„.Ich habe oft den Eindruck, dass dem deutschen Buchhandel nichts ferner liegt, als Bücher zu verkaufen.“ – SteglitzMind stellt Joachim Körber von der Edition Phantasia vor

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Heute erfahren wir mehr über Joachim Körber und die Edition Phantasia, dem dienstältesten Kleinverlag im Lande. Vorgeschlagen hatte das Steffen Janssen vom Luzifer Verlag.

Eine Skizze vom Verlag …

Joachim Körber © Hannelore Körber

Joachim Körber © Hannelore Körber

Die Edition Phantasia wurde 1984 auf Betreiben des Phantastik-Enthusiasten Joachim Körber gegründet, der sich, um das finanzielle Risiko etwas abzufedern, zwei Freunde – Thomas Bürk und Uli Kohnle – als Mitstreiter mit ins Boot holte. Bürk schied 1993 aus dem Verlag aus, Kohnle 2009, seither betreibt Körber den Verlag als alleiniger Inhaber. Die Edition Phantasia wurde ursprünglich mit dem Ziel gegründet, phantastische Literatur, die in den 1980er Jahren noch weitgehend ein Schattendasein im Taschenbuch fristete, in gediegenen, gebundenen, limitierten, oft illustrierten und handsignierten Ausgaben auf den Markt zu bringen. Vorbild waren dabei amerikanische Kleinverlage wie Underwood-Miller.

Die Programmschwerpunkte?

2004 wurde das Verlagsprogramm um eine Paperback-Sektion erweitert, 2008 um ein neues Hardcover-Imprint namens „kuk“, in dem auch Bücher außerhalb der Phantastik erscheinen. Aktuell sind rund 110 Titel lieferbar – rein analog, E-Books erscheinen in der Edition Phantasia selbst nicht, allerdings werden von ausgewählten Titeln E-Book-Lizenzen vergeben.

Die Highlights im letzten Jahr?

Die Highlights des vergangenen Jahres waren die Veröffentlichung des Romans „Amerika-Plakate“ des jungen Autors Richard Lorenz (sein Erstling), eine wunderbar melancholische Geschichte, und die Entdeckung von Harry Stephen Keeler für das deutsche Publikum, ein lange vergessener, höchst ungewöhnlicher Autor.

Warum musste es unbedingt ein Verlag sein?

Die einfachste Antwort darauf ist: Weil ich Bücher liebe. Ich war seit frühester Kindheit, seit ich lesen gelernt habe, eine Leseratte. Ich denke, man kennt den Lebenslauf: Nie ein nennenswert guter Sportler, immer ein wenig ein Außenseiter, in jeder freien Minute die Nase in einem Buch. Ich habe früh eine Liebe zur phantastischen Literatur entwickelt, Science Fiction, Fantasy, Horror und irgendwann, als ich dann alt genug war, feststellen müssen, dass sie meist in eher lieblos gemachten Taschenbuchausgaben erschien. Das war die Zeit, als auch in den USA die ersten Kleinverlage mit limitierten, edel ausgestatteten Vorzugsausgaben an den Start gingen, und das schien mir ein gangbarer Weg zu sein, und so habe ich die Edition Phantasia gegründet, die heute, einunddreißig Jahre später, der dienstälteste Kleinverlag des Landes ist.

Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?

Aus den oben bereits genannten Gründen: In erster Linie ist es die Liebe zur Literatur, die mich weitermachen lässt. Es gibt nach wie vor wunderbare Bücher, die kein großer Verlag anpackt, weil man ihnen kein kommerzielles Potenzial beimisst. Das finde ich schade, denn so entgehen dem deutschen Publikum doch immer wieder Juwelen, die eine gewisse Aufmerksamkeit verdient hätten. Ich denke, die Edition Phantasia hat sich im Lauf der Jahre ein zwar kleines, aber sehr feines und treues Publikum von Phantastik- und Literatur-Enthusiasten generell erobert, und der Zuspruch, den ich von diesem Publikum bekomme, ist mir bei jedem neuen Buch ein erneuter Ansporn. Und solange ich genügend Leser finde, die meine Begeisterung für bestimmte Autoren oder Werke teilen, solange mache ich Bücher.

