werfen und mit den Beinen strampeln und sagen: Böseböse! Oder dagegenhalten und Geduld haben und sehen, wie weit man kommt. Gefahr sehe ich, wie gesagt, immer dann, wenn die Menschen aufhören, sich zu bewegen, und resignieren.

Dass Selfpublishing den Buchmarkt aufmischt, ist auch ein Verdienst von Amazon…

Moment. Auch da gibt es mehr als eine Selfpublishingplattform. Und wieder darf man nicht vergessen, dass die Art, wie Verlage mit ihren Autorinnen und Autoren umgegangen sind, doch einige ins Selfpublishing getrieben hat. Die großen Verlage haben vergessen, was ihre eigentlichen Kompetenzen sind, jedenfalls gewinnt man diesen Eindruck. Da wurden riesige Programme rausgehauen mit dem vollen Bewusstsein, dass die meisten der Bücher absaufen würden. Aber Hauptsache, die Verlagskataloge waren schön dick und man verstopfte die Vertriebskanäle. Und diese Konzentration auf gewisse Genres, innerhalb dieser Genres auf bestimmte Richtungen. Die Angleichung der Cover und der Titel, letztlich auch des Stils. Da wurde Literatur industrialisiert, im ganz großen Stil. Da hieß es „Schreib doch mal dasunddas, Thalia und Hugendubel suchen sowas gerade“ und nicht mehr „Was hättest du denn mal für uns, wir wollen etwas Neues auf den Buchmarkt bringen?“

Davon, wie mit einigen Kolleginnen und Kollegen auf persönlicher Ebene umgegangen wurde und teils noch wird, will ich gar nicht erst anfangen. Wenn dann am Ende steht, dass man monate- und jahrelang dafür gearbeitet hat, dass man einen winzigen Vorschuss, lächerlich winzige Verkaufsbeteiligungen inklusive schlechter Behandlung bekommt, ohne Aussicht, dass es mit einem weitergeht – dann doch lieber selbst und mit Spaß verlegen und so schreiben, wie man es auch möchte. Kann ich absolut verstehen. Und trotzdem finde ich persönlich Verlagsarbeit – nämlich so, wie sie mal gedacht war – unheimlich wichtig. Ein kluger Selfpublisher wird sich ein fähiges Team suchen. Seinen eigenen Mikroverlag, oder wie man es nennen mag, aufziehen. Dass Amazon mit hohen Beteiligungen winkt und eben Marktführer ist, macht es für Selfpublisher attraktiv. Die Verlage hätten sich schon vor Jahren überlegen müssen, was sie vielleicht falsch gemacht haben, was sie besser machen könnten, was ihre eigentlichen Aufgaben sind, statt so zu tun, als seien Selfpublisher ein lästiges Randphänomen, das sich irgendwann von selbst erledigt.

Von der Gesprächsrunde in der Berliner Tucholsky-Buchhandlung, bei der du am 3. Juni ebenfalls Gast bist, erhofft sich der Veranstalter Jörg Braunsdorf Signale in Richtung Politik und Börsenverein. Wo siehst du in diesem Kontext besonderen Nachholbedarf?

Ein wichtiger Punkt ist die Gleichbehandlung von Buch und eBook. Ein bisschen tut sich da ja schon: Es scheint der politische Wille da zu sein, den eBook-Mehrwertsteuersatz an den der Printbücher anzugleichen, auch in den Fragen der Übersetzerförderungen gibt es Fortschritte, nicht zuletzt, seitdem in den Förderprogrammen der EU eBooks ausdrücklich willkommen sind. Interessant ist die Lage bei den deutschen Literaturpreisen: Während einige Jurys eBooks zulassen (wie etwa der Internationale Literaturpreis oder der Deutsche Buchpreis), führen andere Preise mit sehr löchrigen und widersprüchlichen Argumenten einen fast rührend anmutenden, aber trotzdem ärgerlichen Abwehrkampf (etwa der Preis der Hotlist). Aber es wird wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis allen klar ist: es geht um Inhalte, nicht um das Trägermedium.

Die Angst ist groß, dass die Buchpreisbindung mit dem transatlantischen Freihandels­abkommen fallen könnte. Könnten freie Preise nicht sogar eine Belebung des Buchmarktes zur Folge haben?

