Ukrainisch oder Russisch? Odessa: Die Stadt der Literatur und der Hunde – Teil 2

Den Namen Swetlana Alexijewitsch kennt man vermutlich. Schließlich wurde ihr 2015 der Nobelpreis für Literatur verliehen. Aber: weiß wer schon, dass sie 1948 in der Westukraine geboren wurde?

Abgesehen von einigen Ausreißern wie etwa Oksana Sabuschko, die 2006 mit ihrem Roman „Feldforschungen auf dem Gebiet des ukrainischen Sex“ für Wirbel sorgte, dem intellektuellen Wortführer der „Orangenen Revolution“ Jurij Andruchowytsch, mittlerweile in Westeuropa der wohl bekannteste ukrainische Autor, oder Natascha Wodin, die das Leben ihrer Mutter – einer ukrainischen Zwangsarbeiterin, die die Nationalsozialisten nach Deutschland verschleppt hatten – literarisch verarbeitete und für ihren Roman „Sie kam aus Maruipol“ 2017 mit dem Literaturpreis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, tut man sich mit Land, Leuten, Literatur, Geschichte und den aktuellen Entwicklungen in der Ukraine hierzulande schwer. Ganz so, als würde der Eiserne Vorhang noch existieren.

free Julija Tymoschenko © Sabine Münch

Und dies obwohl es seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und verstärkt nach der „Orangenen Revolution“ immer wieder Bemühungen gab und gibt, ukrainischen Büchern im deutschsprachigen Raum Wege zu ebenen. Darum früh verdient gemacht hat sich die 2011 verstorbene Anna-Halja Horbatsch, die nach dem Einzug der Roten Armee mit ihren Eltern 1940 aus der Ukraine nach Deutschland gekommen war.

Nach langjähriger Übersetzer- und Herausgebertätigkeit gründete sie 1995 noch im hohen Alter von 70 Jahren ihren Brodina Verlag, den sie nach ihrem Geburtsort in der ukrainischen Nordbukowina benannt hat. Bis zu ihrem Tod sind hier 15 Titel erschienen, vornehmlich zeitgenössischer Autoren. Aber auch das deutsch-ukrainische Lesebuch „Die ukrainische Literatur entdecken“ (2001), das die wichtigsten Werke der ukrainischen Literatur präsentiert, und die literaturwissenschaftliche Abhandlung „Die Ukraine im Spiegel ihrer Literatur: Dichtung als Überlebensweg eines Volkes“ (1997). Für ihre Bemühungen um eine weithin unbekannte Literaturszene hat Anna-Halja Horbatsch 2006 das Bundesverdienstkreuz erhalten.

Ebenfalls mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde Katharina Raabe, die sich seit der Jahrtausendwende beim Suhrkamp Verlag engagiert um den Ausbau des osteuropäischen Programms bemüht. Auch andere Verlage wie Luchterhand, Rowohlt Berlin, S. Fischer, Zsolnay in Österreich oder Diogenes und Dörlemann in der Schweiz führen ukrainische Autoren im Programm. Der 2010 gegründete Verein Translit, ein Zusammenschluss von Übersetzern und Kulturmittlern, bemüht sich um den Austausch zwischen der Ukraine und Deutschland. Und die Buchmessen in Leipzig und Frankfurt? Die organisieren inzwischen ebenfalls verschiedentlich Schwerpunkte speziell zu Autoren aus Osteuropa.

 

Ukrainische Literatur – eine Terra Incognita

Dass wir kaum etwas über die literarische Szene wissen, liegt zweifellos mit daran, dass das Gebiet der heutigen Ukraine – abgesehen von einer kurzen Episode zwischen 1918 und 1920, zu der sich ein unabhängiger Nationalstaat konstituiert hatte – im Zeitenlauf zu vielen unterschiedlichen Staaten gehört hat. Zum zaristischen Russland, Lemberg, Galizien, den Karparten, zum Habsburgerreich, zu Polen, Rumänien und der Tschechoslowakei. Die Sowjetunion verleibte sich nach dem Krieg mit Polen 1920 den größten Teil des Landes ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden ihr auch die polnischen, rumänischen und tschechischen Territorien zugeschlagen.

Die jahrhundertelange Fremdherrschaft hatte zur Folge, dass sich die ukrainische Sprache und Kultur nur unter extrem schwierigen Bedingungen entwickeln konnten. Autoren, die ihre Schriften in ihrer Heimatsprache abfassten, wurden drangsaliert und verfolgt. Allein in der Stalin-Ära sollen mehr als 300 Autoren ukrainischer Herkunft ihr Leben durch Terror, Folter oder im Gulag gelassen haben.

Nicht besser war die Situation im Zarenreich gewesen, wo ukrainisch-sprachige Publikationen einem Druckverbot unterlagen. Dies sogar Wiederholt: 1863, 1876 – 1906, 1914 – 1917. Autoren, die sich des Ukrainischen bedienten, wurden verspottet, sich einer schlechten Sprache zu bedienen, schikaniert, eingesperrt und verbannt. So etwa der ukrainische Nationaldichter Taras Schewtschenko (1814 – 1861), der als einer der ersten gilt, der seine Gedichte und Lieder in seiner Heimatsprache verfasst hat. „Bäuerlich“ sei seine Sprache, ein primitiver Dialekt des Russischen. Nachdem er sich einem Geheimbund angeschlossen hatte, der für die Abschaffung der Leibeigenschaft und die Gleichberechtigung der slawischen Völker im Zarenreich eintrat, wurde Schewtschenko verbannt und nach seiner Entlassung mit der Auflage belegt, kein ukrainisches Gebiet mehr zu betreten. Bis zu seinem Tod lebte er in St. Petersburg unter strenger Aufsicht.

Es liegt auf der Hand, dass die Autoren ständig mit sich rangen: Schreibe ich auf Ukrainisch oder auf Russisch? Nikolai Wassiljewitsch Gogol (1809 – 1852), ein gebürtiger Ukrainer, soll in einem Brief an eine Freundin geschrieben haben, dass er nicht wisse, ob er Russe oder Ukrainer sei. Wie ihm erging es vielen. Wer unter imperialer Kontrolle ungeschoren publizieren und zudem eine breitere Leserschaft erreichen wollte, musste sich der Sprache der Herrschenden bedienen.

 

Kein Staat, keine Nation, keine Nationalliteratur?

Mit Michail Gorbatschows Reformpolitik wendete sich in den späten 1980er Jahren das Blatt. Erst- und Neuveröffentlichungen bisher verbotener und vergessener Werke und Bücher, die nur im Ausland hatten erscheinen können, wurden zugänglich. Autoren brachen mit der sozialistisch-realistischen Tradition der Sowjetära und sagten sich vom ukrainischen Schriftstellerverband los, der 1934 als Verband der Sowjetischen Schriftsteller der Ukraine gegründet und 1959 in Schriftstellerverband der Ukraine (SVdU) umbenannt worden war.

Eine neue Autorengeneration trat auf, die sich am Westen orientierte, Liberalisierungen forderte und eine genuin ukrainische Identität einklagte. Motor dieser Bewegung war die 1985 in Lviv (Lemberg) gegründete Gruppe BU-BA-BU (Burlesk-Balahan-Buffonada, deutsch: Burleske-Farce-Posse), die anfangs im Untergrund agierte, später gingen aus Lemberg zahlreiche literarische Initiativen hervor. Ziel von BU-BA-BU war es, das Land gesellschaftlich, kulturell und sprachlich zu erneuern.

Traditionell wird im Westen Ukrainisch, im Osten hingegen Russisch gesprochen. Daneben existiert eine Mischform aus dem Russischen und dem Ukrainischen, das sogenannte Surzhyk, das vor und nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist.[1] Die Frage, welche Sprache man benutzt, wird in der ukrainischen Politik schärfer diskutiert und problematischer bewertet, als dies in der ukrainischen Lebensrealität der Fall ist. Die Sprachen koexistieren, die meisten Ukrainer sprechen Russisch und Ukrainisch. Was auch für Autoren gilt, die in beiden Sprachen veröffentlichen.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde 1989 das Russische durch das Ukrainische als einzige Amtssprache ersetzt und Maßnahmen zur Ukrainisierung des Bildungswesen und der Medien beschlossen. Das bis dahin sozial, kulturell und politisch dominante Russisch erhielt den niedrigeren Status einer geduldeten Verkehrssprache.

Nationalfarben © Sabine Münch

2012 ließ der damalige pro-russische Präsident Viktor Janukowitsch mit dem Gesetz „Über die Grundlagen der staatlichen Sprachpolitik“ Russisch wieder als Regionalsprache zu. Manchem mögen die tumultartigen Szenen und handgreiflichen Auseinandersetzungen noch in Erinnerungen sein, die anlässlich des Sprachengesetzes im ukrainischen Parlament losgebrochen waren. Einige Bezirke sowie Städte im Osten und Süden, darunter auch die Hafenstadt Odessa, ließen das Russische wieder als nahezu gleichberechtigte Sprache zu. Unmittelbar nach der Maidan-Revolution wurde das Gesetz in einer außerordentlichen Sitzung des Parlaments im Februar 2014 wieder gekippt.

Nachdem sich im Dezember 1991 in einem Referendum 90 Prozent der Bevölkerung für die Unabhängigkeit ausgesprochen hatten – übrigens mit klarer Mehrheit auch in den heutigen Separatistenhochburgen Donezk und Lugansk – stand nicht nur die Sprachenfrage, sondern auch die Frage nach dem Nationalbewusstsein und einer genuinen ukrainischen Identität an. Hier war ukrainisch-sprachige Literatur gefragt. In Vergessenheit geratene Klassiker wurden wieder oder neu entdeckt. Autoren wie Ljubko Deresch (geb. 1984), Oksana Sabuschko (geb. 1960), Jurij Andruchowytsch (geb. 1960), Jurko Prochasko (geb. 1970) oder Serhij Zhadan (geb. 1974) wurden auf Festivals und Lesungen gefeiert.[2]

Die literarische Szene entwickelte sich dynamisch, wenn auch unter schwierigen Bedingungen. Unabhängige Verlage und Buchhandlungen, die sich ukrainischer Literatur verschrieben haben, kämpfen mit immensen Schwierigkeiten.[3] Professionelle literaturvertreibende, -herstellende und -propagierende Strukturen fehlen weitestgehend und den Kulturkommissionen im Parlament mangelt es vielfach an Weitblick und Kompetenz. Zwar florierte eine junge ukrainische Szene, der Literaturbetrieb aber blieb russisch dominiert; der Markt wurde von niedrig-preisigen russischen Büchern überschwemmt, die in der Regel drei- bis viermal billiger sind als Titel aus ukrainischen Verlagen.

Mit Annexion der Krim und dem Bürgerkrieg im Osten wendete sich das Blatt. Die riesigen Verlagshäuser aus der Sowjetzeit, die in Kiew und anderen Großstädten ansässig gewesen waren, machten dicht. Auch viele der großen sowjetischen Buchhandlungsketten, die das Land einst mit einem mustergültigen Vertriebsnetz überzogen haben, wurden aufgelöst. An ihrer Stelle entstanden kleinere Sortimente und Buchkioske, die aber vornehmlich preisgünstige russische Importe anbieten. Trotz immer rigideren Versuchen seitens der Regierung, russische Literatur einzudämmen, heimsen russische Produktionen weiterhin einen Großteil des Umsatzes auf dem ukrainischen Markt ein.

