Was die Kartoffel mit meinem zukünftigen Wohnsitz zu tun hat

Wurst ging gelegentlich auch. Mein Vater in den 1950ern © Familie vP

Eine große Freundin von Kartoffeln bin ich nicht. Bisher haben meine Geschmacksnerven dieser beliebten Beilage, die seit Ende des Dreißigjährigen Krieges Grundnahrungsmittel der Deutschen ist, nur wenig abgewinnen können. Völlig anders mein Vater. Ihm mundete die Knolle in allen Variationen. „Am liebsten schon zum Frühstück in Form von Bratkartoffeln“, so eine Auskunft meiner Mutter.

Ich mutmaße, mein Vater hat andere Kartoffeln als ich gegessen. Nicht die formschönen, von Ackererde befreiten, Weich- oder Festkochenden, die wir aus den Supermärkten kennen. Zudem dürften ihm beim Verzehr Erinnerungen gekommen sein. Schöne und weniger gute.

Wer mag, kann hier nachlesen, was ihn beschäftigt hat.

Auszug und Aufbruch

Hier ist es still geworden; vielleicht zu still. Man könnte meinen, dass der Verlust von Robert Basic, der mir einst den Anstoß gegeben hatte, zu bloggen, mich innehalten ließ. Zumindest sieht es danach aus. Seit dem 2. November 2018, seinem Todestag, habe ich hier nichts mehr veröffentlicht.

Ein Anlass zum Räsonieren. Beweggrund für SteglitzMind ist vor allem Neugierde gewesen. Als ich das Blog im Mai 2012 an den Start brachte, trieb mich – wie andere auch – die Frage um, wie die Buchbranche und der Literaturbetrieb auf die Herausforderungen der Digitalisierung reagieren würden? Welche Chancen und welche Risiken damit für eine Branche verbunden wären, die sich eher wenig innovationsfreudig geriert. Damals standen wir am Anfang einer Entwicklung, von der angenommen wurde, dass sie enorme Veränderungen mit sich bringen würde. Vieles war Neuland: Buchblogger, E-Books, Online-Shops, Print on Demand, Selfpublishing, Streamingdienste und soziale Medien.

neue Heimat © GvP

Ich nahm mir vor, die Entwicklung zu dokumentieren. In differenzierten Beiträgen, auch von Gastkommentatoren, und in Form von Interviews mit Autoren, Bloggern, Buchhändlern und Verlegern. Alle habe ich danach gefragt, wie die Entwicklungen infolge der Digitalisierung eingeschätzt, welche neuen Wege genutzt und wo Chancen und Risiken ausgemacht wurden.

Die Pionier- und Aufbruchszeiten sind vorbei. Längst sind Buchblogger, Bookstagrammer, BookTuber und Buchpodcasts, E-Books, Online-Shops, Print on Demand, Selfpublishing, Streamingdienste und soziale Medien keine Herausforderungen mehr, sondern feste Größen im Buchgeschäft.

Das Neue existiert neben und mit dem Alten und keiner stößt sich mehr daran. Somit hat sich die Intention von SteglitzMind, die Umbruchsphase möglichst facettenreich zu dokumentieren, überholt.

Mein Dank gilt allen, die mit Gastbeiträgen oder als Interviewpartner dazu beigetragen haben. Ich meine, gemeinsam ist es uns doch recht gut gelungen, auf SteglitzMind eine Phase des Umbruchs in der Buchbranche abzubilden; mitsamt ihren diffusen Ängsten und übertriebenen Hoffnungen.

alte Heimat

Abgesehen davon, dass ich die Haare nicht mehr ganz kurz trage, hat sich bei mir persönlich inzwischen auch einiges getan. So konnte ich endlich letzte Hand an die Geschichte meiner Familie legen. Eine Spurensuche, die mich Kraft gekostet hat. Sie beginnt 800 zu einer Zeit als einige meiner Vorfahren an der Seite von Karl dem Großen gegen die Mauren gekämpft haben. Und endet mit der Flucht aus Schlesien 1945. Eine weite Zeitspanne, die mit sich bringt, dass diese Familiengeschichte auch deutsche Geschichte erzählt. – „Aus der Geschichte lernen“, das sagt sich leicht und ist zumeist eine reichlich trockene Angelegenheit. Nicht aber, wenn man die Spuren der eigenen Familie zurückverfolgt.

Eine große Veränderung steht alsbald an. Ich werde Berlin und somit Steglitz verlassen. Für mich ein Grund, unter anderem Namen und mit neuer Intention zu bloggen. Frei nach Wolf Biermann: „Nur wer sich verändert, bleibt sich treu.“ Natürlich würde ich mich freuen, wenn Ihr Euch ab und zu auch dafür interessieren würdet.

R.I.P. Robert Basic

Heute ist Robert Basic, Ur-Blogger und Schnellsprecher, viel zu früh von uns gegangen. Ich habe ihm zu danken.

Nach einer Veranstaltung, die sich um’s Internet drehte (damals für die meisten tatsächlich noch Neuland), rief er mir hinterher: „Gesine, du musst bloggen! Du musst!!“

Ohne Rob gäbe es SteglitzMind nicht. Er hat mich inspiriert, protegiert und ermutigt.

Ich bin sehr traurig.

Mein offener Brief an Horst Seehofer, amtierender Minister des Inneren, für Bau und Heimat

Sehr geehrter Herr Bundesinnenminister, für Bau und Heimat,

sehr geehrter Herr Seehofer,

frei heraus: Ihr Bashing, Ihre Hetzjagd auf die Bundeskanzlerin, ihre Rhetorik ist für mich kaum noch zu ertragen. Sie gießen Öl ins Feuer statt zu versöhnen. Für mein Dafürhalten ist es die erste Pflicht eines Ministers des Inneren, Interessen auszugleichen, zu vermitteln. Kurzum: sich für den inneren Frieden in einer Gesellschaft stark zu machen.

Und das tut wahrlich Not. Unsere Gesellschaft driftet ebenso wie die Europäische Union auseinander. Von der weltpolitischen Lage gar nicht erst zu reden.

Wäre es nicht an Ihnen, all‘ die vakanten Herausforderungen, vor denen Europa und Deutschland im Juni 2018 stehen, besonnen mit anzupacken? Sie, allerdings, fokussieren Ihre Maßnahmen und Stellungnahmen auf eine Entscheidung, die aus humanitären Gründen im September 2015 erfolgt ist.

Darf ich Sie daran erinnern, dass damals ein Ruck durch unsere Gesellschaft ging?  Sich hierzulande eine Willkommenskultur Bahn brach, die das Ausland mit großer Verwunderung zur Kenntnis genommen hat. Es liegt auf der Hand, dass in der anfänglichen Euphorie verkannt wurde, dass sich Integration nicht von leichter Hand bewerkstelligen lässt. Dass die zuständigen Behörden heillos überfordert gewesen sind. Jeder, der seinen Verstand halbwegs gebraucht, wird das inzwischen verinnerlicht haben. – Warum reiten Sie darauf rum?

Wollen Sie die Gesellschaft weiter spalten? Neuwahlen? Ist das Ihre Option? Vielleicht ist Ihnen nicht bewusst, dass Sie mit Ihrer Demontage nicht nur dem inneren Frieden schaden. Auch sich selbst und Ihrer Partei, der CSU. Das, freilich, mag ja manchem sogar zur Freude gereichen…

Wie geschrieben. Ich wünsche mir, nee, der täte Not! Einen  Bundesinnenminister, der sich darauf versteht, Interessen auszugleichen, zu vermitteln. Zu versöhnen. Statt zu spalten. Der sich für den inneren Frieden in Deutschland und Europa stark macht.

Ich wünsche Ihnen Weitblick. Mehr Weitblick!

Mit freundlichem Gruß

Gesine von Prittwitz

Buchpreisbindung. Eine Entgegnung zum Gutachten der Monopolkommission von Lorenz Borsche

Sehr geehrte Damen und Herren,

gestatten Sie mir, mich kurz vorzustellen: Lorenz Borsche, 63, Gründer und Vorstand der eBuch eG, einer Einkaufsgenossenschaft mit 850 Mitglieds-Buchhandlungen und eigenem Zentrallager mit ca. 120 Mio. Euro Jahresumschlag (VK) und einem bundesweiten Onlineshop, der besonders die Abholung in der lokalen Buchhandlung unterstützt. Meine Vita finden Sie auf meiner Homepage.

Sie werden unschwer verstehen, dass die Buchpreisbindung ein Thema ist, mit dem ich mich seit Jahrzehnten beschäftige, denn es war Ende der 1990er Jahre die Drohung von EU-Kommissar Karel van Miert, diese Preisbindung abzuschaffen, die überhaupt zur Gründung dieser Genossenschaft geführt hat.

Sie, Herr Professor Wambach als Vorsitzender, und Ihre Kolleginnen und Kollegen der Monopolkommission haben sich in einem Gutachten gegen die Preisbindung bei Büchern ausgesprochen. Nein, ich möchte nicht mit Ihnen diskutieren, wie kulturelle Vielfalt sinnvoll geschützt werden kann, auch nicht, ob alles, was zwischen zwei Buchdeckel gepresst wird, unbedingt als Kultur zu gelten hat oder ob der Buchhandel per se ein schutzbedürftiges Biotop sei. All‘ das nicht.

Lorenz Borsche © privat

Und wenn ich nicht wüsste, dass Sie, lieber Herr Professor Wambach, zunächst (wie ich auch) Physik und Mathematik studiert hätten, würde ich Ihre Empfehlung an die Bundesregierung nur für ein Beispiel des unter Wirtschaftswissenschaftlern mittlerweile weit verbreiteten Neoliberalismus (eigentlich: Marktfundamentalismus) halten, dass nämlich der Markt sich am besten von selbst nach Angebot und Nachfrage ausbalanciert und deshalb regulatorische Eingriffe zu vermeiden seien. Das Beste, postulieren Sie, sei doch der von EU-Recht geschützte „unverfälschte Wettbewerb“.

Diese These basiert vor allem auf dem seit John Stuart Mill bekannten Begriff des „homo oeconomicus“, der unterstellt, dass die auf einem Markt handelnden Personen allumfassend informiert und absolut rationale Egoisten seien, die ihre Produktauswahl ausschließlich nach der Summe ökonomischer Kriterien richten. Daraus folgt nach Adam Smith, dass Märkte sich zum Wohle aller selbst regulieren, wenn man sie nur lässt.