Ja, könnten sie. Aber die Buchpreisbindung ist ja erst einmal eine Illusion für die Kundschaft. Es bekommen doch alle Händler andere Gewinnmargen. Wie will denn eine kleine Buchhandlung, die sowieso schon weniger am einzelnen Buch verdient als eine große Kette, mithalten können, wenn der Buchpreis bei der Konkurrenz gesenkt wird? Beim physischen Buch verstehe ich deshalb alle Bedenken und Argumente, die gegen die Aufhebung der Buchpreisbindung sprechen. Beim eBook sieht es ein wenig anders aus, da ist die Vorleistung des Buchhandels eine andere. Allerdings wird es wohl genau deshalb doch wieder nur darauf hinauslaufen, dass es dann auch nur „den Einen“ gibt, der alles für kleinstes Geld anbietet.

Wichtig finde ich jetzt, dass das Sortiment im nächsten Schritt beim eBook-Verkauf nicht wie ein Affiliate Store behandelt wird. Auch die elektronischen Werke müssen zum Produkt des Sortiments werden, statt nur online stattzufinden. Und ich werfe mal die Überlegung in den Ring: Wir wollen alle letztlich mit Büchern und Texten Geld verdienen. Ob wir sie nun schreiben, verlegen oder verkaufen. Das ging in der Vergangenheit schon meist eher schlecht, weshalb sich alles mehr und mehr auf diese Bestsellerkultur zuspitzte, und die hat uns auch eher unglücklich gemacht. Zudem wurde der Graben zwischen denen, die gerade so vom Buchverkauf leben können oder wenigstens etwas damit verdienen, zu denjenigen, die damit richtig reich werden, verbreitert. (Wobei die, die vermeintlich viel damit verdient haben, ja auch seit Jahren Probleme haben und noch höhere Beteiligungen von den Verlagen fordern.) Darüber, was das mit den Inhalten und der Qualität gemacht hat, müssen wir nicht reden. Wo wollen wir also hin? Ein breites Angebot, mehr Platz für Vielfalt und Qualität (die natürlich unterschiedlich definiert wird) schaffen, und irgendwie verdienen alle damit. Geht das tatsächlich nur über die Buchpreisbindung? Oder müssen wir noch ein Stück weiter denken? Ich habe da keine Lösung parat, ich bin keine Wirtschaftswissenschaftlerin. Aber ich habe den Eindruck, dass die durchaus sinnvolle Buchpreisbindung allein nicht die ganze Branche retten wird.

Es scheint im Trend zu liegen, sich die Buchhandlung der Zukunft auszumalen. Wie sieht deine persönliche Vision aus?

Die Buchhandlung als Mittelpunkt des Kiezes, als Treffpunkt der Nachbarschaft, als Hort des gedanklichen Austausches und der Gemütlichkeit? Ungefähr so? Gibt’s aber schon. Finde ich gut. Weiter so und mehr davon. Natürlich wird in Zukunft das eBook schön in der Buchhandlung präsentiert werden können. Die Buchhandlung wird zur Texthandlung und bietet Orientierung bei der Auswahl und Beratung. Und es gibt überall guten Tee.

Danke sehr, Zoë. Ich freue mich sehr, dass auch du am 3. Juni in der Tucholsky-Buchhandlung dabei sein kannst.

_________________________________________________________________________________________________

In der kommenden Woche geht’s an dieser Stelle weiter mit Boris Langendorf, dem ich zum heutigen Geburstag herzlich gratuliere.

Zum Gespräch mit Lorenz Borsche von eBuch geht es hier

„Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft, der hat schon verloren“. Im Gespräch mit Lorenz Borsche

???????????????????????????????„Wie groß ist die Zukunft des Buches?“ – so ist eine Diskussionsrunde überschrieben, mit der SteglitzMind indirekt verbandelt ist. Und zwar insofern als die Gespräche mit Buchhändlern/innen, die ich seit letztem Sommer führe, dafür Pate standen. In seinem Beitrag kündigte der Inhaber der Berliner Tucholsky-Buchhandlung Jörg Braunsdorf an, die Fragestellungen der Interviewreihe anderenorts vertiefen zu wollen. Seinen Worten folgen nun Taten. Die Veranstaltung, von der sich Braunsdorf auch Signale an die Politik und den Börsenverein für den deutschen Buchhandel erhofft, findet am Dienstag, den 3. Juni 2014, um 19.00 Uhr in der Tucholskystr. 47 in Berlin/Mitte in der Tucholsky-Buchhandlung  statt.