Was hat sich infolge der Digitalisierung in Ihrer Arbeits-/Vorgehensweise verändert?

Das kommt ganz darauf an, was man unter „Digitalisierung“ versteht. Falls E-Books gemeint sind, muss ich sagen, dass sie für mich gar nichts verändert haben. Ich halte sie auf vielen Gründen, die zu erläutern hier zu weit führen würde, für einen Irrweg und mache selbst keine, weil ich auch glaube, dass sie nicht ins Profil des Verlages passen würden, allerdings vergebe ich zugegebenermaßen hin und wieder E-Book-Lizenzen an andere Kleinverlage, die sich teils auch ausschließlich auf E-Books spezialisiert haben.

edition phantasia_amerikaplakateWas Digitalisierung in buchherstellerischen Bereichen angeht, wie zum Beispiel Fotosatz, Layout, Covergestaltung usw. … da hat die Digitalisierung in der Tat die Welt verändert. Heute hat man als kleiner Verlag die Möglichkeit, bis zur Druckstufe praktisch alles hausintern zu machen, und das tue ich … ich mache den Satz meiner Titel selbst, gestalte die Umschläge weitgehend allein, usw. Früher musste man damit außer Haus gehen, in Setzereien, zu Grafikern und was nicht allem. Das hat ein Heidengeld gekostet und war umständlich: Man hat die Übersetzung des Buches mit der Maschine getippt, auf Papier zum Lektorat geschickt, das handschriftlich Korrekturen vorgenommen hat, das korrigierte Manuskript wurde zum Setzer geschickt, der es noch mal abgetippt und dabei nicht selten interessante neue Fehler reingemacht hat, dann wurde das alles auf Papier mehrfach zur Korrektur herumgeschickt, usw. Ich weiß nicht, wie oft ich früher mit dem Auto zu Setzereien, Druckereien, Buchbindereien gefahren bin – heute passiert alles am Bildschirm und ich muss das Haus gar nicht mehr verlassen. In dieser Hinsicht hat die Digitalisierung natürlich auch vielen gerade kleinen Verlagen ungeahnte neue Möglichkeiten eröffnet, weil sehr viele damals teuere Herstellungsposten heute wegfallen.

Was machen Sie anders als die anderen? – Wie positionieren Sie sich gegenüber der Konkurrenz?

Ich glaube, einer der Hauptgründe dafür, dass die Edition Phantasia so lange durchgehalten hat, ist die, dass ich das Verlagsprogramm nicht in erster Linie nach kommerziellen Gesichtspunkten ausrichte. Natürlich muss ich, wie jedes Unternehmen, am Ende Gewinn erwirtschaften, da ich ja davon leben will, aber ich glaube, rein nach Verkäuflichkeit zu schielen, ist ein Irrtum. Ein großer Kollege (ich meine, es war Neven-Dumont) hat einmal gesagt, wenn man mit Büchern Geld verdienen will, darf man gar nicht versuchen, Geld damit zu verdienen. Und so mache ich eben auch ausschließlich Bücher, die mir gefallen und die ich selbst gern lese. Und mit der Zeit gewinnt man damit ein verlässliches Stammpublikum, das dann auch einmal bereit ist, neue Wege zusammen mit einem zu beschreiten. Ich bekomme heute hin und wieder Zuschriften von Lesern, die sinngemäß sagen: „Ich kannte den Autor/die Autorin gar nicht, aber der Edition Phantasia kann man blind vertrauen.“ Das freut mich immer besonders und zeigt mir, dass der Weg, den ich da eingeschlagen habe, wenn schon nicht der Königsweg, so doch zumindest nicht der falscheste gewesen ist.

Und natürlich versuche ich, mich auch gestalterisch von anderen Verlagen abzusetzen, die Phantastik produzieren, etwa indem ich mit anerkannten Comic-Zeichnern und Künstlern zusammenarbeite, wie Reinhard Kleist, Lillian Mousli, Thomas Franke usw., die den Büchern ein unverwechselbares Äußeres und damit einen Wiedererkennungswert geben … Ein schönes Beispiel dafür sind die Bücher von Ray Bradbury in meinem Programm, deren Cover Lillian Mousli gestaltet hat. Wenn ich neue Titel konzipiere, setze ich manchmal hin und denke: Wie würde garantiert kein anderer Verlag so ein Buch aufmachen? Und so mache ich es dann.

