Alles gut, Buchbranche? Fragen an den Literaturkritiker Marc Reichwein

Von heute an bis zum 24. April  findet der Zwickauer Literaturfrühling statt, zu dem sechzehn Verlage mit einem vielfältigen Programm beitragen. Anlässlich des Welttages des Buches am 23. April wollen wir, die Autorin und Verlegerin Zoë Beck, der Buchhändler Klaus Kowalke und der Literaturkritiker Marc Reichwein, in einem gemeinsamen Gespräch die Risiken und Chancen der Buchbranche ausloten. „Alles gut, Buchbranche?

Nach dem mir Zoë Beck und Klaus Kowalke im Vorfeld des Literaturfrühlings freundlicherweise bereits Rede und Antwort standen, folgt heute der Literaturkritiker Marc Reichwein. Er arbeitet als Redakteur für die „Literarische Welt“.

Literaturkritiker … Wie ernst nehmen Sie das mit der Kritik?

Marc Reichwein © Martin Lengemann

Marc Reichwein © Martin Lengemann

Als Redakteur: Hoffentlich so ernst, dass sich unsere Leser, egal ob im Blatt, Netz oder bei Facebook, zu anregenden Büchern inspiriert und informiert fühlen dürfen. Als Schreiber: Hoffentlich nie so bierernst, dass es langweilig wird. Eine ideale Kritik sollte so beschaffen sein, dass man andere mit seiner Erzählung über ein Buch gewinnt. Meinungen publizieren kann heute jeder. Urteile nicht nur zu fällen, sondern argumentativ zu begründen, und das im besten Sinne einnehmend, ist die Kunst, der sich jede Kritik neu stellen muss.

Auf der Leipziger Buchmesse wurde auch über die Rolle der Literaturkritik diskutiert. Unter dem Titel „Die Buchbeschleuniger“. Klingt der Begriff nicht verdächtig danach, dass der Kritiker vornehmlich als Verkäufer gefragt ist?

Ich glaube, das mit der „Beschleunigung“ zielte eher auf die Kommunikation rund ums Buch und darauf, dass die Debatte sich durch soziale Netzwerke dynamisiert hat. Ein Feuilletonist der „Zeit“ muss nicht mehr bis donnerstags warten, um auf einen Kollegen vom „Spiegel“ zu reagieren, sondern kann dies zwischendurch bei Facebook oder Twitter tun. Im Übrigen ist Beschleunigung relativ: Schon in den Neunzigern wurde über die zu oberflächliche, schnelle Rezeption von Büchern geklagt, und dabei bezog man sich allein auf Print: Wenn alle Zeitungen ein wichtiges Buch gleichzeitig am Erscheinungstag besprechen, sei dieses Buch „durch“, bevor es im Bewusstsein der Leute überhaupt angekommen ist. Diese Schallplatte legte Sigrid Löffler oft auf.

Teilen Sie die Erfahrung, dass Zeitungsredaktionen auf Anzeigenkunden Rücksicht nehmen (müssen)?

Nein. Buchverlage – also die Anzeigenkunden, über die wir beim Feuilleton sprechen – schalten bestimmt keine Anzeigen, weil sie Meinungen von Literaturredaktionen beeinflussen wollen, sondern weil sie das Feuilleton als einen Bereich ansehen, auf dessen symbolische Meinungsführerschaft sie zielen, wenn sie in ihren Anzeigen Kritikerstimmen zitieren. Ich glaube, Zeitungen nehmen auf vieles bedenklicher Rücksicht als auf Anzeigenkunden: die Konkurrenz, die aktuelle Nachrichtenlage („Flüchtlingsbücher“), die Konjunktur von Themen, die Bebilderbarkeit von Buchthemen oder das Aussehen von Autorinnen und Autoren.

Wie kann man sich als Literaturkritiker behaupten, wenn der Raum im Feuilleton für Kritik immer kleiner wird und die Auflagen sinken?

Indem man seine Sache redaktionell und professionell betreibt. Im Handel mit Meinungen über Bücher ist es vielleicht ein bisschen so wie beim Einkaufen generell: Ein gutes Fachgeschäft wird Leuten, die Wert auf Geschmack legen und sich dabei beraten lassen wollen, immer mehr wert sein als eine Kette, die mit austauschbaren Filialen wahrscheinlich viel mehr Kunden erreicht, ohne sie zu bedienen. Soll jetzt nicht elitär klingen, aber Literaturkritik behauptet sich bestimmt nicht, wenn sie ihre Klasse aufgibt und nur der Masse hinterherrennt. Sie muss allerdings originell bleiben.

Wie sehen Sie das: Wandert die literarische Öffentlichkeit ins Digitale ab?

Ja und nein. Der Diskurs über Literatur wird immer digitaler, statt weniger Literaturzeitschriften oder Zeitungsfeuilletons gibt es beliebig Blogs und Kundenrezensionen. Die Literatur selbst, die nicht Selfpublishing oder Genreliteratur ist, findet zu 92 Prozent in gedruckten Büchern statt. Sehr viele Autoren sehen sich nach wie vor gern gedruckt, selbst innovative Kleinstverlage, die zunächst nur digital an den Start gingen, machen zum Teil physische Bücher.

Sie sind von der Blogosphäre zum Journalismus gekommen. Schreibt man für Print anders als für das Netz?

Nicht prinzipiell, eher in Nuancen: Wo ein Blog insiderischer sein kann und Anspielungen mit einem bloßen Link hinterlegen kann, muss man Bezüge im Print-Text oft erst expressis verbis herstellen. Blogger kennen keine Platzbeschränkungen. Sie haben manchmal Manierismen, zum Beispiel dieses Prinzip, mit durchgestrichenen Wörtern Formulierungen zu arbeiten, das vor einigen Jahren wie eine Seuche war.

Das Verdikt, die Digitalisierung zu verschlafen, beherrschte lange Zeit die Diskussionen. Inzwischen erweckt die Branche den Anschein, als sei alles im Lot. Wie sehen Sie das? Ist alles gut in der Buchbranche?

Ich glaube, niemand hat einen Trend verschlafen. Der Wandel ins Digitale ist doch – zumindest bei Büchern – offensichtlich eher eine Evolution als eine Revolution. Zu dieser Einsicht brachte mich vor einiger Zeit Mark Lehmstedt, der im Jahr 2000 für Directmedia digitalisierte und heute hochwürdig klassische Bücher verlegt.

Welche Themen brennen Ihnen auf den Nägeln? Und was würden Sie gerne in unserem Gespräch im Rahmen des Zwickauer Literaturfrühlings aufgreifen?

Aus Sicht des Journalisten und des Mediums Zeitung: Kann das Prinzip General-interest überleben? Wird Literaturberichterstattung eine Aufgabe der Mainstream-Medien bleiben und dort entsprechend Platz be- und erhalten, ganz gleich ob gedruckt oder digital? Oder wollen sich Leser doch lieber ganz nach Gusto in immer spezielleren Nischenmedien informieren?

Danke sehr, Marc Reichwein. Ich freue mich auf unser Wiedersehen in Zwickau.

Das Gespräch setzen wir am 23. April um 19.30 Uhr fort. Ort: KV Freunde Aktueller Kunst e.V. | Hölderlinstraße 4 | 08056 Zwickau

Alles gut, Buchbranche? Fragen an den Buchhändler Klaus Kowalke

Vom 20. – 24. April 2016 findet zum zweiten Mal der Zwickauer Literaturfrühling statt, zu dem sechzehn Verlage mit einem vielfältigen Programm beitragen. Ich werde dort die Autorin und Verlegerin Zoë Beck, den Buchhändler Klaus Kowalke und den Literaturkritiker Marc Reichwein treffen. Anlässlich des Welttages des Buches am 23 April wollen wir in einem gemeinsamen Gespräch die Risiken und Chancen der Buchbranche ausloten. „Alles gut, Buchbranche?

Im Vorfeld des Literaturfrühlings in Zwickau stand mir freundlicherweise bereits Zoë Beck Rede und Antwort; nun Klaus Kowalke. Er betreibt in Chemnitz die Buchhandlung Lessing und Kompanie, eine der 108 Buchhandlungen, die für ihr Engagement im vergangenen Jahr mit dem „Deutschen Buchhandlungspreis“ ausgezeichnet wurden.

Allseits ist zu hören, dass der Buchhandel derzeit eine Renaissance erfährt. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Klaus Kowalke © Christoph Künne

Klaus Kowalke © Christoph Künne

Die Indiebookszene hat dem stationärem Sortiment imagemäßig sehr geholfen (oder war es umgekehrt?). Es gibt tatsächlich eine positive Grundstimmung in der Branche, die nehmen wir auch wahr. Es gibt eine Renaissance des schönen Buchs. Lesen ist cool. Die kleine (literarische) Buchhandlung ist cool.

Lange Zeit stand der Buchmarkt unter dem Verdikt, die Herausforderungen der Digitalisierung zu verschlafen. Inzwischen erweckt die Branche den Anschein, als sei alles im Lot …

Ich zitiere den Buchmarkt: „Im aktuellen BuchMarkt-Heft entzaubert Markus Klose ein paar digitale Mythen, die sich in den Köpfen mancher Digital Natives festgesetzt haben. Er belegt: „Die Buchbranche hat die Digitalisierung nicht verschlafen, sondern mit vorangetrieben.“ Diese Meinung teile ich. Im Lot? Ich weiß nicht, mich interessieren die technischen Fortschritte nicht. Die Auseinandersetzungen mit den Möglichkeiten der digitalen Zukunft des Buchmarkts müssen andere führen.

Wo verorten Sie derzeit die größten Risiken?

Nach wie vor im Onlinehandel, er betrifft alle Branchen. Die Umwälzungen die sich hier abzeichnen, lassen uns Abschied nehmen von belebten Innenstädten. Lassen uns aber auch Abschied nehmen von der Gewerbesteuerfinanzierung der Kommunen und Gemeinden. Ob Aktionen wie buy local hieran etwas ändern? Das ist eine globale Entwicklung, da bin ich skeptisch.

Was meinen Sie, wie wird sich der Buchmarkt in den kommenden Jahren entwickeln?

Die Branche wird schrumpfen. Vielleicht gesundschrumpfen. Das Buch wird es weiterhin geben. Grundsätzlich: positiv.

In unserem Gespräch im Juli 2013 haben Sie „Buch pur“ promotet. Damals waren weder das elektronische Buch, noch Publikationen von Self-Publishern eine Option für Ihre Buchhandlung „Lessing und Kompanie“. Halten Sie an dieser Linie fest?

Ja, unbedingt! Wir fahren sehr gut damit und bauen die Marken „Buch pur“ und „EinfachBuch“ weiter aus. Unsere Umsatzzuwächse resultieren hauptsächlich aus der intensiven Auseinandersetzung mit den Büchern der Schriftstellerinnen und Schriftsteller (und deren Verlagen).