Spätestens seit dem Bürgerkrieg im Osten steht die Frage, die sich Autoren seit dem 19. Jahrhundert schmerzhaft gestellt haben, wieder im Raum. Für die einen ist sie eine Frage der politischen Haltung, für andere (noch) eine Frage der Fertigkeit. „In der Regel beherrscht ein Schriftsteller eine der beiden Sprachen besser. Auch ich selbst habe einige meiner Essays ins Russische übersetzt und dabei festgestellt, dass mir im Russischen einige Nuancen und Ausdrucksmöglichkeiten fehlen. Mein Russisch ist viel ärmer als mein Ukrainisch.“ So Jurij Andruchowytsch in einem Interview mit der „Neuen Züricher Zeitung“ im März 2007.

 

Alter Wein in neuen Schläuchen

Eine erste Debatte über den Status der in der Ukraine auf Russisch erschienenen Bücher war bereits mit der Krimkrise entbrannt. Eine Quote sollte her, um den überbordenden Buch- und Filmimport aus Russland einzudämmen. Im August 2015 wurden Werke von 38 russischen Autoren aus dem Verkauf gezogen, die die Eingliederung der Krim in die Russische Föderation befürwortet hatten. Im Dezember 2016 erließ Präsident Petro Poroschenko ein Gesetz, dass Bücher mit pro-russischer Tendenz in der Ukraine verbietet. Begründet wurde die Maßnahme mit dem Kampf gegen russische Propaganda.

Seither stehen Werke auf dem Index, die Russland und seine Führung verherrlichen, anti-ukrainisch sind oder totalitäre Ansichten vertreten, und Bücher, in denen zum Staatsstreich in der Ukraine, zum Krieg oder zum Rassenhass aufgerufen wird. Für das Fernsehen gilt, dass 75 Prozent der Nachrichten und Filme auf Ukrainisch sein müssen. Russische Produktionen werden ukrainisch untertitelt. Russische Fernseh- und Radiosender wurden eingestellt, im Mai 2017 der Zugang zu mehreren russischen Internetdiensten gesperrt, darunter das russische Facebook-Pendant VKontakte (VK).

Und Russland? Macht es nicht anders. Auf der Krim existieren keine ukrainischen Radio- und Fernsehsender mehr, Internetdienste wurden vom Netz genommen, ukrainische Zeitungen dürfen auf die Halbinsel nicht geliefert werden. Im Oktober wurde in Moskau – nicht zum ersten Mal – die „Bibliothek für Ukrainische Literatur“ von bewaffneten Polizeimannschaften durchsucht. Beschlagnahmt wurden Bücher, elektronische Datenträger, Dokumente und Zeitungen. Die Direktorin wurde verhaftet und im Juni 2017 zu vier Jahren Haft auf Bewährung verurteilt.

Als „Missverständnis“ sollte sich die Festnahme des ukrainisch-sprechenden Serhij Zhadan herausstellen – so jedenfalls berichteten die „Ukrainer-Nachrichten“ im März 2017 über den Fall. Den Autoren, der in der Ostukraine zur Welt gekommen ist und 2014/15 verschiedentlich in die Kriegsgebiete im Donbass gereist war,[5] hatten weißrussische Polizisten in Minsk im Februar 2017 unter dem Vorwand festgenommen, ihm sei wegen einer „Teilnahme an terroristischen Aktionen“ eine Einreise in die Russische Föderation untersagt.

Odessa 2014 © Sabine Münch

In der heftigen Propagandaschlacht, die sich beiden Seiten liefern, scheinen nicht nur Bücher, auch das kulturelle Erbe zum Spielball geworden zu sein. Gestritten wird um große Namen; etwa um Anton Tschechow und Michail Bulgakow, um den großen Komponisten Sergei Prokofjew oder Maler wie Kasimir Malewitsch und Ilja Kabakow.[6] Besonders ins Auge gefallen ist mir in diesem Zusammenhang der „Kampf um Gogol“, eine Kontroverse, die anlässlich des 200. Geburtstages des bedeutenden Klassikers 2009 offen aufgebrochen war.

Richtig ist, dass Nikolai Gogol seine Werke auf Russisch verfasst hat, als junger Mann nach St. Petersburg gezogen war, später nach Moskau. Im Herzen aber blieb er Ukrainer, wo er aufgewachsen und zweisprachig erzogen worden war. Seine ersten literarischen Erfolge hat er mit folkloristischen Erzählungen über die ukrainische Heimat gefeiert. Im Alter litt Gogol an Schizophrenie. Er verbrannte Teile seines Oeuvres, darunter auch die Fortsetzung seines 1841 erschienenen Opus Magnum „Die toten Seelen“, an der er 1850/51 in Odessa gearbeitet hat, und hungerte sich zu Tode.

Beide Seiten reklamieren den Klassiker für sich. Ukrainische Neuübersetzungen merzen alles aus, was russisch anmutet. Die Russen wollen seine Herkunft vergessen machen lassen. Dabei wäre Gogol prädestiniert, Brücken zu schlagen. In der bereits zitieren Passage aus dem Brief an eine Freundin heißt es ausführlich: „… und weiß auch selber nicht, welche Seele ich habe, eine ukrainische oder eine russische. Ich weiß nur, dass ich weder dem Kleinrussen den Vorzug geben würde vor dem Russen noch dem Russen vor dem Kleinrussen. [Den Norden der Ukraine nannte man damals Kleinrussland.] Beide Naturen sind von Gott überreich beschenkt, und jede davon schließt das ein, was die andere nicht hat – ein deutliches Zeichen dafür, dass sie sich gegenseitig ergänzen müssen.“

Allein: in der zugespitzten politischen Lage tobt ein Kulturkampf; ein altbekannter. Wenn auch – zumindest aus ukrainischer Perspektive – unter umgekehrten Vorzeichen.

 

Anmerkungen

Bis zu meinem Besuch in Odessa im Juli 2017 (dazu hier mehr) war auch mir die ukrainische Literatur ein unbeschriebenes Blatt. Umso erstaunter bin ich gewesen, wie reich die Hafenstadt am Schwarzen Meer auch in dieser Hinsicht ist. Zurückgekehrt nach Steglitz machte ich mich auf eine Spurensuche, die ich in loser Folge dokumentiere.

 

[1] Siehe dazu das Gespräch „Der Versuch, das Russische abzuschaffen, war eine Dummheit“ mit Gerd Hentschel, Professor für Slavistische Sprachwissenschaft an der Universität Oldenburg, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. Juli 2014.

[2] Von allen Genannten liegen Übersetzungen ins Deutsche vor.

[3] Einen lesenswerten Bericht über die Situation des unabhängigen Buchhandels in Odessa in Zeiten des Bürgerkriegs kann man bei Deutschlandfunk Kultur nachlesen

[5] Seine Eindrücke im Donbass hat Serhij Zhadan in Prosaarbeiten und in Gedichten verarbeitet: „Warum ich nicht im Netz bin“ und „Mesopotamien“. Beide Titel sind 2015 bei Suhrkamp erschienen.

[6] Siehe hierzu etwa: Gogol – großer Russe oder großer Ukrainer?, in: Die Presse vom 23. August 2015.

Odessa: Die Stadt der Literatur und der Hunde

„Wir sind glücklich, dass sie auf uns aufpassen.“  Eine Reise in die Ukraine – Teil 1

Wenig weiß man in Westeuropa über die Ukraine. Und das, was man zu wissen meint, ist mit Klischees und Vorurteilen durchsetzt: Misswirtschaft, Korruption, Kriminalität, Prostitution. Wenn überhaupt darüber berichtet wird, dann sind das die großen Themen. Seit Annexion der Krim, dem formalen Beitritt der Halbinsel zu Russland im März 2014 infolge eines spontan abgehaltenen Referendums und dem Bürgerkrieg in den Gebietskörperschaften Donezk und Lugansk in der Ostukraine ist es zudem schwierig geworden, sich jenseits von westlicher und russischer Propaganda über Land und Leute eine Meinung zu bilden.

Nationalfarben © Sabine Münch

Mit einer Delegation des Deutschen Tierschutzbundes war ich im Juli 2017 vor Ort. In Odessa am Schwarzen Meer, das übrigens nicht schwarz, sondern smaragdgrün ist. Vom Flieger aus ebenfalls sofort auffällig: plattes Land, riesige Anbauflächen. Und, in der Tat, rund 32 Millionen Hektar Ackerland gibt es dort; was etwa einem Drittel der Ackerfläche der gesamten Europäischen Union entspricht. Da sich hier große Mengen an nährstoffreicher Schwarzerde befinden, sind die Anbauflächen bei ausländischen Investoren sehr begehrt.

Das Gebiet um Odessa, die „Oblast Odessa“, liegt geopolitisch in einer ungünstigen Lage: eingekesselt zwischen der Halbinsel Krim im Osten und Transnistrien im Südosten. Eine Republik am Ufer des Dnjestr, die sich im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion von Moldawien abgespaltet hat. 1992 gipfelte der Konflikt in einem kurzen blutigen Krieg. Transnistrien, eine der größten europäischen Drehscheiben für Geldwäsche und den Handel mit Drogen und Waffen, ist international nicht anerkannt, wird aber von Russland unterstützt. Die Hauptstadt heißt Tiraspol. – Unweit davon ist mein Großvater väterlicherseits im April 1944 gefallen.

Anflug auf Odessa © GvP

Odessa weist einige Superlative auf. Mit 1.02 Millionen Einwohnern ist sie die drittgrößte Stadt der Ukraine. Neben dem größten Hafen des Landes, der von Anbeginn ein geostrategisches Projekt Russlands gewesen ist, befindet sich in der „Hauptstadt des Südens“ mit der „Nationalen Metschnikow Universität“, nach einem Zoologen benannt, auch eine der ältesten und größten Universitäten des Landes.

Erbaut wurde Odessa auf Geheiß von Katharina der Zweiten, genannt die Große. Nach dem Russisch-Türkischen Krieg 1787 – 1792 war das fruchtbare Steppenland um Odessa vom Osmanischen an das Russische Reich gefallen. Nun ging es darum, den osmanischen Einfluss langfristig einzudämmen. 1794 beauftragte die Zarin ihren damaligen Liebhaber, Admiral Josif de Ribas, an der strategisch bedeutsamen Stelle am Schwarzen Meer einen Hafen zu bauen. Dort sollte eine Vorzeigemetropole des „neuen Russland“ entstehen, die mediterrane Antwort auf St. Petersburg.

Aus dem Vorhaben wurde Realität. Hafen und Stadt entwickelten sich rasch zu einem wichtigen Umschlagplatz. Odessa boomte, Handel und Kultur blühten. Russische, italienische, griechische und jüdische Kaufleute ließen sich nieder, auch Deutsche, Franzosen und Polen zog es dorthin. Bereits hundert Jahre nach ihrer Gründung war Odessa die viertgrößte Stadt im Zarenreich. Es gab eine Oper, eine Börse, eine Kathedrale. Bald galt die schmucke Küstenstadt, die „Perle am Schwarzen Meer“, als „Riviera“ des Zaren- und später des Sowjetreichs.