So Sie Ihren Verlag neu aufstellen könnten, was würden Sie heute anders angehen als in der Startphase?

Oh je, vermutlich eine ganze Menge. Wir haben ja am Anfang, das gebe ich gern zu, unbeleckt wie wir waren so gut wie jeden Anfängerfehler gemacht, den man machen kann und uns von zu vielen Leuten über den Tisch ziehen lassen. Wenn ich noch mal anfangen könnte, würde ich die ersten Bücher der Edition Phantasia ganz anders gestalten, besonders die Paul-Scheerbart-Gesamtausgabe. Vor allem aber würde ich kein Heidengeld für Versuche verschwenden, mit dem Verlagsprogramm in den Buchhandel zu kommen, denn das schafft man nicht.

Wie gewinnen Sie Autoren?

Indem ich den Überblick über literarische Entwicklungen und Neuerscheinungen behalte und eben viel lese. Ich bin immer auf der Suche nach ungewöhnlichen Autoren, die nach meinem Dafürhalten gute Bücher schreiben, aber in kommerziell ausgerichteten Verlagen wenig Chancen haben. Wenn mir ein Buch auffällt, das mir zusagt, versuche ich, mit dem Autor oder seinem literarischen Agenten in Kontakt zu treten. Ein Beispiel aus dem Verlagsprogramm ist etwa Nick Mamatas, der literarisch sehr versiert ist und originelle neue Ansätze in die Genre-Literatur einbringt, wenn er zum Beispiel mit seinem Roman „Move Under Ground“ Horror- und Beat-Literatur kreuzt und Leute wie Jack Kerouac und William S. Burroughs gegen ein Monster aus den Werken von H. P. Lovecraft antreten lässt. Das ist einzigartig und originell, und solche Bücher möchte ich gern verlegen.

Wie organisieren Sie Ihren Vertrieb?

Ich mache, wie schon erwähnt, so viel ich kann selbst, auch den Vertrieb. Was das Paperback-Programm und die „kuk“-Reihe angeht, sind meine wichtigsten Vertriebspartner die Barsortimente, über die ich gut 95% der Titel absetze. Bei den limitierten Vorzugsausgaben versuche ich dagegen, den Buchhandel so weit es geht auszuklammern und setze auf Direktvertrieb. Ich habe, sagte ich ja schon, im Lauf der Jahre zum Glück einen kleinen, aber feinen Kreis von Literaturinteressierten um mich und den Verlag geschart, die inzwischen auch bereit sind, mir auch einmal in abseitige literarische Regionen zu folgen. [Lacht.]

Was tun Sie, um im Buchhandel Fuß zu fassen? – Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Sortiment?

Ich habe ja schon erwähnt, dass ich nicht mehr, wie in der Anfangsphase des Verlags, viel Geld für Versuche auszugeben würde, im Buchhandel Fuß zu fassen. Ein namhafter und bekannter Cheflektor eines großen Verlages (ich nenne seinen Namen bewusst nicht) hat einmal zu mir gesagt: „Der Buchhändler ist der natürliche Feind des Verlegers.“ Recht hat er. Wir haben anfangs eine Menge Geld ausgegeben und Adressen von Buchhändlern beim Börsenverein gekauft, haben Werbeaktionen und Mailings gemacht, und die Resonanz war gleich null. Ich habe oft den Eindruck, dass dem deutschen Buchhandel nichts ferner liegt, als Bücher zu verkaufen.