Natürlich verkaufen wir 5-10 Ebooks im Jahr, wir haben auch 4-5 Titel von Selfpublishern im Programm. Es geht um Kundenwünsche bei den Ebooks und um die Relevanz bei den Selfpublishern. Aber das hinterlässt wirtschaftlich keine Fußspuren. Um nicht den Unmut der Selfpublisher heraufzubeschwören: Wir führen ein kleines hochliterarisches Sortiment in einem Wohngebiet ohne Laufkundschaft, d. h. unser Einkauf ist ohnehin geprägt von „zu viel“, was die Verlage anbieten (und wir auswählen müssen), und den Möglichkeiten, die unsere Stammkundschaft uns gibt bzw. erwartet und/oder wir ihr empfehlen können und wollen.

Der Aspekt der Filterfunktion Lektorat/Verlag darf nicht hoch genug eingeschätzt werden. Unsere Zeit ist begrenzt, wir müssen uns auf die Programmqualität der Verlage verlassen können. Und das Ganze muss sich unter wirtschaftlichen Bedingungen abspielen. Da spielt die Rolle der Bündelung der Auslieferungen eine Rolle, da spielen Bezugs- und Transportkosten eine Rolle, da spielen Vertretertermine eine Rolle. Gerade die nicht kleine Indiebookszene hat es geschafft, mit einigen Partnern einen professionellen Vertrieb aufzubauen, der es erlaubt wirtschaftlich einzukaufen. Mittlerweile kaufen wir für unser Sortimentsprogramm nur noch über Verlagsvertreter ein. Ein Sortimentsprogramm spiegelt genauso wie das Programm eines Verlages die Intention der Inhaber wider.

Was halten Sie von der Entwicklung, dass Verlage immer stärker auf den Direktverkauf setzen und die Leser fokussieren?

Wir beobachten das sehr genau. Falls Verlage als Partner für den Buchhandel wegfallen oder besser gesagt „wegfallen wollen“ so ergibt sich daraus nicht unmittelbar ein Problem: Es gibt eine Überproduktion im deutschsprachigen Buchmarkt, es ließen sich leicht andere Verlagspartner finden. Aber auf bestimmte Verlage möchten wir nur ungern verzichten. Also gibt es doch ein Dilemma.

Welche Themen brennen Ihnen auf den Nägeln? Und was würden Sie gerne in unserem Gespräch im Rahmen des Zwickauer Literaturfrühlings aufgreifen?

Das ist eine gute Frage! Ich möchte ja vor einem Literaturfrühlingspublikum nicht zu sehr Brancheninterna diskutieren als vielmehr die Frage, was bewegt die Leute: Spielt Kunst und Literatur in ihrem Leben überhaupt noch eine Rolle?

Danke sehr, Klaus Kowalke. Ich freue mich auf unser Wiedersehen in Zwickau.

Das Gespräch setzen wir am 23. April um 19.30 Uhr fort. Ort: KV Freunde Aktueller Kunst e.V. | Hölderlinstraße 4 | 08056 Zwickau

Alles gut, Buchbranche? Fragen an Zoë Beck

Vom 20. – 24. April 2016 findet zum zweiten Mal der Zwickauer Literaturfrühling statt, zu dem sechzehn Verlage mit einem vielfältigen Programm beitragen. Ich werde dort die Autorin und Verlegerin Zoë Beck, den Buchhändler Klaus Kowalke und den Literaturkritiker Marc Reichwein treffen. Anlässlich des Welttages des Buches am 23 April wollen wir in einem gemeinsamen Gespräch die Risiken und Chancen der Buchbranche ausloten. „Alles gut, Buchbranche?

Im Vorfeld des Literaturfrühlings in Zwickau steht mir freundlicherweise Zoë Beck Rede und Antwort. Die Autorin ist diesjährige Preisträgerin des renommierten „Deutschen Krimipreises“ und leitet als Verlegerin gemeinsam mit Jan Karsten den CulturBooks-Verlag.

Nach den Diskussionen über ihre Zukunftsfähigkeit scheint sich die Buchbranche wieder auf ureigene Themen zu besinnen: Meinungsfreiheit, Vielfalt, kultureller Austausch und nicht zuletzt – das Buch. Das dürfte dir doch eigentlich gelegen kommen?

ZB: Dass es um Themen geht, statt um Technik? Grundsätzlich: ja. Wir wollen, dass die Texte im Vordergrund stehen, ganz egal, wie und worauf man sie liest. Allerdings habe ich tatsächlich den Eindruck einer „Rückbesinnung“, weil das Thema, wie sich eBooks in den Buchhandel bringen lassen, nun wieder großzügig unter den Tisch fällt und in der Diskussion einigen wenigen überlassen wird, statt sich gemeinsam zu bemühen.

Das klassische Feuilleton speckt ab; Besprechungen werden immer marginaler. So befand Thierry Cherval vom Perlentaucher, dass sich die Zahl der Literaturkritiken seit 2000 halbiert hat. Wie gehst du als Autorin und als Verlegerin mit dieser Entwicklung um?

Zoë Beck © Anette Göttlicher

Zoë Beck © Anette Göttlicher

ZB: Natürlich wird jetzt sehr viel mehr auf die Buchblogs geschielt, und einige kleinere Verlage schreiben fast schon aggressiv Menschen, die im Netz irgendwas mit Büchern zu tun haben, an und betteln – ausgerechnet! – um Amazonkritiken und ähnliches. Dann gibt es noch Agenturen, die für Verlage Blogbesprechungen vermitteln, teils gegen Bezahlung für die Blogbetreiber*innen. Oder Verlage organisieren selbst Portale extra für Blogger*innen. Nun sind Buchblogs in ihrer Ausrichtung und auch der Qualität der Besprechungen so unterschiedlich, dass man das unmöglich alles unter einer Kategorie zusammenfassen kann. Für manche Titel klappt es auf Blogs, für andere klappt es im Feuilleton. Manches verkauft sich nach einer Besprechung besser, meistens passiert aber leider gar nicht mal so viel. Ich finde, worauf wir alle achten sollten – Feuilleton oder Blog: nicht immer dasselbe besprechen. Wir hatten in Deutschland mal eine durchaus gesunde Midlist, aber die bröselt seit einiger Zeit weg. Wenn dann überall nur die immer selben angesagten Spitzentitel durchgereicht werden, tut es der Vielfalt nicht gut. Und war das nicht gerade wieder ein Thema, auf das sich die Branche besinnen wollte, Vielfalt?

Buchblogger sind derzeit in aller Munde. Versprichst du dir von den Multiplikatoren im Netz Heil?

ZB: Wie gesagt, es kommt sehr auf den jeweiligen Titel an. Es gibt wahnsinnig viele Blogs, aber welche davon haben wirklich den Impact, einen Bestseller zu machen? Das geht nur über die Masse. Und wenn sich dann, wie gerade auf der Leipziger Buchmesse Thema war, ein großer Teil der Buchblogs professionalisiert, kommen die Verlage mit ihren Rezensionsexemplaren nicht mehr hinterher … Dann wird wieder strenger ausgewählt, und ein paar wenige Blogs werden meinungsführend sein. Womit sich auch die Blogs in der Breite schwertun, sind die eher literarischen eBook only-Titel. Wer Literarisches bespricht, will noch das Buch als Buch, wer eBooks bespricht, ist häufig in der Selfpublisherszene oder in bestimmten Genres unterwegs. Es gibt allerdings ein paar sehr feine Blogs, die da keine Berührungsängste haben, wir Digitalverlegerinnen haben uns mit einigen auf der Messe getroffen und über einen besseren Austausch nachgedacht. Die traditionelle Presse ignoriert eBooks nach wie vor. In der FAZ hat Elke Heinemann eine Kolumne, das Missy Magazine war das erste Printmedium, in dem eBooks wirklich besprochen wurden. Sonst: nichts. Von daher sind wir, die wir nicht die Marketing- und Vertriebspower von Konzernverlagen haben, sehr froh über die Möglichkeiten im Internet. Als Autorin hingegen habe ich sehr breite Wahrnehmung in den Feuilletons gehabt, da darf ich mich gar nicht beschweren.

Das Verdikt, die Digitalisierung zu verschlafen, beherrschte lange Zeit die Diskussionen. Inzwischen erweckt die Branche den Anschein, als sei alles im Lot. Wie siehst du das? Ist der Buchmarkt für das digitale Zeitalter fit genug?

ZB: Das Thema wurde etwas weggeschoben. Auf der einen Seite ist es gut, dass ein bisschen die Hysterie aus der Diskussion verschwunden ist, weil man so nüchterner die Dinge betrachten kann. Andererseits dürfen die tastsächlichen Probleme nicht aus dem Blick geraten: Wenn ich etwa ein eBook über die Buchhandlung meines Vertrauens beziehen will, ist es immer noch umständlich und die Buchhandlung selbst verdient viel zu wenig daran, obwohl sie die gesamte Beratung übernimmt. Wir sind da ehrlich gesagt nicht sehr viel weiter.

Wo verortest du derzeit die größten Risiken?

ZB: Das Wegbrechen der Midlist. Das Ignorieren der Vielfalt. Wir bemühen uns im Digitalen um die Abbildung der Vielfalt, wenn sie schon im Print immer weniger stattfindet (Verfügbarhaltung von älteren Titeln etc.).

Der Kuchen, den es zu verteilen gilt, wird immer kleiner: neue Marktteilnehmer und Self-Publisher, die sich zunehmend professionalisieren. Bereitet dir die wachsende Konkurrenz Sorgen – als Autorin/als Verlegerin?

ZB: Ach, Märkte ändern sich ständig, wer weiß, was in fünf Jahren ist. Wir machen uns für das stark, woran wir glauben, und wir sind ja nicht die einzigen, die das gut finden. Unser Publikum ist ein anderes als das der erfolgreichen Selfpublisher, die bestimmte Genres und Subgenres bedienen. Genau das tun wir ja nicht. Da nehmen wir uns gegenseitig nichts weg.

Es heißt ja, der Buchhandel habe seine Scheu vor eBooks überwunden. Wie erlebt Ihr das bei CulturBooks?

ZB: Wir wollen nach wie vor sehr gern mit Buchhandlungen enger zusammenarbeiten. Langsam tut sich etwas. Uns geht das natürlich nicht schnell genug, wir scharren da schon seit es uns gibt mit den Füßen. Und so ganz überwunden ist die Scheu ja auch nicht. Viele Probleme bestehen, wie schon erwähnt, immer noch.

CulturBooks ging Ende 2013 als Verlag für elektronische Bücher an den Start. Warum verlegt Ihr inzwischen auch Print?

ZB: Wir sehen uns als modernen Literaturverlag. Wir denken vom Text aus: Wie lässt sich ein bestimmter Text am besten präsentieren und vertreiben? Das wird bei einer Kurzgeschichte oder einer kürzeren Novelle ein schönes eBook sein, das kann bei einem aktuellen Roman ein Paperback oder ein Hardcover sein, mit dem man dann auch besser und nachhaltiger die Buchhandlungen erreicht und Leute, die lieber Printbücher lesen. Das ist keine Frage des „entweder/oder“:  Natürlich wird es auch immer ganz konservativ eine eBook-Ausgabe geben. Doch warum sollte man sich einem bestimmten Vertriebsweg grundsätzlich verschließen?

