Frieden ist auch eine Bringschuld. Persönliche Gedanken zu einer bedrohlichen Lage

Am Donnerstagmorgen war ich ob der Entwicklungen fassungslos. Am Sonntagmorgen machte mir die Regierungserklärung des Bundeskanzlers bewusst, dass ich fortan in einem anderen Deutschland leben werde.

So sehr ich die Entscheidungen auch nachvollziehen kann; Wladimir Putins Angriff auf die Ukraine ließ keine andere Wahl. So bestürzt bin ich. Ich war glücklich und stolz, in einem Land zu leben, das sich für Abrüstung, Ausgleich, Entspannung und Völkerfreundschaft eingesetzt hat. Mir persönlich ist nicht vorstellbar von diesen Leitlinien abzulassen. Mich mit einem Deutschland zu identifizieren, dass über Nacht davon Abstand nahm, fällt mir schwer.

Mein Großvater väterlicherseits, Bernhard von Prittwitz, ist im April 1944 im Alter von 48 Jahren am Fluss Dnjestr auf dem Gebiet des heutigen Moldawiens gefallen. Als das Kriegsende absehbar war. Keine sechs Monate später sollte die sowjetische Armee von der Weichsel weit nach Westen an Oder und Neiße vorstoßen.

Das U-Boot des ältesten Bruders meines Vaters, der seit 1941 als Leutnant zur See eingesetzt war, galt seit April 1943 in der Karasee als vermisst. Das Schicksal des damals 21-jährigen Wilhelm und der 47-köpfigen Besatzung konnte erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion geklärt werden. Das sowjetische U-Boot S-101 hatte U 639 am 28. August 1943 mit drei Tornados versenkt.

Mein Vater Krafft-Erdmann wurde im Januar 1945 zur Wehrmacht eingezogen. Er war 16 Jahre alt und sollte gemeinsam mit anderen Kindersoldaten den Rügen-Damm sprengen. Er wurde auf Rügen von den Russen gefangen genommen. Von dort ging es in einer Strafkolonne zu Fuß durch Polen, Brandenburg, Westpreußen über Gaudenz in Polen bis nach Thorn an der Weichsel. Ein Gewaltmarsch von über 600 Kilometern, bei dem die Kriegsgefangenen in abgerissenen Uniformen, vielfach sogar ohne Schuhwerk, täglich mehr als 40 Kilometer zurücklegen mussten. In Thorn meinte es das Schicksal gut mit ihm. „Du noch Kind. Du nach Hause.“ Er schlug sich nach Melkof durch, wo ihn meine Großmutter Helene, die in zweiter Ehe Franz Hubertus Graf von Kanitz zum Ehemann genommen hatte, im Winter 1945/46 wieder in die Arme schließen konnte.

Wie die meisten hat mein Vater über die Traumata nie gesprochen. Von meiner Mutter weiß ich, dass er bis hinein in die 1960er Jahre unter Alpträumen gelitten hat. Er schrie und durchnässte das Bettlaken.

Folgt man heutigen Schätzungen hat der Zweite Weltkrieg mindestens 55 Millionen Menschen das Leben gekostet. Von dem unermesslichen Leid, das er über die Menschen gebracht hat, erst nicht zu reden. Für mich sind die Schicksale, die dieser Krieg in den beteiligten und involvierten Ländern verursacht hat, und die Verbrechen, die unter den Nationalsozialisten zwischen 1933 – 1945 verübt wurden, ein Vermächtnis. Eine Bringschuld sich für Abrüstung, Ausgleich, Entspannung, Völkerfreundschaft und -verständigung stark zu machen.

Das darf, bitte sehr, auch in dieser bedrohlichen Zeit nicht ins Abseits geraten!

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