Dass dieses Mal die üblichen Grabenkämpfe nicht ausgefochten werden, dafür werden sicherlich auch die geladenen Diskutanten sorgen. Sie alle haben mit der Buchbranche zu tun, kommen aber aus völlig verschiedenen Ecken: Siegmund Ehrmann, MdB (Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien), Zoë Beck (Autorin und e-Book-Verlegerin CulturBooks), Lorenz Borsche (Vorstand der buchhändlerischen Genossenschaft eBuch), Boris Langendorf (freier Publizist), Daniel Leisegang (Politikwissenschaftler, Redakteur der Monatszeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“ und Autor von „Amazon. Das Buch als Beute”) und Stefan Weidle (Verleger und Vorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung).

Ich erwarte mir im Vorfeld der Berliner Buchtage, die übrigens Tags darauf beginnen, eine spannende Diskussion, zu der Ihr herzlich eingeladen seid. Der Eintritt ist frei, um Voranmeldung, entweder per E-Mail  [kurt(at)buchhandlung-tucholsky(dot)de] oder via Facebook, wird gebeten.

Als Appetizer gibt es auf SteglitzMind vorab Gespräche mit einigen Gästen, die das Podium am 3. Juni in der Tucholsky-Buchhandlung bestreiten werden.

Heute – Lorenz Borsche von eBuch:

Über mangelndes Engagement für den Erhalt des stationären Sortiments kann man derzeit kaum klagen, Blogger stellen Buchhandlungen vor, neue Preise für engagierte Buchhändler werden ausgelobt, jüngst sprach sich sogar Kulturministerin Monika Grütters dafür aus, den unabhängigen Buchhandel finanziell unterstützen zu wollen. Halten Sie staatliche Subventionsmodelle für sinnvoll?

Lorenz Borsche © privat

Lorenz Borsche © privat

Direkte Kulturförderung – für Lesungen zum Beispiel – halte ich für sinnvoll. Subventionen für normale Handelsgeschäfte lehne ich aber ab – unter der Prämisse, dass dann auch Online-Versender keine Millionenzuschüsse für den Bau ihrer Logistikzentren erhalten dürfen. Wer eine Buchhandlung aufmacht und damit Arbeitsplätze schafft, bekommt allenfalls einen günstigen Kredit, aber keinen Investitionszuschuss. Das müsste man mal alles zusammenzählen, was da bezahlt wurde, und zum Ausgleich einen Fond schaffen, der einspringt, wenn von der Gemeinde monatelang die Straße vor dem Laden aufgerissen wird. Wegen solcher Vorkommnisse mussten schon viele kleine Buchhändler schließen. Auf der grünen Wiese passiert das nie…

Die buchhändlerische Genossenschaft eBuch, die derzeit mehr als 600 Mitglieder vereint, wurde im Jahr 2000 ins Leben gerufen. Damals war die Buchpreisbindung gefährdet. Wo sehen Sie heute die größten Herausforderungen für den Buchhandel?

Ganz eindeutig im Wettbewerb mit Amazon.

Bekanntlich wahrt der Börsenverein für den deutschen Buchhandel die Interessen der drei Sparten des Buchhandels. Warum braucht es neben dem Börsenverein eigens eine Genossenschaft für das stationäre Sortiment?

Gegenfrage: Weshalb gibt es wohl einen Verband der Bahnhofsbuchhändler? Und zwar seit über 50 Jahren? Pure Nostalgie ist das sicher nicht.

Ein Drei-Sparten Verband muss immer zwischen allen vermitteln, das ist ein schwieriger Spagat, und der gemeinsame Nenner kann mitunter sehr klein sein. Eine Verbundgruppe dagegen kann viel leichter die wirtschaftlichen Interessen ihrer relativ homogenen Mitgliedschaft verfolgen.

Offenbar ist Amazon ja nicht nur der größte Feind des Buchhandels, für den Buchhändler scheint er auch der einzige zu sein. Ist das nicht zu eng gedacht?