Welche Themen brennen dir auf den Nägeln? Und was würdest du gerne in unserem Gespräch im Rahmen des Zwickauer Literaturfrühlings aufgreifen?

ZB: Aus Sicht der Verlegerin nach wie vor das Thema: Ist es nicht egal, wie und worauf wir lesen? Lasst uns einfach weiterlesen. Auch hier kommt es doch auf die Vielfalt an: Mal der Griff zum gut gemachten Buch, mal der zum Reader. Hauptsache wir lesen gute Texte! Aus Sicht der Autorin: Mischen wir uns genug ein? Wir Autor*innen haben doch alle eine Stimme, nutzen wir sie genug und richtig? Oder lassen wir uns zu sehr vom Unterhaltungsanspruch plattmachen?

Danke sehr, Zoë. Ich freue mich auf unser Wiedersehen in Zwickau.

Das Gespräch setzen wir am 23. April um 19.30 Uhr fort. Ort: KV Freunde Aktueller Kunst e.V. | Hölderlinstraße 4 | 08056 Zwickau

Alles gut, Buchbranche? (Teil 2)

Trotz eines leichten Umsatzrückganges im vergangenen Jahr (minus 1,7 Prozent) gab sich die Branche auf der gerade zu Ende gegangenen Leipziger Buchmesse siegesgewiss. Nach Ansicht des Börsenvereins wurden die Herausforderungen des digitalen Wandels gemeistert. Die Branche sei „zukunftsfähiger denn je“, meinte Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis. Tatsächlich sind die heftigen Diskussionen, die bis vor einigen Monaten sogar eine breitere Öffentlichkeit bewegt haben, abgeebbt. Es ist ruhig geworden in der Branche. Vereinzelte Scharmützel noch, die sich eher um partikuläre Interessen drehen. Die Gemüter haben sich beruhigt; die Zeiten passé, zu denen eine Sau nach der anderen durch die Branche getrieben wurde.

Buch(s)baum © Zwickauer Literaturfrühling

Buch(s)baum © Zwickauer Literaturfrühling

Buchaffine Blogs. Davon versprechen sich die Verlage inzwischen eine Menge. Es ist noch nicht lange her, da mussten Buchblogger um Rezensionsexemplare betteln. Man schenkte ihnen keine Beachtung, vielfach wurden sie sogar belächelt. Irgendwann bekam man offensichtlich mit, dass im Netz 1 Prozent der Nutzer für über 50 Prozent des Traffics sorgen und Blogger „Influencer“ sind. Inzwischen wird die Buchszene im Netz regelrecht hofiert. Was freilich vornehmlich dem Umstand geschuldet ist, dass das Feuilleton abspeckt und Buchkritik immer marginaler wird. Der Buchhändler Thomas Calliebe bietet Bloggern in seinem Laden in Groß-Gerau Präsentationsflächen, Verlage stellen eigens Ansprechpartner ab, organisieren Blogger-Challenges und Bloggertreffen, auf den Buchmessen gibt es Bloggerlounges, die Verlagsgruppe Random House betreibt seit März 2015 ein eigenes Portal für Blogger. Auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse, die 800 Blogger besucht haben, fand erstmals eine Bloggerkonferenz statt; auch einige Kölner Verlage laden Buchblogger und Booktuber im Juni 2016 zu einer Konferenz. – Das aktuelle Trendthema „Blogger Relation“ scheinen derzeit viele für ein Heilsversprechen in der Art eines „Sesam öffne dich“ zu halten. Ein Hype, der voraussichtlich ebenso schnell vorübergeht wie schon andere zuvor.

Arriviert sind inzwischen auch die Self-Publisher, die sich professionalisiert und vernetzt haben, etwa in einem eigenen Verband. Inzwischen macht das Self-Publishing, vor kurzem in der Branche noch verhöhnt, das am schnellsten wachsende Segment der Buchbranche aus. Anzunehmen ist, dass in Kürze über diesen Weg mehr Titel auf den deutschen Markt kommen als über klassische Verlage. BoD etwa schätzt, dass im Jahr 2017 etwa 175.000 neue Titel von Selberverlegern erscheinen werden. Längst wird die Szene nicht mehr müde belächelt, sondern als Marktgröße und Konkurrenz wahrgenommen. Auf den Messen existieren eigene Ausstellungsbereiche; Dienstleister buhlen um die Autoren. Um den Markt wird immer raffinierter und härter gekämpft. Die Plattform epubli beispielsweise bietet bis 15. Juni 2016 Self-Publishern erstmals auch die kostenfreie Veröffentlichung einer Print-Publikation mit einer ISBN an.

Manche meinten ja, dass die Niedrigpreise der Self-Publisher die Preismodelle der klassischen Verlage ins Wanken bringen könnten. Das scheint nicht der Fall zu sein. Inzwischen denken do-it-yourself-Autoren vielmehr darüber nach, ihre Arbeit nicht mehr unter Wert verkaufen zu wollen. Die Verlage sehen hier Gefahren und Chancen. Längst halten sie nach erfolgreichen oder vielversprechenden Selbstverlegern Ausschau. Sie beteiligen sich an Communities wie etwa die Verlagsgruppe Bastei Lübbe, die sich die Mehrheit an Bookrix gesichert hat, oder sie bauen eigene Self-Publisher-Imprints auf. So beispielsweise die Verlagsgruppe Droemer Knaur, die ihre Plattform neobooks gezielt für die Manuskript-Auswahl nutzt, oder die Self-Publisher-Plattform Twentysix, eine junge Kooperation zwischen Random House und BoD.

Der Börsenverein des deutschen Buchhandels, der vielen nicht wendig genug erschien, reagierte ebenfalls auf die Herausforderungen. Eine Strukturreform, die auf den Berliner Buchtagen im Juni 2015 beschlossen wurde, soll schnellere Entscheidungswege, größere Transparenz, verbesserte Kommunikationsstrukturen und eine stärkere Partizipation aller Marktteilnehmer ermöglichen. Noch ist da allerdings reichlich Luft nach oben offen.

In der einst ebenso streitbaren wie umstrittenen Buchbranche ist still geworden. Verdächtig still? Für Schlagzeilen sorgten in jüngerer Zeit lediglich die Verlage, denen zwei Gesetzentwürfe contre coeur gingen. So die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes, dass Verwertungsgesellschaften wie VG Wort die Urheberpauschale nur an Autoren, nicht aber an Verlage ausschütten dürfen, was wiederum erhebliche Nachzahlungen zur Folge haben könnte. Und die vorgesehene Novellierung des Urheberrechts, die unter anderem für Urheber eine Ausstiegsoption nach fünf Jahren vorsah. Bislang konnte die Dauer individuell festgelegt werden und geschah das nicht, gilt eine Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Autors. Auch diese Aufreger scheinen inzwischen obsolet. Der Gesetzentwurf sieht die Fünfjahresfrist nicht mehr vor. Sie wurde durch ein „Recht zur anderweitigen Verwertung nach zehn Jahren“ ersetzt. Und was ist mit dem Gesetzentwurf über die Ausschüttungspraxis der Verwertungsgesellschaften? Das dürfte den Europäischen Gerichtshof abermals beschäftigen.

Manchmal wirft noch das altbekannte Schreckgespenst Amazon seine Schatten. Hin und wieder wird über den Kompetenz- und Geltungsverlust der Literaturkritik geklagt und die Buchhändler fordern höhere Preise für Bücher. Ansonsten regt man sich derzeit allenfalls noch über das Verbot von Plastiktüten und die 99-Cent-Preise auf. Letzteres Problemchen scheint sich von selbst zu regulieren, da immer mehr Verlage die Buchpreise runden. – Alles im Lot? Erlebt die Buchbranche derzeit einen zweiten Frühling? Oder sind die Zeiten allgemein für eine eher selbstgefällige Nabelschau zu stürmisch geworden? Hat die Branche tatsächlich keine Probleme mehr? Sind die Fronten wirklich geklärt? Fragen, die ich im Rahmen einer Gesprächsrunde mit der Autorin und Verlegerin Zoë Beck, dem Buchhändler Klaus Kowalke und dem Literaturkritiker Marc Reichwein beim Zwickauer Literaturfrühling am 23. April aufwerfen werde.

Ob sich die Menetekel für das Buch, Buchhandlungen und Verlage erfüllt haben, frage ich im ersten Teil des Beitrages „Alles gut, Buchbranche?“

Alles gut, Buchbranche?

Erlebt die Buchbranche derzeit einen zweiten Frühling? Die heftigen Diskussionen, die sogar eine breitere Öffentlichkeit bewegt haben, sind abgeebbt. Es ist ruhig geworden in der Branche. Vereinzelte Scharmützel noch, die sich eher um partikuläre Interessen drehen. Die Gemüter haben sich beruhigt; die Zeiten passé, zu denen eine Sau nach der anderen durch die Branche getrieben wurde.

Buch(s)baum © Zwickauer Literaturfrühling

Buch(s)baum © Zwickauer Literaturfrühling

Digital oder analog? An den viel beschrieenen Tod des gedruckten Buches glaubt indes heute niemand mehr. Gedruckte und elektronische Bücher leben in friedlicher Koinzidenz. Selbst Bibliophile, die lange behaupteten, Print unverbrüchlich die Treue halten zu wollen, verkünden inzwischen stolz, eine Bibliothek in der Tasche zu tragen. Weiterhin wird gelesen. Kein einziges Menetekel hat sich erfüllt! Obwohl die Umsätze auf dem deutschen Buchmarkt im vergangenen Jahr erneut geschrumpft sind, bleibt die Zahl derjenigen, die gelegentlich zum Buch greifen, laut einer Studie des Börsenvereins stabil. Die Tolino-Allianz bietet dem Kindle die Stirn und geniallokal dem Internetriesen Amazon Paroli. Und: die TTIP-Verhandlungen wollen die Buchpreisbindung ausklammern, zudem wird die Preisbindung zukünftig auch für E-Books gelten. Umsatzsteuerrechtlich ziehen sie freilich (noch) nicht mit gedruckten Büchern gleich.

Sogar der totgesagte klassische Buchhandel erlebte eine Renaissance! Und wird für sein Engagement seit dem vergangenem Jahr noch dazu mit dem „Deutschen Buchhandlungspreis“ geehrt. Befürchtungen, das Sortiment sei nicht für notwendige Innovationen bereit, haben sich zerstreut. Fast jeder Buchladen verfügt heute über einen Online-Shop und hat auch E-Books im Angebot. Seine Scheuklappen bezüglich Self-Publishing scheint der Buchhandel ebenfalls abzulegen. Laut der „Self-Publishing-Studie 2016“, die BoD gestern vorlegte, haben 42 Prozent der befragten Buchhändler aktuell selbstverlegte Titel im Sortiment. Und jeder Dritte meint sogar, dass das Phänomen in Zukunft für das stationäre Sortiment noch an Bedeutung gewinnt.

