Odessa: Die Stadt der Literatur und der Hunde

„Wir sind glücklich, dass sie auf uns aufpassen.“  Eine Reise in die Ukraine – Teil 1

Wenig weiß man in Westeuropa über die Ukraine. Und das, was man zu wissen meint, ist mit Klischees und Vorurteilen durchsetzt: Misswirtschaft, Korruption, Kriminalität, Prostitution. Wenn überhaupt darüber berichtet wird, dann sind das die großen Themen. Seit Annexion der Krim, dem formalen Beitritt der Halbinsel zu Russland im März 2014 infolge eines spontan abgehaltenen Referendums und dem Bürgerkrieg in den Gebietskörperschaften Donezk und Lugansk in der Ostukraine ist es zudem schwierig geworden, sich jenseits von westlicher und russischer Propaganda über Land und Leute eine Meinung zu bilden.

Nationalfarben © Sabine Münch

Mit einer Delegation des Deutschen Tierschutzbundes war ich im Juli 2017 vor Ort. In Odessa am Schwarzen Meer, das übrigens nicht schwarz, sondern smaragdgrün ist. Vom Flieger aus ebenfalls sofort auffällig: plattes Land, riesige Anbauflächen. Und, in der Tat, rund 32 Millionen Hektar Ackerland gibt es dort; was etwa einem Drittel der Ackerfläche der gesamten Europäischen Union entspricht. Da sich hier große Mengen an nährstoffreicher Schwarzerde befinden, sind die Anbauflächen bei ausländischen Investoren sehr begehrt.

Das Gebiet um Odessa, die „Oblast Odessa“, liegt geopolitisch in einer ungünstigen Lage: eingekesselt zwischen der Halbinsel Krim im Osten und Transnistrien im Südosten. Eine Republik am Ufer des Dnjestr, die sich im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion von Moldawien abgespaltet hat. 1992 gipfelte der Konflikt in einem kurzen blutigen Krieg. Transnistrien, eine der größten europäischen Drehscheiben für Geldwäsche und den Handel mit Drogen und Waffen, ist international nicht anerkannt, wird aber von Russland unterstützt. Die Hauptstadt heißt Tiraspol. – Unweit davon ist mein Großvater väterlicherseits im April 1944 gefallen.

Anflug auf Odessa © GvP

Odessa weist einige Superlative auf. Mit 1.02 Millionen Einwohnern ist sie die drittgrößte Stadt der Ukraine. Neben dem größten Hafen des Landes, der von Anbeginn ein geostrategisches Projekt Russlands gewesen ist, befindet sich in der „Hauptstadt des Südens“ mit der „Nationalen Metschnikow Universität“, nach einem Zoologen benannt, auch eine der ältesten und größten Universitäten des Landes.

Erbaut wurde Odessa auf Geheiß von Katharina der Zweiten, genannt die Große. Nach dem Russisch-Türkischen Krieg 1787 – 1792 war das fruchtbare Steppenland um Odessa vom Osmanischen an das Russische Reich gefallen. Nun ging es darum, den osmanischen Einfluss langfristig einzudämmen. 1794 beauftragte die Zarin ihren damaligen Liebhaber, Admiral Josif de Ribas, an der strategisch bedeutsamen Stelle am Schwarzen Meer einen Hafen zu bauen. Dort sollte eine Vorzeigemetropole des „neuen Russland“ entstehen, die mediterrane Antwort auf St. Petersburg.

Aus dem Vorhaben wurde Realität. Hafen und Stadt entwickelten sich rasch zu einem wichtigen Umschlagplatz. Odessa boomte, Handel und Kultur blühten. Russische, italienische, griechische und jüdische Kaufleute ließen sich nieder, auch Deutsche, Franzosen und Polen zog es dorthin. Bereits hundert Jahre nach ihrer Gründung war Odessa die viertgrößte Stadt im Zarenreich. Es gab eine Oper, eine Börse, eine Kathedrale. Bald galt die schmucke Küstenstadt, die „Perle am Schwarzen Meer“, als „Riviera“ des Zaren- und später des Sowjetreichs.

Hafen von Odessa © Sabine Münch

Bis in die heutigen Tage wird Odessa in russischen Kulturkreisen als „russische“ oder „russisch-jüdische“ Stadt wahrgenommen. Es gibt kaum eine russische Familie ohne Verwandte in der Ukraine und umgekehrt. Entsprechend eng ist die Identität der Odessiten mit Russland verwoben.[1] Nach offiziellen Angaben sind 30 Prozent der Stadtbevölkerung ethnisch russischstämmig.