Sicher ist das zu eng gedacht. Amazon, Zalando und Co. sind die größte Gefahr für den gesamten stationären Handel und damit auch für große Teile des Mittelstands. Der ist aber das tragende Element und Rückgrat unserer Wirtschaft. Ohne ihn spaltet sich unsere Gesellschaft noch weiter auf in „Oben“ (= wenige gutbezahlte, „wichtige“ Jobs) und „Unten“ (= viele, schlechtbezahlte Hilfstätigkeiten). Die Kunden bleiben mit ihren Beratungswünschen auf sich selbst gestellt. Allerdings ist das nicht jedermanns Sache, sich im stillen Kämmerlein vor dem Rechner schlau zu machen. Außerdem gehen damit viele alltägliche Sozialkontakte verloren. Insgesamt erleben wir dadurch eine stärkere Segregation der Gesellschaft – und das ist ja alles andere als wünschenswert.

eBuch will in diesem Jahr mit Libri und den Anabel-Partner einen bundesweit einheitlichen Online-Shop an den Start bringen, der Händlern, Großhändlern, Auslieferungen und Verlagen ein gemeinsames Dach bieten soll. Sie wollen damit Amazon die Stirn bieten. Kann man einem quasi Online-Monopolisten mit einer Online-Strategie beikommen?

Mit „nur Online“? Sicher nicht, allemal, wenn einer so gut aufgestellt ist wie Amazon. Deshalb zielt unser Projekt auf eine nahtlose Verknüpfung von „Online“ mitStationär“. Sie haben dann auf der einen Seite die pure Variante Versand/Paketbote, auf der anderen Seite bieten wir den Kunden einen Onlineshop, der ganz eng mit den lokalen Geschäften verzahnt ist, der aber das pure Versand-Modell auch kann – das ist ein Mehrwert für den Kunden, der ein Buch sofort haben oder lieber im Laden abholen will und dafür auch gerne das Haus verlässt. Wenn er denn weiß, dass das Buch vorrätig ist und jetzt für ihn reserviert bereit liegt. Das „jetzt“ darf auch morgen sein, aber niemand läuft gerne umsonst. Das genau leistet unser Shop – und die Versand-Variante sowieso, aber das ist ja nichts Neues.

Amazon punktet im Buchbereich ja nicht allein mit der Verfügbarkeit, auch mit Service, persönlichen Empfehlungen sowie einem Pool an Rezensionen und Bewertungen. Haben Sie dem ebenfalls etwas entgegenzusetzen?

Wir würden ein solches Projekt nicht ohne einen langfristigen Plan angehen. Zu einem gemeinsamen Bewertungs- und Rezensionspool werden die Buchhändler/Innen mit ihrem Fachwissen entscheidend beitragen. Das zumindest ist Teil des Plans.

Andere sind mit Plattformen gescheitert: „Wer als Leser Bücher sucht, ist bei libreka! an der richtigen Adresse“

Ein solches Projekt darf nicht bei einem gemeinnützigen Verein angesiedelt sein, sondern muss von Menschen getragen werden, deren wirtschaftliches Wohl und Wehe davon abhängt. Die den Erfolg wirklich wollen, weil sie sonst nicht wissen, wie sie morgen ihre Brötchen bezahlen sollen.

In der ferneren Vergangenheit sind einige Projekte „Gemeinsames Einkaufen vieler kleiner Buchhändler“ gescheitert. Das hat uns aber im Jahr 2000 nicht davon abgehalten, einen neuen Versuch zu wagen. Mit ANABEL haben wir ein erfolgreiches Modell etablieren können. So erfolgreich, dass es sogar kopiert wurde. Das garantiert natürlich nicht, dass wir auch diesmal erfolgreich sein werden, aber immer gilt: „Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft, der hat schon verloren“.

Lieber spät als nie… Ketzerisch gefragt: Warum kommt der Online-Shop von eBuch erst jetzt?