Obwohl es immer wieder hieß, dass der Onlinehandel, und allen voraus Amazon, dem stationären Buchhandel den Garaus macht, wird nach wie vor jedes zweite Buch im Buchladen gekauft. Mit einem Anteil von gut 16 Prozent sind die Online-Händler nur der drittgrößte Konkurrent des stationären Sortiments. Die Probleme haben sich verlagert. Nicht Amazon, sondern die unerbittlichsten Widersacher sind aktuell die Verlage; jedes fünfte Buch wird von ihnen direkt verkauft. Noch vornehmlich an die Nebenmärkte; doch zunehmend gelangen auch die Endkunden (die Leser) ins Visier der Verlage.

Allen Unkenrufen zum Trotz haben die Verlage, obschon sie weiterhin unter Innovationszwang stehen, die digitalen Herausforderungen nicht komplett verschlafen. Sie führen elektronische Bücher im Programm, verzichten zunehmend auf einen harten Kopierschutz und lockern ihre Lizenzpolitik, was u.a. E-Book-Flatrates zugutekommt. Es ist en vogue, für die digitalen Titel eigene Segmente zu schaffen; derzeit vergeht kaum eine Woche, in der nicht ein neues Imprint aus der Taufe gehoben wird. Und das, obwohl der E-Book-Marktanteil langsamer wächst als von den Verfechtern prophezeit und der Kuchen dank Self-Publishing und vielen neuen Marktteilnehmern immer kleiner wird. Noch dazu ist das E-Book außerhalb des Internets medial kaum sichtbar, Rezensionen wie etwa in der Kolumne „E-Lektüre“ der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bleiben selten.

Heute kaum noch vorstellbar ist, dass die Verlage lange vor den neuen Kommunikationsmöglichkeiten zurückschreckten. Längst machen sie es sich zu Nutzen, dass sich die Leser Informationen auch digital besorgen; aus Blogs, Youtube, via Whatsapp, Snapchat, Instagram oder aus der Timeline diverser Social-Media-Kanäle. Beim größten Player präsent zu sein, ist heute beinahe schon ‚old school‘. Youtube und Twitter werden ebenfalls genutzt, zudem rücken Instagram, Pinterest und Snapchat in den Fokus. Wer es sich leisten kann, unterhält eine eigne Online-Abteilung oder zumindest einen Social-Media-Berater. Freilich sagen weder die Präsenz, noch die Anzahl der Follower oder Fans etwas über den Ertrag aus. Fakt ist, dass es immer schwieriger wird, mit Facebook-Seiten nennenswerte Reichweiten zu generieren. Möglicherweise hängt damit zusammen, warum Verlage wieder auf eigene Blogs setzen, die im Zuge des Social-Media-Hypes in den Hintergrund geraten waren.

Alles im Lot? Erlebt die Buchbranche derzeit einen zweiten Frühling? Oder sind die Zeiten allgemein für eine eher selbstgefällige Nabelschau zu stürmisch geworden? Hat die Branche tatsächlich keine Probleme mehr? Sind die Fronten wirklich geklärt? Fragen, die ich im Rahmen einer Gesprächsrunde mit der Autorin und Verlegerin Zoë Beck, dem Buchhändler Klaus Kowalke und dem Literaturkritiker Marc Reichwein beim Zwickauer Literaturfrühling am 23. April aufwerfen werde.

Schlaglichter auf Blogs, Self-Publishing und andere Vorzeichen, die einen zweiten Frühling der Buchbranche nahelegen, werfe ich an dieser Stelle.

„Es war wie Twitter ohne Internet.“ Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Entwicklung des DDR-Buchhandels und dessen Strukturwandel infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Nachdem uns Maritta Tanzer, Heike Wenige und Holger Brandstädt einiges haben wissen lassen, teilt nun Simone Zopf ihre Erinnerungen. Sie kam 1981 als Lehrling zum volkseigenen Buchhandel und blieb dem Beruf über 30 Jahre treu. – Zum vorangegangenen Gespräch geht es hier.

Mauerfall im November 1989, Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion im Juni 1990, deutsche Einheit am 3. Oktober 1990. Wie hast du diese turbulenten Monate erlebt?

Simone Zopf © privat

Simone Zopf © privat

Die Ereignisse überschlugen sich. Jeder Tag war Veränderung. Und der Roman ging weiter… Ohne Internet und Telefon erfuhren wir viele Ereignisse und Dinge beim täglichen Busfahren, in der Stadt, im Antiquariat. Es war wie Twitter ohne Internet. Alles musste neu entschieden werden. Krankenkasse, Versicherung, Mietverträge, Geld, Fahrkarten, Postleitzahlen, Schulformen, Arbeitsverhältnisse, Wohnorte … Die Entscheidungen mussten in dieser Zeit sehr rasch gefällt werden, da es insgesamt so viel zu tun gab. Die Umstände bestimmten das Tempo dieser Zeit. Alle waren damit beschäftigt, das sich verändernde Leben zu organisieren.

Der „ Tag der Deutschen Einheit“ am 3. Oktober 1990 war für mich persönlich ganz besonders feierlich. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hatte uns Kollegen und Kolleginnen zu einem Empfang auf der Frankfurter Buchmesse eingeladen. An diesem Tag bin ich Bundesbürgerin und bundesdeutsche Buchhändlerin zugleich geworden. Das war eine sehr schöne Geste vom Börsenverein. Danke!

Welche Hoffnungen hattest du für dein Land? Welches waren deine größten Sorgen?

Die Hoffnung war, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, was zu mir passt. Diese Hoffnung war größer als alle Sorgen.

Gibt es etwas, was du aus der DDR gerne in die BRD „rübergerettet“ hättest?

Über diese Frage habe ich lange und intensiv nachgedacht. Und die Antwort ist: nichts.

Im März 1990 wurde die Treuhandanstalt gegründet, deren Aufgabe es war, die volkseigenen Betriebe zu privatisieren. Im Zuge dessen wurde der Volksbuchhandel abgewickelt, die Buchbetriebe in den damals noch existierenden 15 Bezirken in Gesellschaften umgewandelt. Für euch war damals die „Thüringer Buchhandelsgesellschaft“ mit Sitz in Erfurt zuständig. Wie hast du die erste Phase der Privatisierung in deinem Betrieb erlebt?

Die Leiter der Buchhandlungen und Antiquariate konnten sich bei der Treuhand um den Kauf der Läden bewerben und haben diese in der Regel auch bekommen. Auch das Antiquariat Erfurt wurde so privatisiert. Wir haben weiterhin sehr gut zusammengearbeitet und von Tag zu Tag gemeinschaftlich das laufende Geschäft entschieden. Aus dem Bauch heraus. Wir hatten keine Ahnung. Und haben es trotzdem gemacht. Schließlich blieb uns ja nichts anders übrig.

Wie hast du auf die Entscheidung deiner damaligen Chefin reagiert, das Antiquariat 1991 in die Eigenständigkeit zu führen?

Das war grundsätzlich die richtige Entscheidung. Einige Investoren bzw. Investoren-Darsteller standen ja auch schon bereit … Uns wurde allerdings auch schnell klar, dass der Laden mit fünf Mitarbeitern so nicht zu halten war. Drei Kollegen, darunter auch ich, suchten und fanden neue Jobs in Erfurt. Das war ganz entspannt und freundschaftlich. Wir sind noch heute alle befreundet.

Nach der Wende war der Hunger nach Lesestoff groß, der zu DDR-Zeiten verboten oder nur schwer zugänglich war. Die Geschäfte im Buchhandel florierten. Kannst du dich erinnern, was damals bei euch besonders stark nachgefragt wurde?

Alles, außer DDR-Literatur. Trotz der Unsicherheit der Zeit wurde noch viel Geld für Bücher ausgegeben. Einerseits haben wir im Antiquariat verstärkt Grafik verkauft und 1991 einen Laden speziell dafür (selbst) umgebaut. In diesen Jahren waren viele kaufkräftige und kaufwillige (West)-Deutsche in Thüringen unterwegs. Andererseits war zu bemerken, dass sich die Menschen der ehemaligen DDR von den in vielen Jahren gesammelten Schätzchen trennen mussten, um Startkapital für das neue private oder berufliche Leben zu haben.

Die Umstellung auf neue Wirtschafts- und Sozialstrukturen war sicherlich kein Zuckerschlecken. Was bereitete dir besonderes Kopfzerbrechen?

Ich musste und wollte mich neu orientieren. Die Wende habe ich als Chance verstanden und tue dies noch heute.

Hilfestellungen für Sortimenter kamen vom Börsenverein, den Barsortimenten und Verlagsauslieferungen. Konntest du davon profitieren? Wie waren deine Erfahrungen?

Für Dezember 1990 hatte ich mir in der Bibliothek in Aachen ein Praktikum organisiert, um zu sehen, ob mir die Arbeit in der Bibliothek gefallen könnte. Das war nicht der Fall. Als ich 1991 noch im Antiquariat arbeitete, hatte ich die Gelegenheit, an einem „Schnellkurs Westdeutscher Buchhandel“ teilzunehmen, den die Verlagsauslieferung KNO organisiert hat. Danke KNV! Danke Herr Voerster! Blieben mir noch die vielen guten Lehrbücher des westdeutschen Buchhandels, die jetzt auch für uns verfügbar waren. Daraus habe ich in kurzer Zeit sehr viel gelernt.

1992 wechseltest du zur Buchhandlung Peterknecht; ein traditionsreiches Haus, 1805 gegründet, seit 1935 im Besitz der Familie Peterknecht …

Das war eine sehr gute Zeit, da es endlich darum ging, Buchhändler zu sein und nicht mehr nur Buchverwalter. 1992 hatten sich die Verhältnisse und Strukturen schon etwas gefestigt in diesem neuen Land. Und doch fühlte sich noch alles neu an, vieles war möglich und noch so manches in Bewegung. Es waren schöne, spannende und aufregende Zeiten mit viel Gestaltungspotential.

Welche Standards, die der volkseigene Buchhandel gesetzt hat, würden deines Erachtens dem Buchhandel heute gut tun?

Hier bleibt mir als einzig Gutes: die fachlich-theoretische Ausbildung. Alle anderen Standards waren politische Korsetts, Nichtbuchhändlersein, Nichtservice, Mangelverwaltung, BWL-Vodoo. Zum Glück ist das überwunden und wer wünscht sich die DDR-Buchhandelszeiten zurück? – Ich auf keinen Fall.

Würdest du vom Literaturbetrieb, so wie du ihn in der DDR kennengelernt hast, etwas auf den hiesigen Betrieb übertragen wollen?

Ich könnte jetzt ganz einfach sagen: In der DDR gab es nicht so viele Bücher und das war gut so, weil das einzelne Buch noch mehr wertgeschätzt wurde. Erwuchs die Besonderheit des Buches aber nicht aus dem Fehlen und Mangel? Ich denke schon. Deshalb: Nein! Lieber ein paar Bücher zu viel, als nur eins zu wenig.

Warum hast du nach 30 Jahren dem Beruf des Buchhändlers den Rücken gekehrt?