Hafen von Odessa © Sabine Münch

Bis in die heutigen Tage wird Odessa in russischen Kulturkreisen als „russische“ oder „russisch-jüdische“ Stadt wahrgenommen. Es gibt kaum eine russische Familie ohne Verwandte in der Ukraine und umgekehrt. Entsprechend eng ist die Identität der Odessiten mit Russland verwoben.[1] Nach offiziellen Angaben sind 30 Prozent der Stadtbevölkerung ethnisch russischstämmig.

Andererseits war Odessa ein Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen; eine multi-ethische, kosmopolitische und weltoffene Hafenmetropole, die Intellektuelle, Künstler und Freidenker anzog. Alexander Puschkin, der Teile seines Versepos „Eugen Onegin“ 1823/24 im Odessiter Exil verfasste, hat das Stimmengewirr in den Straßen beschrieben. Hier atme man Europa, soll er über Odessa gesagt haben. Genau diese Vielfalt war totalitären Machthabern verhasst. Die Bolschewiken vertrieben die Franzosen und Italiener, Stalin die Griechen und die Schwarzmeerdeutschen, die Nationalsozialisten, die Odessa im 2. Weltkrieg besetzt hatten, die Juden. 100.000 Odessiter Juden sind den Pogromen zum Opfer gefallen.

in Odessa © Sabine Münch

Vom Sprachengewirr aus Russisch, Griechisch, Französisch, Deutsch, Italienisch und Jiddisch kam mir nichts zu Ohren. – Und mit Englisch, dem Idiom, mit dem ich mich halbwegs vor Ort hätte durchschlagen können, haben es die Odessiten nicht. – Nach der Unabhängigkeit wurde per Dekret Ukrainisch als einzige offizielle Landessprache festgelegt, obwohl ein Großteil der Bevölkerung, vorwiegend im Osten des Landes, Russisch spricht. So sie sich nicht eines besonderen Dialekts bedienen, der sich unter dem Einfluss der jiddischen und ukrainischen Sprache entwickelt hat, sprechen die Odessiten im Alltag überwiegend Russisch. Die Amtssprache freilich ist Ukrainisch.

Schilder auf den Straßen oder dem Flughafen sind sowohl in ukrainischer wie in russischer Sprache gehalten. Mit leichten Abweichungen gebrauchen beide Sprachen die kyrillische Schrift. Die Orthografie wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dem Russischen angepasst. Mancher Ukrainer hält jedoch an der Rechtschreibung fest wie sie bis in die 1920er Jahre gültig gewesen ist.

Odessa © Sabine Münch

Die pittoreske Hafenstadt ist arm und reich zugleich. Reich an Kultur, mittelos ist ein Großteil der Bevölkerung, vor allem in den Vorstädten und im Umland. Zu Sowjetzeiten war die Reederei mit 318 Schiffen und 25.000 Seeleuten eine der größten weltweit. Nach der Unabhängigkeit wurde die Reederei privatisiert, die Schiffe teilweise zu Schleuderpreisen ins Ausland verkauft. Trotzdem konnte sich Odessa bis zur Krimkrise als bedeutendster Umschlaghafen des Schwarzen Meeres halten. Ein Drittel der Arbeitsplätze war damals mit dem Hafen und dem Meer verknüpft.

Seit der Krimkrise und den Kämpfen in der Ostukraine legen keine russischen Handelsschiffe mehr im Hafen an. Die devisenbringenden Touristen aus dem Westen und die zahlreichen wohlhabenden Russen, die bis 2014 gerne in die liberale Stadt mit südländischem Flair gereist sind, bleiben fort. Und die großen internationalen Kreuzfahrtschiffe, die regelmäßig in Odessa Station gemacht haben? Die laufen stattdessen das bulgarische Warna an. Womit sich vielen Odessiten, die vom Hafen und dem Tourismus gelebt haben, kein Auskommen und keine berufliche Perspektive mehr in der Hafenstadt bieten.

Fassade © Sabine Münch

Die Ukraine zählt heute zu den ärmsten Staaten Europas. Das Durchschnittseinkommen liegt bei unter 300 Euro, der Mindestlohn bei 51 Euro. Mancher Rentner bezieht lediglich 80 Euro – und dies bei Preisen, die für die dortigen Verhältnisse recht hoch sind. Zudem ist der Griwna (1 Euro = 30 Griwna) – dessen Scheine nur mit Mühe in mein Portemonnaie passten, das auf Euroscheine geeicht ist – keine stabile Währung. Die Inflation ist hoch. Im ersten Halbjahr 2017 stiegen die Verbraucherpreise um 13,8 Prozent gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum. Vor allem junge, gut ausgebildete Kräfte zieht es fort ins Ausland. Die Visumspflicht, die im Juni 2017 für Ukrainer entfallen ist, mag das erleichtern.

Da die Krim als einstiges Lieblingsurlaubsziel der Ukrainer weggefallen ist, waren die Strände in Odessa bei unserem Aufenthalt im Juli 2017 gut besucht. Reges Treiben herrschte auch im „Istanbul Park“ an der berühmten Potemkin-Treppe, neben der Oper dem Wahrzeichen der Hafenstadt. Die gepflegte Anlage erinnerte mich an die Gönneranlage im Kurort Baden-Baden. Picobello sauber, akkurat geschnittener Rasen, Blütenpracht – alle zehn Meter ein Hinweisschild, dass Hunde nicht erwünscht sind.

Blick von der Potemkin-Treppe © Sabine Münch

Der Park, der im Mai 2017 offiziell übergeben wurde, ist ein Geschenk der Türkei anlässlich des 20. Jahrestages der Städtepartnerschaft zwischen Istanbul und Odessa. Die Potemkin-Treppe mit ihren 192 Stufen, die unten fast zweimal breiter sind als oben, hat Mark Twain 1869 so beschrieben: „Eine riesige Flucht steinerner Stufen führte hinunter zum Hafen … Es ist eine prächtige Treppe, und von weitem wirken die Menschen, die sich hinaufplagen, wie Insekten.” Hinaufplagen muss sich heute niemand mehr, da eine Zahnradbahn in Betrieb genommen wurde.

Auf mich wirkte die ursprünglich aus Muschelkalk um 1840 erbaute Treppe unscheinbar. Grauer Granit aus den frühen 1930er Jahren, der Zeit ihrer letzten Renovierung. Ein vollkommen anderer Eindruck als in Sergeji Eisensteins Stummfilm „Panzerkreuzer Potemkin“ mit der beeindruckenden Szene, in der ein Kinderwagen – gleichsam in Zeitlupe – die Stufen der Potemkinschen Treppe hinabrollt. Wegen dieser Sequenz wohl gilt sie als die berühmteste Treppe der Welt.

Legendär sind auch die Katakomben von Odessa, ein circa 2.500 Kilometer langes Tunnelsystem, das sich bis in die Außenbezirke erstreckt. Kurz nach Gründung 1792 hatte man begonnen, direkt unter der Stadt Sandstein abzubauen. Mit den Stollen hat sich ein weit verzweigtes Netz gebildet, in dem die Gesetze aus der Oberwelt außer Kraft gesetzt waren. Das Labyrinth, in dem sich heute keiner mehr zurechtfindet, haben ehedem unterschiedlichste Menschen genutzt. Es bot Gaunern, Verbrechern und Seeräubern, aber auch religiösen Minderheiten, politisch Verfolgten und den Partisanen Zuflucht, die sich während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg dort versteckt hielten.

Sandstrand in Odessa © GvP

Außer meiner Geburtsstadt Baden-Baden erinnerte mich Odessa auch an eine Hafenstadt im Atlantik: Las Palmas auf Gran Canaria, wo ich an der dortigen „Deutschen Schule“ die Mittlere Reife ablegt habe. Aufgehübschtes neben Heruntergekommenem. Aufwändig restaurierte Gebäude, die europäische Architekten ab Ende des 18. Jahrhunderts in Odessa geschaffen haben, neben Bürgerhäusern von denen der Putz bröckelt. Manches Wohnhaus wirkte so baufällig, dass ich mir nur schwer vorstellen konnte, dass es bewohnt ist.

Neoklassizismus, Empire und Jugendstil sowie die „russische Moderne“ der 1910er Jahre prägen das Stadtbild. Etliche Bausünden gibt es auch: quadratisch-funktional. Aus der sowjetischen Ära und der ersten Wende-Zeit nach der Unabhängigkeit von Russland. Bau-Flops neueren Datums finden sich ebenfalls. So hat der Stadtrat am unteren Ende der Potemkin-Treppe die Errichtung eines Hotel-Kolosses genehmigt. Von dort strebt ein Wolkenkratzer (siehe Bild oben) in den Himmel, der den Blick von der Treppe auf die Hafenbucht verstellt, aber nie genutzt wurde, leer steht. Auch an anderen exponierten Orten in der Stadt haben ausländische Investoren frei nach dem Motto „Geld zählt mehr als Denkmalschutz“ ihr Glück gesucht – und sich verspekuliert. Etwa unweit vom Stadtgarten, einem beliebten Treffpunkt der geselligen, lebensfrohen Odessiten. Das imposante, aufwändig restaurierte Gebäude steht seit Jahren leer. Zum Ärger der Odessiten.

quadratisch-funktional © Sabine Münch

Die „guten Onkels“ sind in der Ukraine ein geflügeltes Wort für die unsichtbaren Strippenzieher, die mit ihrem Geld das Geschehen bestimmen. Bürgermeister Gennadij Truchanow, seit Mai 2015 in Odessa im Amt, tauchte in den berühmt-berüchtigten Panama-Papers als Eigner mehrerer Briefkasten-Firmen auf. Er ist Hobby-Thaiboxer und besitzt ein florierendes Bauunternehmen. Nachgesagt wird ihm, die Medien, den Stadtrat und die Geschäftsleute fest im Griff zu haben und Beziehungen zur Unterwelt zu pflegen. Für Aufsehen (sogar in den hiesigen Medien) sorgte sein Machtkampf mit dem ehemaligen Gouverneur der Regionalen Staatsverwaltung von Odessa, Michail Saakaschwili, den Präsident Petro Poroschenko im Mai 2015 eingesetzt hat, um die Korruption, mafiöse Strukturen und alte Seilschaften effektiv zu bekämpfen.

der Bauflop am Stadtgarten © GvP

Am Ende konnte sich Bürgermeister Truchanow durchsetzen, der für das alte System stehen und eine pro-russische Linie vertreten soll. Saakaschwili, der nicht von allen Odessiten gut gelitten war und in der Bevölkerung zunehmend an Rückhalt verlor, warf im November 2016 das Handtuch. Als dessen Nachfolger bestimmte Poroschenko, der nach der Maidan-Revolution im Juni 2014 ins Präsidialamt gewählt wurde, im Januar 2017 Maksym Stepanow.

Sicherlich gibt es zahllose Geschichten, die über die Hafenstadt berichtet werden könnten. Mit seinen „Geschichten aus Odessa“ hat der sowjetische Schriftsteller Isaak Babel der Halbwelt ein literarisches Denkmal gesetzt. „Odessa ist eine abscheuliche Stadt. Das weiß jedermann“, schrieb er 1916. Strippenzieher, Markenfälscher und Gauner, Schmuggler und Schmiergeldzahler, Waffenhändler und Mafiosi – der Mythos, die Stadt der Gauner und der Sünde zu sein, haftet Odessa bis heute an.