Den ersten Online-Shop mit Bestandsanzeige der lokalen Buchhandlung haben wir schon 1999 installiert und waren damit die allerersten. Allerdings waren die Kunden damals trunken vor Begeisterung, dass man ihnen etwas nach Hause bringt, und das noch dazu kostenlos. Mit dem Bekanntwerden aller negativen Folgen, u.a. der Verödung der Fußgängerzonen, dem Anschwellen von Billigjobs, dem Wegbrechen kommunaler Steuereinnahmen, ist diesbezüglich inzwischen Ernüchterung eingekehrt. Trotzdem wissen vier von fünf Stammkunden einer Buchhandlung nicht, dass diese einen leistungsfähigen Online-Shop hat, und das vielleicht schon seit Jahren. Das liegt auch daran, dass es unmöglich ist, mit so einem Kleinstshop bei Google irgendwo aufzutauchen. Kein Kunde kann sich „www.buecherstube-kleinkretzingen.de merken oder geschweige denn gar eintippen.

Bitte… Warum jetzt erst?

Einem einheitlichen, gemeinsamen Dach-Shop unter einem einprägsamen Label standen bislang die Buchhändler selbst im Wege: Es gibt im Einzelhandel einen kaum stärker ausgeprägten Individualismus als im Buchhandel. Bis der ketzerische Gedanke, dass das Schaufenster im Web nichts mit dem Ambiente des Ladengeschäft zu tun haben muss, um erfolgreich zu sein – bis das überhaupt diskussionsfähig war, da ist sehr viel Zeit verstrichen.

Genau solche „Individualität“ verhindert im Netz den Erfolg. Zum Beispiel muss das Suchfeld immer an derselben Stelle sein. Und zwar da, wo der Kunde es sucht, weil er es aus anderen Shops oder von Google eben so kennt. Für Kunden stehen online Bequemlichkeit und Funktionalität an allererster Stelle. „Schön“ muss nicht unbedingt sein – wann wären Telefonbücher oder Gelbe Seiten oder Fahrpläne jemals schön gewesen? Übersichtlichkeit und Funktionalität sind die Schlüsselworte. Das belegen optisch eher karge Internetauftritte von erfolgreichen Onlinern wie Amazon und eBay sehr eindrucksvoll.

Die Initiative richtet sich an alle Verlage, Zwischenbuchhändler, Verlagsauslieferungen und Buchhandlungen. Was ist mit dem Bereich Self-Publishing?

Mit „Books on Demand“ verfügt unser Partner bereits über eine hervorragende Self-Publishing Plattform, die von tausenden von Autoren (und übrigens auch Verlagen) erfolgreich genutzt wird. Die heute als europäischer Marktführer gilt und schon im Jahr 1999 in Amerika den renommierten Smithsonian Award, einen Innovationspreis gewonnen hat. Die es also schon gab, lange bevor das von Amazon nacherfunden wurde. Und das ist nicht die einzige solche Plattform in Deutschland. Das müssen wir also nicht neu erfinden.

Wie wollen Sie die Masse, sprich: Bündnispartner für Ihre neue Plattform gewinnen?

Genau so wie wir weit über 90% unserer eingefleischten „Individualisten“ letztens in wenigen Stunden überzeugen konnten: Wer den Schuss bis jetzt noch nicht gehört hat, der mag in individueller Schönheit dahinsiechen. Für alle, die überleben wollen, gilt: Die Zeit der Eitelkeiten muss jetzt vorbei sein. Im Internet sei Platz für viele, denn jeder sei nur einen Klick weit vom anderen entfernt, war die dümmste „Weisheit“, die in den Anfangstagen des WWW verbreitet wurde. Man hat einfach die Bequemlichkeit des Menschen außer Acht gelassen. Der einzige, der konsequent vom Kunden aus gedacht hat, war Jeff Bezos – das ist seine größte Leistung und der Motor seines Erfolges. Und genau das müssen wir auch tun. Da müssen sich auch harte Konkurrenten die Hand reichen und zusammenarbeiten, sonst wird das nichts – und dann verlieren wir alle.

Warum sollte im E-Commerce das Heil für die Buchbranche liegen?

Was über einhundert Jahre der Versandhandel war, heißt heute „E-Commerce“. Aber neu ist da wirklich nichts, außer, dass man den Katalog nicht gedruckt, sondern aktuell und online ständig parat hat. Das Internet hat diese Sparte für Kunden deutlich bequemer gemacht. Aber ob das ein Heil ist und für wen, diese Frage ist mir einfach zu groß.