Vor Jahren habe ich mich einmal sehr in die Nesseln gesetzt, als ich in einem Interview mit einer Regionalzeitschrift aus Neustadt an der Weinstraße auf eine ähnliche Frage wie diese geantwortet habe, dass mir der Buchhandel den Buckel runterrutschen kann und in meinem Erwägungen und Planungen keine Rolle mehr spielt. Daraufhin hat mich eine empörte Buchhändlerin aus Neustadt angerufen und mir sehr giftig erklärt, dass ich offenbar auch zu den Verlegern gehöre, die versuchen, sie um ihre Existenz zu bringen, indem sie versuchen, den Buchhandel als Zwischenhändler auszuschalten. Ich habe ihr daraufhin erklärt, dass sich mir nicht erschließt, wie ich sie um ihre Existenz bringe, wo sie doch in 25 Jahren nicht ein einziges Buch bei mir gekauft hat; wenn, würde ja wohl sie versuchen, mich um meine Existenz zu bringen, indem sie mein Programm ignoriert. Hat sie natürlich nicht so gesehen. Ähnlich erging es den Kollegen von Rogner & Bernhard, als die vor Jahren dem Buchhandel den Rücken gekehrt und ihre Bücher nur noch über Zweitausendeins vertrieben haben: Auch hier erklärte ein Verleger, sie hätten Hassbriefe von Buchhändlern bekommen, die nie auch nur ein Buch bei ihnen bestellt hatten.

edition phantasia_mamatasDa ist auch sehr viel Scheinheiligkeit und Verlogenheit im Spiel. Ein anderes Beispiel: Zusammen mit Uli Kohnle habe ich, auch vor Jahren, ein Seminar des Börsenvereins in Wiesbaden besucht. Thema: „Wir bringe ich als Verlag meine Bücher in den Buchhandel?“ Die Referentin war selbst Inhaberin einer großen Buchhandlung und hat sich bitterlich über die Informationspolitik der Verlage beschwert: „Wie sollen wir als Buchhändler denn Bücher verkaufen, wenn uns die Verlage nicht darüber informieren, dass es sie gibt?“ In unserer Blauäugigkeit haben wir sie in den E-Mail-Verteiler aufgenommen und ihr Infos über die aktuellen Neuerscheinungen geschickt … und erhielten als Antwort postwendend eine wütende Mail, dass wir gefälligst aufhören sollten, sie ungefragt mit Informationen über Bücher zu belästigen. So viel zur Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Mich rufen auch mit schöner Regelmäßigkeit Leute an und sagen etwas wie: „Wie bekommt man den Ihre Bücher? Ich war gerade bei meinem Buchhändler, und der hat gesagt, er kann das nicht besorgen.“ Das ist glatt gelogen, denn natürlich könnte der Buchhändler meine Bücher besorgen – sie haben eine ISBN, sie stehen im VLB. Der Buchhändler könnte sie bestellen, er will es nur einfach nicht. Aber das soll mir recht sein, wie gesagt, ich verkaufe eh lieber direkt.

Und darum kann ich, nach diesen langen Abschweifungen, zur nochmals wiederholen, dass meine Erfahrungen mit dem Sortiment miserabel sind und ich heute rein gar nicht mehr auf den Buchhandel setze, sondern wenn, auf den Zwischenbuchhandel oder den Direktvertrieb. Die Frage, die man sich als Verleger meines Erachtens stellen muss, ist nicht „Würde dieses Buch dem Buchhändler gefallen?“ sondern „Würde dieses Buch dem Leser gefallen?“ Und der interessierte Leser findet Möglichkeiten, dieses Buch dann auch zu bekommen … wenn er das nicht über den Buchhandel tut, ist das nicht mein Problem.

Allerdings möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass es auch sehr positive Gegenbeispiele gibt – wenige zwar, aber es gibt sie. Spezialbuchhandlungen wie Otherland in Berlin oder den Bonner Comicladen: Dort sitzen Enthusiasten wie ich, die regelmäßig bei mir bestellen und meine Bücher (die dem normalen Buchhändler gern als „unverkäuflich“ gelten) in ordentlichen Stückzahlen absetzen, weil sie ihren Kunden auch mal was empfehlen und sagen, „Das kennst du vielleicht nicht, solltest du aber lesen, gefällt dir bestimmt.“ Ich bin sehr dankbar darum, dass es diese Enthusiasten noch gibt, aber sie sind, wie gesagt, leider die Ausnahme.

Wie halten Sie es mit Amazon?