Aber den postulierten „homo oeconomicus“ gibt es nicht, das sagt uns nicht nur der gesunde Menschenverstand, mittlerweile haben viele psychologische Studien diese These mehr als einmal falsifiziert. Dann müssen aber auch alle Theorien und Voraussagen, die darauf basieren, mehr oder weniger falsch sein. Leider hat dieses Denkmodell in der Nationalökonomie, die heute Wirtschaftswissenschaft heißt, zu vielen falschen Voraussagen – Stichwort Pareto-Optimum, das es niemals gegeben hat und niemals geben kann – und daraus folgend irrigen Handlungsanweisungen an Politiker geführt, von denen sich lösen zu können sehr schwer scheint.

Nun endlich, nach über 200 Jahren, ist auch in den Wirtschaftswissenschaften die Erkenntnis gereift, dass es den rein rational entscheidenden Optimierer noch nicht mal als Manager in der Wirtschaft gibt, geschweige denn im Privatleben, und es deshalb so gut wie keinen Sinn hat, ihn in irgendwelche Theorien einzubauen. Wir alle handeln zu einem großen Teil nur teilinformiert und emotionsgesteuert und damit in Summe auch unvorhersehbar.

Die Börsen z.B. sind reines Glücksspiel – seit dem Tulpenfieberwahn 1637 in Holland, einer der bekanntesten Finanzblasen der Geschichte, ist das für jeden Laien unschwer erkennbar, auch wenn Nationalökonomen das lauthals bestreiten. Wenn ein Aktienportfolio, von Affen per Dartwürfen ausgewählt, zu einem besseren Ergebnis führt, als die Summe der Erfahrung vieler Fondsmanager, dann ist das ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass Börsenerfolge tatsächlich unvorhersehbar, eben rein zufällig und damit Glückspiel sind. Sie werden die entsprechende Studie der renommierten Cass Business School in London kennen. Und was ist die Börse anderes als ein riesengroßer Markt? Die falsche neoliberale Theorie von den sich selbst regulierenden Märkten aber, die gibt es immer noch, trotz aller Finanzblasen und Börsen-crashes, die es gemäß dieser Theorie doch gar nicht geben dürfte?

Aus der Physik wissen Sie, dass die Gültigkeit von Theorien an ihren Voraussagen gemessen werden, sie werden überprüft und entweder falsifiziert und verworfen, oder erstmal nicht. Je öfter sie nicht widerlegt werden, desto eher könnte es sich dabei um eine gültige Theorie, gar ein (Natur)Gesetz handeln – Wissenschaftler folgen da heute ausnahmslos alle dem Falsi-fikations-Modell von Raimund Popper.

Hat Ihre „Wissenschaft“ auch nur eine der schweren Börsenblasen resp. den unvermeidbar folgenden Crash jemals übereinstimmend und richtig vorausgesagt? Wenn sich die Physik in aus Theorien abgeleiteten Voraussagen solche Fehleinschätzungen erlaubt hätte wie die Wirtschaftswissenschaften – niemand würde Einstein jemals Glauben geschenkt haben, und das zu Recht. Aber Eddington konnte 1919 die Jahre vorher aufgestellte Behauptung, dass Masse nicht nur den Raum, sondern damit auch die Lichtstrahlen krümmt, bei einer Sonnenfinsternis eindrücklich belegen. In der Physik gibt es auch nicht, wie in den Wirtschaftswissenschaften, viele miteinander konkurrierende, sich teilweise diametral widersprechende „Denkschulen“; wenn es nachweisbare Abweichungen von den Voraussagen gibt, führen diese über kurz oder lang zu einem Paradigmenwechsel, wie z.B. beim Übergang von der Newton‘schen zur Einstein’schen Gravitationstheorie.

Können Sie, sehr geehrte Damen und Herren, auch nur ein Beispiel aus den Wirtschaftswissenschaften anführen, bei der große Theorien durch die Wirklichkeit auch nur annähernd so eindrucksvoll bestätigt wurden, wie Einsteins Relativitätstheorie oder auch Plancks Quantenphysik? Mir ist keines bekannt, dafür aber sehr viele Falsifikationen.

Ja, ich stelle die Voraussagekraft der Wirtschaftswissenschaft in Frage. In anderen Fächern wissen die Forscher um die Unzulänglichkeit jeder Prognostik, kein Historiker würde sich erlauben, aus in der Vergangenheit beobachteten Abläufen eine Theorie über die Zukunft zu schnitzen. Noch nicht mal die reinen Statistiker in der Soziologie würden sich so weitreichende theorieabgeleitete Empfehlungen erlauben, wie das die Wirtschaftswissenschaftler tun, denn die Soziologen wissen, dass selbst das genau nachgezählte Verhalten der Menschen in der Vergangenheit leider keine zuverlässige Voraussage für die Zukunft erlaubt.

Insofern also muss ich ein Wirtschaftsgutachten, dass sich eine solche Vorhersage zu machen traut (nämlich, dass die Abschaffung der Preisbindung zum Wohle aller sei) schon ganz grundsätzlich in Frage stellen. Cui bono ist die allerwichtigste Frage und die wird hier nur unzureichend bzw. gar nicht beantwortet.

Ist das, was dem einzelnen Verbraucher kurzfristig dienen könnte – ein eventuell reduzierter Preis durch Konkurrenz der Händler – auch schon gleich gesamtgesellschaftlich von Nutzen? Gilt das denn auch langfristig? Welche Strukturveränderungen werden induziert oder verstärkt und sind diese wünschenswert, auch für eben jenen Einzelnen? Und gibt oder gäbe es nicht vielleicht etwas, das besser für alle ist, als ausgerechnet die Preiskonkurrenz durch die Händler? Auch in anderen Branchen? Nämlich die Preiskonkurrenz durch die Hersteller, wie wir sie mit der Buchpreisbindung haben, weil da wirklich die Produkte miteinander konkurrieren, der Verbraucher damit viele wirtschaftliche, aber auch handfeste psychologische Vorteile erzielt, während die sogenannte  Schnäppchenjagd durch Preiskon-kurrenz der Händler bei ein und demselben Produkt nicht nur zu psychologischer Belastung der Käufer führt, sondern langfristig auch Strukturbrüche hervorbringt, die wir gesamt-gesellschaftlich vielleicht gar nicht wollen?

Würden Sie sich erlauben, nur für ein kurzes Gedankenexperiment alle verfestigten Dogmen Ihrer Wissenschaft (freier Handel ist gut, Preis-Konkurrenz auch, also ist die Preis-Konkurrenz im Handel auch gut) zu vergessen bzw. in Frage zu stellen? Und wenn nicht, dann können Sie mir sicher die von meiner kleinen Geschichte aufgeworfenen Fragen beantworten. Hier kommt sie:

Da haben wir A-Dorf und den allwöchentlichen Markt. Und natürlich auch B-Dorf. In A-Dorf backt der Bäcker Müller sein Landbrot und verkauft es auf dem Markt um drei Taler. Und obwohl der Bäcker Meier sein Hofbrot gleicher Größe um nur zwei-einhalb Taler anbietet, kaufen viele Menschen das Müllersche Landbrot, es schmeckt einfach besser, und der höhere Preis für eine gleichartige Ware wird gerne bezahlt. Das viel kleinere B-Dorf hat keinen Bäcker, also lässt Bäcker Meier seine Frau dort auf dem Markt sein Hofbrot verkaufen, auch dort für zweieinhalb Taler.

Nun kommt der Händler Schulze, der auf beiden Märkten Gemüse und Eier verschiedener Bauern verkauft, zum Bäcker Müller und spricht: Mein lieber Müller, warum gibst Du mir nicht zwei Körbe voll von Deinem Landbrot, wenn ich nach B-Dorf fahre; das lässt sich dort sicher gut verkaufen. Gesagt, getan, Schulze kauft die Landbrote für zweieinhalb Taler bei Müller ein, um sie in B-Dorf für drei Taler zu verkaufen, ein gutes Geschäft für beide. Aber der Verkauf läuft schleppend, die etwas wohlhabenderen B-Dörfler sind es gewohnt, ohnehin öfter nach A-Dorf auf den Markt zu fahren, weil dort das Angebot größer ist, und da nehmen sie doch gleich das Müllersche Landbrot mit. Schulze ärgert sich. Er beschließt, mal eine Zeitlang nichts am Müller-Brot zu verdienen und senkt den Preis auf zweieinhalb Taler, um das Geschäft anzukurbeln.

Das klappt auch gut, jetzt muss er sogar seine Einkaufsmenge erhöhen, weil nicht nur mehr B-Dörfler das Müller-Brot kaufen, sondern sogar manche A-Dörfler gezielt auf Schnäppchenjagd nach B-Dorf fahren, um das dort günstigere Müller-Brot zu erwerben. Mittlerweile hat Schulze seine Abnahmemenge so gesteigert, dass Müller gar nicht mehr wüsste, wie er seine – natürlich erhöhte – Produktion anders absetzen könnte als mit Hilfe von Schulze, während der Ex-Konkurrent Meier schon um seine Existenz kämpfen muss. Dann setzt Schulze das Messer an: auf seinem großen Stand in A-Dorf hängt jetzt ein fettes Schild: „Aktion: Das Original-Müller-Brot für nur zweieinhalb Taler!“ Die A-Dörfler jubeln, endlich überall Müller-Brot für einen halben Taler weniger! Müller schäumt vor Wut, aber was soll er machen, der Händler Schulze hat den viel größeren und schöneren Stand und viel mehr Zulauf – und jetzt kommt er auch noch und fordert, die Brote um nur noch zwei Taler einzukaufen, sonst könne er nichts verdienen.