Zeiten ändern sich. Ich habe als Buchhändlerin in 30 Jahren viel erlebt, gesehen und gearbeitet. Zeit weiterzugehen. Und Buchhändlerin bleibe ich in meinem Herzen immer.

Simone, herzlichen Dank. Wir bleiben im Gespräch!

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Nach dem Abschluss der Polytechnischen Oberschule (POS) absolvierte Simone Zopf (geb. 1965) zwischen 1981 und 1983 ihre buchhändlerische Lehre in Halle/Saale bei „Das Gute Buch“, der größten Volksbuchhandelsfiliale im Bezirk Halle. Nach der Übernahme durch ihren Ausbildungsbetrieb war sie dort für die Sortimente Fachbuch und Gesellschaftswissenschaften zuständig. Umzug nach Erfurt, wo sie ab 1988 im „Antiquariat des Volksbuchhandels“ tätig war. Die Leiterin des Antiquariats, das damals fünf Mitarbeiter hatte, wagte nach der Wende den Schritt in die Selbstständigkeit.

1992 kam Simone Zopf zu „Peterknecht“. Dort war sie 20 Jahre lang beschäftigt; zunächst für das Fachbuch verantwortlich, in späteren Jahren dann für Belletristik und als 1. Sortimenterin. Im Sommer 2012 holte ein junger Berufskollege die erfahrene Buchhändlerin in seine Buchhandlung „Die Eule“ nach Weimar. Nach 30 Berufsjahren brauchte Simone Zopf dann frischen Wind; nach ersten Erfahrungen als Verlagsvertreterin in 2015 möchte sie zukünftig hier anknüpfen.

Zum ersten Teil des Gespräches geht es hier

„Das System an sich war nicht verhandelbar.“ – Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Entwicklung des DDR-Buchhandels und dessen Strukturwandel infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Nachdem uns Maritta Tanzer, Heike Wenige und Holger Brandstädt einiges haben wissen lassen, teilt nun Simone Zopf ihre Erinnerungen. Sie kam 1981 als Lehrling zum volkseigenen Buchhandel und blieb dem Beruf über 30 Jahre treu. – Zum vorangegangenen Gespräch geht es hier.

Du hast deine Jahre bei „Das Gute Buch“ in Halle als „bleierne Zeit“ bezeichnet. Magst du das etwas näher ausführen?

Schwer zu beschreiben. Ich war jung, dynamisch, sehr interessiert. Die DDR, die Buchhandlung, das Leben allgemein war geprägt von Tristesse, Mangel, Verfall. Einerseits verfallende Städte, Umweltverschmutzung, Mangelwirtschaft – andererseits die offizielle Linie mit Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik, die allseits gebildete sozialistische Persönlichkeit, der „Klassenfeind“ etc. etc. Und dazwischen wir, die einfach nur jung waren und ihr Leben leben wollten, Bücher, Familie, Freunde, Urlaub, Party.

Die Stagnation dieser Zeit war völlig konträr zu meinen Vorstellungen von Leben und Arbeiten. Ich stand mit 18 Jahren als fertige Buchhändlerin in der Buchhandlung und hasste die Vorstellung, 45 Jahre so arbeiten zu müssen. Um mich dem täglichen Einerlei und der Langeweile zu entziehen, habe ich praktisch alles gemacht, was sich mir bot, um meine Zeit sinnvoll zu nutzen. So beispielsweise an der Telefonzentrale der Bezirksleitung, Arbeitszeitnachweise geführt, Posteingänge bearbeitet und einmal für drei Wochen als delegierte Aushilfe der Buchhandlung (sogenannte sozialistische Hilfe) in einem Betrieb für die Herstellung von Kohleanzünder gearbeitet. Das war ganz besonders interessant! Und anstrengend! Direkt in der Produktion mit ganz normalen, wirklich hart arbeitenden Menschen! Das war sozialistischer Realismus pur. Kannte ich sonst nur aus Büchern. Da waren die kulturpolitischen Aufgaben ganz weit weg. Dort habe ich etwas fürs Leben gelernt.

Aufgrund deiner Parteilosigkeit hat dein Betrieb dein Ziel vereitelt, ein Direktstudium an der „Fachschule für Bibliothekare und Buchhändler Erich Weinert“ in Leipzig aufzunehmen. Wie bist du mit dieser Entscheidung umgegangen?

Ich stand der Entscheidung der Kaderleitung machtlos gegenüber. Die Möglichkeit, zu kündigen und einfach zum Studium zu gehen, bestand nicht. Meine nächste Alternative, als Kulturbeauftragte zur Trasse in die Sowjetunion zu gehen, scheiterte ebenfalls genau an diesen Mechanismen. Das System an sich war nicht verhandelbar. – Glücklicherweise bin ich dann aus persönlichen Gründen nach Erfurt umgezogen und fand im Antiquariat des Volksbuchhandels meine Nische unter Gleichgesinnten. Und zum Glück kam dann 1989 die Wende.

Idealerweise waren leitende Stellen mit SED-Mitgliedern besetzt. Wie präsent war die Partei in deinem Betrieb?

Präsent. Einerseits haben wir uns immer beobachtet und kontrolliert gefühlt, andererseits haben wir als Buchhändler auch Tag für Tag unsere ganz normale Arbeit gemacht, waren Kollegen, hatten Spaß, haben gelesen. Normal eben. Schwer zu beschreiben.

Wie sah eure Zusammenarbeit mit der Bezirksdirektion des Volksbuchhandels aus, die ja im gleichen Gebäude untergebracht war wie „Das Gute Buch“?

Wir waren ja eine Bezirksstadt, standen als größte Buchhandlung  im besonderen Fokus der Bezirksleitung, allein schon aus der räumlichen Nähe. Im Großen und Ganzen haben wir versucht, Begegnungen aus dem Weg zu gehen

Antiquariate waren bei DDR-Bürgern beliebt, weil es dort vielfach mehr zu entdecken gab als in den herkömmlichen Buchläden. In Erfurt warst du ab 1988 im dortigen „Antiquariat des Volksbuchhandels“ beschäftigt. Was war hier anders als in Halle bei „Das Gute Buch“?

das Team im Antiquariat um 1992 © privat

das Team im Antiquariat um 1992 © privat

Wir waren Gleichgesinnte. Wir haben offen und ehrlich geredet, ohne Angst vor Partei und Staatssicherheit. Das war schon etwas Besonderes. Das Antiquariat bot uns einen geschützten Raum. Die äußeren politischen Umstände waren deshalb zwar nicht anders, sie ließen sich hier aber besser ausblenden. Diese Gemeinschaft war stärkend.

Der Umgang mit dem Buch und den Kunden war ein anderer. Wir haben täglich im Laden, in Privatwohnungen und auch ganze Bibliotheken angekauft, d.h. wir wussten nie, was es am nächsten Tag Neues gibt. Und die Kunden auch nicht. Das war jeden Tag eine Überraschung und ein bisschen wie Weihnachten. Meiner Vorstellung von einem guten Buchhändler, geprägt von Kundenservice, Offenheit, Toleranz und Rücksichtnahme, kam die tägliche Arbeit im Antiquariat so viel näher. Diese besondere Situation kenne ich auch von anderen Antiquariaten des Volksbuchhandels. Das waren Oasen für Buchhändler.

Kannst du bestätigen, dass die Antiquariate des Volksbuchhandels beschlagnahmte Bibliotheken, etwa von Republikflüchtigen, aufgekauft haben?

Ja, das kann ich für Erfurt. Beispielsweise konkret der Fall eines junges Mannes, der die DDR unerlaubt Richtung BRD verlassen hatte und dessen Besitz durch die Staatlichen Organe der DDR beschlagnahmt und veräußert wurde. Die Bücher bekamen wir zur Bewertung und in den Bestand. Die Mutter des jungen Mannes kam zu uns ins Antiquariat und bat um einige Bücher aus dem Bestand des Sohnes, bevor wir die Titel in den Laden stellen. Selbstverständlich gewährten wir ihr dies. Allerdings waren wir als staatliches Antiquariat verpflichtet, uns die Bücher bezahlen zu lassen.

Das Buch war zu DDR-Zeiten nicht nur eine begehrte Ware, sondern auch ein beliebtes Tauschobjekt. Hat das auch das Image des Buchhändlers beeinflusst?

Allerdings. Buchhändler war ein angesehener Beruf. Jemanden in einer Buchhandlung zu kennen, konnte von Vorteil sein. Deshalb kenne ich Buchhändler, die beim Kennenlernen neuer Leute andere Berufe angegeben haben, um nicht plötzlich viele neue „Freunde“ zu haben und ausgenutzt zu werden. Ich gab mich bisweilen als Zahnarzthelferin aus, bis mal jemand meine Meinung zu seinem Zahnstatus haben wollte.

Woran erinnerst du dich besonders in dieser Phase zwischen 1988 – 1989?

Das Publikum im Antiquariat war sehr anders als im ´normalen´ Buchhandel. Viele Sammler, Sucher, liebenswerte Spinner, Freaks, schräge Leute mit ganz speziellem Wissen und Können. Die Mischung der Leute und die allgemeine politische Luftveränderung führten zu interessanten Gesprächen. Manchmal fast wie in einer Parallelwelt. Oder wie in einem Roman. Ja, manchmal kommt es mir so vor, als wären wir damals alle Romanfiguren gewesen.

Hat dich die Wende überrascht?

Im Grunde ja. Oder auch nicht. Das etwas passiert, war klar. Aber wie, wo, in welchem Tempo und mit welchen Konsequenzen, war mir zu diesem Zeitpunkt nicht klar.

Über deine Erfahrungen nach dem Mauerfall sprechen wir in der kommenden Woche.

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Nach dem Abschluss der Polytechnischen Oberschule (POS) absolvierte Simone Zopf (geb. 1965) zwischen 1981 und 1983 ihre buchhändlerische Lehre in Halle/Saale bei „Das Gute Buch“, der größten Volksbuchhandelsfiliale im Bezirk Halle. Nach der Übernahme durch ihren Ausbildungsbetrieb war sie dort für die Sortimente Fachbuch und Gesellschaftswissenschaften zuständig. Umzug nach Erfurt, wo sie ab 1988 im „Antiquariat des Volksbuchhandels“ tätig war. Die Leiterin des Antiquariats, das damals fünf Mitarbeiter hatte, wagte nach der Wende den Schritt in die Selbstständigkeit.

1992 kam Simone Zopf zu „Peterknecht“. Dort war sie 20 Jahre lang beschäftigt; zunächst für das Fachbuch verantwortlich, in späteren Jahren dann für Belletristik und als 1. Sortimenterin. Im Sommer 2012 holte ein junger Berufskollege die erfahrene Buchhändlerin in seine Buchhandlung „Die Eule“ nach Weimar. Nach 30 Berufsjahren brauchte Simone Zopf dann frischen Wind; nach ersten Erfahrungen als Verlagsvertreterin in 2015 möchte sie zukünftig hier anknüpfen.