Über Amazon wird ja gern, oft und viel geschimpft, und für mich ist da auch ein gewisses Maß an Verlogenheit im Spiel, denn am Ende ist dann doch jeder froh, dass es Amazon gibt. Bei mir speziell gilt, wie beim Vertrieb generell: Bei meinen limitierten Ausgaben spielt Amazon so wenig eine Rolle wie der Buchhandel generell. Was die Paperbacks angeht … ich sagte ja, ich verkaufe davon 95% über die Barsortimente, und auch wenn mir genaue Zahlen fehlen, gehe ich davon aus, dass die Barsortimente davon wiederum 90% an Amazon absetzen dürften. Wenn sich Verlage öffentlich von Amazon distanzieren, ist für mich immer ein hohes Maß an Scheinheiligkeit im Spiel, denn wenn sie ihre Bücher nicht direkt an Amazon verkaufen, dann eben über den Umweg der Barsortimente. Auch wenn mir Vieles an Amazon missfällt, das Monopolstreben, die schlechte Behandlung und Bezahlung von Mitarbeitern usw., muss ich doch sagen, dass an Amazon momentan kein Weg vorbei führt, wenn man Bücher für ein etwas breiteres Publikum macht. Die ersten, die in der öffentlichen Debatte gegen Amazon offen und ehrlich zugegeben haben, dass sie auf Amazon als Vertriebspartner nicht verzichten können, weil sie den Laden sonst zumachen müssten, waren die Kollegen vom Conte Verlag, denen für diese Ehrlichkeit meine Hochachtung galt und gilt.

Was tun Sie für Ihr Marketing?

edition phantasia_bradburyIn erster Linie natürlich meine Website unterhalten und dort Informationen über meine Autoren und Bücher präsentieren, nebst Leseproben. Anzeigen schalte ich gar keine mehr, weil die Kosten zu hoch und die Resonanz zu gering ist. Auch hier noch ein schönes Negativbeispiel aus dem Buchhandel: Als wir 2004 unser erstes Paperback-Programm gestartet haben, haben wir im „Börsenblatt“ eine Anzeige für „Vom Staub kehrst du zurück“ von Ray Bradbury geschaltet – mit Bestell-Fax. Ich weiß gar nicht genau, wie hoch die Auflage des „Börsenblatts“ ist, Tatsache ist aber, dass ein Buchhändler tatsächlich eine Antwort gefaxt hat. Er bestellte – Achtung! – ein einziges Exemplar des Buches, das 12,90 Euro kostet, und wollte 45% Rabatt, portofreie Lieferung, volles Remissionsrecht und sechs Monate (!!!) Zahlungsziel. Ich habe das Fax zusammengeknüllt und in den Papierkorb geworfen.

Wichtig für das Marketing sind für mich in jedem Fall auch Rezensionen. Besprechungen in großen Printmedien oder in Literatursendungen wie der von Denis Scheck schlagen sich bei mir immer sofort in einem spürbaren Anstieg der Verkaufszahlen nieder. Und ich denke, dass gerade bei den kleinen, limitierten Auflagen Mundpropaganda ein nicht unerheblicher Faktor ist.

Wie halten Sie es mit dem Börsenverein für den deutschen Buchhandel?

Den Börsenverein bin ich erst 2004 beigetreten, als wir mit dem Paperback-Programm angefangen haben; vorher schien mir das einfach nicht wichtig. Natürlich ist die Mitgliedschaft für einen kleinen Verlag wie meinen auch ein Kostenfaktor, aber wenn schon nichts anderes, bekomme ich doch immerhin das „Börsenblatt“, in dem ich dann doch hin und wieder interessante Bücher finde (natürlich in erster Linie aus Kleinverlagen), von denen ich sonst vielleicht nichts erfahren hätte.

Für wen machen Sie Bücher: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe, wo sehen Sie Ihre spezielle Marktnische?

Bücher mache ich für Leute, die Spaß an phantastischer Literatur und an Literatur generell haben, damit sind meine Zielgruppe und meine Marktnische auch schon treffend zusammengefasst. Ich hoffe, es hört sich nicht irgendwie arrogant an, aber wenn ich Bücher mache, dann mache ich sie in erster Linie einmal für mich. In den vergangenen Monaten habe ich mich auch intensiv mit Klassikern des Phantastischen beschäftigt und festgestellt, dass es unglaublich viele tolle Bücher nie in deutscher Übersetzung gab, Dann denke ich mir: Das würde ich gern auf Deutsch lesen, und dann mache ich es. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass ich in 30 Jahren immer wieder genügend aufgeschlossene Leser und Literaturenthusiasten gefunden habe, die das genau so sehen.