Bei Müller geht das an die Existenz, aber er muss nachgeben, ohne den Schulze‘schen Absatzkanal könnte er morgen zusperren. Aber er kann die hohe Qualität für diesen Preis nicht mehr aufrechterhalten, er muss die Gehzeit des Teigs verkürzen, damit er schneller und mit weniger Aufwand produzieren kann. Am Ende ist sein Landbrot kaum noch besser als das Hofbrot von Meier – aber das merkt keiner, denn den Meier gibt es schon gar nicht mehr. Schulze aber hat sich aus den realisierten Gewinnen nicht nur schönere, größere Stände mit noch mehr Waren für die Kunden gebaut, sondern auch nach C-Dorf und D-Dorf filialisiert. Die Dörfler halten das für großartig, Schulze everywhere. Mittlerweile hat Schulze auch das Müller-Brot wieder verteuert, er nimmt jetzt 2 Taler und 70 Groschen. Ach ja, alles wird teurer, sagen die Leut‘ und murren auch nicht, als er den Preis auf die ursprünglichen 3 Taler anhebt.

Nur irgendwie, sagen die Alten, hat das Landbrot früher doch besser geschmeckt, und man konnte noch wählen zwischen dem Hofbrot vom Meier, das etwas günstiger war, und dem leckeren, aber teureren Müller-Brot. Die Jungen halten das für das typische „Früher-war-alles-besser“-Geschwätz der Alten und fügen sich in die Realität. Und Schulze baut sich eine schöne Villa und experimentiert in seinem Gartenschuppen mit teuren Feuerwerksraketen, ein Hobby, das er sich früher niemals hätte leisten können.

Das alles dringt dem Landvogt ans Ohr, der sich manchmal unerkannt unter die Dörfler mischt. Er sieht den Müller und den Meier verarmen, Verkaufsstände haben beide schon lange nicht mehr, die Dörfler essen nurmehr mittelgutes Brot, aber zum teuren Preis und der Schulze wird reicher und reicher. Und das mit dem schlechteren Müller-Brot ist ja sogar ihm selbst schon aufgefallen. Der Landvogt denkt nach. Alles hat doch damit begonnen, dass Schulze erstmal das Müller-Brot so verbilligt hat, bis alle Kunden bei ihm kaufen. Und er dann über Preis und Qualität und vor allem seine Gewinnspanne frei bestimmen konnte. Der Landvogt findet das nicht richtig, dass – nur weil Schulze sehr bauernschlau war – die Menschen jetzt, egal ob in A-Dorf oder B-Dorf weniger Qualität bekommen, aber dasselbe bezahlen müssen und obendrein noch Müller und Meier fast am Hungertuch nagen, der Schulze aber immer fetter wird.

Und so macht der Landvogt ein Gesetz, das dem Treiben des Schulze – der mittlerweile auch die Gemüsebauern und Eierproduzenten voll unter seiner Fuchtel hat – Einhalt gebieten und anderen Händlern, die nicht so raffgierig sind wie Schulze, eine Chance geben soll, damit die Menschen frei wählen können, was und wo, sprich bei wem sie kaufen.

Er verfügt, dass der jeweilige Hersteller einen Endpreis für seine Produkte festlegen muss, für die Kartoffeln und die Eier der Bauer, für das Brot der Bäcker und so fort. Und bei Strafe des Teerens und Federns allen Händlern verboten ist, die Herstellerpreise zu umgehen, zu unter- oder zu überbieten.

Sofort senkt Bäcker Müller den Verkaufspreis für sein Brot 2. Qualität auf zweieinhalb Taler, stellt aber auch wieder das gute alte Brot für 3 Taler her und nennt es jetzt Landgutbrot. Und er findet andere Markthändler, die ihm mehr bezahlen, als der Schulze es tut, wenn sie nur Ware bekommen. Es ist ein harter Kampf, aber Schulze muss von seinem hohen Ross herunter und faire Einkaufspreise bezahlen, die Müllers Kosten für gutes Brot decken. Die unsinnigen Feuerwerksexperimente muss er auch einstellen, seitdem er keine Wuchergewinne mehr einstreichen kann. Der Sohn vom Bäcker Meier hat die Bäckerei wieder angefangen und macht mit einem neuen Vielkornbrot dem Müller Konkurrenz. Die Menschen haben wieder eine Auswahl zwischen mehreren Broten und mehreren Händlern und müssen auch nicht mehr nach B-Dorf fahren, um ein Schnäppchen zu machen, denn jede Brotsorte kostet ja nun überall dasselbe.

Schöne Geschichte, oder? Leider nicht wahr, denn der „Landvogt“ (aka Gesetzgeber) hat, von wenigen noch existierenden Ausnahmen abgesehen (Bücher und Medikamente), die früher z.B. für Lebensmittel geltende Herstellerpreisbindung in den 1970er Jahren aufgehoben. Der Erfolg? Kleinbauern und selbst größere Milchgenossenschaften haben keine Chance, werden gar mit Kartellgesetzen gepiesackt, die Preise aber dürfen die Discounter bestimmen. Fibronil-Eier und Hühner-Elend? Wie das oben geschilderte „schlechtere“ Müller-Brot eine Folge irrwitzigen Preisdrucks durch die Großabnehmer, der zu überdimensionierten Großbetrieben führen muss, wo Tierwohl und Qualität nachrangig sind.

Warum wurde denn die Preisbindung bei Lebensmitteln aufgehoben? Weil sie nicht mehr beachtet wurde und die „Großen“ ungeniert und ungestraft Preiskämpfe angezettelt haben. Das hat zu einer starken Machtkonzentration im Lebensmittelhandel geführt, und heute bestimmt nicht mehr die Berchtesgadener Milchbauerngenossenschaft darüber, was sie an einem Liter Bergmilch verdient, sondern Aldi, Lidl, Edeka und Rewe. Und solange der Konzentration von Einkaufsmacht nicht Einhalt geboten wird, haben Hersteller so gut wie keine Chance, es sei denn sie hätten ein Monopol, was so gut wie nie der Fall ist. Ja selbst ein multinationaler Konzern wie Nestlé muss sich von Rewe, der viele Nestlé-Produkte einfach ausgelistet hat, vorführen lassen.

Wenn ich mir heute ein TV kaufen will, dann werde ich zu einer „Schnäppchenjagd“ fast gezwungen, zu tief ist der Jagdinstinkt in uns verankert, zu stark ist die „Belohnung“, die mein Stammhirn signalisiert, wenn ich nur das Wort Rabatt oder das Prozentzeichen sehe. Ganz irrational, aber dutzendfach von Psychologen immer wieder belegt. Sie wissen das alles, oder? Und Sie halten den „homo oeconomicus“ und das Pareto-Optimum immer noch für valide Theorien? Genau wie die von Adam Smiths sich selbst regulierenden Märkten? Das wäre so, als würden Sie schwarze Löcher mit Newtons Gravitationsgesetzen beschreiben wollen.

Von den ganzen unappetitlichen Ausformungen der Schnäppchenjägerei mal ganz abgesehen, als da wären:

  • Amazon zeigt iPhone-Nutzern höhere Preise, als wenn man sich mit einem Android-Smartphone auf der Website bewegt – Apple-Jünger haben mehr Geld, meint Amazon, und sind bereit, mehr für genau dasselbe Produkt, verbunden mit genau derselben Dienstleistung zu bezahlen
  • Produktbezeichnungen sind mittlerweile so kryptisch, aber ähnlich, dass der Verbraucher sich gerne mal von einem Superpreis für das 75-Zoll-TV von Hersteller X ködern lässt, weil er gar nicht merkt, dass sich unter einem unwesentlich anderen Produktcode (HB 1573 AI statt HB 1573 AL) eigentlich das Vorjahresmodell verbirgt und der tolle Preis in Wirklichkeit gar nicht toll ist (Verbraucherzentralen haben das in hunderten von Fällen nachgewiesen).
  • Lokale Händler sterben aus, zu Lasten der Innenstädte, in denen es viele Leerstände gibt, obwohl die Konjunktur brummt.

So sehen unregulierte Märkte aus. Ist es das, was die Bevölkerung sich wünscht?

Die Hersteller-Preisbindung dagegen fördert die gesunde Konkurrenz der Erzeuger um das bessere Produkt zu einem fairen Preis. Sie würde auch dem wirklich amoralisch anmutenden Geschäftsgebaren von Amazon, Preise zu „personalisieren“ sofort einen Riegel vorschieben. Bei überall gleichem Preis können die Händler mit Service punkten, zum Beispiel: einfach zu Fuß um die Ecke erreichbar zu sein und ein freundliches Gesicht zu haben, nicht nur ein Smiley auf einem Karton.

Die Händler-Konkurrenz bei freier Endpreisgestaltung erzeugt völlig absehbar unsinnige Rabattschlachten, unsinnig, weil dem Verbraucher ja das nicht verdiente Geld irgendwo anders aufgeschlagen werden muss, und einen Konkurrenzkampf, der schlimmer ist, als der im Dschungel: jeder Alpha-Löwe wird mal alt und muss weichen, außerdem kann er auch nicht mehr als ein begrenztes Revier „beherrschen“. Händler? Händler wird es, wenn das so weitergeht, nur noch wenige geben, der Mittelstand wird marginalisiert werden und die Bevölkerung sich in reiche „Schulzes“, gerade noch überlebende Müllers und Meiers, und – das fehlt in der Geschichte – die unterbezahlten Paketausfahrer spalten.

Wenn Sie so eine Ellenbogen-Gesellschaft wollen, verbunden mit vielleicht sogar Ihnen unan-genehmen Wahlentscheidungen der darob erzürnten Bürger, dann lassen Sie einfach das Recht des Stärkeren gelten und heben Sie alle Kontrollen auf. Das ist dann Markt-fundamentalismus – bis in die späten 1940er Jahre war der heute so geschmähte „Neo-liberalismus“ nämlich begrifflich der Vorläufer und Ideengeber der sozialen Marktwirtschaft – und die kannte die Preisbindung!

Wenn Sie aber eine mittelstandslastige Gesellschaft bevorzugen, in der sich die große Mehrheit wohl und geborgen fühlt, dann geben Sie dem kleinen Händler nebenan – und den Kunden – auch eine Chance, nämlich die der Herstellerpreisbindung. Dann konkurrieren Produkte miteinander, nicht Einkaufs-Machtzentralen.