Das Internet ist ein großartiges Informationsinstrument. Bevor ich vor die Tür gehe, möchte ich wissen, ob mein Händler das gesuchte Produkt entweder vorrätig hat oder bis wann er es mir bestellen und besorgen kann. Früher hat man sich – oft durch mehrere Geschäfte – durchtelefoniert oder mehrfach hinlaufen müssen. Heute kann ich das mit einem Klick erledigen, und genau das will der Kunde. Wenn er überhaupt noch bereit ist, vor die Tür zu gehen – und das ist er ja zum Glück immer noch. Aber dann muss die Leistung stimmen, dann will ich nicht mehrfach laufen müssen. Und wenn wir das schaffen, dann gibt es auch eine solide Hoffnung, dass der stationäre Handel überlebt.

Von der Gesprächsrunde in der Berliner Tucholsky-Buchhandlung, bei Sie am 3. Juni ebenfalls Gast sind, erhofft sich der Veranstalter Jörg Braunsdorf ein Signal in Richtung Politik und Börsenverein. Wo sehen Sie in diesem Kontext besonderen Nachholbedarf?

Ökonomie: Werbekostenzuschüsse gehören in den Gesamtrabatt eingerechnet. Der darf bei preisgebundenen Waren bei nicht mehr als 50% liegen. Andernfalls, so sagt das Kartellamt, ist der Endpreis offenbar überhöht angesetzt und muss reduziert werden. Dann würde die bisher übliche Auspressung der Verlage über die 50% hinaus durch eben solche Nebenabreden unmöglich gemacht. Das würde den Kleinen helfen, auskömmliche Konditionen zu bekommen. Schlussendlich werden die die mit „Werbekostenzuschüssen“ überhöhten Rabatte der Großen ja leider von den Kleinen mitfinanziert. Anders geht es für den Verlag nicht auf.

Kultur: Eine effiziente, intelligente und erfolgreiche Kulturförderung, wie sie zum Beispiel in Bayern im Zusammenspiel zwischen Landesverband und Politik betrieben wird, könnte Blaupause und Vorbild sein.

Und vom Börsenverein muss man sich wünschen, dass er – vor allem bei solchen Herkules-Aufgaben – Konkurrenten an einen Tisch bittet und gemeinsame Initiativen mit Macht fördert und unterstützt, und damit die Aufsplitterung auf viele zu kleine Projekte zu verhindern sucht. Gerade dafür könnte der Drei-Sparten-Verband die ideale Plattform bieten.

Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, Lorenz Borsche. Ich meine, das sind eine Menge Denkanstöße im Vorfeld der Veranstaltung in der Tucholsky-Buchhandlung am 3. Juni.

__________________________________________________________________________________________

Am Donnerstag folgt an dieser Stelle ein Interview mit  Zoë Beck

Wie groß ist die Zukunft des Buches? Zur Veranstaltung in der Berliner Tucholsky-Buchhandlung am 3. Juni

„Wie groß ist die Zukunft des Buches?“ – so ist eine Diskussionsrunde überschrieben, mit der SteglitzMind indirekt verbandelt ist. Und zwar insofern als die Gespräche mit Buchhändlern/innen, die ich seit letztem Sommer führe, dafür Pate standen. In seinem Beitrag kündigte der Inhaber der Berliner Tucholsky-Buchhandlung Jörg Braunsdorf an, die Fragestellungen der Interviewreihe anderenorts vertiefen zu wollen. Seinen Worten folgen nun Taten. Die Veranstaltung, von der sich Braunsdorf auch Signale an die Politik und den Börsenverein für den deutschen Buchhandel erhofft, findet am Dienstag, den 3. Juni 2014, um 19.00 Uhr in der Tucholskystr. 47 in Berlin/Mitte in der Tucholsky-Buchhandlung  statt.

Logo © Tucholsky-Buchhandlung

Logo © Tucholsky-Buchhandlung

Dass dieses Mal die üblichen Grabenkämpfe nicht ausgefochten werden, dafür tragen sicherlich auch die geladenen Diskutanten Sorge. Sie alle haben mit der Buchbranche zu tun, kommen aber aus völlig verschiedenen Ecken: Siegmund Ehrmann, MdB (Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien), Zoë Beck (Autorin und e-Book-Verlegerin CulturBooks), Lorenz Borsche (Vorstand der buchhändlerischen Genossenschaft eBuch), Boris Langendorf (freier Publizist), Daniel Leisegang (Politikwissenschaftler, Redakteur der Monatszeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“ und Autor von „Amazon. Das Buch als Beute”) und Stefan Weidle (Verleger und Vorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung).