Marken-Piraterie © Sabine Münch

Diesem Leumund wird der größte Schwarzmarkt Europas gerecht, der vor den Toren Odessas liegt. Am siebten Kilometerstein, weshalb er offiziell den Namen „7. Kilometer“ trägt. Ein Staat in der Oblast Odessa mit eigenen Gesetzen und Regeln. Die Verkaufsfläche, die aus 3.000 ausrangierten, bemalten Schiffscontainern besteht, erstreckt sich über 750.000 Quadratmeter. 60.000 Menschen aus 32 Nationen arbeiten in der Händlerstadt, die vom Nike- und Gucci-Imitat über Autos und Waschmaschinen, CDs und Computer, Babyschnuller, Gebrauchsgegenstände und Nahrungsmittel alles bietet, was das Herz begehrt. Nicht grundlos heißt der Schwarzmarkt unter Einheimischen „Feld der Wunder“.

Als der Krieg im Osten der Ukraine begann, war es auch in Odessa zu Sympathiebekundungen für Russland gekommen. Verschiedentlich zu Zusammenstößen zwischen pro-ukrainischen und pro-russischen Kräften. Am 2. Mai 2014 eskalierte eine Straßenschlacht. Abends wurde das Gewerkschaftshaus, in das sich die pro-russischen Aktivisten zurückgezogen hatten, durch Molotow-Cocktails in Brand gesetzt. Der Hergang, der ungeklärt geblieben ist, forderte 48 Tote, darunter mehrheitlich pro-russische Aktivisten, und über 200 Verletzte.

Odessa 2014 © Sabine Münch

Von diesen Spannungen war bei unserem Aufenthalt nichts spürbar. Auch der Krieg im Osten – knapp 650 Kilometer von Odessa entfernt – war nicht greifbar. Lediglich für einen kurzen Moment wurde mir vor Augen geführt, dass die Ukraine seit dreieinhalb Jahren in einem Bürgerkrieg steht. Dann nämlich als ein martialischer Kampfhubschrauber mit ohrenbetäubendem Lärm aufstieg. Irritiert wandte ich mich an unsere Dolmetscherin Valentina. Sie lächelte: „Wir sind glücklich, dass sie auf uns aufpassen.“ – Gemeint war die Beobachtermission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE), die den brüchigen Waffenstillstand überwacht, der mit dem Friedensabkommen von Minsk 2015 ausgehandelt wurde. Bisher hat der Krieg im Osten mehr als 10.000 Opfer gekostet.

Zur Stadt der Literatur Odessa und der Hunde demnächst mehr.

 

Anmerkungen:

[1] Im Westen wird die Ukraine gemeinhin als eine tief gespaltene Gesellschaft wahrgenommen, als Zankapfel und Schlachtfeld zwischen Russland und dem Westen dargestellt. Hintergrundinformationen über die konfliktentscheidenden Ost-West-Gegensätze in der Ukraine liefert ein kenntnisreicher Essay von Andrij Portnov: Postsowjetische Hybridität und „Eurorevolution“ in der Ukraine, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 2014/47-48.

 

„Was ist ein Buch ohne Leser?“ SteglitzMind fragt bei Enno Arkona nach (Teil 2)

Im ersten Teil unseres Gespräches haben wir über den Stoff, den geschichtlichen Hintergrund gesprochen und was Enno Arkona geritten hat, daraus den historischen Krimi „Die Humanistenverschwörung“ zu stricken. Heute geht es um seine Erfahrungen als Selfpublisher und was ihn bisher davon abgehalten hat, seinen Krimi aktiv zu bewerben.

Ohne die rasanten Entwicklungen im Bereich Selfpublishing wäre Ihr Manuskript womöglich in der Schublade liegengeblieben?

Enno Arkona © Jannette Kneisel

Schwer zu sagen. Für mich war die Entwicklung ein Glücksfall. Die Veränderungen kamen genau zum richtigen Zeitpunkt.

Haben Sie jemals damit geliebäugelt, Ihren historischen Krimi bei einem klassischen Verlag unterzubringen?

Ja, klar. Bei den einschlägigen Agenturen habe ich es ja versucht. Zwei von denen hatten Interesse. Eine hat ein Gutachten erstellt, das war für mich ein echter Meilenstein. Überlange Sätze, zu viel Latein, unwichtige Details über Bücher. Weg mit dem Bildungskram. Stattdessen Nebenfiguren ausbauen, die zu kurz kommen, den Handelsgehilfen, die Großmutter. Es war ein bisschen so, als würden sie mir vorschlagen, es vollständig umzuschreiben und „Die Wanderhumanistin“ zu nennen.

Das haben Sie abgelehnt?

Sagen wir, ich konnte mich nicht entscheiden. Wenn ich hätte sicher sein können, dass das klappt, hätte ich es gemacht. Aber in diesen Dingen gibt es keine Garantie. Selbst mit kompletter Neuausrichtung hätte ich ja noch lange keinen Vertrag in der Tasche gehabt. So hat der Text ein paar Jahre lang in der Schublade gelegen. Als ich ihn dann wieder hervorgeholt habe, 2013, war auf dem Buchmarkt etwas in Bewegung geraten.

Dienstleister für Selbstverleger sind inzwischen zahlreich. Warum haben Sie – vom Korrektorat bis zu Umbruch und Cover – alles in eigene Hände genommen?

Das hatte ich so überhaupt nicht vor. Eigentlich wollte ich alles machen lassen: Korrektorat, Cover, Buchsatz, Ebook-Konvertierung, Website zum Buch. Nur das Lektorat war mir zu teuer, das hätte einige tausend Euro gekostet. Dass ich mich dann Stück für Stück fürs Selbermachen entschieden habe, hatte im Wesentlichen zwei Gründe. Erstens, nicht alle professionellen Dienstleistungen sind tatsächlich gut, selbst wenn sie eine Menge Geld kosten. Eine Erfahrung, die jeder irgendwann mal macht. Ich habe sie beim Cover gemacht. Zweitens: Selbermachen kann ziemlich interessant sein. Es hat mich zum Beispiel sehr interessiert, ein Buch selbst zu setzen. Als Büchermensch lerne ich gerne etwas darüber, wie Bücher hergestellt werden. Das hat auch einfach Spaß gemacht.

Ein Buch zu schreiben ist das Eine; die andere Hürde ist dessen Herstellung. Was hat Sie dabei besonders viel Energie und Zeit gekostet?

das selbstgemachte Cover

Das Cover. Wie schon angedeutet, die erste Version habe ich mir von einem Profi machen lassen. Das Ergebnis hat mir überhaupt nicht gefallen. Also habe ich mich selber drangesetzt. Davon wird aus guten Gründen immer abgeraten. Wenn man nicht gerade Designer ist, sollte man die Finger davon lassen. Ich bin kein Designer. Bei den Motiven konnte ich zwar auf wirklich geniale Vorlagen zurückgreifen, auf Dürers Bilder, und ich habe eine Ewigkeit herumgetüftelt. Meine Ergebnisse waren, naja, ganz nett. Für die erste Version des Buchs war das dann ok. Die war ja praktisch nur im Bekanntenkreis unterwegs. Aber am Ende wollte ich doch lieber ein professionelles Cover haben.

Warum fahren Sie mit E-Book und dem gedruckten Buch zweigleisig?

Warum sollte ich es denn nicht tun? Ich bin froh, dass das inzwischen ohne weiteres möglich ist. Als Leser habe ich auch gern die Wahl. Manchmal kaufe ich sogar beides.

Den Druck hat BoD übernommen. Warum haben Sie sich für diesen Dienstleister entschieden?

Die meisten Anbieter hatte ich nach und nach abgehakt, Create Space, Ruckzuckbuch, Tredition usw. Am Ende waren Epubli und BoD übrig. Epubli wäre mir eigentlich lieber gewesen. Die sind in Berlin ansässig, nicht so groß und unpersönlich wie BoD, und auch die vertragliche Seite fand ich in ein paar Punkten besser. Aber zu dem Zeitpunkt, als ich mich entscheiden musste, konnte Epubli bei Amazon nur als Marketplace-Anbieter auftreten. Sprich: drei Euro Versandkosten zusätzlich zum Ladenpreis, im deutschen Buchhandel ein Unding. Das wollte ich nicht. BoD hatte einfach die Nase vorn, was die Reichweite im Buchhandel anging.

Wie zufrieden sind Sie mit der Zusammenarbeit?

Die ist ok. Letztens hatte ich eine Frage, habe angerufen, eine freundliche Auskunft bekommen und die Sache war geklärt.

Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?

In ein paar Detailfragen. Beispielsweise bei der Limitierung der Seitenzahl auf 700.

Mancher mag sich fragen, warum „Die Humanistenverschwörung“ in zwei Bänden vorliegt …

Dafür gab es mehrere Gründe. Einer war die erwähnte 700-Seiten-Grenze bei BoD. Natürlich hätte ich die 750 Seiten auch auf 700 herunterbrechen können. Aber der Lesekomfort hätte darunter gelitten. Und von wegen Lesekomfort: Einen dickleibigen Roman stundenlang in der Hand halten, das ist doch eine Zumutung. Zwei Bände à 380 Seiten sind sehr viel handlicher.

Krönender Abschluss Ihres Langzeitprojektes war bisher der Druck. Was hält Sie davon ab, den Titel aktiv zu vermarkten?

Die Erfolgsaussichten. Ich bin skeptisch, was die Vermarktungschancen für einen selbstpublizierten historischen Krimi angeht. Wenn ich ein ausgesprochenes Marketing-Talent wäre, dann hätte ich längst losgelegt. Bin ich aber leider nicht.

Leser und Reaktionen würden Sie Ihrem Buch aber dennoch wünschen?

Was ist ein Buch ohne Leser? Natürlich.

Rezensionsexemplare können bei Ihnen angefragt werden?

Natürlich.

Sie führen zum Buch ein Blog. Facebook, Twitter, Instagram, Youtube & Co bespielen Sie nicht. Warum halten Sie sich von diesen Kanälen fern?

Es klingt jetzt vielleicht etwas beckmesserisch, wenn ich darauf hinweise, dass die Website zu meinem Buch kein Blog ist. Aber es gibt da einen Zusammenhang zu Ihrer Frage. Bei statischen Seiten erwartet niemand, dass ich regelmäßig neue Artikel poste. Bei einem Blog schon. Das war mir zu zeitaufwendig, deshalb habe ich die Blogfunktion schon nach wenigen Wochen abgestellt. Der Zeitaufwand ist auch der Hauptgrund dafür, dass ich die Social-Media-Kanäle nicht bediene. Das ist ja kein Selbstläufer. Um da was zu erreichen, hätte ich vor gefühlt zehn Jahren anfangen müssen, Kontakte zu knüpfen. Man muss regelmäßig neuen Content bieten, und natürlich die Kontakte pflegen. Man muss herausfinden, welche Kanäle überhaupt geeignet sind, um die eigene Zielgruppe anzusprechen. Alles keine Dinge, die man mal so nebenbei macht. Um da tatsächlich etwas zu erreichen, muss man sich schon einiges einfallen lassen. Hinzu kommt, dass ich meine Zielgruppe als nicht besonders Facebook-affin eingeschätzt habe. Ich will nicht ausschließen, dass ich mich in diesem Punkt geirrt habe. Aber für mich war die Devise immer: Lieber die Zeit ins Schreiben investieren, das ist nun mal das Wichtigste bei dem Projekt.