Zum ersten Teil des Gespräches geht es hier

„Entweder es gab das Buch – oder eben nicht.“ – Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Entwicklung des DDR-Buchhandels und dessen Strukturwandel infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Nachdem uns Maritta Tanzer, Heike Wenige und Holger Brandstädt einiges haben wissen lassen, teilt nun Simone Zopf ihre Erinnerungen. Sie kam 1981 als Lehrling zum volkseigenen Buchhandel und blieb dem Beruf über 30 Jahre treu. – Zum ersten Teil unseres Gesprächs geht es hier.

Nach der Lehrzeit wurdest du von „Das Gute Buch“ in Halle übernommen. War das dein Wunschbetrieb?

Nein. Am allerliebsten hätte ich schon damals im Antiquariat gearbeitet. Das Antiquariat Halle, unter der Leitung des sehr geschätzten Kollegen Herrn Wolff, war eine (gefühlte) Insel inmitten des real existierenden sozialistischen Buchhandels. Die alten Bücher und der schöne, alte Laden versprachen große Freiheit.

Als junge Buchhändlerin warst du für die Sortimente Fachbuch und Gesellschaftswissenschaften, und damit auch für die Parteiliteratur, zuständig. Waren solche Titel in den späten 1980er überhaupt noch gängig?

Simone Zopf © privat

Simone Zopf © privat

Was heißt gängig? Die waren einfach da. Die Parteiliteratur war für alle verpflichtend, die in der Partei oder parteinah waren. Sie wurde für das sogenannte Parteilehrjahr gebraucht. Auch Studenten mussten für diese Bücher ihr Geld ausgeben. Zum Beispiel: „ Bericht des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands an den X. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Berichterstatter Erich Honecker“. Davon wurden tausende Exemplare verkauft. Aber auch gelesen??

Manches in diesem Segment haben wir unter uns auch umgedichtet. Aus Friedrich Engels „ Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ wurde „Der Affe auf dem Weg zur Arbeit“. Erich Honecker Biografie „ Mein Leben“ hieß unter Buchhändlern auch schon mal „ Aus dem Leben eines Taugenichts“. – So ganz ernst genommen haben wir das alles nicht.

Obschon es immer schwieriger wurde, ideologische Traktate an den Mann und die Frau zu bringen, war Planerfüllung wichtig. Wie seid Ihr verfahren, wenn absehbar war, dass der Umsatz von Parteiliteratur nicht stimmte?

Nichts. Wie auch? Aktiv verkaufen war nicht. Vielleicht im Kundengespräch: „Ach übrigens gibt es jetzt so ´ne neue Broschüre zum Parteitag, tolles Vorwort und gute Argumente“. Nee, das hat niemand gemacht und niemand gewollt. Am Ende war es ja auch egal, ob der Umsatz gestimmt hat, oder nicht. Ging ja trotzdem weiter. Naja, zumindest bis 1989.

Welche Titel waren während deiner Zeit besonders schwer zu beschaffen und welche lagerten wie Blei?

Interessante Fragestellung. Weil: „schwer zu beschaffen“ impliziert ja, dass es möglich war, Titel zu besorgen. Abgesehen von einigen Fachbüchern war aber nichts zu beschaffen. Entweder es gab das Buch – oder eben nicht. Das, was es gab, wollte keiner und das, was die Kunden wirklich wollten, gab es nicht.

Bückware. Gingen in eurem Betrieb auch Bücher unter der Ladentheke weg? Erinnerst du dich noch daran, was besonders begehrt war?

Wo soll ich anfangen, wo aufhören? Immer Mangelware: Autoatlanten (es gab nur zwei: einen großen, einen kleinen), Gartenbücher, Bildbände (Edition Leipzig, Seemann), Belletristik westdeutscher Autoren, kritische ostdeutsche Autoren, Bilderbücher, Lexika, Wörterbücher, Reiseliteratur etc. etc. Es gab in der Buchhandlung einen sogenannten „Giftschrank“, in dem Exemplare der besonderen Art, weil selten und somit tauschbare (!) lagerten. Über diese verfügten die Abteilungsleiter/Buchhandelsleiter.

Wie haben die Kunden reagiert, wenn Wunschlektüre partout nicht lieferbar war?

Fatalistisch. Die Kunden kannten es nicht anders. Bitter, aber wahr. Dafür war die Freude umso größer und wirklich echt, wenn sie dann tatsächlich einmal ein Buch in die Hände bekamen, das sie schon so lange haben wollten. Dafür haben wir Buchhändler auch schon mal gesorgt. Viele Kunden kamen täglich, um nach dem gewünschten Buch nachzufragen. Oft gab es eben nur 1 – 3 Exemplare für die Buchhandlung. Und so war das Buch eben „durch“, d.h. vergriffen, wenn der Kunde dann am nächsten Tag kam. Da wir unsere Kunden gut kannten, haben wir bisweilen (unerlaubt) das Buch auf einen fiktiven Namen ins Abholfach gestellt und es dem Kunden dann gegeben. – Jetzt, wo ich darüber nachdenke, erscheint mir dieses Leben und dieses Arbeiten kaum mehr vorstellbar.

Wie lief das mit den Vorbestellungen?

Im „Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel“ gab es die Beilage „Vorankündigungsdienst für den Buchhandel“ (VD). Dieser enthielt die Anzeigen der Erst- und Nachauflagen sechs Wochen vor dem Erscheinungstermin der Titel. Das war praktisch das einzige Arbeitsmittel für Titelneuankündigungen und auch die einzige Informationsquelle für die Kunden. Wir haben ca. 20 Titel ausgewählt und an ein Brett gehangen.

Diese Titel konnten die Kunden dann tatsächlich bestellen. Bestellen hieß hier allerdings auch noch nicht bekommen. Bei reinen Fachbüchern war es vergleichsweise einfacher mit der Bestellung, hier war auch mal eine Nachbestellung möglich.

Zu den wirklich begehrten Büchern wie Autoatlanten, Garten- oder Eisenbahnbüchern gab es, wenn sie denn im VD angezeigt wurden, manchmal eine Vormerkerliste. Das funktionierte dann beispielsweise so: auf die Liste konnten ca. 30 bis 50 Kunden eingetragen werden. Das war noch keine Bestellung mit Anspruch auf Erhalt. Die Kunden wussten das, waren aber froh, schon einmal auf einer Liste zu stehen. Die Buchhandlung konnte die Titel nach Anzeige im VD bei LKG ordern. Die Bestellzahlen allerdings waren utopisch. Es wurden 1000 Exemplare bestellt. Davon wurden vielleicht 60 in die Buchhandlung geliefert. Von diesen kamen 10 in den „Giftschrank“, 20 waren für Kollegen, ebenso viele für die die ersten 20 Kunden auf der Liste und der Rest war für den Freiverkauf im Laden bestimmt, wenn es gut lief.

Dieses absurde Bestellverhalten führte dazu, dass eines schönen und wundersamen Tages von 999 bestellten Kochbüchern doch tatsächlich, warum auch immer, eine große Palette mit circa 600 Exemplaren in der Buchhandlung eintraf. Das Erstaunen und die Freude für uns und die Kunden war groß. So hatten wir doch mal einen Nachmittag und auch noch am folgenden Vormittag ein sehr begehrtes Kochbuch tatsächlich vorrätig.

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Nach dem Abschluss der Polytechnischen Oberschule (POS) absolvierte Simone Zopf (geb. 1965) zwischen 1981 und 1983 ihre buchhändlerische Lehre in Halle/Saale bei „Das Gute Buch“, der größten Volksbuchhandelsfiliale im Bezirk Halle. Nach der Übernahme durch ihren Ausbildungsbetrieb war sie dort für die Sortimente Fachbuch und Gesellschaftswissenschaften zuständig. Umzug nach Erfurt, wo sie ab 1988 im „Antiquariat des Volksbuchhandels“ tätig war. Die Leiterin des Antiquariats, das damals fünf Mitarbeiter hatte, wagte nach der Wende den Schritt in die Selbstständigkeit.

1992 kam Simone Zopf zu „Peterknecht“. Dort war sie 20 Jahre lang beschäftigt; zunächst für das Fachbuch verantwortlich, in späteren Jahren dann für Belletristik und als 1. Sortimenterin. Im Sommer 2012 holte ein junger Berufskollege die erfahrene Buchhändlerin in seine Buchhandlung „Die Eule“ nach Weimar. Nach 30 Berufsjahren brauchte Simone Zopf dann frischen Wind; nach ersten Erfahrungen als Verlagsvertreterin in 2015 möchte sie zukünftig hier anknüpfen.

„Wir Buchhändler haben im Grunde mit viel Aufwand den Mangel verwaltet.“ – Gespräche mit ehemaligen DDR-Buchhändlern

Meinen hier publizierten Versuch, die Entwicklung des DDR-Buchhandels und dessen Strukturwandel infolge der Privatisierung zu skizzieren, habe ich mit der Bitte verknüpft, dass sich Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen einbringen mögen. Nachdem uns Maritta Tanzer, Heike Wenige und Holger Brandstädt einiges haben wissen lassen, teilt nun Simone Zopf ihre Erinnerungen. Sie kam 1981 als Lehrling zum volkseigenen Buchhandel und blieb dem Beruf über 30 Jahre treu.

Warum hast du dich für den Beruf des Buchhändlers entschieden?

Ich konnte lesen – das war schon einmal ein guter Anfang. Buchhändler war der einzige Beruf, den ich wirklich lernen wollte. Die Vorstellung der großen, offenen, vielfältigen Welt der Bücher und Schriftsteller hat mich fasziniert. In der Schule war ich eine der wenigen, die Literaturunterricht spannend fanden, fast ein Exot in meiner Klasse und so hoffte ich, in der Berufsausbildung Gleichgesinnte zu finden, denen Bücher so viel bedeuteten wie mir. An der Berufsschule für Buchhändler in Leipzig und auch in der Buchhandlung in Halle habe ich genau dies in einigen (wenigen) Lehrern, Kollegen und Mitschülern gefunden. Wir haben sehr viel gelesen, mit und für Bücher gelebt und diese wertgeschätzt.

Die Verlage und der Buchhandel gehörten zum kulturellen Bereich in der DDR, so wie Film, Theater, Kunst, Bibliotheken und Museen.

Selbstverständlich war es in der DDR nicht, dass man seinen Wunschberuf ergreifen konnte …

Nein, das war es nicht. Für meinen Jahrgang war genau eine Ausbildungsstelle als Buchhändler im zentral herausgegebenen Lehrstellenverzeichnis der Stadt Halle verzeichnet. Jeder Schüler erhielt in der 9. Klasse eine einzige Bewerberkarte und nur mit dieser konnte man sich auf genau eine Stelle bewerben.

War dir bewusst, dass dem Buchhandel eine erzieherische Funktion zugedacht war und er dementsprechend auch in der Pflicht stand, politisch genehme „Schwerpunkttitel“ zu vertreiben?