Sie meinen, eine Hersteller-Preisbindung sei nicht zu kontrollieren? Ja, in den 1970er Jahren war das so, mit ein Grund, warum ungestraft dagegen verstoßen werden konnte und damit das Gesetz obsolet wurde. Heute ist das, dank Internet, ganz anders, wir haben schon viele, viele Verfahren gegen „Große“ unserer Branche, ja auch gegen Amazon geführt und so oft gewonnen, dass unsere Rechtsabteilung nicht mal mehr Kosten verursacht. Ja, lieber die Überwachung der Preisbindung durch die Konkurrenz ist der Schlüssel, sie auch wirklich flächendeckend und dauerhaft durchzusetzen, ohne dabei den Staat bemühen zu müssen – was ja keiner will.

In unserer Branche darf man das Vorhaben als gelungen bezeichnen, auch wenn es stetiger Nacharbeit bedarf. Und mal ganz ehrlich: nervt es Sie nicht auch, dass der Sprit im Nachbardorf manchmal 5 Cent billiger ist, und Sie jedes Mal neu überlegen müssen, ob Sie den Umweg machen, ob sich das rechnet, oder ob nicht kurz vorher der Preis umspringt? Wäre es nicht enorm erleichternd für alle, wenn der Benzinpreis je Marke im ganzen Lande und für mindestens vier Wochen Gültigkeit hätte, man sich also keinerlei Gedanken darüber machen müsste, sondern einfach zur Tanke fahren könnte? So wie sich der Buchkäufer keine Gedanken machen muss, wo er sein Buch kauft, ob in der kleinen Buchhandlung um die Ecke oder dem Buchgroßkaufhaus in der Stadtmitte, im Buchshop im Einkaufszentrum oder beim Internetversender. Wäre das nicht die wahre Entscheidungsfreiheit, wenn auch das seriell abgepackte Kilo neue Kartoffeln im kleinen, fußläufigen City-Markt um die Ecke genau dasselbe kostete wie beim Edeka auf der grünen Wiese – solange sie vom selben Hersteller kommen? Das wäre doch so viel leichter für alle!

Wir haben so etwas Ähnliches für die Buchhändler realisiert, und sie danken es uns mit großem Zulauf und der rhetorischen Frage: „Warum habe ich mich Euch nicht schon Jahre früher angeschlossen“? Unser System ist ganz einfach: aus den unterschiedlichen Kondi-tionsangeboten der Verlage (aka Rabatte) haben wir („big data“ im Vorfeld) eine statistisch untermauerte Durchschnittskondition ermittelt, und genau die bekommt bei uns jeder Buchhändler, ob groß oder klein, und zwar für jedes Buch. Nun muss er nicht mehr grübeln, ob er nur wegen der besser scheinenden Verlagskondition dieses oder doch lieber jenes Buch auswählt, und er kauft ein, was er dann auch gerne aktiv verkauft. Sie können über die vielen Rationalisierungs-Vorteile des Anabel-Modells hier einen Artikel aus dem Börsenblatt des deutschen Buchhandels nachlesen.

Ganz nebenbei ist unser Modell leider auch ein Beleg dafür, dass der „homo oeconomicus“ so nicht existiert: Jeder fragt uns, warum, wenn unser Einkaufs-Modell doch so überlegen ist, sich nicht längst alle unabhängigen Buchhändler angeschlossen haben? Darum. Weil sie nicht rational ökonomisch entscheiden, sondern weil viele andere Faktoren, auch völlig irrationale, mit hineinspielen, wie zum Beispiel die „Treue“ zu einem bestimmten Lieferanten, die Angst, bevormundet zu werden (bei uns muss niemand irgendetwas), die Unfähigkeit, die Zahlen mal wirklich zu hinterfragen, die Verführung durch den nominell besseren Rabatt, die nicht konsequent zu Ende gerechnet wird, auf dem Papier erstmal toll aussieht, aber Folgekosten erzeugt, die alles konterkarieren, etc. pp.

Wie wäre es, wenn es über die Frage Hersteller-Preis-Konkurrenz vs. Händler-Preis-Konkurrenz mal eine allumfassende Untersuchung gäbe, die unter Beteiligung von Psychologen, Soziologen, Sozialforschern und Wirtschaftswissenschaftlern versucht *alle* Aspekte, auch und vor allem die gesellschaftsdynamischen zusammenzutragen und dabei eben nicht Einzelaspekte im Fokus hat, sondern das Gesamtwohl der ganzen Gemeinschaft? In ökologischen Themenbereichen gibt es solche „Audits“, die themen- und bereichs-übergreifend, also interdisziplinär arbeiten, schon lange, wir kennen auch die TAFs, die sogenannten Technikfolgenabschätzungen, für die ähnliches gilt. Aus den Wirtschafts-wissenschaften sind mir Studien, die auf die Summe aller Faktoren und dabei aufs Allgemein-wohl abstellen, nicht bekannt. Ihr Gutachten jedenfalls erfüllt eine solche Forderung nicht.

Last-not-least: Nur weil das EU-Recht angeblich den „freien Wettbewerb“ und damit eben auch den Preis-Wettbewerb der Händler untereinander „schützt“, heißt das noch lange nicht, dass hier das Richtige geschützt wird. Natürlich sagen uns alle Experimente mit jeder Form von Planwirtschaft, dass nur Konkurrenz die besten Ergebnisse bringt; die Frage ist nur: wer konkurriert und zu welchen Bedingungen? Führen bestimmte Formen von Konkurrenz nicht fast zwangsläufig zu exorbitanten Machtkonzentrationen, die wiederum jede echte Konkurrenz aushebeln?

Viel zu lange haben sich die neoliberalen Wirtschaftstheoretiker vor der Beantwortung dieser Fragen gedrückt, es wird Zeit, dass mal ganz grundsätzlich darüber nachgedacht wird, was eine kluge Wirtschaftspolitik bewirken kann und bewirken sollte. Einfach nur alle Zäune niederreißen wollen, weil sie da sind, das hat schon 1968 ff. nicht funktioniert. Ich muss das wissen, denn ich war dabei, genauso wie bei den durch unsinnige Deregulation verursachten Börsen- und Finanzkrisen der letzten 30 Jahre, bei denen wir Steuerzahler für die falschen Theorien der von uns hoch alimentierten Marktfundamentalisten, wie z.B. dem Deregulierer der SPD, Jörg Asmussen viele, viele Milliarden haben bezahlen müssen. Die Hoffnung, dass man in der Wirtschaftswissenschaft wenigstens aus solchen Katastrophen die richtigen Schlüsse zieht, die habe ich – wie viele andere Unternehmer und normale Steuerzahler auch – längst aufgegeben. Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, man soll ja niemandem das Recht auf späte Einsicht absprechen 😉

Beste Grüße,

Lorenz Borsche

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© Lorenz Borsche

Update von mir: Inzwischen sprach sich auch der Kulturausschuss des Bundestages für den Erhalt der Buchpreisbindung aus.

 

Ihre Sicht auf Papier

Dass ich vor knapp 4 ½ Jahren auf den Hund, einen Mischling namens Lotta-Filipa gekommen bin, dürfte kaum wem, der Twitter & Co frequentiert, verborgen geblieben sein. Ich habe Vergnügen daran, unser Zusammenleben zu beschreiben, bisweilen zu überspitzen. Etwa frei nach dem Titel meiner aktuellen, vergnüglichen Lektüre von Gerbrand Bakker: Jasper und sein Knecht. –  Gelegentlich tut allerdings auch Lotta-Filipa ihre Sicht auf unseren Alltag in Steglitz kund. Diese Notiz, die Hundi vor zwei Jahren auf ihrer Facebook-Seite verbreitet hat, kam mir heute unter. Ich meine, ein Fund, der meines Erachtens hierher gehört.

Lotta-Filipa und ihre Magd © GvP

Da mir in Steglitz nichts geboten wird, unterhalte ich mich selbst. Meist mache ich dann Blödsinn, was zudem den wunderbaren Effekt hat, dass Gesine vom Manuskript kurz ablässt, um mich zu ermahnen, dass es Ruhe braucht, um das Papier zu bearbeiten. Nachdem ich mir das in den vergangenen Tagen oft genug habe anhören müssen, wollte ich genauer wissen, was Papier eigentlich ist. Irgendwas Tolles muss ja dran sein – am Papier. Anderenfalls würde sich Gesine damit doch nicht so intensiv beschäftigen!?

Da ich trotz angestrengtem Nachdenkens dem Phänomen nicht näher kam, hopste ich ein paar Mal auf ihren Schreibtisch. Was ein Tabu ist, allerdings den positiven Effekt hat, dass Gesine etwas länger vom Manuskript ablässt, um mich zur Räson zu bringen. Ich jedoch war mit Eifer mit Grundlagenforschungen beschäftigt. Zu meiner großen Enttäuschung riecht Papier nicht. Abends kam es noch besser!

Da lag Papier auf dem Boden rum. Ich habe mich getraut und ein Stückchen davon abgebissen. Damit bin ich ab unters Sofa, wo ich meine Ruhe vor Gesine habe. Wenn Papier nicht riecht, dann muss es doch zumindest lecker schmecken… Ich hab‘ eine Weile darauf rumgekaut, mir echt viel Mühe beim Kauen gegeben. Sogar kurzfristig gegen einen Würgereiz angekämpft! Papier riecht und schmeckt nicht!

Meine Enttäuschung war riesengroß, dass Gesine so viel Zeit für etwas hingibt, das weder schmeckt, noch riecht. Kurz entschlossen bin ich unterm Sofa wieder hervorgekrochen, um, sorry, ein Kötzerchen direkt vor ihren Augen zu machen.

Um Papier-Fetischisten und Buch-Haptikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Lotta-Filipa bezieht sich auf günstiges Druckerpapier. Hundi liebt Bücher. Es sei denn, ich arbeite daran.

Dank an eine Unbekannte

Dieses Präsent, das ich heute Nachmittag aus meinem Briefkasten gefischt habe, machte mich zunächst sprachlos. Dann glücklich. Mehr als eine „dankbare Leserin“ kann sich ein Autor, ein Blogger schwerlich wünschen.

das anonyme Präsent © GvP

Da es sich um eine anonyme Wohltäterin handelt, bleibt mir kein anderer Weg, als mich hier, bei SteglitzMind, für das großartige Geschenk, die berührende Geste zu bedanken. Und zugleich hoffe ich auf eine Gelegenheit, der Spenderin doch noch persönlich danken zu können.