Was würden Sie nach Ihren bisherigen Erfahrungen mit dem Langzeitprojekt heute anders angehen?

Ich würde vorsichtiger damit sein, so ein Projekt anzufangen. Ich hatte das ja nicht als Langzeitprojekt geplant. Niemand plant sowas. Vielleicht wäre ein Kurzroman eine gute Idee …

Wo sehen Sie für Selfpublisher die größten Herausforderungen?

Das kann ich nicht so recht verallgemeinern. Die Szene ist zu heterogen. Die wahre Herausforderung ist am Ende dieselbe wie eh und je für alle Autoren: einen guten Text schreiben, den die Leute lesen wollen.

Herzlichen Dank, Enno Arkona. Wünschen wir Ihrer „Humanistenverschwörung“ Leser und Reaktionen; meine Empfehlung haben Sie jedenfalls.

 

 

„Für mein Empfinden werden viele Sachen heute zu schnell geschrieben.“ – SteglitzMind fragt bei Enno Arkona nach

Neulich im Café. Enno Arkona, Historiker und Germanist, hat 20 Jahre an seinem historischen Krimi „Die Humanistenverschwörung“ gearbeitet. Kürzlich ließ er das Buch drucken. Er meint, ein Nischenprodukt. Wir kamen ins Gespräch.

Enno Arkona © Jannette Kneisel

Ihnen ist ein kurzweiliger, äußerst spannender Krimi gelungen, der die Zeit kurz vor der Reformation auf 750 Seiten lebendig werden lässt. Nach Nische klingt das nicht unbedingt…

Freut mich, wenn Sie das so sehen. Mit Nischenprodukt meine ich: Es ist ein historischer Roman, der ein bisschen querliegt zu den Erwartungen ans Genre. Ken-Follett-Fans kommen eher nicht auf ihre Kosten.

Das heißt konkret?

Nehmen wir das erste Kapitel. Die halbe Stadt ist unterwegs zu einem Hinrichtungsspektakel. Ein historischer Roman, der den Erwartungen entspricht, schildert natürlich dieses Spektakel. Mein Roman schildert die Gedanken von jemandem, der sich fragt, ob es die richtige Entscheidung war, zu der Hinrichtung nicht mitzugehen.

Wie besessen muss man sein, um sich 20 Jahre lang in einen Stoff zu verbeißen?

Die Frage würde ich anders stellen. Wie groß muss ein Stoff sein, wenn man sich 20 Jahre lang damit beschäftigt? Meiner war ziemlich groß: die Renaissance. Im Übrigen sind die 20 Jahre eine Übertreibung. Ich habe ja nicht ständig dran gesessen. Einige Jahre hat der Text einfach nur in der Schublade gelegen. Und noch was. Für mein Empfinden werden viele Sachen heute zu schnell geschrieben. Das sage ich als Leser. Dass ein guter Roman Zeit braucht, um zu wachsen, versteht sich doch eigentlich von selbst. Ein Krimi ist etwas extrem Konstruiertes. Als Leser will ich davon nichts merken. Der Plot, die Figuren, die Details, das alles soll gerade nicht konstruiert wirken. Das braucht dann eben seine Zeit. Da können ein paar Jahre zusammenkommen.

Warum mussten Sie ein Buch, besser gesagt: „Die Humanistenverschwörung“ schreiben?

Nürnberg © Enno Arkona

Das ist eine lange Geschichte. Mindestens 40 Jahre … Die Idee habe ich tatsächlich im Frühjahr 97 entwickelt. Damals war ich ein paar Monate arbeitslos. Ich wusste allerdings nicht, dass es nur ein paar Monate sein würden. Da zieht man schon mal Projekte zum Geldverdienen in Erwägung, die nicht wirklich dafür geeignet sind. Immerhin war mir klar, dass man mit einem Buch nur dann Geld verdient, wenn es auch Leute lesen wollen. Also Krimi. Krimi wird immer gelesen. Dass es ein historischer Krimi sein muss, war auch schnell klar. Ich war damals ein Fan der Falco-Romane von Lindsey Davis. Außerdem war Geschichte das Fach, das ich studiert hatte. Als arbeitsloser Mediziner hätte ich mir wahrscheinlich einen Pathologenkrimi ausgedacht.

Wie kamen Sie dann auf die Humanistenverschwörung?

Das war mehr Zufall. Eigentlich hätte mich die Zeit um 1800 mehr interessiert, schon von der Literatur her. Aber ich wollte es systematisch angehen und habe mir für meinen ersten Roman die Zeit um 1500 vorgenommen, Renaissance, Geburt der Neuzeit, Epochenwende. Das Jahr 1515 war dann reine Willkür. Ich habs einfach so entschieden, ohne Genaueres darüber zu wissen, was mich erwartet. Es hätte genauso gut 1516 sein können oder 1512. Andererseits gab es auch ein Element von Planung. Im Studium hatte ich mich ausführlich mit der Reformation beschäftigt, von Luther hatte ich genug. Was mir fehlte, war ein genaueres Bild der Zeit vor 1517. Wie hatte ich mir die Situation in den Jahren unmittelbar vor der Reformation vorzustellen? So bin ich dann mitten in der Humanistenverschwörung gelandet.

Anerkennung und Renommee als Autor – darum geht es Ihnen nicht?

Doch, doch. Aber ich dachte immer, das kommt irgendwann von selbst … Inzwischen habe ich eingesehen, von selbst kommt gar nichts. Schon gar nicht beim Selfpublishing. Um die Frage zu beantworten: Ich weiß nicht, wie wichtig mir das ist, Renommee als Autor. Ich bin immer noch dabei, es herauszufinden.

Lieber Buchhändler als Tuchhändler, denkt sich der Nürnberger Patrizier Jacob Teufel im Jahr 1515 – und bezahlt sein Vorhaben mit dem Leben. Der Mord und dessen Aufklärung sind frei erfunden, alles andere haben Sie akribisch recherchiert. Was reizt Sie an der wahren Geschichte so?

Albrecht Dürer, Melencolia I, 1514 (Detail). Quelle: Wikimedia Commons

Historische Romane leben von Details. Die hätte ich mir niemals alle so schön ausdenken können. Die wahren Geschichten sind einfach unschlagbar. Abgesehen davon habe ich selber am meisten davon gehabt, so viel zu recherchieren, mich in die Dürerforschung einzuarbeiten, in die Nürnberger Stadtgeschichte, in den Reuchlinstreit usw. Das war schon was anderes als im Studium. Eine Art Tiefenbohrung. Irgendwo muss man mal ins Detail gehen.

Sie haben Geschichte und Germanistik studiert. Beste Voraussetzungen, um einen historischen Stoff literarisch zu verarbeiten?

Nicht wirklich. Einen Stoff literarisch verarbeiten, kann sein, dass ein Germanistikstudium da nicht schadet. Aber eine gute Geschichte schreiben, das ist was anderes. Da ist die Germanistik eher hinderlich. Und vom Geschichtsstudium führt auch keine gerade Linie zum historischen Roman. Die Herangehensweise, die man da lernt, Quellenkritik, Hilfswissenschaften, das ist alles nützlich beim Recherchieren. Für das Schreiben eines Romans muss man das hinter sich lassen. Da braucht man anderes Handwerkszeug.

Was machte mehr Arbeit: Figuren zu erfinden, die erfundene Geschichten erleben? Oder die Lebenswelt dieser Figuren möglichst faktentreu zu rekonstruieren?

Beides ähnlich viel, sagen wir: 25 Prozent. Die restlichen 50 Prozent, ich fürchte, die werden gern unterschätzt. Die Arbeit am Text, an der einzelnen Seite, am einzelnen Satz. Das ist die Hauptarbeit.

„Der historische Roman ist erstens ein Roman und zweitens keine Historie“, so Alfred Döblin. Würden Sie dieser Aussage zustimmen?

Ja. Ein historischer Roman ist keine Geschichtsschreibung, er ist ein Roman. Ich würde noch ein bisschen weiter gehen. Ein historischer Roman hat den Vorzug, dass jeder weiß: Dies ist Fiktion. An Geschichtsschreibung geht man anders heran. Das Vertrauen in das, was da vermittelt wird, ist viel zu groß. Einem Sachbuch wird zu schnell geglaubt. Am schlimmsten sind in dieser Hinsicht Biografien. Letztens ist eine über Dürer erschienen, die war mehr Fiktion als mein Roman.

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Im zweiten Teil unseres Gespräches haben wir unter anderem Enno Arkonas bisherigen Erfahrungen als Selfpublisher behandelt und natürlich auch darüber sprechen, was ihn bislang davon abgehalten hat, seinen Krimi aktiv zu bewerben. – Wer mehr über den historischen Hintergrund der „Humanistenverschwörung“ wissen möchte, wird auf der Webseite zum Buch fündig.

„Laut meinem alten Zeugnis hatten wir Staatsbürgerkunde und Literaturpropaganda“. Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Entwicklung des DDR-Buchhandels und dessen Strukturwandel infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Nachdem uns Maritta Tanzer, Heike Wenige, Holger Brandstädt und Simone Zopf einiges haben wissen lassen, teilt nun Kerstin Hänsel (geb. 1961) ihre Erinnerungen. Zwischen 1978 und 1980 hat sie die Buchhändler-Lehranstalt in Leipzig besucht, die damals unter dem Namen „Betriebsberufsschule des Volksbuchhandels der DDR“ firmierte. Ihre praktische Ausbildung machte sie in der Volksbuchhandlung „Gutenberg“ in Zwickau, dann war sie im sächsischen Glauchau bei „Buch und Kunst“ tätig.

Was hat Sie bewogen, Buchhändlerin zu werden?

Ausschlaggebend war die Liebe zum Buch, ich habe sehr viel gelesen und als junges Mädchen haben mich auch die Großstadt Leipzig und das Internatsleben, weg von den Eltern, gereizt.

Selbstverständlich war das damals nicht, dass man seinen Wunschberuf erlernen konnte …

Kann ich nicht bestätigen. Ich wollte diesen Beruf und bin sofort genommen worden.

War Ihnen bewusst, dass dem Buchhandel eine erzieherische Funktion zugedacht war und er dementsprechend auch in der Pflicht stand, politisch genehme „Schwerpunkttitel“ zu vertreiben?

Nein, das war mir nicht bewusst. Ich hatte vor allem mit Kinderbüchern und unpolitischen Klassikern zu tun. Nie fühlte ich mich unter Verkaufsdruck und meine Schaufensterwettbewerbe konnte ich auch selbstständig und kreativ durchführen. Gestaltet wurden die Fenster mit – natürlich – sozialistischen Autoren.

Wie würden Sie Ihre Ausbildung an der Buchhandelsschule in Leipzig im Rückblick bewerten?

Jahrgang an der Buchhänderschule © Kerstin Hänsel

Ausgesprochen positiv. Es wurde Fachwissen von Shakespeare über das Verlagswesen bis zur Buchbinderei vermittelt. Das Internatsleben war streng, aber auf gar keinen Fall ideologisch geprägt.

Worauf wurde in Leipzig besonders großen Wert gelegt?