Nein, in diesem frühen Stadium nicht. Allerdings haben wir davon in unserer Ausbildung schnell und umfassend erfahren. Aber verinnerlicht? Eher nicht. Es gab in der DDR ein „Lehrbuch für Buchhändler“. Daraus konnte ich lernen, zum Beispiel dass „Die Triebkraft im kapitalistischen Verlagswesen und Buchhandel ist das Streben nach Profit“ während „In der sozialistischen Gesellschaf (es) Aufgabe des Verlagswesens und Buchhandels (ist), zur immer besseren Befriedigung der ständig wachsenden materiellen und kulturellen Bedürfnisse der Bevölkerung beizutragen“. Worthülsen angesichts der Realität in der DDR und der Arbeitswirklichkeit in den Buchhandlungen.

Wie sah denn die Wirklichkeit in der Buchhandlung aus?

LKG Umfrage Ende 1960er Jahre (1)

LKG Umfrage Ende 1960er Jahre (1)

Die Buchhandlung war alt, schlecht zu heizen, durch Umbauten im sozialistischen Stil verhunzt, z.B. Kassenhäuschen mit Glasscheibe wie in der Kaufhalle. Die Kunden durften nur mit einem am Eingang bereitstehendem Korb durch den Laden gehen (Anzahl limitiert), mussten die Bücher kaufen, die halt gerade da waren und dann die gekauften Bücher selbst einpacken (wenn Papier da war). Kundenservice Fehlanzeige. Tatsächlich war der Kunde nicht willkommen. Das war DDR Alltag.

Auf ungefähr 400 qm Verkaufsfläche kamen 40 Mitarbeiter (Laden, Büro, Hauptkasse, Hausmeister, Wareneingang, Abholfach, Parteileitung, Buchhandelsleiter….) Viele Mitarbeiter und doch wurde nicht genug gearbeitet. Und wir als Buchhändler haben im Grunde mit viel Aufwand den Mangel verwaltet.

Wie schätzt du deine Lehrzeit bei „Das Gute Buch“ im Rückblick ein?

Anfangs eröffnete sich mir tatsächlich eine neue, weite Welt. Ich lernte noch einige Kollegen aus der alten Buchhandelszeit kennen, vielleicht kann ich sie als bürgerlich bezeichnen, die waren irgendwie anders, nicht politisch durchdrungen, normal eben. Im Unterschied zu den jüngeren, politisch gebundenen Kollegen, die selbst schon die Stufen der politischen Erziehung durchlaufen hatten. Dazu kamen wir – Lehrlinge und sogenannte Jungfacharbeiter. Wir waren doch sehr anders (meinten wir jedenfalls damals) und haben versucht in diesen, für uns antiquierten Strukturen neue Wege zu finden. Aber vieles war so eng, so begrenzt, so unbeweglich. Andererseits waren wir irgendwie ganz normale Kollegen, haben gelacht, gestritten, gefeiert und ein bisschen gearbeitet🙂

Gab es etwas, was dich als Lehrling besonders „genervt“ hat?

Die Arbeitszeit von 8,45 Stunden plus Pausen war in 2 Schichten eingeteilt. 7:00 Uhr bis 16:30 Uhr oder 9:00 Uhr bis 18:00 Uhr. Früh 7 Uhr (!) wurde mit Staubtuch, Wasser und Lappen alles durchgeputzt. Jeden Tag. Alle Regale. Im Alter von 16/17 Jahren empfand ich das als ziemlich sinnlos. Das ganze Land war dreckig und ich sollte um 7 Uhr morgens dagegen ankämpfen…

So habe ich sehr gern und oft meinen Dienst gegen die Spätschicht getauscht, oder einfach länger geschlafen. Natürlich gab es dann auch Ärger, aber who cares, niemand konnte entlassen werden in der DDR. Immerhin habe ich so meinen Ausbildern eine gute Gelegenheit verschafft, an mir im Sinne des Sozialismus erzieherisch tätig zu werden….

Wie bewertest du den theoretischen Unterricht an der Leipziger „Berufsschule für Buchhändler“ aus heutiger Sicht?

LKG Umfrage Ende 1960er Jahre (2)

LKG Umfrage Ende 1960er Jahre (2)

Das war eine inhaltlich sehr gute, fundierte, umfangreiche Ausbildung. Sehr besonders waren die Fächer „Literaturkunde“ und „Wissenschaft und Technik“. In Literatur wurden uns sehr gründlich Literaturkenntnisse aller Epochen vermittelt. Hauptaugenmerk lag allerdings auch hier auf der sozialistisch geprägten Literatur: sozialistischer Realismus, Bitterfelder Weg, Sowjetliteratur oder den bürgerlichen Schriftstellern, die ins ideologische Bild der DDR passten bzw. passend gemacht wurden wie zum Beispiel Arnold Zweig.

Das Fach „Wissenschaft und Technik“ unterrichtete eine sehr kluge, für uns allwissende Lehrerin. Hier ging es nur um Fakten. Basiswissen aus wirklich allen Fachgebieten. Medizin, Technik, Bergbau, Sprachen, Philosophie, Pädagogik, Chemie… Die ganze Bandbreite des Sortiments und das ganze praktisch unpolitisch. Eine Oase in der Ausbildungszeit. Die Tiefe und Breite dieses Unterrichts war genau die Art von Horizonterweiterung, die ich brauchte. Je mehr ich hörte, desto mehr wollte ich wissen und lesen und diskutieren und dabei sein. – Im Laufe des Buchhändlerjahre kam dann allerdings die Erkenntnis: Das Wissen eines Buchhändlers ist Fußballfeld groß, aber nur Spatentief.😉

Welchen Anteil hatte die Staatsbürgerkunde im Rahmen deiner Ausbildung?

Kannten wir alles schon aus vier Schuljahren an der POS. Da war Staatsbürgerkunde auch schon langweilig. Es gab kein Entrinnen. Allerdings versuchten wir im Unterricht immer zu diskutieren. Die Klassenstruktur war recht durchmischt, kirchlich Gebundene, politisch Korrekte, Suchende, Zweifelnde und Gleichgültige, denen eine politisch linientreue Staatsbürgerkundelehrerin gegenüberstand. Die Diskussionen hörten an der Schultüre nicht auf. Hier prallten Welten aufeinander. Aber es war spannend.

Worauf wurde während deiner Ausbildung besonders großen Wert gelegt?

Die Ausbildung allgemein war schon darauf angelegt, aus uns nützliche Glieder der Gesellschaft zu schmieden. Egal, was gearbeitet wurde – Bücher verkaufen, Straßenbahn fahren, Häuser bauen – das waren offiziell nicht einfach nur Tätigkeiten, nein, alles wurde politisch überhöht und sollte immer ein Kampf für Frieden und Sozialismus sein. Ich hatte aber auch das Glück, noch auf einige ältere, erfahrene Buchhändler zu treffen, die mir weitab vom Politischen noch etwas vom ursprünglichem Beruf des Buchhändlers lehren konnten: Wissen, Zuhören, Belesenheit, Klugheit, Umgang mit Menschen, Integrität.

Schlussendlich haben wir unsere Arbeit getan. Die große Aufgabe – Sozialismus bla, bla – hat uns in der täglichen Arbeit nicht interessiert.

Was war während deiner Lehrzeit Pflichtlektüre?

Zwischen ungeliebten Ladenhütern (hohe Auflagen, praktisch immer in der Buchhandlung verfügbar) – Willi Bredel, Hans Marchwitza, Erik Neutsch – und begehrten Büchern (kleine Auflage, selten zu haben) – de Bruyn, Cibulka, Fritz Erpenbeck, Christa Wolf, Christoph Hein, Heiner Müller – gab es die breite Masse an Titeln, die so schlecht nicht war und in Ermangelung besserer Bücher gekauft wurde. Zwischen all diesen Titeln lag auch unsere Pflichtlektüre. Sehr viel Wert wurde auf Buchbesprechungen gelegt. Die haben wir sehr oft geschrieben. Manchmal nicht gern …

Spielten die „Ordnung für den Literaturbetrieb“ und das „Statut für den Volksbuchhändler“ noch eine Rolle?

Wenn es diese Ordnung gab, sollte ich davon während meiner Buchhändlerzeit gehört haben. Allerdings scheint es mich nicht nachhaltig beeindruckt zu haben, bzw. war es für die tägliche Arbeit nicht von Belang, sodass mir die Inhalte in Vergessenheit geraten sind. Während der täglichen Arbeit war es eben doch wichtiger, die Kartei ordentlich zu führen, ohne Differenzen an der Kasse zu arbeiten, Buchlaufkarten korrekt auszufüllen oder Bücher auf einer Palette so aufzubauen, dass sie nicht umfielen. Vielleicht stand das ja drin. Dann habe ich doch etwas daraus gelernt😉

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Nach dem Abschluss der Polytechnischen Oberschule (POS) absolvierte Simone Zopf (geb. 1965) zwischen 1981 und 1983 ihre buchhändlerische Lehre in Halle/Saale bei „Das Gute Buch“, der größten Volksbuchhandelsfiliale im Bezirk Halle. Nach der Übernahme durch ihren Ausbildungsbetrieb war sie dort für die Sortimente Fachbuch und Gesellschaftswissenschaften zuständig. Umzug nach Erfurt, wo sie ab 1988 im „Antiquariat des Volksbuchhandels“ tätig war. Die Leiterin des Antiquariats, das damals fünf Mitarbeiter hatte, wagte nach der Wende den Schritt in die Selbstständigkeit.

1992 kam Simone Zopf zu „Peterknecht“. Dort war sie 20 Jahre lang beschäftigt; zunächst für das Fachbuch verantwortlich, in späteren Jahren dann für Belletristik und als 1. Sortimenterin. Im Sommer 2012 holte ein junger Berufskollege die erfahrene Buchhändlerin in seine Buchhandlung „Die Eule“ nach Weimar. Nach 30 Berufsjahren brauchte Simone Zopf dann frischen Wind; nach ersten Erfahrungen als Verlagsvertreterin in 2015 möchte sie zukünftig hier anknüpfen.

Die unglaubliche und eigentlich unwahrscheinliche Geschichte der ersten West-Buchhandlung in der DDR

Ein Gastbeitrag von Theo Schäfer

Alles war anders als vorher – aber nachher war auch wieder alles anders

Als am Montag, dem 18. Dezember 1989 gegen 8 Uhr in der Früh eine fahle Wintersonne ihre ersten tastenden Strahlen vom östlichen Horizont nach Dresden sickern ließ, waren sie gerade noch stark genug, winzige Feuerblitze an den güldenen Flanken des Goldenen Reiters zu entfachen. Die Szene, die sich den Augen des seit Jahrhunderten nach Osten galoppierenden August des Starken darbot, war eigentlich gespenstisch. Neben dem Sockel seines Denkmals endete eine dunkelgraue, nahezu unbewegliche Kolonne von Menschen, die mehre hundert Meter lang in Dreier- und Viererreihen in die Straße der Befreiung hineindrängte. Das Ziel dieser nur leise in sich wogenden grauen Masse war der Eingang zu dem an diesem Tage eröffneten Club-Center des Bertelsmann Buchclubs.