Jetzt weihnachtet es bei SteglitzMind …

Frohe Weihnachten. Und – viel wichtiger: setzen wir auf nur Gutes in und für 2018. Ich weiß, ein hybrider Gedanke…

Odessa: Hunde in der Literatur

Odessa ist nicht nur eine Stadt der Literatur. Sondern auch eine der Hunde. So verwundert es kaum, dass Autoren, die in Odessa geboren sind,  und jene Autoren, die eng mit der Hafenstadt am Schwarzen Meer verbunden sind, häufig selbst auf den Hund gekommen sind. Sei es indem sie Vierbeinern literarische Denkmäler gesetzt oder selber Hunde gehalten haben. Das ist aber noch nicht alles. In St. Petersburg existierte zwischen 1911 und 1915 sogar ein Künstlerkeller, der den Namen „Der streunende Hund“ trug. Hier trafen sich die Größen der damaligen Theater- und Literaturszene. Darunter einige – wie etwa die bedeutende Lyrikerin Anna Achmatowa – die aus Odessa stammen.

Der Futurist Wladimir Majakowski (1893 – 1930) soll Hunde abgöttisch geliebt haben. 1915 entstand sein Gedicht mit dem Titel „Seht, so ward ich ein Hund“. Darin verwandelte er sich kafkaesk in einen verrohten Straßenköter mit Reißzähnen und einem imposanten Schwanz, der die zusammengelaufene Menschenmenge in Angst und Schrecken versetzt. Und so spottete er in den letzten Zeilen: „Als dann borstensträubend, / im Begriff, zu vertieren, / die Menge mich anfiel, / bös, riesenhaft, grau – / da stand ich mit einem Mal / auf allen Vieren, / und bellte regelrecht: ‚Wau! Wau! Wau!“

Paustowski mit Tarussa © Tatjana Halina

Der seinerzeit bedeutende Autor Konstantin Paustowski (1892 – 1968) hat ab den 1930er Jahren Hunde gehalten. Mit Tarussa, seinem gut genährten Zögling, ließ er sich 1961 sogar fotografieren. Damals noch ein relativ kostspieliges Unterfangen. Von Scholem Alejchem (1859 – 1916) – das ist der, der den Roman „Tewja, der Milchmann“ verfasst hat – ist die Hundegeschichte „Rabtschik“ überliefert. Über die Treue zwischen Mensch und Tier spricht Alexander Kuprin (1870 – 1938) in seiner Geschichte „Der weiße Pudel“.

Im Oeuvre des Literatur-Nobelpreisträgers Iwan Bunin (1870 – 1953) trifft man ebenfalls auf Hunde. In all seinen animalischen Varianten, im Bösen und im Guten. In der Erzählung „Der Traum von Oblomows Enkel“ begegnet uns etwa die lebhafte Hündin Dschalma: „Manchmal verschwindet sie ganz im Roggen – nur an der Wellenlinie, die hinter ihr her strömt, kann man erkennen, wo sie ist –, und manchmal springt sie hoch aus den Ähren hervor und blickt verwundert um sich.

In den „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ von Nikolai Gogol (1809 – 1852) spielen die beiden Hunde Maggi und Fidèle eine verheerende Rolle. Sie sind es nämlich, die den kleinen Beamten Aksentij Inwanowitsch Poprischtschin in den Irrsinn treiben. „Offen gestanden, ich war sehr erstaunt, als ich den Hund mit einer Menschenstimme sprechen hörte; aber später, als ich mir alles überdachte, hörte ich auf, darüber zu staunen. Es hat doch in der Welt tatsächlich eine Menge ähnlicher Fälle gegeben“, so beginnt die Novelle, die in die Literaturgeschichte eingehen sollte.

Als besagter Poprischtschin gegen Ende dann in der Zeitung vom Tod des spanischen Königs Ferdinand VII. erfährt, erklärt er sich selbst zum nächsten Monarch Spaniens. Er landet im Irrenhaus, wo er mit Aderlässen, Schlägen und kalten Güssen gequält wird. Ganz so wie es Nikolai Gogol am Lebensende auch ergangen ist. Nach dem Erfolg seines Romans „Die toten Seelen“ (1842), dessen Fortsetzung er zu Teilen in Odessa geschrieben hatte, war Gogol in die Hände eines religiösen Fanatikers geraten. Er verbrannte den fast beendeten zweiten Teil der „Toten Seelen“ und fastete sich zu Tode. Begleitet von Ärzten, die ihn mit Aderlässen und kalten Güssen malträtierten.

Beim Autoren-Duo Ilja Ilf (1897 – 1937) und Jewgeni Petrow (1903 – 1943), die gemeinsam den Kultroman „Zwölf Stühle“ verfasst haben, denkt der Held der Geschichte, der Hochstapler Ostap Bender, derart intensiv an Würste, dass ihm tatsächlich die Hunde Odessas nachlaufen. Bei der Österreicherin Cordula Simon (geb. 1986), die zeitweise in Odessa lebt, begegnet uns der Hund – wie schon bei Alexander Kuprin und Scholem Alejchem – bereits in der Titelei: „Der Potemkinsche Hund“ (2012). Freilich spielt der Titel des Romans auch mit einem der Wahrzeichen Odessas, der Potemkinschen Treppe. In der surrealen Geschichte irrt ein ziemlich heruntergekommener junger, schmutziger Mann ziellos durch die Hafenstadt. Er ist aus einem Grab entstiegen und läuft einem streunenden Hund hinterher, dem er dann den Namen Celobaka gibt. Durch Valentin Katajews (1897 – 1986) experimentelles und zudem hochgelobtes Spätwerk „Kubik“ stromert gleichfalls ein Hund. Ein Pudel, der entgegen der landläufigen Meinung sogar zubeißt.

ein Streuner in Odessa © GvP

Der streunende Hund ist eine Art Indikator für extreme, zugespitzte Krisensituationen: zum Beispiel im Krieg, wenn Menschen von zu Hause vertrieben werden, wenn Städte bombardiert werden, wenn die Bevölkerung auf der Flucht ist. Doch manchmal genügen auch weniger dramatische Situationen, etwa ein Regime-Wechsel wie nach dem Ende der Sowjetunion. Die Sichtbarkeit streunender Hunde, ihre Anzahl und Arroganz sagen viel aus. Je kritischer der Zustand der Menschen, der menschlichen Gesellschaft, umso wohler fühlen sie sich. Die Sichtbarkeit streunender Hunde ist ein Zeichen für den Unfrieden unter den Menschen“, so der französische Schriftsteller Jean Rolin (geb. 1949). Er ist den Streunern bis an die „Ränder der Welt“ gefolgt und hat über seine Spurensuche eine bemerkenswerte Reportage verfasst.[1]

Exemplarisch für Rolins These ist der Collage-Roman „Die Welpen“; der auf Deutsch in der Übersetzung von Christine Körner vorliegt. Verfasst hat ihn Pawel Satzman (1912 – 1985) zwischen den 1930ern und 1950ern Jahren. Satzman, der Zeit seines Lebens nie eine Zeile veröffentlich hat, wurde in Moldawien geboren und wuchs in Odessa auf. Posthum 2012 in Russland veröffentlich wurde „Die Welpen“ als sensationelle Entdeckung gefeiert.

Nicht anders die Reaktionen bei Erscheinen der deutschen Übersetzung im Jahr 2016 beim Berliner Verlag Matthes & Seitz. „Aber wie die Menschen, die der Hunger zu Tieren macht, werden auch die Tiere selbst vom Autor mit durchdringendem Blick erfasst. Sie sind grausam schön beschrieben, mit großer Sprachkraft, doch ohne Ausdruck des Mitleids. Diese Prosa ist deutlich von der Ästhetik des Films geprägt, von der Bildersprache des russischen Futurismus und deutschen Expressionismus und vom Kompositionsbewusstsein eines Bildenden Künstlers. Viele Szenen lesen sich wie Träume und Alpträume, wie Begegnungen mit der Welt des Hieronymus Bosch oder der literarischen Romantik. Dunkel, brutal, irritierend“, so etwa Carsten Hueck in seiner Besprechung für den Sender ORF.

Aus der Perspektive zweier Welpen, die der Autor nicht altern lässt und die den ganzen Roman hindurch auf der Suche nach etwas Fressbaren und einem Platz zum Schlafen sind, werden die grausamen Erfahrungen geschildert, die das Russland des 20. Jahrhunderts geprägt und Millionen Menschen das Leben gekostet haben. Bürgerkriege, Hungersnöte, die stalinistischen Säuberungen, der Zweite Weltkrieg, die Blockade von Leningrad, die Satzman 1941/42 selbst erlebt hat und bei der seine Eltern und ein verehrter Lehrer verhungert sind. In diesem Leningrader Winter entstanden seine ersten Gedichte: „Ich bin Trottel, ich bin Scheißkerl, ich bin Krüppel, / Ich würde einen Menschen für eine Wurst töten, / Aber lassen Sie uns bitte rein, / Wir scharren seit langem wie Hunde an der Tür. / Ich leide doch, ihr Henker, / Vom Harnträufeln!“

Odessa – die Stadt der Hunde. Doch irgendwann nahmen die Hunde überhand. Zwischen 60.000 und 70.000 haben an der Jahrtausendwende in der Hafenstadt auf den Straßen gelebt. Auf der Suche nach Nahrung streunten sie durch Straßencafés, belagerten die Promenade, Hinterhöfe und Parkanlagen. Manchen Odessiten machten die wilden Rudel Angst. Andere versuchten, sich um die verwahrlosten Hunde zu kümmern. Schlussendlich griff die Stadtverwaltung zu drastischen Mitteln. Städtische Tierfänger brachten die Hunde in die sogenannte Budka, dem Todeshaus. 10.000 wurden so jährlich zuerst auf engstem Raum weggesperrt und dann mit Chloroform erstickt. Bis der deutsche Tierschützer Wolfgang Apel (1951 – 2017), zwischen 1993 und 2011 Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, auf das Leid der Tiere aufmerksam wurde.

im Tierschutzzentrum von Odessa © Sabine Münch

Seinem unermüdlichen Bemühen ist zu danken, dass 2005 ein Tierschutz- und Kastrationszentrum eröffnet wurde, das ich während meines Aufenthalts in Odessa im Juli 2017 besucht habe. Über 60.000 Hunde und Katzen wurden dort seit Bestehen kastriert, medizinisch versorgt und wieder in ihre angestammten Reviere zurückgebracht. Die Strategie „Fangen, Kastrieren, Freilassen“ ist erfolgreich aufgegangen. Die Tötung wurde beendet und der Kreislauf der ständigen Vermehrung durchbrochen. Bei meinem Besuch ist mir auf den Straßen Odessas jedenfalls nur ein einziger Streuner begegnet.