In welcher Position im Buchhandel jeder Einzelne eingesetzt werden kann, nach seinem Interesse und Wissen. Ich war die geborene Verkäuferin und kam deshalb ins Sortiment. Beim Besuch der Verlage, unter anderen Volk und Welt, oder in der Buchdruckerei wusste ich sofort, das ist nicht mein Ding. Ich wollte immer Kontakt mit Menschen.

Welchen Anteil hatte die Staatsbürgerkunde im Rahmen Ihrer Ausbildung?

Maximal 10 Prozent. Ist an mir vorbei gegangen, ich kann mich kaum noch an solche Unterrichtsstunden erinnern. Aber laut meinem alten Zeugnis hatten wir Staatsbürgerkunde und Literaturpropaganda.

Was war während Ihrer Lehrzeit Pflichtlektüre?

Dieter Noll „Abenteuer des Werner Holt“, Fallada „Wolf unter Wölfen“, Scholochow „Der stille Don“, Theodor Storm „Der Schimmelreiter“ Johann Wolfgang Goethe „Die Leiden des jungen Werther“, Bruno Apitz „Nackt unter Wölfen“, Anna Seghers „Das siebte Kreuz“. An andere erinnere ich mich nicht mehr.

Spielten die „Ordnung für den Literaturbetrieb“ und das „Statut für den Volksbuchhändler“ noch eine Rolle?

Nein.

Gab es etwas, woran Sie an der Buchhandelsschule Anstoß genommen haben?

Nein, nur die sehr strenge Internatshausordnung.

Ihre praktische Ausbildung haben Sie bei der „Volksbuchhandlung Gutenberg“ in Zwickau gemacht. War das Ihr Wunschbetrieb?

Es war mein Wunschbetrieb, da ich damals ja auch in Zwickau gewohnt habe. Nach der Ausbildung musste ich bei „Buch und Kunst“ in Glauchau arbeiten und dorthin umziehen. Habe eine Nacht in Buchhandlung geschlafen, um eine Wohnung in Glauchau zu bekommen.

Der Kabarettist Bernd-Lutz Lange war zwischen 1963 und 1965 als buchhändlerische Hilfskraft in der Zwickauer „Volksbuchhandlung Gutenberg“ beschäftigt. In seinem Buch „Das gabs früher nicht. Ein Auslaufmodell zieht Bilanz“ berichtet er, dass es zu seinen Aufgaben gehörte, jene Bücher in den Schaufenster auszulegen, die im Laden wie Blei lagen. War das zu Ihren Zeiten auch noch so? Und sagt Ihnen der Begriff „Gebrauchswerber“ noch etwas?

Gebrauchswerber kamen alle Vierteljahre in die Buchhandlung und waren ausnahmslos für die Schaufenstergestaltung zuständig. Wir Buchhändler mussten die Vorarbeit leisten und schwerverkäufliche Titel heraussuchen. Die kamen dann in die Auslage. Für mich ein Grund, mehrfach an Schaufensterwettbewerben teilgenommen zu haben. Ich wollte meine eigenen Ideen verwirklichen.

Für welche Bereiche waren Sie dann bei „Buch und Kunst“ zuständig?

Vorwiegend im Sortiment und im Bestellwesen beziehungsweise der Warenannahme, wenn Paletten vom LKG (Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel) geliefert wurden.

Wichtig war die Planerfüllung im Volksbuchhandel. Aber auch der Umsatz von Parteiliteratur und Importbuch musste stimmen. Wie wurde in Ihrem Betrieb verfahren, wenn absehbar war, dass der Plan nicht erfüllt werden konnte?

Habe ich bewusst nicht wahrgenommen. Schon gar nicht als Lehrling, der an Besprechungen nicht teilnehmen musste.

Stichwort Bückware. Gingen in Ihrem Betrieb auch Bücher unter der Ladentheke weg? Erinnern Sie sich noch daran, was besonders gefragt war?

Ich würde sagen, dass gut 40 Prozent unter der Ladentheke verkauft wurden. Besonders Globen, Märchenbücher, Bücher von Christa Wolf und Titel aus dem zentralen tschechischen Exportverlag Artia, damals in Prag ansässig.

Was lagerte wie Blei?

Sowjetische Propaganda und Parteitagsbeschlüsse.

Wie lief das mit den Vorbestellungen?

Man hatte mehrere Holzkisten mit Karteikarten und sobald eine Lieferung kam, wurde ausgewählt. Ein Großteil ging an Verwandte, Bekannte, Doktoren, dann erst bekam Otto Normalkunde eine Postkarte, das er sein Buch abholen könne.

Was war bei „Buch und Kunst“ im sächsischen Glauchau anders als in der Gutenberg-Buchhandlung in Zwickau?

Vom Arbeitsstil gab es keine Unterschiede. Aber in der Kleinstadt da waren die Schiebereien noch viel ausgeprägter. Selbst ich hatte Mühe, mal ein von mir gewünschtes Buch zu kommen. Dort herrschte die Buchhandlungsleiterin und die hatte Haare auf den Zähnen. Zum 1. Mai mussten wir zum Demonstrieren nach Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz. Am Rosenhof wurde dann im Block des Volksbuchhandels losmarschiert.

Mauerfall im November 1989, Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion im Juni 1990, deutsche Einheit am 3. Oktober 1990. Wie haben Sie diese turbulenten Monate erlebt?

Ich war damals mit einem Volkspolizisten verheiratet, der als Abschnittsbevollmächtigter tätig war. Wie er mit der Wende umgegangen ist, habe ich nicht verkraftet. 1990 habe ich mich sofort selbstständig gemacht und ein Antiquitätengeschäft eröffnet. Der Neubeginn, ob privat oder beruflich, war einfach phantastisch. Ich habe die neue Zeit genossen und ausgelebt.

Welche Hoffnungen hatten Sie für Ihr Land? Welches waren Ihre größten Sorgen?

Bis zuletzt dachte ich, die DDR würde als Staat mit demokratischer Führung und Reisefreiheit weiterexistieren. Aber als das „Volk“ dann nur noch nach der DM schrie, war mir klar, dass es vorbei sei mit der DDR als selbstständiges Land. Im Nachhinein erschreckend ist für mich die Vorgehensweise der Treuhandanstalt. Ich glaube, da ist viel Unrecht geschehen.

Welche Standards, die der volkseigene Buchhandel gesetzt hat, würden Ihres Erachtens dem Buchhandel heute gut tun?

Auf jeden Fall die persönliche Beratung. Die fehlt mir in jeder Buchhandlung. Die schauen nur in Ihren Computer, wo ein Buch steht. Eine inhaltliche Beratung fehlt komplett. Ich habe während meiner buchhändlerischen Tätigkeit immer in nahezu jedes Buch zumindest hineingeschnuppert und konnte konkrete Angaben über Inhalte machen. Man könnte auch öfter wieder Buchbesprechungen durchführen und die Menschen so an neue Bücher und Nachwuchsautoren heranführen.

Existieren die beiden Buchhandlungen noch, in denen Sie gearbeitet haben?

Nein, beide wurden in 1990er Jahren geschlossen.

Liebe Frau Hänsel, herzlichen Dank für Ihren Rückblick.

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Mein Dank gilt allen, mit denen ich mich bislang habe austauschen dürfen. Ich würde mich freuen, wenn sich weitere Zeitzeugen einfänden und ihre Erfahrungen einbringen.

Bibliodiversität – ein Newcomer in der Buchbranche

Seit der Leipziger Buchmesse macht in der Buchbranche einer neuer Begriff von sich reden: Bibliodiversität. Ein Neologismus, der für kulturelle Vielfalt – im engeren Sinn für literarische Vielstimmigkeit steht. Was bitte meint Bibliodiversität? Und was kann getan werden, um kulturelle Vielfalt zu erhalten? Müssen wir uns um sie sorgen? Und wenn ja warum?

Bibliodiversität wird Thema einer Gesprächsrunde am Vorabend der Buchtage Berlin sein, das die Autorin und Übersetzerin Doris Hermanns, die Autorin und Philosophin Ariadne von Schirach, Jörg Braunsdorf von der Tucholsky Buchhandlung und Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag bestreiten werden.

Der Eintritt ist frei. Ich lade Euch herzlich dazu sein.

Safe the date: 12. Juni 2017 um 19:00 Uhr in der Tucholsky Buchhandlung (Tucholskystr. 47 in Berlin/Mitte).

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Eingeführt hat den Begriff die Australierin Susan Hawthorne. Sie ist Autorin, Verlegerin und Feministin und engagiert sich in der „International Alliance of Independent Publisher“ – ein international agierendes Netzwerk von über 400 unabhängigen Verlagen mit Sitz in Paris. Noch sind keine deutschen Verlage dabei. 2014 veröffentlichte Hawthorne ihr Manifest für unabhängiges Publizieren „Bibliodiversität“, ein Plädoyer für „faire Bücher“, die dem seichten Mainstream trotzen. Das Manifest hat der Berliner Verbrecherverlag, von Doris Hermanns ins Deutsche übersetzt und mit einem Nachwort versehen, kürzlich herausgebracht.

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Der Begriff lehnt sich an den biologischen Fachbegriff Biodiversität an. Ohne Biodiversität – die Vielfalt der Ökosysteme, die Vielfalt der Arten und die genetische Vielheit innerhalb der Arten – ist Leben unmöglich. Tag für Tag gehen Teile dieser natürlichen Vielfalt verloren. Arten sterben aus, Lebensräume werden zerstört. Allein in Deutschland gelten ein Viertel aller Pflanzenarten und ein Drittel aller Tierarten in ihrem Bestand gefährdet.

Laut Susan Hawthorne droht der Bibliodiversität ein ähnliches Schicksal. Ihre Ausgangsthese: „So wie die Biodiversität ein Indiz für die Gesundheit des Ökosystems ist, kann der Zustand eines ökosozialen Systems an seiner Vielfältigkeit gemessen werden und der Zustand der Verlagswelt an ihrer Bibliodiversität.“ Gefahren drohen vorrangig durch a.) den Freihandel, b.) Player wie Amazon, Apple und Google, c.) internationale Konzentrationsprozesse und globale Vertriebsstrukturen, d.) die Art und Weise, wie Bücher vermarktet werden, und e.) den Trend, gängige Titel abzukupfern.

Das globale Publizieren, so Hawthorne, funktioniere genauso wie die moderne Landwirtschaft, die tonnenweise prächtig aussehende, aber geschmacklose Tomaten auf den Markt wirft. Nicht anders würden Großverlage und international aufgestellte Konzerne agieren, die profitgetrieben erfolgreiche Bücher kopieren (One-Size-fits-All-Produkte) und diese stapelweise an Buchhandelsketten ausliefern. „Buchverkauf in den Händen von Großunternehmen bedeutet, dass alle Buchhandlungen den gleichen Bestand in Läden verkaufen, die alle gleich aussehen.“

Durch diese Gleichmacherei entstünde eine Monokultur des Geistes, die ebenso zerstörerisch wirke wie die landwirtschaftliche Monokultur. „Wenn die soziale Umwelt von erkenntnistheoretischen Monokulturen – einzelne Stimmen, die alle das Gleiche sagen – überrollt wird, kommt es zu einem Verlust des dynamischen Gleichgewichts und diejenigen, die etwas Neues oder Anderes zu sagen haben, werden ignoriert.“

Als Spieler und Verteidiger der Bibliodiversität bringt die Australierin die unabhängigen Verlage ins Spiel. Sie sind diejenigen, die sich dem schleichenden kulturellen Verfall widersetzen. Hawthorne nennt sie „kleine grüne Pflanzen, die durch die Risse des Asphalts wachsen“. Ihre These: „Klein zu bleiben, macht es möglich, etwas Einzigartiges zu produzieren, einen Geschmack oder eine Farbe, die nicht industriell hergestellt werden kann.“ Schreiben und Verlegen gedeihen nach Hawthorne am besten in kleinen Unternehmen.