Ich erwarte mir im Vorfeld der Berliner Buchtage, die übrigens Tags darauf beginnen, eine spannende Diskussion, zu der Ihr herzlich eingeladen seid. Der Eintritt ist frei; um Anmeldung per E-Mail wird gebeten [kurt(at)buchhandlung-tucholsky(dot)de].

Als Appetizer gibt es auf SteglitzMind vorab Gespräche mit einigen Gästen, die das Podium am 3. Juni in der Tucholsky-Buchhandlung bestreiten werden. Den Anfang haben Lorenz Borsche von der buchhändlerischen Genossenschaft eBuch und Zoë Beck gemacht.

Die Buchhandlung setzte ein Gesicht auf, als würde sie einer Kette angehören. – Ein Gastbeitrag von Guido Rohm

Im Rahmen der losen Gesprächsreihe “Steglitz stellt Buchhändlerinnen und Buchhändler vor” hatte ich vorgeschlagen, dass Ihr Gastbeiträge beisteuern könntet. Schilderungen aus dem Buchhändleralltag oder, was auch immer… Erfahrungsberichte zum Beispiel: Was habt Ihr in Buchhandlungen erlebt? Woran denkt Ihr gerne zurück, was ist Euch aufgestoßen? Nach der Polemik von Stefan Möller aka @Hedoniker Lieber stationärer Buchhandel, wir müssen reden!, die reichlich Wind machte, der Replik darauf von Lorenz Borsche, dem Brief des sterbenden Bildungsbürgers vom Krankenbett herab, dass kein Ausweg sei aus der Feder von Sandhofer und Gerrit van der Meers persönlichem Bericht Draußen vor der Tür. Als arbeitsloser Buchhändler nachts in einer fremden Stadt steuerte heute Guido Rohm, Schriftsteller, Künstler und Blogger, einen Beitrag bei. – Ich sage dafür herzlich danke.

Was Guido schreibt, passt in keine Schublade. Für Untat, seine jüngste Veröffentlichung, bürstete er beispielsweise das Krimigenre gegen den Strich. Auch unsere erste Begegnung verlief unorthodox: Sein Beitrag im Rahmen der Gesprächsreihe Steglitz stellt bibliophile Blogger vor sprengte die Regeln. – Was kann man anderes von einem erwarten, der gestammelte Notizen bloggt?

.

Ein Ort für Elben. Von Guido Rohm

Buchhandlungen, also die unabhängigen, die, die keiner Kette angehören, sind für mich als Autor schwer einzuschätzen. Bot einer meiner kleinen Verlage, bei denen ich veröffentliche, einer von ihnen an, eine Lesung zu veranstalten, drucksten sie meist herum. Man müsse sich das überlegen.

Sie sollten sich keine Sorgen machen, sagte einer meiner Verleger zu den Besitzern der Buchhandlungen. Er würde die Bücher mitbringen, den Wein. Die Bücher dürfe die Buchhandlung selbstverständlich verkaufen. Darum ginge es ja. Ein Geschäft, so konnte man denken, dass für beide Seiten lukrativ ist.

Ich kenne nicht alle Buchhandlungen in diesem Land, auch wenn ich das gerne tun würde. Wo hält man sich am liebsten auf? Wo halte ich mich am liebsten auf? Richtig, in einer mit Büchern vollgestopften Buchhandlung. Ein Ort, der mit Fantasie so vollgestopft ist, dass man jeden Moment damit rechnen muss, dass ein Elb um die Ecke gelaufen kommt.

Meine Lieblingsbuchhandlung, die ich früher hier in Fulda, wo ich wohne, hatte, war eine Buchhandlung, die alles das besaß, was ich erwartete, und vor allem das bot, was ich mir von einem solchen Ort erträumte: Hohe Bücherregale, so hoch, dass man zu den Gipfeln nur mit Hilfe einer Leiter stürmen konnte. Links und rechts der Eingangstür befanden sich zwei Regale, die mit lauter gelben Reclamheften bestückt waren. Eng an eng standen sie da, und ich musste jedes Mal, wenn jemand kam oder ging, einen Schritt in den Laden machen, um Platz für die- oder denjenigen zu machen. Es machte Mühe, die keine Mühe, sondern ein Riesenspaß war.