Wo sehen Sie für Ihren Verlag die größten Chancen?

Ich denke, der größte Vorteil der Edition Phantasia ist, dass ich mich eben in einer kleinen und vergleichsweise krisenfesten Nische eingeigelt habe.

Ich habe in den letzten Jahren zwei Seminare besucht, in denen es um die Zukunft des Buchhandels und der Verlage ging, eines beim Grossisten KNV in Stuttgart, wo Schwarz noch die freundlichste Farbe war, in der gemalt wurde: Das Fazit der Veranstaltung lautete: „Wir sind alle schon tot, wir wissen es nur noch nicht.“ Alles sei rückläufig. Von derzeit rund 11.000 Druckereien dürften wohl auf absehbare Zeit 8.000 schließen müssen, der stationäre Buchhandel würde reihenweise verschwinden, nur die beiden größten Barsortimente würden auf lange Frist überleben, usw. Das zweite Seminar war bei meinem Hersteller CPI, wo es in erster Linie darum ging, wie man durch neue Druckverfahren immer kleinere Auflagen immer rentabler machen kann.

Beide gingen davon aus, dass die Absatzzahlen von Büchern sinken und weiter sinken werden, ein Problem, mit dem auch und vermutlich gerade große Verlage kämpfen. Ich glaube, das Buch ist auf dem Weg, wieder zu einem Luxusgut für wenige, „gebildete Stände“ zu werden, wie man das früher genannt hat, und insofern dürfte ich mit meinen kleinen, liebevoll gemachten Auflagen ganz richtig liegen.

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Besondere Risiken sehe ich im Moment eigentlich keine, eher die allgemeinen Risiken, mit denen die ganze Branche kämpft. Aber ich bin da ein durchaus ewig unerschütterlicher Optimist und hoffe, dass es mir in den Jahren, die mir noch bleiben, gelingen wird, meine kleine, feine Zielgruppe zu erhalten und Bücher zu verlegen, die es wert sind und die – hoffentlich! – ein gewisses Publikum finden. Mein Kollege Hannes Riffel hat einmal gesagt, dass am Ende das Publikum das Verlagsprogramm macht, eine Einschätzung, bei der ich ihm in aller Hochachtung widersprechen muss. Bei mir macht von Anfang an der Verleger das Programm. Wer sein Programm zu sehr nach dem Publikumsgeschmack ausrichtet, der läuft Gefahr, dass sein Verlag (da der Publikumsgeschmack ja stets enormen Schwankungen unterworfen ist) irgendwann einmal durch die ständigen Versuche, dem Massengeschmack hinterherzuhecheln, völlig das Profil verliert. Das ist ein Risiko, das man vermeiden kann.

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

An der Independet-Szene schätze ich – in der Welt der Literatur wie der Musik! – in erster Linie den Mut zum Risiko, die Bereitschaft, neue Wege zu beschreiten, Ungewöhnliches zu präsentieren, eingefahrene Gleise zu verlassen. Ich glaube, ein enormes Problem der großen Verlage heute ist die graue Beliebigkeit ihrer Verlagsprogramme, weil jeder sich bemüht, kommerziellen Erfolg zu haben, und damit produziert man am Ende auch nur Kommerz. Und sobald einer ein kleines Erfölgchen vorweisen kann, kupfern alle anderen es ab, bis der Markt so sehr mit Einheitskost überschwemmt ist, dass keiner sie mehr sehen kann. In dieser Situation sorgen kleine Verlage immer wieder für interessante Farbtupfer. Allerdings möchte ich fairerweise dann doch betonen, dass es auch große Verlage gibt, die sich um Originalität bemühen, und das auch mit nicht unerheblichem Erfolg. Ich für mich persönlich kann nur sagen, es freut mich, dass Autoren wie Sam Millar, Matthew Stokoe, Patrick Rothfuss, Jan Kjaerstad oder Klassiker wie Clark Ashton Smith und … und … und … dann doch immer wieder irgendwo eine Heimat (und ein Publikum) finden. Den hundersten schalen Aufguss von „Shades of Grey“ brauche ich aber wirklich nicht.