Susan Hawthorne schärft den Blick für die Ähnlichkeiten zwischen Agrar- und Verlagsindustrie. Keine Frage: sicherlich ist kulturelle Vielfalt für pluralistische und multikulturelle Gesellschaft essentiell. Manches aber scheint ein wenig überspitzt. Was bringt es den kleinen und unabhängigen Verlagen, wenn sie überhöht, um nicht zu sagen: glorifiziert werden? Nicht zu Unrecht hält ein Rezensent das Hawthornsche Manifest für ein Glaubensbekenntnis. Und genau dieser idealistische Glaube an die Potenz kleiner unabhängiger Verlage mag auch erklären, warum deren Probleme im Manifest nicht zur Sprache kommen. Dafür umso häufiger feministische Fragen.

Bibliodiversität im Gespräch © Sabine Münch

Was bringt uns die Bibliodiversität? Alter Wein in neuen Schläuchen? Überschätzt Hawthorne die Potenz der kleinen und unabhängigen Verlage? Sind tatsächlich nur sie diejenigen, die für kulturelle Vielfalt sorgen? Und sollte Bibliodiversität nicht viel eher ein Nebeneinander von großen und kleinen Verlagen meinen; einen Betrieb, der sowohl spezielle Interessen als auch den breiten Massengeschmack bedient?

Fragen, die ich in der Gesprächsrunde mit Doris Hermanns, Ariadne von Schirach, Jörg Braunsdorf und Jörg Sundermeier aufgreifen möchte. Am 12. Juni 2017 um 19:00 Uhr in der Tucholsky Buchhandlung (Tucholskystr. 47 in Berlin/Mitte). Der Eintritt ist frei.

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Wer sich auf die Gesprächsrunde vorbereiten mag, dem seien hier einige Thesen aus dem Manifest an die Hand gegeben:

  • Die Produzenten/innen von Bibliodiversität leben an den Rändern der Gesellschaft; sozial, politisch, oft auch geografisch und linguistisch. Sie bewegen sich an den schnell verändernden Außengrenzen des kulturellen Flusses, während Großverlage im seichten Mainstream paddeln.
  • Das Wilde und Unangepasste ist ein Merkmal von Bibliodiversität und für deren Existenz zentral.
  • Bibliodiversität basiert auf dem Respekt vor anderen; auf einem dynamischen Gleichgewicht der Gesellschaft, auf der Ablehnung von Monokultur, Pornografie, Rassismus, Sexismus, Homophobie, Diskriminierung – im schlimmsten Fall Hass.
  • Inhalt ist der Kern der Bibliodiversität und das Kerngeschäft der Unabhängigen.
  • Unabhängige Verlage kommen ihrer kulturellen, sozialen und ökologischen Verpflichtung nach. Sie haben das Gemeinwohl im Sinn und machen faire Geschäfte.
  • Unabhängige Verlage haben die Gabe, kulturelle Veränderungen vorherzusehen.
  • Da sie kleinere Auflagen produzieren und nur selten Remittenden zurücknehmen müssen, agieren sie umweltfreundlicher.
  • Unabhängigen Verlagen geht es nicht um Profit, sondern darum eine langlebige und kräftige literarische Kultur zu schaffen.
  • Unabhängige Verlage stellen Stereotype und die Vorstellung von Normalität in Frage.
  • Sie verweigern sich anpassender Gleichmacherei und widerstehen der Versuchung, Sprache für Mainstream-Leser annehmbarer zu machen.
  • Sie verschaffen den Außenseitern, den Stimmlosen und Marginalisierten Gehör und veröffentlichen die risikoreichen, die innovativen, die einfallsreichen Stimmen.

Aus dem Postfach – kein Kommentar

Liebe Gesine von Prittwitz,

ich bewundere sehr Ihr SteglitzMind  – und melde mich deshalb bei Ihnen mit einer Frage und Bitte:

Wir unterstützen die PR der Interessensvertretung Achtung Foliant! und möchten im Rahmen einer Ende März/Anfang April startenden kleinen Kampagne zur Ermunterung von Branchennachwuchs gern ein paar Statements / Testimonilas von JUNGEN Händlern einsammeln. Ziel: ein Themenangebot für Medien (Beruf/Chance/Interview  sind die Resorts, an die ich denke).

Wo beginnen? ich dachte, ich frag mal Sie … weil Sie über die mir über den Buchhandelstreff ein wenig bekannten Menschen natürlich auch andere haben, die bei uns nur als  „Adresse“ vorhanden ist, wenn überhaupt.

Inhalt der Testimonials: kleine Geschichten  darüber, wie jemand in unserer Branche gelandet ist, ob zufällig oder in Verwirklichung eines Traums. Und wie es ihm in der Realität geht.

Wenn Sie mir ein paar Kontakte aus Ihrer großen Sammlung beisteuern, freu ich mich sehr.

Herzlich grüßt ganz aus der Näh

Meine Antwort:

Liebe Frau ….

verstehe ich Ihren Wunsch richtig?

Sie bitten mich um Kontakte, die Ihrem Auftraggeber, der Interessensvertretung für „Achtung Foliant!“ zuarbeiten sollten? Ohne Honorar, versteht sich.

Eine verwegene Hoffnung.

Nichts für ungut.

Mit kollegialem Gruß

Gesine von Prittwitz

Die Antwort darauf:

Liebe Frau von Prittwitz,

Um Gottes willen – verstehen Sie mich nicht falsch! Nein, die Arbeit mache ich selbst und werde dafür auch bezahlt.

Meine Idee war: Testimonials von jungen Händlern einzusammeln, die ihren Beruf lieben. Auch, wenn er schwierig ist. Und darüber – allerdings ohne Honorar – vllt fünf oder mehr  Zeilen zu schreiben, unter eigenem Namen (also als Lohn ein bisschen Bekanntheit in der Branche zu erwerben – wenn es denn darum auch gehen soll). Zum Beispiel so: „Ich bin gern Buchhändlerin, weil ich es toll finde, wie schnell wir jedes Buch besorgen können!“ Oder „… weil ohne meinen Laden in der Straße etwas fehlen würde, was die Lebensqualität dort ausmacht – wenn nur noch Lieferautos parken, dann ist der Kiez nichts mehr wert“…

Natürlich haben wir selbst über den Verein, durch mein hohes Alter und das damit verbundene dicke Adressbuch jede Menge Kontakte. Ich war nur der verwegenen Idee aufgesessen, dass es uns um  die gleichen Themen geht und Sie mir  sagen – sprich mal mit der oder dem, die ist interessant und kann es auf dem Punkt bringen.

Dass Sie unserern leicht verunglückten Briefwechsel (was sicherlich ich zu verantworten habe) gleich öffentlich machen, finde ich sehr traurig.

Herzliche Grüße

 

Unbehagen mit der „Charta der Digitalen Grundrechte der EU“

Nachdem Justizminister Heiko Maas im Sommer 2015 Facebook und anderen Betreibern großer Internetportale und Plattformen die Selbstverpflichtung abgenommen hatte, verstärkt gegen rassistische, fremdenfeindliche und gewaltverherrlichende Botschaften vorzugehen, stellte Martin Schulz, Noch-Präsident des Europäischen Parlaments, eine EU-„Charta der digitalen Grundrechte“ in Aussicht. Ende November 2016 kamen Gerüchte auf, dass Schulz das ambitionierte Papier in petto hätte. Quasi als flankierende Maßnahme für seine Rückkehr in die deutsche Politik …

die Anzeige in der "Zeit"

die Anzeige in der „Zeit“

Eine Ente, fragte ich mich? Sollte es möglich geworden sein, dass sich 28 völlig zerstrittene EU-Mitgliedsstaaten binnen eines Jahres auf eine digitale Grundrechte-Charta geeinigt haben? Am 30. November ließen Insider wissen, dass ihnen der Text vorläge. Am 1. Dezember wurde die Charta publik gemacht, zudem ihre Entstehungsgeschichte. Einst hatten Gespräche zwischen dem SPD-Politiker Martin Schulz, dem Chefredakteur der „Zeit“ Giovanni di Lorenzo und dem mittlerweile verstorbenen Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Frank Schirrmacher, zum Thema stattgefunden. Zur Leitfrage ließ die „Zeit“ wissen: „Wie lässt sich die Souveränität und Freiheit des Einzelnen in der digitalen Welt schützen – gegen die Totalüberwachung des Staates, aber ebenso auch gegen den Zugriff mächtiger Konzerne.“ Ziel der Initiative sei es, „eine Debatte über digitale Grundrechte anzuregen, an der sich alle Bürger Europas beteiligen sollen.“

Die „Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union“ besteht aus einer Präambel und 23 Artikeln, die 27 Initiatoren aus Deutschland binnen 14 Monaten erarbeitet haben. Seit Erscheinen wird sie in Insiderkreisen auf Herz und Niere geprüft – und differenziert kritisiert. Ich erlaube mir, an dieser Stelle mein eher allgemein gehaltenes Unbehagen damit zu formulieren.

Die Art der Präsentation erweckt für mich den Anschein, als wäre der Text in Stein gemeißelt. Das evoziert auch der Titel, der vorgibt, die EU würde hinter dem Papier stehen. Mit Jan Philipp Albrecht und Martin Schulz zeichnen aber lediglich zwei Mitglieder des Europäischen Parlaments für die Charta verantwortlich. Fakt ist außerdem, dass die EU bei Veröffentlichung noch keine Kenntnis von dem Papier hatte und erst im Nachhinein in die Debatte eingebunden werden soll. Nicht zuletzt könnte man auch das – gut und gerne – Chuzpe nennen, wenn 27 deutsche Verfasser meinen, im Namen von über 510 Millionen EU-Bürger sprechen zu können.

Indem der Anschein erweckt wurde, das Papier sei in der EU bereits (aus)diskutiert worden, hat man sich keinen Gefallen getan. Auch nicht damit, dass sich Experten in einen Elfenbeinturm zurückgezogen haben, um unter Ausschluss der Öffentlichkeit monatelang an digitalen Grundrechten für die Mitgliedsstaaten der EU zu feilen. Das Anliegen, eine breite öffentliche Debatte über die Gestaltung der digitalen Zukunft lostreten zu wollen, wird so konterkariert. Manchen dürfte der großspurige Auftritt verprellen, wenn nicht sogar abschrecken, sich in die Diskussionen einzubringen. So holt man die breite Masse, die man vorgibt, einbinden zu wollen, bestimmt nicht ab.

Warum nicht etwas kleiner? Weniger pathetisch? Statt „Präambel“ „Einleitung“, statt „Artikel 1“ „Punkt 1“ und so fort. Nicht ganz glücklich war auch der Zeitpunkt, zu dem man die Katze aus dem Sack gelassen hat. Seit dem Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen hören wir ohne Unterlass, welche Gefahren aus dem Netz für die Demokratie und „unsere Werte“ drohen und dass die Notwendigkeit bestünde, das Internet zu regulieren, gegen „Hate-Speech“, Bots und Trolle vorzugehen und die Betreiber großer Plattformen in die Pflicht zu nehmen. Mancher, der mit der Materie nicht ganz so vertraut ist, könnte die Digitalcharta als einen Schritt eben hin zur Regulierung missverstehen.