Dass in diesem Menschen-Konvolut Leben herrschte, war vor allem daran abzulesen, dass der Atem aller hier Wartenden in der 16 Grad kalten Winterluft zu kurzlebigen Eisfähnchen erstarrte. Ich stand dieser Szenerie völlig hilflos gegenüber, wissend, wie klein unsere Buchhandlung war, ahnend, wie unendlich lang diese Menschen in der klirrenden Kälte auszuharren haben würden. Ein Kollege ließ sich mit dem Auto an der wartenden Menschenmenge entlang fahren, streckte seinen Kopf durch das geöffnete Schiebedach, forderte die Menschen mit Hilfe eines Megaphons dazu auf, angesichts der Kälte nach Hause zu gehen: „Wir sorgen dafür, dass Sie alle die gewünschten Bücher erhalten, morgen gegen 8 Uhr kommt schon die nächste Lieferung, da müssen Sie dann nicht mehr so lange warten!“

Kein einziger Mensch verließ die Warteschlange. Augenzeugen berichteten später, diese Warteschlange sei deutlich länger gewesen, als jene vor den ersten Visa-Schaltern für Westreisen. Übrigens war die Schlange am nächsten Tag nicht kürzer, am übernächsten Tag genauso wenig – sie war im wortwörtlichen Sinn zu einer stehenden Einrichtung der Straße der Befreiung geworden und blieb es auch bis zum endgültigen Ladenschluss zehn Tage später.

Am 9. November war die Mauer gefallen, nichts war mehr wie vorher. Dass fünf Wochen später in der Straße der Befreiung 36 ein komplett eingerichteter, moderner und schöner Buchladen seine Pforten öffnen konnte, hat natürlich eine Vorgeschichte, eine sehr kurze, sehr dramatische, sehr schöne Vorgeschichte.

Zwei Versionen leben in der Erinnerungen derer, die damals dabei gewesen sind: Die eine erzählt, dass der charaktervolle und angstfreie Dresdener Oberbürgermeister, ja, genau jener, der als erster mit den „Konterrevolutionären“ sprach und sie um einen runden Tisch versammelte, also Wolfgang Berghofer, den Vorstandvorsitzenden der Verlagsgruppe „Gruner & Jahr“, die zum Medienkonzern Bertelsmann gehörte und gehört, die Frage gestellt hat, ob es denn denkbar und möglich sei, für die Bürger Dresdens noch vor Weihnachten einen westlichen Buchladen zu eröffnen. Die andere Version erzählt, dass aus dem Druckmaschinen-Kombinat „Planeta“ in Dresden, zu dessen größten Kunden Bertelsmann gehörte, der entscheidende Tipp an den Rat der Stadt Dresden ergangen sei. Und dass daraufhin der stellvertretende Bürgermeister die Bertelsmänner zu einem vorweihnächtlichen Testverkauf eingeladen habe. Wahrscheinlich ist an beiden Versionen etwas dran.

Von nun an wurde es turbulent, kurz darauf wuchs aus der Turbulenz hechelnde Hektik: Am 4. Dezember beschloss die Geschäftsleitung des Bertelmann Clubs, noch vor den Festtagen einen kompletten Buchladen in Dresden zu eröffnen. In diesem Zusammenhang ist der Hinweis darauf dienlich, dass man damals in Dresden weder einen Nagel, noch einen Sack Gips oder gar ein Buchregal hätte kaufen können. Vorhanden waren zwei nackte, kahle Räume, von der Stadt zur Verfügung gestellt. Alles andere musste aus dem provinziellen ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück in die geschichtspralle Residenzstadt Dresden gekarrt werden. Und man nahm sich immerhin 14 Tage Zeit, um zu planen, die erforderliche Mannschaft zu definieren und zu informieren, Bücher, Mörtel, Nägel, Schrauben und Mobiliar zu organisieren, die erforderliche Bürokratie zu bewältigen, Werbematerialien inklusive Beitrittserklärungen zu drucken. Darf doch ein Buchclub die deutlich preisgünstigeren Lizenzausgaben ausschließlich an eingetragene Mitglieder verkaufen.

Alles schien wie am Schnürchen zu laufen. Zumindest was die DDR-Obrigkeit betraf – sie schien gar nicht vorhanden zu sein, offensichtlich war alles von höherer Stelle mit höchstem Wohlwollen gesegnet worden. Keiner fragte nach Genehmigungen, niemand interessierte sich für Beglaubigungen, keiner kümmerte sich um Berechtigungen. In der Straße der Befreiung war man – zum ersten Mal in der Geschichte dieser Straße mit dem so schönen Namen – von allem befreit!

Trotzdem gab es sehr dramatische Stunden, als unsere beiden Sattelschlepper bei Bad Hersfeld vom bundesrepublikanischen Zoll festgehalten worden: Ein bornierter und besonders blöder Beamter wollte überprüfen, ob die irgendwo in einem der beiden Sattelschlepper verstauten mehrere Jahre alten Registrierkassen nicht aufgrund des Technologietransfergesetzes Einreiseverbot bekommen müssten. Als ich dann im zuständigen Bonner Ministerium dem entsprechenden Ministerialdirigenten mitteilte, er werde am kommenden Tag in der BILD-Zeitung als „Deutschlands dümmster Beamter, der den Dresdener Brüdern und Schwestern die Weihnachtsfreude nicht gönnt“ auf der Titelseite prangen, kam das Signal für freie Fahrt sehr flott. Nobel war das nicht von mir, aber die Story war tatsächlich abgesprochen und kein Bluff. Jeder Journalist hätte im Wirbel des Ost-West-Freudentaumels damals mitgemacht. Und mich hat nie ein Gewissensbiss in diesem Kontext geplagt.

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Von diesem 4. Dezember an war alles in Bewegung – nur August der Starke blieb ganz ruhig und unbewegt, galoppierte standhaft gen Osten, ganz so wie er es seit dem Jahre 1734 zu tun pflegt. Alle anderen Menschen an diesem Ort gaben sich den Tagwerken und ohne Pause den Nachtwerken hin. Als man begann, die Schaufenster zu dekorieren, wurden im Lager die Wände noch mit Gips geglättet und dann weiß gepinselt. Und am Sonntag, dem 17.12. war tatsächlich alles Fertig, auch die beteiligten Mitarbeiter. An den Schaufensterscheiben drückten sich viele Neugierige die Nasen platt, wurden natürlich eingelassen, bestaunten die 10.000 Bücher in den Regalen, unterschrieben die Beitrittserklärung und so verfügte der DDR-Club vor der Eröffnung bereits über 1200 Mitglieder – ein in der über 40jährigen Clubgeschichte einmaliger Vorgang.

Einmalig war auch das Interesse der Medien, und das war keineswegs den so besonders tüchtigen, wackeren und emsigen Club-Mitarbeitern zu danken. Begab es sich doch am nämlichen Tag, dass es Helmut Kohl gefiel, Dresden seinen allerhöchsten Besuch abzustatten. Diesem Umstand war es zu verdanken, dass 14 TV-Teams erschienen, von Radio- und Print-Journalisten ganz zu schweigen. Rundherum war alles eitel Wonne – nur die Leiterin der uns benachbarten volkseigenen Buchhandlung „Bücherstube Gutenberg“ war durch die Diskrepanz zwischen der eigenen Situation mit der entsetzlich mangelhaften Bücherversorgung, der absolut schleppenden Renovierung ihres total verstaubten Ladens und der auch für Wessis atemberaubenden Geschwindigkeit unseres Ladenprojekts so frustriert, dass sie ihre Bücherstube resigniert zusperrte. Für einige Journalisten ein gefundenes Fressen, um über uns herzuziehen, was uns nicht egal, sondern scheißegal war.

Bereits am Montag traf sich die Club-Mannschaft mit 20 der damals 27 Dresdener Buchhändlern zu einem gründlichen, absolut amikalen Informations-Austausch. Vom ersten Tag an gab es unzählige freiwilligen Helfer, mit Hilfe der Dresdener Presse war es auch gelungen, die Menschen so zielgerichtet zu informieren, dass „nur“ noch mit zwei- bis vierstündigen Wartezeiten zu rechnen war. Das klingt aus heutiger Sicht völlig verrückt, aber zuvor gab es Menschen, die sich um 4 Uhr früh anstellten, um dann gegen Mittag mit den gewünschten Büchern nach Hause zu gehen.

Nach 10 Tagen wurde dieser „Probeverkauf“ beendet. Am 29. Dezember wurde die Tür um 13 Uhr gesperrt, an die noch Wartenden wurden als Trostpflaster die noch vorhandenen Straßenkarten und Reiseführer verschenkt, vorher noch dem 30.000 Clubmitglied mit Blumen und Sekt gratuliert, der Laden blitzblank geräumt und dann der Kassensturz zelebriert. Dazu muss darauf hingewiesen werden, dass wir alle Bücher zum Einheitspreis von 5 Ost-Mark verkauft haben. In der Kasse lagen 831.650 Ost-Mark. Die sofort auf ein Dresdener Bankkonto flossen, um dort auf den 1:1–Umtausch zu warten. Klar war bei uns eines: Diese Summe sollte ohne jeden Abzug den Dresdenern zugutekommen – in welcher Form auch immer.

In Rheda und Gütersloh begann man ungesäumt: Die Fundamente einer gesellschaftsrechtlich fundierten Firma mussten erstellt, urheberrechtliche Fragen geklärt, lager- und produktionstechnische Probleme gelöst und Standorte für Filialen gefunden werden. Innerhalb eines guten Jahres gab es zwischen Rostock und Suhl 21 Filialen und rund 1 Million Mitglieder der Firma „Deutscher Bücherbund“. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die unglaublich und fast unglaubwürdige Geschichte des ersten West-Buchladens in der DDR verdient aber noch eine Schluss-Pointe – nein, das ist mir viel zu wenig: Sie verdient ein Happy End, und just dieses vermag ich zu liefern: Als der 1:1 – Austausch DDR-Mark – DM über die Bühne gegangen war, erhielt der Dresdener Kreuzchor nach über 70 Jahren wieder eine eigene Orgel für – wenn ich mich recht erinnere – rund 275.000 DM. Der Rest des Geldes floss in Bibliotheks-Mobile, weil viele Vorstadt-Bibliotheken schließen mussten und in andere Projekte des Sozialfonds der Stadt.

Als ich viele Monate später zum ersten Mal die Engelsstimmen der Kruzianer mit der Begleitung „unserer“ Orgel hörte, rollten ein paar Freudentränen über meine Wangen – erstens weil sie wirklich himmlisch sangen und zweitens, weil ich unendlich dankbar dafür war, jene 10 magischen Tage in Dresden zum Teil miterlebt zu haben.

© Theo Schäfer

Theo Schäfer, Jahrgang 1942, Dr. phil., freier Journalist, Verlagslektor bei Hoffmann & Campe, Pressechef des ORF, Chefredakteur HÖRZU Österreich, Pressechef Bertelsmann AG, 1989 Mitglied der Geschäftsleitung des Bertelsmann Clubs, verantwortlich für Kultur- und Öffentlichkeitsarbeit