Ich singe den kotbespritzten Hund, den armen Hund, den Hund ohne Behausung, den streunenden Hund, den Seiltänzerhund, den Hund, dessen Instinkt wie der des Armen, des Zigeuners und des Komödianten wunderbar geschärft ist durch die Not, die so gute Mutter, die wahre Schutzgöttin der gescheiten Leute! Ich singe die armseligen Hunde, die einsam in den gewundenen Schluchten der unermesslichen Städte umherirren, und sie, die dem verlassenen Menschen mit geistvoll blinzenden Augen sagten: ‚Nimm mich zu dir, und aus dem Elend von uns beiden machen wir dann vielleicht so etwas wie Glück‘.[2]

Ob Charles Baudelaire die obigen Zeilen, die aus seinem Poem „Die braven Hunde“ stammen, in Odessa geschrieben hat, ist nicht verbrieft. Dass er Odessa besucht hat aber schon.

Anmerkungen

Skizzen über die schreibenden Kinder und Besucher der Stadt, von denen einige in diesem Beitrag erwähnt sind, kann man hier nachlesen.

Einige Gedanken darüber, warum wir so wenig über die Literatur wissen, die auf dem Gebiet der heutigen Ukraine entstanden ist, habe ich hier dargelegt.

1] Jean Rolin: Einen toten Hund ihm nach. Reportage von den Rändern der Welt. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller, Berlin 2012.

[2] Charles Baudelaire: Die braven Hunde, in: Ders.: Le Spleen de Paris/Pariser Spleen. Kleine Gedichte in Prosa, Ditzingen 2008.

Autoren der Gegenwart. Odessa: Stadt der Literatur (8)

„Es geschah, es geschah in Odessa!“, heißt es überschwänglich in Wladimir Majakowskis frühem Gedichtzyklus „Wolke in Hose“ (1915). Das ist nicht die einzige Hymne, die Künstler auf die Stadt am Schwarzen Meer gesungen haben. Geprägt vom liberalen Geist und mediterranem Klima hat die Stadt – neben den literarischen Zentren Lviv (früher: Lemberg) und Ivano-Frankivsk (früher: Stanislaw)viele Autoren hervorgebracht. Und selbstverständlich viele angezogen. Ihre Werke haben das Bild von Odessa geprägt.

Installation „Zwölf Stühle“ in Odessa © Sabine Münch

Ich bin auf Autoren gestoßen, die die Umstände der Zeit gebrochen haben, aber auch auf solche, die widerstanden oder einfach Glück gehabt haben. Auf Dissidenten, Kriegsgefallene und Opfer der stalinistischen Säuberungen. Und so ist eine Reihe über die Kinder und Besucher einer Stadt entstanden, die von den Einheimischen liebevoll „Mama Odessa“ genannt wird. Keine Kurz-Biographien im klassischen Sinn, die Leben und Werk würdigen. Sondern mal längere, mal kürzere Skizzen, die herausstellen möchten, welchen Bezug die Porträtierten jeweils zu Odessa hatten. Eine, wie ich meine, bunte Sammlung, die manchen auch überraschen könnte.

Den Anfang haben drei in Odessa geborene Schriftsteller gemacht, die literarische Kultfiguren geschaffen haben: Isaak Babel in seinen „Geschichten aus Odessa“ den Gauner Benja Krik und das Autorenduo Ilja Ilf und Jewgeni Petrow im Kultroman „Zwölf Stühle“ den Hochstapler Ostap Bender. Dann wurden einige „Großväter“ der modernen jiddischen Literatur und Autoren skizziert, die unfreiwillig in Odessa gelandet sind. Es folgten einige Schriftsteller, die politisch nicht genehm gewesen sind, einst berühmte Namen, die in Vergessenheit geraten sind, und einige literarische Entdeckungen. Nach den Klassikern, die eng mit Odessa verbunden waren, kommen – im letzten Teil dieser Reihe – einige Autoren der Gegenwart zur Sprache.

 

In Odessa geboren ist Irina Borrisowona Ratuschinskaja (1954 – 2017). Sie beendete an der Nationalen I.-I.-Metschnikow-Universität ein Studium der Physik, arbeitete als Hochschulassistentin und Grundschullehrerin. In der Heimat hatte sie keine Publikationsmöglichkeiten, erwarb sich aber als Lyrikerin im Ausland Anerkennung. Sie wurde Mitglied im Internationalen PEN, schloss sich einer Bürgerrechtsbewegung an und engagierte sich politisch mit für sie harten Konsequenzen. 1982 wurde sie wegen „antisowjetischer Propaganda“ und „Verbreitung verleumderischer Dokumente in Gedichtform“ zur damals geltenden Höchststrafe verurteilt: zu sieben Jahren verschärftem Arbeitslager und einer sich anschließenden fünfjährigen Verbannung.

1986 kam sie aufgrund internationaler Proteste frei. Nachdem man ihr die russische Staatsbürgerschaft entzogen hatte, ging sie in die USA, später nach London. Im Exil äußerte sich die Ratuschinskaja zum harten Urteil. Wegen einer so langen Haftstrafe habe sie sich eigentlich geschmeichelt fühlen können. Dies sei nämlich die erste öffentliche Anerkennung ihres literarischen Schaffens in der Heimat gewesen. 1998 kehrte sie aus dem Exil nach Russland zurück. Irina Ratuschinskaja ist im Juli 2017 in Moskau verstorben.

Ihre Erfahrungen im Gefangenenlager Baraschewo im Westen der Republik Mordwinien – wo auch die politische Aktivistin Nadeschda Tolokonnikowa der Punk-Band Pussy Roit einsaß – hat Irina Ratuschinskaja in ihren Erinnerungen „Grau ist die Farbe der Hoffnung. Bericht aus einem Frauenlager“ (1988) verarbeitet. Darin beschreibt sie auch die Solidarität der Frauen untereinander und wie sie versucht haben, ihre Würde zu bewahren und sich gegen Schikanen und erniedrigende Lebensumstände zu Wehr zu setzen. Eine Reminiszenz an die Geburtsstadt ist der Roman „Die Frauen von Odessa“ (1996)[1], der vom bewegten Schicksal dreier Familien zwischen 1905 und dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion im Juni 1941 erzählt. Die Fortsetzung „Die Kinder von Odessa“, 2004 erschienen, behandelt die Zeit der Besatzung durch die Deutschen und die Rumänen und die Mühen der Nachkriegszeit. Erzählt wird das aus der Sicht zweier Kinder; der elfjährigen Sweta und dem gleichaltrigen Aljoscha.[2]

„Am Anfang war das Meer“, heißt es in einem Gedicht des in Odessa 1970 geborenen Lyrikers und Essayisten Ilya Kaminsky. 1993 reiste er mit seinen Eltern nach Kalifornien aus, wo er Gedichte auf Englisch zu schreiben begann. Der literarische Durchbruch gelang ihm mit der 2004 erschienen Gedichtsammlung „Dancing in Odessa“, für die er unter anderem den „Writers Writing Award“ erhalten hat. Seine vielfach ausgezeichneten Gedichte liegen in vielen Übersetzungen vor. Etwa in Frankreich, Spanien, Russland und China; bislang nicht aber auf Deutsch.

Als hoffnungsvolles „post-sowjetisches“ Talent wurde der – 1948 unweit von Odessa geborene – Ilja Mitrofanov gefeiert. Leider kam er früh ums Leben, nämlich 1994 bei einem Verkehrsunfall. Hinterlassen hat er drei Kurzromane, die allesamt auch auf Deutsch erschienen sind: „Zigeunerglück“ (1992)[3], „Wassermann über Odessa“ (1993)[4] und „Der Zeuge“ (1996)[5]. Es sind Geschichten über „kleine“ Leute, die Demütigungen erfahren. Das Findelkind, das bei Zigeunern aufwächst. Geborgenheit aber nur so lange erfährt, bis der Ziehvater von den Sowjets abgeholt wird, weil er sich geweigert hat, auf einer Kolchose zu arbeiten. In „Wassermann über Odessa“ beichtet ein Mann einer zufälligen Bekanntschaft in einem Zug einen Mord. Der Roman „Der Zeuge“ handelt von einem Dorffrisör aus Bessarabien, ein zwischen Rumänien und Russland lange umstrittenes Gebiet, das nach zwölf Jahren rumänischer Annexion 1940 an die Sowjetunion gefallen war. Zeugnis legt der Frisör davon ab, wie die neuen Machthaber die Bevölkerung Bessarabiens ausplündern, schikanieren und schließlich auszurotten versuchen. Die Katastrophe entwickelt sich schleichend; am Ende steht der Hungertod.

„Mitrofanow beobachtet und urteilt aus dem Blickwinkel seiner Erzählfiguren. Er spricht die Sprache der Zigeunerin, des Tauchers aus Odessa und des Friseurs, der in Bildern seines Berufes denkt. Er lässt sie in einfachen Sätzen berichten, mit Lebensklugheit und Witz. Wer viel zu erdulden hat, dramatisiert sein Schicksal nicht. Man gewöhnt sich daran, passt die Gedanken, ‚wirr wie ungekämmte Haare‘, den Notwendigkeiten an. […]. Es gibt wenige Schriftsteller – Werfel, Tabori, Edgar Hilsenrath mit seinem Roman ‚Der Nazi & der Friseur‘ – die den Genozid in Worte zu fassen vermochten. Ilja Mitrofanow, eine Hoffnung der postsowjetischen Literatur, gehört zu ihnen“, urteilte Hans-Peter Klausenitzer in seiner Besprechung in der FAZ im August 1996.