Andererseits war Odessa ein Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen; eine multi-ethische, kosmopolitische und weltoffene Hafenmetropole, die Intellektuelle, Künstler und Freidenker anzog. Alexander Puschkin, der Teile seines Versepos „Eugen Onegin“ 1823/24 im Odessiter Exil verfasste, hat das Stimmengewirr in den Straßen beschrieben. Hier atme man Europa, soll er über Odessa gesagt haben. Genau diese Vielfalt war totalitären Machthabern verhasst. Die Bolschewiken vertrieben die Franzosen und Italiener, Stalin die Griechen und die Schwarzmeerdeutschen, die Nationalsozialisten, die Odessa im 2. Weltkrieg besetzt hatten, die Juden. 100.000 Odessiter Juden sind den Pogromen zum Opfer gefallen.

in Odessa © Sabine Münch

Vom Sprachengewirr aus Russisch, Griechisch, Französisch, Deutsch, Italienisch und Jiddisch kam mir nichts zu Ohren. – Und mit Englisch, dem Idiom, mit dem ich mich halbwegs vor Ort hätte durchschlagen können, haben es die Odessiten nicht. – Nach der Unabhängigkeit wurde per Dekret Ukrainisch als einzige offizielle Landessprache festgelegt, obwohl ein Großteil der Bevölkerung, vorwiegend im Osten des Landes, Russisch spricht. So sie sich nicht eines besonderen Dialekts bedienen, der sich unter dem Einfluss der jiddischen und ukrainischen Sprache entwickelt hat, sprechen die Odessiten im Alltag überwiegend Russisch. Die Amtssprache freilich ist Ukrainisch.

Schilder auf den Straßen oder dem Flughafen sind sowohl in ukrainischer wie in russischer Sprache gehalten. Mit leichten Abweichungen gebrauchen beide Sprachen die kyrillische Schrift. Die Orthografie wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dem Russischen angepasst. Mancher Ukrainer hält jedoch an der Rechtschreibung fest wie sie bis in die 1920er Jahre gültig gewesen ist.

Odessa © Sabine Münch

Die pittoreske Hafenstadt ist arm und reich zugleich. Reich an Kultur, mittelos ist ein Großteil der Bevölkerung, vor allem in den Vorstädten und im Umland. Zu Sowjetzeiten war die Reederei mit 318 Schiffen und 25.000 Seeleuten eine der größten weltweit. Nach der Unabhängigkeit wurde die Reederei privatisiert, die Schiffe teilweise zu Schleuderpreisen ins Ausland verkauft. Trotzdem konnte sich Odessa bis zur Krimkrise als bedeutendster Umschlaghafen des Schwarzen Meeres halten. Ein Drittel der Arbeitsplätze war damals mit dem Hafen und dem Meer verknüpft.

Seit der Krimkrise und den Kämpfen in der Ostukraine legen keine russischen Handelsschiffe mehr im Hafen an. Die devisenbringenden Touristen aus dem Westen und die zahlreichen wohlhabenden Russen, die bis 2014 gerne in die liberale Stadt mit südländischem Flair gereist sind, bleiben fort. Und die großen internationalen Kreuzfahrtschiffe, die regelmäßig in Odessa Station gemacht haben? Die laufen stattdessen das bulgarische Warna an. Womit sich vielen Odessiten, die vom Hafen und dem Tourismus gelebt haben, kein Auskommen und keine berufliche Perspektive mehr in der Hafenstadt bieten.

Fassade © Sabine Münch

Die Ukraine zählt heute zu den ärmsten Staaten Europas. Das Durchschnittseinkommen liegt bei unter 300 Euro, der Mindestlohn bei 51 Euro. Mancher Rentner bezieht lediglich 80 Euro – und dies bei Preisen, die für die dortigen Verhältnisse recht hoch sind. Zudem ist der Griwna (1 Euro = 30 Griwna) – dessen Scheine nur mit Mühe in mein Portemonnaie passten, das auf Euroscheine geeicht ist – keine stabile Währung. Die Inflation ist hoch. Im ersten Halbjahr 2017 stiegen die Verbraucherpreise um 13,8 Prozent gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum. Vor allem junge, gut ausgebildete Kräfte zieht es fort ins Ausland. Die Visumspflicht, die im Juni 2017 für Ukrainer entfallen ist, mag das erleichtern.

Da die Krim als einstiges Lieblingsurlaubsziel der Ukrainer weggefallen ist, waren die Strände in Odessa bei unserem Aufenthalt im Juli 2017 gut besucht. Reges Treiben herrschte auch im „Istanbul Park“ an der berühmten Potemkin-Treppe, neben der Oper dem Wahrzeichen der Hafenstadt. Die gepflegte Anlage erinnerte mich an die Gönneranlage im Kurort Baden-Baden. Picobello sauber, akkurat geschnittener Rasen, Blütenpracht – alle zehn Meter ein Hinweisschild, dass Hunde nicht erwünscht sind.