Wünschenswerter wäre gewesen, die internen Debatten, Dispute und Querelen, das gemeinsame Ringen um eine Präambel und 23 Artikel, öffentlich zu machen, statt die Charta deus ex machina zu präsentieren. Statt ganzseitige Anzeigen ohne Hintergrundinformationen über Ziel und Zweck der Initiative zu platzieren, wäre es angebrachter gewesen, Berichte über das Vorhaben zu lancieren, die das Bewusstsein dafür hätten schüren können, wie notwendig eine solche gesellschaftliche Debatte zur Gestaltung der digitalen Welt überhaupt ist.

Natürlich ist es unstrittig, dass wir uns darum kümmern müssen. Das Verständnis für die anstehenden Probleme wird aber nicht dadurch befördert, indem ein Papier beworben wird, das wie gemeißelt daherkommt. Da nützt es leider auch wenig, wenn Sascha Lobo, einer der Initiatoren, im Nachklapp nun von einer Beta-Version 0.8 spricht, „die im Netz reifen soll, bis sie überhaupt jemals zur Version 1.0 werden kann. – So wird das leider nix. Jedenfalls nichts mit einer wünschenswerten Beteiligung vieler EU-Bürger.

 

Mein Brief an die Bundeskanzlerin

Verehrte Frau Bundeskanzlerin,

liebe Frau Dr. Merkel,

lassen Sie mich voranschicken, dass mein Herz linksliberal schlägt, nicht konservativ. Niemals wäre ich auf den Gedanken verfallen, Ihrer Partei meine Stimme zu geben. Ins Straucheln geriet ich bei den jüngsten Berliner Wahlen. Sollte ich mein Kreuz etwa bei Ihrer Partei machen, um Ihnen den Rücken zu stärken? Da ich mich nicht dazu überwinden konnte (und es Ihnen zudem auch nicht geholfen hätte), schreibe ich Ihnen diese Zeilen.

Sie sind mir lange fremd geblieben. Vielleicht haben Sie sich ein wenig zu viel von der „Eisernen Lady“ Margret Thatcher abgeguckt? Trotz vieler Verdienste, nicht zuletzt auch für uns Frauen, bin ich mit Ihnen nicht warm geworden. Bis zu jenem Moment, als Sie im Spätsommer vergangenen Jahres in der Flüchtlingsfrage Haltung bewiesen haben. In dieser Krise wirkten Sie auf mich authentisch; nicht getrieben von Sachzwängen, Machtspielen und Proporz.

Hören Sie auf, unter Druck zurückzurudern und Fehler in der Flüchtlingskrise einzugestehen. Wir können uns nicht aus der Verantwortung stehlen. Unerträglich ist, wie man Sie zerlegt und damit den Rechten in die Hände spielt. Auch wenn die „Merkel muss weg“-Rufe anderes evozieren: Nicht Sie sind das Problem, sondern Ihre zerstrittenen Parteikollegen, die Ihnen aus der Angst heraus, Stimmen und Macht zu verlieren, permanent in den Rücken fallen. – Der Ton, dem sich so mancher im Umgang mit Ihnen befleißigt, vergiftet das Land.

Davon abgesehen will mir nicht einleuchten, warum sich alle Welt auf ein – völlig aus dem Zusammenhang gerissenes – „wir schaffen das“ kapriziert. Schließlich haben Sie mit dem Satz: „Wir schaffen das, und wo uns etwas im Weg steht, muss es überwunden werden“ nicht gesagt, dass uns keine Schwierigkeiten bevorstünden. Im Gegenteil: Ich habe Ihren Satz dahingehend verstanden, dass Sie uns dazu ermutigen wollten, die Probleme anzupacken, die bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise anstehen.

So ich eine persönliche Bitte äußern darf: lassen Sie es nicht weiter zu, dass man Sie demontiert.

Mit guten Wünschen

Gesine von Prittwitz

Alles gut, Buchbranche? Fragen an den Literaturkritiker Marc Reichwein

Von heute an bis zum 24. April  findet der Zwickauer Literaturfrühling statt, zu dem sechzehn Verlage mit einem vielfältigen Programm beitragen. Anlässlich des Welttages des Buches am 23. April wollen wir, die Autorin und Verlegerin Zoë Beck, der Buchhändler Klaus Kowalke und der Literaturkritiker Marc Reichwein, in einem gemeinsamen Gespräch die Risiken und Chancen der Buchbranche ausloten. „Alles gut, Buchbranche?

Nach dem mir Zoë Beck und Klaus Kowalke im Vorfeld des Literaturfrühlings freundlicherweise bereits Rede und Antwort standen, folgt heute der Literaturkritiker Marc Reichwein. Er arbeitet als Redakteur für die „Literarische Welt“.

Literaturkritiker … Wie ernst nehmen Sie das mit der Kritik?

Marc Reichwein © Martin Lengemann

Marc Reichwein © Martin Lengemann

Als Redakteur: Hoffentlich so ernst, dass sich unsere Leser, egal ob im Blatt, Netz oder bei Facebook, zu anregenden Büchern inspiriert und informiert fühlen dürfen. Als Schreiber: Hoffentlich nie so bierernst, dass es langweilig wird. Eine ideale Kritik sollte so beschaffen sein, dass man andere mit seiner Erzählung über ein Buch gewinnt. Meinungen publizieren kann heute jeder. Urteile nicht nur zu fällen, sondern argumentativ zu begründen, und das im besten Sinne einnehmend, ist die Kunst, der sich jede Kritik neu stellen muss.

Auf der Leipziger Buchmesse wurde auch über die Rolle der Literaturkritik diskutiert. Unter dem Titel „Die Buchbeschleuniger“. Klingt der Begriff nicht verdächtig danach, dass der Kritiker vornehmlich als Verkäufer gefragt ist?

Ich glaube, das mit der „Beschleunigung“ zielte eher auf die Kommunikation rund ums Buch und darauf, dass die Debatte sich durch soziale Netzwerke dynamisiert hat. Ein Feuilletonist der „Zeit“ muss nicht mehr bis donnerstags warten, um auf einen Kollegen vom „Spiegel“ zu reagieren, sondern kann dies zwischendurch bei Facebook oder Twitter tun. Im Übrigen ist Beschleunigung relativ: Schon in den Neunzigern wurde über die zu oberflächliche, schnelle Rezeption von Büchern geklagt, und dabei bezog man sich allein auf Print: Wenn alle Zeitungen ein wichtiges Buch gleichzeitig am Erscheinungstag besprechen, sei dieses Buch „durch“, bevor es im Bewusstsein der Leute überhaupt angekommen ist. Diese Schallplatte legte Sigrid Löffler oft auf.

Teilen Sie die Erfahrung, dass Zeitungsredaktionen auf Anzeigenkunden Rücksicht nehmen (müssen)?

Nein. Buchverlage – also die Anzeigenkunden, über die wir beim Feuilleton sprechen – schalten bestimmt keine Anzeigen, weil sie Meinungen von Literaturredaktionen beeinflussen wollen, sondern weil sie das Feuilleton als einen Bereich ansehen, auf dessen symbolische Meinungsführerschaft sie zielen, wenn sie in ihren Anzeigen Kritikerstimmen zitieren. Ich glaube, Zeitungen nehmen auf vieles bedenklicher Rücksicht als auf Anzeigenkunden: die Konkurrenz, die aktuelle Nachrichtenlage („Flüchtlingsbücher“), die Konjunktur von Themen, die Bebilderbarkeit von Buchthemen oder das Aussehen von Autorinnen und Autoren.

Wie kann man sich als Literaturkritiker behaupten, wenn der Raum im Feuilleton für Kritik immer kleiner wird und die Auflagen sinken?

Indem man seine Sache redaktionell und professionell betreibt. Im Handel mit Meinungen über Bücher ist es vielleicht ein bisschen so wie beim Einkaufen generell: Ein gutes Fachgeschäft wird Leuten, die Wert auf Geschmack legen und sich dabei beraten lassen wollen, immer mehr wert sein als eine Kette, die mit austauschbaren Filialen wahrscheinlich viel mehr Kunden erreicht, ohne sie zu bedienen. Soll jetzt nicht elitär klingen, aber Literaturkritik behauptet sich bestimmt nicht, wenn sie ihre Klasse aufgibt und nur der Masse hinterherrennt. Sie muss allerdings originell bleiben.

Wie sehen Sie das: Wandert die literarische Öffentlichkeit ins Digitale ab?

Ja und nein. Der Diskurs über Literatur wird immer digitaler, statt weniger Literaturzeitschriften oder Zeitungsfeuilletons gibt es beliebig Blogs und Kundenrezensionen. Die Literatur selbst, die nicht Selfpublishing oder Genreliteratur ist, findet zu 92 Prozent in gedruckten Büchern statt. Sehr viele Autoren sehen sich nach wie vor gern gedruckt, selbst innovative Kleinstverlage, die zunächst nur digital an den Start gingen, machen zum Teil physische Bücher.

Sie sind von der Blogosphäre zum Journalismus gekommen. Schreibt man für Print anders als für das Netz?

Nicht prinzipiell, eher in Nuancen: Wo ein Blog insiderischer sein kann und Anspielungen mit einem bloßen Link hinterlegen kann, muss man Bezüge im Print-Text oft erst expressis verbis herstellen. Blogger kennen keine Platzbeschränkungen. Sie haben manchmal Manierismen, zum Beispiel dieses Prinzip, mit durchgestrichenen Wörtern Formulierungen zu arbeiten, das vor einigen Jahren wie eine Seuche war.

Das Verdikt, die Digitalisierung zu verschlafen, beherrschte lange Zeit die Diskussionen. Inzwischen erweckt die Branche den Anschein, als sei alles im Lot. Wie sehen Sie das? Ist alles gut in der Buchbranche?

Ich glaube, niemand hat einen Trend verschlafen. Der Wandel ins Digitale ist doch – zumindest bei Büchern – offensichtlich eher eine Evolution als eine Revolution. Zu dieser Einsicht brachte mich vor einiger Zeit Mark Lehmstedt, der im Jahr 2000 für Directmedia digitalisierte und heute hochwürdig klassische Bücher verlegt.

Welche Themen brennen Ihnen auf den Nägeln? Und was würden Sie gerne in unserem Gespräch im Rahmen des Zwickauer Literaturfrühlings aufgreifen?

Aus Sicht des Journalisten und des Mediums Zeitung: Kann das Prinzip General-interest überleben? Wird Literaturberichterstattung eine Aufgabe der Mainstream-Medien bleiben und dort entsprechend Platz be- und erhalten, ganz gleich ob gedruckt oder digital? Oder wollen sich Leser doch lieber ganz nach Gusto in immer spezielleren Nischenmedien informieren?

Danke sehr, Marc Reichwein. Ich freue mich auf unser Wiedersehen in Zwickau.

Das Gespräch setzen wir am 23. April um 19.30 Uhr fort. Ort: KV Freunde Aktueller Kunst e.V. | Hölderlinstraße 4 | 08056 Zwickau