Die Absurditäten des Alltags und die Auswüchse der sowjetischen Bürokratie nimmt der Satiriker und Kabarettist Michail Schwanetzkij aufs Korn. Er wurde 1934 in Odessa geboren, arbeitet im dortigen Hafen als Ingenieur und begann Kurzgeschichten und Satiren zu verfassen. Später zog er nach Moskau, wo er ein eigenes kleines Theater geleitet hat. Mit seinen Lesungen soll er in seiner Heimat ganze Fußballstadien gefüllt haben. 1992 hat der Diogenes Verlag einen Band mit Geschichten von ihm herausgebracht: „Wir brauchen Helden!“[6], in dem Schwanetzkij auch ausführt, warum es Humor braucht.

Im Grunde habe ich mein Leben vertan und damit auch den Humor. Und jetzt, wo ich eigentlich alles verloren habe und im abgewetzten Jackett eines heruntergekommenen Philosophen rumlaufe, kann ich’s ja sagen: Es gibt einfach nichts Besseres als das Leben. Humor ist Leben. Humor ist ein Zustand. Humor hat überhaupt nichts mit Witzen zu tun. Humor ist das Aufleuchten in den Augen, die Verliebtheit in den Gesprächspartner und die Bereitschaft, so lange zu lachen, bis einem die Tränen aus den Augen schießen. […] .Humor hilft uns zu überleben. Er bringt uns einander näher. Ein guter Witz ist wie eine Bescherung. Man sollte auch humoristische Autoren nicht unterschätzen. Für einen einzigen Satz von Ilf und Petrow, wie etwa ‚Die Hunde kletterten mit der Wendigkeit von Bootsmännern hinaus‘, würde ich die ganze Seite einer griechischen Tragödie hergeben, wo sich die Helden mit unglaublicher Leidenschaft in die Brust werfen. Ein Meer von Tränen, in dem vier alte Weiber ertrinken, wiegt leichter als eine Lachsalve, die einen Schuss Wahrheit auslöst.“

Man mag es kaum glauben, gebürtige Odessiten, die auf Deutsch schreiben, gibt es auch. Marjana Gaponenko, 1981 in der Hafenstadt als Tochter eines georgischen Balletttänzers und einer Filmemacherin geboren, war bereits als Kind von der deutschen Sprache fasziniert. Sie nahm Unterricht, verfasste ihre ersten Gedichte auf Deutsch, studierte in Odessa Germanistik und kam 19-jährig als Stipendiatin nach Deutschland. „Russisch ist meine Muttersprache. Russische Bücher habe ich immer gelesen und geschätzt. Aber ‚Deutsch‘ war exotisch. In dem Sinne, dass es etwas fast Verbotenes, etwas Undenkbares war. Für meine Generation war es im Grunde ein Abschrecker, was mich auch gereizt hat“, so beschrieb sie ihre Faszination in einem Interview mit Radio Bremen.

Nach Aufenthalten in Krakau und Dublin lebt sie inzwischen abwechselnd in Mainz und Wien. Ihr erster Gedichtband „Wie tränenlose Ritter“ erschien 2000, ihr erster Roman „Annuschka Blume“ 2010. Für ihren 2012 veröffentlichten tragisch-komischen Roman „Wer ist Martha?“ hat sie den österreichischen Literaturpreis Alpha und den Albert-von-Chamisso-Preis bekommen, mit dem Deutsch schreibende Autoren nicht deutscher Muttersprache ausgezeichnet werden. Protagonist ist ein betagter, emeritierter Ornithologe aus der Ukraine namens Luka Lewaldski, der den Aufstieg und den Zerfall der Sowjetunion erlebt hat. Als er sich dem Tod nahefühlt, reist der 96-Jährige nach Wien, logiert im mondänen Hotel Imperial und lässt sein Leben Revue passieren. „Marjana Gaponenko hat mit Luka Lewadski eine skurrile und eigenwillige Figur wie aus einer Erzählung von Isaak Babel geschaffen, einen kindlichen Greis, dessen letztes lebenslustiges Aufbegehren gegen den Tod Ausdruck in einer Sprache findet, die das Oszillieren aus Wachen und Traum, aus melancholischer Nostalgie und Hunger nach Leben ausbalanciert“, so Beate Tröger in ihrer Buchbesprechung. – 2016 erschien von Marjana Gaponenko der Roman „Das letzte Rennen“.

Seit seinem Medizinstudium lebt Boris Chersonskij, 1950 in Czernowitz/Bukowina geboren, in Odessa. Der Professor für klinische Psychologie ist er mittlerweile Ukraines bekanntester Lyriker. Während der 1970er und 1980er Jahre zählte er zu den wichtigsten Repräsentanten der Samisdat-Bewegung von Odessa. Seine ab den 1960ern entstandenen Gedichte kursierten im Untergrund oder wurden in Emigrantenzeitschriften publiziert.

Offiziell konnte sein Werk erst lange nach dem Zerfall der Sowjetunion erscheinen. Sein wichtigstes Buch „Semejnij Archiw“ (deutsch: „Familienarchiv“) kam in Odessa 1997 und in einem renommierten Moskauer Verlag 2008 heraus. Der mit 38 langen Gedichten aufwartende Roman verfolgt das Schicksal einer jüdischen Familie aus der Südukraine durch das 20. Jahrhundert. Der Roman wurde mit etlichen Preisen ausgezeichnet und auch ins Deutsche übersetzt.[7] „Wenn ich die Poetik von Boris Cheronskij mit drei Worten charakterisieren müsste, wären es folgende Begriffe: Kompetenz, Sparsamkeit im Ausdruck, Klarheit des Verstandes. Kein einziges Adjektiv, keine einzige Metapher dient bei ihm zur ‚Verschönerung‘ des Textes“, schreibt Arkadij Schtipel in seinem Vorwort zu deutschen Ausgabe, die 2011 beim österreichischen Wieser Verlag erschienen ist.

Boris Chersonskij ist ein überzeugter Befürworter einer unabhängigen demokratischen Ukraine. Gedichte und Notate über die aktuellen Entwicklungen im Land und seiner Heimatstadt veröffentlicht er auf seinem Blog „Livejournal“ und bei Facebook.

Auch in deutschsprachigen Medien bezieht Chersonskij zur Lage in der Ukraine Stellung. So etwa in einem Beitrag für „Ostpol“ im Februar 2015: „Wladimir Putin ist wahrlich furchteinflößend. Die Geschichte lehrt unmissverständlich, wohin es führt, wenn Diktatoren zu großer Machtfülle gelangen. Mehr noch: Sie lehrt, dass man Krieg nicht verhindern kann, indem man einen Aggressor ‚befriedet‘. So lässt sich allenfalls Zeit gewinnen. Dieses Mal soll die Ukraine auf dem Altar eines Molochs geopfert werden. Und leider sind viele bereit, das zuzulassen. Ihnen scheint, dass der Moloch, wenn er erst einmal Krim und Donbass verschlungen habe, einhalten werde … Die Ukraine ist nicht das einzige postsowjetische Land mit einem russischstämmigen und -sprachigen Bevölkerungsanteil. Nach dem Krieg in Georgien fragten wir uns: Wer ist wohl der Nächste? Wie sich zeigte, war es die Ukraine. Die Frage aber ist geblieben: Wer ist der Nächste?“

Wenige Tage vor dieser Veröffentlich hatten Unbekannte vor Cheronskijs Wohnung eine Bombe zur Explosion gebracht. So verstörend das war, es war nicht das erste Mal, dass er wegen seiner politischen Haltung angefeindet wurde. Als das russische PEN-Zentrum ihm 2014 eine Mitgliedschaft angeboten hatte, sollen Moskauer „Patrioten“ empört reagiert und Chersonskij wegen seiner dezidierten Pro-Majdan-Haltung als „jüdischen Faschisten“ beschimpft haben.

„Ich denke, spreche und schreibe Russisch, aber ich bin weder Leibeigener der russischen Sprache noch deren Sklave. Und was soll ich zum jüdischen Faschisten sagen?“, so Cheronskijs lakonische Antwort auf das Nachhaken eines Journalisten vom österreichischen „Standard“.

 

Anmerkungen

Einige Gedanken darüber, warum wir so wenig über die Literatur wissen, die auf dem Gebiet der heutigen Ukraine entstanden ist, habe ich hier dargelegt.

[1] Irina Ratuschinskaja: Die Frauen von Odessa. Aus dem Russischen von Bernd Rullkötter. Bergisch Gladbach 1999

[2] Irina Ratuschinskaja: Die Kinder von Odessa. Aus dem Russischen von Bernd Rullkötter. Bergisch Gladbach 2004

[3] Ilja Mitrofanow: Zigeunerglück. Aus dem Russischen von Ingeborg Schröder, Berlin 1993

[4] Ilja Mitrofanow: Wassermann über Odsessa. Aus dem Russ. von Ingeborg Schröder. Verlag Volk & Welt, Berlin 1994.

[5] lja Mitrofanow: Der Zeuge. Aus dem Russischen übersetzt von Ingeborg Schröder, Berlin 1996.

[6] Michail Schwanetzkij: Wir brauchen Helden! Unaktuelle Geschichten, Zürich 1992.

[7] Boris Chersonskij: Familienarchiv. Aus dem Russischen von Erich Klein und Susanne Macht, Klagenfurt 2011

 

Klassiker der Weltliteratur. Odessa: Stadt der Literatur (7)

„Es geschah, es geschah in Odessa!“, heißt es überschwänglich in Wladimir Majakowskis frühem Gedichtzyklus „Wolke in Hose“ (1915). Das ist nicht die einzige Hymne, die Künstler auf die Stadt am Schwarzen Meer gesungen haben. Geprägt vom liberalen Geist und mediterranem Klima hat die Stadt – neben den literarischen Zentren Lviv (früher: Lemberg) und : Ivano-Frankivsk (früher: Stanislaw)viele Autoren hervorgebracht. Und selbstverständlich viele angezogen. Ihre Werke haben das Bild von Odessa geprägt.

Ich bin auf Autoren gestoßen, die die Umstände der Zeit gebrochen haben, aber auch auf solche, die widerstanden oder einfach Glück gehabt haben. Auf Dissidenten, Kriegsgefallene und Opfer der stalinistischen Säuberungen. Und so ist eine Reihe über die Kinder und Besucher einer Stadt entstanden, die von den Einheimischen liebevoll „Mama Odessa“ genannt wird. Keine Kurz-Biographien im klassischen Sinn, die Leben und Werk würdigen. Sondern mal längere, mal kürzere Skizzen, die herausstellen möchten, welchen Bezug die Porträtierten jeweils zu Odessa hatten. Eine, wie ich meine, bunte Sammlung, die manchen auch überraschen könnte.