Blick von der Potemkin-Treppe © Sabine Münch

Der Park, der im Mai 2017 offiziell übergeben wurde, ist ein Geschenk der Türkei anlässlich des 20. Jahrestages der Städtepartnerschaft zwischen Istanbul und Odessa. Die Potemkin-Treppe mit ihren 192 Stufen, die unten fast zweimal breiter sind als oben, hat Mark Twain 1869 so beschrieben: „Eine riesige Flucht steinerner Stufen führte hinunter zum Hafen … Es ist eine prächtige Treppe, und von weitem wirken die Menschen, die sich hinaufplagen, wie Insekten.” Hinaufplagen muss sich heute niemand mehr, da eine Zahnradbahn in Betrieb genommen wurde.

Auf mich wirkte die ursprünglich aus Muschelkalk um 1840 erbaute Treppe unscheinbar. Grauer Granit aus den frühen 1930er Jahren, der Zeit ihrer letzten Renovierung. Ein vollkommen anderer Eindruck als in Sergeji Eisensteins Stummfilm „Panzerkreuzer Potemkin“ mit der beeindruckenden Szene, in der ein Kinderwagen – gleichsam in Zeitlupe – die Stufen der Potemkinschen Treppe hinabrollt. Wegen dieser Sequenz wohl gilt sie als die berühmteste Treppe der Welt.

Legendär sind auch die Katakomben von Odessa, ein circa 2.500 Kilometer langes Tunnelsystem, das sich bis in die Außenbezirke erstreckt. Kurz nach Gründung 1792 hatte man begonnen, direkt unter der Stadt Sandstein abzubauen. Mit den Stollen hat sich ein weit verzweigtes Netz gebildet, in dem die Gesetze aus der Oberwelt außer Kraft gesetzt waren. Das Labyrinth, in dem sich heute keiner mehr zurechtfindet, haben ehedem unterschiedlichste Menschen genutzt. Es bot Gaunern, Verbrechern und Seeräubern, aber auch religiösen Minderheiten, politisch Verfolgten und den Partisanen Zuflucht, die sich während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg dort versteckt hielten.

Sandstrand in Odessa © GvP

Außer meiner Geburtsstadt Baden-Baden erinnerte mich Odessa auch an eine Hafenstadt im Atlantik: Las Palmas auf Gran Canaria, wo ich an der dortigen „Deutschen Schule“ die Mittlere Reife ablegt habe. Aufgehübschtes neben Heruntergekommenem. Aufwändig restaurierte Gebäude, die europäische Architekten ab Ende des 18. Jahrhunderts in Odessa geschaffen haben, neben Bürgerhäusern von denen der Putz bröckelt. Manches Wohnhaus wirkte so baufällig, dass ich mir nur schwer vorstellen konnte, dass es bewohnt ist.

Neoklassizismus, Empire und Jugendstil sowie die „russische Moderne“ der 1910er Jahre prägen das Stadtbild. Etliche Bausünden gibt es auch: quadratisch-funktional. Aus der sowjetischen Ära und der ersten Wende-Zeit nach der Unabhängigkeit von Russland. Bau-Flops neueren Datums finden sich ebenfalls. So hat der Stadtrat am unteren Ende der Potemkin-Treppe die Errichtung eines Hotel-Kolosses genehmigt. Von dort strebt ein Wolkenkratzer (siehe Bild oben) in den Himmel, der den Blick von der Treppe auf die Hafenbucht verstellt, aber nie genutzt wurde, leer steht. Auch an anderen exponierten Orten in der Stadt haben ausländische Investoren frei nach dem Motto „Geld zählt mehr als Denkmalschutz“ ihr Glück gesucht – und sich verspekuliert. Etwa unweit vom Stadtgarten, einem beliebten Treffpunkt der geselligen, lebensfrohen Odessiten. Das imposante, aufwändig restaurierte Gebäude steht seit Jahren leer. Zum Ärger der Odessiten.

quadratisch-funktional © Sabine Münch

Die „guten Onkels“ sind in der Ukraine ein geflügeltes Wort für die unsichtbaren Strippenzieher, die mit ihrem Geld das Geschehen bestimmen. Bürgermeister Gennadij Truchanow, seit Mai 2015 in Odessa im Amt, tauchte in den berühmt-berüchtigten Panama-Papers als Eigner mehrerer Briefkasten-Firmen auf. Er ist Hobby-Thaiboxer und besitzt ein florierendes Bauunternehmen. Nachgesagt wird ihm, die Medien, den Stadtrat und die Geschäftsleute fest im Griff zu haben und Beziehungen zur Unterwelt zu pflegen. Für Aufsehen (sogar in den hiesigen Medien) sorgte sein Machtkampf mit dem ehemaligen Gouverneur der Regionalen Staatsverwaltung von Odessa, Michail Saakaschwili, den Präsident Petro Poroschenko im Mai 2015 eingesetzt hat, um die Korruption, mafiöse Strukturen und alte Seilschaften effektiv zu bekämpfen.