Das Finden der Bücher war ein Job, er war der, den man am liebsten bezahlt bekommen hätte. Nicht lange und ich kannte mich besser wie manche der Buchhändlerinnen aus. „Haben Sie was von Lem?“, fragte ein älterer Herr. Die Verkäuferin, deren Brille an eine Kette hing, zuckte mit den Schultern. Sie glaube nicht, sie müsse erst nachsehen. „Doch, doch!“, rief ich. „Hier ist er doch!“

Es war, als würde man die Nachmittage mit seinen besten Freunden, die alle längst tot waren, verbringen. Es war bizarr und schön zugleich.

Guido Rohm © Alfred Harth

Guido Rohm © Alfred Harth

Später, es ist ein paar Jahre her, verkaufte man den Laden. Es war für die ehemaligen Besitzer schwer geworden, zu überleben. Die großen Buchhandelsketten tauchten auf. Das Internet. Plötzlich wurde aus meiner Privatangelegenheit etwas, das keinen Spaß mehr machte, weil die Wände voller Suhrkamp-Bücher, und jene in denen meine geliebten Heyne-Science-Fiction-Romane untergebracht waren, von den Büchern, die die Ketten für wichtig hielten, verdrängt wurden.

Die Buchhandlung, in der ich mich so viele Jahre lang wohlgefühlt hatte, setzte nicht auf Individualismus oder darauf, eine gewissen Eigenständigkeit zu bewahren, sondern sie setzte ein Gesicht auf, als würde sie auch einer Kette angehören.

Und ohne dass sie es bemerkte, begann sie zu sterben, weil die Leute gar nicht wussten, warum sie die kleine Schwester einer großen Schwester aufsuchen sollten. Warum sollten sie sich mit einer Kopie zufrieden geben, wenn das Original, das natürlich auch nur eine Kopie zahlloser anderer Kopien war, alles das im Überfluss bot, was die kleine Schwester mit trauriger Hand reichte.

In dieser Zeit bemühte sich mein damaliger Verleger, aber auch meine Frau, die sich um solche Sachen wie Lesungen und Kritiker verwünschen kümmert, um eine Lesung in der Buchhandlung, die in meinen Kindheits- und Jugendtagen so etwas wie meine Heimat gewesen war.

Nein, man habe kein Interesse. Sie lehnten ab, obwohl ich kein Risiko darstellte, außer dem Risiko, nicht so bekannt zu sein, wie sie es sich erhofften.

Die kleine Schwester, so kam es mir vor, wollte wie die große sein, und das brach ihr schließlich das Genick. – Wie ich kürzlich las, wird die Buchhandlung schließen, auch wenn sie noch eine weitere, auf Kinderbücher und Krimskrams spezialisierte Filiale, die in einem Einkaufszentrum untergebracht ist, weiterbetreiben wird; immer in der Hoffnung, so zu werden, wie all die gleichaussehenden austauschbaren Filialen der Ketten.

Ich kenne, wie eingangs bereits geschrieben, nicht alle Buchhandlungen. Wie könnte ich sie auch alle kennen, es würde Zeit und Geld voraussetzen, dass ich nicht habe.

Überleben werden sie aber, da bin ich mir sicher, nur, wenn sie lernen, sich auf ihre Stärken zu besinnen. Wenn sie wieder zu jenen Trutzburgen werden, in denen die Leser sich vor den Massen an schlechten Büchern verstecken können, die wie eine Armee auf den Tischen der Ketten liegen.

Bücher sind etwas, in das man einkehrt, sie sind etwas, in dem man sich versteckt, in dem man kauert, um die schlechten Zeiten, die wir alle hin und wieder durchmachen, zu überstehen. Für mich war das so. Es ist ein alter wiederkehrender Traum im Winter vor dem Kamin in einem Sherlock Holmes zu schmökern.

Und wenn Bücher eine Rückkehr sind, sollten Buchhandlungen Orte sein, an denen die Zeit keine Chance hat.

Unbestechliche Plätze, die sich keiner Mode anpassen müssen, weil die Fantasie nie einer Mode unterworfen war. Weil sie seit allen Zeiten Hochkonjunktur hat.

© Guido Rohm