Installation „Zwölf Stühle“ in Odessa © Sabine Münch

Den Anfang haben drei in Odessa geborene Schriftsteller gemacht, die literarische Kultfiguren geschaffen haben: Isaak Babel in seinen „Geschichten aus Odessa“ den Gauner Benja Krik und das Autorenduo Ilja Ilf und Jewgeni Petrow im Kultroman „Zwölf Stühle“ den Hochstapler Ostap Bender. Dann wurden einige „Großväter“ der modernen jiddischen Literatur und Autoren skizziert, die unfreiwillig in Odessa gelandet sind. Es folgten einige Schriftsteller, die politisch nicht genehm gewesen sind, einst berühmte Namen, die in Vergessenheit geraten sind, und schließlich einige literarische Entdeckungen. Heute stehen Klassiker an, die eng mit Odessa verbunden waren.

 

Zu den wirklich großen Namen zählt gewiss Nikolai Wassiljewitsch Gogol (1809 – 1852), der seine Werke auf Russisch verfasst hat, als junger Mann nach St. Petersburg gezogen war, später nach Moskau. Im Herzen aber ist er Ukrainer geblieben, wo er aufgewachsen und zweisprachig erzogen worden war. In Odessa verfasste er 1850/51 weite Teile seines berühmten Romans „Die toten Seelen“, einen Klassiker der Weltliteratur. Autographen von ihm sind im dortigen Literaturmuseum ausgestellt. Eine Büste befindet sich unweit jener berühmten Oper, die im neo-barocken Stil nach Entwürfen der Wiener Architekten Ferdinand Fellner und Hermann Helmer ab 1884 erbaut wurde und heute neben der Potemkinschen Treppe zu den Wahrzeichen der Stadt zählt.

Iwan Alexejewitsch Bunin (1870 – 1953) verschlug es erstmals 1895 in die Hafenstadt. Danach hat er Odessa häufig besucht. Er war als Autor von Weltrang zwar anerkannt, eine Breitenwirkung hat sein Werk aber indes bis heute nicht erzielt. 1933 bekam er als erster russischer Autor überhaupt und als erster Schriftsteller, der im Exil lebte, den Literaturnobelpreis. Als Sohn eines verarmten adligen Gutsbesitzers geboren, hatte er früh zu schreiben begonnen und sich alsbald mit Erzählungen einen Namen gemacht. Über ihn hat Maxim Gorki, der ihm zeitweilig nahestand, gesagt: „Nehmen Sie Bunin aus der russischen Literatur heraus und sie wird glanzlos, verliert ihren Regenbogenschein.“

Iwan Bunin © Wikipedia

Die revolutionären Ereignisse erlebte Bunin 1918 noch in Moskau, um sich dann nach Odessa zurückzuziehen. Nachdem die Bolschewisten die Hafenstadt im Frühjahr 1919 erobert hatten, rieten ihm Freunde zur Flucht. Diesen Ratschlag befolgte er. Mit dem letzten Schiff reiste er gemeinsam mit seiner Frau Wera Muromzewa 1920 aus Odessa über Konstantinopel nach Frankreich aus. Er lebte dort abwechselnd in Paris und in einem Dörfchen in der Provence. Bis zu seinem Tod im Jahr 1953.

Die russische Revolution hat Bunin nicht nur als brutale Zerstörung der Tradition, sondern auch der Umgangsformen erfahren – als eine „Orgie des Todes“ im Namen einer „lichten Zukunft“, bei dem das Volk letzten Endes „vom Regen in die Traufe kommt“. Entsetzt hat er die einsetzende Verwahrlosung der Sprache, die großspurigen Lügen und das schwülstige Pathos aufgezeichnet. Und mit großer Bitterkeit beobachtet, wie frühere Freunde, darunter Gorki und Majakowski, versuchten, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen.

Seine Tagebuchaufzeichnungen über die Ereignisse in Moskau 1918 und Odessa 1919 wurden erstmals 1925 unter dem Titel „Okajannye dni“ in einer Pariser Exilzeitschrift veröffentlicht. Auf Deutsch liegen sie in der Übersetzung von Dorothea Trottenberg seit Jahr 2005 vor, und zwar im Rahmen einer Bunin-Werkausgabe, welcher der Schweizer Verlag Dörlemann besorgt hat. Anlässlich des 100. Jahrestages der Russischen Revolution ist Ende September 2017 beim Verlag eine Sonderausgabe von „Verfluchte Tage. Ein Revolutionstagebuch“ erschienen.

Weltweit bekannt ist der Erzähler und Dramatiker Maxim Gorki (1868 – 1936). Den Stoff für seine ersten Erzählungen hat er in der Hafenstadt gefunden. Als junger, mittelloser Mann war er 1891 von dort zu einer viermonatigen Wanderung nach Tiflis aufgebrochen. Die Route führte am Nordufer des Schwarzen Meeres entlang. Begleitet hatte ihn ein Georgier namens Schakro, dem er im Hafen von Odessa begegnet war und der ihn auf dem endlos langen Fußmarsch dann nach Strich und Faden ausnutzen sollte.

Maxim Gorki © Encyclopedia Britannica

Das Zusammentreffen mit dem Georgier hat Gorki in der 1894 erschienenen Erzählung „Mein Weggefährte“ zum Anlass genommen, um die Arbeitsbedingungen im Hafen zu beschreiben. „Er [Schakro] war absolut unverständlich hier im Hafen, beim Pfeifen der Dampfschiffe und Lokomotiven, beim Rasseln der Ketten, bei den Schreien der Arbeiter, in diesem tollen und nervösen Getriebe des Hafens, das den Menschen von allen Seiten erfasst und seinen Verstand und seine Nerven abstumpft. Alle Menschen im Hafen waren von den riesenhaften Mechanismen geknechtet, die von ihnen die wachsamste Aufmerksamkeit und unermüdliche Arbeit erforderten; alle machten sich an den Dampfern und Eisenbahnwagen zu schaffen und waren mit dem Ausladen und Einladen beschäftigt. Alle waren erregt und ermüdet, alle liefen hin und her, schrien und fluchten im Staube und Schweiß, und mitten in diesem Arbeitsgetriebe spazierte langsam die seltsame Gestalt mit dem zu Tode gelangweilten Gesicht, gleichgültig gegen alles.“

Kolportiert wird, dass sich Gorki als Lastenträger im Hafen verdingt haben soll. Andere wiederum meinen, dass er den Stoff für seine berühmte Erzählung „Tschelkasch“ (1894) schlicht von einem Landstreicher übernommen habe. Wie auch immer. Mit dieser sozialkritischen Erzählung war ihm der literarische Durchbruch endgültig gelungen. Auch hier stellt der Hafen von Odessa den Rahmen dar, in dem Deklassierte und Kriminelle aufeinandertreffen. Grischka Tschelkasch, ein Landstreicher, zwingt einen Bauernburschen, ihn bei einem nächtlichen Diebeszug im Hafen zu unterstützen. Um den erbeuteten Ballen entbrennt ein Streit …

Auch Wladimir Majakowski (1893 – 1930) hat Odessa immer wieder gerne besucht. Er, die Ikone der künstlerischen Avantgarde, gefeierter Rezitator, Idol der Jugend, Frauenschwarm und nach seinem Freitod im Jahr 1930 von Stalin in den Status eines Vorzeige-Sowjetautors gehoben, war dem Charme der Hafenstadt verfallen gewesen.

1930 war einiges zusammengekommen; ein Tiefpunkt in seinem Leben. Gescheiterte Liebesbeziehungen mit Elli Jones, der er 1925 auf einer Lesereise durch die USA begegnet war, mit Tatjana Jakowlewa, um deren Hand er 1928 in Paris erfolglos angehalten hatte, und schließlich mit der 21-jährigen Schauspielerin Veronika Polonskaja, die 1930 die Kraft nicht aufbrachte, ihren Mann für Majakowski zu verlassen. Er war gesundheitlich angeschlagen, fürchtete, seine Stimme zu verlieren, und hatte immense Steuerschulden. Die Kulturbürokratie, die ihn einst als „Trommler der Revolution“ protegiert hatte, widmete ihm kaum noch Aufmerksamkeit. Längst hatte sie sich dem Proletkult verschrieben. Majakowskis Bühnenstück „Das Schwitzbad“, das den bürokratischen Alltag im Sowjetstaat vorführt, von Regisseur Wsewolod Meyerhold 1930 inszeniert, wurde zerrissen und musste nach wenigen Aufführungen vom Spielplan verschwinden.

Zu Lebzeiten hatte er noch gewisse literarische Freiheiten genießen dürfen. Erst nach seinem Tod wurde der Literaturbetrieb gleichgeschaltet. Per Dekret des Zentralkomitees der KPdSU war im April 1932 der Schriftstellerverband gegründet worden. Der Sozialistische Realismus wurde per Statut verbindlich. Aus Sorge um Majakowskis Nachlass wandte sich Lilija Brik, seine langjährige Geliebte, im November 1935 in einem persönlichen Brief an Stalin direkt. Dieser las ihn und notierte dann an den Rand des Schreibens: „Majakowski war, ist und wird der beste und talentierteste größte Dichter der sowjetischen Epoche bleiben“. Danach wurde auf Geheiß des Zentralkomitees sein Oeuvre neu verlegt, Plätze und Straßen nach Majakowski benannt und die Werke, die nun in Millionenauflagen gedruckt wurden, in den Schulen Pflichtlektüre. – Ein schönes Bonmot hierzu stammt von Boris Pasternak: „Man begann ihn als Pflicht einzuführen wie die Kartoffel unter Katharina.“

Übrigens hatte Majakowski 1914 Lilja Brik bei einem seiner Auftritte in Odessa kennengelernt und sich spontan in sie verliebt. Er soll damals aus dem noch unveröffentlichten Gedichtzyklus „Wolke in Hose“ rezitiert haben, in dem es heißt: „Es geschah, es geschah in Odessa.“ – Und so schließt sich der Kreis.