der Bauflop am Stadtgarten © GvP

Am Ende konnte sich Bürgermeister Truchanow durchsetzen, der für das alte System stehen und eine pro-russische Linie vertreten soll. Saakaschwili, der nicht von allen Odessiten gut gelitten war und in der Bevölkerung zunehmend an Rückhalt verlor, warf im November 2016 das Handtuch. Als dessen Nachfolger bestimmte Poroschenko, der nach der Maidan-Revolution im Juni 2014 ins Präsidialamt gewählt wurde, im Januar 2017 Maksym Stepanow.

Sicherlich gibt es zahllose Geschichten, die über die Hafenstadt berichtet werden könnten. Mit seinen „Geschichten aus Odessa“ hat der sowjetische Schriftsteller Isaak Babel der Halbwelt ein literarisches Denkmal gesetzt. „Odessa ist eine abscheuliche Stadt. Das weiß jedermann“, schrieb er 1916. Strippenzieher, Markenfälscher und Gauner, Schmuggler und Schmiergeldzahler, Waffenhändler und Mafiosi – der Mythos, die Stadt der Gauner und der Sünde zu sein, haftet Odessa bis heute an.

Marken-Piraterie © Sabine Münch

Diesem Leumund wird der größte Schwarzmarkt Europas gerecht, der vor den Toren Odessas liegt. Am siebten Kilometerstein, weshalb er offiziell den Namen „7. Kilometer“ trägt. Ein Staat in der Oblast Odessa mit eigenen Gesetzen und Regeln. Die Verkaufsfläche, die aus 3.000 ausrangierten, bemalten Schiffscontainern besteht, erstreckt sich über 750.000 Quadratmeter. 60.000 Menschen aus 32 Nationen arbeiten in der Händlerstadt, die vom Nike- und Gucci-Imitat über Autos und Waschmaschinen, CDs und Computer, Babyschnuller, Gebrauchsgegenstände und Nahrungsmittel alles bietet, was das Herz begehrt. Nicht grundlos heißt der Schwarzmarkt unter Einheimischen „Feld der Wunder“.

Als der Krieg im Osten der Ukraine begann, war es auch in Odessa zu Sympathiebekundungen für Russland gekommen. Verschiedentlich zu Zusammenstößen zwischen pro-ukrainischen und pro-russischen Kräften. Am 2. Mai 2014 eskalierte eine Straßenschlacht. Abends wurde das Gewerkschaftshaus, in das sich die pro-russischen Aktivisten zurückgezogen hatten, durch Molotow-Cocktails in Brand gesetzt. Der Hergang, der ungeklärt geblieben ist, forderte 48 Tote, darunter mehrheitlich pro-russische Aktivisten, und über 200 Verletzte.

Odessa 2014 © Sabine Münch

Von diesen Spannungen war bei unserem Aufenthalt nichts spürbar. Auch der Krieg im Osten – knapp 650 Kilometer von Odessa entfernt – war nicht greifbar. Lediglich für einen kurzen Moment wurde mir vor Augen geführt, dass die Ukraine seit dreieinhalb Jahren in einem Bürgerkrieg steht. Dann nämlich als ein martialischer Kampfhubschrauber mit ohrenbetäubendem Lärm aufstieg. Irritiert wandte ich mich an unsere Dolmetscherin Valentina. Sie lächelte: „Wir sind glücklich, dass sie auf uns aufpassen.“ – Gemeint war die Beobachtermission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE), die den brüchigen Waffenstillstand überwacht, der mit dem Friedensabkommen von Minsk 2015 ausgehandelt wurde. Bisher hat der Krieg im Osten mehr als 10.000 Opfer gekostet.

Zur Stadt der Literatur Odessa und der Hunde demnächst mehr.

 

Anmerkungen:

[1] Im Westen wird die Ukraine gemeinhin als eine tief gespaltene Gesellschaft wahrgenommen, als Zankapfel und Schlachtfeld zwischen Russland und dem Westen dargestellt. Hintergrundinformationen über die konfliktentscheidenden Ost-West-Gegensätze in der Ukraine liefert ein kenntnisreicher Essay von Andrij Portnov: Postsowjetische Hybridität und „Eurorevolution“ in der Ukraine, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 2014/47-48.

 

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