Was würden Sie jenen raten, die mit dem Gedanken spielen, einen Verlag an den Start zu bringen?

Oh Gott! Es gibt die berühmte Scherzfrage: „Wie macht man ein kleines Vermögen?“ Antwort: „Man nimmt ein großes und gründet einen Verlag.“ Mich rufen hin und wieder Leute an und sagen, sie würden selbst gern Verleger werden, wie ich das gemacht hätte und ob ich irgendwelche Tipps hätte. Dazu kann ich nur sagen: Man braucht eine Menge Luft und Durchhaltevermögen. Die Edition Phantasia war in den ersten acht Jahren ihrer Existenz ein reines Verlustgeschäft, das ich mir leisten konnte, weil ich als Übersetzer genügend verdient habe, um durchzuhalten. Leben von dem Verlag allein kann ich bis heute nicht, aber heute erwirtschaftet er immerhin soviel Gewinn, dass ich mit einigen wenigen Übersetzungen für andere Verlage ganz gut über die Runden komme.

Wer einen Verlag gründen möchte, sollte sich viel Gedanken darüber machen, wen er als Publikum ansprechen möchte, wie er seine Bücher vom Lager zum Kunden bringt – gute Bücher machen, ist nicht schwer, sie auch bekannt zu machen und zu verkaufen ist das Problem. Man muss sich mit seinem Programm klar profilieren; einfach das machen, was alle anderen machen, reicht nicht.

Welche kleinen, unabhängigen Verlage empfehlen Sie? Und wer sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

Die Frage bringt mich ein wenig in Verlegenheit, weil ich natürlich eine Menge Kollegen kenne und jetzt keinen irgendwie verärgern möchte, indem ich ihn nicht nenne. Ich schätze viele Kollegen und ihre Verlagsprogramme. Zu Wort kommen lassen würde ich auf jeden Fall Hannes Riffel von Golkonda, schon aus Gründen der Meinungsvielfalt, denn er dürfte in vielen Punkten vermutlich das Gegenteil von dem sagen, was ich sage.

Für Golkonda sprach hier bereits Karlheinz Schlögl

Frank Festa vielleicht, obwohl er im Vergleich zu einem Verlag wie meinem wohl schon ein „Konzern“ ist, was die Größe anbelangt. Den Septime Verlag, der sich um das Werk der von mir sehr geschätzten Alice Sheldon alias James Tiptree Jr. verdient gemacht hat. Den Luzifer Verlag, den Steffen Janssen bereits vorgestellt hat, Fabylon, Shayol, Feder & Schwert, Voodoo Press … und … und … Ich entschuldige mich hier gleich bei allen, die ich nicht genannt habe … eine Liste, der Kollegen und Kleinverlage, die ich mag und schätze, wäre SEHR lang, ZU lang für diesen Rahmen.

Als kleinen Nachgedanken zu meinen Empfehlungen: Michael Giersche und sein Begedia Verlag und besonders Sabine Dörlemann von Dörlemann, die ja nun kein auf Phantastik spezialisiertes Sparten-, sondern ein allgemeinliterarisches Belletristik- und Sachbuchprogramm hat. Mich würde interessieren, welche Erfahrungen jemand mit dem Buchhandel hat, der kein “kleiner Nischenverlag” ist.

Herzlichen Dank für diesen Einblick – und dasTacheles …

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Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Vorhaben unterstützt, kleinere Verlage zu entdecken. Etwa indem Ihr Vorschläge macht, wer hier möglichst Rede und Antwort stehen sollte. Und bitte vergesst nicht auf die entsprechenden Verlage zu verlinken. – Danke sehr! Mehr zur Intention der losen Gesprächsreihe mit Verlegerinnen und Verlegern erfahrt Ihr hier. Zu einer Übersicht über die Empfehlungen, die bislang zusammengekommen sind, geht es hier

Die Edition Phantasia im Netz:

Infos über alle Autoren und lieferbaren Titel findet man unter http://www.edition-phantasia.de/

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16 Kommentare zu “„.Ich habe oft den Eindruck, dass dem deutschen Buchhandel nichts ferner liegt, als Bücher zu verkaufen.“ – SteglitzMind stellt Joachim Körber von der Edition Phantasia vor

  1. Pingback: Kleinverlage und der Buchhandel - Keinen Bock, Bücher zu verkaufen? - PhantaNews

  2. Pingback: Der Sonntagsleser KW 4/2015 – Über Halbwertszeiten und den Buchhandel | Lesen macht glücklich

  3. Als kleinen Nachgeddanken zu meinen Empfehlungen: Michael Giersche und sein Begedia Verlag und besonders Sabine Dörlemann vom Dörlemann Verlag, die ja nun kein auf Phantastik spezialisiertes Sparten-, sondern ein allgemeinliterarisches Belletristik- und Sachbuchprogramm hat. Mich würde interessieren, welche Erfahrungen jemand mit dem Buchhandel hat, der kein „kleiner Nischenverlag“ ist.
    – Joachim Körber, Edition Phantasia

  4. Schönes, ehrliches, erfrischendes Interview. Als „so eine Art Verleger“ könnte ich ähnliche grausige Erfahrungen mit dem Buchhandel berichten (und auch ein paar Ausnahmen aufführen). Buchhandel ist ein Geschäft? Oh ja! Aber dann sollte man bitte, bitte aufhören, sich in diesen Kreisen als Hüter der Literatur zu gerieren. Ihr seid auch nicht anders als jede Metzgerei, jede Bäckerei. Und wenn mir noch mal ein Buchhändler erzählen will, er kümmere sich „ja auch um den regionalen Nachwuchs“, erzähl ich ihm mal was anderes…

    • Die großen Verlage bringen immer noch große Literatur heraus, wenn man sie nicht liest, kann man nicht den großen Verlagen die Schuld geben.

  5. Zitat: „Wie würde garantiert kein anderer Verlag so ein Buch aufmachen? Und so mache ich es dann.“
    ich werde mir diesen Satz ausdrucken und über meinen Rechner aufhängen.
    Als Einzel-Kämpfer, wie auch ich einer bin, MUSS man es einfach anders machen als die Großkopferten, denn die können das gleiche im Zweifel immer noch besser.
    Danke, nochmal auf diese wirksame Marketing-Taktik hingewiesen worden zu sein.

  6. Pingback: translate or die | Phantastische Netzstreifzüge 34

  7. Mal ganz ehrlich, der Buchhandel ist ein Geschäft. Der Buchhandel will Bücher verkaufen, die sich auch in angemessener Zahl verkaufen. Immerhin muss er davon seine Kosten bestreiten (Laden, Angestellte, Einkauf, etc.). Warum soll sich der Buchhandel (der große wie der kleine) Bücher in den Laden holen (und sei es in Deko – sprich die Regale), die vielleicht ein, zweimal pro Jahr verkauft werden? Erst recht bei der wachsenden Zahl von Kleinverlagen. Mit Startauflagen, die oft die 500er Grenze nicht überschreiten, die aus (zwar nachvollziehbaren Gründen aber doch) teurer sind als die Bücher der Publikumsverlage. Da halte ich als Kunde oft schmale Bände in der Hand, die auch mit Liebe gemacht sind, aber eben deutlich teurer sind. Was wird der Kunde tun (/so er nicht dem Lager der Fans und Special Interest angehört)? Er greift nach dem neuestem von King, Brown, Follett, Gable oder was sich immer gerade darbietet. Nicht umsonst liegen diese Titel auf den Tischen. Buchhandel ist eben doch nur am Rande Kultur, sondern Geschäft und für den Buchhandel lohnt sich der kleine Verlag nicht. Höchstens eben dann, wenn der Kunde explizit danach fragt. Ich denke, es liegt eher an den Kleinverlagen innovativ (wie auch immer das aussehen mag) zu denken und Wege zu ersinnen wie man mit dem Handel (Einzel wie Groß) zusammenarbeiten kann … Nur meine 2 ct. Gänzlich unromantisch.

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